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Ein Gespräch mit den LIBREAS-Gründer*innen Maxi Kindling und Ben Kaden


Zitiervorschlag
Maxi Kindling, Ben Kaden, Linda Freyberg, "Ein Gespräch mit den LIBREAS-Gründer*innen Maxi Kindling und Ben Kaden". LIBREAS. Library Ideas, 48 ().


Geführt von Linda Freyberg am 24.03.2026


Linda Freyberg: Es geht heute um LIBREAS: Wie alles angefangen hat, wie es weiterging und wie ihr das alles einschätzt und empfunden habt. Wir beginnen mit der Gründung und reisen jetzt erst mal ins Institut für Bibliothekswissenschaft in den 2000er Jahren zurück.

Wie kam die erste Idee für LIBREAS zustande? Wer war dabei? Was war der Kontext am Institut? Und was war eure Motivation und in welchem Jahr war das?

Ben Kaden: Also, das war im Jahr 2004: Das Institut hieß damals noch Institut für Bibliothekswissenschaft (IB). Kurz darauf wurde es dann zum Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI). Und es hatte gerade so die Kurve bekommen, da es kurz zuvor wegen Sparmaßnahmen beinahe geschlossen worden wäre.

So etwas traf und trifft ja hin und wieder Institute an der Humboldt-Universität und einige sind auch verschwunden. Jemand in der Hochschulleitung hatte damals also entschieden, dass auch das Institut für Bibliothekswissenschaft verzichtbar wäre. Es gab Gründe dafür, auf die müssen wir jetzt nicht eingehen. Aber es gab zugleich natürlich reichlich Gründe dagegen. Für uns sprach zunächst einmal dagegen, dass wir dort studierten und uns mit dem Fach identifizierten. Entsprechend war unsere Position: Ja, wir sehen großen Sinn darin, das einzige Institut für Bibliothekswissenschaft an einer deutschen Universität am Leben zu erhalten. Es war, wenn man so will, halb Eigennutz, halb Stolz aufs Fach. Es gab also ab dem Wintersemester 2003/04 Protestbewegungen, Demonstrationen, eine Sarg-Niederlegung vor der Staatsbibliothek.

Als sich die Situation dann konsolidiert hatte und wir immer noch ein und am Institut waren – ich hatte ja auch eine Stelle am Institut, saß in der Saur-Bibliothek und arbeitete für Walther Umstätter –, dachten wir uns, wir müssten aus dem Protest etwas Nachhaltiges ableiten. Parallel und übergeordnet setzte sich zeitgleich etwas durch, was man Web 2.0 nannte, also die Idee, dass Leute sehr einfach und frei Inhalte im Internet publizieren können.

Wir hatten das Thema auch auf der Agenda unseres Studienplans. Dieser enthielt außerdem ein Seminar, in dem wir lernten, wie man Bücher macht: Von der Idee zum Buch von Petra Hauke. Das war ein tolles Projekt und es motivierte uns, selbst ein Publikationsprojekt anzugehen.

Daneben hatten wir etwas Technik und Handwerkszeug, sprich einen Computer mit Dreamweaver-Zugang im Institut und ein paar HTML-Kenntnisse. Und wir hatten ein kleines Netzwerk unter anderem mit Elisabeth Simon und Walburga Lösch. Beide führten damals einen kleinen Verlag namens BibSpider.1 Wir kamen ins Gespräch und dann kam irgendwann der Gedanke, naja, warum gründen wir nicht eigentlich eine eigene Zeitschrift.

Für uns als Studierende war es zu dieser Zeit sehr schwer, in etablierte Journals reinzukommen. In unserem Fach waren es alles noch gedruckte Zeitschriften. Open Access war in der deutschen Bibliothekswissenschaft noch gar nicht etabliert.

Wir haben dann diese Bausteine für uns zusammengezogen und gedacht: Hier ist der Aufbruchsgeist, wir wollen etwas für die Sichtbarkeit der Berliner Bibliothekswissenschaft im Internet machen – warum eigentlich nicht gleich eine frei zugängliche elektronische Zeitschrift? Also probierten wir es einfach aus und bastelten uns eine eigene Plattform. Wir meinten es ernst damit, wie man im Editorial der ersten Ausgabe immer noch nachlesen kann2, eine Zeitschrift zu machen, wie wir sie selbst gern lesen wollten.

Es gab auch eine weitere, ein bisschen weniger bekannte Entwicklung mit einem verstärkenden Effekt: Walther Umstätter hatte mich als seinen studentischen Mitarbeiter beauftragt, herauszubekommen, was eine elektronische Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft eigentlich erfordern würde. Er trug sich auch mit einer Gründungsidee. Diese verlief allerdings im Sand, weil dann, wenn man es groß aufziehen möchte, sofort 100 Leute Einwände haben und sagen, wie es gemacht werden sollte. Wir als Studierende waren da einerseits freier und andererseits naiv und dreist genug, um so etwas zu übergehen. Wir wollten nicht darauf warten, bis die Zeit insgesamt reif ist. Denn für uns war sie es ja bereits.

Linda: Wer war bei der ursprünglichen Gruppe dabei und inwiefern hatte das mit der Fachschaft zu tun, in der ihr ja beide auch sehr engagiert wart und wie würdet ihr die Atmosphäre damals beschreiben?

Maxi Kindling: Ja, das waren aus der Fachschaftsinitiative damals: Ben, Manuela Schulz und ich. Ich würde auch nochmal unterstreichen, was Ben gerade gesagt hat: Im Rückblick war es eine Zeit, in der wir erstaunlicherweise niemandem Rechenschaft ablegen mussten. Das IB war einfach ein Ort, an dem man solche Dinge ausprobieren konnte. Sicher gab es auch einige kritische Rückmeldungen. Aber uns legte niemand wirklich Steine in den Weg. Ich weiß nicht, ob man das so heute reproduzieren könnte.

Ebenfalls wichtig ist, dass wir zwar Open Access gemacht haben, aber es nicht OA genannt haben. Wir begannen LIBREAS nicht als Open Access Journal. Es sollte einfach frei zu lesen und auf keinen Fall mit irgendwelchen Schranken verbunden sein. Erst 2006 entstand der Lehrstuhl von Peter Schirmbacher. Das IBI setzte sich dann enger mit dem Thema Open Access auseinander. Erst dann wurde uns klar, dass das, was wir da machen, eigentlich auch einen Namen hat. Und erst zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigten wir uns auch mit Dingen wie Lizenzen. Anfangs spielte das noch keine große Rolle.

Was ich vielleicht noch ergänzen möchte, ist, dass wir, Manuela und ich, damals überhaupt keine Sorge hatten, dass wir so ein Journal nicht gefüllt bekommen. Denn eigentlich hätten wir uns ja auch fragen können, wo kriegen wir überhaupt Autor*innen her? Aber einerseits gab es diese Verbindung mit dem BibSpider-Verlag, bei der wir sichergehen konnten, dass sie sich mit darum kümmern werden, dass wir Autor*innen bekommen. Gleichzeitig wussten wir, dass Ben Text ohne Ende produzieren kann, weil er damals auch ganz viel im IB-Weblog schrieb, sodass irgendwie immer klar war, an Content wird es uns nicht mangeln und auch an niemandem, der Editorials verfasst und so weiter. Ich glaube, da trafen ganz viele gute Umstände zusammen, so dass sich alles so umsetzen ließ, wie wir es wollten.

Man muss auch wirklich noch einmal betonen: Das IB war von Anfang an wirklich total aufgeschlossen. Wir sprachen natürlich auch mit diversen Personen. Sicher waren nicht alle vorbehaltlos überzeugt oder auch nur glücklich, was wir da ohne die richtige Zuständigkeit des Instituts als solches machten. Aber im Grunde ließ man uns da enorm viel Freiheit und dafür bin ich wirklich dankbar.

Ben: Wir hatten ja auch sofort Webspace, da ich ohnehin die Webseite des Instituts betreute. Wir konnten im Prinzip selber sogar das Verzeichnis anlegen. Auch Michael Heinz, damaliger IT-Admin am IB, unterstützte uns und meinte: Macht einfach, wir finden es gut, dass jetzt so etwas passiert. Es war, glaube ich, aber auch nur so unkompliziert möglich, weil gerade dieser Schock der Beinaheschließung im Raum stand. So kanalisierte man das Engagement der Studierenden in gewisser Weise. Ich kann mich an tatsächlich viele Kommentare von Leuten erinnern, die ein bisschen sehr überlegen meinten: Ihr macht dann zwei Ausgaben und dann habt ihr sowieso keine Lust mehr. Oder dann findet ihr keine Inhalte. Es gab durchaus auch Skepsis.

Und wie das so ist bei Skepsis ist und bei Leuten wie uns, hat uns das nur noch mehr motiviert. Parallel erhielten wir auch ziemlich schnell viel Zuspruch. Die Ausgaben füllten sich und wir konnten alles Mögliche ausprobieren. So zogen wir es, wo es sich anbot, multilingual auf und hatten Artikel auf Russisch und Französisch in den frühen Nummern. Wir haben Fotostrecken reingebracht. Alles, was im Web möglich war, probierten wir zu dieser Zeit aus. Und es war ein toller Lernprozess für uns und im Prinzip ein fortlaufendes Projektseminar, das wir für uns in Eigenregie durchführten.

Maxi: Vielleicht war es auch gerade deshalb erfolgreich, weil wir keinerlei Druck hatten, dass es ein erfolgreiches Projekt werden muss, dass so und so viele Ausgaben entstehen müssen oder dass irgendeine Form von Reputation daraus entsteht. Es war ja für uns komplett offen, wohin es führt und was das Ergebnis sein wird.

Wir wurden damals auch vom Lehrstuhl von Peter Schirmbacher gut unterstützt, auch wenn dort anfangs ein bisschen Skepsis herrschte, dass wir nur ein vergängliches und hemdsärmeliges Studierendenprojekt sind. Wir wurden bei der technischen Ausrichtung unterstützt und ich erinnere mich, dass wir sehr viel Support von Uwe Müller bekamen. Recht bald konnten wir dann auch die ersten Ausgaben als Archiv auf dem edoc-Server publizieren. PDFs auf dem edoc-Server zu haben, war für uns ein großer Schritt. Denn so gab es eine echte Langzeitperspektive für die Dokumente und nicht nur HTML-Seiten und selbst hochgeladene PDFs.

Ben: Ich kann mich an den Tag erinnern. Wir mussten nämlich nach Adlershof fahren und haben dort vor Peter Schirmbacher und seinem Team unseren Plan vorgestellt. Das war ein bisschen komisch, weil es wie so eine Art Projekt-Pitch war. Am Ende war es aber völlig unkompliziert. Wir hatten da mit Peter Schirmbacher jemanden, der Dinge für uns möglich gemacht hat.

Linda: Und was war dann im Endeffekt das Thema der ersten Ausgabe? Und wie seid ihr an die Autor*innen herangekommen? Sind die im Institut auf euch zugekommen womöglich?

Ben: Wir sprachen Leute aktiv an. Und dann hat uns Herr Umstätter einen Beitrag geschrieben. Das erste Thema war Bibliotheksbau. Es gab in diesen Jahren ja eine Reihe von Neubauten und für uns in der chronischen Großbaustelle Berlin war Architektur auch so ein attraktives Thema. So haben wir nach und nach verschiedene Sachen zusammengetragen. Elisabeth Simon ging ebenfalls auf Tour und holte Leute dazu. Und wir selbst schreiben auch etwas. Es gab auch einen sehr freundlichen Grafikdesigner in unserem Umfeld. Von ihm kam das Logo-Design. T-Shirts gab es auch. Zum Launch hatten wir also auch eine kleine Art Corporate Identity. Und die Farben sind ja immer noch aktuell.

Auf dem Bibliothekartag 2005 launchten wir dann die erste Ausgabe. Wir waren ohnehin mit Petra Hauke in Düsseldorf, da wir den im Seminar entstandenen Band Bibliothekswissenschaft — quo vadis? vorstellten.

Leider erinnere ich mich nicht mehr, in welcher Form der Launch geschah. Vermutlich haben wir einfach unsere Visitenkarten verteilt. Auf der stand mein Name und der von Elisabeth Simon, was dazu führte, dass Leute dachten, Maxis Name sei Elisabeth.

Maxi: Ich glaube, BibSpider als unser damaliger Partner streute es ebenfalls in ihrem Netzwerk. In der InetBib3, die damals ein richtig großes Ding war, wurde LIBREAS auf jeden Fall verkündet.

Ben: Daran kann man bei der Gelegenheit auch nochmal deutlicher erinnern. Die InetBib ist bibliothekarische Internetgeschichte. Die Liste war zumindest von den späteren 1990ern vielleicht bis Ende der Nullerjahre das zentrale digitale Austauschformat für die Bibliothekswelt in Deutschland oder im DACH-Raum.

Linda: Ihr habt ihr also die erste Ausgabe auf dem Bibliothekartag in Düsseldorf gelauncht und dann seid ihr zurückgekommen nach Berlin.

Und wie ging es denn dann in den nächsten Jahren weiter? Die Redaktion hat sich ja dann verändert, nehme ich an. Sind Leute dazugekommen?

Ben: Das hat aber ein bisschen gedauert, wenn ich mich richtig erinnere. Ich denke, die ersten vier, fünf Aufgaben haben wir weitgehend im kleineren Kreis, also zu dritt, gemacht.

Maxi: Und mit dem Verlag BibSpider. Zu diesem gehörten Walburga Lösch, Elisabeth Simon und ganz am Anfang Julia Pagel.

Ben: Das stimmt. Generell hat uns der Verlag sehr unterstützt. Er besorgte uns eine ISSN, kaufte die Domain und so weiter. Er übernahm diese Kleinstfinanzierung, die man trotzdem immer braucht. Und ein Diktiergerät haben sie uns auch finanziert. Das habe ich noch hier. Handys konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht so gut mitschneiden. Am Ende haben wir aber nur vielleicht vier Interviews damit geführt.

Maxi: Das ging in dem Umfang ungefähr ein Jahr, vielleicht anderthalb Jahre so. Am Anfang produzierten wir ja auch noch mehr Ausgaben pro Jahr. Vier Ausgaben pro Jahr wollten wir immer machen. So ab 2006, 2007, 2008 stießen dann mehr Leute dazu, alles Studierende des IBI.

Linda: Ja, und meint ihr, das hat dann mit dem erwähnten Kontext mit Peter Schirmbacher und Open Access zu tun, dass da auch das Interesse dann gewachsen ist, oder?

Ben: Es hatte vor allen Dingen damit zu tun, dass wir viel Zeit in der Saur-Bibliothek verbrachten. Andere studentische Mitarbeiter wie Boris Jacob waren auch immer präsent. Es war ein bisschen unser zweites Wohnzimmer. Und so hat sich das dann fortgesetzt. Wir haben so immer wieder offensiv Leute eingesponnen. Einige blieben hängen. Boris zum Beispiel war eine unglaubliche Bereicherung, weil er auch noch mal ganz andere Formate bedient hat. Er startete zum Beispiel eine Podcast-Reihe. Oder LIBREAS in Second Life. LIBREAS war ja auch etwas, womit man sich ausprobieren konnte.

Michael Seadle kam zu dieser Zeit ebenfalls ans Institut und führte die Unterstützung weiter. Zum Beispiel bekamen wir einen sehr schönen Redaktionslaptop.

Maxi: Matti Stöhr und Doreen Thiede waren zu dieser Zeit auch dabei. Sandra Lechelt machte zeitweise mit. Karsten Schuldt kam dazu. Und irgendwann gab es auch eine Phase, wo wir LIBREAS um Leute von außerhalb des IBI erweitern konnten, mit Heike Stadler zum Beispiel. Aber wenn wir ehrlich sind, war es nie so, wie wir es vielleicht uns manchmal auch gewünscht hätten, nämlich dass wir stärker aus unserer IBI-Bubble rauskommen.

Ben: Wir hatten dafür damals leider auch nicht so richtig die Kontakte. Irgendwie mussten wir immer durch den Institutsrahmen zusammenfinden. Naiko Jahn zum Beispiel kam dazu aus dem Magister-Kolloquium. Wir haben mehr oder weniger zeitgleich unsere Magisterarbeit geschrieben. So kam dann eins zum anderen.

Bei der BOBCATSS-Konferenz in Zadar lernten wir Bibliothekarinnen aus Minnesota kennen, die uns für einige Jahre und einige Beiträge eine Art amerikanische Dépendance geschaffen haben, bis sie dann in andere Berufe wechselten und das Bibliothekswesen so ein bisschen hinter sich ließen. Hätten wir diese Netzwerkarbeit aktiver ausgedehnt, hätten wir uns vielleicht stärker erweitern können. Aber wir nahmen es, wie es zu uns kam. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht systematisch. Wer Lust zum Mitmachen hatte, kam einfach dazu.

Maxi: Damals hatten wir auch Zeit. Irgendwie waren wir da alle noch in einer Phase, in der andere Sachen einfach ohne Weiteres auch zurückgestellt werden konnten und man sich dann auf LIBREAS fokussiert hat.

Ben: Das kann ich bestätigen. Ich hatte für eine Weile immer Projektstellen mit 50 % Anteil. Teilweise am IBI, womit das dann wieder ganz traditionell ineinander floß. Und natürlich kommt auch dazu, dass wir deutlich jünger und familiär nicht so eingebunden waren.

Maxi: Bis zu dem Moment, wo ein großer Teil von uns Familien gegründet hat, habe ich das immer noch als total einfach und so nebenher empfunden.

Linda: Aber habt ihr euch über das Profil am Anfang oder über die Zeit dann noch stärker Gedanken gemacht, weil es ja schon eine bibliothekswissenschaftliche Zeitschrift ist, aber auch eben diese leichten Themen immer behandelt hat und kulturelle Phänomene aufgenommen hat et cetera.

Also war das so ein bewusster Prozess, dass ihr irgendwann euch so eine Art Profil überlegt habt oder war es von Anfang an der Gedanke, eine gewisse Offenheit zu haben und nicht etwas rein Wissenschaftliches anzubieten? Also, wie kam die inhaltliche Ausrichtung?

Ben: Ich glaube, wir waren einfach an dem Punkt, dass wir das machen wollten, worauf wir Lust hatten. So kann man es in knapper Form fassen.

Wir haben das in die Zeitschrift eingespielt, was uns irgendwie begegnet ist, was wir interessant fanden und das war auch bewusst so gesetzt. Das deutsche Bibliothekswesen besaß eigentlich bereits genug Fachzeitschriften. Unser Anspruch war nie, mit diesen Zeitschriften zu konkurrieren. Dass wir sie oft auch nicht übermäßig mitreißend fanden, kam dazu. Für die fachliche Weiterbildung waren sie immer relevant und auch interessant. Aber wir wollten doch etwas anderes machen.

Man darf auch nicht vergessen, dass wir in Berlin-Mitte saßen und das war zu dieser Zeit sehr improvisiert und aufregend. Das Tacheles lag beispielsweise in Laufweite. Die Stadt Berlin in ihrem beständigen Aufbruch wirkte auch auf uns zurück. Also diese Lebensweise, wenn man Mitte 20 ist, in Berlin und mit viel Zeit an der Hand. All das, worauf wir Lust hatten, haben wir mitunter auch in aller Unbeholfenheit ausprobiert und was wenig überraschend auch dazu führte, dass andere sagten, naja, das ist irgendwie so ein studentisches Ding und gar nicht so bibliothekswissenschaftlich. Ich persönlich tat mich selbst mit dem Label Bibliothekswissenschaft an dieser Stelle ein bisschen schwer, auch wenn ich es sonst immer hochhielt. Aber gerade diese Zeitschrift sollte nun aus meiner Sicht bewusst keine reine bibliothekswissenschaftliche Zeitschrift sein und werden, sondern eher eine, die ein Experimentierfeld ist, auf dem man alles ausprobieren kann, worauf man gerade Lust verspürt.

Maxi: Ja, ich würde auch sagen, dass wir durch diese Namenserweiterung des IB, also Institut für Bibliothekswissenschaft zu Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, eine gewisse thematische Offenheit mitgetragen haben, die sich ein Stück weit ebenfalls in LIBREAS widerspiegelte. Das Spektrum wurde breiter. Aus der Redaktion hat dann der eine mal eine interessante Idee für einen Call gehabt oder für ein Thema und ein anderes Mal die andere. Manchmal kamen Ideen auch von außen. Wir haben uns nie irgendwie auf etwas eingegrenzt.

Ben: Du erinnerst mich an einen wichtigen Punkt, den man hier vielleicht auch noch einmal betrachten kann. Das ganze Fach der Bibliothekswissenschaft war in diesen Jahren grundlegend im Umbruch. Als ich mein Studium begann, ging es um Aussonderungsregeln, Aufstellungssystematiken und Verbundklassifikationen. Raus ging ich dann mit Bibliothek 2.0 und Open Access. Über den Zeitraum von fünf Jahren hat sich das Fach in seiner Berliner Ausprägung enorm verändert.

Die traditionellen bibliotheksorganisatorischen Fragestellungen verschwanden weitgehend und ganz viele digitale Fragestellungen kamen hinein. Davon haben wir sehr profitiert. Parallel vollzogen sich zahlreiche personelle Veränderungen am IBI. Neue Akteure kamen und brachten eine neue Agenda mit. Diese Dynamik des Faches der Bibliothekswissenschaft sowie des Bibliothekswesens, inklusive der damit einhergehenden großen Verunsicherung des Berufsfeldes wirkte auch in LIBREAS hinein.

Ich habe mich während meines Studiums durchweg gefragt, wie ich mich hier eigentlich spezialisieren will? In welche Richtung will ich gehen? Dann das, womit ich begonnen habe, war auf einmal gar kein Thema mehr. Diese erzwungene Agilität war für LIBREAS sehr zuträglich. Zehn Jahre zuvor hätten wir es aus verschiedenen Gründen nicht so umsetzen können. Und zehn Jahre später vielleicht auch nicht.

Was nebenbei vielleicht auch ein Tipp für Nachwuchswissenschaftler*innen ist: Wenn man so eine Zeitschrift und eine Visitenkarte hat, dann hat man immer ein tolles Thema, um auf Konferenzen Menschen anzusprechen. Dann drückt man ihnen die Karte in die Hand, erzählt, was man macht und bittet sie um einen Beitrag. Und in einigen Fällen sagen die Leute dann auch zu und man erweitert so sein generelles Netzwerk. Heute nutzt man dafür vielleicht LinkedIn. Aber das gab es damals nicht. Und so ist es häufiger passiert. Deswegen hatten wir am Anfang auch, glaube ich, eine höhere Zahl von englischsprachigen Beiträgen, was sich jetzt mittlerweile doch sehr aufgelöst hat, da wir auch nicht mehr so sehr in dieser Form unterwegs und auf Konferenzen sind. Aber wir waren zum Beispiel mehrfach bei der IFLA. Da kam es gut an, wenn man offensiv reingeht, jung ist und sagt, wir haben hier eine eigene Zeitschrift gegründet.

Maxi: Wir sind auch mit den LIBREAS-T-Shirts auf den Konferenzen unterwegs gewesen. Als ich mich nochmal rückblickend gefragt habe, was hat denn eigentlich so Spaß gemacht an LIBREAS, dann ist das genau das, an das ich mich sehr gerne erinnere: Man hatte immer ein Gesprächsthema, war eigentlich völlig frei, interessante Leute anzusprechen und sie um Beiträge zu bitten oder überhaupt einfach inhaltlich in einen Austausch zu kommen. Und vielleicht auch manchmal ein bisschen unkonventionell.

Linda: Spannender Punkt, wie euer Branding am Anfang war und wie es vielleicht bis heute nachwirkt. Also sowas wie jung, wild und studentisch. Oder was wurde über euch gesagt und wart ihr dann vielleicht gerade deswegen so cool, dass alle für LIBREAS schreiben wollten?

Ben: Alle wollten ja nicht schreiben… Ich weiß auch nicht, ob wir wirklich cool waren. Wir waren vielleicht eher nerdy, sogar ein bisschen skurril. Aber wir haben, glaube ich, damit auch etwas gemacht, das es zu diesem Zeitpunkt sonst nicht gab. Später kamen andere neue Zeitschriften. Andere Kolleg*innen haben ihre eigenen Open-Access-Zeitschriften gemacht, die möglicherweise auch deutlich seriöser und bibliothekstheoretischer oder -praktischer waren als das, was wir produzierten. Diese Auffächerung war sicher auch notwendig und tat der Fachkommunikation gut.

Maxi: Ich erinnere mich aber, dass es auf jeden Fall mindestens eine Diskussion in InetBib gab, in der sich darüber geäußert wurde, dass LIBREAS eine Art immerwährendes studentisches Projekt ist. Diese Wahrnehmung hielt sich sehr lange, hat uns aber nicht wirklich geschadet.

Ben: Den Vorgang um diese Diskussion haben wir auch gut bei uns im Weblog dokumentiert.

Das kann man sich heute auch nicht mehr so richtig vorstellen. Wir haben ja parallel zu der Zeitschrift auch dieses LIBREAS-Blog ziemlich hochfrequent bestückt. Dazu kamen auch noch Veranstaltungen. Für eine Unkonferenz gab es einen Countdown im Blog, wofür back-to-back 28 Beiträge an 28 Tagen erschienen.4 Heute ist es fast nicht nachvollziehbar, dass man sich hinsetzt und so eine Menge Output produziert.

Linda: Ihr wart ja dann bei vielen Kanälen eine Art Vorreiter oder zumindest, dass ihr Formate immer schon früh ausprobiert habt. Also Podcast wurde eben gesagt und auch das Format Blog wurde schnell sehr intensiv genutzt.

Und dann waren plötzlich zehn Jahre vorbei und dann 15 und dann 20. Und man stellt fest, man ist eigentlich das älteste deutschsprachige Open-Access-Journal im bibliothekswissenschaftlichen Bereich. Wie hat sich das dann geändert? Gab es Punkte, wo ihr gedacht habt, jetzt haben wir ja doch etwas sehr Großes aufgebaut, was nun schon lange Bestand hat. Habt ihr dann gedacht, jetzt müssen wir vielleicht doch mal stärker professionalisieren, zum Beispiel eine Stelle durch Drittmittelförderung beantragen oder so?

Maxi: Ja, es fehlte immer eine Person, die überhaupt Kapazitäten hat, sich um redaktionelle Prozesse zu kümmern. Aber ich würde nicht sagen, dass wir den Druck hatten, uns zu professionalisieren. Wenn es doch nötig gewesen wäre, dann um die Autor*innenbetreuung und diese ganze Kommunikation besser zu steuern. Es hat bei uns dann doch mal länger gedauert, bis wieder jemand ins Redaktionspostfach schaute und Mails beantwortete. An diesen Stellen wurde es dann schon irgendwann etwas herausfordernder. Es gab diverse Vorstöße, ein Projekt auch zu beantragen. Wir waren auch tatsächlich schon so weit, dass wir eine halbe Antragsskizze fertig hatten. Aber irgendwie fehlten uns dann immer auch die Kapazitäten, das zu Ende zu bringen. Daran sieht man auch, dass irgendwann ein Punkt kommen musste, an dem ein Kapazitätsproblem spürbar wurde.

Ben: Aus meiner Sicht gab es noch einen anderen Punkt, der da hinein spielte, nämlich tatsächlich die Natur der Sache selber. Hätten wir einen DFG-Antrag gestellt und ein ‘professionelles’ Journal gemacht, dann hätten wir uns auf einmal auch mit der Organisation von Peer-Review-Prozessen beschäftigen müssen und mit einer anderen inhaltlichen Aufstellung. Das hätte die Zeitschrift verändert und in eine andere Form gebracht. Und möglicherweise waren wir noch nicht bereit für diesen Schritt. Und wir wären eine Zeitschrift gewesen wie viele andere.

Unser Branding der Unkonventionalität war ja, wenn schon nicht unbedingt bewusst gewählt, so doch organisch gewachsen. Und je professioneller man wird, je mehr Bindungen man eingeht, desto weniger Spielräume hat man in dieser Hinsicht. Aber der Hauptpunkt war sicher: Wenn man einen Antrag stellen möchte, dann muss man das auch durchziehen. Eine Hürde war auch, dass wir selbst zu der Zeit auch institutionell noch nicht so verankert waren, dass es leicht möglich gewesen wäre, selbst einen Antrag zu stellen.

Maxi: Es gab damals auch nicht das eine Programm zum Beispiel der DFG, auf das wir dann gezielt da hätten einen Antrag schreiben können. Und da wir eben kein wissenschaftliches Journal im klassischen Sinne waren, also mit Peer Review, hätten wir es wahrscheinlich auch eher als ein Infrastrukturvorhaben machen müssen.

Wir haben es also bis zu einem bestimmten Punkt durchaus ernsthafter verfolgt und dann ist es auch wieder so ein bisschen im Sande verlaufen. Außerdem gab es dann auch den Verein, den wir ja parallel gegründet haben.

Ben: Der Verein sollte auch die genannten Herausforderungen auffangen oder wenigstens abfedern. Ein wenig Druck entstand auch, weil BibSpider ab einem Punkt nicht mehr dabei war. Wir realisierten, dass wir uns um bestimmte Dinge strukturierter kümmern müssen, zum Beispiel, wie wir die Domain und den Webspace bezahlen. LIBREAS war, ist und bleibt eine ehrenamtliche Angelegenheit. Aber es gibt ja trotzdem Kosten und wir haben auch Veranstaltungen organisiert und dann stellt sich die Frage: Was machen wir eigentlich, wenn uns jemand 200 Euro für eine Veranstaltung spendet? Dann braucht man ein Konto. Das waren alles Punkte, an denen sich der Bedarf für eine dahinterliegende Struktur zeigte. Daher gründeten wir den Verein. Der läuft ja auch ganz gut und arbeitet auch insofern in unserem kleinen Rahmen kostendeckend. Das war das Ziel.

Und das zweite Ziel des Vereins war natürlich, Möglichkeiten zu schaffen, doch bei Bedarf irgendwo anders andocken zu können. Das geht mit einem Verein einfacher als mit so einer sehr losen und auch überhaupt nicht vertraglich irgendwie eingebundenen Redaktion und Herausgeberschaft. Es ist über einen Verein schlicht besser zu organisieren. Da ist eine andere Bindungskraft gegeben.

Linda: Und wie war es mit der Vereinsgründung? Und vielleicht könnt ihr ja kurz sagen, was es für Mitgliedsformen gibt, für Mitglieder es gibt und was ihr da so gemacht habt.

Maxi: BibSpider hatte uns organisatorisch mit angeschoben und wir hatten auch die IBI-Anbindung, die naturgemäß weniger wurde, je weniger wir selbst alle am IBI tätig waren. Dennoch erschienen wir weiterhin am IBI und das Institut hat uns unter anderem dabei unterstützt, die Marke LIBREAS anzumelden.

Die Vereinsgründung war 2011. Bis heute gibt es drei Formen von Mitgliedschaften. Man kann als natürliche Person Mitglied werden für einen minimalen Beitrag von zwölf Euro. Die Idee dazu war damals, dass wir einen Jahresbeitrag erheben wollen und pro Monat einfach einen Euro nehmen.

Dann gibt es die Fördermitgliedschaft für 48 Euro und die institutionelle Mitgliedschaft für 24 Euro. Dabei sind wir auch bis heute geblieben und es hat ausgereicht. Damit konnte natürlich nie eine Stelle oder ein Dienstleister finanziert werden oder einen finanziellen Ausgleich bekommen. Das war auch nie das Ziel. Aber alle Unkosten und die eine oder andere Veranstaltung und Stipendien konnten wir so finanzieren.

Ben: Was man aber auch noch ehrlicherweise ergänzen muss, ist, dass sich, wenn man einen Verein zu einer Zeitschrift gründet, die im Ehrenamt entsteht, der ehrenamtliche Aufwand verdoppelt. Man muss auf einmal neben der Arbeit an der Zeitschrift auch Arbeit am Verein tätigen. Und dies bedeutet nicht, dass man sich mal trifft und nett zusammensitzt. Sondern dazu gehören der Gang zum Notar, das Erstellen und Aushandeln von Satzungen, Kassenprüfungen und solche Dinge.

Maxi: Wir hatten vorher tatsächlich nicht geahnt, wie viel Arbeit der Verein selbst auch nochmal mitbringt. Keiner von uns hatte so etwas vorher gemacht. Also galt auch da: Wir haben es einfach gemacht, ohne es groß vorab abzuwägen.

Linda: Ja, und was für Leute sind dann Mitglieder geworden? Und haben die auch was mitgestalten können? Oder wollten die das überhaupt womöglich vielleicht ja auch nicht?

Ben: Ja, Friends and Family, kann man erst mal sagen. Wenigstens für die Anfangszeit.

Maxi: Auf jeden Fall, so sind wir auch mit unseren Gründungsmitgliedern gestartet. Und der Verein hat ja das Ziel der Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation und als Hauptkommunikationsplattformen, die unterstützt werden, das Journal und den Blog.

Ich denke, dass die meisten Mitglieder auch deshalb Mitglieder geworden sind, weil sie das Journal unterstützen wollen. Und weil das eben auch kein hoher Jahresbeitrag ist, der aber trotzdem für die Sache sehr wichtig ist und gut half. Ich glaube die Erwartung an den Verein ist vielleicht auch, hauptsächlich das Journal zu unterstützen. Und punktuell hatten wir auf jeden Fall Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Ben: Fridays For Future beziehungsweise Libraries4Future kann man an dieser Stelle auch noch erwähnen.

Maxi: Also ich würde sagen, wir haben schon in dem Maß, wie wir es konnten, auch über LIBREAS hinaus Aktivitäten unterstützt. Wir haben auch mehrfach Stipendien angeboten für Menschen, die an Konferenzen teilnehmen wollten. Und das Echo war auch recht unterschiedlich auf die verschiedenen Angebote.

Linda: Vieles habt ihr jetzt schon gesagt und auch, was ihr an LIBREAS gut fandet, vor allem am Anfang. Also vielleicht wäre es doch schön, aus eurer persönlichen Sicht zu sagen, welche Rolle LIBREAS hatte. Es war natürlich ein Teil eurer beruflichen und auch privaten Biografie.

Aber könntet ihr das so zusammenfassen oder sagen, was euch das gelehrt hat, gegeben hat, was ihr so mitgenommen habt für euer Leben, was ihr dadurch vielleicht erst gelernt habt?

Maxi: Also ich würde sagen, dass LIBREAS für mich über die Jahre immer ein fester Anker auch innerhalb der Disziplin war. Und selbst wenn man sich beruflich oder auch aus familiären, persönlichen Gründen vielleicht an dem einen oder anderen Punkt etwas weiter auch vom Fach entfernt hatte, waren wir über LIBREAS immer mit dem Fach selbst und auch mit dem Institut verbunden. So eine Konstante über so eine lange Zeit zu haben, jetzt eben doch schon deutlich über 20 Jahre, ist sehr wertvoll. Ich würde sagen, wir haben da auf ganz vielen Ebenen immer auch profitiert und das ganze Netzwerk, was da so drumrum war, ist natürlich auch bis heute großartig.

Linda: Und bei dir, Ben, was für eine Rolle hat das für dich gespielt?

Ben: Ich habe unglaublich viel gelernt, vor allen Dingen auch inhaltlich. Das Schöne mit LIBREAS und für Studierende meiner Generation ganz spannend war, dass man, wenn man zum Beispiel auf einer Messe herumschlenderte, zu irgendeinem Verlag gehen und sagen konnte: Wir haben hier ein Journal, wir würden gerne das Buch rezensieren und dann wurde es uns zugeschickt. Ich habe hier immer noch einen ganzen Regalmeter mit Titeln, die ich zum Rezensieren bekam. Mal habe ich sie besprochen, mal habe ich sie genossen. Damals war das fantastisch und ich habe ganz viele Dinge gelesen, die ich sonst nicht gelesen hätte.
Und ich habe über diverse Dinge geschrieben und wenn man über Dinge schreibt, lernt man auch viel über die Dinge, über die man schreibt. Entsprechend war das für mich eine absolut prägende Phase, in der ich im Prinzip die Themen gefunden habe, mit denen ich mich dann intensiver beschäftigte. Über Digital Humanities habe ich zum ersten Mal in LIBREAS geschrieben. Da hatte irgendjemand das Buch von Franco Moretti auf den Tisch gelegt und gefragt, ob ich das nicht rezensieren will. Also habe ich eine Rezension geschrieben und nebenbei gelernt, was Digital Humanities eigentlich sind und welche Potentiale es da gibt. Das hat die Agenda gesetzt. Bei Open Access war es genauso.

Diese Spezialisierung von Open Access, die viele von uns haben aus der Redaktion, die hat sich notwendigerweise fast abgeleitet daraus, dass wir sehr früh ein de facto Diamond Open Access Journal herausgegeben haben. Keine Kosten für die Autor*innen, keine Kosten für die Lesenden. Das hat mich im Prinzip dahin geführt, wo ich heute arbeite. Es war wirklich sehr wichtig für mich, das zu machen.

Maxi: Ja, das auf jeden Fall.

Was mir noch einfällt, ist, dass wir teilweise Themen bearbeitet haben, die so weit weg waren von dem, was man vielleicht in der Tätigkeit als studentische Hilfskraft gemacht hat oder dann später auf den jeweiligen Stellen. Es gab viele sehr spezifisch bibliothekarische Themen, mit denen ich ja sehr wenig Berührung im Alltag hatte. Aber über LIBREAS konnte ich immer noch ein bisschen am Ball bleiben und dazu Leute kennenlernen und, wie wir am Anfang schon gesagt haben, dann auch einfach mal fragen: Wollt ihr nicht mal einen Beitrag für LIBREAS darüber schreiben? Das finde sehr wertvoll.

Linda: Ihr seid ja beide als Gründungs-Herausgeber*innen und als Redaktionsmitglieder*innen mittlerweile ausgeschieden und voraussichtlich nur noch eine Amtsperiode im Verein aktiv. Was waren die Gründe dafür, möchtet ihr dazu etwas sagen?

Maxi: Das ist wirklich verbunden mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits werden Kapazitäten frei und und andererseits steckt einfach so viel Herzblut drin. Es tut schon auch weh. Aber ich glaube, für mich ist jetzt so ein Punkt erreicht gewesen, wo es wichtig war, auch mal Dinge loszulassen und vielleicht auch neuen Personen eine Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten, so wie wir es damals konnten oder auch ganz anders. Ich glaube, es funktioniert nicht gut, wenn immer noch sozusagen die Alten, die ja auch eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie manche Sachen damals gemacht wurden und wie man sie dann später weiterentwickelt hat, den Ton angeben. Somit ist es auch gut, wenn man sich da löst und das vertrauensvoll in gute Hände gibt. Und das können wir ja mit euch auch gerade machen.

Ben: Ich muss sagen, dass ich sehr ungern gehe. Aber ich sehe, dass es notwendig ist. Ich habe es vorhin auch schon angedeutet. LIBREAS war ja ein sehr junges, dynamisches Ding. Wir haben eigentlich schon frühzeitig versucht, die nächste Generation reinzuholen. Und dann hatten wir oft wunderbare Menschen dabei, die so für zwei, drei Jahre mitmachten und wieder rausgegangen sind. Aber eigentlich zu selten.

Und das ist vielleicht die eine Sache, was ich auch in der Rückschau einen Hauch bedaure, nämlich, dass wir tatsächlich häufig etwas hermetisch gewirkt haben, dass wir es nie schafften, auch einmal ganz andere Personen zu uns zu holen. Also auch Leute vielleicht, die wir nicht persönlich kennen. Wir wollten es gar nicht sein, aber ich befürchte, wir wirkten oft wie ein Insider-Projekt.

Und ich glaube, das hat leider auch unsere Außenwahrnehmung sehr geprägt, was wiederum die Mitgestaltung durch externe Personen erschwerte. Ich will nicht sagen, dass ich es bereue, aber ich stelle es so in der Rückschau fest. Und ich denke, dass es notwendig ist, auch diesen Raum jetzt wirklich und konsequent zu öffnen. Ich hoffe, es gelingt, auch andere Leute für LIBREAS zu begeistern.

Ich gehe natürlich auch mit Wehmut. LIBREAS ist unser Kind und wir lassen es jetzt so in die Welt und haben keine Kontrolle mehr darüber. Aber es wäre umso mehr ein Erfolg, wenn andere Leute mit der Sache auch was anfangen können, wie wir damit etwas anfangen konnten. Wenn sie etwas eigenes damit machen. Man merkt übrigens auch, dass man woanders im Leben steht. Und es ist nicht mehr das Jahr 2005 oder 2006, sondern das Jahr 2026.

Maxi: Das Kind ist volljährig, mittlerweile 21.

Ben: Es fällt erstaunlich schwer trotz allem. Das muss man auch sagen. Es ist gibt da auch eine emotionale Komponente. Das unterstreicht eventuell noch einmal, dass LIBREAS nicht so ein professionelles Projekt war wie ein professionelles Projekt es eben wäre. Sondern es ist wirklich etwas, das mir sehr nahe geht, was extrem persönlich ist. Jetzt muss es ohne uns weiterlaufen. Wir sind jetzt nicht mehr die Eltern, sondern die entfernten Verwandten. Vielleicht kann man das so nehmen. Ich wünsche mir, dass ein paar Menschen hinzukommen, die vielleicht halb so alt sind wie ich, die vielleicht genauso alt sind wie LIBREAS. Und es neu erfinden.


  1. https://www.bibspider.de/↩︎

  2. Redaktion LIBREAS, “Zur Zeitschrift - Young Hearts Run Free. “. LIBREAS. Library Ideas, 1 (2005). https://libreas.eu/ausgabe1/001ed1.htm↩︎

  3. https://www.inetbib.de/↩︎

  4. https://libreas.wordpress.com/tag/frei13/page/4/↩︎


Dr. Linda Freyberg (https://orcid.org/0000-0002-4620-7571) ist Mitherausgeberin und Redakteurin der LIBREAS. Sie hat zum Thema Ikonizität der Information. Die Erkenntnisfunktion struktureller und gestalteter Bildlichkeit in der digitalen Wissensorganisation an der Leuphana Universität promoviert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Berlin (https://www.dipf.de/de/institut/personen/freyberg) und hat dort die Co-Leitung des DHELab (https://bbf.dipf.de/de/dhelab) inne.