> > > LIBREAS. Library Ideas # 41

Annotate via hypothes.is

Download PDF

Das liest die LIBREAS, Nummer #10 (Frühling / Sommer 2022)


Zitiervorschlag
Redaktion LIBREAS, "Das liest die LIBREAS, Nummer #10 (Frühling / Sommer 2022)". LIBREAS. Library Ideas, 41 ().


Beiträge von Eva Bunge (eb), Sara Juen (sj), Ben Kaden (bk), Yannick Paulsen (yp), Karsten Schuldt (ks)

1. Zur Kolumne

Ziel dieser Kolumne ist es, eine Übersicht über die in der letzten Zeit erschienene bibliothekarische, informations- und bibliothekswissenschaftliche sowie für diesen Bereich interessante Literatur zu geben. Enthalten sind Beiträge, die der LIBREAS-Redaktion oder anderen Beitragenden als relevant erschienen.

Themenvielfalt sowie ein Nebeneinander von wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Ansätzen wird angestrebt und auch in der Form sollen traditionelle Publikationen ebenso erwähnt werden wie Blogbeiträge oder Videos beziehungsweise TV-Beiträge.

Gerne gesehen sind Hinweise auf erschienene Literatur oder Beiträge in anderen Formaten. Diese bitte an die Redaktion richten. (Siehe Impressum, Mailkontakt für diese Kolumne ist zeitschriftenschau@libreas.eu.) Die Koordination der Kolumne liegt bei Karsten Schuldt, verantwortlich für die Inhalte sind die jeweiligen Beitragenden. Die Kolumne unterstützt den Vereinszweck des LIBREAS-Vereins zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation.

LIBREAS liest gern und viel Open-Access-Veröffentlichungen. Wenn sich Beiträge dennoch hinter eine Bezahlschranke verbergen, werden diese durch [Paywall] gekennzeichnet. Zwar macht das Plugin Unpaywall das Finden von legalen Open-Access-Versionen sehr viel einfacher. Als Service an der Leserschaft verlinken wir OA-Versionen, die wir vorab finden konnten, jedoch auch direkt. Für alle Beiträge, die dann immer noch nicht frei zugänglich sind, empfiehlt die Redaktion Werkzeuge wie den Open Access Button oder CORE zu nutzen oder auf Twitter mit #icanhazpdf um Hilfe bei der legalen Dokumentenbeschaffung zu bitten.

Die bibliographischen Daten der besprochenen Beiträge aller Ausgaben dieser Kolumne finden sich in der öffentlich zugänglichen Zotero-Gruppe: https://www.zotero.org/groups/4620604/libreas_dldl/library.

2. Artikel und Zeitschriftenausgaben

2.1 Vermischte Themen

Vosberg, Dana ; Lütjen, Andreas (2021). Bestandscontrolling bei elektronischen Ressourcen: Entscheidungshilfen für die Lizenzierung. In: o-bib 8 (2021) 1, https://doi.org/10.5282/o-bib/5672

Es werden die Ergebnisse einer Umfrage unter deutschen Hochschulbibliotheken dahingehend ausgewertet, wie diese Entscheidungen darüber treffen, welche elektronischen Ressourcen (wieder-)lizenziert werden. Dabei zeigt sich ein uneinheitliches Vorgehen mit einigen Tendenzen. Grössere Einrichtungen benutzen zum Beispiel tendenziell mehr Daten für diese Entscheidungen als kleinere. Es werden vor allem Kosten pro Download als wesentlicher Wert für eine Entscheidung genannt, aber die Grenzwerte dafür werden – wie auch alle anderen Grenzwerte – pro Einrichtung jeweils selber festgelegt. Es zeigt sich auch, dass Bibliotheken offenbar vor der Kündigung von Lizenzen zurückschrecken und zuvor auf anderen Wegen versuchen, Kosten zu drücken. Es ist ein interessanter Einblick in die Praxis von Bibliotheken.

An einigen Stellen scheint die Interpretation der Daten der Umfrage übertrieben. Beispielsweise schliessen die Autor*innen, dass es bei den Bibliotheken einen Wunsch zur Kommunikation über das Thema Bestandscontrolling gäbe, aber es ist nicht klar, ob sich das wirklich aus den Daten ergibt oder aus der Hoffnung der Autor*innen selber. (ks)


Jethro, Duane (2021). ASH: Memorializing the 2021 University of Cape Town Library Fire. In: Material Religion: The Journal of Objects, Art und Belief 17 (2021) 5: 671–677, https://doi.org/10.1080/17432200.2021.1991117

Dieser Essay interpretiert die Nachwirkungen des Brandes, bei dem am 18. April 2021 grosse Teile der Bibliothek der University of Cape Town Feuer fingen, als gemeinsame Arbeit am Erinnern – sowohl Erinnern der Bibliothek und der Möglichkeiten, die diese mit ihren Sammlungen bot, die jetzt nicht mehr vorhanden sind, als auch der spezifischen Zeit. Der Brand fiel in eine Zeit heftiger Debatten um das südafrikanische Universitätssystem – dem Zugang zu ihm, dessen rassistischen Wurzeln, der Verantwortung – und vermittelte den Eindruck, real zu machen, was bislang vor allem als Rhetorik verbreitet wurde: Der Universität «on fire». (ks)


Gofman, Ari ; Leif, Sam A. ; Gundermann, Hannah ; Exner, Nina (2021). Do I Have To Be An Other To Be Myself? Exploring Gender Diversity In Taxonomy, Data Collection, And Through The Research Data Lifecycle. In: Journal of eScience Librarianship 10 (2021) 4: e1219, https://doi.org/10.7191/jeslib.2021.1219

Der Text versucht, vor allem Bibliothekar*innen, welche Forschende beim Forschungsdatenmanagement beraten, Argumente und Alternativen an die Hand zu geben, um Geschlecht in der Forschung und dann in den Daten abzubilden. Die Begrenzung von Fragen nach dem Geschlecht in Umfragen und Ähnlichem auf zwei binäre Möglichkeiten wird von den Autor*innen als vollkommen ungenügend angesehen. Aber auch Versuche, die Möglichkeiten der Abbildung geschlechtlicher Identitäten zu erweitern, indem als dritte Möglichkeit ein «Other» eingeführt wird, werden kritisiert. Hier würden Menschen, die sich nicht als männlich oder weiblich verorten (wollen), gezwungen, sich als «andere» zu definieren. Die Autor*innen führen den Begriff der «data violence» (geprägt von Anna Hoffmann) ein, um die Wirkung dieses Vorgehens zu beschreiben.

Grundsätzlich werden im Text verschiedene Vorgehensweisen für die Datenerhebung vorgestellt, welche solche data violence verringern sollen: Vom Verzichten auf die Abfrage nach dem Geschlecht, wenn sie für die Forschung nicht notwendig ist, bis zu verschiedenen Formen, Menschen zu ermöglichen, ihre geschlechtliche Identität frei anzugeben.

Was hier an diesem Text von Interesse ist, ist dass es von den Autor*innen als eine Aufgabe von Bibliothekar*innen im Bereich Forschungsdatenmanagement angesehen wird, auf inklusivere Formen der Forschung hinzuwirken. (ks)


Asiedu, Nasir Koranteng ; Appiah, Deborah Kore ; Alhassan, Ishawu (2021). Examination Pressure: Assessment of an Academic Library’s Late-Night Service to Patrons. In: International Information & Library Review [Latest Articles], https://doi.org/10.1080/10572317.2021.1993720 [Paywall]

Diese kurze Umfrage zur Nutzung der Bibliothek der C.K. Tedam University of Technology and Applied Sciences in Navrongo, Ghana während ihrer langen Öffnungszeit (von 10:00 bis 05:00 morgens) zeigt etwas, das schon aus vielen anderen Umfragen bekannt ist: Es ist egal, wie lange eine Bibliothek geöffnet hat, die Nutzer*innen wollen immer mehr. Bemerkenswert ist, dass bei der Frage, wann die Bibliothek zumeist benutzt wird, 0 Studierende den Zeitraum von 03:00 bis 05:00 angeben, sondern vor allem (84 von 157 Antworten auf diese Frage) die Zeit von 10:00 bis 12:00. Aber dann, bei der Frage, ob die Bibliothek 24 Stunden am Tag geöffnet sein sollte, 89 stark zustimmen und 17 zustimmen (von 151 Antworten). Die Bibliothek schloss daraus ein Interesse und hat jetzt zumindest in der Prüfungszeit tatsächlich rund um die Uhr geöffnet. Aber eigentlich ist es eher ein weiterer Hinweis darauf, dass die konkrete Frage, ob die Öffnungszeiten einer Bibliothek erhöht werden sollten, in solchen Umfragen keine sinnvolle ist: Die Nutzer*innen werden bis zum extremen 24/7 immer eine Ausweitung wünschen. Die Frage ist, ob sie dies auch nutzen, wenn es eingeführt ist – und da zeigt die gleiche Umfrage jetzt schon, dass Randzeiten eher wenig Besuche verzeichnen.

Ein anderes Ergebnis dieser Umfrage, welches andere Umfragen untermauert, ist, dass Nutzer*innen – nach ihren eigenen Angaben – die Bibliothek zwischen 2 (59 von 168 Antworten) und 3–4 (47) Stunden nutzen. Auch die Nutzung bis zu einer Stunde (30) ist relativ hoch. Längere Aufenthalte – auf die hin Bibliotheken ja verstärkt durch Angebote wie Cafés oder Orte zum Entspannen ausgerichtet werden – sind weiterhin die Ausnahme. (ks)


Marler, Will (2021). You can’t talk at the library: the leisure divide and public internet access for people experiencing homelessness. In: Information, Communication & Society [Latest Articles], https://doi.org/10.1080/1369118X.2021.2006742 [Paywall]

In dieser ethnographischen Studie, durchgeführt 2017 bis 2019 in einer Öffentlichen Bibliothek und einer sozialen Einrichtung in Chicago, geht es inhaltlich um die Nutzung des Internets durch Menschen ohne festen Wohnsitz, alle zwischen 50–65 Jahren alt. Beide Einrichtungen bieten die kostenlose Nutzung des Internets an, aber in verschiedenen institutionellen Settings. Die soziale Einrichtung kann frei, auch ohne Anmeldung, genutzt werden. Die Rechner dort stehen ebenso zur Verwendung bereit, ohne klare Regeln in Bezug auf Nutzungszeit oder Lautstärke. In der Bibliothek ist der Gebrauch der Computer an eine Bibliothekskarte gebunden, für die eine amtliche Anmeldung im Bundesstaat notwendig ist (die Räume der Bibliothek selber können auch ohne eine solche besucht werden). Zudem gibt es Regeln, die durch Software und Security durchgesetzt werden. In beiden Einrichtungen ist der Grund, Computer und Internetzugang anzubieten, Zugang zu digitalen Angeboten zu ermöglichen.

Der Autor fokussiert jetzt darauf, wie Menschen ohne festen Wohnsitz diesen Zugang nutzen. Dabei stellt er heraus, dass sie einen starken Fokus auf Freizeitnutzung legen, die ihnen ermöglicht, sowohl mit Stress, der mit ihrer Lebenssituation zu tun hat, umzugehen als auch soziale Kontakte aufzubauen. Oder anders: Die Nutzung als leisure time ermöglicht ihnen, ihren Alltag besser zu gestalten. Der Unterschied ist dabei, dass dies in der sozialen Einrichtung besser funktioniert, als in der Bibliothek. Der Fokus in letzterer ist auf eine produktive Nutzung der Computer ausgerichtet. Der Autor formuliert hier als Anforderung, auch die Möglichkeit einzuräumen, Computer für andere Dinge nutzen zu können, beispielsweise für das Abspielen von Musik.

Interessant ist, dass die Öffentlichen Bibliotheken in Chicago selbstverständlich, wie so viele andere auch, sich ebenso als soziale Orte verstehen, an denen sich alle Mitglieder der Community treffen können. Es ist bemerkenswert, dass sich dies in der konkreten Umsetzung zumindest für Menschen in der Situation, keinen stabilen Wohnsitz zu haben, weniger umsetzt als in der sozialen Einrichtung, die eher auf Menschen in ihrer Situation ausgerichtet ist. (Die Bibliothek wird vom Autor eher als Ort geschildert, in welchem sich Menschen in unterschiedlichen sozialen Lagen versammeln.) (ks)


Ziegler, Sophia (2022). Toward Empathetic Digital Repositories: An Interview with Diego Pino Navarro. In: Journal of Critical Digital Librarianship 2 (2022) 1: 1–10, https://digitalcommons.lsu.edu/jcdl/vol2/iss1/1/

Diego Pino Navarro ist einer der Entwickler von Archipelago Commons, der Software, welche von verschiedenen Bibliotheken in New York City genutzt wird, um ihre Sammlungen digital zu präsentieren. In diesem Interview reflektiert er, auch auf seiner Erfahrung als Brown man in der IT-Branche, der aus Südamerika in die USA eingewandert ist und einen Hintergrund als First Nation People mitbringt, was es heisst, ein Repository für Bibliotheken zu bauen, das versucht, möglichst wenig zu standardisieren und möglichst viel auf die Erfahrungen der Bibliotheken selber zu hören. Dabei kritisiert er nicht nur Firmen, die aus ökonomischen Gründen Software vereinheitlichen, sondern auch Haltungen von Software Engineers, die Software und nicht die tatsächliche Nutzung und Effekte dieser Nutzung in den Mittelpunkt der Entwicklungsarbeit zu stellen. (ks)


Seale, Maura ; Hicks, Alison ; Nicholson, Karen P. (2022). Toward a Critical Turn in Library UX. In: College & Research Libraries 83 (2022) 1: 6–24, https://doi.org/10.5860/crl.83.1.6

Library UX ist als Begriff im DACH-Raum eher seltener bekannt, aber als Praxis schon etabliert: Es geht dabei um das Design von Bibliotheken und ihrer Angebote, wobei die Nutzer*innen und ihre Interessen in den Mittelpunkt gestellt werden. Mittels methodischer Rahmen sollen diese Interessen eruiert und daraus dann weitere Entwicklungen einer Bibliothek gestaltet werden. Im DACH-Raum bekannt ist Design Thinking als Methode, die dem Library UX zugeordnet werden kann. Aber auch kleinere Projekte, die sich an ethnologischen Methoden orientieren, oder viele Umfragen lassen sich grundsätzlich dem zuordnen, was im englischsprachigen Bibliothekswesen als Library UX bezeichnet wird. Insoweit lässt sich die in diesem Text geäusserte Kritik von Seale et al. auch auf diese Praxen in Bibliotheken im DACH-Raum übertragen.

Grundsätzlich zeigen sie, dass Library UX als reines Methodenset neutraler Methoden verstanden wird und die Grundannahmen, die mit ihm einhergehen – beispielsweise wer oder was Nutzer*innen sind und dass ihre Erfahrungen der Ausgangspunkt aller Entscheidungen über Bibliotheken sein sollen – nicht reflektiert werden. Dies sei in einer Zeit, in der es im Bibliothekswesen immer klarer wird, dass dieses von politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen ebenso betroffen sei wie alle anderen Einrichtungen auch, nicht mehr nachvollziehbar.

Auch Methoden des Library UX (oder im DACH-Raum eher Design Thinking) oder die Annahmen hinter diesen, seien nicht neutral, sondern – insbesondere wenn nicht durchdacht – eher dazu geeignet, gesellschaftliche Ausschlussprozesse im Bibliotheksbereich zu reproduzieren oder gar zu verstärken. Sie gehen dies anhand einer Anzahl von Methoden, die in diesem Bereich verwendet werden, durch. Der Text ist eine Anregung dazu, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen und sie nicht einfach nur einzusetzen. (ks)


Rosen, Hannah ; Feather, Celeste ; Grogg, Jill ; Lair, Sharla (2022). LYRASIS Research and an Inclusive Approach to Open Access in the United States. In: LIBER Quarterly 32 (2022): 1–18, https://doi.org/10.53377/lq.11078

In diesem Artikel werden die Open-Access-Aktivitäten eines der grossen Konsortien für Bibliotheken, Archive und Museen in den USA geschildert. Das ist deshalb interessant, weil hier eine recht andere Landschaft gezeigt wird, als sie aus Europa bekannt ist. Beispielsweise finden sich hier viele Bibliotheken, die keine APCs zahlen können oder wollen. Es gibt auch keine, aus Europa bekannten, nationalen Programme oder Verträge. Das Konsortium unterstützt Open-Access-Initiativen, aber eher solche, die ohne APCs funktionieren.

In gewisser Weise zeigt dies auf, dass die Entwicklungen im Open-Access-Bereich wirklich nicht so sein müssen, wie sie es gerade sind. Die Entwicklung in Europa ist nicht alternativlos. (ks)


Johnson, Charlotte M. (2022). Revisiting the Library Storage Literature Review. In: Collection Management [Latest Articles], https://doi.org/10.1080/01462679.2022.2043978 [Paywall]

Die Autorin stellt die Themen zusammen, welche zwischen 1995 – dem Jahr, in welchem schon eine ähnliche Übersicht erschien – und 2021 in Artikeln und anderen Publikationsformen zum Thema Magazinierung und Magazinbau diskutiert oder untersucht wurden. Dies waren ihrer Recherche nach 139, allerdings inkludierte sie nur englisch-sprachige. Der Text ist ein guter Einstieg in das Thema und zeigt gleichzeitig relevante Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf. Darunter sind beispielsweise die Verbreitung von spezifischer Magazinsoftware, der Trend zum gemeinsamen Betrieb von Magazinen durch mehrere Bibliotheken (in recht unterschiedlichen Formen) und die Entwicklungen in Sachen Technik, insbesondere der Verbreitung von elektronischen Dokumentlieferungen. (ks)


Watstein, Sarah Barbara ; Johns, Elizabeth M. ; Puente, Mark A. ; Hahn, Jim (edit.) (2022). Reference Services Review: Special Issue: Anti-Racist Action in Libraries. In: Reference Service Review 50 (2022) 1, https://www.emerald.com/insight/publication/issn/0090-7324/vol/50/iss/1

In dieser Schwerpunktnummer reflektieren Bibliothekar*innen aus den USA sowohl darüber, warum und wie Bibliotheken in rassistische Strukturen eingebunden sind als auch darüber, wie dies zu ändern wäre. Das alles im Kontext der US-amerikanischen Gesellschaft. Der Kontext ist bedeutsam: Es wird – ohne, dass es reflektiert würde – immer im Rahmen und Denken des US-amerikanischen Bibliothekswesens diskutiert. Beispielsweise wird sich in den Beiträgen kontinuierlich auf die US-amerikanische Bibliotheksgeschichte oder auch US-amerikanische Einrichtungen und Diskurse bezogen.

Thematisch geht es in vielen Beiträgen darum, die Erfahrungen von Bibliothekar*innen, die BIPOC sind (nicht nur African Americans, sondern auch Hispanic Americans und anderen Gruppen) zu schildern. In anderen wird diskutiert, wie sich das Bibliothekswesen in den USA entwickelt und dabei rassistische Strukturen reproduziert hat, auch entgegen dem Verständnis von Bibliotheken als offener Einrichtung. Eine Anzahl von Texten schildert auch, wie Bibliotheken vorgehen oder vorgehen sollten, um diese Situation zu ändern. Diese sind dann recht unterschiedlich. Einige schildern konkrete Initiativen, andere theoretische Zugänge (inklusive, was vielleicht überrascht, klaren Bezügen zu sozialistischen und marxistischen Theorien). Allen gemein ist die Überzeugung, dass sich eine Veränderung nur durch tief in Strukturen und Identitäten eingreifende Entwicklungen erreichen lässt und dass dafür eine theoretische, auf der Geschichte von Gesellschaft und Bibliotheken aufbauende Beschreibung des Status Quo notwendig ist. (ks)


Glagla-Dietz, Stephanie ; Gabermann, Stephanie (2020). Standardnummern für Personen : Qualitätsverbesserung durch das Zusammenspiel intellektueller und maschineller Formalerschließung. In: Dialog mit Bibliotheken 32 (2020) 2, S. 20–25, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:101-2020062250

ORCID-iDs setzen sich zunehmend als Identifikatoren und Wegweiser zu persönlichen Profilen mit Publikationsnachweisen durch. Die Non-Profit-Organisation ORCID ermöglicht Wissenschaftler*innen das Führen eines eigenen wissenschaftlichen Profils, inklusive unkomplizierter Verwaltung der eigenen Publikationsdaten. Bereits seit einiger Zeit sind sie deshalb auch in Personennormdatensätzen der GND vertreten. Seit Frühjahr 2020 werden diese Standardnummern auch bei den maschinellen Erschließungsverfahren der DNB verwendet, die automatisiert Titeldaten untereinander und mit Normdaten verknüpfen. Die angegebenen ORCID-iDs in den digital verfügbaren Publikationen können ohne menschliches Zutun direkt den korrekten beteiligten Personen zugeordnet werden, sofern die ORCID-iD im GND-Profil hinterlegt ist. Dies ist eine bedeutende Neuerung, da Netzpublikationen aufgrund ihrer schieren Zahl nicht intellektuell verknüpft werden können. Die Grundlage für diese Vorgehensweise ist ein ausreichend hoher Anteil von hinterlegten ORCID-iDs in GND-Datensätzen. Deswegen wird diese Zahl über verschiedene Verfahren automatisiert oder händisch erhöht. Zum Beispiel ist es inzwischen auch möglich, seine Publikationen im Katalog der DNB zu claimen und somit sowohl die Publikationen seinem ORCID-Profil als auch seine ORCID iD zu seinem GND-Datensatz hinzuzufügen. Die GND ist ein großes Kooperationsprojekt und bedarf seit jeher der Zusammenarbeit vieler Bibliotheken. Nun kann man auch als individuelle ORICD-iD-Inhaber*in unkompliziert dazu beitragen, dass Verknüpfungen besser funktionieren, Dubletten vermieden werden und auch die maschinelle Erschließung von Netzpublikationen auf einem höheren Niveau stattfinden kann. (yp)


Wastl, Jürgen (2017). Forschungsinformationssysteme: Not oder Tugend? : Reaktive und proaktive Strategien zur Implementierung von Forschungsinformationssystemen und innovative Ansätze für die Zukunft. In: BIT online 20 (2017) 2, S. 99–112, https://doi.org/10.17863/CAM.10357, http://www.b-i-t-online.de/heft/2017-02/fachbeitrag-wastl.pdf

Forschungsinformationssysteme (FIS) etablieren sich seit einigen Jahren als Ablösung von institutionellen Forschungsbibliographien. Sie umfassen dabei nicht nur die vollständige Dokumentation von Publikationen der Angehörigen der Einrichtung, sondern grundsätzlich aller Forschungsaktivitäten, etwa Projekten und Auszeichnungen. Sie verknüpfen die Informationen von verschiedenen Entitäten und unterstützen einen Austausch mit anderen Systemen. Charakteristisch ist eine Zusammenarbeit verschiedener Bereiche, zum Beispiel von Bibliotheken und Forschungsabteilungen.

Jürgen Wastl geht in seinem Artikel am Beispiel des FIS der Universität Cambridge auf Vorteile, Notwendigkeiten, Akzeptanzprobleme und lokale Besonderheiten ein. Der ursprüngliche Grund für die Einführung war der große Aufwand bei neuen Zusammentragungen und Evaluationen für finanzielle Förderungen. Inzwischen kann man zahlreiche weitere Gründe für die Implementierung eines FIS anführen und weiß um typische Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Herausforderungen sind dabei zum einen, dass man nicht der Ursprung der Daten ist und auch mit ermöglichter Einspeisung in das FIS viel für eine hohe Qualitätssicherung der Daten leisten muss. Zum anderen ist die Akzeptanz bei den eigenen Forschenden entscheidend, damit Publikationen und Projekte eingetragen werden und auf Vollständigkeit basierende Services funktionieren.

Aus dem anfänglichen retrospektiven Berichterstattungssystem entwickelte sich schließlich ein modernes Netzwerk aus Forschungsinformationen, das durch eine gesicherte Interoperabilität auf vielfache Weise einen nachhaltigen Mehrwert garantiert und Wissenschaftler*innen ein nützliches Werkzeug anbietet. Wastls Erfolgsrezept für ein gutes FIS ist die Einbindung des Großteils der Angehörigen sowie ein maßgeschneiderter Aufbau auf die lokalen Bedürfnisse. Dabei soll das Forschungsinformationssystem ohne Zwang genutzt werden und stattdessen durch Attraktivität überzeugen. (yp)


Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (2021). Datentracking in der Wissenschaft: Aggregation und Verwendung bzw. Verkauf von Nutzungsdaten durch Wissenschaftsverlage : ein Informationspapier des Ausschusses für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme der Deutschen Forschungsgemeinschaft, https://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/datentracking_papier_de.pdf

Das Informationspapier des AWBI (Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme) beschreibt schwerpunktmäßig die neue Praxis bezüglich Datentracking auf Seiten der Wissenschaftsverlage und in welchem Kontext diese Entwicklung stattfindet. Dabei positioniert er sich sehr kritisch gegenüber einer systematischen Sammlung von Nutzerdaten und der kommerziellen Nutzung dieser. Große wissenschaftliche Verlage scheinen sich auch im Kontext der Open-Access-Transformation und wechselnder Finanzierungsstrukturen auf das neue Geschäftsmodell als Data Analytics Businesses auszurichten. Die Erfassung von Nutzungsdaten wird dabei für den gesamten Wissenschaftskreislauf beworben. Um dies zu erreichen, koppelt man die Datensammlung an verschiedene Services, unter anderem zu Forschungsdatenmanagement und Forschungssoftware. Beispiele wie das System Pure von Elsevier ermöglichen dabei die Erfassung von Tätigkeiten Einzelner sowie ganzer Institutionen und umfassen mehrere Schritte im Forschungsprozess. Es tritt die aus anderen Bereichen bekannte Abwägung zwischen komfortablen Lösungen und der Kontrolle über die eigenen Daten auf. Der AWBI sieht die Gefahr einer völligen Privatisierung der Informationen über deutsche Wissenschaftsprozesse, -entwicklungen und -inhalte.

Die Aggregation und Auswertung von wissenschaftlichen Aktivitäten und Profilen wird allerdings nicht grundsätzlich verurteilt, schließlich kann die Wissenschaft selbst von deren Auswertung profitieren. Statt einer unkontrollierten Vermengung mit kommerziellen Interessen soll dabei Transparenz mithilfe deutlicher rechtlichen Regulierungen gelten, die eine aufgeklärte Einwilligung Einzelner vorsieht. Außerdem soll die Wissenschaft starken Einfluss auf die Praxis haben. Bis dahin wird zu vermehrter Achtsamkeit bei Verträgen mit Verlagen bezüglich Data Privacy geraten. (yp)


Berichterstattung zur Entlassung von Gerald Leitner als IFLA-Generalsekretär. In: Biblioteksbladet 2022, https://www.biblioteksbladet.se/?sida=1&s=gerald+leitner&sort=date

Das schwedische Biblioteksbladet ist eine der wenigen (vielleicht sogar die einzige der) bibliothekarischen Publikationen, die systematisch versucht, den Gründen der Entlassung Gerald Leitners als IFLA-Generalsekretär auf den Grund zu gehen. Nachdem die IFLA in ihrem Bericht aus dem Meeting des Governing Board vom 8. April (https://www.ifla.org/news/ifla-news-from-the-governing-board-meeting/) die Gründe für die Entlassung offen ließ, veröffentlichte Biblioteksbladet verschiedene Interviews, Kommentare, Timelines und andere Recherchen. Die IFLA bestreitet einige der in Biblioteksbladet getätigten Aussagen in zwei später veröffentlichten Statements (https://www.ifla.org/news/ifla-gb-response-to-biblioteksbladet-article/, https://www.ifla.org/news/termination-of-the-contract-with-sg/). (eb)

2.2 COVID-19 und die Bibliotheken, Vierte Welle

Yatcilla, Jane Kinkus ; Young, Sarah (2021). Library Responses During the Early Days of the Pandemic: A Bibliometric Study of the 2020 LIS Literature. In: Journal of Library Administration (Latest Articles), https://doi.org/10.1080/01930826.2021.1984139 [Paywall]

Ein Zeichen dafür, dass die Pandemie schon eine ganze Zeit Auswirkungen hat, ist, dass ausreichend viele Texte zum Themenbereich COVID-19 und die Bibliotheken erschienen sind, um diese strukturiert auszuwerten. Im Titel dieser Studie wird diese Auswertung zwar bibliometrisch genannt, aber eigentlich wurde hier vor allem eine Codierung von Titeln und Abstracts vorgenommen.

Insgesamt werteten die Autorinnen 273 dieser Texte (die sie aus LISA und LISTRA gewonnen hatten) aus und konnten zeigen, dass die Pandemie Bibliotheken in der ganzen Welt betroffen hat, das alle Bibliothekstypen betroffen waren, aber auch, dass die Themen der Texte relativ ähnlich waren. Vor allem ging es um remote services und um Bibliotheksbestände.

Beide Autorinnen postulieren, dass die relativ schnellen Veröffentlichungen auch zeigen würden, dass während der Pandemie Qualitätssicherungsmassnahmen für wissenschaftliche Zeitschriften gelockert worden wären. Grundsätzlich sei dies durch die Situation verständlich, müsse aber nach der Pandemie wieder geändert werden. Wirklich nachzuvollziehen ist das aber nicht: Es wird nur gezeigt, dass relativ schnelle Veröffentlichungen möglich waren, aber ob dies wirklich Einfluss auf die Qualität der Publikationen hatte, kann mit der in dieser Studie verwendeten Methode nicht gezeigt werden. (ks)


Trembach, Stan ; Deng, Liya (2021). A window of opportunity: Sustained excellence in academic library response to the challenges of COVID-19. In: College & Undergraduate Library [Latest Articles], https://doi.org/10.1080/10691316.2021.1995921 [Paywall]

Diese Studie endet, obwohl sie die Situation von Bibliotheken in der COVID-19 Pandemie als herausfordernd darstellt, erstaunlich positiv. Bibliotheken würden zeigen, dass sie pro-aktiv auf die Herausforderungen in dieser Situation reagieren. Damit gäbe es auch Hoffnung, dass sie sich langfristig gut entwickeln können.

Untersucht wurden 50 kleinere Hochschulbibliotheken in den USA (je an Einrichtungen mit unter 10.000 Studierenden), um nicht unbedingt nur die grössten Bibliotheken zu studieren und gleichzeitig, um eine gewisse Diversität der untersuchten Einrichtungen zu gewährleisten. In einem ersten Schritt wurden im Herbst 2020 die Websites der Bibliotheken systematisch auf Angebote und Hinweise zur Pandemie durchsucht. Im zweiten Schritt wurden die Direktor*innen dieser Bibliotheken Anfang 2021 in einer Umfrage angegangen.

Es zeigt sich, dass die Bibliotheken in vielen Punkten ähnlich reagierten: Reference Services wurden überall Online angeboten, die E-Ressourcen beworben, Informationen zur Pandemie verbreitet. Gespalten waren sie dabei, ob sie (Ende 2020) physischen Zugang zur Bibliothek gewährten oder die Ausleihe mit Pick-Up Diensten ermöglichten. (Je rund die Hälfte tat es oder tat es nicht.) Anfang 2021 war die Situation dann diverser. Ob Bibliotheken Zugang zu ihren Räumen ermöglichten und für wen, war ganz unterschiedlich geregelt. In der Umfrage zeigte sich, dass fast alle antwortenden Direktor*innen über den Einfluss der Pandemie auf die eigene Bibliothek und Community besorgt waren. Viele beschrieben die Situation als ständiges Krisenmanagement. Für die Zukunft regten sie zum Beispiel an, Katastrophenpläne auszuarbeiten, oder zu überprüfen, welche bibliothekarischen Arbeiten auch langfristig online organisiert werden können. (ks)


Akullo, Winny Nekesa ; Okojie, Victoria ; Diouf, Antonin Benoit ; Kotsokoane, Nthabiseng (2021). Role of Library Associations in Supporting the Library Sector during the COVID-19 Pandemic in Africa. In: International Information & Library Review [Latest Articles], https://doi.org/10.1080/10572317.2021.1990566 [Paywall]

Hier werden die Ergebnisse einer Umfrage unter nationalen Bibliotheksverbänden in Afrika über ihre Erfahrungen während der COVID-19 Pandemie publiziert. Leider wird nicht angeben, zu welchem Zeitpunkt diese durchgeführt wurde, aber die Ergebnisse deuten auf Ende 2020, Anfang 2021 hin.

Es antworteten 18 der 30 angeschriebenen Verbände. Fast alle sind auch Mitglied der IFLA und anderer Vereinigungen und sind somit also untereinander vernetzt. Diese Netzwerke sorgten dafür, dass Informationen ausgetauscht werden konnten. Alle unternahmen es, ihre Mitgliedsbibliotheken über die Pandemie und deren Auswirkungen zu informieren. Viele, aber nicht alle, organisierten dafür auch Onlineveranstaltungen. Für die meisten stellte sich als wichtigste Herausforderung die schlechten Internetverbindungen dar. Genutzt wurden dafür auch – oder gerade – die Facebook-Auftritte der Bibliotheksverbände. Als mittelfristiges Ziel wurde, auf der Basis der Erfahrungen aus der Pandemie, genannt, Katastrophenpläne zu erarbeiten. (ks)


Altman, Adam (2022). Library Technology and Its Perceptions at Small Institutions of Higher Education: The COVID-19 Factor. In Journal of Library Administration 62 (2022) 1: 67–84, https://doi.org/10.1080/01930826.2021.2006986 [Paywall]

Dieser kurze Texte bestätigt, was an anderer Stelle schon vermutet wurde: Die Wahrnehmung der digitalen Angebote, welche Bibliotheken machen, durch Bibliothekar*innen als auch Nutzer*innen, hat sich während der COVID-19 Pandemie verändert. Der Autor fragte – im Rahmen seiner Dissertation – in sechs Bibliotheken kleinerer Hochschulen (unter 5000 Studierende) in den USA Vertreter*innen dieser beiden Gruppen – einmal per Interviews, einmal per Umfrage unter den Bibliotheken – ab. Dabei zeigte sich, wenig überraschend, dass die digitalen Angebote während der Pandemie ausgebaut wurden.

Interessanter ist die Wahrnehmung durch die Nutzer*innen: Auf der einen Seite nahmen sie diesen Ausbau auch wahr und nutzten die Angebote auch mehr, auf der anderen Seite bezog sich dies aber auf Datenbanken und elektronische Medien. Andere Angebote wurden nur selten bemerkt. Insbesondere die im Bereich Social Media scheinen kaum bemerkt worden zu sein. (ks)


Wahler, Elizabeth A. ; Spuller, Rbecca ; Ressler, Jacob ; Bolan, Kimberly ; Burnard, Nathaniel (2022). Changing Public Library Staff and Patron Needs Due to the COVID-19 Pandemic. In: Journal of Library Administration 62 (2022) 1: 47–66, https://doi.org/10.1080/01930826.2021.2006985 [Paywall]

Der Anfang dieses Textes liest sich wie ein Fall von vocational awe – wenn Bibliotheken ihre Position aufzuwerten scheinen, indem sie sich als Einrichtungen mit einer viel grösseren Bedeutung beschreiben, als sie sinnvoll sein können. Hier wird zum Beispiel behauptet, dass sie nicht nur Dritte Orte seien, sondern die soziale Basis für den Kampf gegen food deserts und für die psychosoziale Gesundheit ihrer Community. Aber wenn man sich dort durchkämpft, gelangt man zum eigentlichen Thema, nämlich einer Umfrage unter Nutzer*innen und Personal eines mittelgrossen Öffentlichen Bibliothekssystems (14 Zweigstellen) in Allen County, Indiana, zu den Auswirkungen von COVID-19. Die hat ihren eigenen Wert, auch wenn man dann den übertriebenen Conclusions, welche die Bibliothek wieder als rettende Einrichtung für die Community darstellen, nicht folgen muss.

Die Umfrage wurde eigentlich als normale Umfrage für die Weiterentwicklung der Bibliotheken durchgeführt, fiel aber auf den Zeitraum von Ende 2020 und Anfang 2021. Deshalb wurde sie um offene Fragen zu COVID-19 erweitert. Die Auswertung dieser Fragen wird im Artikel dargestellt.

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass je ein Drittel der antwortenden Nutzer*innen und des Personals etwas zu dieser Frage sagten, die je anderen zwei Drittel nicht. Zudem zeigte sich, dass zumindest die antwortenden Nutzer*innen, eher weisser, eher reicher (mehr Homeownership) und älter waren als der Durchschnitt der Community. Sie sind wohl tendenziell privilegierter.

Die möglichen Probleme und Veränderungen durch COVID-19, die in der bibliothekarischen Literatur 2020 besprochen wurden, traten zwar auf, aber nur bei einer kleinen Zahl der Befragten. Von den betreffenden Antworten (900) der Nutzer*innen erwähnten 37.1 % grundsätzliche Veränderungen bei Aktivitäten (beispielsweise weniger Freund*innen treffen, mehr daheim sein), 24.9 % mehr Isolation, 15.7 % entweder Arbeitsplatzwechsel oder mehr Stress im Job (beispielsweise durch Umstellung auf Onlineangebote), 16.7 % Probleme, die Bibliothek zu nutzen, vor allem durch reduzierte Öffnungszeiten und Angebote. 12.0 % berichteten von zusätzlichen Herausforderungen als Eltern, insbesondere im Finden von interessanten Aktivitäten und Unterstützung ihrer Kinder beim Online-Unterricht. Probleme mit dem Zugang zu Angeboten an sich (8,8 %) und der Zunahme von mentalen Problemen (8.0 %) wurden seltener berichtet. Dass die Bibliothek anders als zuvor genutzt wurde, zum Beispiel andere Medien entliehen oder an sich mehr gelesen wurde, vermerkten dann nur noch 5.4 % und die verstärkte Nutzung von digitalen Angeboten 4.3 %.

Das Personal beschrieb als Veränderung vor allem reduzierte Kontakte mit Nutzer*innen (28.3 %), die Notwendigkeit, Bestimmungen im Bezug auf COVID-19 durchzusetzen (22.1 %) oder Arbeit nach Online zu verlagern (12.4 %). Aber angesichts der Zahlen scheinen die Auswirkungen von COVID-19 auch nicht so gross gewesen zu sein. Zumindest nicht so, dass sie viel erwähnt wurden. (ks)


Eva, Nicole (2021). Information Literacy Instruction during COVID-19. In: Partnership: The Canadian Journal of Library and information Practice and Research, 16 (2021) 1, https://doi.org/10.21083/partnership.v16i1.6448

Shin, Nancy ; Pine, Sally ; Martin, Carolyn ; Bardyn, Tania (2021). Academic Library Instruction in the Time of a COVID-19 Pandemic – Lessons Learned. In: Journal of Web Librarianship [Latest Articles], 2021, https://doi.org/10.1080/19322909.2021.2015046 [Paywall]

Eine kurze Umfrage unter Wissenschaftlichen Bibliotheken in Kanada (Eva 2021), verschickt im November 2020, zu Veränderungen in Anzahl und Methodik von Information Literacy Sessions, zeigte, dass – im Vergleich zum Herbstsemester 2019 – die Zahl dieser Veranstaltungen massiv zurückging. Bibliotheken aller Grössen boten diese weniger an und erhielten auch weniger Anfragen für diese. Eine kleine Zahl von Bibliotheken berichtete von mehr Kontakten mit Studierenden oder mehr Aktivitäten auf ihren Learning Management Systemen. Der Grossteil der Veranstaltungen wurde in einer Form – also entweder Online oder in Präsenz – durchgeführt, nur eine sehr kleine Anzahl in hybrider Form.

Eine ähnliche, im Frühling 2021 durchgeführte Umfrage in den USA (Shin et al. 2021) kam zu dem Ergebnis, dass die grösste Herausforderung von Bibliothekar*innen war, sich auf die Online-Kommunikation mit Studierenden und das Durchführen von Veranstaltungen im Online-Modus umzustellen. Ein grosser Teil hat dies jetzt gelernt und wird es wohl in der Zeit nach der Pandemie weiter betreiben. Der Artikel zur Umfrage ruft Bibliotheken aufgrund dieser Daten auf, in die Infrastruktur und den Kompetenzaufbau beim Personal für solche Online-Kommunikation zu investieren. (ks)


Ayeni, Philips O. ; Agbaje, Blessed O. ; Tippler, Maria (2021). A Systematic Review of Library Services Provision in Response to COVID-19 Pandemic. In: Evidence Based Library and Information Practice 16 (2021) 3, https://doi.org/10.18438/eblip29902

Diese Systematic Review versucht, einen Überblick über die Reaktionen von Bibliotheken während der COVID-19 Pandemie zu geben. Die Ergebnisse sind wenig überraschend: Bibliotheken übertrugen ihre Arbeit und Aufgaben weitenteils in die digitale Sphäre und nutzen dafür praktisch alle sinnvoll denkbaren technischen Möglichkeiten: Vorhandene Lernmanagementsysteme, Videokonferenztools und Social Media. Zudem übernahmen sie es, allgemeine Informationen über die Pandemie zu verbreiten.

Was an dem Text hervorsticht, ist, dass er in gewisser Weise zeigt, dass die Methodik der Systematic Reviews, die aus der Medizin übernommen ist und dort vor allem genutzt wird, um wissenschaftliches Wissen zu medizinischen Fragen zu systematisieren, für Fragen zu Bibliotheken nur eingeschränkt geeignet ist. Die Autor*innen führen die Methode vollständig durch, aber dadurch beschränken sie zum Beispiel ihre Quellenbasis ohne jede Not: Sie nutzen nur englischsprachige, peer reviewte Literatur, die in fachlichen Datenbanken verzeichnet ist, was sinnvoll ist, um in der Medizin nur Forschungsliteratur zu nutzen, aber nicht, wenn man Erfahrungen aus Bibliotheken, die andere Publikationskulturen haben, systematisieren will. Zusätzlich analysieren sie die 23 Artikel, die sie finden, so auch tiefgehender, als es notwendig für die eigentlichen Ergebnisse ist. (ks)


Charbonneau, Deborah H. ; Vardell, Emily (2022). The impact of COVID-19 on reference services: a national survey of academic health sciences librarians. In: Journal of the Medical Library Association 110 (2022) 1: 56–62, https://doi.org/10.5195/jmla.2022.1322

Für diesen Artikel wurde eine weitere Umfrage dazu durchgeführt, wie Bibliotheken während der COVID-19 Pandemie gehandelt haben – hier fokussiert auf Bibliothekar*innen in Medizinbibliotheken in den USA und deren Reference Service. Die Ergebnisse sind wenig überraschend. Sie zeigen, dass Bibliotheken ihre Arbeit zumindest in diesem Bereich auch Online organisieren konnten. Zudem zeigte sich, dass vor allem die Nutzer*innen die Angebote der Bibliotheken nutzen, die dies auch zu anderen Zeiten taten.

Erwähnt wird der Artikel aber, weil hier auch noch challenging questions gefragt wurde. Die gab es. All die Verschwörungstheorien, welche während der Pandemie verbreitet wurden, fanden sich auch in solchen Fragen wieder. Aber: Dabei handelte es sich nur um einen kleinen Teil. Der Grossteil war ernsthaften Informationsbedürfnissen geschuldet. (ks)

Singh, Kanupriya ; Bossaller, Jenny S. (2022). It’s Just Not the Same: Virtual Teamwork in Public Libraries. In: Journal of Library Administration [Latest Articles], https://doi.org/10.1080/01930826.2022.2057130 [Paywall]

Mithilfe von acht Interviews mit Direktor*innen von Öffentlichen Bibliotheken im Südwesten der USA wird in dieser Studie versucht zu klären, ob deren virtuelle Arbeit während der Pandemie Auswirkungen in der Zukunft haben wird. Die These ist dabei unterschwellig, dass das, was gut funktionierte, auch weiter betrieben wird.

Sicherlich wissen Direktor*innen nicht genau, wie sich das gesamte Personal während der Pandemie fühlte oder auch jetzt fühlt. Aber sie zeichnen ein recht positives Bild: Alle Bibliotheken schafften es, relativ schnell umzustellen und sowohl die eigenen Angebote virtuell als auch die eigene Arbeit in Teams zu organisieren, insbesondere die Arbeitsmeetings. Auch der Umgang mit neuer Software für Online-Arbeit gelang im Ganzen gut. Und grundsätzlich wird von positiven Erfahrungen berichtet, beispielsweise, dass in Online-Meetings sich auch Personen äusserten, die sonst oft schweigen. Andere Vorteile, insbesondere die Ortsunabhängigkeit, werden dazu führen, dass zumindest zum Teil weiter virtuell gearbeitet wird.

Im Titel des Textes ist die Meinung dazu angesprochen, dass es einen Unterschied zwischen Meetings sowie Angeboten vor Ort und denen virtuell gibt. Aber es fällt offenbar schwer, festzumachen, was genau dieses Etwas ist. Es wird umschrieben als direkter Kontakt, der vor Ort anders möglich sei. Aber erstaunlicherweise verbleibt das alles sehr im Ungefähren. (ks)

2.3 Die Arbeit in Bibliotheken

Desmeules, Robin Elizabeth (2020). The Bookbinding of Hortense P. Cantlie for McGill Library. Surfacing a Legacy of Invisible Labor in the Stacks. In: Libraries: Culture, History, and Society 4 (2020) 2: 139–161, https://doi.org/10.5325/libraries.4.2.0139 [Paywall]

Desmeules versteht ihre Studie als Beitrag zur Sichtbarmachung der in Bibliotheken selber geleisteten Arbeit an den Sammlungen. Sie thematisiert, dass diese – zumeist von Frauen übernommene – Arbeit dequalifiziert und unsichtbar gemacht wird, während sie nicht nur für das Funktionieren der Bibliotheken, sondern auch aller Arbeit, die auf dem Funktionieren der Bibliothek aufbaut, notwendig ist. Beispielsweise erscheine es oft so, als würde Forschung Arbeit sein, die auch Reputation erlaubt – also zum Beispiel durch Autor*innenschaft von Artikeln sichtbar wird –, während Infrastrukturen, wie die Sammlungen von Bibliotheken, einfach als immer irgendwie bestehender Hintergrund gelten.

Anhand der freischaffenden Buchbinderin Hortense P. Cantlie, welche vor allem in den 1950er und 1960er Jahren für die Rare Book and Special Collections der Bibliothek der McGill University, Montreal, tätig war, versucht sie dann den Nachweis zu führen, dass diese Arbeit im Hintergrund ebenso notwendig und wichtig ist. Sie – selber Bibliothekarin an dieser Einrichtung – kann dazu auf einige erhaltene Spuren zurückgreifen: Die Zettel, auf denen Cantlie ihre Arbeit am jeweiligen Buch vermerkte, sind in vielen Fällen immer noch in den Büchern eingelegt (was, wie Desmeules bemerkt, auch einer Entscheidung des Bibliothekspersonals bedurfte). Zudem wurde ihr Nachlass für die Bibliothek selber erworben. In den Unterlagen der Bibliothek selber finden sich auch Hinweise. Das unterscheidet Cantlie von vielen anderen Kolleg*innen, welche am Funktionieren von Bibliotheken beteiligt sind. Aber es ermöglicht Desmeules auch, zu zeigen, dass es sich unfragbar um konkrete, benennbare und sichtbar zu machende Arbeit handelte, die Cantlie leistete und nicht um reine Servicedienste. Ohne diese Arbeit wären viele Forschungsarbeiten mit dem konkreten Bestand heute nicht mehr möglich. (ks)


Merga, Margaret K. (2021). What is the literacy supportive role of the school librarian in the United Kingdom? In: Journal of Librarianship and Information Science 53 (2021) 4: 601–614, https://doi.org/10.1177/0961000620964569

Das eigentliche Thema dieser Studie, nämlich eine Analyse von Arbeitsplatzbeschreibungen für Schulbibliothekar*innen in Grossbritannien daraufhin, welche Rolle sie in der Förderung von Kompetenzen spielen sollen, ist sehr spezifisch. Im Ergebnis zeigt sich auch vor allem, dass es zwar die Erwartung gibt, dass sie eine Rolle spielen, aber dass diese recht offen und unkonkret ist.

Interessanter für Leser*innen im DACH-Raum wird die Darstellung zum Status Quo von Schulbibliotheken in verschiedenen englisch-sprachigen Ländern recht weit am Beginn des Artikels sein. Hier wird sichtbar, dass es in praktisch allen diesen Ländern eine Rückentwicklung gibt. Die Professionalisierung der unterschiedlichen Schulbibliothekswesen nimmt ab, insbesondere wird immer mehr nicht spezifisch ausgebildetes Personal eingestellt. Auch die Zahl der Schulbibliotheken selber ist im Schwinden. Es ist eine Erinnerung daran, dass Professionalisierungsstrategien von Verbänden auch nicht funktionieren können. (ks)

Young, Alyssa (2021). A Librarian and Biochemist’s Experience Building a Collaborative Partnership in the Classroom and Beyond. In: Issues in Science and Technology Librarianship 31 (2021) 98, https://doi.org/10.29173/istl2596

In diesem kurzen Hands-on Text wird berichtet, wie aus einer einfachen Anfrage eines Forschenden um Unterstützung für seine Lehre durch aufmerksames Zuhören und kontinuierliches Zusammenarbeiten eine starke Verbindung zwischen einer Bibliothekarin und diesem Forschenden entstand. Inhaltlich ist das vielleicht nicht sehr aufregend, aber es ist eine Erinnerung daran, dass die Etablierung solcher Partnerschaften kontinuierliche Arbeit von beiden Seiten bedeutet. (ks)


Saleem, Qurat Ul Ain ; Ali, Amna Farzand ; Ashiq, Murtaza ; Rehman, Shafiq Ur (2021). Workplace harassment in university libraries: A qualitative study of female Library and Information Science (LIS) professionals in Pakistan. In: The Journal of Academic Librarianship 47 (2021) 6: 102464, https://doi.org/10.1016/j.acalib.2021.102464

Diese Studie, die auf Interviews basiert, zeigt, dass auch in Pakistan Frauen im Bibliothekswesen einem hohen Mass an Belästigung – sowohl verbal als auch physisch – ausgesetzt sind. Die Autor*innen betonen dabei, dass über das Thema weithin geschwiegen wird und es zum Beispiel schwer war, überhaupt Frauen zu finden, die sich befragen liessen. Zudem zeigen sie, dass Gesetze gegen Belästigung alleine das Problem nicht lösen, sondern solche – so ihre Interpretation – erst einmal bekannt sein müssen und dann ihre Einhaltung auch eingefordert werden muss.

Der Artikel gibt, neben dem Einblick in die Situation in Pakistan – oder, genauer, Lahore – auch eine Übersicht zum Kenntnisstand an sich. Auch dieser ist ernüchternd: Das Problem Belästigung am Arbeitsplatz wird zwar international immer wieder benannt, aber ist deshalb noch nirgendwo verschwunden, auch nicht im Bibliothekswesen. (ks)


Hanell, Fredrik ; Ahlryd, Sara (2021). Information work of hospital librarians: Making the invisible visible. In: Journal of Librarianship and Information Science (Online First), https://doi.org/10.1177/09610006211063202

Die Studie untersucht anhand von drei Krankenhausbibliotheken in Schweden, welche Arbeit der Bibliotheken für das medizinische Personal unsichtbar ist und wie Bibliotheken strukturell sowie im Alltag versuchen, diese sichtbar zu machen. Dazu wurden sowohl Interviews mit Bibliotheksleitungen und Bibliothekar*innen durchgeführt als auch der Alltag beobachtet. Interessant ist dies, weil in Schweden grundsätzlich auf Evidence Based Medicine gesetzt wird – also alle medizinischen Entscheidungen auf dem jeweils bestmöglichen wissenschaftlichen Wissen und Daten aufbauen sollen. Deshalb könnte man erwarten, dass die Bibliotheken – deren Aufgabe es ist, dies zu unterstützen – regelmässig vom Krankenhauspersonal benutzt werden. Das ist nicht der Fall.

Hanell und Ahlryd können zeigen, dass auch in diesen Bibliotheken – wie sich schon in früheren Studien zeigte – der Grossteil der Arbeit der Bibliothekar*innen für das medizinische Personal nicht sichtbar ist. Bibliotheken versuchen, dem entgegenzuwirken, indem sie ständig Kontakte pflegen, versuchen, zu beraten und Angebote zu machen. Erfolgreich sind sie damit in bestimmten Zusammenhängen, vor allem, wenn sie die eigenen Kompetenzen bei der Recherche und Projektmanagement herausstellen. (ks)

2.4 Forschungsdatenmanagement und Data Librarianship

Ziegler, Sophia ; Powell Duncan, Leah ; Costello, Gina (2021). Editors’ Introduction. In: Journal of Critical Digital Librarianship 1 (2021) 1: 1–4, https://digitalcommons.lsu.edu/jcdl/vol1/iss1/1

Berry, Dorothy (2021). Centering the Margins in Digital Project Planning. In: Journal of Critical Digital Librarianship 1 (2021) 1: 15–22, https://digitalcommons.lsu.edu/jcdl/vol1/iss1/3

Wernimont, Jacqueline (2021). Listening, Care, and Collections as Data. In: Journal of Critical Digital Librarianship 1 (2021) 1: 23–42, https://digitalcommons.lsu.edu/jcdl/vol1/iss1/4

Torres, Alejandra (2021). Using Digital Libraries to Engage the Whole Student: Culturally Sustaining Pedagogies, Trauma-Informed Classrooms, and Project-Based Learning. In: Journal of Critical Digital Librarianship 1 (2021) 1: 43–55, https://digitalcommons.lsu.edu/jcdl/vol1/iss1/5

Das Journal of Critical Digital Librarianship ist eine neue OA-Zeitschrift, deren Programm im Titel angegeben ist. Critical heisst im US-amerikanischen Kontext jede Theorie, welche über gesellschaftliche Strukturen, deren Reproduktion und Auswirkung nachdenkt. Dies kann sich auf rassistische, sexistische, ökonomische aber auch weitere Strukturen beziehen, welche ein Auswirkung darauf haben, wie in der Gesellschaft Ressourcen, Chancen und Handlungsmöglichkeiten verteilt sind. Im Journal sollen nun Beiträge erscheinen, welche dieses Nachdenken über Strukturen auf Bibliotheken und deren digitale Angebote übertragen. Die drei Herausgeberinnen betonen in ihrem Editorial, dass für die kritische Bearbeitung dieser Themen auch schon andere bibliothekarische Zeitschriften zur Verfügung stehen, sie aber einen Ort bieten möchten, an dem auf das digitale Bibliothekswesen fokussiert werden kann.

Die Beiträge in der ersten Ausgabe sind allesamt direkt eingeladen worden (beziehungsweise ein Interview) und berichten direkt aus der bibliothekarischen Praxis. Insoweit lässt sich aus ihnen noch nicht schliessen, was an Themen sich in Zukunft etablieren wird. Gemeinsam ist ihnen aber bisher allen, dass sie betonen, dass auch die digitalen Angebote von Bibliotheken nicht in einem Raum frei von Strukturen entstehen würden, sondern das Ergebnis von zahlreichen Entscheidungen sind, welche gerade durch die genannten Strukturen geprägt waren und sind. Die Auswirkungen dieser Strukturen – beispielsweise dazu, was gesammelt, digitalisiert oder wie bearbeitet wird – haben längerfristige Wirkung und können zum Beispiel wieder dazu beitragen, Strukturen zu reproduzieren. Es gäbe keine einfache Lösung, sondern es gälte, Veränderung langfristig zu denken und umzusetzen sowie emphatisch am Verstehen und dann Auflösen der kritisierten Strukturen zu arbeiten. (ks)


Currie, Amy ; Kilbride, William (2021). FAIR Forever? Accountabilities and Responsibilities in the Preservation of Research Data. In: International Journal of Digital Curation 16 (2021) 1: 1–16, https://doi.org/10.2218/ijdc.v16i1.768

Auch wenn dieses Paper wie eine Studie daherkommt, sollte es eher als Policy Paper verstanden werden. Eine Arbeitsgruppe der European Open Science Cloud formuliert hier, basierend auf Interviews, Fokusgruppen und der Lektüre relevanter Dokumente, Forderungen im Bezug auf den Umgang mit Forschungsdaten. Grundsätzlich geht es darum, die Einhaltung der FAIR-Prinzipien auch für die Langzeitarchivierung einzufordern und nicht nur für den Projektzeitraum. Hierfür müssten Infrastrukturen und Personal zur Verfügung gestellt werden.

Das ist bestimmt richtig, aber selbstverständlich ist die European Open Science Cloud auch selber die Einrichtung, welche für die beteiligten Länder genau dies ermöglichen soll. Insoweit scheint das Papier vor allem der Produktion von Argumenten und eines Arbeitsplanes für die Cloud darzustellen. (ks)


Rod, Alisa B. ; Isuster, Marcela Y. ; Chandler, Martin (2021). Love Data Week in the time of COVID-19: A content analysis of Love Data Week 2021 events. In: The Journal of Academic Librarianship 47 (2021): 102449, https://doi.org/10.1016/j.acalib.2021.102449

Angetrieben von der Frage, wie Wissenschaftliche Bibliotheken (potentiell) weltweit die je im Februar um den Valentinstag herum durchgeführte «Love Data Week» – in welcher vor allem Hochschulbibliotheken versuchen, auf Angebote und Fragen rund um das Forschungsdatenmanagement aufmerksam zu machen – während der COVID-19 Pandemie angingen, sammelten die Autor*innen von möglichst vielen Homepages Angaben dazu und werteten sie mittels mehrfacher Durchgänge der inhaltlichen Codierung aus. Selbstverständlich sind die Ergebnisse darauf beschränkt, welche Beiträge sie überhaupt fanden und vielleicht auch, welche sie sprachlich verstehen konnten. (Aus dem DACH-Raum finden sich in den Daten die HU Berlin und die EPFL Lausanne. Hochschulen aus anderen Sprachräumen als Englisch, Französisch, Deutsch fanden sich nicht.)

Die Ergebnisse zeigen zum Ersten, eine Liste von Themen, welche angesprochen wurden und zum Zweiten, eine Liste der Formen von Veranstaltungen. Es gab eine Diversität von Themen und Angeboten, aber auch klare Tendenzen. Wenig überraschend ist wohl, dass es möglich war, Veranstaltungen Online anzubieten. Die meisten Veranstaltungen beschäftigten sich mit «Product/Service Awareness» (22.73 %) und «Research Data Management» (19.83 %) im Allgemeinen. Weiterhin ging es auch oft um spezifische Tools. Auch wurden vor allem Workshops durchgeführt (57.9 %). Selbst wenn die Autor*innen es etwas anders darstellen, drängt sich doch der Eindruck auf, dass die «Love Data Week» vor allem eine Marketing-Veranstaltung ist, in der Bibliotheken vorstellen, was sie an Angeboten aufgebaut haben. (Was grundsätzlich nicht zu kritisieren ist.) Anderes kommt zwar vor – beispielsweise die Themen «Data for Black Lives», «Indigenous Data» oder «Data Feminism» –, aber immer nur am Rand. (ks)


Bishop, Bradley Wade (2022). Data Services Librarians’ Responsibilities and Perspectives on Research Data Management. In: Journal of eScience Librarianship 11 (2022) 1: e1226, https://doi.org/10.7191/jeslib.2022.1226

Forschungsdatenmanagement und dazugehörige Services liegen seit einigen Jahren im Aufgabengebiet einer wachsenden Anzahl von Bibliotheken. Die Interviewstudie, von welcher in diesem Text berichtet wird, versuchte zu erfassen, was dies in der tatsächlichen Arbeit von Bibliotheken bedeutet. Befragt wurden zehn Bibliothekar*innen an grossen Hochschulbibliotheken in den USA, welche in diesem Bereich arbeiten. Dargestellt werden die Ergebnisse fast direkt verbatim, also auch ohne grosse Interpretation.

Die Autorin zeigt, dass in der Literatur eine ganze Reihe von Aufgaben angedacht werden, welche für Bibliotheken möglich wären. In der Realität finden sich aber vor allem Training, Beratung und Outreach, die Review von Research-Data-Management-Plänen und die Lokalisierung von schon vorhandenen Daten für Forschende. Data Curation, der Betrieb von Repositories oder gar die Arbeit (Analyse, Visualisierung) von Daten passiert kaum. Keine der befragten Bibliothekar*innen hat eine Ausbildung für ihre Arbeit genossen, sondern sich das notwendige Wissen während der Arbeit angeeignet. Weiterhin betont die Autorin, dass es sich bei den Befragten um Angehörige grosser und damit ressourcenstarker Einrichtungen handelt. Für kleinere Einrichtungen wären die Spielräume und damit wohl auch die tatsächlich möglichen Services geringer. (ks)

3. Monographien und Buchkapitel

3.1 Vermischte Themen

Magerski, Christine ; Karpenstein-Eßbach, Christa (2019). Literatursoziologie: Grundlagen, Problemstellungen und Theorien. [Lehrbuch] Wiesbaden: Springer VS [gedruckt]

Literatursoziologie wird in diesem Überblickswerk vor allem als Soziologie der Literatur verstanden, also der konkreten, publizierten Literatur und ihrer Beziehungen zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Fragen der Institutionalisierung von Einrichtungen im Literaturbetrieb oder ‒ was Bibliothekar*innen wohl eher interessieren würde ‒ der Verbindung von ästhetischen Urteilen und sozialen Schichten ‒ ergo: Wer liest was wofür? Wer bewertet Literatur wie und was hat dies mit der sozialen Position dieser Person zu tun? ‒ sind dabei nur Unterthemen, welche jeweils in einem Kapitel verhandelt werden.

Das Buch liefert eine Übersicht dazu, was an Literatur soziologisch angegangen werden kann und auch schon angegangen wurde. Es liefert keine konkreten Daten, die man sich vielleicht erhoffen würde, sondern vor allem Forschungsfragen. Gezeigt wird, dass die Literatursoziologie in Wellen betrieben wurde, vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts und in den 1970er Jahren. Aktuell befindet sie sich nicht in einer Hochphase.

Irritierend an dem Buch ist, dass es explizit als Lehrbuch bezeichnet wird, aber eher einen Fliesstext darstellt. Man würde von Lehrbüchern eher klare Einführungen, Modelle und so weiter erwarten, die auch schrittweise durchgearbeitet werden könnten. Das ist hier nicht der Fall. Man merkt auch das Herkommen der Autorinnen aus der Literaturwissenschaft: Wie in dieser werden immer wieder Romane oder andere literarische Texte als Beispiele herangezogen, aber mit dem Verständnis, dass diese den Leser*innen schon bekannt wären oder halt nachgelesen werden. Und letztlich ist die Literatursoziologie, die hier präsentiert wird, vor allem die aus dem deutschsprachigen Raum. Ausser dann, wenn es sich nicht umgehen lässt, werden nur Autor*innen aus diesem Sprachraum angeführt. (ks)


Cello, Serena (2019). La littérature des banlieues. Un engagement littéraire contemporain. Canterano: Aracne editrice [gedruckt]

Die Banlieues ‒ also die von Hochhäusern geprägten, verkehrstechnisch und sozial schlecht angebundenen Wohngebiete am Rand französischer Grossstädte ‒ sind ein Ort sozialer Imagination der französischen Gesellschaft, die diese als nationale Spielart von US-amerikanischer Ghettos wahrnimmt, inklusive der Ausprägung eigener Kulturen und Lebensweisen der dort Lebenden und gleichzeitig aber auch ein Ort, an dem Menschen leben. Oft sozial ausgegrenzte. Und sie sind selbstverständlich ein Ort, an dem Literatur oder andere Formen von Kultur ‒ gerne wird, unter anderem in dieser Studie, der französische Rap angeführt ‒ produziert wird.

Die kurze, unterhaltsam zu lesende Studie von Cello nimmt zwölf Romane, die von Schriftsteller*innen aus Banlieues stammen, zudem in diesen spielen und alle im Jahr 2006 erschienen, zur Basis, um zu fragen, was diese gemeinsam auszeichnet, aber auch wie sie in der französischen Literatur und Gesellschaft zu verorten sind. Cello zeigt, dass die eigenen linguistischen Formen, die sich im Leben im Banlieu entwickelt haben, genauso wie der konkrete Lebensort Banlieu, sich in den Romanen widerspiegeln. Allerdings immer in direktem Bezug zur französischen Gesellschaft. Die linguistischen Formen sind von den Sprachen geprägt, die bei der Migration der Elterngeneration nach Frankreich mitgebracht wurden, aber auch von den Soziolekten der französischen Unterschichten der letzten Jahrhunderte (argot), der französischen Jugendsprache (vor allem dem verlan) und der digitalen Kommunikation. Der Lebensort Banlieu ist davon geprägt, dass die dort lebende Bevölkerung anderswo ausgegrenzt ist, aber im Banlieu ihren eigenen Ort findet, den sie eigenständig gestaltet.

Das Gleiche zeigt Cello für die Romane und der Wahrnehmung derselben in der französischen Kultur: Sie sind zum Beispiel selber geprägt von Romanen von Schriftsteller*innen, die in den 1990er Jahren das Leben von Migrant*innen in Frankreich zeigten, obgleich die Schreibenden der neuen Welle, die Cello untersucht, fast keine eigenen Migrationserfahrungen haben, sondern seit ihrer Geburt in Frankreich leben. Die Interpretation der Romane geschieht zudem immer unter dem Blickwinkel der engagierten französischen Literatur. Kurz gesagt: In gewisser Weise werden sie immer anhand des Rahmens interpretiert, den zum Beispiel Zola oder Sartre etabliert haben ‒ aber die Schriftsteller*innen verorten sich auch selber in diesem Rahmen, weil sie halt trotz aller Ausgrenzungen und intellektuellen Grenzziehungen, Teil der französischen Gesellschaft sind. (ks)


Stachokas, George (2020). The Role of the Electronic Resources Librarian. (Chandos Information Professional Series) Cambridge ; Kidlington: Chandos [gedruckt]

Charakteristisch für Bücher, welche in dieser Reihe erscheinen, ist, dass die Buchtitel und Abstracts oft etwas anderes versprechen, als dann wirklich Hauptthema der Publikation ist. So auch bei diesem: Vermuten könnten man, dass es hauptsächlich darum geht, zu bestimmen, was Electronic Resources Librarians tun und welche Funktion sie in ihren Einrichtungen haben. Das wird aber nur im letzten Kapitel mittels einer Auswertung von öffentlich zugänglichen Job- und Aufgabenbeschreibungen angegangen. Hauptsächlich ist das Buch eine Darstellung der Entwicklung wie Wissenschaftliche Bibliotheken in den USA seit den 1990er Jahren elektronische Medien im Bestandsmanagement behandelt haben. Das Buch beginnt mit Datenbanken, sowohl auf CD-Rom als auch elektronisch vermittelt, und endet bei Online-Datenbanken, E-Books und elektronischen Zeitschriften.

Der Aufbau ist dabei chronologisch. Es geht nicht um die Technikentwicklung per se, auch wenn diese mit dargestellt wird, sondern darum, wie Bibliotheken die Aufgaben, die sich für sie mit diesen Medien stellten, umgingen. Der Autor hat dabei einen recht fatalistischen Blick: Er beschreibt die Entwicklung, wie sie sich bis heute ergeben hat, als folgerichtig und alle Diskussionen, Abweichungen, anderen Versuche von Bibliotheken, mit diesen Medien umzugehen ‒ die eigentlich in ihrer jeweiligen Zeit ihre Berechtigung hatten ‒ als fehlgeleitet. Ausserdem ist er, wie er auch selber erwähnt, auf die USA fokussiert. Der Text besteht auch zu grossen Teilen darin, dass der Autor die seiner Meinung nach wichtigen Entwicklungen in der jeweiligen Zeit zusammenfasst und dann lange Daten aus jeweils zeitgenössischen Artikeln aus der bibliothekarischen Fachliteratur anführt. Das ist nicht immer hilfreich, weil nicht klar ist, was die prozent-genauen Angaben aus alten Umfragen oder die Preisangaben aus anderen Jahrzehnten zum Verständnis des Themas beitragen. Es ist nie klar ersichtlich, warum der Autor bestimmte ältere Texte ausgewählt hat, um sie darzustellen. Er verortet sie auch nicht in der jeweiligen Diskussion.

Und dennoch hat das Buch seine interessanten Seiten. Es zeigt, dass die Technikentwicklung immer mit einer Entwicklung der Aufgaben von Bibliotheken, aber auch der internen Struktur von Bibliotheken verbunden ist. Oft wurden erst besondere Abteilungen oder Einzelstellen für die Handhabung bestimmter Medien geschaffen, um diese dann später in grössere Abteilungen zu integrieren. (ks)


Bardola, Nicola ; Hauck, Stefan ; Jandrlic, Mladen ; Rak, ALexandra ; Schäfer, Christoph ; Schweikart, Ralf (2020). Wie Kinder Bücher lesen. Mehr als ein Wegweiser. Hamburg: Carlsen Verlag [gedruckt]

Zugegeben, als der Rezensent die Fernleihbestellung für dieses Buch aufgab, hoffte er darauf, eine einfach geschriebene Übersicht zum Stand der Forschung über das Lesen von Kindern zu erhalten. Beim ersten Blick auf das gelieferte Buch war dann klar, dass es das nicht ist. Schon der Aufbau des Textes, das Layout (viele kurze Abschnitte, viele Überschriften, viele kurze Einschübe, alles sehr bunt) und die durchgängig im ganzen Buch vorhandenen Illustrationen (von Regina Kehn) vermitteln eher den Eindruck eines Jugendsachbuchs.

Aber auch das ist es nicht. Es ist ein schlechtes Buch und wenn es tatsächlich den Stand der Leseforschung und anderer Schriften zum Lesen von Kindern im DACH-Raum darstellt, dann wäre in diesem Bereich einiges zu verbessern. So ist zum Beispiel nie klar, an wen sich das Buch richtet: Mal geht es in einer Übersicht darum, wie ein Kinderbuch gestaltet sein soll oder wie Verlage Reihen planen ‒ aber es richtet sich nicht an Verlage. Mal geht es darum, welche Kinder- und Jugendbuchreihen existieren ‒ aber es richtet sich auch nicht wirklich an Buchhändler*innen oder Bibliothekar*innen. Mal wird darüber gesprochen, was Eltern tun sollten ‒ aber es richtet sich auch nicht an Eltern. Und oft werden irgendwelche Bonmots über das Lesen oder kleine Geschichten zusammengetragen. Wozu, wird nie klar. Und das alles, wie gesagt, in einem Stil wie ein Jugendsachbuch ‒ aber an Jugendliche richtet es sich auch nicht.

Zudem ist das Buch inhaltlich unausgewogen und oft auch widersprüchlich. Beispielsweise wird das Lesen an elektronischen Geräten teilweise regelrecht verteufelt. Ausser, wenn sie als innovativ bezeichnet werden können. Es wird an sich viel gegen Handys gesagt, aber die Daten über die Mediennutzung, die am Anfang des Buches ‒ illustriert ‒ zitiert werden, zeigen, dass das Fernsehen das Medium Nummer eins für Kinder und Jugendliche ist und das auch noch mehr Medien genutzt werden. Das interessiert das ganze Buch über nie. Zudem haben die Autor*innen auch fast das gesamte Buch über eine Fixierung darauf, zu behaupten, dass es einen Trend dazu gäbe, geschlechtlich diverse Medienangebote zu machen, aber dass dies falsch wäre, weil angeblich Jungen Jungen und Mädchen Mädchen sein wollen und das halt so sei. An sich besteht das Buch aus vielen Behauptungen, die selten überhaupt begründet werden. Negativ fällt auch auf, wie oft behauptet wird, die Leseforschung würde dieses oder jenes sagen, aber dann Buchhändler*innen oder Autor*innen namentlich als Expert*innen für das Lesen von Kindern (was ja gar nicht ihr direkter Fokus ist) interviewt werden, als wäre das strukturiert erarbeitete Wissen der Forschung weniger relevant als das der Personen, die ja Bücher auch verkaufen müssen.

Das ganze Buch vermittelt den Eindruck, als wären die Autor*innen irgendwie gedrängt, alles mögliche zum Thema loswerden zu wollen ‒ aber immer eher gefühlt, als irgendwie inhaltlich untermauert. Alle Zitate oder Fakten, die angeführt werden, erscheinen so auch nur danach ausgesucht, dass sie die Aussagen der Autor*innen unterstützen. Wirklich etwas über das Lesen von Kindern ‒ ein Thema, dass für Bibliotheken relevant wäre ‒ erfährt man hier nicht. (ks)


Wilson, Robert ; Mitchell, James (2021). Open Source Library Systems: A Guide. Lanham ; Boulder ; New York ; London: Rowman & Littlefield. [gedruckt]

Das Buch ist eine kurze Darstellung existierender Open Source Software, welche (grösstenteils) speziell für den Einsatz in Bibliotheken gedacht sind. Die Software wird jeweils dargestellt anhand ihrer Geschichte, der Einsatzmöglichkeiten und zum Teil auch der Community um diese Software. Wenn vorhanden, werden auch Anbieter vorgestellt, welche die jeweilige Software für Bibliotheken hosten. Einige kurze Interviews mit Aktiven aus den Communities ergänzen diese Darstellungen. Mit Kapiteln zu ILS; Digital Repositories, Discovery Systems, Resource Sharing (Fernleihe) und Electronic Resource Management deckt das Buch auch die gängigsten Bereiche des Bibliotheks- und Bestandsmanagements ab. Eingerahmt ist dies in einer kurzen Darstellung der Entwicklung von Open Source Software und einem Aufruf der Autoren, in Bibliotheken mehr davon einzusetzen. Sie gehen auch auf Argumente ein, die in Bibliotheken gegen diesen Einsatz vorgebracht werden und liefern Gegenargumente.

Während das alles sympathisch ist, darf das Buch nicht als vollständige Sammlung verstanden werden. Es ist immer ein US-spezifischer Blick, der im europäischen Raum wohl ergänzt werden müsste. Das französische Open Source ILS PMB kommt zum Beispiel genauso wenig vor, wie das schweizerische Rero ILS. Das heisst nicht, dass die Autoren nicht auch Beispiele von ausserhalb der USA anführen oder Engagierte aus anderen Ländern interviewen würden. Aber eine Software muss in den USA eingesetzt werden, um für sie relevant zu sein. Zudem könnte man selbstverständlich weitere Kategorien an Software ergänzen, die in einigen Bibliotheken genutzt wird, beispielsweise solche für statistische und bibliometrische Analysen. (ks)


Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.) (2021). Katholische Büchereiarbeit. Selbstverständnis und Engagement. (Arbeitshilfen, 324) Bonn: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, https://www.dbk-shop.de/media/files_public/d9d2895a238a6c5d03453dc849c201d6/DBK_5324.pdf

Die Arbeit der katholischen Büchereien in Deutschland geschieht oft relativ unbeachtet neben dem Öffentlichen Bibliothekswesen. Die Büchereien nehmen an der Bibliotheksstatistik teil und übernehmen auch im Auftrag von Gemeinden die Aufgaben Öffentlicher Bibliotheken, aber daneben haben sie mit dem Borromäusverein und dem Sankt Michaelsbund, deren Publikationen, Aus- und Weiterbildungen, Besprechungsdienst und Fachstellen bei den Erzbistümern, ihre eigenen Strukturen. Historisch entstanden in der Zeit des Kirchenkampfes, stellen sie heute eine Seite der kirchlichen Arbeit dar und sind personell getragen von Ehrenamtlichen.

Das Papier gibt als aktuellste Stellungnahme der Bischofskonferenz zu diesem Bereich einen kurzen Überblick der Arbeit dieser Büchereien. Es ist weniger Handreichung, als vielmehr eine Wertschätzung der Büchereien durch die Bischofskonferenz. Sie werden zuerst in den Rahmen einer sich als offen und modern verstehenden Kirche im Rahmen der Gedanken des Zweiten Vatikanischen Konzils gestellt und anschliessend in ihrer Arbeit beschrieben. Sie werden dabei als Teil der Bildungsarbeit verstanden, welche aus dem Verkündigungsauftrag der Bibel und dem Streben nach dem Erhalt der Schöpfung, wie er im Zweiten Vatikanischen Konzil als Aufgabe der Kirche bestimmt wurde. Für Nichtkatholik*innen ist das Papier auch ein kurzer Einblick in eine gewisse Subkultur. Die Darstellung der Aufgaben der Büchereien ist eingebunden in eine Deutung der Gesellschaft als ständig in rasanter, potentiell gefährlicher Veränderung begriffen. In dieser Gesellschaft würde an festen Strukturen fehlen, Individualisierung wäre überall vorherrschend und in gewisser Weise auch bedrohlich. Die Kirche und die Büchereien würden demgegenüber helfen, Halt zu finden. Es ist eine leicht befremdliche Sicht auf die Gesellschaft und auf die Kirche selber, obgleich die geleistete Arbeit der Büchereien, die im Dokument ebenfalls beschrieben wird, beachtlich ist. (ks)


Soulas, Christine (dir.) (2017). (Ré)aménager une bibliothèque. (La boîte à outils, 42) Villeurbanne Cedex: Presse de l’Enssib. [gedruckt]

Die Reihe, in der dieses Buch erschienen ist, will Bibliotheken in Frankreich praktische Handreichungen für die konkrete Bibliotheksarbeit zur Verfügung stellen. Hier, in diesem Band, geht es vor allem um das Einrichten und den Umbau von Innenräumen, oft anhand konkreter Beispiele. Teilweise wird besprochen, wie man Möbel ausgewählt, Planungsprozesse mit Architekt*innen und der Bürokratie (inklusive der gesetzlichen Grundlagen, was das Buch spezifisch französisch macht, da diese selbstverständlich anderswo so nicht gelten) werden dargestellt, aber auch Überlegungen dazu, wie Nutzer*innen einbezogen werden können. Nicht immer scheinen die einzelnen Themen zu den kurzen Darstellungen (keine mehr als zehn A5-Seiten) zu passen. Ein wenig irritierend ist auch, dass das Buch ‒ wohl, weil dies dem Layout der Reihe folgt ‒ bei diesem Thema fast gänzlich ohne Illustrationen oder Skizzen auskommt.

Interessant für den DACH-Raum ist das Buch wegen der Unterschiede. Vieles, was man von so einem Buch erwarten würde, findet sich auch hier. Der Dritte Ort wird besprochen, Formen der Einbeziehung von Nutzer*innen, die Notwendigkeit mit Architekt*innen zusammenzuarbeiten. Aber nicht unbedingt so prominent, wie das im DACH-Raum passieren würde. Was als Thema hervorsticht, ist einerseits ein Fokus auf das Lesen, die Leseförderung und den Kampf gegen den Analphabetismus (lutte contre l’illettrisme). Und andererseits, aber damit zusammenhängend, ein Fokus auf die Frage, wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, gerade Ausgegrenzte, erreicht werden können. (ks)


Pyne, Lydia (2021). Postcards. The rise and fall of the world’s first social network. London: Reaktion Books [gedruckt]

In ihrer sehr empfehlenswerten Auseinandersetzung mit der Geschichte der Post- und Ansichtskartenkultur widmet sich Lydia Pyne auch der Ansichtskartensammlung der New York Public Library (S. 174–186). Sie ist Teil der Bildersammlung des Hauses, die wiederum 1915, also in der Noch-Hochphase des Mediums (golden age of postcards) begründet wurde. Interessanterweise kann man sich einzelne Karten wie auch andere Medieneinheiten entleihen. Gebrauch machen davon offenbar besonders gern Studierende aus dem Bereich Mode und Design. Außerdem schauen zufällige Besucher*innen der Bibliothek gern in die Schubladen, in denen sich die Karten grob geographisch sortiert finden und suchen, ausnahmslos, wie die die leitende Bibliothekarin Jessica Cline zitiert wird, sofort nach Karten aus ihren Herkunftsorten. Der Bestandsaufbau erfolgt allerdings nicht sonderlich systematisch, sondern beruht vorwiegend auf Spenden von Sammelnden und von Mitarbeitenden des Hauses, die von Reisen und Ausflügen Karten für die Sammlung mitbringen. Lydia Pyne integriert diese Bibliotheksepisode in die Auseinandersetzung mit der Rolle von Ansichtskarten als Zeugnis geopolitischer Verschiebungen. Das macht sich auch bei klassifikatorischer Erschließung und Präsentation der Ansichtskarten in der Bibliothek bemerkbar, wie die Autorin am Beispiel der Herausforderung einer eindeutigen Einordnung von Karten mit Motiven der Krim beschreibt. Ähnliches gilt für sich ändernde Benennungen, wie Lydia Pyne am Beispiel Sri Lanka ausführt. Aus Sicht der Philokartie und der Kommunikationsphilosophie ist ein weiterer von ihr ausgeführter Gedanke ebenfalls interessant: die einst postalisch zirkulierenden Karten werden über die Verfügbarmachung im Bibliotheksbestand in potentiell unendliche weitere Zirkulationsprozesse eingespeist. (bk)


Robertson, Guy (2021). Disaster planning for special libraries. Oxford: Chandos Publishing [gedruckt]

Während es schon viele gute Publikationen zum Thema Notfallplanung in Bibliotheken gibt, so gehen doch die wenigsten davon auf die speziellen Bedürfnisse und Umstände von Spezialbibliotheken ein. Die Publikation von Guy Robertson schließt diese Lücke sehr gut. Er verbindet die Belange und Situation der Spezialbibliothek immer mit der oft vorhandenen übergeordneten Einrichtung (sei es Firma, Museum, Verband oder ähnliches) und thematisiert auch Kommunikationsstrategien, Synergien und mögliche Problemstellen dieser Konstellation.

Insgesamt fokussiert sich das Werk klar auf die im Titel angesprochene Planung. Es werden also nicht die besten Behandlungsmöglichkeiten bei Wasserschäden erläutert oder Methoden der Entschimmelung verglichen. Vielmehr liegt die Intention ganz klar auf dem organisatorischen Planungsprozess. Hier wird Wert auf ein strukturiertes Vorgehen und umfassende vorbeugende Maßnahmen gelegt, die auch Situationen umfassen, die man im ersten Moment vielleicht nicht mit speziell bibliothekarischer Notfallplanung verbindet – wie etwa Diebstähle, Datenverlust, Stromausfall oder der längerfristige Ausfall von Kernpersonal.

Positiv fällt auch auf, dass die einzelnen Themen oft mit Zitaten aus der Praxis ergänzt werden, womit trockene Theorie anschaulicher wird. Außerdem werden ausgiebig emotionale Reaktionen der Beteiligten diskutiert, die die Handlungsfähigkeit im Ernstfall oder auch im Nachgang eines Notfalls beeinträchtigen können. Bibliothekar*innen sind nunmal keine Roboter, die immer ohne zu zögern und strickt nach Notfallplan handeln.
An so mancher Stelle würde man sich etwas mehr kapitelübergreifende Struktur oder verbindende Elemente im Text wünschen. Auch die Detailtiefe variiert manchmal an etwas unerwarteten Stellen. Die gewählten Beispiele haben in der Gänze einen durchaus angloamerikanischen Charakter und sind nicht immer auf DACH-Gegebenheiten anwendbar – dies liegt aber auch in der Natur von Spezialbibliotheken, die ja einfach sehr heterogen gestaltet sind. Insgesamt ist es also ein durchaus nützliches Buch, das viele Fragen aufwirft, die man im eigenen Planungsprozess zu beantworten suchen muss. (eb)


Zakaria, Rafia (2022). Against white Feminism. Wie weisser Feminismus Gleichberechtigung verhindert. München: Hanserblau [gedruckt]
Das Buch Against white Feminism kann als Streitschrift für den Feminismus und seine umwälzende Kraft gelesen werden. Rafia Zakaria geht es darum, mit dem Mythos des weissen Feminismus als Ursprung, Treiber und alleiniger Kampf von Feminist*innen aus dem globalen Norden aufzuräumen. Sie macht klar, dass der weisse Feminismus nicht unbedingt (aber meistens) etwas mit der Hautfarbe der Protagonist*innen zu tun hat, sondern damit wie Feminismus definiert wird, welche Personen durch ihn sichtbar oder unsichtbar gemacht werden und wen er voranbringt. Weisser Feminismus ist, laut Zakaria, ein Feminismus, der nur wenigen Individuen zugute kommt (meistens hochgebildete, weisse Frauen aus der oberen Mittelschicht) und diese auf der beruflichen Karriereleiter nach oben steigen lässt. Dabei wird nicht darauf geachtet, dass sich für die Mehrheit der Frauen und anderen marginalisierten Gruppen nichts ändert und dass das patriarchale System auf diese Art weiter gestützt wird. Rafia Zakaria zeigt auf, in wie vielen Teilen der Welt gleichzeitig zum weissen Feminismus (oder schon davor), Frauen und Verbündete für ihre Anliegen gekämpft und feministische Konzepte entwickelt haben. Diese wurden aber von dem weissen Feminismus entweder ignoriert, absorbiert oder sogar bekämpft. Die Autorin zeigt in ihrem Buch die vielschichtigen und unterschiedlichen Gruppen, die sich der feministischen Bewegung verschrieben haben und fordert dazu auf, die Unterschiede sowie die Gemeinsamkeiten anzuerkennen und so die Grundlage zu schaffen weisse Machtstrukturen zu demontieren. Es sollen Räume geschaffen werden, in denen alle zusammenkommen können, um zu diskutieren, sich auszutauschen und um sich auf das gemeinsame Ziel zu besinnen, der Kampf für die Gerechtigkeit für Alle. (sj)

3.2 Bibliotheksgeschichte

Manley, Keith A. (2018). Irish Reading Societies and Circulating Libraries founded before 1825. Useful knowledge and agreeable entertainment. Dublin: Four Courts Press [gedruckt]

Wie im Titel angegeben, geht es in diesem Buch um Bibliotheken, die bis 1825 in Irland gegründet und betrieben wurden, also bevor sich die Idee etablierte, dass Öffentliche Bibliotheken steuerfinanziert sein und professionell betrieben werden sollten. Es beginnt mit der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Für Personen, die sich mit der irischen Geschichte auskennen, ist ersichtlich, dass es sich dabei um formative Jahrzehnte handelte. Das Entstehen der katholisch-nationalistisch irischen Befreiungsbewegung fällt in diese Zeit, ebenso massive Umgestaltungen der Gesellschaft durch Industrialisierung, aber auch Auswanderungsbewegungen. Ein Problem des Buches ist, dass dieses Wissen grundsätzlich vorausgesetzt wird. Beispielsweise wird auf die Reading Societies eingegangen, aber ihre Bedeutung als Institutionen, an denen sich die Befreiungsbewegung etablierte, wird nur kurz angedeutet. So ist für Personen, die das Buch aus rein bibliotheksgeschichtlichem Interesse lesen, wenig klar, warum diese Societies zeitweise verfolgt wurden.

Neben diesem Grundwissen über irische Geschichte, das vorausgesetzt wird, stellt das Buch das Ergebnis einer offenbar jahrelangen, intensiven Recherche ‒ aus der auch weitere Arbeiten des Autors entstanden sind ‒ dar. Unzählige Hinweise auf die betreffenden Bibliotheken wurden versammelt: Hinweise und Werbeanzeigen in Zeitungen, Archivquellen, Erwähnungen in Erzählungen, Reiseberichten, privaten Briefen und so weiter. Diese sind im Anhang auch nachgewiesen.

Im Haupttext werden sie, getrennt nach verschiedenen Bibliothekstypen, dargestellt. Der Autor versucht jeweils eine übergreifende Darstellung, aber oft ist dies doch eine Nacherzählung der Quellen selber, oft mit wenig Kontext und auch abhängig davon, wie detailliert diese Quellen sind. Es werden beispielsweise häufig Geldwerte zitiert ‒ für Leihgebühren, für Buchanschaffungen und so weiter ‒, ohne dass dargelegt wird, wie viel Geld das jeweils im Vergleich zu anderen Preisen oder dem Einkommen von Personen darstellt. Teilweise werden lange Passagen aus Berichten und Briefen angeführt, teilweise sind es reine Listen von Fundstellen.

Was aber aus dem Buch zu lernen ist, ist wie vielfältig die Landschaft der Bibliotheken vor den Public Libraries war. Sowohl in ihren Zielen (beispielsweise religiöse Erziehung, Selbsterziehung, Selbsthilfe von Berufsvereinigungen, kommerzielle Ziele) als auch in ihren Organisationsformen (beispielsweise als Angebot von Buchhandlungen oder als eigenständige kommerzielle Unternehmen, als Selbsthilfevereine, als religiöse oder andere Stiftungen für die Öffentlichkeit, als philanthropische Unternehmen oder auch als Gegenstand von Beziehungsnetzwerken zwischen Einzelpersonen). Was das Buch zeigen will, ist, wie wichtig das Buch als Objekt auch vor dem 19. Jahrhundert in der irischen Gesellschaft war ‒ und das gelingt. (ks)


Zalar, Jeffrey T. (2019). Reading and Rebellion in Catholic Germany, 1770–1914. (Publications of the German Historical Institute) Cambridge ; New York ; Port Melbourne ; New Delhi ; Singapore: Cambridge University Press [gedruckt]

Bibliotheksgeschichtlich relevant ist dieses Buch, da in ihm die Geschichte des Borromäus-Vereins und der Volksbibliotheken, welche dieser Verein in Deutschland als explizit katholische gründete, erzählt und in den Zeitkontext bis zum Beginn des ersten Weltkrieges eingeordnet wird. Fokus ist aber eigentlich etwas anderes, nämlich die Versuche der katholischen Kirche und Elite, in einer Zeit des rasanten Wandels und Bedeutungsverlustes kirchlicher Institutionen eine Art Lesedisziplin aufrecht zu erhalten und dem ständigen Scheitern dieser Versuche. Sie scheitern, so der immer wieder vom Autor gemachte Punkt, weil sich die einfachen Katholik*innen nicht vorschreiben lassen, wie und was sie zu lesen hätten.

In die untersuchte Zeit fallen die moderne Leserevolution ‒ also das massive Ansteigen der Alphabetisierungsrate im 19. Jahrhundert, das Entstehen von Publikationsindustrien und neuer Medienformen wie Zeitschriften oder Broschüren sowie die Veralltäglichung des Lesens als normale Form der Freizeitbeschäftigung breiter Bevölkerungsschichten ‒ und damit die Abnahme der Möglichkeit der Kontrolle des Lesens allgemein. Die Industrialisierung, welche auch zum Anstieg der Mobilität der Bevölkerung führte und damit vormalige Strukturen untergrub sowie der Bedeutungsverlust der katholischen Strukturen durch die Säkularisierungen erst durch die napoleonische Regierung, dann den preussischen Staat und später das Deutschen Reich, fallen ebenfalls in diesen Zeitraum. Auf all dies reagierte die katholische Kirche in Deutschland unter anderem mit Versuchen, eine katholische Kultur zu behaupten. So wurden anfänglich eigene Regeln für das richtige Lesen propagiert. Später wurde auf die Behauptung protestantischer Eliten im preussischen Staat, später im Deutschen Reich, dass der Katholizismus an sich zur Rückständigkeit der Bevölkerung führen würde sowie Vorwürfe im Kulturkampf, die katholische Bevölkerung sei nicht national gesinnt (sondern auf Rom hin orientiert) versucht, mit dem Aufbau einer eigenen Kultur zu reagieren. Der Autor berichtet über diese Versuche und wie die katholische Bevölkerung, aber auch viele Pfarrer selber, darauf immer nur zum Teil so reagierten, wie von der Kirche gewünscht. Vielmehr zog diese schnell mit der restlichen Bevölkerung und deren Lesepräferenzen gleich, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen waren (beispielsweise mussten erst Schulen etabliert und, nachdem unter Napoleon und Preussen die meisten katholischen Universitäten geschlossen wurden, wieder neue Universitäten eröffnet werden). Sie unterschieden sich dann meist von vergleichbaren Personen darin, dass sie auch explizit katholische Literatur ‒ Heiligenviten, Gebetsbücher und so weiter ‒ lasen, aber halt nicht nur.

Die Bibliotheken, welche der Borromäus-Verein zuerst an den Kirchen selber etablieren und von Pfarrern betrieben wissen wollte, waren eine der wichtigsten Waffen der Kirche in diesem Kampf. So sollte das gute Buch verbreitet werden. Der Autor zeigt, dass aber auch dieser Kampf sich den wechselnden Interessen der katholischen Bevölkerung beugen musste. Anstatt nur katholische Werke anzubieten, mussten sie bald eine möglichst breite Literatur anbieten, wobei die Belletristik im Mittelpunkt des Interesses stand.

Der Autor behauptet auch mehrfach, dass andere Historiker*innen diesen Widerstand der katholischen Bevölkerung gegen die Versuche, ihr Lesen zu kontrollieren, ignoriert hätten. Allerdings zeigt er das nicht überzeugend. (ks)


Pettegree, Andrew ; Weduwen, Arthur der (2021). The Library: A Fragile History. London: Profil Books [gedruckt]

Dieses Buch tritt in gewisser Weise mit dem Versprechen an, eine umfassende Geschichte der Bibliotheken, von der Antike bis heute, zu erzählen. Darauf deuten Titel, Ausstattung, der Klappentext und auch das Vorwort hin. Gemessen daran ist es aber leider enttäuschend.

Zuerst: Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine eurozentristische, mit Fokus auf Grossbritannien und die USA sowie in Teilen der Niederlanden, Deutschland und der Schweiz. Auch scheinen, erstaunlicherweise für ein Buch aus dem 21. Jahrhundert, Geschichten und Beispiele aus protestantischen Gesellschaften denen aus katholischen gegenüber bevorzugt worden zu sein. Zum Beispiel wird teilweise detailliert auf Bibliotheken in England und Schottland eingegangen, aber nur einmal auf irische ‒ obwohl die Autoren unter anderem eine Fellowship am Trinity College, Dublin, als Teil ihrer Recherchen erwähnen und in der US-amerikanischen Version des Buches ein Bild aus dieser Bibliothek als Cover verwendet wurde. Bei Geschichten aus anderen Ländern scheint es immer wieder so, als würden nur diejenigen erwähnt, welche unumgänglich sind, wenn so eine Geschichte erzählt wird. Erschreckender für ein Buch, das eine gesamte Geschichte der Bibliotheken erzählen will, ist aber, dass Bibliotheken aus anderen als europäisch-US-amerikanischen Kulturen (mit Ausnahme einiger britischer Kolonien) praktisch nicht vorkommen. Das Buch vermittelt den Eindruck einer Geschichtsschreibung aus dem 19. Jahrhundert, bei der das eigene Land im Mittelpunkt steht, andere Kulturnationen erwähnt werden, aber der Rest der Welt praktisch als geschichtslos angesehen wird. Zudem sind es auch eher kleine Episoden, die erzählt werden. Ein richtiger roter Faden ist dabei ebenso wenig zu erkennen wie eine Methodik für die Auswahl dieser Episoden.

Was die Autoren als Geschichte erzählen wollen ist folgendes: Bibliotheken wurden immer wieder neu aufgebaut, aber gleichzeitig auch zerstört oder gingen einfach ein, weil es kein Interesse an ihnen gab. Es hätte immer Triebkräfte einzelner Personen benötigt, um Bibliotheken zu etablieren. Fehlten diese, lösten sich über die Zeit die Bibliotheken auch wieder auf. Allerdings: So überzeugend dies auf den ersten Blick scheint, ist es nicht. Die Autoren berichten eigentlich keine neuen Erkenntnisse über die Bibliotheksgeschichte, sondern tragen viel Bekanntes (und zum Teil auch schon in dieser Kolumne besprochenes) zusammen. Dabei landen sie zuletzt bei Bibliotheken, die direkt von Staaten und staatlichen Institutionen getragen werden und damit nicht mehr abhängig sind von Triebkräften einzelner Personen. Auch vorher berichten sie immer und immer wieder über Klosterbibliotheken, die geplündert oder von Staaten übernommen wurden, was aber darauf hindeutet, dass diese Bibliotheken auch nicht von einzelnen Mönchen und Nonnen aus Eigeninteresse zusammengetragen wurden, sondern – wie die Autoren selber betonen – von Institutionen, die persönliche Eigeninteressen und Leben (im Sinne von Zeiträumen, in den eine Nonne oder ein Mönch lebte) überspannen. Die Geschichte, die sie erzählen, widerlegt ihre These also selber. Was kein schlechtes Ergebnis für eine Studie wäre, wenn dies am Ende auch so gesagt würde. Stattdessen postulieren die Autoren am Ende, dass Bibliotheken auch in Zukunft als Sammlung gedruckter Bücher, trotz aller Veränderungen, Medienentwicklungen und Aufgaben, die Bibliotheken übernehmen, immer weiter bestehen oder neu gegründet werden würden.

Leider zeigen die Autoren auch nicht, wieso sie überhaupt bestimmte Beispiele oder Traditionen, über die sie berichten, ausgewählt haben und andere unerwähnt lassen. Man kann oft auch nur vermuten, warum sie bei einzelnen Themen, lokalen Geschichten oder Beispielen in die Tiefe gehen und bei anderen nicht; warum sie mal die Bibliotheksgeschichte aus einem Land erzählen und mal die aus einem anderen; warum so viele Beispiele aus protestantisch geprägten Regionen stammen und so weiter. Deshalb ist das Buch auch nicht als Überblickswerk zu empfehlen. (ks)

4. Social Media

[diesmal keine Beiträge]

5. Konferenzen, Konferenzberichte

Curdt, Constanze ; Dierkes, Jens ; Helbig, Kerstin ; Lindstädt, Birte ; Ludwig, Jens ; Neumann, Janna ; Parmaksiz, Uta (2021). Data Stewardship Im ForschungsdatenmanagementRollen, Aufgabenprofile, Einsatzgebiete: Überblick: 11. DINI/nestor Workshop, 16. und 17.11.2020. In: Bausteine Forschungsdatenmanagement 4 (2021) 3:70–81, https://doi.org/10.17192/bfdm.2021.3.8347

Dieser Tagungsbericht zu der Frage, was genau Data Stewardship in der Praxis ist, fasst die Ergebnisse der Beiträge so zusammen, dass klar wird, dass es darauf keine richtige Antwort gibt. Auf der Veranstaltung wurden Umfragen, Praxisberichte und theoretische Reflexionen vorgelegt, die in der Gesamtsicht zeigen, dass Data Stewardship zwar von verschiedenen Einrichtungen im Forschungsprozess als sinnvolle Aufgabe angesehen wird, aber die Grenzen in der konkreten Praxis verschwimmen. Es geht vor allem darum, dass Verantwortung (personell aber auch infrastrukturell) für Daten und deren nachhaltige Verfügbarkeit übernommen wird.

Der Bericht zeigt auch, dass Data Stewardship immer auch Komponenten über die konkreten Daten hinaus beinhaltet und das Bibliotheken nicht die einzigen Einrichtungen auf diesem Feld sind. (ks)

6. Populäre Medien (Zeitungen, Radio, TV etc.)

Goldstein, Richard (2022). Autherine Lucy Foster, First Black Student at U. of Alabama, Dies at 92. In: New York Times, March 03, 2022, Section A, Page 23. https://www.nytimes.com/2022/03/02/us/autherine-lucy-foster-dead.html

Am 02. März 2022 verstarb die Schwarze Lehrerin und Aktivistin Autherine Lucy Foster im Alter von 92 Jahren. Sie war 1956 die erste Schwarze Studierende in Alabama, nachdem sie sich auf einen Studienplatz eingeklagt hatte. Die Gerichtsentscheidung ließ sie zum Studium zu, untersagte ihr aber die Benutzung von Mensa und Wohnheimen. Sie hatte sich für Library Science eingeschrieben, konnte aber nur drei Tage studieren, da es zu Tumulten an der Universität kam und die Universitätsleitung Autherine Lucy daraufhin unter dem Vorwand, es sei zu ihrer eigenen Sicherheit, wieder suspendiert. Kurze Zeit später wurde sie exmatrikuliert. Die Exmatrikulation wurde erst 1988 wieder aufgehoben. Sie schrieb sich umgehend wieder ein, diesmal für Erziehungswissenschaften und schloss das Studium 1992 erfolgreich ab. Drei Wochen vor ihrem Tod, im Februar 2022, erhielt das College of Education der University of Alabama den Namen Autherine Lucy Hall. (bk)


Lee, Stephanie M. (2021). A Data Sleuth Challenged A Powerful COVID Scientist. Then He Came After Her. In: BuzzFeed.News, 18.10.2021, https://www.buzzfeednews.com/article/stephaniemlee/elisabeth-bik-didier-raoult-hydroxychloroquine-study

Beschrieben wird in diesem Artikel vor allem die Arbeit von Elisabeth Bik, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, wissenschaftliche Artikel auf Fehler und Betrug hin zu untersuchen. Das tut sie nicht, um daraus Profit zu schlagen oder Verschwörungstheorien zu unterstützen, sondern als Teil der wissenschaftlichen Kommunikation. Sie ist erfolgreich darin und trägt damit dazu bei, dass Wissenschaft an sich besser wird, da veröffentlichte Artikel, die Fehler oder plagiierte Passagen enthalten, zurückgezogen oder korrigiert werden müssen.

Das wird ihr von vielen hoch angerechnet, aber sie macht sich damit auch Feinde in der Wissenschaftscommunity. Die Reaktion eines betroffenen Forschers ist der Aufhänger des Artikels. Es wird sehr klar, dass dieser falsch liegt und, anstatt seine Fehler einzugestehen, selber eine Verschwörungstheorie kreiert. In dieser steht er selber im Mittelpunkt, als jemand, der zu Unrecht verfolgt werden würde.

Aber neben diesem Aufhänger ist der Artikel eine gute und leicht zu lesende Einführung darin, was Bik und einige andere Forschende tun, aber auch, wie schwierig ihre Arbeit sein kann. Denn, wie im Artikel betont wird, selbst wenn Wissenschaft oft als ein System beschrieben wird, dass sich selber korrigieren würde, funktioniert dies offensichtlich nicht so einfach, wenn sich die Beteiligten nicht an die Spielregeln halten. (ks)


Ross-Hellauer, Tony; Goldenberg, Anna (2022). Sind wissenschaftliche Zeitschriften überflüssig geworden, Herr Ross-Hellauer? In: Falter. 23.03.2022, Nr. 12, Seite 19

Auf der Wissenschaftsseite der Österreichischen Wochenzeitung Falter wurde Tony Ross-Hellauer, Leiter der Open and Reproducible Research Group am Institute for Interactive Systems and Data Science der Technischen Universität Graz als Wissenschaftler der Woche gebeten, seine Einschätzung zur titelgebenden Frage darzulegen. Er spannt dabei den Bogen über eine Beschreibung von Open Access, ausgehend von der Diagnose (fünf Wissenschaftsverlage dominieren, die Publikation in einer bestimmten Zeitschrift ist für Forschende karrierewirksam, sowohl Subskriptionen als auch Publikationsgebühren sind unangemessen teuer) über mediale Aspekte (heute ist wissenschaftliches Publizieren online statt gedruckt) und den Ursprung der OA-Bewegung (vor 20 Jahren, Budapest Initiative) und den beiden bekannten Strategielinien zur Lösung (Bibliotheken schaffen Publikationsinfrastrukturen und / oder Forschende publizieren selbst). Ergebnis und Antwort: Wissenschaftliche Zeitschriften sind für Ross-Hellauer überflüssig. Die wissenschaftliche Kommunikation sollte viel interaktiver werden. Erst publizieren und im Anschluss filtern wäre eine Variante. Journals und Wissenschaftler*innen könnten Playlists von noch nicht reviewten Beiträgen erstellen, die wiederum andere reviewen würden. Das alles beschreibt er in knapperer Form als die dieser Zusammenfassung. Naturgemäß wird daraus ein Open-Access-Hottake, der all die Mühen der Ebenen ausblendet, die genau dafür verantwortlich sind, dass sich seine Publikations-Utopie oder auch auch die der Open-Access-Erklärungen bislang nicht befriedigend eingelöst hat. (bk)


Söffner, Jan (2022). Das kritische Denken der Intellektuellen verschwindet aus der Öffentlichkeit. In: Neue Zürcher Zeitung / nzz.ch (29.04.2022) https://www.nzz.ch/feuilleton/open-access-wissenschaftliche-texte-haben-keine-leser-mehr-ld.1681122

In einem, vorsichtig formuliert, eher wenig Fachkenntnis aufweisenden Artikel beschäftigt sich der Kulturtheoretiker Jan Söffner mit dem Verschwinden des Intellektuellen und den Defiziten von Open Access. Den Ausgangspunkt bildet für ihn das kritische Denken, damit der kritisch denkende Mensch und, als Stimmgabel seiner Elegie, Aldus Manutius (1449-1515), venezianischer Verleger, Erfinder des Taschenbuchs und für Jan Söffner der Elon Musk seiner Zeit. Dank der Entwicklung eines im Gegensatz zu Gutenbergs Bibeln erheblich billigeren Druckmediums und dem dabei entstehenden Buchmarkt, wurden, so seine These, Privatgelehrte und public intellectuals zu den Vertretern eines frischen Denkens. Die Taschenbuchkultur des 20. Jahrhunderts gilt dem Autor als Höhepunkt dieser Entwicklung. Heute sei diese Entwicklungslinie am Ende, denn einerseits dominiert algorithmisch-mathematisches Wissen im Duett mit dem Bedeutungsverlust sprachlicher Intellektualität. Und andererseits: Open Access. Und dabei genau genommen der auf APC beruhende Weg des Open Access: Der Markt hat begonnen, das Geld nicht mehr mit der Leserschaft, sondern mit den Autoren und den Universitäten zu erwirtschaften.

Jan Söffner ignoriert dabei die wissenschaftsmediengeschichtliche Tatsache, dass findige und einem Manutius ebenbürtige Verleger*innen bereits früh im 20. Jahrhundert begannen, Publikationen allein für den Erwerb durch Universitätsbibliotheken und unter Abforderungen hoher Druckkostenzuschüsse von den Autor*innen zu produzieren. Heute nun verlangen die Universitäten selbst wiederum, so der Autor, den Autor*innen digitale Gratispublikationen ab und vergraben diese anschließend im Orkus irgendwelcher Massenspeicher, also vermutlich Repositorien. Das führe dazu, dass kritisches Denken unsichtbar wird. Danach erklingt im Text Kritik an den wissenschaftlichen Großverlagen Elsevier und Springer, der man kaum widersprechen mag, die aber nicht immer so schlicht formuliert daher kommt wie hier. Offenbar geht Jan Söffner davon aus, dass in einer idealen Welt jeder wissenschaftliche Text automatisch Teil der Suhrkamp-Kultur werden kann und per Taschenbuch im Buchhandel existieren sollte. Die Folgen einer so entfesselten Präsenz im Sortimentsbuchhandel und das Ringen um die öffentliche Wahrnehmung per Regal und Schaufenster wären eine erstklassige Fabel für einen zweitklassigen dystopischen Roman, bleiben bei Jan Söffner aber außen vor.

Generell ist das Leitmotiv seines Textes ein wenig stimmiges, von der Realität weitgehend abgelöstes Bild des Funktionssystems des wissenschaftlichen Publizierens. Im letzten Absatz wird dann deutlich, dass all die Wissenschafts- und Open-Access-Kritik eigentlich nur als Basslinie eines Loblieds auf das gedruckte Buch darstellt, dass das Digitale medial vielfach übertrifft: als technisch überlegene[s] Medium der Intellektualität, als Abbildungsmediums des Sinns im Gegensatz zu Daten, als Optimalmedium für das Nachvollziehen von Gedankengängen und als Reklusionsmedium, bei dem die Nicht-Vernetzung dafür sorgt, dass die Lektüre nicht durch Algorithmen mitverfolgt wird. Jan Söffner bewegt sich damit durchaus im Sound der melancholischen digitalisierungskritischen Feuilletontradition eines Roland Reuss oder Uwe Jochum. Er demonstriert zugleich, dass solche Schwanengesänge erstaunlich zeitlos sind. Bis hinein in die Rhetorik und Dramaturgie der Argumentation ist sein Artikel nämlich einer, den man ohne Datumseindruck auch auf den April 2008 datieren könnte. (bk)


Rud (2022) Uni-Bibliothek für Offenheit ausgezeichnet. In: Schwälmer Allgemeine. Ausgabe: 24.02.2022, Seite 6

Die Schwälmer Allgemeine, Zeitung für Lokalnachrichten aus Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis, meldet kurz, dass die knapp 60 Kilometer vom Redaktionsbüro entfernte Universitätsbibliothek Kassel das Open Library Badge erhielt. Sie bezieht sich damit vermutlich auf die eine Woche vor der Meldung herausgegebene Pressemitteilung der Universität Kassel (https://www.uni-kassel.de/uni/aktuelles/meldung/2022/02/17/universitaetsbibliothek-kassel-erhaelt-open-library-badge-2020). Die Leser*innen der Zeitung erfahren bei der Gelegenheit, was den Ausschlag für die Auszeichnung gibt: Kostentransparenz beim Erwerb, das Sichtbarmachen und Fördern von frei zugänglichen Open-Access-Publikationen, die freie Nutzung von Fotos der Bibliothek und die Bereitstellung von Lehr- und Lernmaterialien unter offener Lizenz. (bk)


Kraemer, Bärbel (2021). Bad Belzig: Bibliotheksplakate aus der DDR. In: Fläming 365, https://flaeming365.de/web-stories/bibliotheksplakate-aus-der-ddr-tobias-bank/

Ein kurzer, stark bebilderter Bericht zur Ausstellung Bibliotheksplakate aus der DDR, welche im Sommer 2021 in Bad Belzig (und später an anderen Orten) gezeigt wurde. Tobias Bank (Historiker, unter anderem auch in der Politik aktiv) hat sie – neben anderen Alltagsobjekten aus der DDR – zusammengetragen. Im Bericht finden sich auch einige Abbildungen dieser Druckwerke, die zwischen Aufklärung, Werbung und reiner Propaganda anzusiedeln sind. (ks)


Müller, Georg (2022). Bibliotheken wollen rasch an alte Zeiten anknüpfen. In: Freie Presse, 27.04.2022., https://www.freiepresse.de/erzgebirge/zschopau/bibliotheken-wollen-rasch-an-alte-zeiten-anknuepfen-artikel12141065

Es wird in zeitungstypisch knapper Form über die Effekte der Corona-Pandemie auf die öffentlichen Bibliotheken in den Erzgebirgsstädten Wolkenstein, Zschopau und Olbernhau berichtet. Offenbar führten die 3G-Maßnahmen zu erheblichen Rückgängen in der Besuchsfrequenz und damit auch bei den Ausleihen. In Zschopau wurde auch ein Trend zu stärkeren Nutzung digitaler Bibliotheksangebote festgestellt. In allen drei Bibliotheken liegt der Schwerpunkt darauf, aktiv, unter anderem über Veranstaltungsprogramme, auf das Niveau der Nutzungszahlen in den vorpandemischen Jahren zurückzukehren. Leicht wird dies vermutlich nicht, wie Sabine Fritzsch von der Stadtbibliothek Olbernhau betont: Vor den Bibliotheken liege ein Kraftakt. (bk)


Levitin, Mia (2022). The love of books. In: FT Weekend, 16/17 April 2022, S. 8

In einer Sammelrezension zu drei Neuerscheinungen (Rebecca Lee: How Words Get Good: The Story of Making a Book.; Emma Smith: Portable Magic: A History of Books and Their Reasers; Jeff Deutsch: In Praise of Good Bookstores.) trägt die Literaturjournalistin Mia Levitin einige aktuelle Beobachtungen zur Buchkultur und Buchwirtschaft zusammen. So kann beispielsweise eine deutliche Zunahme des Absatzes von gedruckten Büchern in den Kernmärkten für die Jahre 2020 und 2021 registriert werden. Dieser Trend wird sich 2022, so die Vorhersage, fortsetzen. Zugleich werden sich auch hier Lieferketten- und Produktionsprobleme als Bremsklötze auswirken. Zwei Genres treiben den Boom: adult fiction und young adult fiction, letzteres offenbar durch die Verschränkung mit Social-Media-Kommunikation (Stichwort: Booktok).

Für die nachhaltige Beliebtheit des Mediums Buch bieten wiederum die drei besprochenen Titel einige Argumente. Mit Rebecca Lee wird die Linie zur religiösen Ur-Buchkultur (bible=biblio) gezogen. Emma Smith argumentiert mit der haptischen Qualität des Mediums (physical bookhood), die den potentiellen Leser*innen schon per Form und Paratext entscheidende Informationen zum jeweiligen Titel liefert. E-Reader, lange als Totenglöckchen des Gedruckten verhandelt, können die sensorische und, wenn man so will, topologische Qualität eines greifbaren Objektes nicht ersetzen. Das Buch ist körperlich responsiv und sein Gebrauch erzeugt sogar Geräusche, die sich als Klangbild der so genannten Library Sounds durchaus als ASMR-tauglich erweisen. Außerdem erklärt Smith den Erfolg der Paperbacks als Demokratisierungsform der Buchkultur: Die frühen Titel von Penguin kosteten exakt soviel wie ein Krug Bier oder eine Schachtel Zigaretten, hatten bei den Rezipienten aber ganz anderen Wirkungen. Jeff Deutsch huldigt nicht nur klassischen Buchhandlungen, sondern setzt sich auch mit dem Phänomen des Zu viele Bücher, zu wenig Zeit auseinander, die Susan Sontag von ihrer Bibliothek als einem archive of longings sprechen ließ. Tsundoku ist das Wort, dass die japanische Sprache der globalen Bibliophilie zur Benennung dieses Phänomens geschenkt hat.

Und sofern man nicht auf Bücher steht, fährt man vielleicht auf ihnen, wie Levitin noch einmal mit Lee als Trivia einsprengselt: Teile des Midland Expressway (M6) wurden nämlich mit dem Stampfmasse von 2,5 Millionen makulierter Liebesromanen unterlegt. Und zwar als Geräuschdämpfer mit einer Quote von 45.000 Exemplaren pro Autobahnmeile. (Mehr dazu: http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/west_midlands/3330245.stm ) (bk)


Пастернак, C. (1923). Всенародня бібліотека в Київі. In: Селянська правда, 02.03.1923, S. 4.
Der Autor berichtet aus der Perspektive des Erscheinungszeitpunkts (März 1923) über den Auftrag und die Geschichte der Ende 1918 gegründeten Nationalbibliothek der Ukraine in Kyiv, die bis dato auch in der Ukraine wenig bekannt war. Das Anliegen der Bibliothek war der Aufbau einer Sammlung nach dem Vorbild der Nationalbibliothek in Paris, der Bibliothek des British Museum und der damaligen wissenschaftlichen Bibliothek in Petrograd. Es wird nicht ohne Stolz berichtet, dass die Kyiver Bibliothek in nur vier Jahren eine Sammlung aufzubauen vermochte, deren Größe nahezu alle Bibliotheken in den USA übertrifft. Dies gelang vor allem durch die Aufnahme zahlreicher ukrainischer Bibliotheksbestände und Nachlassbibliotheken ukrainischer Gelehrter sowie zahllose Spenden. Außerdem erhält sie Pflicht- und Tauschexemplare aus den Republiken der UdSSR und über internationale Verbindungen. Im Lesesaal wurde ein Handbestand von 100.000 Büchern und 89.000 Zeitungen für das Publikum bereitgestellt. (bk)


Петро Зленко (1933) Бібліотеки української еміграції у ЧСР. In: Діло, Nr.1, 01.01.1933, S. 6

Der in Prag im Exil lebende ukrainische Bibliograf, Verleger und Buchwissenschaftler Petro Zlenko berichtet ausführlich über ukrainische Exilbliotheken in Prag. Diese dienen, laut dem Autor, nicht allein der Literaturversorgung sondern auch als wichtige spirituelle Stütze für die im Exil befindlichen Autoren, Journalisten und Studenten. Ein Großteil der aus der Ukraine nach Prag geschafften Bestände, die ganze Bibliotheken umfassen, befindet sich im Museum des Befreiungskampfes der Ukraine (Музей визвольної боротьби України). Daneben gibt es eine Reihe weitere ukrainischer Bibliotheken, die sich überwiegend in Kultur- und Bildungseinrichtungen der ukrainischen Diaspora befinden, wobei der Autor vom slawischen Prag (славянська Прага) schreibt. Er betont die Rolle dieser Bestände als Kulturerbe und verleiht seinem Optimismus Ausdruck, dass die so wohl noch auf lange Sicht im slawischen Prag befindliche ukrainischen Emigranten einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der slawischen Kultur leisten werden. (bk)

7. Abschlussarbeiten

[diesmal keine Beiträge]

8. Weitere Medien

Special Feature: South African Library Week (2021). In: Imbiza: Journal for African Writing, 1 (2021) 1: 22–27 [gedruckt]

Imbiza ist ein 2021 neu erschienenes Magazin (mit Basis an der University of Petroria, Südafrika), welches sich als Forum für das Schreiben in Afrika versteht, obgleich der Fokus – zumindest in dieser Ausgabe – alleine auf Südafrika liegt. Es ist kein rein literarisches Magazin, auch wenn eine Anzahl an Kurzgeschichten und Gedichten publiziert wurde. Vielmehr umfasst diese Ausgabe auch eine Spannbreite an Essays und Interviews, beispielsweise mit Koleka Putuma und Fred Khumalo, über das illegale «Radio Freedom» des ANC während der Zeit der Apartheid, über die Sklaverei, welche die Basis für den südafrikanischen Weinbau legte, zur Übersetzung von Gesundheitsinformationen oder auch das Erzählen in der südafrikanischen Literatur. Konsequenterweise erscheint das Heft nicht rein in Englisch, sondern zum Teil auch in Kiswahili und IsiXhosa.

Erwähnt werden soll es hier, weil – offenbar ohne dass es eine grossen Erklärung durch die Redaktion bedurfte –, in diesem neuen Magazin gleich der erste Schwerpunkt zu Bibliotheken ist: Einige Autor*innen berichten hier über die Bedeutung von Bibliotheken in ihrem Leben, auch während der Apartheid. Es wird beklagt, dass es heute noch lange nicht ausreichend viele Öffentliche und Schulbibliotheken in Südafrika gäbe. Zudem wird eine NGO vorgestellt, die gerade solche Schulbibliotheken (und Computerräume) im ländlichen Raum einrichtet.

Dem Rezensent fiel dieses Heft zu der Zeit in die Hand (in der für solche Entdeckungen zu empfehlenden Buchhandlung InterKontinental in Berlin-Friedrichshain, 2021 auch ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchhandlungspreis), als in Deutschland Autor*innen sich in eine Kampagne der Verlage einspannen liessen, um die rechtliche Gleichstellung von elektronischen und physischen Medien zu verhindern. Wenn auch etwas kurz und in einem sehr rosigen Ton gehalten, war der Schwerpunkt eine Erinnerung daran, dass im Allgemeinen Autor*innen und Forschende im Bereich Literatur und Bibliotheken auf einer Seite stehen – auf der, die vor allem ein Interesse hat, die möglichst weite Verbreitung von Literatur zu ermöglichen. (ks)


Hall, Edith (2021). Ancient Greek and Roman Libraries. (Vortrag, 10.10.2021) London: Gresham College, https://www.gresham.ac.uk/lectures-and-events/ancient-libraries

Im Rahmen der öffentlichen Vorträge, welche vom Gresham College in London seit Jahrhunderten organisiert werden, bot Prof. Edith Hall, Historikerin, einen Überblick dazu, was über antike Bibliotheken bekannt ist. Der Vortrag ist recht kurzweilig, Hall geht auf die Repräsentation dieser Bibliotheken in späterer Literatur und im Film ein.

Sie zeigt, dass es recht wenige konkrete Zeugnisse dieser Bibliotheken gibt, die Geschichtsschreibung also vor allem ein Puzzlespiel betreibt. Dieses ist zudem von späteren Vorstellungen überlagert. Geht man aber auf die antiken Quellen zurück, so zeigen sich bestimmte Traditionen – beispielsweise die Vorstellung, dass es Menschen gäbe, die Bücher als Statussymbol sammeln, aber nicht lesen, aber auch, dass das Gründen von Bibliotheken zum Status einer Person beitrug –, aber vor allem auch Unterschiede zu heute.

Insbesondere bei den Antworten auf Fragen, die im Anschluss gestellt wurden, merkt man auch, dass die Vortragende nicht selber Bibliothekarin ist. Fachtermini und Grundfakten über heutige Bibliotheken sind ihr nicht bekannt. Es ist also eine sehr historische Sicht, die vermittelt wird. Der Vortrag war Teil einer Serie unter dem Titel Books, Libraries and Civilization (https://www.gresham.ac.uk/watch-now/series/books-libraries). (ks)


Gillespie, Alexandra (2021). The 2021 Alexander C. Pathy Lecture on the Book Arts - “On the Silk Roads Project.”, Toronto: Fisher Rare Book Library, https://youtu.be/nOqSzpN9uz0

Der Vortrag über eine Ausstellung im Aga Khan Museum, Toronto, sowie dem Forschungsprojekt an der University of Toronto, auf dem diese Ausstellung basierte, ist in gewisser Weise eine Reflektion über die kolonialen oder zumindest eurozentristischen Traditionen, auf denen Buchgeschichte und Sammlungen in Bibliotheken wie zum Beispiel der Fisher Rare Book Library an der University of Toronto, basiert. Grundsätzlich geht es in der Ausstellung darum, die Geschichte des Buches und seiner Nutzung von einem anderen Fokus als Europa aus zu erzählen. Das Forschungsprojekt umfasst rund zwanzig Personen in Toronto und zahlreiche Kollaborateur*innen in der ganzen Welt, welche Bücher aus anderen Kulturen mit unterschiedlichen, nicht nur humanistischen, Methoden untersuchten und zeigt das Vorhandensein von Buchkulturen auf, bei denen zum Beispiel die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert in Europa keine relevante Veränderung mit sich brachte oder die auch das Buch nicht vorrangig als abgeschlossene Monographie, sondern als lebendes Dokument dachten.

Während diese Erweiterung des Blickwinkels eine willkommene Erweiterung des Wissenshorizonts über Buchgeschichte darstellt, beschäftigen sich grosse Teile der anschliessenden Fragerunden mit Themen wie Provenienz – wobei es hier nicht, wie oft im DACH-Raum aus guten Gründen, um den Nationalsozialismus geht, sondern vor allem um Kolonialismus – und auch Fragen danach, wie ein respektvoller Umgang mit den heute in Bibliotheken vorhandenen Texten gefunden werden kann. Gillespie stellt in ihren Antworten dar, dass es darauf keine einfachen Antworten gibt, sondern es sich eher zeigt, dass sich aktuell eine neue Landschaft an Fragen eröffnet, welche die Forschung, die Institutionen, die heute die Sammlungen halten – also auch Bibliotheken – und die betroffenen Communities in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen wird. (ks)


o.A. (2022). KADEWE. Haus der Geschichten. Zum Jubiläum. In: KaDeWe 115 Jahre für immer Dein. [Kund*innenmagazin]. Berlin: KaDeWe, 2022. S. 72

Zur Eröffnungsausstattung des Kaufhaus des Westens (KaDeWe) am 27, März 1907 gehörte auch eine Kaufhausbibliothek, bei der nach dem Prinzip einer kommerziellen Leihbücherei Kund*innen für 15 Mark Gebühr monatlich bis zu acht Bücher leihen konnten. (bk)