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Das liest die LIBREAS, Nummer #5 (Sommer/Herbst 2019)


Zitiervorschlag
Redaktion LIBREAS, "Das liest die LIBREAS, Nummer #5 (Sommer/Herbst 2019)". LIBREAS. Library Ideas, 36 ().


Beiträge von Karsten Schuldt (ks), Viola Voß (vv), Ben Kaden (bk), Michaela Voigt (mv), Alexander Struck (as), Eva Bunge (eb)

1. Zur Kolumne

Das Ziel dieser Kolumne ist, eine Übersicht über die in der letzten Zeit erschienene bibliothekarische, informations- und bibliothekswissenschaftliche sowie für diesen Bereich interessante Literatur zu geben. Enthalten sind Beiträge, die der LIBREAS-Redaktion oder anderen Beitragenden als relevant erschienen.

Themenvielfalt sowie ein Nebeneinander von wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Ansätzen wird angestrebt. Auch in der Form sollen traditionelle Publikationen ebenso erwähnt werden wie Blogbeiträge oder Videos beziehungsweise TV-Beiträge.

Gern gesehen sind Hinweise auf erschienene Literatur oder Beiträge in anderen Formaten. Die Redaktion freut sich über entsprechende Hinweise (siehe http://libreas.eu/about/, Mailkontakt für diese Kolumne ist ). Die Koordination der Kolumne liegt bei Karsten Schuldt. Verantwortlich für die Inhalte sind die jeweiligen Beitragenden. Die Kolumne unterstützt den Vereinszweck des LIBREAS-Vereins zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation.

LIBREAS liest gern und viel Open-Access-Veröffentlichungen. Wenn sich Beiträge doch einmal hinter eine Bezahlschranke verbergen, werden diese durch [Paywall] gekennzeichnet. Zwar macht das Plugin Unpaywall (http://unpaywall.org/) das Finden von legalen Open-Access-Versionen sehr viel einfacher. Als Service an der Leserschaft verlinken wir OA-Versionen, die wir vorab finden konnten, jedoch nach Möglichkeit auch direkt. Für alle Beiträge, die nicht frei zugänglich sind, empfiehlt die Redaktion Werkzeuge wie den Open Access Button (https://openaccessbutton.org/) zu nutzen oder auf Twitter mit #icanhazpdf (https://twitter.com/hashtag/icanhazpdf?src=hash) um Hilfe bei der legalen Dokumentenbeschaffung zu bitten.

2. Artikel und Zeitschriftenausgaben

Dass sich Open Access durch APCs, Offsetting und anderen Verträge in eine falsche Richtung entwickeln würde, wurde jetzt schon oft postuliert. Aber wie hätte sich Open Access sonst entwickeln sollen? Samuel A. Morre gibt zu dieser Frage einen informativen Einblick in die frühen Entwicklungen, Hoffnungen und Projekte von Open Access zu Beginn der 1990er Jahre. Was er vorfindet, sind engagierte Diskussionen darüber, wie sich das wissenschaftliche Publikationswesen auch ohne Verlage gestalten lassen würde und viele – aber nicht ungebrochene – Hoffnungen auf die kommenden Entwicklungen des Internets. Aus dieser Sicht lässt sich zumindest sagen, dass die Entwicklung ganz anders verlief, als zu Beginn diskutiert. (Samuel A. Moore (2019). Revisiting the 1990s debutante: Scholar-led publishing and the prehistory of the open access movement. In: JASIST – Journal of the Association for Information Science and Technology 2019 (latest articles), https://doi.org/10.1002/asi.24306 [Paywall], OA-Postprint: https://doi.org/10.17613/41h8-j423) (ks)

Eine kurze Übersicht zu den Erfahrungen von Bibliotheken, welche Open-Source-Bibliothekssysteme einsetzen, liefert ein Artikel von Vandana Singh. Sie befragte neun US-amerikanische Bibliotheken (sieben ÖB, eine WB, eine Schulbibliothek), welche sich bei einer vorherigen Studie zum gleichen Thema bereit erklärt hatten, Follow-Up Interviews zu führen. Alle berichten auf der Basis schon länger gesammelter Erfahrungen. Ein Ergebnis ist, dass der Grossteil der Bibliotheken die eigentliche Arbeit des Betriebs und der Pflege der Software ausgelagert hat, entweder an Vendors oder IT-Abteilungen von Verbünden. Nur einige halten dies In-house. Mit der Zeit würden sie aber mutiger, insbesondere, wenn sie die ersten Lernkurven überwunden haben, würden sie mehr und mehr auch selber IT-Funktionen übernehmen. Die Beteiligung an der eigentlichen Community um die jeweilige Software ist gering; viele nehmen sie wahr, nutzen sie mit positiven Ergebnissen bei Rückfragen, liefern aber nur selten eigene Beiträge. Wichtig sei, dass Bibliotheken verstehen, dass sie federführend seien, was heisst, dass sie diese Verantwortung auch annehmen und klar kommunizieren müssten, was sie von der Software erwarten und Anpassungen vornehmen. Wie der Artikel aber auch zeigt, ist das gut möglich. (Singh, Vandana (2019). Open source integrated library systems migration: Librarians share the lessons learnt. In: Journal of Librarianship and Information Science 51 (2019) 2, https://doi.org/10.1177/0961000617709059 [Paywall]) (ks)

Eine sehr kurzen, aber relevanten Überblick von Modellen, E-Books in die Fernleihe zu integrieren, gibt Julie A. Murphy. Der Texte ist eine Kolumne, also ist bei ihr keine Vollständigkeit angestrebt. Die Beispiele stammen alle von US-amerikanischen Wissenschaftlichen Bibliotheken und deren Konsortien. Aber schon dieser kurze Text zeigt, (a) dass sich Bibliotheken aktiv darum bemühen, diese Integration zu erreichen und dies auch in Lizenzverhandlungen einfordern und, (b) dass es dafür verschiedene Modelle gibt. Das Feld ist, wie Murphy betont, (c) weiterhin stark in Bewegung. (Julie A. Murphy (2019). Ebook Sharing Models in Academic Libraries. In: Serials Review 45 (2019) 3: 176–183, https://doi.org/10.1080/00987913.2019.1644934 [Paywall]) (ks)

Bibliotheken, gerade im englischsprachigen Raum, haben in den letzten Jahren immer wieder einmal Verspätungsgebühren abgeschafft. Dafür wurden verschiedene Gründe angegeben – der Aufwand würde sich nicht rechnen, zu strafen sei nicht Aufgabe der Bibliothek, die Gebühren würden vor allem Menschen mit wenig Einkommen treffen und davon abhalten, Bibliotheken zu nutzen und andere – und Erwartungen an eine steigende Nutzung von Bibliotheken und Beständen ausgesprochen. Studien, welche daraufhin versuchten, diese Effekte zu untersuchten, kamen zu durchwachsenen Ergebnissen. Conrad Helms legt für die Bibliothek des St. Mary’s College of Maryland eine weitere dieser Studien vor, ebenso mit durchwachsenen Ergebnissen. Sechs Jahre, nachdem die Gebühren abgeschafft wurden, sind zum Beispiel die Anzahl und auch die Länge der überzogenen Leihfristen gestiegen, gleichzeitig ist die Bibliothek nicht unzufrieden. Hervorzuheben ist die Literaturübersicht des Artikels, welche weitere Studien der letzten Jahre zum Thema übersichtlich zusammenfasst. (Conrad Helms (2019). Eliminating overdue fines for undergraduates: A six-year review. In: Journal of Access Services 16 (2019) 4: 173–189, https://doi.org/10.1080/15367967.2019.1668793 [Paywall]) (ks)

Da Bibliothekar:innen vermutlich nicht oft in den Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes blättern, sei auf das Heft 66 (2019) 3 hingewiesen, das auch für andere Fachrichtungen und eben Bibliotheken interessante Lektüre bietet: Die Digitalisierung der Wissenschaftskommunikation in der Germanistik. Informieren – Recherchieren – Publizieren – Partizipieren. Aus der Einführung: Das vorliegende Heft beschäftigt sich mit den Chancen, aber auch den Risiken der Digitalisierung in der Germanistik und ist dabei nicht auf den häufig diskutierten Bereich der Digital Humanities fokussiert, sondern auf jene Praktiken und Konzepte, die im Ergebnis eine Digitalisierung der wissenschaftlichen Arbeitstechniken und Kommunikationsformen bedeuten. Es geht uns also gerade nicht um digitalisierte Forschung selbst, sondern um Veränderungen der Fachkultur, die z.B. in der veränderten Rolle der Bibliotheken und überhaupt der Literaturversorgung, in neuen Recherche- und Publikationsformen, aber auch in neuen Praktiken und Möglichkeiten wissenschaftlichen Interagierens und Kommunizierens im Netz zum Ausdruck kommen. […] Zu Wort kommen insbesondere Fachvertreter_innen, die sich den Herausforderungen einer digital orientierten Germanistik widmen und durch Projekte, institutionelle Anbindungen oder persönliche Motivationen in die Thematik involviert sind. […] Die Beiträge des Heftes zeigen: Der Prozess der Digitalisierung germanistischer Wissenschaftspraxis ist in vollem Gang, vieles ist noch unabgeschlossen und ungeklärt. Ob z.B. die Wissenschaftsverlage ihre dominierende Stellung im Anerkennungssystem der Germanistik behalten werden, ob etablierte Instanzen der Verteilung von Prestige zugunsten eher partizipativer Strukturen aufgelöst oder nur durch andere ersetzt werden – all das ist noch nicht wirklich abzusehen. Man darf gespannt sein. (Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, 66 (2019) 3, https://www.vr-elibrary.de/toc/mdge/66/3]) (vv)

This research serves, in part, to confirm what librarians of color and those who are gender nonconforming have been saying for decades: there remains, in the LIS profession, material benefits to performing gender in socially predictable ways. (S. 818) Bryant, Bussel und Halpern interviewten in ihrer Studie 29 US-amerikanische, wissenschaftliche Bibliothekar*innen, die sich zudem unterschiedlichen ethnischen Hintergründen zuordneten und verschiedene sexuelle Identitäten hatten, dazu, wie diese Identitäten ihre Arbeit prägen oder nicht prägen. Die halbstrukturierten Interviews wurden codiert und ergaben vier Hauptthemen: (1) Visibility and Connection to Library Users (vor allem, weil Bibliothekarinnen als Frauen mit mütterlichen Werten wahrgenommen wurden, aber gleichzeitig auch Bibliothekar*innen, die von Angehörigen von Minderheiten als ebensolche angesehen und ihnen mit spezifischen Fragen mehr vertraut wurde), (2) Credibility and Presumed Competence (die in erwartbaren Wegen zugeschrieben oder nicht zugeschrieben wurden, je nach Geschlecht und Identität), (3) Lack of Awareness and Hyperawareness (im Bezug auf die eigenen Identitäten), (4) Being Your Authentic Self and Concealing Yourself. Durch die Methode bedingt, zeigt dies Studie vor allem, wie die Bibliothekar*innen selber die Situation wahrnehmen und auch, welche Themen (die genannten vier) sie selber als wichtig erachten. Die Autorinnen stellen am Ende – wie im Zitat gesehen – klar, dass weithin die zu erwartenden Strukturen vorherrschen – (…) it pays to be white and cisgender (S. 819) – auch wenn sich einiges geändert haben mag. Sie betonen, dass diese Strukturen durch die alltäglichen Interaktionen zwischen Personal und Studierenden, zwischen Personal und Leitung und innerhalb des Personals reproduziert (und dann wohl auch dort geändert) werden. (Tatiana Bryant, Hilary Bussell, Rebecca Halpern (2019). Being Seen: Gender Identity and Performance as a Professional Resource in Library Work. In: College & Research Libraries 80 (2019) 6, 805–826, https://doi.org/10.5860/crl.80.6.805) (ks)

Eine aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift für französische Schulbibliotheken, interCDI, hat als Schwerpunkt das Spielen als Angebot von Schulbibliotheken. Dabei geht es um alle Formen von Spielen (Brettspiele bis Computerspiele) und verschiedene Funktionen, die diesen Spielen zugeschrieben werden (Lernen, Unterhaltung, Marketing). Die Artikel stehen selbstverständlich alle dem Thema positiv gegenüber, einige sind eher theoretischer Natur, einige berichten direkt aus Schulbibliotheken (beziehungsweise Centres de Documentation et d’Information – CDI). Interessant zu sehen ist dabei, wie anders das Thema in Frankreich behandelt wird: Die Überlegungen beziehen sich auf das gesamte Schulbibliothekswesen des Landes. Gleichzeitig ist auch ersichtlich, wie sehr es sich nur auf Frankreich bezieht. Über die Grenze in die Schweiz mit ihren vielen Ludotheken wird nicht geschaut, stattdessen werden Ludotheken nur als Angebot von Bibliotheken beschrieben und nur aus den Erfahrungen im eigenen Land gelernt. (interCDI 48 (2019) 280–281, septembre-octobre 2019 [Print]) (ks)

2.1 Öffentliche Bibliotheken: Nutzung

Die Nutzung einer Bibliothek im ländlichen Raum durch Seniorinnen und Senioren erhob Everette Scott Sikes mittels Fokusgruppen und Interviews mit dem Bibliothekspersonal. Die Bibliothek befindet sich in den Appalachen, also einer eher durch Armut und schwierige Lebensumstände gekennzeichneten Gegend der USA. Zu Beginn des Artikels stellt Skies auf der Basis von teilweise schon älterer Literatur fest, dass (a) die Arbeit von Bibliotheken im ländlichen Raum viel weniger in der bibliothekarischen Literatur vorkommt als die anderer Gegenden und dass (b) die Angebote von Bibliotheken für ältere Menschen eher am Ende der Aufmerksamkeitsketten bibliothekarischer Literatur und Praxis stehen. Gleichwohl zeichnen die Interviews wieder einmal ein sehr positives Bild der Bibliothek: Sie wird gelobt, die Arbeit des Personals wird positiv hervorgehoben. Für diejenigen Personen, welche die Bibliothek nutzen, ist sie wichtig für ihr Leben, ihre Alltagsgestaltung, intellektuelle Anregung und als Ort der Gemeinschaft. Wichtig ist die Erreichbarkeit: Diese Bibliothek wird genutzt, weil sie räumlich erreichbar ist; die anderen Bibliotheken des Systems werden kaum genutzt, weil sie weniger gut zu erreichen sind. Der Text bestätigt viele Annahmen von Bibliotheken über ihre eigene Wirkung für Nutzerinnen und Nutzer. Gleichwohl ist am Ende wieder einmal nicht ersichtlich, ob und wie sich Bibliotheken ändern sollten, wenn sie schon so gut funktionieren. (Scott Sikes (2019). Rural Public Library Outreach Services and Elder Users: A Case Study of the Washington County (VA) Public Library. In: Public Library Quarterly (Latest Articles) https://doi.org/10.1080/01616846.2019.1659070 [Paywall]) (Siehe auch: Everette Scott Sikes (2018). The Impact of Library Outreach Services on Elder Users in Rural Virginia: A Case Study of the Washington County Public Library. (Master’s Thesis) Knoxville: University of Tennessee, https://trace.tennessee.edu/utk_gradthes/5069/) (ks)

Eine der Obsessionen des Öffentlichen Bibliothekswesens in verschiedenen Staaten ist bekanntlich die Vorstellung, Öffentliche Bibliotheken mögen sozial inklusiv wirken und ihre lokale Community stärken. Der Diskurs um den Dritten Ort, zahlreiche Umbauten, Neukonzeptionen von Veranstaltungen, Veränderung im Personal und den Aufgaben des Personals zielen bekanntlich darauf, das Bibliotheken dies ermöglichen sollen. Lo, He und Liu untersuchten für Bibliotheken in Shanghai – die recht neu ausgestattet sind und ähnlichen Überzeugungen dienen –, ob dies zutrifft: Warum nutzen Menschen diese? Kommunizieren sie untereinander? Bilden sie Communities? Die Daten einer auf diese Fragen bezogenen Umfrage werden in ihrer Studie etwas sehr positiv gedeutet, sprechen aber eine deutliche Sprache: Die Bibliotheken werden intensiv genutzt, aber nicht so Community-bildend, wie sich das erhofft oder vorgestellt wird. Weiterhin nutzen junge Menschen die Bibliothek vor allem, um dort eigenständig zu lernen. Andere, gerade Senior*innen oder Menschen ohne festen Wohnsitz, nutzen sie um Zeit totzuschlagen oder sich selbstständig zu unterhalten. Das ist wichtig, aber gleichzeitig wird die Bibliothek nicht genutzt, um Kontakte zu anderen Personen herzustellen oder aufrechtzuerhalten. Nutzende bilden durch die Bibliothek kein neues soziales Kapital aus. Die Autor*innen schliessen aus ihren Daten zwar, dass die Bibliotheken einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, aber offenbar keinen Community-bildenden in dem Sinne, wie er gerne in der bibliothekarischen Literatur diskutiert wird. Über den eigentlich untersuchten Fall hinaus ist die Studie auch ein Hinweis darauf, öfter und genauer zu überprüfen, ob die oft vorgetragenen Hoffnungen auf starke Communities durch Bibliotheken tatsächlich erfüllt werden – oder ob sie vor allem eine bibliothekarische Obsession darstellen. (Patrick Lo; Minying He; Yan Liu (2019). Social inclusion and social capital of the Shanghai Library as a community place for self-improvement. In: Library Hi Tech 37 (2019) 2: 197–218, https://doi.org/10.1108/LHT-04-2018-0056 [Paywall]) (ks)

Die Effekte, welche Veranstaltungen zur Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken haben können, wurden auch schon mehrfach untersucht. Sie können vor allem Eltern beziehungsweise Erziehungspersonen Hinweise darauf geben, wie diese im Alltag ihre Kinder unterstützen können, um oft, freiwillig und gewinnbringend zu lesen. Zudem können sie Eltern selber motivieren, dass auch tatsächlich zu tun. Wichtig ist dies, weil sich offenbar vor allem die Zeiten vor der Einschulung und während der Schulferien auf die Lesekompetenz von Schüler*innen auswirken: Sie machen in der Schulzeit ungefähr gleiche Fortschritte, kommen aber mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule und entwickeln sie in den Ferien unterschiedlich weiter: Je höher in der Sozialstruktur, um so eher mehr. Insoweit helfen Veranstaltungen in Bibliotheken zur Leseförderung vor allem Eltern und Kindern aus niedrigeren Sozialschichten. All dies ist eigentlich bekannt, aber Crist et al. haben das Gleiche nochmal in einer Studie mit acht Bibliotheken in Ohio untersucht und nachgewiesen. Dazu wurde noch ein weiteres Rahmenwerk für solche Veranstaltungen entworfen, angewandt und dann dessen Wirkung untersucht. Offenbar ist das immer wieder neu nötig. (Beth Crist; Courtney Vidacovich Donovan; Miranda Doran-Myers; Linda Hofschire (2019): Supporting Parents in Early Literacy through Libraries (SPELL): An Evaluation of a Multi-Site Library Project. In: Public Library Quarterly (latest articles). https://doi.org/10.1080/01616846.2019.1622070 [Paywall]) (ks)

In einer, vor allem was die Zahl der Beitragenden und den Betrachtungszeitraum angeht, sehr breit angelegten Literaturschau betrachten Ragnar Audunson et al. die oft betonte Bedeutung öffentlicher Bibliotheken als, wenn man so will, Vollzugsort einer demokratischen Öffentlichkeit beziehungsweise Public Sphere. Dabei untersuchen sie die Entwicklung und Differenzierung entsprechender Forschungsfragen, die Themen und die identifizierten Herausforderungen sowie den Einfluss von Social Media auch im Kontrast zur Krise traditioneller Medienformen. Bei der Definition des Begriffs von Öffentlichkeit stützen sie sich auf ein Konzept nach Jürgen Habermas. Öffentlichkeit ist ein für alle Bürger*innen offener Ort, in dem mittels des Austauschs zwischen privaten Individuen öffentliche Meinung entsteht. Jeder solche Austausch konstituiert Öffentlichkeit. Für den Diskurs über die öffentliche Bibliothek als Ort, an dem Öffentlichkeit ermöglicht und gepflegt wird, lassen sich mehrere Komplexe benennen:

  1. Soziale Inklusion (im Sinne einer Bibliothek für Alle) und das Angebot eines allgemeinen Zugangs zu Information, wozu auch das Schließen des Digital Gap zählt;

  2. Die Rolle der Bibliotheken zur Pflege und Verbreitung von Community, Demokratie, Diversität, dem Angebot der Möglichkeit zum Aufbau von sozialen Kapital und ihrer Funktion als Baustein der Stadtentwicklung;

  3. Die Rolle von Bibliotheken als Anbieterinnen unterschiedlicher Sichtweisen und Meinungsbilder, also Meinungsfreiheit und Informationsfreiheit, und damit auch die Frage von Neutralität und Zensur, was allerdings mit einer starken Gewichtung auf die USA (Stichwort: Patriot Act) ausgewertet wird;

  4. Der Einfluss von Social Media, der, wie bereits das Internet an sich, zum einen als potentielle Krise für das Bibliothekswesen durch Disintermediations-Effekte (Nutzende haben für ihr Informationsverhalten Alternativen zu Bibliotheken) angesehen wird. Zugleich gibt es erwartungsgemäß die Position, neue Technologien als Möglichkeit zur Positionierung zu sehen, beispielsweise über gezielten Kompetenzaufbau und die Mitgestaltung der Entwicklung.

Diskurstheoretisch stellen die Autor*innen für die Bibliothekswissenschaft eine Erweiterung der Perspektiven und Themen im Zusammenhang mit Bibliotheken und Öffentlichkeit fest, ausgehend von zunächst einer Konzentration auf Informationsfreiheit hin zu Aspekten der Inklusion und der Demokratievermittlung. Die einschlägigen Arbeiten von Jürgen Habermas wurden, wie sie feststellen, recht spät und zum Beispiel in der deutschen Bibliothekswissenschaft eher zurückhaltend rezipiert. Viele der ausgewerteten Arbeiten sind dabei weniger empirisch und stärker normativ ausgerichtet, was die Autor*innen als Desiderat benennen. Die Effekte der Digitalisierung wirken dabei in zwei Richtungen: Einerseits senken sie die Schwelle einer möglichen Teilhabe an Öffentlichkeit, andererseits schaffen sie möglicherweise neue Zugangsschwellen. (Ragnar Audunson, Svanhild Aabø, Roger Blomgren, Sunniva Evjen, Henrik Jochumsen, Håkon Larsen, Casper Hvenegaard Rasmussen, Andreas Vårheim, Jamie Johnston, Masanori Koizumi (2019). Public libraries as an infrastructure for a sustainable public sphere: A comprehensive review of research. In: Journal of Documentation. 75.4:773–790. https://doi.org/10.1108/JD-10-2018-0157 [Paywall]) (bk)

Working Together war ein vierjähriges Projekt einiger kanadischer Bibliotheken, welche versuchten, durch eigene Kontakte und Forschung zu verstehen, wie sozial ausgegrenzte Personen Bibliotheken wahrnehmen und wie Bibliotheken entwickelt werden könnten, um diesen Personen mehr zu nutzen. Ken Williment berichtet darüber in einem kurzen Text. Hauptergebnisse – die wohl auch durch den Autor herausgestellt werden, weil sie an frühere Arbeit von ihm [u.a. Pateman, John ; Williment, Ken (2013). Developing community-led public libraries : evidence from the UK and Canada. Surrey: Ahsgate, 2013] anschliessen – waren: (1) Es gibt strukturelle Gründe dafür, wie Bibliotheken wahrgenommen und genutzt werden. Deswegen ist der individualisierte Blick auf Bibliotheksnutzung, bei der angenommen wird, Menschen würden einfach individuell entscheiden, ob sie Bibliotheken nutzen und müssten nur mit dem richtigen Marketing richtig angesprochen werden, falsch. (2) Dass Bibliotheken der Meinung sind, inklusive und soziale Einrichtungen zu sein, aber dass sozial ausgegrenzte Personen das überhaupt nicht so spiegeln. Diese sehen eher viele Barrieren – einige aus ihrem eigenen Leben, einige von Bibliotheken aufgebaute – zur eigenen Bibliotheksnutzung. (3) Der Hauptgrund, Bibliotheken nicht zu nutzen, sind anfallende Versäumnisgebühren, wobei schon der Glaube, Gebühren zu schulden – auch wenn das gar nicht der Fall ist – ausreicht, Bibliotheken nicht zu nutzen. (4) Dass soziale ausgegrenzte Personen sich in nicht Bibliotheken wohlfühlen und auch den Eindruck haben, dass Bibliotheken keine Rolle in ihrem Alltag spielen. An diese Ergebnisse anschliessend präsentiert Williment das weitere Vorgehen der Bibliotheken beim Erarbeiten neuer Angebote, welches genau dem im schon genannten Buch entwickelten Vorgehen entspricht. (Ken Williment. It Takes a Community to Create a Library. In: Public Library Quarterly (latest articles) https://doi.org/10.1080/01616846.2019.1590757 [Paywall]) (ks)

2.2 Öffentliche Bibliotheken: Bibliotheksentwicklung

Mit wem kann eine Bibliothek kollaborieren? Nicht selten werden sich dazu Gedanken gemacht, Pläne erstellt und Versuche angestellt, die dann nicht immer erfolgreich sind. Ein Beispiel aus Chapel Hill, USA, zeigt allerdings: Wenn die Bibliothek sich nur dahinter stellt und Arbeit hineinsteckt, kann sie mit allen anderen Einrichtungen kollaborieren. In diesem Beispiel wird die Zusammenarbeit mit einer Radio-Sendung präsentiert, welche wöchentlich eine Stunde lang über Gesundheitsthemen berichtet. Die Health Science Library der örtlichen Universität unterstützt diese seit 2009 erfolgreich, beispielsweise durch den Betrieb eines Blogs zu den Themen der Sendung, durch Zuarbeit bei Recherchen, durch das Hervorheben von Medien zu den Themen der jeweiligen Sendung. Gleichzeitig wird in der Sendung immer wieder auf die Bestände und Angebote der Bibliothek hingewiesen, für den Fall, dass Interesse an der Vertiefung einzelner Themen besteht. Das ist für beide Seiten Arbeit, die sich aber offenbar lohnt – sonst würde diese nicht seit jetzt zehn Jahren geleistet werden. (Lee M. Richardson ; Barbara Rochen Renner ; Terri Ottosen ; Adam O. Goldstein (2019). A Library and a Radio Show: The Story of a Successful Partnership at 10 Years and Counting. In: Journal of Library Administration 59 (2019) 4: 395–408, https://doi.org/10.1080/01930826.2019.1593713 [Paywall]) (ks)

Mit ihrer Forschungsfrage What is innovative to public libraries in the United States? stellen Potnis et al. schon das interessanteste Ergebnis ihrer Studie vor: Es gibt im Bibliothekswesen offenbar unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine Innovation ist, wozu sie notwendig ist, wie sie durchgeführt wird und so weiter. Diese decken sich nicht unbedingt mit Vorstellungen von Innovation aus anderen Bereichen, beispielsweise der Ökonomie. Letzteres ist nicht negativ, da, wie Potnis et al. zeigen, auch in diesen Bereichen unterschiedliche Vorstellungen vorherrschen. Ersteres ist allerdings problematisch, denn wenn alle von Innovation sprechen, was heisst das dann noch? Die Autor*innen erhoben in ihrer Studie deshalb per Umfrage und per Analyse von Innovationen, die von Bibliotheken selber als solche benannt wurden, welche Formen es (beschränkt auf die USA) gibt. Sie benennen vier Kategorien (Progamm, Prozess, Partnerschaft, Technology), aber diese sind auf die untersuchten Bibliotheken bezogen. In anderen Kontexten würde eine ähnliche Studie gewiss andere Kategorien hervorbringen. (Devendra Dilip Potnis ; Joseph Winberry ; Bonnie Finn ; Courtney Hunt (2019). What is innovative to public libraries in the United States? A perspective of library administrators for classifying innovations. In: Journal of Librarianship and Information Science (Online First), https://doi.org/10.1177/0961000619871991 [Paywall] [OA-Preprint: https://trace.tennessee.edu/utk_infosciepubs/61]) (ks)

2.3 Verlängerte Brexit-Edition: Zur Krise der Bibliotheken in Grossbritannien

Die Krise der Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien [siehe auch die letzte Ausgabe dieser Kolumne in LIBREAS 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/dldl/] beinhaltet auch, dass eine wachsende Anzahl von Bibliotheken von den Gemeinden an andere Trägereinrichtungen zum Betrieb übergeben werden. Bekanntlich ist das einer der Alpträume des deutschen Bibliothekswesens: Sollte dies Schule machen, so die öfter formulierte Befürchtung, würde das von der Politik genutzt, um Bibliotheken zu de-professionalisieren und ehrenamtlich betreiben zu lassen. Charlie Smith untersuchte an fünf solcher Bibliotheken in Liverpool, was mit diesen nach der Übergabe tatsächlich passiert. Die Ergebnisse sind nicht so negativ, wie das vielleicht zu erwarten wäre. Drei der Bibliotheken werden von einer Community-Agency betrieben, welche in lokalen Freizeitheimen auch weitere Angebote macht, eine vom National Health Service, eine von einem weiteren, lokal verankerten Verein. Vier der Bibliotheken wurden nach der Übernahme mit anderen Angeboten verbunden, beispielsweise in Freizeitheime umgezogen. Sie sind nun mit anderen Aufgaben verbunden (was Öffentliche Bibliotheken auch so anstreben), die Öffnungszeiten wurden verlängert, die Entleihungs- und Besuchszahlen sind – allerdings nach Jahren des ständigen Etatabbaus – wieder merklich gestiegen. Gemessen an diesen war die Übergabe erfolgreich. Smith warnt aber auch vor Verallgemeinerungen: Die Vereine und die Quartiere, in denen sich die Bibliotheken finden, sind alle sehr gut aufgestellt. Strukturell bevorzugte Gegenden werden weiter bevorzugt, eine Bibliotheksstruktur für alle sei so nicht erreichbar. Zudem sei sichtbar, dass die eine Bibliothek, für welche die Stadt weiterhin eine Unterstützung für die Medienaufbau zahlt, merklich besser ausgestattet ist als die anderen. Der Artikel endet mit vielen Bedenken über die Skalierbarkeit der Ergebnisse. (Charlie Smith (2019). An evaluation of community-managed libraries in Liverpool. In: Library Management 40 (2019) 5: 327–337, https://doi.org/10.1108/LM-09-2018-0072 [Paywall] [OA-Postprint: http://researchonline.ljmu.ac.uk/id/eprint/10713]) (ks)

Zur gleichen Frage wie Smith, nämlich den Einsatz von Freiwilligen in Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien, forschten Casselden et al., allerdings mit einem negativeren Ergebnis. Sie fragten nach den Meinungen verschiedener Stakeholder: Wie verändern Freiwillige die Bibliotheken? Sind sie eine Lösung und wenn ja, wofür? Das alles im britischen Kontext (was die Übertragung der Ergebnisse auf den DACH-Raum einschränkt). Für diesen Kontext stellen sie fest, dass der Einsatz von Freiwilligen von der Ideologie einer Big Society motiviert ist. Diese konservative Weltsicht postuliert, dass staatlichen Aufgaben wenn möglich von der Bevölkerung selber übernommen werden sollte, die so die Aufgabe übernehmen würde, die Gesellschaft konkret zu erhalten, zu revitalisieren und gleichzeitig auch anzuzeigen, welche Angebote sie tatsächlich relevant finden und welche nicht. Diese Idee wurde seit 2015 aktiv vertreten und umgesetzt, nicht nur in Bibliotheken. Casselden et al. zeigen nun, dass es anfänglich in einigen Fällen positive Effekte (value-added roles) gab, auf die auch immer wieder einmal zurückverwiesen wird. Dies vor allem, wenn durch Freiwillige neue Angebote aufgebaut werden konnten. Allerdings sind diese Effekte jetzt fast vollständig verschwunden. Heute werden Freiwillige tatsächlich vor allem eingesetzt, um überhaupt Bibliotheken geöffnet zu halten. Diese planen den Einsatz von Freiwilligen ein, obgleich sich damit versteckte Kosten (zum Beispiel für das Management der Freiwilligen oder auch die Aushandlung der unterschiedlichen Vorstellungen zwischen Personal und Freiwilligen) ergeben. Zugleich zeigt sich der Effekt der Ideologie der Big Society, so ein Grossteil der Befragten Stakeholder, konkret in einer Verstärkung negativer Effekte wie sozialer Exklusion (weil nur bestimmte Bibliotheken mit Freiwilligen erhalten werden können, selbst wenn diese in andere Gegenden pendeln, um dort auszuhelfen), sinkender Professionalität der bibliothekarischen Angebote (unter anderem weil verschiedene Vorstellungen davon, was eine Bibliothek ist und tun sollte, aufeinandertreffen) oder schlechter werdenden Arbeitskulturen (weil sich die internen Auseinandersetzungen häufen). Obwohl sich theoretisch auch positive Effekte durch die Einbindung der Öffentlichkeit ergeben könnten, werden diese kaum wahrgenommen. (Ob dies so in den DACH-Raum zu übertragen ist, ist schwer zu sagen: Im britischen Kontext ging diese Entwicklung mit massiven Sparprogrammen einher, die es in diesem Masse im DACH-Raum lange nicht gab.) [Biddy Casselden; Alsion Pickard; Geoff Walton; Julie McLeod (2019). Keeping the doors open in an age of austerity? Qualitative analysis of stakeholder views on volunteers in public libraries. In: Journal of Librarianship and Information Science. 51 (2019) 4, https://doi.org/10.1177/0961000617743087 [Paywall], [OA-Postprint: http://nrl.northumbria.ac.uk/32413/]) (ks)

Ebenso die in der letzte Ausgabe dieser Kolumne thematisierte Krise der Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien bespricht ein Artikel von Lennart Güntzel in der aktuellen Ausgabe der Kollegen der 027.7 zum Thema Sparen. (https://0277.ch/ojs/index.php/cdrs_0277/issue/view/148) Güntzel diskutiert, wie Öffentliche Bibliotheken, Nationalbibliotheken und Universitätsbibliotheken in den letzten Jahren von Sparmassnahmen betroffen waren. Dabei stellt er ganz klar fest, dass gerade die Öffentlichen Bibliotheken heute ihre einst unbestrittene Vorbildfunktion für Bibliotheken aus anderen Staaten verloren haben. Gleichzeitig stellt er fest, dass den Sparprogrammen (auch) politische Entscheidungen zugrunde liegen, wenn in England und Wales Bibliotheken viel mehr vom Abbau betroffen sind, als in Schottland. (Lennart Güntzel (2019). Endstation Fitnessstudio? Die Situation der britischen Bibliotheken im Nachhall der Finanzkrise. In: 027.7 - Zeitschrift für Bibliothekskultur 6 (2019) 1, https://doi.org/10.12685/027.7-6-1-183) (ks)

2.4 Wissenschaftliche Bibliotheken: Nutzung

Academic librarians spend a considerable amount of time and resources on activities, events, and initiatives they call outreach. (S. 184). Was aber ist dieser outreach eigentlich genau? Dieser Frage ist Stephanie A. Diaz von der Pennsylvania State University nachgegangen. Auf Basis einer Literaturauswertung mit Concept Analysis und einiger Beispielfälle stellt sie folgende working definition auf: In academic librarianship, outreach is work carried out by library employees at institutions of higher education who design and implement a variety of methods of intervention to advance awareness, positive perceptions, and use of library services, spaces, collections, and issues (e.g. various literacies, scholarly communication, etc.). Implemented in and outside of the library, outreach efforts are typically implemented periodically throughout the year or as a single event. Methods are primarily targeted to current students and faculty, however, subsets of these groups, potential students, alumni, surrounding community members, and staff can be additional target audiences. In addition to library-centric goals, outreach methods are often designed to support shared institutional goals such as lifelong learning, cultural awareness, student engagement, and community engagement. (S. 191) Diese Synthese und die Leitfragen, die Diaz zur Auswertung durchgegangen ist, können Anregung für die Planung neuer oder das Überdenken bestehender eigener Outreach-Aktivitäten bieten. (Diaz, Stephanie A. (2019): Outreach in academic librarianship: A concept analysis and definition. In: The Journal of Academic Librarianship 45 (2019) 3: 184–194. https://doi.org/10.1016/j.acalib.2019.02.012 [Paywall]) (vv)

Eine der Obsessionen in Hochschulbibliotheken in verschiedenen Staaten ist bekanntlich der Trend, bei Neu- und Umbauten immer mehr Lern- und Arbeitsplätze einzurichten, sowohl für das individuelles Lernen als auch für Gruppen. Die Erwartung ist, dass so die Nutzung der jeweiligen Bibliothek gesteigert wird. Allison et al. untersuchten diese Erwartung anhand ihrer Bibliothek an der University of Nebraska-Lincoln. Zu Beginn verweisen Sie darauf, dass es bislang erstaunlich wenig Untersuchungen zu diesen Effekten gäbe, obgleich immer mehr dieser Lernräume eingerichtet würden. Insbesondere würde kaum nach dem Zusammenhang zwischen diesen Learning Commons und den restlichen Angeboten der Bibliotheken gefragt. Sie überprüfen nach der Einrichtung eines solchen an ihrer Universität die Entwicklung der verschiedenen Nutzungszahlen und versuchen, solche Zusammenhänge herauszuarbeiten. Diese sind recht eindeutig: Learning Commons werden sehr stark genutzt. Aber vor allem werden sie für das individuelle Arbeiten genutzt, nicht – wie oft angenommen – sehr stark für die Arbeit in Gruppen. Einen Einfluss dieser erhöhten Nutzungszahlen auf andere Angebote (Ausleihen, Nutzung von Datenbanken et cetera) lässt sich nicht nachweisen. Auch extra für den Learning Commons bereitgestellte Bestände, in denen zuvor ausgesondert wurde, um nur aktuelle und relevante Literatur zur Verfügung zu stellen, wurden nicht relevant mehr oder weniger genutzt. Offenbar werden die Arbeitsplätze als Arbeitsplätze genutzt, aber nicht für die Nutzung von Medien, zu denen die Bibliothek Zugang schafft. Das scheinen zwei voneinander getrennte Aktivitäten zu sein, die sich weder verstärken noch behindern. Die Autor*innen weisen auch darauf hin, dass bei Entscheidungen über Learning Commons mehr mit solchen Fakten und weniger mit Behauptungen gearbeitet werden sollte. (Deeann Allison; Erica DeFrain; Brianna D.Hitt; David C.Tyler (2019). Academic library as learning space and as collection: A learning commons’ effects on collections and related resources and services. In: The Journal of Academic Librarianship 45 (3): 305–314, https://doi.org/10.1016/j.acalib.2019.04.004 [Paywall]) [OA-Postprint: https://digitalcommons.unl.edu/libraryscience/384]) (ks)

[S]ome students came dressed specifically to use the Bike Desks. [ 98] Bekanntlich wollen sich viele Wissenschaftliche Bibliotheken heute als Landschaften begreifen, in denen sich Studierenden und Forschende über lange Zeiträume hinweg aufhalten. Dieser Lern- und Arbeitsraum will gestaltet sein, dazu gehört Infrastruktur – was immer wieder zu der Frage führt, was alles zu dieser gehört und warum. Für die Bibliotheken der Texas A&M University zählen aktuell Bike Desks – Arbeitsplätze, an denen gleichzeitig Fahrrad gefahren werden kann – dazu, in Zukunft wohl auch Fitness-Räume, in denen gleichzeitig gelesen und gearbeitet wird. Das mag etwas absurd klingen, aber in einer Studie argumentieren Kolleg*innen aus der Bibliothek, dass für viele Nutzer*innen Bewegung das Lernen besser macht, Müdigkeit vorbeugt und die Gesundheit fördert. Sie haben sechs Bike Desks angeschafft und deren Nutzung mit einer Umfrage sowie anderen Daten erstaunlich tiefgehend untersucht. Sie werden gut genutzt, eher allein, manchmal in Paaren. Der Grossteil der Antworten in der Umfrage ist positiv, auch die Presse und andere Nutzende reagieren positiv. Deshalb erscheint der Bibliothek jetzt auch die Ausweitung des Angebots als sinnvoll. (Hoppenfeld, Jared ; Graves, Stepahnie J. ; Sewell, Robin R. ; Halling, T. Derek (2019). Biking to Academic Success: A Study on a Bike Desk Implementation at an Academic Library. In: Public Services Quarterly 15 (2019) 2, 85–103, https://doi.org/10.1080/15228959.2018.1552229 [Paywall] [OA-Postprint: https://oaktrust.library.tamu.edu/handle/1969.1/175383]) (ks)

Der Titel der Studie Performing Arts Library Patron Behavior ruft Bilder von Künsterler*innen hervor, die in der Bibliothek Performance Art durchführen, dabei Raum und Institution Bibliothek erschliessen. Dieses Versprechen wird leider nicht erfüllt. Stattdessen handelt es sich um eine drei Bibliotheken umfassende Untersuchung der Nutzung derselben mittels Beobachtungen und Umfragen. Die Studie reproduzierte eine frühere Untersuchung, zudem wurden in allen drei Einrichtungen die gleichen Methoden genutzt und damit die Ergebnisse vergleichbar gemacht. Alle drei Bibliotheken sind Hochschulbibliotheken, die sich vor allem an Studierende in den Performing Arts richten. Die Ergebnisse – das betonen die Autor*innen auch – sind vergleichbar mit zahlreichen anderen Studien dieser Art, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden: Die Bibliotheken wurden alle umgebaut oder neu eingerichtet mit den erwarteten Veränderungen in Lehre und Nutzung, also mit Fokus auf Gruppenarbeiten und Soziale Räume. Die Nutzung in allen drei Bibliotheken ist allerdings ähnlich: Studierenden kommen zum Ausleihen von Medien und zum Lernen in die Bibliothek, nicht für soziale Kontakte. Gruppenarbeit findet eher selten statt; wenn, dann in Gruppenarbeitsräumen. Zumeist wird aber für sich alleine gearbeitet, sowohl in diesen Räumen als auch an den anderen Arbeitsplätzen. Personen, die die Bibliothek eher kurz besuchen (bis zu zehn Minuten) nutzen die Bestände; Personen, welche die Bibliothek länger nutzen, lernen und arbeiten in ihr, nutzen aber kaum die vorhandenen Bestände. Die lange vorhergesagten Veränderungen in der Nutzung von Hochschulbibliotheken sind nicht im erwarteten Masse eingetreten, sondern eher Nebenerscheinungen. Hauptsächlich werden die Bibliotheken – und das recht massiv – traditionell genutzt. Was die Studie zeigt, ist, dass dies auch für angehende Künstler*innen gilt. Relevant ist, dass noch einmal gezeigt wurde, dass es bei den regelmässigen Nutzer*innen offenbar zwei Gruppen gibt: Die, welche die Bestände nutzen und die, welche die Bibliothek zum Lernen und Arbeiten nutzen. (Clark, Joe C.; Newcomer, Nara L.; Avenarius, Christine B.; Hursh, David W. (2019). Performing Arts Library Patron Behavior: An Ethnographic Multi-Institutional Space Study. In: Music Reference Services Quarterly (Latest Articles) https://doi.org/10.1080/10588167.2019.1660127 [Paywall]) (ks)

Eine kurze Studie mit relativ wenigen Interviewten (sieben) von Pionke, Knight-Davis und Brantley versucht einen ersten Überblick zu geben für die Nutzung von (US-amerikanischen) Hochschulbibliotheken durch Studierende mit Autismus. Die Eastern Illinois University, um die es in der Studie geht, hat eine spezielles Programm zur Unterstützung solcher Studierender, welches unter anderem das Lernen in der Bibliothek als Gruppe beinhaltet. Studierende dieser Gruppe wurden dazu befragt, wie sie die Bibliothek nutzen, wahrnehmen und verändern würden. Benutzt wird sie vor allem für Homework und Studium. Wichtig ist dabei, dass die Atmosphäre der Bibliothek das Arbeiten unterstützt. Routine ist für Studierende mit Autismus wichtig, dies bietet die Bibliothek. Gleichwohl sind sie oft schneller abgelenkt und haben oft ein höheres Level von Angst – was einhergeht mit einer ständigen Beobachtung der Umgebung, um mögliche Gefahren zu erkennen. Das trifft auch in der Bibliothek zu. Die Studierenden kommunizieren eher weniger mit dem Bibliothekspersonal, dafür mit dem Betreuer der Gruppe, was auch damit zu tun hat, dass ihnen dieser eher bekannt ist. Veränderungen forderten die Befragten von der Bibliothek nicht, erst auf Nachfrage thematisierten sie, dass die Notwendigkeit, ausserhalb der Bibliothek Essen zu besorgen und zu konsumieren, für sie ablenkend ist. Der Text schliesst mit einigen Vorschlägen, wie Bibliotheken reagieren können. Zudem fordert er, dass in der bibliothekarischen Fachliteratur mehr Menschen mit Autismus zu Wort kommen. [Wobei allerdings eine schnelle Recherche eine ganze Reihe schon vorhandener Texte zu diesem Thema anzeigt, welche im Text nicht erwähnt wurden.] (Pionke, J.J.; Knight-Davis, Stacey; Brantley, John S. (2019). Library involvement in an autism support program: A case study. In: College & Undergraduate Libraries 26 (2019) 3: 221–233, https://doi.org/10.1080/10691316.2019.1668896 [Paywall]) (ks)

2.5 Skills und Kompetenzen

Etwas aus der Zeit gefallen scheint die Studie von Demasson, Partridge und Bruce, die ein weiteres Modell von Informationskompetenz erstellten. Man könnte der Meinung sein, dies sei zu Anfang des Jahrtausends – auch in Australien, wo die Autor*innen situiert sind – schon zur Genüge getan worden. Die Basis dieses Modells ist jetzt aber die Wahrnehmung von Bibliothekar*innen aus Öffentlichen Bibliotheken, die in Interviews nicht direkt nach dem Konzept Informationskompetenz befragt werden, sondern indirekt. (Die Autor*innen nennen die Methode Phänomenographie, die Analyse der Konzepte, die von Menschen generiert und wahrgenommen werden.) Relevant an dem schliesslich erstellten Modell mit den vier Kategorien (1) Intellectual process, (2) Technical skills, (3) Navigating the social world, (4) Getting the desired result, ist, dass es das Verständnis davon, was als Informationskompetenz wahrgenommen wird, kontextuell verortet, also bei den Nutzer*innen selber. Das verkompliziert die Frage, was Bibliotheken eigentlich in diesem Bereich fördern oder beibringen können, ungemein. Es ist ein Modell, das die anderen Modelle und Praktiken in Bibliotheken – die Schulungen, Kurse und so weiter, die oft auf spezifisches Wissen hin konzipiert sind – hinterfragt. (Demasson, Andrew; Partridge, Helen; Bruce, Christine (2019). How do public librarians constitute information literacy?. In: Journal of Librarianship and Information Science 51 (2019) 2: 473–487, https://doi.org/10.1177/0961000617726126 [Paywall]) (ks)

What knowledge and skills do humanities librarians require to effectively provide support to postgraduate students in the digital age? – Diese Forschungsfrage hat sich Glynnis Johnson 2016 in einer Masterarbeit gestellt. Die Erkenntnis a combination of discipline-specific knowledge and skills, generic skills and personal attributes are required ist nicht wirklich neu, und auch die ermittelten Fähigkeiten und Wissensgebiete sind meines Erachtens weder überraschend noch auf den Bereich der Geisteswissenschaften beschränkt: In order for humanities librarians to effectively support postgraduate students in the current digital age, a combination of discipline-specific knowledge and skills, generic skills and personal attributes are required. Bibliometrics (including altmetrics), collection development, information finding skills, metadata, referencing management tools, research data management and using electronic information resources are considered to be the main discipline-specific knowledge and skills (also referred to as professional knowledge and skills) for postgraduate support. The most dominant generic skills include: communication skills; customer service skills; general ICT skills; management and supervisory skills; teaching, training and coaching skills; and teamwork skills. In order to effectively support postgraduate students, personal attributes required include being: able to display good morals and ethics; approachable; flexible and adaptable; patient; self-motivated; and willing to continue learning.

Die Sammlung kann aber vielleicht dazu anregen, sich mal über das eigene Kompetenzen-Set Gedanken zu machen, vielleicht auch in Form einer Grafik wie Figure 2 im Artikel, um bereits Vorhandenes, noch Fehlendes und gegebenenfalls noch zu Ergänzendes zu identifizieren. (Johnson, Glynnis ; Raju, Jaya. Knowledge and Skills Competencies for Humanities Librarians Supporting Postgraduate Students. In: Libri 68 (2018) 4, 331–344. https://doi.org/10.1515/libri-2018-0033 [Paywall]) (vv)

Wissenschaftler:innen und Social Media – das ist bekanntlich ein weites Feld. Zur Untersuchung dieses Verhältnisses am Beispiel der Uni Glasgow haben zwei Kolleg:innen ein Modell herangezogen, das vier sources of self-efficacy definiert: (1) performance accomplishments or personal mastery experiences refer to the positive or negative past experiences that influence researchers’ ability to use social media for sharing knowledge; (2) vicarious experience refers to the mimicry of other researchers who effectively use social media for knowledge sharing by observing their performance and successes, and then attempting to replicate their behaviours; (3) verbal persuasion refers to encouragement and discouragement from colleagues or institutions that influence the researchers’ decisions surrounding whether to use social media for knowledge sharing; and (4) emotional arousal refers to psychological reactions based on researchers’ positive and negative experiences of this use. (S. 1275)

Sie setzen zwei Forschungsfragen an: Welche dieser Arten von Selbstwirksamkeit ist für Wissenschaftler:innen bei der Nutzung von Social Media relevant, und welchen Einfluss haben sie auf die Verwendung von Social Media zum fachlichen Austausch? Die Ergebnisse könnten interessant sein für Institutionen, die die Nutzung von Social Media unter ihren Wissenschaftler:innen fördern wollen, aber auch für jeden selbst mit Blick auf das eigene Nutzungsverhalten. (Alshahrani, Hussain / Rasmussen Pennington, Diane (2018): Why not use it more? Sources of self-efficacy in researchers’ use of social media for knowledge sharing. In: Journal of Documentation 74 (2018) 6: 1274–1292. https://doi.org/10.110/JD-04-2018-0051 [Paywall] [OA-Postprint: https://strathprints.strath.ac.uk/id/eprint/64909]) (vv)

2.6 Materialien zur Dekolonisierung des Bibliothekswesens

Am Selbstverständnis von Bibliotheken als offene und neutrale Räume kratzen sollte eigentlich auch die Erkenntnis, dass die Systeme, mit denen in ihnen Wissen geordnet wird, nicht neutral und aus sich selber heraus verständlich sind, sondern immer kulturell geprägt. Sichtbar wird das immer wieder, wenn in Bibliotheken, die vor allem von Angehörigen von First Nations genutzt werden, andere Klassifikationen entworfen werden als die im englischsprachigen Raum verbreitete Dewey Decimal Classification. Anhand solcher Klassifikationen wird schnell sichtbar, dass auch die vorgeblich logischen Klassifikationen ein bestimmtes Denksystem und eine bestimmte Weltsicht vermitteln. Während in Kanada und den USA oft auf das Brain Deer Classification System hingewiesen und dieses auch in einigen Bibliotheken genutzt wird, beschreibt der Text von Masterson, Stableford und Tait, wie in einer Öffentlichen Bibliothek in einer vor allem von Aboriginals bewohnten, abgelegenen australischen Gemeinde ein solches System erstellt wurde. Es handelt sich offenbar um die erste für eine Öffentliche Bibliothek entwickelte Klassifikation, über die in der Literatur berichtet wird. Dabei wurde auch darauf aufgebaut, dass in dieser und einer Reihe ähnlicher Bibliotheken offenbar eh von der Dewey Decimal Classification abgewichen wurde, weil deren Unterteilungen und Logik für die Nutzerinnen und Nutzer nicht nachvollziehbar war. Gleichzeitig wurde an eine Tendenz im australischen Bibliothekswesen, kleine Bibliotheken mit lokalen Living Room-Klassifikationen und -Aufstellungen auszustatten (offenbar mit Interessenskreis-Aufstellungen vergleichbar) angeschlossen. Die Grundstruktur der gewählten Klassifikation wird im Anhang des Artikels mitgeliefert; interessanter ist aber die theoretische Herausforderung, die sich aus solchen Klassifikationen ergibt. (Maeva Masterson ; Carol Stableford ; Anja Tait (2019). Re-imagining Classification Systems in Remote Libraries. In: Journal of the Australian Library and Information Association 68 (2019) 3: 278–289, https://doi.org/10.1080/24750158.2019.1653611 [Paywall]) (ks)

Katalogisierungsstandards werden verstärkt als internationale Standards verstanden, ebenso die auf diesen aufbauende Services, obwohl sie geprägt sind vom Bibliothekswesen in einigen wenigen Staaten im globalen Norden. Bei diesen Standards wird eine Neutralität behauptet, die sie nicht haben. Darauf weist der Text von Hollie White und Songphan Choemprayong zur Katalogisierungspraxis in Thailand explizit hin. Mit Fokusgruppe und einer Reihe von Interviews erhoben sie bei Personen, die in unterschiedlichen Bibliotheken in Thailand für die Katalogisierung zuständig sind, nicht nur deren Wissen über diese Standards, sondern auch Angaben über ihre alltägliche Praxis. Es wird schnell eine Wissenshierarchie sichtbar. So nutzen beispielsweise die meisten Bibliotheken Daten aus dem Worldcat-Katalog, aber kopieren diese oft händisch. Nur eine kleine Zahl grosser Wissenschaftlicher Bibliotheken aus Thailand sind auf den Worldcat abonniert, was heisst, dass die meisten Titel in Thai, deren Metadaten dann in den Katalogen thailändischer Bibliotheken zu finden sind, ausserhalb Thailands erstellt werden und diese fast keine Möglichkeit haben, darauf Einfluss zu nehmen. Es zeigt sich auch, dass eine ganze Reihe von Bibliotheken andere Katalogisierungspraktiken entwickelt hat, als sich an den Standards zu orientieren – aber auch weder Infrastruktur, Zeit noch Wissen haben, sich an einer Entwicklung dieser (oder anderer, vielleicht rein thailändischer) Standards zu beteiligen. So bleiben sie immer ein Werk von ausserhalb der thailändischen Bibliothekscommunity. Zu vermuten ist, dass das nicht nur für Thailand zutrifft. (Hollie White ; Songphan Choemprayong (2019). Thai Catalogers’ use and Perception of Cataloging Standards. In: Cataloging & Classification Quarterly (Latest Articles), https://doi.org/10.1080/01639374.2019.1670767 [Paywall]) (ks)

3. Monographien

Bei seinem Erscheinen 2008 wurde, soweit das ersichtlich ist, die Studie von Arnulf Kutsch im Bibliothekswesen nicht wahrgenommen, obgleich er – so der zweite Untertitel der Arbeit – Studien zur Frühgeschichte der Bibliothekswissenschaft und der Zeitungskunde vorlegt. Dies soll hier nachgeholt werden. Grundthese der Studie ist, dass Anfang des 20. Jahrhunderts formative Jahre sowohl für die Zeitungswissenschaft als auch die Bibliothekswissenschaft gewesen seien, in denen Grundparadigma zur Wirkungsforschung von Medien etabliert wurden. Der Fokus liegt bei Kutsch auf zwei Personen: Douglas Waples für die USA und Walter Hofmann für Deutschland. Beide hätten daran gearbeitet, eine Leseforschung zu fundieren, die danach fragte, wie Medien tatsächlich genutzt würden. Während Waples damit eine Basis für die Bibliothekswissenschaft in der USA gelegt hätte, sei Hofmann in Deutschland daran gescheitert. Hofmann, der aus dem Richtungsstreit der Volksbibliotheken und Lesehallen in den 1920ern bekannt ist, gründete in Leipzig unter anderem das Institut für Leser- und Schrifttumskunde. Der Fokus dieser Einrichtung lag auf den Leseinteressen der Arbeiter*innen. Damit wollte er eine wissenschaftliche Basis für die Bibliotheksarbeit legen, fand aber nie Anschluss an die Wissenschaft selber und blieb dann, trotz Annäherungsversuchen an das Regime, im Nationalsozialismus auch vom Bibliothekswesen ausgeschlossen. Beide betrieben in den 1930er Jahren gemeinsam eine Studie – genauer führten sie eine von Waples noch einmal in Leipzig durch –, allerdings ohne grossen Einfluss. Kutsch interessiert an diesen Beiden vor allem die theoretischen Ansätze, welche er als Grundlagen für die Zeitungswissenschaften ansieht, die nicht genutzt wurden. Aber auch für die Bibliothekswissenschaft im DACH-Raum ist seine Darstellung vor allem eine Erinnerung an mögliche Wege, die nicht gegangen wurden. Das heisst nicht per se, dass sie hätten gegangen werden müssen: Das Denken Hofmanns war zeittypisch autoritär sowie völkisch und rassistisch genug, dass er sich begründet Hoffnungen machen konnte, damit auch nach 1933 akzeptiert zu werden. Dieses Denken ist selbstverständlich auch Teil seiner theoretischen Überlegungen. Aber dennoch ist es eine Erinnerung daran, dass die Entwicklung der Bibliothekswissenschaft und der theoretischen Basis des Bibliothekswesens nicht so sein und bleiben muss, wie sie ist, sondern dass immer andere mögliche Weiterentwicklungen existieren. (Arnulf Kutsch (2008). Leseinteresse und Lektüre. Die Anfänge der empirischen Lese(r)forschung in Deutschland und den USA am Beginn des 20. Jahrhunderts. Studien zur Frühgeschichte der Bibliothekswissenschaft und der Zeitungskunde. [Presse und Geschichte – Neue Beiträge, 35] Bremen: edition lumière, 2008 [Print]) (ks)

Selbstverständlich ist der Titel European Origins of Library and Information Science viel zu gross für das, was Fidelia Ibekwe in ihrem Buch unternimmt. Es geht nicht um ganz Europa, sondern um sieben Staaten (Frankreich, Portugal, Spanien, Dänemark, Norwegen, Schweden und Jugoslawien), deren Entwicklungen in der Bibliotheks- und Informationswissenschaften sie zusammenführt. Wie im Vorwort bemerkt, hat dies mit den Sprachen, welche die Autorin spricht, und der Verfügbarkeit von Expertinnen und Experten, die interviewt werden konnten, zu tun. Im gleichen Vorwort wird aber davon gesprochen, dass dieses Buch der Beginn einer ganzen Reihe von vergleichenden Studien dieser Art sein soll – insoweit kann es gut sein, dass Entwicklungen in anderen Staaten noch besprochen werden. Die Autorin hat aber selbstverständlich Recht damit, dass die Geschichte dieser (unserer) Wissenschaft bislang fast nur auf nationaler Ebene beschrieben wurde und es sinnvoll wäre, sie vergleichend zu betreiben. Leider geht das Buch dabei kleinteilig, aber unkritisch vor. Zu den einzelnen Ländern werden die Ereignisse (wie bestimmte wichtige Publikationen, Gründung von Lehrgängen, Verbänden, Lehrstühlen oder auch politische Entscheidungen, die sich auf die Wissenschaft auswirkten) einfach aufgezählt. Einzelne Texte werden genauer referiert. So lesen sich diese nationalen Geschichten oft einfach wie Aneinanderreihungen von Entscheidungen einzelner Personen und Institutionen. Interpretiert wird dies nicht, in Kontexte eingebunden auch nicht. Teilweise erscheinen die besprochenen Einzelpersonen wie einsam handelnde Heldengestalten. Es ist also eher eine veraltete Form der Geschichtsschreibung, die hier versucht wird. Am Ende stellt die Autorin fest, dass sich die untersuchten romanisch-sprachigen Staaten an den französischen Entwicklungen orientieren; die anderen an der US-amerikanischen. Zudem gab es in allen immer wieder Versuche, das Feld eng zu führen und zu definieren. Letztlich aber entwickelt sich die Wissenschaft immer wieder zu einer thematisch offenen, interdiziplinären. (Fidelia Ibekwe (2019). European Origins of Library and Information Science [Studies in Information, 13]. Bingley : Emerald Publishing Limited, 2019 [Print]) (ks)

Herrschaftswissen: Bibliotheks- und Archivbauten im Alten Reich ist ein Tagungsband der Arbeitsgemeinschaft für Geschichtliche Landeskunde am Oberrhein, also keines bibliothekarischen Vereins, auch wenn die beiden Herausgeber Bibliothekare sind. Die Tagung beschäftigte sich mit Bibliotheken und Archiven in Schlössern und Klostern des Barocks, vornehmlich in der Region des Oberrheins. Der Fokus lag ganz auf Baugeschichte, Bau- und Bildprogramme der Räume. Teilweise werden die Ziele der Bauherrn thematisiert. Ganz dem barocken Raumverständnis nach geht es immer um den Gesamtraum als Gesamtkunstwerk, nicht um den konkreten Bestand – der oft als Teil des Gesamtraumes begriffen wurde – und auch nicht um die Nutzung dieses Bestandes. Es ist ein Blick in ein sehr anderes Verständnis von Bibliotheken und Archiven als Repräsentationsräume und nicht als Nutzungseinrichtungen. Das Buch ist durchzogen von Bildern schöner Räume, die Texte sind zu grossen Teilen vergnüglich zu lesen, teilweise sind es aber Aufzählungen von Fakten. Das Buch ist sehr schön anzusehen und damit unterhaltsam, auch wenn – oder gerade weil – es für heutige Bibliotheksentwicklung wenig zu sagen hat. (Konrad Krimm ; Ludger Syré (Hrsg.) (2018). Herrschaftswissen : Bibliotheks- und Archivbauten im Alten Reich [Oberrheinische Studien, 37] Ostfildern : Jan Thorbecke Verlag, 2018 [Print]) (ks)

If there ever was a coffee table book for librarians this may be it. The format is 40x29x7 cm and it clocks in at about 8 kg. Thanks to the very welcome cardboard case you could also carry it to some place else (or to your home when it was delivered to some pickup station). The typography connoisseur will be pleased by the exquisite use of fonts. Book aficionados will enjoy the different kinds of paper used when the tactile senses will report something you hardly get from other books. And there is no pungent stench when you open it for the first time. Of course there is a silk-like bookmark to put in any of the 560 pages. Short informative texts in English, German and French by Georg Ruppelt and other competent librarians complete the information about some remarkable historic libraries with more context on librarianship. Europe and the Americas are covered in this book. The high-resolution photography by Listri is just gorgeous. The librarian in me would have appreciated some data points about the camera and its settings but we are digressing. Every library is introduced with some short text and metadata. In the full-size pictures the architecture, book display and overall atmosphere really come across. Hashtag LibraryPorn. Rather paradoxically the impressive detail in the photos just makes you want to have even larger pictures to study. But that would require a different kind of exhibition. The publishing house ‘Taschen’ claims carbon footprint: zero. The book has been featured on https://nerdcore.de – a decades old non-commercial output that enlarges the horizon of most interested readers. The book’s selling price has risen since the reviewer has bought it a year ago.1 (Massimo Listri (2018). The world’s most beautiful libraries = Die schönsten Bibliotheken der Welt. Köln : TASCHEN, 2018 [Print]) (as)

2016 erregte die Nachricht, dass unter anderem der umstrittene Bibliothekar und Bibliothekshistoriker Uwe Jochum sich an der Herausgabe eines neuen Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte beteiligte, einiges Aufsehen im Bibliothekswesen. Während die erste Ausgabe zum Teil noch öffentlich kommentiert wurde, wurde es anschliessend um dieses Jahrbuch sehr ruhig. Es ist aber nicht eingegangen, sondern 2019 in der vierten Ausgabe erschienen. Der Rezensent nimmt für diese Kurzbesprechung alle vier Ausgaben zur Basis. Auffällig an ihnen ist, dass sie – auch erklärtermassen, wie in den Vorworten zu lesen ist – in einer eher älteren Publikations- und Wissenschaftskultur verortet werden. Das im Jahrbuch vertretene Ideal ist das Wissenschaftlicher Bibliothekar*innen, welche sich in ihrer Arbeit auch wissenschaftlich untersuchend mit dem Medium Buch beschäftigen. Bettina Wagner – eine der Herausgeber*innen – betont dies im Vorwort der vierten Ausgabe explizit. Dieses Bild scheint eher dem 19. Jahrhundert verpflichtet zu sein: Geschichtliche und altphilologische Kenntnisse scheinen bei den Lesenden vorausgesetzt zu werden, ebenso wird ein eher konservatives Geschichtsbild bedient. Selbstverständlich erscheint das Jahrbuch gedruckt.

Unterteilt ist es jeweils in Vorwort, Forschungsartikel (dem jeweils grössten Teil), eher freie Essays (unter dem Rubrikennamen Kritik) und Fundberichte (über von Bibliotheken neu erworbene alte Schriften und Drucke oder solche, die in Beständen von Bibliotheken und Archiven aufgefunden wurden). Die Forschungsartikel beschäftigen sich zumeist mit ganz expliziten Beständen alter Drucke, der Geschichte einzelner Bibliotheken oder sehr spezifischen Fragen mit Bezug auf Buch- und Druckgeschichte (zum Beispiel – Christine Sauer im ersten Band – dem Nachweis, wie gross die Druckwerkstatt Anton Kobergers gewesen sei.) Es gibt keine Einschränkung der Zeit, über die geforscht wird, es findet sich also auch ein Artikel zu Bibliotheken in der Antike (lydia Glorius, erster Band) oder der Wahrnehmung der Revolution 1918 durch Georg Leidinger (Gerhard Hölzle, vierter Band). Der Schwerpunkt liegt aber erkennbar auf dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, räumlich scheint der süddeutsche Raum im Fokus zu liegen.

Alle Artikel sind eingehend recherchiert und gut dokumentiert. Geschrieben sind sie meist von Bibliothekar*innen aus Einrichtungen mit historischen Beständen. Sie scheinen, wie gesagt, zumeist oft einem Modell der Geschichtsschreibung des späten 19. Jahrhunderts zu folgen: Sie setzen ein profundes geschichtliches Wissen voraus (es gibt fast nie eine Kontextualisierung, sondern es wird einfach angenommen, dass die Lesenden zum Beispiel wissen, wie der bayerische Staat gefestigt wurde oder warum bestimmte theologische Auseinandersetzungen relevant waren), gleichzeitig wird bei den Untersuchungen zumeist ganz kleinteilig vorgegangen. Das Erkenntnisinteresse wird eigentlich nie benannt, auch kaum die Relevanz der jeweiligen Ergebnisse diskutiert. Vor allem wird im Jahrbuch Geschichte offenbar sehr konservativ begriffen: Als Ablauf von Ereignissen, die zu berichten seien, wie sie vorfiehlen – nicht als eine Möglichkeit der Entwicklung unter vielen, die auch hätten sein können. So, als wäre Geschichte nicht gestaltbar.

Polemiken, die von Uwe Jochum offenbar erwartet wurden und weshalb das Jahrbuch zuerst Beachtung fand, finden sich nur verstreut in den ersten Ausgaben. Vielmehr ist das Jahrbuch, bei allem Respekt vor der Arbeitsleistung hinter den Artikeln (und bei einigen Artikeln, die aus dem Rahmen fallen), aber vor allem eines: Bieder. (Uwe Jochum, Bernhard Lübbers, Armin Schlechter, Bettina Wagner (Hrsg.) (2016 – ). Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte. Heidelberg: Universitätsverlag Winter [Print]) (ks)

4. Social Media

Peter Delin ist bekannt dafür, dezidierte Meinungen zur Bibliotheksentwicklung in Deutschland und vor allem in Berlin zu haben. Insbesondere gegen die Utopien beziehungsweise Dystopien der Ersetzung von gedruckten durch elektronische Medien, welche eine Grundlage für viele aktuelle Bibliotheksstrategien bilden, ist er kritisch eingestellt. Garantiert sind viele Bibliotheksdirektionen, die sich Gedanken machen wollen über die Zukunft ihrer Bibliotheken, genervt von diesen Einwürfen – würden sie doch, wenn man sie ernst nimmt, oft bedeuten, dass heute schon viel richtig gemacht wird, also der ganze Veränderungsdruck, den man behauptet, um Entwicklungen zu begründen, gar nicht so gross ist. Das könnte bedeuten, dass man mehr darüber nachdenken müsste, warum man bestimmte Transformationen angeht. Und dennoch – beziehungsweise gerade deshalb – lohnt es sich, die Beiträge von Delin wahrzunehmen. Sie sind nämlich, bei aller Polemik, oft fundierter als die meisten Strategiekonzepte. In einer Nachricht, Anfang August, in der Inetbib liefert Delin dafür wieder ein Beispiel: Anhand vorliegender statistischer Daten zeigt er, dass die Ablösung von gedruckten Büchern durch E-Books in den Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland und in Skandinavien in den letzten Jahren gerade nicht stattgefunden hat, trotz allem Diskurs darum. Erstaunlich ist dabei selbstverständlich, dass diese Daten offen liegen, also alle, die sich um die Entwicklung von Bibliotheken Gedanken machen, auf diese hätten schon zugreifen können. Zu wünschen wäre, wenn zukünftige Debatten um die Entwicklung von Bibliotheken auf diesem Niveau geführt würden. [http://www.inetbib.de/listenarchiv/msg66644.html] (ks)

5. Konferenzen, Konferenzberichte

[Diesmal keine Hinweise.]

6. Populäre Medien (Zeitungen, Radio, TV etc.)

Katrin Passig wundert sich in der Frankfurter Rundschau ein wenig über das Phänomen, dass die unzulässige digitale Vervielfältigung von Textinhalten, und damit auch die Schattenbibliotheken, ein vergleichsweise spätes Phänomen des doch Filesharing begünstigenden Internets war und erst seit den Gründungen von Library Genesis im Jahr 2008 und Sci-Hub im Jahr 2011 eine Art Schub erfuhr. Zugleich weiß sie aus persönlichen Gesprächen und Erfahrungen zu berichten, dass an Hochschulen eine Nutzung solcher Bezugsquellen für Literatur weit verbreitet – knapp 100 Prozent der [anekdotisch von ihr] Befragten – ist. Zwei Gründe kristallisieren sich heraus: Einerseits ist es meist weniger aufwendig, über Schattenbibliotheken einen Text abzurufen als beispielsweise über den Gang in die Bibliothek. Andererseits haben Universitätsbibliotheken sehr viele Inhalte nicht im Bestand, Schattenbibliotheken jedoch schon – die Möglichkeit einer Fernleihe wird nicht thematisiert, verständlicherweise, siehe Bequemlichkeitargument. Offen jedoch spricht kaum jemand über diese Praxis einer auf digitale Kopien setzenden ergänzenden und rechtlich hochproblematischen Literaturversorgung, was, so ihre interessante und unerwartete Perspektive, für eine Wissenschaftsgeschichtschreibung in der Zukunft neue Herausforderung für die Rekonstruktion wissenschaftlicher Arbeitsweisen in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts aufwerfen wird. (Kathrin Passig: Die Buch-Kopisten. In: Frankfurter Rundschau, 13.07.2019, S. 10) (bk)

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung betont Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, dass ein zentrales Problem für Bibliotheken (oder die Deutsche Nationalbibliothek, die Interviewsituation klärt das nicht eindeutig auf) ist, kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Dies gilt insbesondere für IT-Kompetenzen. (Caspar Busse: Ohne Geschichte kann man nicht leben. Montagsinterview mit Elisabeth Niggemann. In: Süddeutsche Zeitung, 22. Juli 2019, S. 16) (bk)

Die öffentliche Bibliothek in Remscheid setzt auf eine Reihe neuer Dienste, berichtet die Solinger Morgenpost. Dazu gehört ein freier Marktplatz beziehungsweise Market Space zum Ausprobieren digitaler Technik (unter anderem 3D-Drucker), die Einrichtung einer Sitz- und Kaffeeecke und eine Bühne für Veranstaltungen – alles Entwicklungen, die unter das Programm eines Umbaus zu einem Dritten Ort im Sinne Ray Oldenburgs gehören. Maßgeblich geprägt ist die Entwicklung, so der Beitrag, durch eine mittlerweile im Haus aktive neue Generation an Bibliothekaren zwischen 25 und 35 Jahren. (Christian Peiseler: Die Bibliothek der Zukunft startet. In: Solinger Morgenpost, 25.07.2019, S. D1) (bk)

Die Süddeutsche Zeitung begeistert sich en passant in einem Bericht über das Architekturbüro MVRDV, deren Bibliothek in der südholländischen Stadt Spijkenisse, gesetzt auf einen Sockel, in dem ein Lesecafé, ein Umweltzentrum und Geschäfte einzogen, was wirkt, als hätte sich hier ein Bücherberg über den Rest aufgetürmt. Das Büro selbst führt das Projekt denn auch unter der Bezeichnung Book Mountain (https://www.mvrdv.nl/projects/126/book-mountain). (Laura Weissmüller: Jedes Haus ein Tausendsassa. In: Süddeutsche Zeitung, 11.07.2019, S. 11) (bk)

Eine von vielen Medien übernommene Agenturmeldung der dpa berichtet über Einschätzungen von Cornelia Poenicke vom Deutschen Bibliotheksverband Sachsen-Anhalt zur Zukunft von Bibliotheken. Sie betont den Schwenk in der Ausrichtung von der Orientierung auf Medien hin zur einer stärkeren Diversifikation der Angebote, der sich in dem Slogan Weniger Regale, mehr Begegnung bündelt. Während in Sachsen-Anhalt die Zahl der Einrichtungen zurückgeht (2018: 186 ÖBs, 2010: 233), bleiben die Nutzungshäufigkeiten auf gleichbleibendem Niveau (2018: 1,98 Millionen Besucher*innen). Herausforderungen sieht die Bibliotheksleiterin der Stadtbibliothek Magdeburg vor allem für kleinere Einrichtungen in schrumpfenden Gemeinden. Den Bibliotheken fallen im Zuge dieses demographischen Wandels auch Nutzer*innen weg. Zugleich treten Streamingdienste in direkte Versorgungskonkurrenz. Und drittens sind öffentliche Bibliotheken freiwillige und damit bei Bedarf und Haushaltsbeschluss auch einsparbare Leistungen von Kommunen. Dennoch beziehungsweise umso mehr bleibt die Versorgung in der Fläche eine Aufgabe für das Bibliothekswesen, wofür in Sachsen-Anhalt vier Fahrbibliotheken betrieben werden. (dpa/sa: Bibliotheken verändern sich: große Häuser werden attraktiver. In: Volksstimme / volksstimme.de, 07.07.2019, https://www.volksstimme.de/sachsenanhalt/bibliotheken-veraendern-sich-grosse-haeuser-werden-attraktiver/1562484244000) (bk)

Auch in den Niederlanden gäbe es einen Trend von Bibliothek als mehr als Medienausleihstation, wie einer kurzen Meldung zur Fusion der Bibliotheken von VANnU (Zundert, Roosendaal, Halderberge, Moerdijk und Rucphen) und von Het Markiezaat (Bergen op Zoom, Steenbergen und Woensdrecht) zum 01. Januar 2020. Stattdessen werden Bibliotheken stärker in der Rolle als Bildungseinrichtungen, also beispielsweise der Medienerziehung und Alphabetisierung, verstanden. (o.A.: Bibliotheken VANnU en Het Markiezaat gaan in januari fuseren. In: nu.nl, 10.07.2019, https://www.nu.nl/west-brabant/5963281/bibliotheken-vannu-en-het-markiezaat-gaan-in-januari-fuseren.html)) (bk)

Ebenfalls in den Niederlanden werden Bibliotheken als Anlaufpunkte für Informationen zur digitalen Verwaltung ausgebaut. In Venlo eröffnete im Sommer zu diesem Zweck der erste Informatiepunt Digital Overheid. Weitere folgen. Das Programm wird vom Regierungskabinett mit 7,5 Millionen Euro und von der Königlichen Bibliothek mit weiteren 5,5 Millionen Euro gefördert. Zielgruppen sind Teile der Bevölkerung mit geringeren digitalen Kompetenzen. Für diese werden neben den Informationsangeboten auch Weiterbildungen finanziert. (Peter Wintermann: Bibliotheken krijgen loket voor digibeten. In: Het Parool / parool.nl, 01. Juli 2019, https://www.parool.nl/nederland/bibliotheken-krijgen-loket-voor-digibeten\~bfb8d260) (bk)

Der Bonner Generalanzeiger stellte die neue Leiterin der Zentralbibliothek der Stadt Bonn, die gebürtige Dessauerin und Wahl-Wuppertalerin Sylvia Gladrow, vor. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Entwicklung eines Makerspaces. Außerdem vertritt sie die Position, dass Stadtbibliotheken in den Dialog zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen treten sollten. (Nicole Garten-Dölle: Zentralbibliothek unter neuer Leitung. In: General-Anzeiger, 05. Juni 2019, S. 21, http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/Bonner-Zentralbibliothek-hat-neue-Leiterin-article4119971.html) (bk)

In Dormagen ist im Sommer und bis Oktober ein Bookbike unterwegs, das eine Auswahl an Büchern sowie Bastel- und Malmaterialien an verschiedenen Standorten der Stadt, unter anderem an Spielplätzen, in einer Art Outreach-Programm für Kinder anbietet. (Red: Bookbike macht auch am City-Beach Station. In: Westdeutsche Zeitung, Lokalteil Rhein-Kreiss Neuss, 18.07.2019, S. 25) (bk)

Die Katholische Nachrichten Agentur (KNA) meldet, dass sowohl die Katholische als auch die Evangelische Kirche in Nordrhein-Westfalen die Sonntagsöffnung öffentlicher Bibliotheken unterstützt. Sie erhoffen sich dabei auch eine Stärkung kirchlicher Bibliotheken. Öffentliche Bibliotheken werden in der Meldung als niederschwellige[r], konsumfreie[r] und öffentliche[r] Begegnungs- und Kulturraum beschrieben. (KNA: Kirchen unterstützen Sonntagsöffnung öffentlicher Bibliotheken. KNA Landesdienst NRW, 28.06.2019) (bk)

Aus der FAZ erfahren wir zwei Fakten über die Bibliothek im Deutschen Haus bei der UNO in New York: Erstens, dass die Bestände nicht allzu üppig sind, was aber nur bedingt eine Rolle spielt (Dass der Bestand an Büchern in dem Raum sehr überschaubar ist, wird durch die wache Präsenz des Gastgebers [i.e. Christoph Heusgen, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen] kompensiert.) Und zweitens, dass man von der richtigen Längsseite des Tisches in der Bibliothek aus der Bibliothek über den East River hinweg blicken und am anderen Ufer Brooklyn sehen kann. (Ewald Hetrodt: Schwierige Gespräche in hohen Türmen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2019, S. 29) (bk)

In Mainz planen dieser Tage Studierende des Fachbereichs Architektur an der dortigen Hochschule ein Computer- und Medienzentrum. (Tim Blumenstein: Auf ein Wort. Stefanie Freitag. Ist Fan der Stadt Mainz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Rhein-Main-Zeitung, 09.07.2019, S. 32) (bk)

An der Bibliothek des Georgia Institute of Technology (Georgia Tech) werden Drohnen für den Buchtransport eingesetzt. (John Tinnell: Op-Ed: Are scooters a transit solution or a Trojan Horse for big tech to colonize our public spaces? In: Los Angeles Times / latimes.com, 18.07.2019, https://www.latimes.com/opinion/story/2019-07-18/scooters-bird-uber-airbnb-tech-public-space? ) (bk)

Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja berichtet, dass sie einmal nach dem Besuch offenbar der Buchhandlung Walther König in der Berliner Burgstraße nach einer Art Fotobildbandüberforderung in der gleich nebenan gelegene Bibliothek des Polnischen Instituts Zuflucht suchte und sich dort denkbar sinnlich den Büchern näherte. Es ähnelte einem Traum. Sie fand Czeslaw Milosz’ Die Straßen von Wilna. (Katja Petrowskaja: Was wir sehen. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.07.2019, S. 34) (bk)

Der Karikaturist Plantu (Jean Plantureux) übergab der Bibliothèque nationale de France (BnF) einen Großteil seiner Zeichnungen. (o.A.: lantu confie ses dessins de presse à la BnF. In: Liberation / liberation.fr, 04.07.2019, https://www.liberation.fr/direct/element/plantu-confie-ses-dessins-de-presse-a-la-bnf_99791/ ) (bk)

Bereits im September 2018 berichtete die Lokalzeitung von Rockland County, NY, The Journal News, dass eine Sammelaktion für das Bibliothekstier der Katonah Village Library, eine Schildkröte namens Tina the Turtle, 5000$ für ein neues Becken zusammenbrachte. Bei der Gelegenheit werden weitere Bibliothekstiere erwähnt: Katzen in der Bibliothek von Blauvelt und ein Hamster namens Jasmine in Orangeburg. Hinter dem Konzept der Bibliothekstiere steckt mehr als reine Sensation. Ihr Ziel ist die Vermittlung von sozialen Kompetenzen wie Empathie und der kommunikative Brückenbau zu schüchternen Kindern. (Julie Moran Alterio: Hamsters, turtles, dogs and kittens: Does your library have a resident pet? In: The Journal News / lohud.com, 29.08.2018, https://eu.lohud.com/story/life/2018/08/29/animal-fans-raise-5-k-katonah-librarys-resident-turtle-tina/949387002/) (bk)

Die Wiener Zeitung zitiert im Rahmen einer Besprechung von Massimo Listris im Taschen Verlag erschienen Buch Die schönsten Bibliotheken der Welt (siehe dazu auch die Kurzrezension in dieser Kolumne) die bekannte, die Berliner Bibliothekswissenschaft lange grundsätzlich prägende Definition Die Bibliothek ist eine Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für die Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht aus dem Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung von Gisela Ewert und Walter Umstätter aus dem Jahr 1997, findet sie im Klang sehr trocken und ergänzt als synonyme Beschreibung: Schatzkammer des Wissens. (Christina Mondolfo: Paradies für Bibliophile. In: Wiener Zeitung, 16.11.2018, S. 4ff) (bk)

In der Ausgabe der Tageszeitung Freiheit vom 31.03.1983 findet sich auf Seite 11 ein Bild des 79-jährigen Wissenschaftlers Prof. Dr. med. Herbert Urban, der als ältester Leser der Universitätsbibliothek Leipzig vorgestellt wird. Er arbeitet, so ist zu erfahren, an einer Trilogie Ethno- und Theo-Psychiatrie. Der Katalog der DNB weist bis heute kein Buch mit einem solchen Titel nach. (bk)

Das Medium Buch und seine mediale Logik stehen erwartungsgemäß im Zentrum eines lesenswerten Berichts über den Berliner Verlag Brinkmann & Bose in der von hundert #33 (September 2019). Die große Stärke des Handmediums sieht die Mitinhaberin des Verlages, Rike Felka, darin, dass es im Gegensatz zu digitalen Medien einen medienkritischen Diskurs direkt auf gestalterischer und inhaltlicher Ebene führbar macht. Dadurch wird das Buch selbst zu mehr als einem Übertragungsmedium, nämlich konkret zu einem diskursiven Objekt. (Birgit Szepanski: Über das Lesen und Verlegen von Büchern - Ein Besuch beim Berliner Verlag Brinkmann & Bose. In: von hundert #33 / September 2019, S. 6–10) (bk)

7. Abschlussarbeiten

[Diesmal keine Hinweise.]

8. Weitere Medien

Die Carpentries-Familie umfasst drei Sektionen: Daten https://datacarpentry.org/, Software https://software-carpentry.org/ und Bibliotheken https://librarycarpentry.org/. In dem Webinar stellt Chris Erdmann, Bibliothekar an der California Digital Library und Library Carpentry Community and Development Director, das Format Library Carpentry vor: Was ist der Hintergrund für diese Initiative? Wie arbeitet die non-profit Organisation? Was ist Gegenstand in den Workshops und wie werden diese organisiert? Warum sind die Workshops relevant, insbesondere für Mitarbeiter*innen Wissenschaftlicher Bibliotheken? Und wie können sich Interessierte selbst in der Community einbringen? Ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen… (Webinar: The Carpentries: Teaching data science skills. YouTube, 7.2.2019. https://youtu.be/o4aZ5f74zGU) (mv)

Die American Library Association (ALA) hat unter URL https://ebooksforall.org/ eine neue Protestwebseite gegen die E-Book-Lizenzierungspraxis des Verlags Macmillan, der zur deutschen Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, aufgesetzt. Macmillan ist einer der sogenannten Big Five, also einer der fünf großen Publikumsverlage der USA. Seit November 2019 kann jede amerikanische Bibliothek während der ersten acht Wochen nach erscheinen eines Macmillan-Buches nur ein einziges E-Book erwerben und verleihen – völlig unabhängig davon, wie viele Nutzerinnen und Nutzer die Bibliothek tatsächlich hat. Begründet wird dies vom CEO von Macmillan unter anderem damit, dass die Onleihe der Bibliotheken die Verkaufszahlen kannibalisiere (https://www.publishersweekly.com/binary-data/ARTICLE_ATTACHMENT/file/000/004/4222-1.pdf). Die Webseite bietet einen Überblick über die Sachlage sowie die Aktionen der ALA gegen dieses Embargo und hat über eine Unterschriftensammlung inzwischen mehr als 200.000 Stimmen gegen diese Praxis gesammelt. (Webseite: #ebooksForAll: Tell Macmillan Publishers that you demand #eBooksForAll, 2019, https://ebooksforall.org/ (eb)


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