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doi:10.18452/23810 (edoc HU Berlin)

Ethnographische Forschungsdaten – eine Verantwortung!

Die Geschichte des Fachs Kultur- und Sozialanthropologie in Wien spiegelt sich im Literaturbestand der Fachbereichsbibliothek Kultur- und Sozialanthropologie wider. Aus heutiger Sicht muss mit ethnographischem Datenmaterial zum Schutz der Beforschten sehr sorgsam umgegangen werden. Die Verantwortung darüber liegt nicht zuletzt bei Repositorien, Archiven und Bibliotheken.


Zitiervorschlag
Birgit Kramreither, "Ethnographische Forschungsdaten – eine Verantwortung!". LIBREAS. Library Ideas, 40 ().


Die Fachbereichsbibliothek Kultur- und Sozialanthropologie der Universitätsbibliothek Wien

Die Universitätsbibliothek Wien (UB Wien) als eine der größten ihrer Art in Europa (Bestand 7,6 Mio. Medien, knapp 500 Mitarbeiter*innen) ist als Universalbibliothek für alle Fachrichtungen der Universität Wien eine wichtige Partnerin für Lehre und Forschung.

Die gesamte Literaturversorgung für 190 Studien an 15 Fakultäten und 5 Zentren an der Universität Wien (90.000 Studierende)1 wird über ihre Bestände, ob Print- oder elektronische Versionen, abgedeckt. Verschiedene Akquisestrategien gewährleisten die Aktualität und Relevanz. Die Investition in Lizenzen für E-Ressourcen haben gerade im letzten Jahr gezeigt, wie wichtig der uneingeschränkte Zugang zu Literatur für Studierende, Lehrende und den wissenschaftlichen Apparat ist.

Seit ihrem Bestehen (650-Jahr-Jubiläum im Jahr 2015) versucht die UB Wien mit ihren Beständen den sich im Laufe der Zeit ändernden wissenschaftlichen Strömungen gerecht zu werden und für die wissenschaftlichen Diskurse das Rüstzeug zu liefern. Für die Forschung werden darüber hinaus weitreichende historische Bestände bereitgehalten, die als Quellen für die Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit unter verschiedensten Fragestellungen konsultiert werden. Dies stellt die Basis für Erkenntnisse in der heutigen Zeit dar. Daher versteht sich die UB Wien nicht nur als Lieferantin für Literatur für die rezente Forschung, sondern auch als Wissensspeicher und Bewahrerin wissenschaftlicher Fachliteratur über die Jahrhunderte hinweg.

Die Fachbereichsbibliothek Kultur- und Sozialanthropologie (FB KSA) ist eine von 44 Bibliotheken, die als wissenschaftliche Spezialbibliotheken im UB-Verband organisiert ist. Sie hat eine eigenständige Literaturbeschaffung und -bereitstellung für das jeweilige Fach, deren Studierende und Forschende zu gewährleisten. Räumlich ist sie dem Institut Kultur- und Sozialanthropologie (IKSA) angeschlossen, personell und budgetär an die UB Wien angebunden. Insgesamt besitzt die FB KSA einen Bestand von circa 70.000 Medien, aufgeteilt in einer Freihandaufstellung mit Lesebereich für knapp 40 Benutzer*innen und einem geschlossenen Magazin für Zeitschriften (circa 1.800 Titel) und circa 3.000 historischen Werken2.

Im Fach der Kultur- und Sozialanthropologie sind die vormals völkerkundlichen Forschungen zu schriftlosen Kulturen von Anbeginn der Disziplin im deutschsprachigen Raum über die Achse Wien/Berlin seit Ende des 19. Jahrhunderts auf universitärer Ebene durchgeführt worden. Allerdings fanden bereits viel früher Expeditionen, Forschungsreisen und Missionierungen in ferne Regionen statt.

Berichte über fremde Völker und Kulturen wurden in Büchern und in ethnologischen Zeitschriften publiziert. Das älteste Werk in der FB KSA ist ein Spanisch-Nahuatl-Wörterbuch aus dem 16. Jahrhundert.3

Nicht zuletzt durch die dampfbetriebene Schifffahrt erfolgte eine Ausdehnung der ethnologischen Forschungen. Die wissenschaftliche Neugier und der Forschungsdrang führten Ethnograph*innen, Reisende, Abenteurer*innen und Missionar*innen in die entlegensten Winkel der Erde, um fremde Länder und deren Menschen zu erkunden. Leider trugen die Forschungen zur Ausbeutung, Missionierung und Sklaverei der Kolonialmächte bei.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte die junge Wissenschaft der Ethnologie mit ihren Theorien Abstammungen herzuleiten, kulturelle Entwicklungen zu erklären und mit ihren Methoden zu untermauern. Das Beforschen fremder Kulturen stand und steht bis heute im Mittelpunkt der Forschung.

Der 1913 gegründete Lehrstuhl Anthropologie und Ethnologie an der Universität Wien wurde 1929 in das Institut für Physische Anthropologie und in das Institut für Ethnologie geteilt. Verschiedene Entwicklungstheorien und Forschungsansätze wurden in dieser Zeit verfolgt, bis die Styler (SDV) Missionare die Wiener Schule mit der Kulturkreislehre am Beginn des 20. Jahrhunderts am Institut begründeten. Ab 1938 kam es zu massiven personellen und inhaltlichen Umbrüchen am Institut. Die Styler Missionare wurden entlassen und gingen ins Exil in die Schweiz. Einige Mitglieder des IKSA nutzten die Gelegenheit für Feldforschungen ins Ausland zu gehen und während der Kriegsjahre dort zu bleiben. Andere dienten an der Front und kamen dann wieder ans IKSA zurück. Im Gegensatz zu anderen Instituten, wo ab 1938 überwiegend jüdische oder als politisch links geltende Wissenschaftler*innen vertrieben, verhaftet oder ermordet wurden, konnten jene Ethnolog*innen, die nach Wien zurückkommen wollten, nach 1945 ihre Forschungen und die Lehre am Institut fortsetzen. Eine Öffnung hin zu internationalen Entwicklungen im Fach wurde seitens des Institutvorstandes in der Nachkriegszeit angestrebt und internationale Kooperationen wurden aufgebaut. Ethnolog*innen aus Europa und Übersee entwickelten neue ethnosoziologische, kultur- und sozialanthropologische Theorien, die vom Wiener Institut aufgegriffen und rezipiert wurden. Eine moderne Fachausrichtung entstand, die sich mit aktuellen Themen wie Flucht, Migration, Krieg, Ökologie, Visuelle Anthropologie oder Urbane Anthropologie auseinandersetzt und auch künftig gesellschaftlichen Phänomenen auf den Grund gehen wird.

Der Literaturbestand in der FB KSA bildet all diese Entwicklungen des Fachs ab und ermöglicht so eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien und Sichtweisen, die heute neue Erkenntnisse hervorbringt. Allerdings muss aus Sicht einer angestrebten antirassistischen Bibliotheksarbeit hinsichtlich rassistischer und diskriminierender Inhalte und Fotos aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte und durch historische Forschungsinteressen ein kritischer Zugang zu und sensibler Umgang mit dem Bestand eingefordert werden. Als eine der Maßnahmen wurde in den letzten Jahren in mehreren Buchausstellungen, kuratiert vom Team FB KSA, auf die Thematik aufmerksam gemacht.

Für die Benützung der FB KSA kann davon ausgegangen werden, dass sich der Benützer*innenkreis in erster Linie aus Studierenden und Forschenden des IKSA zusammensetzt. Demnach kann von forschungsgeleiteten Interessen an der vorhandenen Literatur ausgegangen werden. Trotzdem möchtenwir Möglichkeiten zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Literaturbestand ausloten und eine aktive Kennzeichnung seitens der Benützer*innen anbieten. Die genaue Form ist noch nicht festgelegt.

Durch eine seit vielen Jahren praktizierte gezielte Ankaufspolitik gelang eine diametrale Schwerpunktsetzung zum historischen Bestand. Die Aufarbeitung der Vergangenheit des Faches, neue kritische Ansätze zu aktuellen ethnologischen Fragestellungen, Erwerbungen wissenschaftlicher Fachliteratur von renommierten Verlagen und vermehrter Ankauf von Fachliteratur aus dem Globalen Süden sind Bestrebungen, die rezenten wissenschaftlichen Ausrichtungen aufzugreifen und für den wissenschaftlichen Diskurs zur Verfügung stellen.

Für die gesamte Universitätsbibliothek Wien soll ebenfalls an einer Bewusstseinsbildung über rassistische und diskriminierende Literaturbestände gearbeitet werden. Den eigenen Vorurteilen und Rassismen muss Raum gegeben werden, um sich bewusst damit auseinandersetzen zu können. Eine klare Positionierung zu Rassismus und Diskriminierung soll festgeschrieben werden. Seit einiger Zeit wird bereits an diesen Themen im Einzelnen gearbeitet, ein gemeinsames Engagement wird angestrebt und verschiedene Möglichkeiten zur internen Zusammenarbeit werden gerade ausgelotet.

Forschungsdaten in der Kultur- und Sozialanthropologie

Viele Jahrzehnte lang wurde die KSA als eine Art koloniale Hilfswissenschaft gesehen und zur Etablierung von Machtstrukturen benutzt. Die gewonnenen historischen Forschungsdaten müssen im Kontext von Evolutionismus, Sozialdarwinismus und Rassismus gesehen und eingeordnet werden. Der koloniale, historische und wissenschaftstheoretische Hintergrund spielt bei der Verfolgung der damaligen Ziele eine wichtige Rolle. Die durch die Physische Anthropologie festgelegte Bewertung der geistigen sowie körperlichen Fähigkeiten der Menschen und die Ausbeutung, moralisch begründet durch angebliche rassische Minderwertigkeit, führten zur Ausprägung von Machtverhältnissen und Herrschaftsstrukturen in den damaligen Kolonien.

Diese furchtbaren Umstände scheinen heute überwunden zu sein, jedoch bei genauerer Betrachtung lässt sich eine privilegierte Herkunft der Forschenden mit einem reichen, eurozentristischen Hintergrund feststellen, die zu einer neuen Machtposition der Forschenden gegenüber den Beforschten führen kann. Eine kritische Reflexion des eigenen Verhaltens und die Einhaltung aller ethischen sowie rechtlichen Standards müssen die Grundlage in der rezenten ethnographischen Forschung bilden.

Heute ist die Kultur- und Sozialanthropologie eine eigenständige Wissenschaft, die ihre Methoden wie teilnehmende Beobachtung durch andere gängige Forschungspraktiken wie Interviews, Feldtagebücher, Skizzen, Fotos, Filme ergänzt und so zur Untermauerung der qualitativen Forschungsergebnisse führt. Durch den engen Kontakt zu den beforschten Gruppen müssen die Feldforscher*innen ganz bewusst ihre eigene Position kritisch hinterfragen. Emotionale Schwierigkeiten durch eigene Betroffenheit, Konflikte mit der Gruppe oder sonstige aufwühlende Ereignisse müssen reflexiv verarbeitet werden und in den Forschungskontext einfließen. Dadurch erst können der Forschungszusammenhang klar dargestellt und die Daten für eine Nachnutzung sinnvoll eingesetzt werden.

Feldforschung spielt in der Kultur- und Sozialanthropologie seit jeher eine große Rolle. Interviews mit den Beforschten, die in ihrer Sprache über ihr Leben, ihre Traditionen, ihre Mythen, aber auch über ihre Probleme – je nach Forschungsgegenstand – berichten, bilden meist die Basis und werden transkribiert und analysiert. Oft kommt es zu regelmäßigen Aufenthalten der Forschenden bei den Gemeinschaften über viele Jahre hinweg.

Eine Beforschung über mehrere Generationen führt zu wichtigen Erkenntnissen zu aktuellen Fragen wie zu Auswirkungen des Klimawandels, der Trinkwasserknappheit, der Vernichtung des Regenwaldes als Lebensraum für die indigene Bevölkerung und zu vielen anderen medizinischen, naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten.

Kultur- und Sozialanthropolog*innen leben meist mehrere Monate mit den beforschten Ethnien in oftmals kleinen Gruppen zusammen. Für die teilnehmende Beobachtung und für Interviews wird eine Einverständniserklärung am besten mitgefilmt beziehungsweise mitgeschnitten. Das ist heute Standard, denn ohne Einverständnis wäre die Aufnahme unethisch und gegen die aktuell gültigen Forschungsvorgaben. Genauso ist ein verantwortungsbewusster Umgang mit den erhobenen Daten Pflicht.

Um die Persönlichkeitsrechte der Beforschten zu gewährleisten, werden umfangreiche Überlegungen angestellt, wie einerseits das Forschungsmaterial sicher und für lange Zeit gespeichert werden kann und andererseits der Schutz der Befragten gegenüber Verfolgung und Ausgrenzung vor Ort sichergestellt wird. Selbst bei der Vergabe von Metadaten muss auf Anonymisierungs- und Pseudonymisierungsmöglichkeiten geachtet werden. Aufgrund der kleinen Gruppengröße ist jede Person leicht zu identifizieren und muss vor Diskriminierung und Verfolgung geschützt werden.

Innerhalb der beforschten Gemeinschaft kann es zu problematischen Szenarien kommen, die durch nicht sachgemäßes Agieren mit personenbezogenen Daten seitens der Forscher*in entstehen können. Die Träger*innen von speziellem Wissen in einer Gemeinschaft sind schnell entlarvt, da es nicht viele Personen in der Gemeinschaft gibt, die zum Beispiel besonderes rituelles Wissen anwenden. Es liegt sofort für alle auf der Hand, wer diese Person ist. Damit ist eine Anonymisierung zwecklos und die Person, sollte sie in einem Umfeld agieren, wo Handlungen dieser Art politisch problematisch sind, ist aufgedeckt. Aussagen zu politischer Gesinnung, sexueller Orientierung oder Glaubensfragen können Ausgrenzung, Gewalt, Verfolgung, Gefängnisstrafen und im schlimmsten Fall Tod nach sich ziehen.

So kommt es beispielsweise in Papua Guinea immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen gegenüber Mitgliedern der indigenen Gruppen, da die traditionellen Handlungen und Glaubensvorstellungen den Fortschrittsbestrebungen der Regierung im Wege stehen. Durch politische Veränderungen im Staat können ehemals bedenkenlose Forschungen über zum Beispiel Kurd*innen heute an Brisanz gewinnen und zur potentiellen Gefahr für die Beforschten noch Jahre später werden. Forschungsdaten über Homosexualität, HIV-Erkrankung und religiöse Gesinnung würden zu massiven Problemen führen, wenn sie öffentlich zugänglich gemacht wären.

Ein relativ neuer Aspekt stellt die Rückgabe der Forschungsdaten an die beforschte Gemeinschaft dar. Die Menschen wissen um die Wichtigkeit ihrer Datenquellen, um Landnutzungsrechte oder Besitzrechte nachweisen zu können. So konnte in einigen Fällen in Nordamerika und Australien anhand von historischen Dokumenten Landbesitz der indigenen Bevölkerung eindeutig geklärt werden. Die Bereitstellung von digitalisierten Besitzurkunden und Plänen stellt eine große Hilfe in diesen Fragestellungen dar. Die Bewohner*innen des Globalen Südens und anderer Weltregionen brauchen Zugriff auf Archive und sonstige Wissensspeicher, welcher nur durch weitreichende Digitalisierungsmaßnahmen gewährleistet werden kann, da ein Reisen oder Forschen in anderen Ländern oft nicht möglich ist.

Durch das Verstehen der Wichtigkeit der ethnologischen Forschung für die eigene Gruppe kommt es vermehrt zu Forderungen der Beforschten, Zugang zu ihren Daten zu erhalten beziehungsweise das Forschungsdesign und das Forschungsmanagement aktiv mitzubestimmen (FAIR- und CARE-Prinzipien4). So verlangen beispielsweise Gruppen in Alaska, dass die Forschungsdaten zu ihren Lebensumständen, die durch Arbeitsmigration (Ölproduktion) und tradierte Wertvorstellungen geprägt sind, nicht archiviert werden dürfen.

Das Ethnographisches Datenarchiv (EDA)

Als Projekt von Wolfgang Kraus, Professor am IKSA 2017, konzipiert, wurde nach Archivierungsstrategien für das Forschungsmaterial von in naher Zukunft pensionierter Ethnolog*innen des IKSA und nach Möglichkeiten der Datenarchivierung aus rezenten Feldforschungen gesucht. Verschiedene technische wie inhaltliche Überlegungen wurden getestet, durch Kooperationen weiterentwickelt oder verworfen und nach drei Jahren Projektphase ein nahezu fertiges Erfassungstool für die ethnographische Forschung etabliert.5 Igor Eberhard, vormals Mitarbeiter im Projekt, wurde 2020 fix angestellt und das Ethnographische Datenarchiv als ein Service der UB Wien dauerhaft verankert. Neben vielen Teillösungen war die Einführung von Kontextdaten als Ergänzung zu einem digitalen Objekt und die Etablierung eines komplexen Objekts, das sogenannte Containerobjekt als digitale Objektkategorie für die spezifischen Anforderungen an die Erfassung ethnographischer Daten entwickelt worden.

Im Rahmen von geförderten Feldforschungen werden seitens der Fördergeber Forschungsdatenmanagementpläne eingefordert, die eine Archivierung digitaler Daten vorsehen. Spätestens hier müssen sich Forscher*innen Gedanken zur Digitalisierung und Speicherung ihrer Daten machen und eine funktionierende Lösung für ihre sensiblen Daten finden. Das Ethnographische Datenarchiv befasst sich genau mit diesen Fragestellungen. Durch die intensive Zusammenarbeit mit nationalen wie internationalen Kooperationspartnern (zum Beispiel Fachinformationsdienst Kultur- und Sozialanthropologie, Qualiservice der Universität Bremen, Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) und einem umfassenden Experimentieren rund um die verschiedenen Schritte zur Digitalisierung und Archivierung mittels eigener historischer wie rezenten Forschungsdaten sowie zur technischen Ausstattung wurden Workflows entwickelt und erprobt. Die Auslotung sensibler rechtlicher wie ethischer Rahmenbedingungen stellte eine besondere Herausforderung dar.

Durch die intensive Zusammenarbeit mit Phaidra,6 dem Langzeitrepositorium der Universität Wien, konnten viele Erkenntnisse aus der Projektphase umgesetzt werden beziehungsweise werden neu auftretende Fragestellungen diskutiert und Lösungsansätze erprobt. Zurzeit steht zum Beispiel das Fehlen eines für das Fach geeigneten Thesaurus im Mittelpunkt weiterer Überlegungen. Das Rechtemanagement ist ebenfalls Gegenstand weiterer Diskussionen und muss ausgereift werden.

2020 wurde EDA eine fixe Einrichtung an der UB Wien. Personell und organisatorisch angedockt an die Fachbereichsbibliothek Kultur- und Sozialanthropologie, stellt EDA eine weitreichende Infrastruktur für die Erfassung qualitativer Feldforschungsdaten im Langzeitrepositorium Phaidra zur Verfügung.

Über die eigens entwickelte und der ethnographischen Forschung angepasste Metadatenmaske werden diverse Schemata zur Erfassung bereitgestellt. Eine Besonderheit stellt die so wichtige Kontexteinbettung der ethnologischen Forschung dar. Sie wird durch die Erfassung von Kontextdaten als eigenes personalisiertes Dokument ermöglicht. So können beispielsweise Forscher*innenbiographien, weiterführende Informationen zu Forschungsfragen, Reflexionen der Forschenden zur persönlichen Feldforschungssituation oder Beschreibungen der politischen wie rechtlichen Gegebenheiten vor Ort dokumentiert werden. Durch ihre Kontextualisierung ist die Nachhaltigkeit für eine weitere Datennutzung gegeben. Die Urheberschaft der Kontextdaten wird ausgewiesen und ein eigenes Rechtemanagement kann vergeben werden. Die Kontextdaten werden als eigenständige Objekte in Phaidra hochgeladen und mit dem hierarchisch übergeordneten Objekt, dem Containerobjekt, verlinkt.

Darüber hinaus wurde zur Verlinkung der verschiedenen inhaltlich zusammengehörenden digitalisierten Materialien und für die Zusammenführung von digitalisiertem Objekt, Metadaten und Kontextdaten das Containerobjekt als komplexe Objektkategorie vom EDA entwickelt. So können beispielsweise das Audiodigitalisat eines auf einer Kassette aufgenommenen Interviews aus einer Feldforschung, ein Foto der Hülle der Kassette mit wichtigen Informationen zu den handelnden Personen und eine Translation des Interviews als einzelne Objekte und zugleich gemeinsam in einem Container gespeichert werden. Die Forscher*in vergibt selbst die Zugriffsrechte und kann sich auf eine Langzeitarchivierung ihrer Forschungsdaten seitens der Universität Wien in Phaidra verlassen. Im Optimalfall werden die Forschenden vom EDA-Team umfassend zur Erfassung der eignen Forschungsdaten geschult und für die Aufnahme über die EDA-Eingabemaske autorisiert. Zusätzlich ist eine genaue Forschungsdokumentation mit Zeit- und Ortsangaben, Namen der agierenden Personen, forschungsleitende Fragestellungen, Interviewsituationen und vielem mehr als Basisinformationen für die Datenerfassung notwendig.

Eine Nachnutzung der Daten ist nur mit der allumfassenden Dokumentation zielführend, daher wird das Forschungsdatenmanagement mit der richtigen Planung nicht nur für geförderte Forschungsprojekte immer wichtiger. Das Forschungsdatenmanagement kann die Wissenschaftsproduktion der Forschenden erhöhen und (bei Einhaltung der Richtlinien) nachhaltig und fair zugänglich machen.

Im Rahmen von EDA ist die Weiternutzung der Daten in vielen Fällen nur durch eine Anfrage mit Erklärung des Forschungsinteresses an die Produzent*innen der Daten möglich. Die vollständige oder eingeschränkte Freigabe erfolgt durch die Forscher*in selbst. Oft sind schon die Metadaten ein Problem, wenn daraus ein Tatbestand für Verfolgung oder Repressalien der beforschten Person abgeleitet werden kann. Hier muss eine komplette Nichtveröffentlichung (oder eine Sperrfrist) vereinbart werden.

Eine besondere Form der heutigen Digitalisierungsbestrebungen stellen Objektdatenbanken dar, die eine Auseinandersetzung mit rituellen Objekten in den Herkunftsländern erst ermöglichen. Seit Beginn der Kolonialisierung sind Kultgegenstände, wie Masken, Statuen, Waffen und Instrumente geraubt oder oft unter ihrem Wert getauscht worden. Expeditionen sind mit dem Auftrag ausgezogen, Objekte für die neuen völkerkundlichen Museen in Europa herbeizuschaffen. Zum Beispiel in Afrika gibt es daher nur wenige rituelle oder Kunstobjekte vor Ort und der private Kunst- und Sammlermarkt boomt bis heute.

Das Wissen um die Verwendung und den Sinn der Objekte ist in den besitzenden europäischen Institutionen meist nicht vorhanden; in den außereuropäischen Ländern fehlen die Kultgegenstände zu dem bis heute dort tradierten Wissen. Über die Digitalisate in Objektdatenbanken kann ein kultureller Austausch und ein gegenseitiges Lernen und Kennenlernen erfolgen. Die Rückgabe besonderer Gegenstände kann ermöglicht oder eine Kontextualisierung in europäischen Museen und Sammlungen hergestellt werden. Eine Win-win-Situation für beide Hemisphären.

Die Fachbereichsbibliothek Kultur- und Sozialanthropologie nimmt einerseits durch die Auseinandersetzung mit ihrem historischen Buchbestand, den Bewusstseinsbestrebungen hinsichtlich rassistischer und diskriminierender Merkmale und andererseits mit der äußersten Sorgfaltspflicht im Umgang mit Forschungsdaten ihre Verantwortung als Gedächtnis- und Wissensspeicher wahr. Sie versucht es zumindest…


Für weitere Kontakte:

Ethnographisches Datenarchiv (EDA): ;

Phaidra:

Literaturempfehlungen

Eberhard, Igor: Herausforderung ethnographische Daten: Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Pilotprojekt Ethnographische Datenarchivierung an der Universität Wien. 2020. In: Künstliche Intelligenz in Bibliotheken : 34. Österreichischer Bibliothekartag Graz 2019, hrsg. v. Köstner, Christina und Stadler, Elisabeth und Stumpf, Markus. DOI: http://dx.doi.org/10.25364/guv.2020.voebs15

Eberhard, Igor: Der Kontext bestimmt alles. ABI-Technik, 01.05.2020, Vol. 40 (2), S. 169‒176. DOI: https://doi.org/10.1515/abitech-2020-2007

Eberhard, Igor: Forschen zwischen Leerstellen und Negativräumen. Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten von Open Science bei ethnographischem und sozialwissenschaftlichem Forschen In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare, 01.09.2019, Vol. 72 (2), S. 516‒523. DOI: https://doi.org/10.31263/voebm.v72i2.3053

Eberhard, Igor; Kraus, Wolfgang: Der Elefant im Raum. Ethnographisches Forschungsdaten-management als Herausforderung für Repositorien. In: Mitteilungen der Vereinigung Österr. Bibliothekarinnen & Bibliothekare, 19.07.2018, Vol. 71 (1), S. 41‒52. DOI: https://doi.org/10.31263/voebm.v71i1.2018


  1. Alle Zahlen stammen von der Website der Universität Wien https://www.univie.ac.at/ (aufgerufen am 08.07.2021).↩︎

  2. FB KSA: https://bibliothek.univie.ac.at/fb-kultur_sozialanthropologie/ (aufgerufen am 08.07.2021).↩︎

  3. Molina, Alonso de: Vocabulario en lengua mexicana y castellana, 1571.↩︎

  4. CARE Principles for Indigenous Data Governance siehe https://www.gida-global.org/care.↩︎

  5. Nähere Informationen siehe Artikel im Literaturanhang.↩︎

  6. https://phaidra.univie.ac.at/ (aufgerufen am 08.07.2021).↩︎


Mag. Birgit Kramreither Leiterin der Fachbereichsbibliothek Kultur- und Sozialanthropologie, Universitätsbibliothek Wien.