Beiträge von Karsten Schuldt (ks), Viola Voß (vv), Eva Bunge (eb)
1. Zur Kolumne
Ziel dieser Kolumne ist es, eine Übersicht über die in der letzten Zeit erschienene bibliothekarische, informations- und bibliothekswissenschaftliche sowie für diesen Bereich interessante Literatur zu geben. Enthalten sind Beiträge, die der LIBREAS-Redaktion oder anderen Beitragenden als relevant erschienen.
Themenvielfalt sowie ein Nebeneinander von wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Ansätzen wird angestrebt und auch in der Form sollen traditionelle Publikationen ebenso erwähnt werden wie Blogbeiträge oder Videos beziehungsweise TV-Beiträge.
Gerne gesehen sind Hinweise auf erschienene Literatur oder Beiträge in anderen Formaten. Diese bitte an die Redaktion richten. (Siehe Impressum, Mailkontakt für diese Kolumne ist zeitschriftenschau@libreas.eu.) Die Koordination der Kolumne liegt bei Karsten Schuldt, verantwortlich für die Inhalte sind die jeweiligen Beitragenden. Die Kolumne unterstützt den Vereinszweck des LIBREAS-Vereins zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation.
LIBREAS liest gern und viel Open-Access-Veröffentlichungen. Wenn sich Beiträge dennoch hinter einer Bezahlschranke verbergen, werden diese durch [Paywall]
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Die bibliographischen Daten der besprochenen Beiträge aller Ausgaben dieser Kolumne finden sich in der öffentlich zugänglichen Zotero-Gruppe: https://www.zotero.org/groups/4620604/libreas_dldl/library.
2. Artikel und Zeitschriftenausgaben
2.1 Vermischte Themen
Bibliothèque(s) : revue de l’Association des bibliothécaires français (ABF). (2025) 104
Im Jahr 2021 wurde die französische Zeitschrift Bibliothèque(s) eingestellt. Sie war bis dahin die wichtigste praxisorientierte Zeitschrift für Öffentliche Bibliotheken in Frankreich gewesen. Vergleichbar war sie mit der Forum Bibliothek und Information (BuB), den Büchereiperspektiven und mehr noch – weil sie ebenso eigentlich für alle Bibliotheken gedacht ist, sich aber vor allem auf die Öffentlichen fokussierte – mit der bibliosuisse info. Herausgegeben wurde sie vom Verband der französischen Bibliothekar*innen.
Angesichts dessen, dass in diesem Zeitraum noch mehr französische bibliothekarische Publikationen eingestellt wurden, schien dies einen problematischen Trend anzuzeigen. Insoweit ist es positiv hervorzuheben, dass die Bibliothèque(s) seit Anfang 2025 wieder regelmässig erscheint. Das Format wurde angepasst, jetzt rund 60 Seiten auf A4. Erscheinen soll sie zweimal im Jahr.
Im Editorial der ersten Ausgabe (Mai 2025) wird zwar geschrieben, dass es ein neues Konzept gäbe, aber wie dieses aussieht, wird nicht gesagt. Inhaltlich ist diese Ausgabe gegliedert in ein Dossier – also eine Anzahl von Artikeln und Interviews zu einem Thema, hier die Evaluation von Bibliotheken, wobei es sowohl um Statistik, um das, was in Deutsch Gemeinwohlanalyse genannt würde, um die Interpretation von Daten in Bibliotheken, als auch um eine Enquête über alle Bibliotheken Frankreichs geht –, eine Reihe anderer Artikel, der Rubrik Bibliotourisme, inklusiver einer Bilderstrecke – konkret über eine Bibliothek in Barcelona – sowie Meldungen über die Arbeit des Verbandes und seiner Kommissionen.
Zudem werden die Präsidentin der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) vorgestellt und drei Rezensionen publiziert. Das alles ist, für den französischen Kontext, wo Texte und Bücher oft sehr lang sind, äusserst kurz gehalten. Die meisten Texte sind zwei bis drei Seiten lang, die Rezensionen nur je eine halbe Seite. Zudem ist vieles sehr hands-on
, also mit einem Blick daraufhin geschrieben, dass es direkt in Bibliotheken umgesetzt werden kann. Zu vermuten ist, dass dieser Aufbau in den nächsten Ausgaben beibehalten wird. So französische Sprachkenntnisse vorhanden sind, sollte die Bibliotheque(s) jetzt (wieder) in die fachliche Zeitschriftenschau von Bibliothekar*innen im Öffentlichen Bibliothekswesen aufgenommen werden. (ks)
Golijanin, Aleksandar (2025). What Language Are We Speaking?: Marketing Information Literacy on University Library Websites. In: Communications in Information Literacy 19 (2025) 1: 51–68, https://doi.org/10.15760/comminfolit.2025.19.1.4
In dieser Studie wird gefragt, wie Bibliotheken an den grössten kanadischen Universitätsbibliotheken ihre Angebote im Bereich Information Literacy gegenüber Forschenden und Lernenden beschreiben. Es ist offenbar – obgleich es in Kanada und den USA eine Tradition von Beschäftigung mit dem Thema gibt, die noch umfassender und älter ist, als im DACH-Raum – in der Praxis schwierig, dem nicht-bibliothekarischen Personal an den Hochschulen klar zu machen, welche Angebote (Unterricht, Einführungen, Beratungen und so weiter) die Bibliotheken machen. Hier wird die Sprache verglichen, welche die Bibliotheken dafür benutzen. Dabei zeigt sich, dass ein Grossteil doch den Begriff “Information Literacy” nutzt, der aber gleichzeitig immer wieder erklärt werden muss. Zudem gibt es drei alternative Beschreibungen (“research skills”, “find, evaluate, and use information” sowie “critical information use”), welche ebenso oft genutzt werden, wohl – so die Vermutung – weil die Bibliotheken den Eindruck haben, dass dies von den Lehrenden und Forschenden besser verstanden wird.
Zudem zeigt sich eine geographische Verteilung. In Ontario und Quebec – wo sich tendenziell auch grössere und forschungsstärkere Universitäten befinden – wird der Begriff “Information Literacy” viel weniger genutzt als in den anderen Landesteilen. Die Studie äussert keine Vermutung, warum dies so ist, ruft aber zu einer Untersuchung dieses Phänomens auf. (ks)
Hall, Suzanna (2025). Please dispose of properly
: the context and continuance of fashion ephemera at the International Library of Fashion Research. In: Art Libraries Journal 50 (2025) 1: 45–51, https://doi.org/10.1017/alj.2025.10 [Paywall]
Die “International Library of Fashion Research” ist eine Einrichtung, angesiedelt im norwegischen Nationalmuseum in Oslo, die sich dem Sammeln, Erschliessen und Zugänglichmachen von ephemeren Materialien widmet, die in der Modeindustrie produziert werden. Damit sind zum Beispiel Einladungen zu Modeschauen, Entwürfe von Kleidung oder saisonale Kataloge, die nur für einen Zeitraum von einigen Monaten “gültig” sind, gemeint. Viele dieser Materialien sind, da sie aus der Modeindustrie stammen und immer auch Aufmerksamkeit erzeugen sollen, gesondert gestaltet oder ausgestattet. In Oslo wurde nun auf der Basis einer privaten Sammlung, welche dem Museum gespendet wurde, die genannte Bibliothek errichtet, welche seit Ende 2022 für die Öffentlichkeit im Museumsgebäude zugänglich ist. Der Artikel stellt diese Einrichtung auf der Basis von Interviews mit Beteiligten vor.
Es wird begründet, warum die Materialien gesammelt werden (nämlich als Material für die Modegeschichte), zudem wird auf die Schwierigkeiten bei der Erhaltung, die solche Materialien machen, eingegangen. Das ist alles recht gut nachvollziehbar. Was im Artikel aber hervorsticht, ist, dass sich hier “Museumsleute” dazu äussern, was sie sich unter einer Bibliothek, einem Archiv und einem Museum vorstellen. Es wird betont, dass es explizit eine Bibliothek sei, weil die Materialien zugänglich wären. Laut den Stimmen, die im Artikel angeführt werden, wäre das bei Archiven nicht der Fall (etwas, was selbstverständlich falsch ist – auch bei Archiven besteht das Ziel ja letztlich in der Nutzung der Sammlung). Gleichzeitig orientieren sie sich an dem Bild einer Bibliothek, die vor allem bewahrt. So wird nicht erwähnt, ob die Bibliothek überhaupt ein aktives Bestandsmanagement – im Sinne des Aufbaus von spezifischen Beständen und der Pflege inklusive des Aussonderns und Ersetzens von Medien – betreibt. Dabei würde sich die Fachliteratur zur Modegeschichte für einen solchen Forschungsbestand, neben der Sammlung, direkt anbieten. Vielmehr wird hier offenbar mit “Bibliothek” eine sehr spezifische Einrichtungen gemeint, die sich sonst an Büchern orientieren würde (was selbstverständlich gar nicht mehr stimmt). Es ist auch nicht klar, ob beim Aufbau der Bibliothek überhaupt bibliothekarisches Personal herangezogen oder aber anders auf bibliothekarische Kompetenzen zurückgegriffen wurde. Eher wird der Eindruck vermittelt, dass hier “Museumsleute” eine Einrichtung aufgebaut haben, die vor allem “kein Archiv” und “kein Museum” sein soll – und deshalb “Bibliothek” genannt wird. (ks)
Braisher, Tamsin ; Fitchett, Deborah (2025). The New Zealand Thesis Project: Connecting a Nation’s Dissertations Using Wikidata. In: Journal of Librarianship and Scholarly Communications 13 (2025) 1, https://doi.org/10.31274/jlsc.18295
Zwischen Ende 2021 und Ende 2022 wurden in einem Projekt, an dem alle Universitäten und Hochschulinstitute des Landes beteiligt waren, die Metadaten zu den Dissertationen, die in Aotearoa/Neuseeland seit den 1960er Jahren publiziert wurden (und zu denen Katalog- oder andere Metadaten vorlagen) in die Wikipedia eingefügt. Einmal als gesamtes Datenset für die Wikidata und dann noch als Daten auf den Wikipedia-Seiten zu den Forschenden und Betreuenden, falls diese existierten. Wenn die Dissertationen in Repositorien vorlagen – also wenn sie dort an sich publiziert wurden oder wenn Digitalisate angefertigt worden waren –, wurden die URIs zu diesen in den Daten ergänzt. Zudem wurden aus den Daten Visualisierungen erzeugt. Der Artikel stellt einen ausführlichen Projektbericht dar.
Grundsätzlich wurden in dem Projekt alle Schritte begangen, die in einem solchen wohl notwendig sind: Es wurden möglichst alle Einrichtungen des Landes “an Bord geholt”, sich auf ein Metadatenschema geeinigt, Daten wurden geliefert und gesäubert, dann in Wikidata eingefügt. Anschliessend wurden die betreffenden Wikipedia-Seiten recherchiert und ergänzt. Das alles ist im Artikel recht kleinteilig geschildert. Dabei zeigt sich vor allem, wie wichtig die Planung und dann die Datenpflege selber ist – also die “Datenarbeit” –, um am Ende überhaupt Visualisierungen generieren zu können. Durch diese Schilderung lässt sich der Text sehr gut als Einstieg und Lehrmaterial nutzen – beispielsweise, wenn am Anfang eines bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Studiums die Notwendigkeit dieser “Datenarbeit” vermittelt werden soll. Er ist recht eingängig geschrieben, schildert alle notwendigen Schritte, zeigt Ergebnisse, aber auch Herausforderungen. (ks)
Hoffmann, Kristin (2025). Exploring Canadian academic librarians’ and archivists’ research outside librarianship and archival studies. In: Partnership, The Canadian Journal of Library and Information Practice and Research, 20 (2025) 1, https://doi.org/10.21083/partnership.v20i1.8141
In Wissenschaftlichen Bibliotheken Kanadas gibt es oft – aber nicht überall – die Erwartung an Bibliothekar*innen, zu forschen und zu publizieren. Teilweise wird dies bei Bewertungen ihrer Arbeit einbezogen, in vielen Fällen wird es auch direkt von den Einrichtungen unterstützt. In einer Umfrage, die hier ausgewertet wird, geht Hoffmann auf einen spezifischen Bereich ein, nämlich auf Forschung, die zwar von Bibliothekar*innen (und Archivar*innen) aus Kanada betrieben wird, sich aber nicht in der Bibliotheks- oder Archivwissenschaft verorten lässt. Es wird gefragt, in welchen Forschungsdisziplinen dies passiert, warum die Bibliothekar*innen und Archivar*innen dies tun und auch, ob es dafür Barrieren gibt.
Im Ergebnis zeigt sich, dass dies alles ein weites, unerforschtes Feld ist. Die Disziplinen, in denen geforscht und publiziert wird, sind zahlreich; die Gründe vielfältig. Auch die institutionellen Strukturen und Erwartungen sind im ganzen Land sehr unterschiedlich. Viele der Antwortenden betonten, dass es für ihre Arbeit und ihre Arbeitsplatzzufriedenheit wichtig wäre, auch ausserhalb der Bibliotheks- und Archivwissenschaft zu forschen. Aber ein Hauptgrund scheint doch immer wieder das persönliche Interesse zu sein.
Interessant ist, dass sich zeigt, dass mehr Männer als Frauen – obgleich auch in Kanada das Bibliothekswesen “weiblich geprägt” ist – so forschen. Sowohl Kommentare, die in der Umfrage erhoben wurden, als auch Hoffmann in der Auswertung selber deuten darauf hin, dass dies auch für andere Kriterien gilt: Obgleich es offenbar in Kanada recht viele Möglichkeiten zur forschenden Tätigkeit gibt, wenn jemand in Wissenschaftlichen Bibliotheken angestellt ist, sind es dann insbesondere Personen aus nicht-marginalisierten Gruppen, welche diese Möglichkeiten haben und wahrnehmen. (ks)
Jonchery, Anne ; Octobre, Sylvie (2025). Le numérique sauvera-t-il la lecture chez les jeunes?. In: InterCDI (2025) Septembre-Octobre: 5–12 [gedruckt]
Ortin, Manon (2025). Les jeunes et la lecture numérique: entre diversité des formats et nouveaux modes de consommation. In: InterCDI (2025) Septembre-Octobre: 14–22 [gedruckt]
Beide Artikel erschienen im Rahmen eines Schwerpunkts zum Thema Lesen
der Zeitschrift für französische Schulbibliotheken. Insoweit geht es immer um das Lesen von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen, so wie es sich in den letzten Jahren in Frankreich entwickelt hat. Berichtet wird in beiden Artikeln darüber, wie diese Kinder und Jugendlichen sich dem Lesen von digitalen Medien zugewandt haben. Die Daten dazu stammen aus mehreren Umfragen und Beobachtungsreihen zum Lesen, die in Frankreich staatlicherseits erhoben werden.
Beide Artikel machen zwei Hauptaussagen: Erstens hat sich das Lesen von digitalen Medien (oder der Konsum von Audiobooks) bei den Kindern und Jugendlichen als Alltagspraxis durchgesetzt, aber nicht vollständig. Zweitens ist dies nicht nur ständig in Entwicklung, sondern zeigt auch eine grosse Bandbreite an Medienformen, Inhalten und Nutzungsweisen. Es ist nicht möglich, einen klaren Trend zu zeigen, ausser den, dass sich diese Diversität immer weiter ausdehnt. Es ist nicht wirklich möglich, von einer gemeinsamen Medienwelt
der Kinder und Jugendlichen zu sprechen. Was zunimmt, ist die aktive Partizipation von Kindern und Jugendlichen, indem sie in Communities Kommentare verfassen, ihre Meinungen per Social Media teilen oder auch selber Literatur veröffentlichen. Sichtbar ist allerdings für Leser*innen aus dem DACH-Raum auch der kulturelle Unterschied: In Frankreich sind Comics, Webtoons und Manga heute massiv prägende Medienformen, deren Wirkung und Verbreitung sich nicht mit der im DACH-Raum vergleichen lässt. Sie prägen auch den Medienkonsum in Frankreich (oder in der Schweiz der Romandie) viel mehr.
Die Daten und wohl auch Trends im DACH-Raum werden wohl andere sein. Die Artikel machen deshalb auch schmerzlich sichtbar, dass regelmässige Datensammlungen zum Lektüreverhalten diesen Umfangs, die nicht aus dem Umfeld von Verlagen selber stammen, im DACH-Raum praktisch fehlen. (ks)
2.2 Open Access
Jordan, Jennifer ; Solon, Blair ; Beene, Stephanie (2025). Identifying Open Access Practices in Librarianship Journals. In: Journal of Librarianship and Scholarly Communications 13 (2025), https://doi.org/10.31274/jlsc.17778
Jordan, Jennifer ; Solon, Blair ; Beene, Stephanie (2025). Open access practices of selected library science journals. [Dataset] Dryad, https://doi.org/10.5061/dryad.pvmcvdnt3
In dieser Studie wurde untersucht, wie “offen” (im Sinne der FAIR-Prinzipien) aktuell die Zeitschriften des Bibliothekswesens sind – zumindest, was die wichtige Einschränkung hier ist, wenn sie Informationen und Abstracts in Englisch publizieren. Die Frage ist selbstverständlich relevant, da die Differenz zwischen dem Anspruch von Bibliotheken, Open Access sowie andere Formen von Open Science zu fördern und der gleichzeitigen Existenz von Closed-Access-Zeitschriften im Bibliothekswesen immer wieder auffällt. Die Autor*innen der Studie erstellten eine Liste von bibliothekswissenschaftlichen und bibliothekarischen Zeitschriften, die entweder in der Datenbank LISA oder im DOAJ verzeichnet waren, einen Peer-Review-Prozess haben und dies in Englisch erwähnen. Zudem ergänzten sie diese um weitere Titel, die ihnen als Bibliothekar*innen selber bekannt waren, die aber weder in LISA noch im DOAJ verzeichnet waren. Am Ende waren das 73 Zeitschriften aus LISA, 61 aus dem DOAJ (mit 12, die in beiden Datenbanken verzeichnet waren) und 11 ergänzte Titel. Anschliessend sammelten sie Informationen über die herausgebenden Körperschaften, die “OA-Farbe”, Angaben zu Open Access und Open Data Policies sowie zu eventuell anfallenden Gebühren (also APCs).
In der Auswertung der Daten zeigt sich, dass diese Zeitschriften viel öfter als nicht Open-Access-Modellen folgen und dabei vor allem dem Diamond Open Access (also auch ohne anfallende Gebühren). Sie werden oft von kommerziellen Verlagen publiziert, aber leicht öfter von Verbänden, Hochschulen, Bibliotheken, Archiven oder “unabhängig” (was heisst von Organisationen wie den LIBREAS. Verein). Es gibt Unterschiede zwischen den Zeitschriften, die in LISA verzeichnet sind (eher kommerzielle Verlage) und denen im DOAJ (eher unabhängig oder von nicht-kommerziellen Körperschaften). Schwieriger war es offenbar, zu bestimmen, welche Formen von Peer Review (also vor allem, ob es ein Open Peer Review gibt) genutzt werden, ob es Open Data Policies gibt (hier zeigte sich, dass viele grosse Verlage praktisch verlagsweit eine Policy durchsetzen) oder welcher Höhe eventuell anfallende Gebühren sind. Alles in allem zeigt sich aber ein klarer Trend zu offenen Publikationen im Bibliotheksbereich. (ks)
Hopkins, Kira ; Sanders, Kevin (2025). Open access, open infrastructures, and their funding: Learning from histories to more effectively enhance diamond OA ecologies for books. In: Journal of Librarianship and Scholarly Communications 12 (2024) 2, https://doi.org/10.31274/jlsc.18284
Dieser Artikel bietet eine Rundumsicht zu den Finanzierungsmodellen für Open-Access-Bücher, die sich in den letzten Jahren etabliert haben, wobei der Fokus auf Modellen liegt, die gerade keine gesonderten Gebühren auf Seiten der Autor*innen erheben. Wer sich auf dem Feld einigermassen auskennt, wird keine Neuigkeiten erfahren. Vielmehr ist der Text als Einstieg in das Thema und die Modelle geeignet. (ks)
Rawlins, Ben ; Scott, Mitchell (2025). Open Access and Citation Impact: Modality, Funding, Publisher, and Disciplinary Trends at the University of Kentucky. In: Library Resources & Technical Services 69 (2025) 3, https://doi.org/10.5860/lrts.69n3.8496
Der “Open-Access-Zitationsvorteil” ist ein recht etabliertes Phänomen, welches schon früh in der Forschung zu Open Access untersucht und immer wieder nachgewiesen wurde: Im Vergleich zu wissenschaftlichen Artikeln, die Closed Access publiziert werden, werden Open-Access-Publikationen mehr und früher zitiert. Abgeleitet wird daraus auch oft, dass sie wohl mehr und früher gelesen werden, also in ihrer Funktion als wissenschaftliche Publikation erfolgreicher sind. Die vorliegende Studie untersucht dieses Phänomen anhand der Beiträge, die von Forschenden einer spezifischen Hochschule – der University of Kentucky – veröffentlicht wurden und das auch in einem spezifischen Hochschulkontext, dem US-amerikanischen, in welchem beispielsweise keine Tradition von Konsortiallizenzen für digitale Medien auf nationaler Ebene existieren, wie das in Europa der Fall ist. Die Daten lassen sich also nicht einfach übertragen.
Im Ergebnis zeigt die Studie aber erstens, wie eine solche Auswertung konkret stattfinden kann (also welche Methodik, welche Fragen und welche Formen von Präsentation der Daten und Ergebnisse gewählt werden können) und zweitens, dass der “Open-Access-Zitationsvorteil” differenzierter ist. Während er grundsätzlich auch für die Publikationen aus der University of Kentucky gilt, zeigt sich doch, dass er sehr unterschiedlich ausgeprägt ist in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen und auch Verlagen. Teilweise ist er gar nicht vorhanden, teilweise werden Open-Access-Publikationen in “hybriden” Zeitschriften, die sowohl Open als auch Closed Access veröffentlichen, mehr und schneller zitiert als solche, die in “reinen” Open Access Journals veröffentlicht werden. Aber teilweise ist er auch überdeutlich zu sehen. (ks)
2.3 Bestandsmanagement
Steele, Gemma ; Webster, Hayley (2025). Getting Inked? A Survey of Current Institutional Marking Practices in Rare Books and Special Collections. In: RBM: A Journal of Rare Books, Manuscripts, and Cultural Heritage 26 (2025) 1: 52–66, https://doi.org/10.5860/rbm.26.1.52
Der Text berichtet von einer Umfrage unter Bibliotheken – wohl, da sie über betreffende Mailinglisten verbreitet wurde, vor allem in englischsprachigen Ländern (aus Sicherheitsgründen wurden aber keine geographischen Daten abgefragt) – darüber, ob Bibliotheken ihre Rara-Bestände – also die seltenen Drucke und Handschriften – mit einem Bibliotheksstempel versehen oder nicht. Das klingt wie ein nebensächliches Thema, es ist aber eine – wie der Artikel zeigt – seit Jahrzehnten diskutierte Frage. Argumente gegen und für das Stempeln werden offenbar regelmässig ausgetauscht: Dafür spricht, dass diese Stempel vor allem als Diebstahlschutz dienen. Wenn sie vorhanden sind, insbesondere so angebracht, dass sie kaum entfernt werden können, sei es schwieriger, diese Objekte nach einem Diebstahl zu verkaufen. Dagegen spricht, dass solche Stempel immer das Objekt selber verändern, also einen Eingriff darstellen. Es gibt, wie im Text auch zu lernen ist, eine Reihe von anderen Ansätzen zur Sicherung von Rara (unsichtbare Tinte, Katalogisierung und Dokumentation von relevanten Eigenheiten der Rara und anderes mehr) sowie einige weitere Argumente. Zudem wurden schon mehrere übergreifende Richtlinien erlassen, die einerseits das Stempeln empfehlen, aber es jeder Bibliothek selber überlassen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.
Die Umfrage selber brachte jetzt, trotz 93 Antworten, wenig Neues. Die Praxis ist offenbar in den verschiedenen Bibliotheken sehr unterschiedlich, die Argumente sind kaum anders, als die in der Literatur der letzten Jahrzehnte diskutierten. (Zu kritisieren ist aber, dass die Literatur sich praktisch auf englischsprachige beschränkt.) Im Ganzen liefert der Artikel aber einen interessanten Einblick in das Thema. (ks)
Ho, Jessica (2025). There are Imposters Among Us – Investigating AI-Generated Picture Books in the Library. In: Canadian School Libraries Journal 32 (2025) 2, https://journal.canadianschoollibraries.ca/there-are-imposters-among-us-investigating-ai-generated-picture-books-in-the-library/ [Re-Published]
In diesem kurzen Text gibt Ho, angestellt im Schulbibliothekssystem von Toronto, eine Übersicht ihrer Gedanken zur steigenden Anzahl von Kinderbüchern, die offenbar ohne Qualitätskontrolle unter Einsatz von AI-Tools erstellt und über Anbieter wie Amazon verbreitet werden. Ho gibt Hinweise, wie diese Bücher gestaltet sind und sich erkennen lassen. Zudem wird besprochen, dass sich diese Bücher auf den ersten Blick oft nicht von Selbst-Publikationen und Publikationen kleiner Verlage unterscheiden, auf den zweiten Blick dann aber doch. Zuletzt verweist der Text aber darauf, dass vor allem Bibliothekar*innen die Verantwortung hätten “to make informed decisions and advocate for intellectual property rights, valuable stories and diverse representation”. Für die Erstellung von Kinderbüchern würden immer auch die aktuell verfügbaren Tools genutzt werden und AI sei nur ein weiteres Tool. (ks)
Wolf, Christa (2025). Musikinstrumente zum Ausleihen: Ein Erfahrungsaustausch im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins. In: Forum Musikbibliothek 46 (2025) 3: 6–10 [gedruckt]
Heß, Dina ; Mahn, Johanna (2025). Bibliothek der Dinge – Mobile Arbeitsmittel für Studierende in der Folkwang Bibliothek. In: Forum Musikbibliothek 46 (2025) 3: 10–16 [gedruckt]
Dargestellt wird in den beiden Artikeln vor allem, wie Musikinstrumente, Stative und iPads, immer gedacht als Teil von Bibliotheken der Dinge
, in der Praxis in Bibliotheken gehandhabt werden. Der Artikel aus Berlin geht auch auf die spezifischen Herausforderungen der Vergabevorschriften ein (die in anderen Städten oder Ländern wieder anders sind). Was sich bei beiden Texten zeigt, ist, dass Bibliotheken Wege suchen und finden, um Dinge
anzuschaffen, ausleihfertig zu machen, zu katalogisieren und zu pflegen, aber dass das alles sehr Stückwerk ist: Ständig wird von Bibliothekar*innen zur Eigeninitiative gegriffen, auf die spezifische Interessen und Fähigkeiten des Personals zurückgegriffen (oder Absprachen mit anderen getroffen, unter anderem mit einer Instrumentenwerkstatt) und spezifische Lösungen gesucht, die irgendwie in die bestehenden Systeme passen (beispielsweise die Einführung einer fiktiven Reihe
für die Katalogisierung, Musikinstrumente zum Ausleihen
, damit Instrumente überhaupt als eigene Gruppe im Katalog gefunden werden können).
Bestandsarbeit ist offenbar, wenn es sich nicht um normale Medien
handelt, immer eine Art von Life-hack. (ks)
Mathews, Emilee ; Emerson, María Emerson (2025). From Niche to Norm: A Case Study of Zines in a Circulating Collection. In: Library Resources & Technical Services 69 (2025) 4, https://doi.org/10.5860/lrts.69n4.8550
Zines, also von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen oft per Hand erstellte und in kleiner Auflage verbreitete Broschüren, stellen einen eigenen, schwer zu fassenden Medientyp dar. Oft als Teil der Kommunikation in einzelnen Subkulturen etabliert, folgen sie selten expliziten Vorgaben, erscheinen oft unregelmässig oder auch nur einmal, sind nirgends vollständig verzeichnet (was ihrem Zweck oft auch zuwiderlaufen würde) und werden nur in Ausnahmefällen zum freien Verkauf angeboten. Aber gleichzeitig, oder vielleicht sogar deshalb, sind sie immer wieder von Interesse für die Forschung und auch für Bibliotheken. Letzteres trifft offenbar noch mehr für US-amerikanische Bibliotheken zu als für die im DACH-Raum. Dort stellen Zines-Bestände Sondersammlungen dar, die teilweise regionale Bedeutung haben.
Der Artikel stellt eine dieser Sammlungen, die Library Social Justice Zine Collection der University of Illinois Urbana-Champaign, aus bibliothekarischer Sicht vor, gibt aber auch gleichzeitig einen Überblick über die bisherigen Publikationen zum Thema sowie Ergebnisse einer Umfrage. Das macht den Text sehr uneinheitlich – eigentlich sind es drei Artikel, die auch getrennt hätten veröffentlicht werden können. Der Literaturteil und die Umfrage zeigt aber, dass sich Zine Sammlungen
in den US-amerikanischen Hochschulbibliotheken verbreitet haben (ohne dafür Gründe angeben zu können) und genutzt werden. Erwähnt wird auch die selbstorganisierte Gruppe hinter der Homepage https://www.zinelibraries.info/. Gerade der Teil, welcher die spezifische Sammlung vorstellt, macht aber auch klar, dass das Charakteristikum von Zines, sich in Form, Inhalt und so weiter kontinuierlich zu unterscheiden und zudem (oft) aus einfach Materialien hergestellt zu sein, immer zu besonderen Lösungen für die Katalogisierung, Aufbewahrung und Anbietung führt. Es ist viel Arbeit für manchmal recht wenige Medien. (ks)
Duffus, Orolando (2025). Strategies for Assessing and Enhancing Electronic Journal Collections: A Data-Driven Approach for Supporting New Academic Programs and the College of Medicine. In: International Journals of Librarianship 10 (2025) 4, 5–16, https://doi.org/10.23974/ijol.2025.vol10.4.502
Die University of Houston baute in den letzten Jahren ihre medizinischen Ausbildungsgänge aus und richtete ein eigenes College of Medicine ein. Der Text beschreibt nun, wie die Universitätsbibliothek ihren Bestand auf die Interessen der neuen Studierenden und Forschenden ausrichtete. Sie nutzte dazu eine Mischung aus der Auswertung verschiedener Daten und weitergehender Überlegungen. Beispielsweise erstellte sie Listen der Core-Zeitschriften der jeweiligen Unterfelder, die am College vertreten sind, und überprüfte, zu welchen sie schon Zugang hatte oder zu welchen sie Zugang schaffen müsste. Ein wenig ärgerlich am Text ist, dass sich mehrfach von traditionellen Methoden
der Bestandsbewertung abgegrenzt wird, obgleich diese eigentlich auch hier nicht ersetzt, sondern nur
ergänzt werden. Aber offenbar ist es für die diskursive Betonung der Innovationsfähigkeiten der Bibliothek wichtig.
Zudem handelt die Bibliothek selbstverständlich im US-amerikanischen System von Hochschulbibliotheken, in denen die Kooperation lange nicht so ausgeprägt ist wie in Europa. Beispielsweise werden Konsortialverträge gar nicht erst angesprochen. Aber ansonsten liefert der Text einmal einen Überblick darüber, wie in einer konkreten Einrichtung eine Strategie für die Bestandsarbeit erstellt und dann auch evaluiert wird. (ks)
Higgins, Colin (2026). The Continuing Relevance of DVDs and Blu-ray Discs to Library Collections. In: Library Resources & Technical Services 70 (2026) 1, https://doi.org/10.5860/lrts.70n1.8614
Dieser Text argumentiert, dass Bibliotheken auch in Zukunft Filme auf physischen Medien erwerben und im Bestand halten sollten. Es gibt, wie hier dargestellt wird, einen klaren Trend dazu, Filme bei Streamingdiensten zu lizenzieren. Aber – so die wenig überraschende Aussage im Artikel – diese Dienste haben nicht den Fokus, Filme langfristig zu erhalten, sondern andere ökonomische Perspektiven. Gleichzeitig sind sie selber in ein System von befristeten Lizenzierungen durch die Filmindustrie eingebunden, die es ihnen unmöglich machen, solche langfristigen Perspektiven überhaupt anzubieten. Nicht zuletzt gibt es eine ganze Reihe von Fällen, in denen Filme bei diesen Streamingdiensten im Nachhinein verändert wurden. Das passierte aus unterschiedlichen Gründen, ist aber selbstverständlich ein Problem, wenn es darum geht, Filme als Kulturgut zu erhalten.
Der Text argumentiert, dass es die Aufgabe von Bibliotheken wäre, Filme über die Zufälligkeiten
dieses Streamingssystem hinaus zu erhalten. Dies wäre nur möglich, wenn sie physisch vorhanden sind. Auch das ist keine grundsätzlich überraschende Aussage. Interessant ist hier aber, dass durch den Artikel Kriterien wie historische Verantwortung und Diversität des Angebots für das Bestandsmanagement stark gemacht werden und davor gewarnt wird, dabei zu kurzfristig – also nur zu fragen: Was kann die Bibliothek sofort, für welchen Preis, mit welchem Aufwand und zu welche Lizenzbedingungen ihren Nutzer*innen anbieten?
– zu denken. (ks)
2.4 Ukraine
Der 2022 begonnene Krieg Russlands gegen die Ukraine hat auch zu einer Reihe von Beiträgen in bibliothekarischen Zeitschriften geführt, von denen hier einige in Englisch und Deutsch erschienenen referenziert werden. Leider ist der Grund für dieses Interesse und auch für viele Aktivitäten, die in diesen Beiträgen beschrieben werden, ein schlechter. Es ist zu hoffen, dass dieser Krieg, wie alle Kriege, endlich beendet wird. Gleichzeitig zeigen die Beiträge aber auch, dass Bibliotheken in der Ukraine wichtige Arbeit leisten und dass sie dabei auf Solidarität von Bibliotheken anderer Länder zurückgreifen können.
Dubrovina, Lyubov ; Kovtaniuk, Yurii ; Lobuzina, Kateryna ; Demianiuk, Liudmyla (2024). The Vernadsky National Library of Ukraine in Times of Independence and Martial Law: Development Strategy, Preservation, and International Co-operation. In: Bibliothek Forschung und Praxis 48 (2024) 3: 639–647, https://doi.org/10.1515/bfp-2024-0062
In diesem Artikel beschreiben Kolleg*innen aus der ukrainischen Nationalbibliothek zuerst kurz die Geschichte der verschiedenen Bibliotheken mit «nationalbibliothekarischem Auftrag» in ihrem Land. Anschliessend stellen sie die Herausforderungen dar, welche durch den Krieg für die Bibliotheken des Landes entstanden sind (Zerstörung, Gefahren, aber auch Personalmangel), um danach auf die Strategien und Arbeiten ihrer Bibliothek selber einzugehen.
Ziel der Arbeit der Bibliothek ist es aktuell, möglichst viele Medien, Informationen und damit auch Kultur zu erhalten. Getan wird dies unter anderem durch Digitalisierungsprojekte, bei denen die Digitalisate auch in anderen Ländern gelagert werden, durch Sicherungsmassnahmen für die Kulturgüter und durch die Integration in bestehende europäische Infrastrukturen. Eine wichtige Rolle dabei spielt das Projekt «Saving Ukrainian Cultural Heritage Online» (https://www.sucho.org). In einem Kapitel wird auf die Unterstützung durch andere europäische Nationalbibliotheken eingegangen, die in der Conference of European National Libraries organisiert sind. Hervorgehoben werden dabei die British Library, die Deutsche, Schwedische und Polnische Nationalbibliothek. (ks)
Kulazhanka, Alexei (2025). ABD-Institutionen der Ukraine im Krieg: Welche Schutzmassnahmen werden in einem Angriffskrieg angewendet, um Bestände vor der Vernichtung zu retten?. In: Informationswissenschaft: Theorie, Methode und Praxis, 9 (2025): 255–268, https://doi.org/10.18755/iw.2025.15
Der Artikel, wohl wie fast alle Beiträge dieser Zeitschrift entstanden als Abschlussarbeit im gemeinsamen MAS-Studiengang Informationswissenschaft der Universitäten Bern und Lausanne, fasst zusammen, wie Archive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen (die ABD-Institutionen, wie sie im Titel genannt werden) in der Ukraine vorgehen, um ihre Bestände zu schützen. Kulazhanka betont, dass «das ordnungsgemässe Funktionieren von ABD-Institutionen […] eine Normalität und Planbarkeit des Alltags [voraussetzt]», die im Krieg nicht gegeben ist. Notfallpläne, wenn sie existieren, nähmen bewaffnete Auseinandersetzungen immer nur als eine wenig wahrscheinliche Katastrophe in den Blick, was dazu führt, dass ABD-Einrichtungen viel weniger auf sie vorbereitet sind, als auf andere Krisensituationen. Dies hätte auch für die Ukraine gegolten. Durch den Angriff Russlands hätten sie neue Strategien entwickeln müssen, die im Artikel benannt werden als: Evakuieren der Bestände, Sicherung vor Ort (beispielsweise in Kellern) und Digitalisierung. Zu diesen drei Punkten werden jeweils Beispiele aus der Ukraine genannt. (ks)
Gosart, Ulia ; Clair, Sara ; Swanson, Abbie (2025). The resistance and resilience of Ukrainian public librarians. In: IFLA Journal [Online First], https://doi.org/10.1177/03400352251392112 [Paywall]
Der kurze Text fasst Arbeiten zusammen, welche in ukrainischen Öffentlichen Bibliotheken aufgrund des Krieges notwendig wurden. Dabei werden diese Beispiele nicht diskutiert, sondern ein wenig wie Nachrichten, die alle positiv oder «heldenhaft» klingen, zusammengefasst. Zu erfahren ist, was alles getan wird, aber zum Beispiel nicht, wie sich die Bibliothekar*innen dabei fühlen.
Zuerst werden einige Zahlen über den Zustand der Bibliotheken im Land genannt: Im Mai 2025 waren 17 % von ihnen nicht mehr operationsfähig, 214 waren zerstört, fast 1.000 benötigten Reparaturen. Gleichzeitig wurde wichtige Arbeit geleistet: Bibliotheken wurden zu Hilfszentren ausgebaut, in denen Menschen Unterkunft und Hilfe finden konnten, oder auch zu Luftschutzräumen. Es wurden Angebote im Bereich physische und psychische Gesundheit aufgebaut, teilweise spezifisch für Kinder, teilweise für die gesamte Bevölkerung. Es wurden aber auch Ausstellungen organisiert (erwähnt werden solche in Zusammenarbeit mit der School of Information, San Jose University in Kalifornien, woher die Autor*innen stammen, was auch ein Beispiel für die Kooperation bibliothekarischer Einrichtungen über Länder hinweg darstellt), bei denen Bilder gezeigt wurden, mit denen ukrainische Kinder die Situation des Krieges verarbeiteten. Zuletzt werden Beispiele genannt, in denen Bibliotheken versuchen, Desinformation zu kontern, über die Desinformationsarbeit Russlands aufzuklären und zudem den Krieg zu dokumentieren. (ks)
Johnston, Jamie ; Mierzecka, Anna ; Tóth, Máté ; Paul, Magdalena ; Kisilowska-Szurmińska, Małgorzata ; Khosrowjerdi, Mahmood ; Vårheim, Andreas ; Rydbeck, Kerstin ; Jochumsen, Henrik ; Hvenegaard Rasmussen, Casper ; Ágústa, Pálsdóttir ; Olson, Anna ; Skare, Roswitha ; Mathiasson, Mia Høj (2025). Public libraries’ role in supporting Ukrainian refugees: A focus on Hungary and Poland. In: Journal of Librarianship and Information Science, 57 (2024) 4:1141–1160, https://doi.org/10.1177/09610006241259490
Vor allem basierend auf sechs Interviews (je drei in Polen und Ungarn, dort je in einer gross-, mittel- und kleinstädtischen Bibliothek) gibt dieser Text einen Überblick zur Arbeit von polnischen und ungarischen Bibliotheken während der ersten Monate des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Beide Länder waren das Ziel von Personen, die aus der Ukraine flüchteten; in beiden Ländern übernahmen neben der Zivilgesellschaft auch Bibliotheken die Aufgabe, diesen Menschen Hilfe zu leisten. Wieder in beiden Ländern musste diese Arbeit praktisch neu etabliert werden. Während in anderen europäischen Ländern während der grossen Migrationsbewegungen 2015 schon Erfahrungen dieser Art gesammelt wurden, galt dies für Polen und Ungarn nicht. In diesen beiden Ländern gab es 2015 explizit eine Politik gegen die damals Flüchtenden, während die 2022 aus der Ukraine kommenden Personen sowohl von den Regierungen als auch breiten Teilen der Gesellschaft unterstützt wurden.
Die Interviews zeigen zuerst, dass die Bibliotheken in beiden Ländern sehr schnell auf die Fluchtbewegungen reagierten. In sehr kurzer Zeit wurden sie zu Sammel- und Ausgabestellen für Spenden und zum Aufenthaltsort für geflüchtete Personen. Dabei wurde betont, dass sich hier professionelle und private Beweggründe mischten. Auf der einen Seite sahen sich die Bibliotheken – dieses Mal, aber offenbar kaum 2015 – als «Ort für alle», auf der anderen Seite gab es eine Betroffenheit der Bibliothekar*innen selber. In dieser Zeit standen Aufgaben im Mittelpunkt, die – so der Artikel – sich nicht auf Medien bezogen. Nach den ersten Monaten wandelte sich dann die Aufgaben der Bibliotheken. Jetzt ging es eher darum, dass die Bibliotheken als «Orte», die geflüchtete Personen aufsuchen konnten, als Einrichtung, an denen Angebote für Kinder gemacht wurden und auch als Mediensammlung wirkten. In dieser Zeit begannen auch die Bibliothekar*innen, die geflüchteten Menschen in weitere Zielgruppen zu differenzieren und für diese gesonderte Angebote zu unterbreiten, wobei sich vor allem ein Fokus auf Kinder und Frauen ausprägte. Zudem wechselten die Aufgaben: Es ging jetzt vor allem darum, Menschen das «Ankommen» im jeweiligen Land zu ermöglichen, inklusive der Entwicklung von Sprachfähigkeiten und von sozialen Verbindungen. Es gab, allerdings geringe, Unterschiede zwischen der ungarischen und polnischen Situation, insbesondere, weil in Polen mehr Menschen aus der Ukraine längerfristig verblieben als in Ungarn. In Polen wurden die Bibliotheken so auch eher zu Einrichtungen, welche die Integration förderten. (ks)
3. Monographien und Buchkapitel
3.1 Vermischte Themen
Campbell, Paul C. ; Nagle, Sarah (eds.) (2025). Librarians as Researchers. Developing Our Scholarly Identities. New York u. a.: Bloomsbury. [gedruckt]
Wie so viele aktuelle Bücher aus dem Bibliothekswesen hat auch dieses eine amerikanische “Herkunft”. Das macht direkte Vergleiche mit der Lage in deutschen Bibliotheken etwas schwierig: Eine Unterscheidung von Bibliotheksstellen nach “library positions” oder “faculty positions” gibt es im deutschsprachigen Raum – zumindest so weit ich weiß – nicht, und zu den Anforderungen an “tenure track”-Stellen, wie zum Beispiel publishing beziehungsweise research requirements, gibt es auch kein direktes Pendant.
Nichtsdestotrotz kann dieser Sammelband dazu anregen, darüber nachzudenken, was man denn “erforschenswert” fände rund ums Bibliothekswesen und wie man das angehen könnte.
In den Beiträgen gibt es anhand theoretischer Überlegungen und vieler persönlicher Fallbeispiele Tipps zu grundlegenden Fragestellungen – “What counts as scholarship for the purpose of one’s own advancement versus scholarship that advances the discipline?” (S. 10) –, zur Erstellung einer “research agenda”, zum erfolgreichen Einstieg ins Forschen zum Beispiel über Tagungs-Poster, zum Überwinden von Hürden wie “time constraints and the assumptions others have about librarians” (S. 82) oder zu Formaten, die sich als gut praktikabel erwiesen haben, wie Schreibgruppen, Communities of Practice und “Research Days”.
Online weiterlesen kann man danach dann zum Beispiel im ebenfalls in einem Kapitel vorgestellten “Librarian Parlor” (https://libparlor.com/) und dem “LibParlor Online Learning” (LPOL) (https://libparlor.com/lpol-curriculum/). (vv)
Syma, Carrye Kay ; Weiner, Robert G. ; Callender, Donell (Hrsg.) (2025). Drawn to the stacks: essays on libraries, librarians and archives in comics and graphic novels. Jefferson, NC: McFarland. https://mcfarlandbooks.com/product/drawn-to-the-stacks/ [gedruckt]
Wie werden Bibliotheken und Archive in Comics und Graphic Novels dargestellt? Mit dieser Frage beschäftigen sich die 19 Beiträge in diesem Band, nach eigenen Aussagen “the first academic volume to examine the librarian and archival professional through the lens of sequential art”.
Leider gibt es (vermutlich aus urheberrechtlichen Gründen) nur im Artikel zur Reihe “xkcd” Abbildungen von Beispielen besprochener Comics oder Cartoons. Das macht die Lektüre der Abhandlungen zu Comics, die man nicht kennt, recht trocken. Dennoch können sie dazu einladen, sich die besprochenen Werke mal anzusehen, um sich selbst ein Bild zu machen: Wer sich für Comics und Bibliotheken interessiert, findet viele Anregungen für Neuentdeckungen, und in bekannten Comics achtet man zukünftig vielleicht noch mehr auf bibliothekarische oder archivarische Aspekte.
Sollte es mal einen zweiten Band dieser Art geben, wird der hoffentlich noch weitere Werke berücksichtigen, die außerhalb der USA entstanden sind, darunter zum Beispiel die bibliophilen Cartoons von Tom Gauld. (vv)
Berger, Monica (2024). Predatory Publishing: and Global Scholarly Communications. (ACRL Publications in Librarianship, 81) Chicago: Association of College and Research Libraries, 2024 [gedruckt]
Dieses Buch ist weit besser und fundierter, als man beim Thema Predatory Publishing befürchten könnte. Es reproduziert gerade nicht einfach Vorstellung von betrügerischen Zeitschriften
und betrügerischen Forschenden
auf der einen, ehrlichen Verlagen
und ehrlichen Forschenden
auf der anderen Seite, sondern versucht, die komplexe Situation darzustellen. Zudem wird sich mit den Problemen auseinandergesetzt, die vor gut zehn Jahren bei diesem Thema existierten, wenn beispielsweise in Beall’s List
Kriterien für Predatory Publishing
angewendet wurden, die Unterschiede zwischen Wissenschaftsstrukturen oder der infrastrukturellen Ausstattungen von Hochschulen in verschiedenen Ländern ignorierten und dazu führte, dass systematisch Zeitschriften aus dem globalen Süden zu predatory journals
erklärt wurden, weil sie nicht Kriterien entsprachen, die in den USA, aber halt nicht überall anders, sinnvoll waren. Zudem wird in diesem Buch hier explizit die implizite Gleichsetzung von Open Access und Predatory Publishing zurückgewiesen, welche gerade im Umfeld der genannten Liste vor gut zehn Jahren vertreten wurde.
Vielmehr will das Buch systematisch das gesamte Themenfeld angehen. Es bespricht nicht nur, warum Predatory Publishing für die Wissenschaft schlecht ist, sondern auch, wie die verschiedenen Auffassungen davon, was ehrliches
oder unehrliches
Publizieren ist (sowohl zwischen verschiedenen Wissenschaftskulturen als auch innerhalb solcher), entstehen und welche strukturellen Gründe vorliegen, die Predatory Journals hervorbringen können. Gerade diese Gründe, hier unter dem Schlagwort Neoliberalismus
zusammengefasst, und nicht unmoralisches Verhalten von einzelnen Forschenden wird als Motivation für potentiell betrügerisches Verhalten angesehen. Zudem geht das Buch explizit in einzelnen Kapiteln auf Diskussionen zu Predatory Publishing und Situationen von Forschungseinrichtungen in verschiedenen Ländern ein, verbleibt also gerade nicht beim US-amerikanischen Blick. Basis dafür sind zahlreiche Forschungen zum Predatory Publishing, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden und hier sehr umfassend zusammengeführt werden.
Im letzten Abschnitt des Buches wird versucht, praxisorientierte Hilfestellungen für Bibliothekar*innen zu geben, die Forschende bei Publikationsentscheidungen unterstützen wollen. Aber, da diese Situation – wie man im Buch selber lernen kann – komplexer ist, als einfach das Publikationswesen in betrügerisch
oder ehrlich
einzuteilen, sind diese Hinweise auch recht umfangreich. Es geht immer noch darum, Informationen über das Publikationswesen und seine Auswirkungen weiterzugeben – aber jetzt komplexere Informationen als nur eine Liste von schlechten Zeitschriften
, sondern eine ganze Anzahl von bedenkenswerten Kriterien und Kontexten. (ks)
Mariátegui, José-Carlos (2023). Imagined Video Archives: Strategies and Conditions of Video Art Collections in Latin America. In: Shtromberg, Elena ; Phillips, Glenn (edit.) (2023). Encounters in Video Art in Latin America. Los Angeles: Getty Research Institute, 2023: 91–109 [gedruckt]
Das Buch, zu welchem dieser Beitrag gehört, beschäftigt sich mit der Geschichte der Videokunst in Lateinamerika. Das Buch selber geht von der Prämisse aus, dass diese Kunst in Museen, Sammlungen und der Kunstgeschichte massiv unterrepräsentiert ist, dass sie schlecht erhalten wurde sowie dass sie sich zum grössten Teil gar nicht erhalten hat. Dabei sei Videokunst gerade in den Militärdiktaturen während der 1970er und 1980er Jahre immer auch eine Form von Protest und Widerspruch gegen diese Diktaturen gewesen und schon deshalb erinnerungswürdig. Während sich andere Beiträge im Band mit einzelnen Festivals oder Künstler*innen befassen, wurde im Beitrag von Mariátegui aufgearbeitet, welche Archive und Sammlungen dieser Videokunst tatsächlich existieren. Dabei kann kein vollständiger Überblick gegeben werden: So, wie die damalige Videokunst oft lokal war, lokal produziert und gezeigt wurde, und nur in einigen Fällen über diesen Rahmen hinaus wahrgenommen wurde, ist es auch mit den Archiven. Viele sind Privatinitiativen, nur jeweils einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt.
Auf der Basis von Recherchen nach und Besuchen in solchen Archiven, werden diese kategorisiert als (a) Sammlungen, die aus durchgeführten Video Art Festivals entstanden, (b) Sammlungen in Institutionen wie Museen, (c) persönlichen Sammlungen, insbesondere von Videokünstler*innen selber und (d) Ausstellungsprojekten, für die jeweils eine Sammlung zusammengetragen (und so zumindest dokumentiert) wurden. Die Herausforderungen für alle diese Sammlungen bestehen im Material selber, da die Kunst zumeist als Video oder Film vorliegt, an technischen Herausforderungen, beispielsweise den verschiedenen Video- und Filmformaten, und der Notwendigkeit, Abspielgeräte zur Verfügung haben zu müssen sowie in vielen Fällen (aber nicht in allen Museen) in der Finanzierung und Langlebigkeit der Initiativen selber. Der Überblick zeigt zudem, dass trotz dieser Herausforderungen eine grosse Anzahl solcher Sammlungen existiert, die oft von Engagierten mit grossem Elan aufrecht erhalten werden. (ks)
Gilbert, Annette ; Hülhoff, Andreas (edit.) (2025). Library of Artistic Print on Demand: Post-Digital Publishing in Times of Platform Capitalism. Leipzig: Spector Books, 2025 [gedruckt]
Dieses Buch basiert auf einer Sammlung von Artists Books, die nicht von den Künstler*innen selber gedruckt, sondern über Print on Demand-Services verbreitet wurden. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass sich (auch) diese Form von Veröffentlichung in den letzten zehn Jahren als künstlerische Praxis etabliert hat. In einem Projekt wurde eine Sammlung von 100 dieser Bücher angelegt, welche anschliessend der Bayerischen Staatsbibliothek in München gespendet wurde (die schon eine eigene Sammlung von Artists Books besitzt). Teil dieser Publikation ist ein bebilderter und kommentierter Katalog dieser Sammlung.
Rund zwei Drittel dieses schweren Buches (A4, knapp über 700 Seiten) besteht aber aus Essays, welche diese Publikationspraxis dokumentieren, diskutieren und kritisieren. Grundsätzlich wird dabei immer wieder der Widerspruch erwähnt, dass hier Künstler*innen oft mit einem gesellschaftlich kritischen Blick Bücher über Plattformen vertreiben, die vor allem von grossen Firmen, insbesondere Amazon, betrieben werden. Einige thematisieren dies in ihren eigenen Büchern, einige wägen die Vor- und Nachteile ab, einige besprechen auch, dass alternative Formen von Print on Demand in der Vergangenheit gescheitert sind. Die Diskussion über den Widerspruch kommt nie an ein Ende.
Zusammengefasst bietet das Buch einen Meilenstein dieser künstlerischen Praxis, da hier eine offenbar lebendige Szene
das erste Mal zusammengeholt und dargestellt wird (selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wie schon im Vorwort betont wird, schon weil gerade Bücher aus Ländern des Globalen Südens fehlen). (ks)
3.2 Bibliotheksmanagement
Hunt, Amber ; Ruane, Elizabeth ; Sopka, Stephanie (edit.) (2024). Closing a College Library. Chicago: Association of College and Research Libraries, 2024 [gedruckt]
Das US-amerikanische Hochschulsystem ist geprägt von der Existenz vieler kleiner, privater (oft auch von religiösen Einrichtungen getragenen) Hochschulen. Viele dieser kleinen Einrichtungen, insbesondere die den Fachhochschulen vergleichbaren Colleges, stehen unter starkem finanziellen Druck, da die Studierendenzahlen massiv zurückgehen. Offenbar immer öfter werden sie geschlossen, was heissen kann, dass sie mit grösseren Einrichtungen fusionieren oder aber, dass sie tatsächlich vollständig aufgelöst werden. Im Rahmen dieser Schliessungen werden auch die Bibliotheken dieser Einrichtungen geschlossen. In diesem Buch versammelt sind Erfahrungsberichte von einigen Bibliotheken, mit denen dies in den letzten Jahren – zufällig immer in der ersten Hochzeit der COVID-19-Pandemie – tatsächlich passierte. Allerdings ist auch auffällig, dass hier sehr die US-amerikanischen Strukturen eine Rolle spielen. So handelt es sich immer um private Colleges, die dann, wenn sie fusionieren, auch immer mit anderen privaten Hochschulen zusammengeschlossen wurden. Immer geht es um die Verwaltung von Spenden (Endowments) und Special Collections sowie Hochschularchive. Zudem geht es immer wieder um Geld. Beispielsweise wurde bei einer Bibliothek der Transfer von Büchern schwierig, weil diese inklusive der Gebäude und des Geländes verkauft werden sollten. Zudem werden auch immer wieder Herausforderungen durch verschiedene Konsortien angesprochen (da es, anders als in Europa heute die Norm, kein nationales Konsortium gibt, sondern ständig wechselnde Konsortialstrukturen).
Oder anders: Es ist schwer, dass alles direkt auf die Bibliotheken im DACH-Raum zu übertragen. Zwar stehen auch hier die kleinen Hochschulen vor dem Problem sinkender Studierendenzahlen, aber dabei handelt es sich fast immer um staatliche Einrichtungen, deren Bibliotheken auch mehr vernetzt sind als in den USA. Bisher wurden auch noch sehr wenige von ihnen geschlossen. Wenn, dann geht es im DACH-Raum wohl vor allem um das Auflösen von Teilbereichsbibliotheken eines Hochschulbibliothkekssystems, was eine sehr andere Problemlage ist.
Was aus den Beispielen aber zu lernen ist, ist, (a) dass so bald möglich nach dem Bekanntwerden der Schliessung eine Planung stattfinden sollte, die wenn möglich auch Bibliotheken und Archive einbeziehen sollte, welche Bestände übernehmen können, (b) dass eine schnelle Inventarisierung sowie Sicherung von möglichst vielen Daten und Metadaten sinnvoll ist, (c) dass sich oft Personen eigenhändig an den Beständen der zu schliessenden Bibliotheken bedienen
, wenn dem nicht schnell ein Riegel vorgeschoben wird. Zudem ist dem Schlusswort zu entnehmen, dass die Schliessungswelle von Colleges und Bibliotheken in den USA noch lange nicht an ein Ende gelangt ist. (ks)
Hirsch, Sandra (edit.) (2024). Library 2035: Imagining the Next Generation of Libraries. Lanham ; Boulder ; New York ; London: Rowman & Littlefield, 2024 [gedruckt]
Das Interessanteste an diesem Buch ist, dass es aus der Zeit gefallen scheint. Vor zehn bis fünfzehn Jahren erschienen ständig Bücher und Artikel, in denen vor allem Bibliothekar*innen oder Forschende aus der Bibliothekswissenschaft Aussagen darüber machten, wie die Bibliothek der Zukunft aussehen wird. Eine ganze Anzahl von Studien und Trendberichten versuchte damals auch, diese Frage systematischer anzugehen. Oft wurden diese Anstrengungen mit stattfindenden oder vorhersehbaren Trends begründet, die auch auf Bibliotheken wirken würden. Teilweise wurden damals weitgreifende Vorhersagen gemacht und gewarnt, dass Bibliotheken sich aktiv wandeln würden müssen, wenn sie nicht rapide an Bedeutung verlieren wollten. Aber gleichzeitig wurde ihnen damals auch schon eine bleibende Bedeutung zugeschrieben: Für das Management digitaler Medien und Daten sowie für die Pflege von Communities.
Heute ist weniger Zukunft, könnte man sagen. Immer weniger Kolleg*innen versuchen sich an solchen Vorhersagen. (Und die, die es tun – das eine subjektive Wertung des Rezensenten –, klingen manchmal so, als würden sie einfach seit zehn oder fünfzehn Jahren immer wieder das Gleiche sagen, was auch nicht so richtig nach “Zukunft” klingt.) Forecasts sind heute weniger beliebt und wenn, dann eher von negativer Sicht geprägt.
Dieses Buch jetzt scheint noch einmal den Elan, der sich 2010–2015 im (englisch- und deutschsprachigen) Bibliothekswesen finden liess, aufzurufen. Aber es liest sich auch ein wenig wie ein zu spät kommender Beitrag, der nicht mehr so richtig in die Landschaft passt. Auch wenn nicht so richtig klar ist, warum eigentlich nicht: Als wäre es falsch, positive Zukunftsentwürfe zu liefern – was eigentlich nie der Fall ist, auch wenn der Zeitgeist negativer gestimmt scheint.
Die Beiträge hier, alle aus dem US-amerikanischen Raum, sind kurz, nie länger als zehn Seiten. In ihnen nennen Bibliothekar*innen und Bibliothekswissenschaftler*innen je kurz ein Thema wie Nachhaltigkeit, Diversity, Virtual Technologies oder die Entwicklung des Arbeitsmarktes und machen dann kurze, nie so richtig fundierte, Aussagen darüber, wie sich diese im Bezug auf Bibliotheken (wieder unausgesprochen aber offensichtlich denen in den USA) verändern werden. Am Ende betonen sie fast in jedem Fazit, dass Bibliotheken sich entscheiden müssten, welche Zukunft sie anstreben und wie sie dorthin kommen wollen. Das ist alles auf der einen Seite ganz aufbauend – die Autor*innen gehen offenbar immer davon aus, dass Bibliotheken die aktuellen Herausforderungen meistern werden –, aber auch irgendwie wenig glaubwürdig. Die Beiträge lesen sich weniger wie überzeugende (oder gar in Daten sichtbare) Zukünfte der Bibliotheken und viel mehr wie Texte, in denen sich Bibliothekar*innen gegenseitig Mut machen. (ks)
Smith, Christine F. (2025). Platform Power and Libraries. (Series on Critical Information Organisation in LIS, 3) Sacramento: Library Juice Press, 2025 [gedruckt]
Hier werden vier kurze Beiträge und eine längere Einleitung versammelt, welche den Stand von Platformisation
im Bibliotheksbereich beschreiben wollen. (Die Beiträge stammen aus den USA, Kanada sowie Australien und stehen im jeweiligen Kontext.) Mit Platformisation ist das Entstehen von Intermediären gemeint, die zwischen Medienanbietern (Verlagen, Filmdistributionen, Labels et cetera) und Bibliotheken stehen, die sich wiederum potentiell immer mehr an Plattformen wie Spotify, Netflix oder den zahlreichen Video-Streaming-Diensten orientieren. Obgleich die meisten Anbieter für Bibliotheken grundsätzlich ein Interesse daran hätten, Bibliotheken zu bedienen, würden sie immer mehr auch von der Idee getrieben, Profit mit der Auswertung von Daten und der Skalierung ihrer Angebote zu machen.
Die Einleitung stellt all dies in den Kontext einer Kritik kapitalistischer Strukturen. Auch in den Beiträgen wird mehrfach erwähnt, dass das Handeln der Intermediäre durch diese Strukturen zu erklären ist (also dadurch, dass Firmen einen Profit anstreben müssen und dass sie ständig an der Ausweitung ihres Geschäftes interessiert sind). Bibliotheken sollten dies mit bedenken und nicht in Verschwörungstheorien verfallen oder den Intermediären unterstellen, diese wollten aktiv Bibliotheken schädigen. Gleichwohl beschreiben die Texte die Situationen als schwierig: Bibliotheken würden bei digitalen Medien immer mehr die Möglichkeit verlieren, den eigenen Bestand auszuwählen und zu managen. Ausserdem wäre es immer schwieriger, für die langfristige Archivierung zu sorgen. Der Grossteil der Texte beschreibt diese Situation und betont, dass Bibliotheken darüber miteinander reden müssten, bietet aber keine Lösungsansätze. Ein wenig überraschend ist dies, weil sich eigentlich aufdrängt, darüber nachzudenken, ob (a) Bibliotheken ihre Verhandlungsmacht gegenüber den Intermediären durch Konsortien stärken oder (b) selber genossenschaftlich Intermediäre schaffen und unterstützen sollten. Ansonsten ist beim Lesen der Beiträge nicht so richtig klar, warum die kapitalismuskritische Perspektive in der Einleitung überhaupt so stark betont wurde. In den Beiträgen wird sich nicht auf sie bezogen. (ks)
3.3 Diversity und Bestandsmanagement
Barber, Erika ; Bauder, Julai ; Behounek, Micki ; Jones, Chris ; Reed, Kayla ; Rodrigues, Elizabeth (edit.) (2024). Supporting Diversity through Collection Evaluation, Development, and Weeding. (CLIPP, 48). Chicago: Association of College and Research Libraries, 2024 [gedruckt]
Dieses Buch erschien in einer Reihe, welche praxisorientierte und recht kurze Publikationen für die US-amerikanischen Hochschulbibliotheken veröffentlicht. (CLIPP steht dabei für College Library Information on Policy and Practice
.) Es verspricht im Titel einen Überblick zu geben zu Möglichkeiten und Tools, um das Bestandsmanagement daraufhin auszurichten, dass der Bestand selber diverser wird. Im einleitenden Text wird dann darauf eingegangen, dass Diversität
ein Begriff ist, der für verschiedene Dimensionen gelten kann: für den Inhalt von Medien, für die Identitäten und Herkünfte der Autor*innen et cetera. (Nicht erwähnt wird überraschenderweise eine mögliche Diversität von Verlagen und anderen herausgebenden Körperschaften.)
Selbstverständlich ist das Thema relevant und es wäre zu begrüssen, wenn dieses Buch tatsächlich eine Handreichung zur Verfügung stellen würde. Was es allerdings hauptsächlich ist, ist die Darstellung der Ergebnisse einer Umfrage zu diesem Thema unter US-amerikanischen Hochschulbibliotheken – aus der man erfährt, dass das Thema trotz aller politischen Versuche, die dagegen stehen, Relevanz hat und auch in vielen Einrichtungen Teil der Bestandsarbeit ist, aber das gleichzeitig nicht alle Bibliotheken grundsätzlich so professionell arbeiten, wie man vielleicht erwarten würde – und dann eine ganze Sammlung von Collection Development Policies von Bibliotheken, welche Diversity-Ziele für ihren Bestand gesetzt haben oder in ihnen auch festgelegt haben, welche Tools sie einsetzen, um diese zu erreichen. Aber das ist dann immer nur ein Teil dieser Dokumente, die jeweils in ihrer Gesamtheit abgedruckt werden. Von den rund 120 Seiten nehmen sie fast 80 ein. Anders gesagt: Es ist eigentlich ein kurzer Artikel mit einem langen Anhang, der zu einem Buch erhoben
wurde.
Eine interessante Erkenntnis für Bibliotheken aus dem DACH-Raum ist vielleicht noch, dass eine ganze Anzahl von US-amerikanischen Bibliotheksausstattern Tools anbietet, damit dortige Bibliotheken ihren Bestand auf Diversity-Ziele hin analysieren können. Aber leider werden diese nur kurz in einem Satz erwähnt und nicht weiter dargestellt. (ks)
Kohn, Karen (2025). Assessing Academic Library Collections for Diversity, Equity, and Inclusion. New York: Bloomsbury Inc., 2025 [gedruckt]
Den Anspruch, welchen das zuvor besprochene Buch erhebt – nämlich Möglichkeiten für die Umsetzung von Diversity-Zielen im Bestandsmanagement von Hochschulbibliotheken aufzuzeigen – erfüllt dieses Buch viel besser. Es führt sehr direkt in das Thema ein, geht dann, zuerst zusammengefasst, dann noch ausführlicher in je einem Kapitel, auf vier Ansätze (List-Checking, Metadata Searching, Diversity Coding und Assessing Institutional Efforts) ein, welche direkt im Management des Bestands umgesetzt werden können. Zu drei der Ansätze werden zudem in je einem weiteren Kapitel konkrete Use cases aus US-amerikanischen Bibliotheken gezeigt (nur die Arbeit mit Metadaten wird nicht gesondert vorgeführt). Die Vor- und Nachteile der Ansätze werden besprochen und es wird auch gezeigt, welche für kurzfristige Projekte und welche vor allem für langfristige Wirkungen geeignet sind. Das alles ist in einem eher unaufgeregten Ton gehalten und zudem so dargestellt, dass es in andere Bibliotheken übertragbar wird.
Sichtbar wird allerdings auch, dass es in den USA mehr Anbieter für Medien gibt, welche diese Arbeit der Bibliotheken schon unterstützen (indem sie beispielsweise explizit diverse Medien als Paket anbieten oder aber, indem sie sich auf bestimmte Themen wie afroamerikanische Geschichte spezialisieren) sowie Projekte wie kontinuierlich gepflegte Bibliographien von Literatur von Autor*innen aus marginalisierten Gruppen, auf die bei der Bestandsauswahl zurückgegriffen werden kann. Kohn stellt dar, wie deren Angebote von Bibliotheken genutzt werden können. Aber im DACH-Raum ist dies, bislang zumindest, wegen fehlender Anbieter oder Projekte kaum reproduzierbar. Trotzdem ist dieses Buch die bessere Wahl, wenn sich über praxisorientierte Möglichkeiten des diversitygerechten Bestandsmanagements informiert werden soll. (ks)
3.4 Bibliotheks- und Mediengeschichte
Schmidt, Siegfried (2024). Das Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur katholischen Literatur der Gegenwart aus dem Jahre 1955: Inhalt, Entstehung und Wirkungsgeschichte. In: Schmidt, Siegfried ; Reudenbach, Hermann-Josef (Hrsg.). Katholische Lesekultur im Rheinland: von den Rheinischen Volksblättern zum Hirtenbrief über Gegenwartsliteratur 1955. Vorträge auf dem Vierten Kolloquium zum Katholischen Buch- und Verlagswesen im Rheinland am 17. November 2023. (Libelli Rhenani, 86). Köln: Erzbischöflische Diözesan- und Dombibliothek mit Bibliothek St. Albertus Magnus, 2024, S. 15–104 [gedruckt]
Im Jahre 1955 veröffentlichten (vorgeblich) alle deutschen katholischen Bischöfe ein Hirtenwort dazu, wie die katholische Öffentlichkeit sich in Bezug auf die damalige Literatur verhalten sollte – und damit waren auch die Nutzer*innen der damals noch direkt an diese Öffentlichkeit gerichteten katholischen Büchereien, die im Borromäusverein organisiert waren, sowie die dort tätigen Bibliothekar*innen gemeint. Ein Hirtenwort wird normalerweise von den Pfarrern in den Kirchen von der Kanzel verlesen. Bei diesem gab es aber, wie der Artikel von Schmidt zeigt, verschiedene Handhabungen. Meist wurde es nur in den katholischen Amtsblättern veröffentlicht.
Das Hirtenwort (im Folgenden wird hier aus der Version im Anhang des Artikels von Schmidt (89–94) zitiert) betonte explizit, dass es Themen gab, die in der Gegenwartsliteratur besprochen wurden, die zu lesen aber für die katholischen Laien nicht zu empfehlen sei – oder aber explizit verboten waren. (Letzteres war ernst gemeint: Der Index librorum prohibitorum der katholischen Kirche galt noch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das 1965 endete.) Genannt wurden von diesen Themen explizit anormale Veranlagungen und Verhaltensweisen
im Geschlechtlichen des Menschen
(was offensichtlich alles von ausserehelichem Sex und bis zu allen Formen der sexuellen Identität ausserhalb der heteronormativen, cis-gendered Norm meinte, wie man es heute ausdrücken würde), Selbstmord, sittliche Dekadenz
und die Gefahr, die Lösung von persönlichen Problemen nicht in Gottes barmherzige[r] Gnade
zu suchen. Im Hirtenwort wurden die Pfarrer ermahnt, auf die Lektüre der katholischen Laien zu achten und dann letztere direkt angesprochen: Unsere Gläubigen aber seien ermahnt, bei der Wahl ihrer Lektüre zu prüfen, was ihnen zuträglich ist, was ihnen echte Anregung und wirksame Förderung vermittelt, was ihr Christentum lebendiger, reifer und reiner macht. Vor allem möge man bedenken, daß nicht für jeden jedes Buch frommt und namentlich die Kinder und die Jugend vor bedenklichen Einflüssen und verfrühten Begegnungen mit problematischer Literatur bewahrt werden müssen.
Das Hirtenwort selber, welches sich heute ein wenig wie eine Satire darüber liest, wie man sich das Denken wertender, konservativer Kirchenkreise vorstellt, war selbstverständlich in der Forschung bekannt. Schmidt zeigt in seinem umfangreichen, mit mehreren Anhängen ausgestatteten Beitrag jetzt aber, unter anderem auf Basis von Archivalien, die Entstehung und Wirkung des Textes auf. Ein Hauptpunkt ist dabei, dass der Text vor allem von einem Erzbischof (Josef Kardinal Frings, Köln) und einem von ihm geförderten Priester (Dr. Leo Koep), der kurz vorher als Generalsekretär beim Borromäusverein tätig geworden war (1966 übernahm er dann die Leitung des Vereins), erstellt und seine Verbreitung vorangetrieben wurde. Die anderen Bischöfe wurden überrumpelt, indem Frings praktisch eine Deadline setzte, damit das Hirtenwort noch vor Weihnachten verbreitet werden könne, da es sonst angeblich keine Wirkung hätte. Das erklärt auch, warum das Hirtenwort in den verschiedenen Kirchenprovinzen unterschiedlich gehandhabt wurde: Teilweise wurde es nur publiziert, teilweise mit einordnenden Vorworten versehen, teilweise wurde es Pfarrern empfohlen, es in der Kirche zu verlesen, teilweise auch nicht. In Briefen an Frings äusserten viele Bischöfe grundsätzlich, dass die Hauptaussagen richtig wären, aber man über den konkreten Text noch hätte diskutieren müssen.
Als Antrieb zum Entstehen des Hirtenworts stellt Schmidt zwei Entwicklungen heraus: Auf der einen Seite gab es in der katholischen Literatur der damaligen Zeit einen Aufschwung, bei dem sich in literarischer Form den realen Problemen der Menschen angenommen wurde (die sich in einigen dieser Werke auch nicht auf die richige katholische Weise
lösten, sondern beispielsweise in einem Selbstmord enden konnten), wenn auch immer aus konservativer katholischer Sicht geschrieben. (Bekannt ist diese Richtung unter den Bezeichnungen renouveau catholique
oder Katholische Erneuerung
). Frings sah diese Literatur als Gefahr an, oder genauer, dass einfache Laien
diese lesen würden. Auf der anderen Seite hatten die französischen Bischöfe Anfang 1955 eine ähnliche Verlautbarung veröffentlicht (Directives de l’Assemblée des Cardinaux et Archevêques au sujet des lectures
), die explizit eine Lenkung der Literatur der katholischen Laien propagierte (mit dem erklärten Ziel, ihnen zu helfen, katholische Lösungen
ihrer eigenen Probleme zu finden). Schmidt wertet diese als Anstoss, aber nicht Hauptgrund für das Hirtenwort.
Im Ganzen zeigt sich, dass die im Hirtenwort vertretene Position damals tatsächlich in der katholischen Kirche vertreten wurde, aber dass es auch unter den Bischöfen schon damals teilweise ein grosses Unbehagen an ihr gab. (Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil oder gar heute ist diese Position gänzlich unhaltbar. Kirche und Borromäusverein unterstützen vielmehr das Recht auf die freie Lektürewahl und -interpretation.) Der Beitrag von Schmidt zeigt aber, dass diese Position auch nicht aus einer allzu fernen Vergangenheit stammt. (ks)
Schmidt, Siegfried ; Reudenbach, Hermann-Josef (Hrsg.) (2018). Beiträge zum Katholischen Buch- und Verlagswesen im Rheinland im 19. und 20. Jahrhundert. (Libelli Rhenani, 72) Köln: Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek mit Bibliothek St. Albertus Magnus, 2018 [gedruckt]
Schmidt, Siegfried ; Reudenbach, Hermann-Josef (Hrsg.) (2020). Neue Beiträge zum Katholischen Buch- und Verlagswesen im Rheinland im 19. und 20. Jahrhundert. (Libelli Rhenani, 78) Köln: Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek mit Bibliothek St. Albertus Magnus, 2020 [gedruckt]
Schmidt, Siegfried ; Reudenbach, Hermann-Josef (Hrsg.) (2022). Kleinschriften – Periodica – Prachtwerk – Predigtliteratur: Vorträge auf dem Dritten Kolloquium zum Katholischen Buch- und Verlagswesen im Rheinland am 18. März 2022. (Libelli Rhenani, 83) Köln: Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek mit Bibliothek St. Albertus Magnus, 2022 [gedruckt]
Schmidt, Siegfried ; Reudenbach, Hermann-Josef (Hrsg.) (2024). Katholische Lesekultur im Rheinland: von den Rheinischen Volksblättern zum Hirtenbrief über Gegenwartsliteratur 1955. Vorträge auf dem Vierten Kolloquium zum Katholischen Buch- und Verlagswesen im Rheinland am 17. November 2023. (Libelli Rhenani, 86). Köln: Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek mit Bibliothek St. Albertus Magnus, 2024 [gedruckt]
Seit 2017 sind, in nicht ganz regelmässigen Abständen, die unter anderem durch die Covid-19-Pandemie bedingt waren, in Köln vier Kolloquien zum Thema Katholisches Buch- und Verlagswesen im Rheinland im 19. und 20. Jahrhundert durchgeführt worden. Anwesend waren immer rund 20 Personen, organisiert wurden sie in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek und zwar offenbar federführend von jetzt zwei ehemaligen Leitern dieser Bibliothek (einer ist im Ruhestand, der andere offenbar als Priester anderweitig verpflichtet), die auf den Kolloquien auch oft vortrugen und als Herausgeber der Bände fungieren. Diese vier Bücher stellen die Tagungsbände dar, die auch je die Teilnehmenden und die Tagungsprogramme dokumentieren und Platz für den Abdruck Vorträgen bieten, die wegen Krankheit nicht gehalten wurden. (Ein Beitrag aus dem zuletzt erschienenen Band wurde weiter oben gesondert vorgestellt.) Für die Bibliotheksgeschichte relevant ist die Kolloquiumsreihe dadurch, dass in Bonn seit 1845 der Borromäusverein sitzt, welcher (bis heute) als Aufgabe vor allem die Förderung und Anleitung katholischer Büchereien hat. Offenbar existieren bis heute zahlreiche Archivalien zu diesem Verein, welche im Laufe der Kolloquien herangezogen wurden.
Das 19. und 20. Jahrhundert stellte für das katholische Milieu die Zeit dar, in denen es sich praktisch erst als eigenständiges, geschlossenes Milieu fand
, welches nicht einfach durch spezifische religiöse Glaubensgrundsätze und -praktiken gekennzeichnet war, sondern praktisch einen eigenen Lebensraum bildete, in denen die Mitglieder (das waren alle Katholik*innen, nicht einfach die kirchlichen Institutionen und deren Mitglieder) praktisch ihr gesamtes Leben führen können sollten. Für die Medien des Milieus hiess dies, dass praktisch alle Formen der jeweils aktuellen Medien aufgegriffen wurden (beispielsweise Kleinschriften, Zeitschriften oder Tageszeitungen), aber explizit für Katholik*innen gedacht sowie mit eigener Ästhetik gestaltet, und das gleichzeitig eigene, spezifisch katholische Medienformen (beispielsweise Wallfahrtsbücher oder Predigtensammlungen) etabliert wurden. Gerade in letzterem war das Milieu unbestreitbar innovativ. Mit der Zeit formierte sich erst das Milieu, spielte dann wichtige Rollen in der Geschichte (im Kolloquium explizit thematisiert ist die rheinische und die deutsche Geschichte) und löste sich dann, so wie andere Milieus, ab dem 1960er Jahren als eigenständiges, geschlossenes Milieu auf. Es war, medienhistorisch gesprochen, eine bewegte Zeit.
Die Beiträge in den vier Bänden beschäftigen sich nun mit sehr unterschiedlichen Teilaspekten dieser Geschichte. Beispielsweise werden einzelne katholische Verlage oder Autor*innen untersucht. Oder es wird auf die Gestaltung von Büchern bestimmter Verlage eingegangen. Mehrfach werden Zeitschriften und ihr Kontext vorgestellt (beispielsweise eigene Zeitschriften für Ministranten im 20. Jahrhundert oder ein Literaturblatt, welches zum Sammelpunkt einer eigenen theologischen Strömung wurde, die sich dann als Altkatholische Kirche abspaltete). Auch dem Borromäusverein werden mehrfach Beiträge gewidmet (alle von Siegfried Schmidt), zudem taucht er in anderen Beiträgen auch an unerwarteter Stelle immer wieder auf. Sichtbar wird, dass er als Verein eine grosse Reichweite hatte, die sich auch dadurch erklärt, dass die katholischen Büchereien – zumeist ehrenamtlich betrieben und in hoher Zahl vorhanden – einen direkten Einfluss auf das Leben einer grossen Zahl von katholischen Laien hatten. Allerdings steht bei diesen Beiträgen die eigentliche bibliothekarische Arbeit – also, was in den Büchereien tatsächlich getan wurde, wie sie organisiert waren, wie die Medien ausgewählt wurden und so weiter – nie im Fokus, sondern immer wieder andere Themen (zum Beispiel Kleinschriften, die der Verein für wenige Jahren nach 1945 herausgab, oder eine Buchgemeinschaft, die er betrieb).
Leicht kommt der Eindruck auf, dass die Kolloquien für die Autor*innen der Beiträge eine Möglichkeit darstellten, ein sie interessierendes, spezielles Thema teilweise sehr ausführlich und intensiv darzustellen. Beiträge von über 50, manchmal über 100 Seiten, mit längeren Anhängen, sind keine Seltenheit. Das heisst nicht, dass sie uninteressant wären, aber teilweise gleichen sie ausführlichen wissenschaftlichen Beiträgen (wobei der wissenschaftliche Hintergrund bei Beitragenden auch immer wieder sichtbar wird, wenn beispielsweise die Fussnoten den grössten Teil einer Druckseite einnehmen), und gerade nicht Vorträgen. Gleichzeitig vereinen die Beiträge die Vor- und Nachteile einer spezifischen Regionalgeschichtsschreibung. Auf der einen Seite schätzen die Autor*innen ihre Themen und die beschriebenen Personen wert. Vermutlich (bei einigen, beispielsweise Priestern auch explizit) sind sie selber Katholik*innen, welche es deshalb vielleicht weniger erstaunlich finden als andere Menschen, wenn sich Autor*innen des frühen 20. Jahrhunderts Gedanken um das Wunderwirken von Heiligen machten oder wenn in Broschüren diskutiert wurde, wie Mütter ihren Kindern das richtige Beten beibringen könnten. (Der Rezent als Atheist im 21. Jahrhundert muss zugeben, dass ihm eine solche Wertschätzung nicht bei allen Themen möglich gewesen wäre.) Das ist hilfreich, da so besser beschrieben wird, was im katholischen Milieu damals gedacht und gelebt wurde. Sie äussern dabei auch Kritik, sind also nicht apologetisch, aber akzeptieren auch bestimmte Denkweisen als zeittypisch, die heute wenig nachvollziehbar erscheinen. Auf der anderen Seite verfangen sich die Beiträge teilweise sehr in spezifischen Kleinfragen oder verweisen auf Positionen, Entwicklungen oder lokale Gegebenheiten, die für Katholik*innen aus dem Rheinland vielleicht bekannt sind, welche aber für andere Leser*innen immer wieder Nachrecherchen nötig machen.
Alles in allem verströmen die Bände den Habitus des Zusammentreffens von Personen, die an einer spezifischen Mediengeschichte interessiert sind und die hier einen Ort gefunden haben, um ihre Interessen auszuleben. Das ist zu begrüssen, zumal das auf den Treffen versammelte Wissen durch die Bände ja auch zugänglich gemacht wird. Zu wünschen ist – ausser, dass diese Reihe in Zukunft weitergehen wird – wenn überhaupt, dass erstens in Zukunft öfter Bezug genommen wird auf die Mediengeschichte ausserhalb des katholischen Milieus zur damaligen Zeit. Es wird nämlich an vielen Stellen nicht klar, ob die beschriebenen Entwicklungen spezifisch waren oder Teil der gesamten Entwicklung von Medien und Gesellschaft. Und zweitens wären Beiträge, die auf die bibliothekarische Arbeit des Borromäusvereins eingehen, ein Desiderat, das geschlossen werden sollte. (ks)
Haver, Gianni (2018). La presse illustrée: Une histoire romande. (Savoir Suisse) Lausanne: Presses polytechniques et universitaires romandes, 2018 [gedruckt]
Savoir Suisse ist nominell ein eigener Verlag, praktisch aber als Imprint unterhalb des Universitätsverlages der schweizerischen Bundeshochschule EPFL in Lausanne angesiedelt, dessen Bücher immer kurze Einführungen von rund 150–200 Seiten in ein schweizerisches Thema darstellen, gedruckt in einem Format etwas kleiner als A5. Diese Themen stammen oft aus der Geschichte, aber es gibt auch Biographien, philosophische, politologische oder soziologische Beiträge. Oft liegt der Fokus dabei noch spezifischer auf der französischsprachigen Schweiz, der Romandie.
In diesem Kontext beschäftigt sich der Band La presse illustrée: Une histoire romande nun mit der Geschichte der illustrierten Zeitschriften in der Romandie. In seiner Kürze kann das Buch nur einen kleinen Teil der Zeitschriften intensiver besprechen (und bis auf eine Ausnahme auch nur Titelblätter reproduzieren, obgleich die Besonderheit dieser Zeitschriften die Doppelseite war, also die explizit auf bestimmte Wirkungen hin geplante Anordnung von Bildern, Text und graphischen Elementen auf zwei gegenüberliegenden Seiten). Zudem umfasst der Band einen Zeitraum von 1842 – mit der ersten Zeitschrift Le cabinet de lecture – bis in die 1960er Jahre, was bei der Kürze des Textes auch heisst, dass viele Themen, Entwicklungen und besprochene Zeitschriften eher gestreift als eingehend behandelt werden. Es ist, dem Anspruch von Savoir Suisse entsprechend, ein erster Überblick.
Als solcher ist der Band aber mit Gewinn zu lesen. Zu erfahren ist, dass – wenig überraschend – die Entwicklung der illustrierten Zeitschriften in der Romandie immer abhängig war von den sich entwickelnden Möglichkeiten von Drucktechnik, Bildreproduktion und Photographie. Zudem, dass immer Zeitschriften aus Frankreich und der Deutschschweiz einen grossen Einfluss auf die Zeitschriften in der Romandie hatten: Sowohl als Antrieb, spezifische Zeitschriften zu gründen und zu führen, die weder einfach aus Frankreich, genauer Paris, noch aus der Deutschschweiz, vulgo Zürich, geführt wurden, sondern die einen expliziten point du vue romand
einnahmen; als auch als Konkurrenz, gegen die sich Zeitschriften an den Zeitschriftenkiosken in Neuchâtel, Biel oder Delémont durchsetzen mussten. Gleichzeitig erfährt man, dass es trotz dieser Herausforderungen in der Romandie immer wieder eigene Zeitschriftenprojekte gab, teilweise alleinstehend, teilweise in Zusammenarbeit mit deutschschweizer Verlagen (die mehrfach französischsprachige Versionen von schon bestehenden deutschsprachigen Zeitschriften publizierten, aber teilweise ergänzt durch explizite Beiträge aus der Romandie). Wenn auch nicht als erste*r, so doch oft kurz nach einer Entwicklung, die in Paris oder Zürich stattfand, zog auch jemand in der Romandie nach (fast immer in Genf oder Lausanne, manchmal aber auch in kleineren Städten wie Vevey).
Gleichzeitig zeigt der Band, wie insbesondere die beiden Weltkriege die illustrierte Presse veränderten. Während des Ersten Weltkrieges etablierte sich – auch in der Romandie – die Photoreportage, während des Zweiten der explizite Einsatz von modern gestalteten illustrierten Zeitschriften als Propagandainstrument (hier tat sich das nationalsozialistische Deutschland mit der Zeitschrift Signal hervor, die in mehreren Sprachen für die neutralen Staaten und das feindliche Ausland erschien; aber auch andere Ländern setzten diese Form von Propaganda ein). Diese Entwicklungen wirkten sich dann auch auf die Zeitschriften in den jeweils folgenden Friedenszeiten aus.
Interessant ist, dass Gianni Haver auch mehrfach darauf verweist, wie schlecht der Überlieferungsstand gerade früher illustrierter Zeitschriften in Bibliotheken der Romandie und Frankreichs ist. Von vielen sind nur noch einige Ausgaben erhalten, bei anderen wissen wir nicht, wann sie mit dem Erscheinen begannen oder endeten. (Dazu bei trägt aber auch, dass es in der Schweiz und Frankreich keine der deutschen Zeitschriftendatenbank vergleichbare Übersichten der in Bibliotheken vorhandenen Zeitschriften gibt). Alles in allem bietet dieser Band einen guten Überblick über die Entwicklung illustrierter Zeitschriften im Allgemeinen und der Romandie im Besonderen. (ks)
Clavien, Alain (2025). L’argent de la presse suisse: les années Publicitas, 1890–1990. (Les routes de l’histoire) Neuchâtel: Editions Livreo-Alphil [gedruckt]
Werbung, beziehungsweise die Einnahmen aus ihr, war das gesamte 20. Jahrhundert über die finanzielle Basis der Tages- und Wochenzeitungen (in den marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften). Ihre Bedeutung wuchs am Ende des 19. Jahrhunderts und ab den 1920er Jahren stellten diese Einnahmen den Hauptteil des Budgets der meisten Zeitungen dar. Organisiert wurde dies zumeist über Firmen, die zu Beginn Reklamebüros
hiessen und dann mit der Zeit ihre Bezeichnungen veränderten. Diese organisierten die Werbung, welche in den Zeitungen erschien, schlossen Verträge mit werbenden Firmen oder Werbeagenturen und organisierten die damit zusammenhängenden Zahlungen. Die Zeitungsverlage lagerten fast durchgehend diese wirtschaftliche Seite ihrer Arbeit an Reklamebüros aus. In vielen Fällen mieteten
die Büros die Zeitungen auch über Jahrzehnte: Sie organisierten dann die geschaltete Werbung exklusiv für eine Zeitung, zahlten dafür jährlich garantierte Summen an die Verlage und erzielten ihren Profit aus der Differenz zwischen diesen Zahlungen und den tatsächlichen Einnahmen. Dafür kalkulierten die Zeitungen diese Summen in ihren Etat ein.
Allerdings: Obgleich die Arbeit dieser Reklamebüros für die Zeitungen relevant waren, geschah sie oft im Verborgenen. Sie publizierten über ihre tatsächliche Arbeit wenig und gewährten (beziehungsweise gewähren auch heute noch) kaum Einblick darin. Allerdings liegen im Archiv des Kantons Vaud / Waadt in Lausanne die Akten einer dieser Firmen, der Publicitas
, welche Ende des 19. Jahrhunderts begann, in der Schweiz aktiv zu werden (1868 zuerst als Basler Zweigstelle einer deutschen Firma, die dann 1890 zur eigenständigen Firma wurde und ab den 1930er Jahren in Lausanne ansässig war). Erst 2018 ging diese in den Konkurs. Freigegeben sind diese, auch nicht vollständigen, Akten bislang bis 1990. Sie geben einen Einblick in die Aktivitäten und auch die Macht, welche diese Firma mit der Zeit auf den schweizerischen Medienmarkt ausübte. In den 1930er Jahren wurde sie zur grössten dieser Firmen, die dann auch noch mit den wenigen noch existierenden Konkurrenten (andere hatte sie währenddessen aufgekauft) ein Kartell bildete. Alain Clavien stellt die Geschichte dieser Firma in diesem Buch, auf der Basis der überlieferten Akten, dar.
Dies ist erhellend: Einerseits zeigt sich, wie sehr die Presse in der Schweiz über Jahrzehnte von den Werbeeinnahmen abhing. Sie waren nicht etwa ein weiterer Einnahmeposten neben anderen, sondern deckten weit über 50 % des Budgets der Zeitungsverlage ab. Wenn, dann waren die Abonnements eine Nebeneinnahmequelle der Zeitungsverlage. Gleichzeitig zeigt das Buch, wie sehr bestimmte Entwicklungen in den Medien von politischen Entscheidungen dieser Firma abhingen. Beispielsweise wurden sozialdemokratische Medien jahrzehntelang nicht bedient. Als diese in den 1930er Jahren – als die Sozialdemokratie sich deradikalisierte und gleichzeitig in die schweizerische Parteienlandschaft eingefügt wurde – von der Firma dann doch als Kunden
zugelassen wurden, galt dies weiterhin nicht für kommunistische oder andere radikale Blätter. Noch in den 1970er Jahren verhinderte die Publicitas quasi, dass sich im Kanton Valais / Wallis neben der dann bestehenden konservativen Zeitung eine liberalere etablieren konnte, indem die Firma einen Kredit an die Druckerei der letzteren vergab und dann, hinter der Bühne, bei der Firma sanften Druck ausübte, die Arbeit für die liberale Zeitung einzustellen. An sich etablierte sie sich über die Vergabe von solchen Krediten und dem Ankauf von Firmenanteilen von Zeitungsverlagen selber praktisch als Kontrollinstanz auf dem Zeitungsmarkt. Gleichzeitig stellte sich die Firma nach aussen hin über Jahrzehnte als Stütze einer lokal orientierten, lebendigen und offenen Zeitungslandschaft der Schweiz dar.
Die Firma prägte die Entwicklung der Zeitungslandschaft – beispielsweise die Etablierung der Kopftitel
, bei denen von einem Verlag eine Anzahl von lokalen Titeln herausgegebene werden, die grösstenteils die gleichen Beiträge enthalten und sich praktisch nur in Titel, Lokalteil und Lokalanzeigen unterscheiden – mit. Sie schaffte es auch über eine lange Zeit, sich an Veränderungen, beispielsweise dem Aufkommen des Fernsehens, anzupassen. Aber ab den 1990ern wurde es dann offenbar immer schwieriger für sie, auf die gesellschaftlichen Veränderungen bei der Mediennutzung und die Diversifikation von Medientypen zu reagieren. Sie scheiterte dann, um es salopp auszudrücken, praktisch am aufkommenden Internet.
An einigen Stellen ist das Buch recht langatmig, wenn es sehr detailliert auf einzelne Geschäfte der Firma eingeht. Zudem ist es, selbstverständlich, auf die Schweiz bezogen. Aber da es einen solchen direkten Einblick in die Arbeit und Macht von Reklamebüros ansonsten praktisch nicht gibt, ist es grundsätzlich ein Beitrag zur Mediengeschichte, der sich auch auf andere Länder übertragen lässt. Es ist wirklich zu empfehlen, insbesondere als Ergänzung zu Mediengeschichten, die sich auf die Inhalte von Zeitungen fokussieren. Hier geht es vor allem ums Geld, aber es zeigt sich dabei, wie wichtig diese monetäre Seite immer war. (ks)
Matamoros, Isabelle (2025). Le pouvoir des lectrices: Une histoire de la lecture au XIXe siècle. Paris: CNRS Editions, 2025 [gedruckt]
Matamoros wertete für dieses Buch 64 Autobiographien, Tagebücher, Briefe oder ähnliche Egodokumente von Frauen aus, die während des 19. Jahrhunderts in Frankreich lebten. Dabei ging es darum, deren Biographien als Leserinnen zu rekonstruieren: Wie haben sie lesen gelernt, was haben sie gelesen, wie und wozu haben sie es gelesen? Es ging darum, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, welche ein spezifisches Lesen von Frauen in dieser Zeit kennzeichneten. Eingebettet ist dies alles in die Geschichte von Pädagogik, Erziehung und Unterricht, von Literatur und Buchmarkt sowie zeitgenössischen Diskursen über das Lesen (und seine Gefahren). Sicherlich: Frauen, die solche Egodokumente verfassen, waren selber eine kleine Gruppe, obgleich es im 19. Jahrhundert normaler war, als vielleicht heute. Matamoros versucht aber, Frauen aus möglichst verschiedenen Schichten, Milieus und Lebensgeschichten einzubeziehen. Dabei hilft, dass in der Nationalbibliothek in Paris eine eigene Abteilung existiert, die aktiv Tagebücher sammelt.
Die Lesebiographien zeichnen sich dann auch durch eine hohe Varietät aus. Frauen lernten auf sehr verschiedenen Wegen zu Lesen, oft durch ihre Familien selber, da eine geregelte Schulbildung sich erst im 19. Jahrhundert durchsetzte. Gleichzeitig zeigte sich, dass pädagogische Handbücher, die für den Unterricht daheim geschrieben wurden, einen Einfluss auf Familien in allen sozialen Schichten hatten. Fast alle Frauen waren dann die ganze Zeit des Lebens begleitet von Autoritäten, welche ihr Lesen kontrollieren wollten, sowohl ihren Familien und Ehepartnern als auch von Staat, Kirche und Öffentlichkeit. Das bezog sich darauf, was sie lasen und wie sie lasen. So wurden einigen Frauen angehalten, bestimmte Bücher nicht zu lesen, während andere angehalten wurden, Bücher in einer ganz spezifischen Form (Matamoros nennt es Arbeit
, also nach bestimmten Listen, Vorgaben und so weiter) zu lesen. Aber gleichzeitig bestimmten Frauen ihre Lesebiographie selber. Sie lasen praktisch um die Vorgaben herum
, sie lasen, was sie nicht lesen sollten und sie wählten selber aus. Interessant ist, wie instrumentell viele Frauen Bücher benutzten. Sie bereiteten sich zum Beispiel auf Museumsbesuche oder Reisen aktiv durch Lektüre vor, sie bildeten sich selber aktiv mit Büchern weiter und sie nutzen Literatur, um die Welt um sie herum zu verstehen. Dabei waren sie vom Medienangebot – also den Büchern und Magazinen, die verkauft oder verliehen wurden sowie den Zeitungen, die während des Jahrhunderts immer bedeutender wurden – beeinflusst, aber wählten aus diesem Angebot selber aus.
Das Buch ist offensichtlich für Menschen geschrieben, die ein Grundwissen über die Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert haben. Die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse werden immer nur kurz erwähnt, aber nicht beschrieben. Es wird also zum Beispiel vorausgesetzt, dass die Abfolgen von Monarchie und Republik, Revolutionen und Restaurationen bekannt sind. Fokus sind immer die Lesebiographie von Frauen, also die Alltagsgeschichte, die sich vor diesem Hintergrund abspielte. (ks)
Antonutti, Isabelle (2024). Bâtisseuses de la lecture publique: Une histoire des premières bibliothéquaires, 1900-1950. Villeurbanne: Presse de l’Enssib, 2024, https://doi.org/10.4000/books.pressesenssib.18637
Die Geschichte des ersten Bibliothekarinnen in den Öffentlichen Bibliotheken Frankreichs – das Thema dieses Buches – ist nur bruchstückhaft dokumentiert und nachvollziehbar. Es gibt einige Hinweise auf Biographien, insbesondere da in Frankreich früh eine Schule (heute die Enssib, in deren Verlag dieses Buch erschien) für Bibliothekar*innen eingerichtet wurde, deren Archiv sich erhalten hat. Aber ansonsten sind es Bruchstücke, die sich finden lassen: Einige Beiträge in Zeitschriften, Erwähnungen in Jahresberichten, Bibliothekarinnen auf Photos.
Antonutti hat diese Bruchstücke zusammengetragen und versucht, eine rote Linie zu finden. So ist das Buch auch gestaltet. Es gibt zwei Teile: Im zweiten finden sich Biographien von Bibliothekarinnen aus dem frühen 20. Jahrhundert, soweit sie rekonstruiert werden konnten. Im ersten Teil findet sich ein Text, welcher die rote Linie beschreiben will, aber immer wieder unterbrochen wird durch einzelne Dokumente oder Sammlungen von Zitaten – explizit graphisch abgesetzt – von und über die Bibliothekarinnen. Auch dieser Text selber wechselt ständig: An Stellen macht er übergreifende Aussagen, an anderen thematisiert er, wie wenig konkrete Quellen es gibt (und das sie kritisch zu werten sind) und an vielen anderen Stellen beschreibt er einzelne Dinge, die dokumentiert sind, ganz genau. Damit vermittelt der Text selber den Eindruck einer Dokumentensammlung, die noch recht unvollständig und unausgeglichen ist.
Grundsätzlich wird klar, dass Bibliothekar*innen in den Öffentlichen Bibliotheken in Frankreich am Anfang des 20. Jahrhunderts auftauchen
und dass dies im europäischen Rahmen eine normale Entwicklung war. Es scheint, dass einzig in den USA einige Jahrzehnte zuvor die männliche Domäne
Bibliothek auch für Frauen geöffnet worden war. (ks)
Höppner, Stefan (2022). Goethes Bibliothek: Eine Sammlung und ihre Geschichte. (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderbände, 125) Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2022 [gedruckt]
Die Bibliothek Johann Wolfgangs von Goethe ist grösstenteils in Weimar in seinem langjährigen Arbeits- und Lebensort im Haus am Frauenplan
erhalten. Goethe war einer der ersten Autor*innen, welcher aktiv den eigenen Nachlass und Nachruhm zu planen begann. Damit hatte er auch Erfolg, wie die Verehrung als einer der deutschen Nationaldichter
in den auf seinen Tod folgenden Jahrhunderten zeigte. Dies motivierte auch ständig Forschungen zum Leben und Werk Goethes, die auch auf die konkrete Bibliothek zugriffen (oder zugreifen wollten). Heute ist die Bibliothek – allerdings in einer renovierten, durch ein Gitter ergänzt Variante und nicht mehr so aufgestellt, wie sie es zum Tod Goethes war, zudem mit teilweise fehlenden, teilweise in Einzelstücken auch erweitertem Bestand – museal besuchbar und auch ein beliebtes Bild für Postkarten. Was die Bibliothek auszeichnet, ist, dass sie als Arbeitsbibliothek genutzt wurde und gerade keine Repräsentationszwecke hatte. Zudem wurde die Bibliothek mehrfach katalogisiert, nicht immer erfolgreich und vollständig, zuletzt im Projekt Goethe Digital
(2014–2024, https://vfr.mww-forschung.de/web/goethedigital/start), in dessem Rahmen zudem auch Visualisierungen, beispielsweise zur Nutzung anderer Bibliotheken durch Goethe oder zu Herkunft der Bücher in Goethes Bibliothek, erstellt, Ausstellungen organisiert, Tagungen durchgeführt und Publikationen veröffentlicht wurden.
Dieses Buch stellt eine Art Rundumschlag zur Bibliothek und zum Projekt dar. Stefan Höppner leitete dabei das genannte Projekt. Gegliedert ist das Buch in zwei Teile, einen historischen und einen systematischen. Im ersten Teil wird nicht nur die Geschichte der Bibliothek, sondern einer ganzen Anzahl von weiteren Themen, die mit der Bibliothek zu tun hatten, geschildert. Es geht beispielsweise um die Goethe-Rezeption im deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und der DDR und darum, wie über die Jahrhunderte immer wieder neue Kataloge versprochen, aber dann doch nicht abgeschlossen wurden. Gleichzeitig schildert der Text die allgemeine Entwicklung von Bibliotheken oder auch Auseinandersetzungen zwischen der Familie Goethe und den verschiedenen deutschen Staaten. Im systematischen Teil werden vor allem Forschungsergebnisse aus dem Projekt berichtet, beispielsweise über verschiedene Exlibris, über die Frage, was eine Sammlung ist und ob die Bibliothek Goethes auch als Sammlung verstanden werden kann oder wer Goethe Bücher schickte. Im zweiten Teil werden auch Visualisierungen und Tabellen aus diesen Forschungen verwendet.
Das ist alles thematisch viel, unterschiedlich aufbereitet und beantwortet sehr verschiedene Fragen. Und das ist das Problem des Buches: Es ist einfach zu viel, was hier behandelt wird. Problematisch ist dabei wohl vor allem, dass es als ein zusammenhängender Text präsentiert wird. Dadurch gehen aber die einzelnen Themen und Fragen ständig unter. Es vermittelt den Eindruck, als hätte hier alles, was im Projekt irgendwie erarbeitet wurde, in ein Buch gepackt werden sollen. Hat man am Anfang beispielsweise über die Beziehung von Goethe zum Fürstenhaus in Weimar gelernt, kommt man zu Erbstreitigkeiten oder zur Beziehung des nationalsozialistischen Regimes zur Bibliothek. Gelangt man dann beim systematischen Teil und der Darstellung an, welche Bücher woher stammen, ist es schwer, noch diese später gegebenen Informationen – die ja eigentlich mehr über die eigentliche Bibliothek sagt – wertzuschätzen. Es hätte dem Buch gut getan, entweder auf mehrere Publikationen verteilt zu werden oder aber als Sammlung eigenständiger, abgeschlossener Beiträge präsentiert zu werden. In der publizierten Variante ist es aber überwältigend. Es ist alles irgendwie relevant und interessant, aber es sollte immer nur in kleinen Abschnitten gelesen werden. (ks)
Rausch, Kerstin Annika (2024). Antike Bibliotheken: Bildungsorte zwischen Symposion, Religion und gesellschaftlicher Repräsentation. (Göttinger Studien zur Mediterranen Archäologie, 15) Rahden / Westfalen: Verlag Marie Leidorf, 2024 [gedruckt]
Diese Dissertation sammelte zusammen, was aus antiken Quellen, deren Interpretation in den letzten Jahrhunderten, und archäologischen Funden über Bibliotheken in der griechischen und römischen Antike bekannt ist. Das ist alles ein Überblick, recht leidenschaftslos, aber dafür umfassend und möglichst vollständig berichtet. Als solcher präsentiert er keine grossen Überraschungen. Rausch entdeckt keine neuen Funde und stellt auch keine neuen Thesen auf, sondern zeigt, dass die Bibliotheken unterschiedliche Funktionen hatten (Bildung, Teil von Freizeitgestaltung, Repräsentation) und deshalb auch in verschiedene Kontexte eingebunden waren. Dieser Eindruck eines Überblicks wird durch das Format des Buches (A4, relativ dickes Papier, harte Bindung, recht einfacher Satz) unterstützt. Es sieht aus, wie ein funktionales Schulbuch.
Die interessanteste Information findet sich gleich auf der ersten Seite des Vorwortes: Rausch hat im Rahmen dieser Arbeit eine, wohl möglichst vollständige, Datenbank zu antiken Bibliotheken aufgebaut, die am eScience Center Tübingen verwaltet wird. Allerdings ist diese Datenbank, die Grundlage dieser Arbeit war und offensichtlich eine gute Grundlage weiterer Forschungen sein kann, nicht einfach zugänglich. Dafür muss erst Kontakt zum Archäologischen Institut der Georg-August-Universität Göttingen aufgenommen werden: Eine für heutige Verhältnisse erstaunliche Regelung. (ks)
Rathkolb, Oliver (2025). Kontrollierte Freiheit: Die Alliierten in Wien – Kulturpolitik 1945–1955. Wien: Wien Museum, Residenz Verlag, 2025. [gedruckt]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auch Österreich und dann noch einmal die Stadt Wien in Besatzungszonen unterteilt, die von den Siegermächten kontrolliert wurden. Anders als in Deutschland endete diese Besatzungszeit – obgleich der Kalte Krieg schon begonnen hatte – 1955 mit dem Staatsvertrag, mit welchem die Souveränität Österreichs wiederhergestellt wurde. Das Land band sich dann explizit Richtung West
. Aus Anlass der Wiederkehr dieses Jubiläums fand in Wien 2025 eine Ausstellung über die Kulturpolitik der Siegermächte und deren zeitgenössischer Wirkung statt. Der vorliegende Band ist die Begleitpublikation dazu.
In grossem Format (A4), lockerem Layout, aber auch mit grossem Font und vielen Abbildungen, stellen Beiträge von je rund zehn Seiten einzelne Aspekte dieser Kulturpolitik wie Magazine, Zeitungen und Radiostationen der Alliierten, Ausstellungen, Förderung von Theater und Kino sowie anderes dar. Teilweise mit Fokus auf eine Besatzungsmacht, teilweise in Rundschau über alle vier. Zu lernen ist dabei unter anderem, dass es neben der Entnazifizierung ein gemeinsames Ziel aller Besatzungsmächte war, eine österreichische Identität aufzubauen, die sich explizit von der deutschen beziehungsweisen deutschnationalen (die Österreich als Teil Deutschland ansah) unterschied. Insbesondere Frankreich setzte darauf, eine Traditionslinie der Verbindung zwischen Österreich und Frankreich zu betonen. Ausserdem wird klar, dass die USA den Kampf um die Köpfe der Massen gewann und insbesondere die Sowjetunion ihn verlor.
Erwähnt wird dieser Band hier aber wegen einer Leerstelle, die bezeichnend ist für solche Geschichtsschreibungen: Es gibt zwar einen eigenen Beitrag über Bibliotheken in Wien in dieser Zeit, der auch grundsätzlich interessant ist. (Markus Stumpf. Bücher gehören zweifellos nicht zu den Möbeln.
: Kampfzone Bibliothek – Reorientierung durch Entnazifizierung und Büchergeschenke, ebenda: 158–169) Dieser beschäftigt sich vor allem damit, wie die grossen Wissenschaftlichen Bibliotheken (zu denen auch die Stadtbibliothek Wien zählte, die damals noch nicht zum Netzwerk der städtischen Büchereien gehörte) von nationalsozialistischer Literatur gesäubert wurden (zumindest teilweise) und wie die Bestände wieder aufgebaut wurden. Zudem gibt es einen Artikel explizit zur Verlagspolitik (Günter Stocker: Die Alliierten und die österreichische Literatur, ebenda: 170–179). Aber was nicht thematisiert wird, sind die Bibliotheken, welche eine grosse Masse der Wiener*innen erreichte, also die städtischen Büchereien und die offenbar zahlreichen Leihbüchereien und Lesesäle, die von den Alliierten eingerichtet wurden. Das ist einigermassen frustrierend: Immer wieder wird in anderen Beiträgen erwähnt, dass eine der ersten Aktivitäten der Siegermächte war, eigene Leseräume und Leihbüchereien einzurichten, oft noch bevor andere Einrichtungen eröffnet oder neue Medien herausgegeben wurden. Teilweise passierte das im jeweils von ihnen kontrollierten Stadtgebiet, teilweise in den Kultur- und Informationszentren, welche von den Siegermächten aufgebaut wurden. Ganz offensichtlich fanden sie diese Aktivität damals wichtig und potentiell einflussreich. Zudem unterschieden sie offenbar ständig die beiden Einrichtungen Leseraum und Leihbücherei. Aber: Was in diesen Einrichtungen passierte, welche Medien in ihnen standen, wie sie genutzt wurden und von wem, warum die beiden Einrichtungen bei den Alliierten so explizit getrennt wurden – das scheint im ganzen Band nicht zu interessieren. Offenbar sind grosse Themen
wie die Ausstellungen damals moderner Kunst oder auch – um eine im Band besprochene Massenkultur zu nennen – der Sport für die Geschichtsschreibung relevanter als die wohl breit wirksamen, aber kleinen Büchereien für die breite Masse. (Was, wie in dieser Kolumne hier schon mehrfach festgestellt wurde, nicht nur für diesen Band gilt, sondern offenbar für viele Geschichtsschreibungen.) Das ist eine ärgerliche blinde Stelle, da es thematisch in diese Ausstellung und diesen Band sehr gut gepasst hätte. (ks)
4. Weitere wissenschaftliche Medien (Konferenzberichte, Abschlussarbeiten)
[diesmal keine Beiträge]
5. Populäre Medien (Social Media, Zeitungen, Radio, TV)
Fischer, Georg (2026). „Die Daten fließen nur in eine Richtung, nämlich von der Wissenschaft zu Elsevier” – Yuliya Fadeeva zum Datentracking durch Verlage. https://irights.info/artikel/datentracking-elsevier-yuliya-fadeeva-interview/32777 [abgerufen 06.03.2026].
Im Interview wird ein kurzer Überblick über die Geschäftspraktiken von Elsevier und anderen Großverlagen – oder Ex-Verlagen, wie sie von der Interviewpartnerin bezeichnet werden – gegeben. Schwerpunkte sind dabei der Wandel vom Verlag hin zum Data-Analytics-Unternehmen, die Ungleichheiten und Abhängigkeiten im Verhältnis von Forschung und Großkonzernen sowie mögliche Wege aus dieser Schieflage. (eb)
Forester, Brett ; Deer, Ka’nhehsí:io ; Luke, Marnie ; Seglins, Dave (2026). How RCMP spies infiltrated the 1970s Indigenous rights movement. CBC Investigates, https://www.cbc.ca/news/indigenous/rcmp-spies-1970s-indigenous-rights-9.7134112 (24.03.2026)
Seglins, Dave (2026). Getting access to RCMP ‘Native extremism’ files took 4-year fight. CBC Investigates, https://www.cbc.ca/news/indigenous/rcmp-access-1970s-spying-files-9.7143553 (27.03.2026)
Forester, Brett (2026). The RCMP, the spy and the betrayal of national chief George Manuel. CBC Investiges, https://www.cbc.ca/news/indigenous/rcmp-security-infiltration-george-manuel-9.7145083 (28.03.2026)
St-Pierre, Sarah (2026). Apology ‘not enough’: Dene leaders want to see the RCMP spying files. CBC North, https://www.cbc.ca/news/canada/north/apology-not-enough-dene-leaders-want-see-rcmp-spying-files-9.7145344 (30.03.2026)
Die kanadische Polizei hat in den 1970er Jahren massiv aktivistische Gruppen von First Nations ausspioniert und unterwandert. Diese Gruppen setzten sich damals (und setzen sich teilweise auch heute noch) für die Rechte der First Nations ein, stellten Forderungen auf, wie die, dass First Nations gleichberechtigt mit der kanadischen Regierung über ihre Zukunft verhandeln und eigene Entscheidungen über ihre Entwicklung treffen können sollten. Dies alles geschah in einer bewegten Zeit, die geprägt war von Bürgerrechtsbewegungen, auch in Kanada, und von einem steigenden Aktivismus von First Nations oder, wie sie sich in den USA oft nennen, American Natives. Teilweise lief dies unter dem Schlagwort Red Power
. Sowohl in den USA als auch in Kanada ging dies mit teilweise aufsehenerregenden Besetzungen (unter anderem von Alcatraz oder Wounded Knee) und radikalen Protesten einher. In gewisser Weise spiegelte das Vorgehen der kanadischen Polizei gegen die Aktivist*innen der First Nations das Cointelpro-Programm, mit dem das FBI in den USA die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, aber auch das American Indian Movement
, unterwanderte.
Offenbar hatten viele Aktivist*innen damals schon die Vermutung, dass sie überwacht wurden. Aber erst 2026 deckte der öffentliche Rundfunk CBC (Canadian Broadcasting Cooperation) den Umfang und die Breite dieser Überwachung auf. In einer wachsenden Anzahl von Artikeln dokumentierte der CBC seit Ende März 2026 die Arbeit der Polizei, interviewte Betroffene und berichtete auch über Reaktionen von offizieller Seite, bis hin zum Premierminister, der eine offizielle Entschuldigung und Aufklärung ankündigte.
Die Hauptquellen für diese Berichte stellen Akten dar, die im kanadischen Nationalarchiv (Library and Archives Canada) liegen, aber – wie Dave Seglins in einem eigenen Artikel berichtete – erst durch mehrere Anfragen mit Verweisen auf das kanadische Informationsfreiheitsgesetz und Beschwerden an die betreffende Ombudsstelle zugänglich gemacht wurden. Das Archiv hielt die Akten zurück und verwies, weil sie die nationale Sicherheit betreffen würden, an den kanadischen Geheimdienst. Dieser verwies wieder auf das Archiv zurück, das dann später dem CBC-Team die betreffenden Akten zugänglich machte. Im Laufe der Veröffentlichungen äusserte es dann auch Interesse, einen noch breiteren Zugang zu gewähren. Ein Grund, der vom Archiv gegen die Veröffentlichung der Akten vorgebracht wurde, war der, dass aus den Akten offenbar auch ersichtlich sein kann, welche Personen konkret die Spionage durchführte, also wer Berichte lieferte oder gar aktiv Gruppen unterwanderte.
Mehrere Interviewte, die (oder deren heute verstorbenen Eltern) damals von der Überwachung betroffen waren, äusserten dagegen explizit die Forderung, dass die Akten veröffentlicht werden sollten. Damit alleine sei es nicht getan, genauso wenig wie mit einer Entschuldigung von staatlicher Seite. Aber es wäre ein Anfang zur Aufarbeitung. Ein wenig erinnert diese Situation an ähnliche Positionen, wie sie nach dem Ende der DDR im Bezug auf Stasi-Akten vertreten wurde, obgleich diese Parallele – aus der man vielleicht etwas über den möglichen Umgang mit solchen Akten lernen könnte – (bislang) in Kanada nicht erwähnt wurde. Gleichzeitig erinnert dieses Beispiel aber auch daran, welche Verantwortung Archive tragen können. (ks)
Rüegger, Samuel (2026). LibreOffice am Abgrund: Wie die Document Foundation ihre eigenen Gründer vor die Tür setzt. Linux Guides Community, https://forum.linuxguides.de/core/index.php?article/54-libreoffice-am-abgrund-wie-die-document-foundation-ihre-eigenen-gr%C3%BCnder-vor-die/ [abgerufen 09.04.2026].
Der Blogpost gibt einen Einblick in die Schwierigkeiten, die mit der Betreuung einer großen und erfolgreichen Open-Source-Software einhergehen, wobei Themen der Finanzierung ebenso angerissen werden, wie Problematiken des Steuerrechts und ethische Grundlagen der Open-Source-Bewegung. Exemplarisch festgemacht wird es an den 2020 begonnenen Geschehnissen rund um LibreOffice. Die gemeinnützige, in Berlin ansässige Document Foundation, die über die Markenrechte an LibreOffice verfügt, hat sich heftig mit maßgeblichen Entwicklern der Software verkracht – bis hin zu Rechtsstreitigkeiten – was für die Zukunft der dieser freien Microsoft-Office-Alternative nichts Gutes befürchten lässt. (eb)
6. Weitere Medien
Glättli, Samuel (2024). Globine baut eine Bibliothek. Zürich: Globi Verlag ; Orell Füssli Verlag, 2024 [gedruckt]
Globine und Globi sind zwei Comicfiguren, welche zur Alltagskultur der deutschsprachigen Schweiz und Liechtensteins gehören, aber ausserhalb dieser Gebiete kaum bekannt sind. (Vergleichbar vielleicht mit den Abrafaxen in Ostdeutschland.) Die Comics gehören seit Jahrzehnten zur Kindheit in der Schweiz und Liechtenstein, die Bücher stehen hier wohl in den meisten Kinderzimmern, sind aber auch in praktisch allen Gemeindebibliotheken oder Buchhandlungen zu finden.
Ursprünglich wurde Globi 1935 als Werbefigur für die schweizerische Kaufhauskette Globus geschaffen, aber diese Verbindung ist schon lange nicht mehr gegeben. Globine wurden 1988 eingeführt. In ihren Geschichten fungieren beide immer wieder als Figuren, welche oft eine Institution oder Sehenswürdigkeit in der Schweiz vorstellen (die Rettungsflugwacht, den Zoo, das Kuhrennen oder – in seiner rätoromanischen Variante eines der prominentesten Bücher in dieser Sprache – den Nationalpark). Grundsätzlich sind beide immer unternehmenslustig, aktiv und positiv gestimmt. In den Geschichten lösen sich alle Probleme durch gemeinsamen Einsatz, beispielsweise der Tiere im Nationalpark oder aller Bewohner*innen eines Dorfs, mit einem positiven Ergebnis auf. Dabei werden verständlicherweise viele Herausforderungen und deren Lösung vereinfacht und ihre Komplexität reduziert. Die Darstellung ist jeweils wenig komplex, die Bildtafeln sind, der Zielgruppe Kinder gerecht, jeweils bunt und relativ einfach aufgebaut.
Das ist relevant für den Kontext des Bandes Globine baut eine Bibliothek
, welcher 2024 erschien. Er hebt sich in Stil und Geschichte nicht von den anderen Globine / Globi-Bänden ab, aber er ist sofort – erwartungsgemäss – zu einem Hit in den Bibliotheken der Deutschschweiz und Liechtensteins geworden. In praktisch allen steht er im Bestand. Der Rezensent hat ihn in den letzten Monaten zudem mehrfach in den Regalen verschiedener Bibliotheken (inklusive Wissenschaftlicher) hervorgehoben gesehen. Er ist aber auch oft entliehen (der Rezensent griff extra auf den Bestand der Stiftsbibliothek St. Gallen zurück, um es ohne das schlechte Gewissen, dass er es wohl einem Kind fortnimmt, für einige Tage auszuleihen). Es ist in kurzer Zeit zu einem Klassiker geworden – einer, der ausserhalb dieser beiden Länder wohl unbekannt ist.
Das Globine eine Bibliothek baut (mit Hilfe von tierischen Freund*innen wie einem Eichhörnchen und einer Eule sowie offenbar der gesamten Bevölkerung ihres Dorfes Schnurzikon und der Bürgermeisterin), ist motiviert davon, dass daheim ihr eigenes Buchregal auseinanderfällt, sie beim Besorgen neuen Holzes (sie baut grundsätzlich alles selber) Kinder trifft, die mit dem Rad die Bibliothek in der Nachbargemeinde besuchten, sich aber über die weite Strecke beschweren, und das zudem in der Dorfmitte von Schnurzikon ein leeres Gebäude steht. Dies alles bringt Globine zu der Idee, dass man dort eine Bibliothek einrichten müsste. Nachdem diese zuerst mit grossem Erfolg startet, aber nur mit Büchern und händischer Ausleihe ausgestattet ist, wird sie von Globine modernisiert, die dabei auch Ideen anderer Figuren aufgreift. Sie wird, wie das im bibliothekarischen Diskurs heissen würde, zu einem Zentrum des Dorfes
mit Podcaststudio, Werkstatt, Kulturprogramm (Vorleseveranstaltungen und Konzert), Buchausstellung, gemütlichen Ecken und Kaffeeautomat. Gleichzeitig wird sie technisch aufgerüstet. Globine baut erst eine Selbstausleihe, dann einen Roboter, welcher die Einstellarbeiten übernimmt. Die Geschichte endet damit, dass die Bibliothek nach einer Brandkatastrophe (und dem Finden von antiquarischen Büchern, die zum Teil veräussert werden, um die notwendigen Mittel für den Neubau aufzubringen) wieder eingerichtet und vom ganzen Dorf genutzt wird.
Selbstverständlich: Die Geschichte übergeht viele Dinge, die realen Bibliotheken Kopfzerbrechen machen. Beispielsweise wird die Bibliothek zuerst mit Buchspenden aufgebaut, die in der Realität mehr Problem als Lösung sind. Es wird auch – obwohl die Bürgermeisterin direkt die Bibliothek unterstützt – nicht geklärt, wer überhaupt den Betrieb finanziert. Das alles ist dem Genre geschuldet. Aber sonst zeichnet das Buch das Bild einer Bibliothek, in der Bücher und das Lesen im Mittelpunkt stehen, welche aber sonst auch eine grosse Breite an Angeboten hat; die einen Ort darstellt, in der viele Menschen (und Tiere) konfliktfrei ihren jeweils eigenen Interessen nachgehen können und die zudem modern ist.
Der Band ist in sich abgeschlossen, verweist aber auch auf andere Bände der Reihe zurück. Zudem kehren aus diesen zahlreiche Figuren und Personen wieder. Eine Kenntnis früherer Bände fördert also das Verständnis. Zudem gibt es in der Geschichte eine Reihe von Verweisen auf den schweizerisch-liechtensteinischen Alltag, die wohl für Leser*innen aus anderen Ländern nicht wirklich verständlich sind. Trotzdem eignet sich der Band auch für die Kinderabteilungen der Bibliotheken anderer Länder. (ks)