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doi:10.18452/21538 (edoc HU Berlin)

Das liest die LIBREAS, Nummer #6 (Winter / Frühling 2020)


Zitiervorschlag
Redaktion LIBREAS, "Das liest die LIBREAS, Nummer #6 (Winter / Frühling 2020)". LIBREAS. Library Ideas, 37 ().


Beiträge von Ben Kaden (bk), Karsten Schuldt (ks), Michaela Voigt (mv), Viola Voss (vv)

1. Zur Kolumne

Ziel dieser Kolumne ist es, eine Übersicht über die in der letzten Zeit erschienene bibliothekarische, informations- und bibliothekswissenschaftliche sowie für diesen Bereich interessante Literatur zu geben. Enthalten sind Beiträge, die der LIBREAS-Redaktion oder anderen Beitragenden als relevant erschienen.

Themenvielfalt sowie ein Nebeneinander von wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Ansätzen wird angestrebt und auch in der Form sollen traditionelle Publikationen ebenso erwähnt werden wie Blogbeiträge oder Videos beziehungsweise TV-Beiträge.

Gerne gesehen sind Hinweise auf erschienene Literatur oder Beiträge in anderen Formaten. Diese bitte an die Redaktion richten. (Siehe Impressum, Mailkontakt für diese Kolumne ist .) Die Koordination der Kolumne liegt bei Karsten Schuldt, verantwortlich für die Inhalte sind die jeweiligen Beitragenden. Die Kolumne unterstützt den Vereinszweck des LIBREAS-Vereins zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation.

LIBREAS liest gern und viel Open-Access-Veröffentlichungen. Wenn sich Beiträge dennoch hinter einer Bezahlschranke verbergen, werden diese durch “[Paywall]” gekennzeichnet. Zwar macht das Plugin Unpaywall das Finden von legalen Open-Access-Versionen sehr viel einfacher. Als Service an der Leserschaft verlinken wir OA-Versionen, die wir vorab finden konnten, jedoch auch direkt. Für alle Beiträge, die dann immer noch nicht frei zugänglich sind, empfiehlt die Redaktion Werkzeuge wie den Open Access Button oder CORE zu nutzen oder auf Twitter mit #icanhazpdf um Hilfe bei der legalen Dokumentenbeschaffung zu bitten.

2. Artikel und Zeitschriftenausgaben

Dymarz, Ania; Harrington, Marni (2019). Consultants in Canadian Academic Libraries: Adding new voices to the story. In: In the Library with the Lead Pipe, 30.10.2019, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2019/consultants/
Warum werden Berater*innen in Bibliotheken geholt? Was genau tun sie dort? Wie beeinflussen sie die Arbeit von Bibliothekar*innen und Bibliotheken? Wie sehen Bibliothekar*innen die Berater*innen? Dymarz und Harrington vermerken, dass es in kanadischen Wissenschaftlichen Bibliotheken (ihrem Untersuchungsgegenstand) zwar normal geworden sei, Berater*innen zu engagieren und einzusetzen, dass darüber aber kaum publiziert wird. Hier scheint sich eine Praxis etabliert zu haben, ohne in der bibliothekswissenschaftlichen oder bibliothekarischen Literatur reflektiert worden zu sein. Wenn, so ihre Literaturübersicht, wird vor allem aus einer Managementperspektive darüber publiziert. Der Grossteil dieser Literatur verdeckt mit rhetorischen Mitteln die eigentliche Praxis. Dymarz & Harrington stellen auch fest, dass sich über die Zeit das Bild der Berater*innen gewandelt hat, von Spezialist*innen, die für besondere Aufgaben engagiert wurden, hin zu “Expert*innen”, die zu allem etwas zu sagen hätten. Die Stimmen der Bibliothekar*innen selber fehlen hingegen in der Literatur.
In ihrer Studie versuchen sie letzteres zu ändern. Sie befragten 26 Bibliothekar*innen, welche alle Erfahrungen mit Berater*innen hatten. Die Ergebnisse sind gewiss vom kanadischen Kontext geprägt und lassen sich nicht einfach in den DACH-Raum übertragen. Aber es ist klar, dass Bibliothekar*innen nicht genau wissen, was eigentlich die Aufgabe und konkrete Arbeit der Berater*innen ist und diese vor allem kritisch sehen. Oft interpretieren sie ihre Arbeit als Versuch des Managements, die eigentliche Expertise und Handlungsmacht der Bibliothekar*innen selber auszuschalten. Gleichzeitig aber stimmen sie widersprüchlicherweise dem Bild zu, welches die Managementliteratur von Berater*innen zeichnet, nämlich das diese “unbiased” wären, Expertise und neue Ideen anbieten würden.
Relevant scheint an der Arbeit, dass sie zeigt, dass es notwendig wäre, den Einsatz von Berater*innen in Bibliotheken nicht einfach unbeobachtet zu lassen, sondern zum Thema von Forschung und professioneller Diskussion zu machen. Ansonsten bleibt ein Bereich der Bibliotheksarbeit, von dem sich das Bibliotheksmanagement viel verspricht, der von vielen Bibliothekar*innen offenbar kritisch gesehen wird, unerklärt und unverstanden. (ks)

Martin, Jason (2019). The Favor of the People: What Library Leaders can Learn from The Prince. In: Library Leadership & Management 34 (2019) 1. https://journals.tdl.org/llm/index.php/llm/article/view/7385
Im Journal “Library Leadership & Management” ist ein kleiner Artikel erschienen, der mal nicht neuste Erkenntnisse aus der Management-Forschung auf Bibliotheken anwendet, sondern ein rund 500 Jahre altes Werk zu Rate zieht: den “Fürst” von Niccolò Machiavelli.
Die Schlüsse, die Jason Martin daraus zieht, klingen erstaunlich zeitgemäß: “Be a good leader and a competent professional”, “build and maintain relationships”, “stop problems before they start”, “empower people”, “have strong values and high standards” und “have a vision”. (vv)

Kautto, Tuija ; Henttonen, Pekka (2020). Records management as invisible work: A study of Finnish municipalities. In: Government Information Quarterly (In Press), https://doi.org/10.1016/j.giq.2020.101460 [Paywall]
In dieser Studie über Personen, die in Finnischen Gemeinden das elektronische Records Management betreiben, stellen die Autor*innen fest, dass sich einerseits diese Arbeit in den letzten Jahren massiv durch die Digitalisierung verändert hat, aber andererseits “unsichtbarer” geworden sei. Die Arbeit würde von anderen Personen der Gemeinden nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt, sondern im besten Fall Mythen über diese verbreitet – zum Beispiel darüber, was die Records Manager überhaupt antreiben würde. Das führe zu einer grundsätzlichen Niedrigschätzung der Arbeit; einer Prekarisierung, da die Record Manager ständig eine gewisse Angst um ihre Arbeitsplätze hätten und gleichzeitig dazu, dass ständig die Vermutung im Raum stünde, dass die Arbeit eigentlich durch technische oder andere Lösungen ersetzt werden könnte. Interessant an dieser Studie ist das Konzept der “invisible work” (dargestellt in Tabelle 1 im Text). Es wurde aus verschiedenen Quellen zusammengezogen (und könnte gut mit feministischen Arbeiten zum “Verschwinden” von Arbeit, wenn sie vor allem von Frauen durchgeführt wird, ergänzt werden), aber es würde sich gewiss auch für vergleichbare Arbeitsfelder (nicht nur, aber auch im Archiv- und im Bibliothekswesen) als Analyseinstrument eignen. (ks)

2.1 Öffentliche Bibliotheken

Hassinger-Das, Brenna ; Jennifer, M. Zosh ; Hansen, Nicole ; Talarowski, Meghan ; Zmich, Kate ; Michnick Golinkoff, Roberta ; Hirsh-Pasek, Kathy (2019). Play-and-learn spaces: Leveraging library spaces to promote caregiver and child interaction. In: Library & Information Science Research (In Press), https://doi.org/10.1016/j.lisr.2020.101002
Die Studie von Hassinger-Das et al. untersucht eine Annahme, die hinter dem Umbau vieler Kinderbereiche in Öffentlichen Bibliotheken steht, nämlich dass eine auffordernde Umgebung mit bunten Möbeln, Spielecken und der räumlich vermittelten Aufforderung dort zu spielen, die Interaktion und das Lernen befördern würde. Oder anders gesagt: Dass der Umbau von Kinderecken nicht nur Selbstzweck ist, sondern einem Förderziel folgt. Die Studie ist als Quasi-Experiment aufgebaut. In drei Bibliotheken mit solchen neuen Ecken und einer Bibliothek ohne solch eine wurden Daten über die Interaktion zwischen Erwachsenen (care-givern) und Kindern sowie zwischen Kindern erhoben und verglichen. Die Autor*innen präsentieren, wie in guten wissenschaftlichen Arbeiten, diese Ergebnisse und diskutieren sie anschliessend. Ihre Bewertung ist sehr positiv, aber der Rezensent kann sie nicht nachvollziehen. Was die Studie feststellt, ist, dass der Besuch von Veranstaltungen für Kinder massiv zunahm, wenn Bibliotheken die genannten Umbauten durchgeführt hatten. Gleichzeitig nahm die Interaktion zwischen Kindern zu sowie Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern über den Raum (also Formen, Farben und so weiter) zu. Ansonsten änderte sich aber wenig: Die Häufigkeit und Formen der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern blieb ähnlich, auch die Nutzung elektronischer Medien. (Die Interaktion mit anderen Medien, namentlich Büchern, wurde erstaunlicherweise nicht erhoben.) Im Grossen und Ganzen vermitteln die Ergebnisse den Eindruck, dass eine Spiele-Ecke das Spielen befördert und dass Erwachsene mit Kindern über das, was im Raum ist, sprechen. Zudem, dass neue Möbel auch dazu führen, dass mehr Menschen – hier Kinder und Care-Giver – in die Bibliothek kommen. Anderes scheint sich kaum zu verändern oder müsste in weiteren Studien untersucht werden. Positiv hervorzuheben ist die vorbildhafte Wissenschaftlichkeit der Studie. (ks)

Provence, Mary A. ; Wahler, Elizabeth A. ; Helling, John ; Williams, Michael A. (2020). Self-Reported Psychosocial Needs of Public Library Patrons: Comparisons Based on Housing Status. In: Public Library Quarterly (2020) (Latest Articles) https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1730738 [Paywall]
Gerade im anglo-amerikanischen Raum übernehmen Öffentliche Bibliotheken auch die Aufgabe, einer der öffentlichen Orte zu sein, der für Menschen ohne festen Wohnsitz eine Infrastruktur zur Verfügung stellt. Mehr als im DACH-Raum ist die Arbeit für Obdachlose, inklusive ihrer Herausforderungen, expliziter Teil bibliothekarischer Arbeit und Diskussion. Kontinuierlich erscheint eine kleine Anzahl Studien zu diesem Thema. Diese von Provence et al. ist eine davon. Sie stützt sich auf ein Survey, welches in allen 24 Filialen des Öffentlichen Bibliotheksnetzes in Indianapolis durchgeführt wurde. Die Antworten von 1037 Nutzenden mit festem Wohnsitz und 213 ohne einen solchen wurden daraufhin ausgewertet, mit welchen Interessen sie die Bibliothek nutzen. Das bedenkenswerte Hauptergebnis ist, dass die Nutzenden ohne Obdach sich in den Interessen nicht grundsätzlich von denen mit Obdach unterschieden. Sie hatten mehr Interesse an “basic needs” – also beispielsweise Informationen darüber, welche finanziellen Unterstützungen ihnen zustehen und wo sie Essen erhalten können –, aber ansonsten deckten sie die gleichen Interessensbereiche ab. Ihre aktuelle Lage führt dazu, dass das Überleben ein wichtiges Thema für sie ist, aber es ist zum Beispiel zu erwarten, dass sie (wieder?) zu “normalen” Nutzenden werden, wenn sie es schaffen, ihre aktuelle Situation zu verbessern. (ks)

Dahlin, Johanna Alm (2020). Society Retreats - A Report about the Work Environment in Swedish Libraries. In: Public Library Quarterly (ahead of print), https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1737492 [Paywall]
DIK, die Gewerkschaft, in welcher die meisten Bibliothekar*innen Schwedens organisiert sind, führte eine Umfrage zu Gewalt, Bedrohungen und antisozialem Verhalten in Bibliotheken (Öffentlichen, Wissenschaftlichen und Schulbibliotheken) durch. Dieser Artikel bericht über die Umfrage von 2019, es gab allerdings schon zwei vorhergehende. Die Rücklaufquote von 34 % (N=1618) spricht dafür, dass die Kolleg*innen am Thema starkes Interesse haben. Obwohl einige von positiven Entwicklungen in den letzten zwei Jahren berichten und der Grossteil sich am Arbeitsplatz die meiste Zeit oder immer sicher fühlt, zeichnet der Bericht ein erschreckendes Bild. Aufgrund von Veränderungen, die als “gesellschaftlich” umschrieben werden – es geht vor allem um den Abbau sozialer Infrastrukturen im Allgemeinen und des Etats und Personalbestandes in Bibliotheken, zudem um Rassismus und rechte Kampagnen, die Einfluss auf die Bibliotheken nehmen wollen – sei die Arbeit in Bibliotheken schwieriger und gefährlicher geworden. So berichten mehr als 50 % der Befragten, dass sie in den letzten zwei Jahren mehrfach gewalttätige Situationen erlebt haben, aggressives Verhalten hätten 70 % erlebt. Einige der abgefragten Werte haben sich merklich erhöht, andere sind leicht gesunken. Erstaunlich ist wohl die Angabe, dass Bibliotheken in Schweden zu grossen Teilen “Notknöpfe” zum Herbeirufen von Polizei und Strategien zum Umgang in schwierigen oder gefährlichen Situationen entwickelt haben. Das Gesamtbild ist das einer schwieriger werdenden Arbeit in Bibliotheken. Ein Problem solcher Umfragen ist selbstverständlich, dass viel zusammengefasst wird, was unterschiedliche Gründe hat und unterschiedlich bewerten werden sollte. Beispielsweise wird Graffiti (wieder einmal) mit Diebstahl und Zerstörung zusammengezählt, es wird in der gleichen Umfrage nach Gewalt und Umgang mit Menschen mit physischen Störungen gefragt. (ks)

Gilpin, Gregory ; Bekkerman, Anton (2020). Households’ public library use across the school calendar. In: Library & Information Science Research (In Press), https://doi.org/10.1016/j.lisr.2020.101012 [Paywall]
In einer empirischen Studie – deren Datenbasis allerdings schon einige Jahre alt ist – wurde anhand einer anonymisierten Öffentlichen Bibliothek in Montana untersucht, wie sich der ökonomische Status und die Entwicklung des Schuljahres auf die Nutzung der Bibliothek auswirkten. Wie der Artikel richtig vermerkt, könnte der Fall dieser Bibliothek spezifisch sein, aber die ausführlich dargestellte Methodik kann auch für andere Bibliotheken reproduziert werden (zumindest in den USA, es ist nicht klar, ob die verwendeten Daten in Europa erhältlich wären, ausserdem wären – wie immer bei solchen Studien – kulturelle Eigenheiten zu beachten). Die Ergebnisse zeigten, dass das Schuljahr, also vor allem die Ferien, einen Einfluss auf die Bibliotheksnutzung hatten, aber dass – entgegen begründeter Vermutungen – Familien aus dem sozio-ökonomischen schwächsten Schichten mit einem Viertel die Hauptnutzenden der Bibliothek waren. Es gab bei diesen Personen einen klaren Einfluss der zur Bibliothek zurückzulegenden Strecke – je weiter entfernt sie wohnten, um so seltener nutzten sie die Bibliothek (dies war bei den beiden “mittleren” Vierteln nicht der Fall, beim reichsten drehte sich diese Beziehung sogar um). Ansonsten zeigten die Daten, dass zumindest in diesem Fall die Bibliothek erfolgreich darin ist, die Personen mit den wenigsten eigenen Ressourcen zu erreichen. (ks)

Strover, Sharon ; Whitacre, Brian ; Rhinesmith, Colin ; Schrubbe; Alexis (2020). The digital inclusion role of rural libraries: social inequalities through space and place. In: Media, Culture & Society 42 (2020) 2: 242–259, https://doi.org/10.1177/0163443719853504 [Paywall]
In der US-amerikanischen Literatur über Öffentliche Bibliotheken wird immer wieder deren Bedeutung als Einrichtungen beschrieben, die einen kostenlosen Internet-Hotspot anbieten, insbesondere im ländlichen Raum. Dies klingt manchmal, im Jahr 2020, unwirklich. In der Studie von Strover et al. wird allerdings gezeigt, warum dies so ist: Sie führten in 24 Gemeinden im ländlichen Kansas und Maine Interviews durch – mit Bibliothekar*innen, Nutzender*innen und anderen Personen – die zeigen, wie schlecht eigentlich die Infrastrukturen ausserhalb urbaner Räume in den USA sind und wie unmöglich es teilweise ist, das Internet zu nutzen. Menschen in diesen Gebieten sind faktisch den Entscheidungen einzelner Firmen ohne Konkurrenz ausgeliefert, die oft beschliessen, diese Gebiete nicht oder schlecht zu bedienen. Sie planen ihre Nutzung des Internets explizit, weil sie nur selten Zugang haben. Dass die Hotspots von Bibliotheken in einem solchen Setting grosse Bedeutung haben, ist leicht verständlich. Aber gleichzeitig wird auch sichtbar, dass die Situation im DACH-Raum – in dem auch im ländlichen Raum Probleme bei der Netzabdeckung existieren, aber nicht solche grossen – damit nicht einfach verglichen werden kann. (ks)

2.2 Wissenschaftliche Bibliotheken

Shohama, Snunith ; Klain-Gabbay, Liat (2019). The academic library: Structure, space, physical and virtual use. In: The Journal of Academic Librarianship 45 (2019) 5: 102053 https://doi.org/10.1016/j.acalib.2019.102053 [Paywall]
Eine Mixed-Method-Untersuchung an Einrichtungen in Israel, die sowohl Mitarbeiter*innen als auch Nutzer*innen einbezog, ergab, dass die wissenschaftliche Bibliothek für das Informationszeitalter (“information age”) groß, zentralisiert und multidisziplinär aufgestellt sein, Bestände aus möglichst vielen Themenfelder bereithalten und umfassend digitale Dienste anbieten sollte. (bk)

Broadbent, Dan (2020). The highs and lows of physical browsing: How shelf position affects book usage in academic libraries. In: The Journal of Academic Librarianship 46 (2020): 102074, https://doi.org/10.1016/j.acalib.2019.102074
In einer kleinen Studie, die aber dazu anregen sollte, über die Praxis der Bestandspräsentation in Bibliotheken nachzudenken, zeigt Broadbent, dass der aus dem Buch- und Einzelhandel bekannte Effekt, dass diejenigen Bücher beziehungsweise Produkte, welche in Regalen in Augenhöhe aufgestellt sind, öfter ausgewählt werden als diejenigen darüber oder darunter, auch in Wissenschaftlichen Bibliotheken zutrifft. Die Ergebnissen seiner Studie in der eigenen Bibliothek sind recht eindeutig, die Studie einfach reproduzierbar. Wenn sich solche Ergebnisse auch in anderen Wissenschaftlichen Bibliotheken zeigen, wäre es ein Hinweis darauf, dass man darüber nachdenken sollte, wie Medien im Raum aufgestellt sind. Man würde davon ausgehen, dass Nutzende in Wissenschaftlichen Bibliotheken Medien nach ihrem Inhalt auswählen – was sich allerdings bei Broadbent für die Medien, die im Regal ausgewählt werden, nicht zeigt. Da Bibliotheken anstreben, den Nutzenden die jeweils bestmögliche Literatur zu ihrem Studium, Lehre und Forschung zu liefern, ist es ein Problem, wenn die Nutzung von Literatur stark davon mitbestimmt ist, auf welcher Höhe sie im Real steht, da sich diese Höhe bekanntlich aus der jeweiligen Aufstellungsordnung und Möblierung ergibt, nicht aus Verkaufsüberlegungen. (ks)

Doty, Philip (2020). Library analytics as moral dilemmas for academic librarians. In: The Journal of Academic Librarianship (In Press), https://doi.org/10.1016/j.acalib.2020.102141 [Paywall]
In dieser Kolumne geht es eigentlich um die Frage, ob und wenn ja wie Hochschulbibliotheken auf die Möglichkeiten, die ihnen heute mit den ganzen elektronisch erhobenen Daten zur Verfügung stehen, zurückgreifen sollen, um Studierende zu beraten beziehungsweise ihre Bibliotheksnutzung zu lenken. Diese ist explizit als moralische Frage geframt: Die Daten verraten mehr über die Nutzenden, als diese vielleicht von sich preisgeben wollen. Sie zu nutzen, kann auch Vorurteile und gesellschaftliche Strukturen verstärken. Der Autor diskutiert verschiedene mögliche Antworten auf diese Fragen. Interessant für den DACH-Raum (in welchem auch andere Formen von “analytics”, vor allem die “learning analytics”, die im angloamerikanischen Raum Verbreitung gefunden haben, bislang weniger Anklang fanden) ist wohl die erschreckend lange Liste in der Mitte des Textes, in welcher aufgezählt wird, was für Daten über Nutzende in den USA (und wohl auch Kanada und anderen Staaten) offenbar standardmässig erhoben werden. (ks)

2.3 Open Access & Open Science

Kaier, Christian; Lackner, Karin (2019): Open Access aus der Sicht von Verlagen. In: Bibliothek – Forschung und Praxis, Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 43, Issue 1. S. 194–205, https://doi.org/10.1515/bfp-2019-2008
Der Beitrag bildet die Ergebnisse einer Studie zu Einstellungen von 82 kleinen und mittelständischen Wissenschaftsverlagen zum Komplex “Open Access” ab und verdeutlicht eine diesbezüglich heterogene Situation, die von starker Ablehnung, eingestandenen Kompetenzlücken bis hin zu Neugier und Offenheit reicht. Dass sich Open Access als wissenschaftlicher Publikationsstandard durchsetzen wird, glaubte nur etwa ein Drittel der teilnehmenden Verlage. Zwei Drittel sehen in ihm eine Ergänzung und für einen kleinen Prozentsatz ist Open Access nur ein “vorübergehender Trend mit geringer Relevanz”.
Wo Vorteile für Open Access herausgestellt werden, nimmt man sie besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich bei der Sichtbarkeit und erwarteten Wettbewerbsvorteilen an sowie in der Möglichkeit einer Kooperation von Verlagen und Hochschulen, wobei Verlage eine Dienstleisterrolle übernehmen könnten. Bei den naturwissenschaftlichen Verlagen sieht man einen neuen Markt und finanzielle Anreize, die für Open Access sprechen. Als Nachteile werden rechtliche Unsicherheiten, ein möglicher Zwang zu Open Access durch Förderer und Unklarheiten hinsichtlich der Entwicklung von Geschäftsmodellen sowie ein generell neuer und großer Aufwand bei Beratung und Administration gesehen. Ein entscheidender Faktor scheint für die Verlage bei den Kosten einerseits in Open-Access-taugliche Infrastruktur und andererseits zur entsprechenden Qualifikation von Mitarbeiter*innen zu liegen, verbunden mit unklaren Aussichten bei der Open-Access-Finanzierung. Im Ergebnis werden drei Empfehlungen für die Verlage formuliert: Erstens, eine Erhöhung der Open-Access-Kompetenz in den Verlagen, zweitens eine bessere Kommunikation von Open-Access-Fördermöglichkeiten durch die Förderer an die Verlage sowie drittens eine stärkere Berücksichtigung der kleinen und mittelständischen Verlage (zum Beispiel eine bessere Kommunikation und Kooperation) durch die Universitäten und wissenschaftlichen Bibliotheken. (bk)

Moksness, Lars; Olsen, Svein Ottar (2020). Perceived quality and self-identity in scholarly publishing. In: JASIST (Journal of the Association for Information Science and Technology). 71 (2020) 3: 338–348, https://doi.org/10.1002/asi.24235 [Paywall], https://hdl.handle.net/10037/17262 [OA-Version]
Die Autoren untersuchten anhand eines Samples von 1600 norwegischen Wissenschaftler*innen die Bedeutung einerseits der Selbstwahrnehmung (self-identity, differenziert nach work-self und career-self) und andererseits die wahrgenommene Qualität einer Zeitschrift (anhand der Kriterien Impact, Sichtbarkeit, inhaltliche Güte) für eine Publikationsentscheidung für oder gegen Open Access. Welche Kriterien in welchem Ausmaß wirken, hängt jeweils davon ab, ob individuell die Arbeits- oder die Karriereorientierung dominieren. Bei der Arbeitsorientierung ist der Aspekt der inhaltlichen Güte für die Auswahl des Publikationsmediums vorrangig, bei der Karriereorientierung der zugeschriebene Impact einer Publikation. Open-Access-Publikationen werden in beiden Aspekten eher als nachrangig angesehen. Dabei spielt die objektive Qualität keine Rolle, sondern allein die jeweils subjektiv wahrgenommene Qualität insbesondere auch der Peer-Review- und Editorial-Prozesse, was Konsequenzen für die Open-Access-Vermittlung haben sollte. Dass eine Open-Access-Publikation eine allgemeine höhere Sichtbarkeit nach sich zieht, wird allgemein angenommen. Das Argument wiegt aber meist im Vergleich weniger, außer in Fällen, in denen bewusste eine breitere Zielgruppe gesucht wird. Generell bleibt der Ruf von Open-Access-Publikation als qualitativ und im Status nachrangig bestehen. Wissenschaftler*innen müssen zudem oft eine Abwägung zwischen persönlichen Einstellung und karrierefördernden Aspekten treffen, wobei die Entscheidung häufig zuungunsten Open Access ausfällt. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Entwicklung von Policies und Anreizstruktur diesen Zwiespalt berücksichtigen muss. (bk)

Waltman, L., Larivière, V., Milojević, S., & Sugimoto, C. R. (2020). Opening science: The rebirth of a scholarly journal. In: Quantitative Science Studies, 1 (2020) 1: 1–3. https://doi.org/10.1162/qss_e_00025
Was motiviert das Herausgeber*innenteam einer etablierten wissenschaftlichen Zeitschrift, geschlossen zurückzutreten und stattdessen eine neues Journal zu gründen? Das erste Editorial des neu gegründeten Journals QSS stellt – neben der prägnanten Zusammenfassung “[b]y 2019, however, the misalignment in values between the scholarly community and large profit-driven publishers could no longer be ignored. This led to the collective resignation of the editorial board of JOI and the founding of Quantitative Science Studies (QSS).” – die Hintergründe dar, diskutiert die Bedeutung von offenen Daten für das eigene Forschungsfeld (die Szientometrie beziehungsweise Bibliometrie) und lässt auch frühere OA-Flips anderer Editorial Boards nicht unerwähnt. (mv)

Blümel, Ina ; Drees, Bastian ; Hauschke, Christian ; Heller, Lambert ; Tullney, Marco. (2019) Open Science und die Bibliothek – Aktionsfelder und Berufsbild. In: Mitteilungen der VÖB, 72 (2019) 2: 243–262. https://doi.org/10.31263/voebm.v72i2.2808
Im Rahmen eines Schwerpunktheftes der Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare zum Thema “Open Science” stellte ein Team der Technischen Informationsbibliothek Hannover – welche in diesem Gebiet bekanntlich stark engagiert ist – die ihrer Ansicht nach für Bibliotheken relevanten Entwicklungen in diesem Bereich dar. Der Artikel scheint stark von der Arbeit in Hannover geprägt worden zu sein, enthält damit aber auch fundierte Vorstellungen der kurz- und mittelfristigen Entwicklungen inklusive Hinweise auf schon etablierte Projekte. Er wurde mit gutem Recht als Einstiegstext in das Thema an den Anfang des Schwerpunktes gestellt. (ks)

2.4 Theorie und Forschung in Bibliothekswesen

Ojennus, Paul (2019). Modelling advances in gatekeeping theory for academic libraries. Journal of Documentation, 76 (2019) 2: 389–408. https://doi.org/10.1108/JD-03-2019-0051
[Aus dem Redaktions-internen Chat:] “While the language of gatekeeping theory, such as ‘gatekeeper,’ ‘source,’ ‘channel’ and the like, have been adopted by LIS scholars, primarily from the development of the theory in journalism and communications, that language is often untethered from its original theoretical base.” – das dürfte doch ein Satz nach deinem Geschmack sein, @karstenschuldt, oder? https://www.emerald.com/insight/content/doi/10.1108/JD-03-2019-0051/full/html (bk)

Jochum, Uwe (2019). Nicht nicht schreiben. In: Bibliotheksdienst 53 (2019) 12: 732–741, https://doi.org/10.1515/bd-2019-0103 [Paywall]
Sühl-Strohmenger, Wilfried (2019). Schreiben als Nebentätigkeit eines Bibliothekars - mehr Lust als Last!. In: Bibliotheksdienst 53 (2019) 12: 742–751, https://doi.org/10.1515/bd-2019-0104 [Paywall]
Hauke, Petra (2019). Der Bibliothekar als Autor. In: Bibliotheksdienst 53 (2019) 12: 752–756, https://doi.org/10.1515/bd-2019-0105 [Paywall]
Mit dem Schwerpunkt “Bibliothekar*innen als Autor*innen” griff der Bibliotheksdienst ein Thema auf, welches selbstverständlich auch die LIBREAS-Redaktion immer wieder umtreibt: Warum in unserer Profession überhaupt schreiben? Drei produktive Autor*innen gaben dazu Auskunft. Alle drei sind der Meinung, dass es zur normalen bibliothekarischen Arbeit gehören muss, sich schriftlich zu äussern. Uwe Jochum führt dies – erwartungsgemäss – auf ein Bild bibliothekarischer Arbeit zurück, bei dem die Auseinandersetzung mit dem Buch und der Geschichte von Buch und Bibliothek immanenter Teil dessen ist, was bibliothekarische Identität ausmacht. Wer nicht schreibt und publiziert, würde einen gewichtigen Teil dessen aufgeben, wofür die (Wissenschaftliche) Bibliothek überhaupt existiert. Wilfried Sühl-Strohmenger und Petra Hauke hingegen reflektieren ihre eigene Schreibpraxis und Herausgeber*innenschaft im Bibliothekswesen als Teil professioneller Entwicklung – sowohl individuell als auch als gesamte Profession – und als Möglichkeit, über das eigene Tun nachzudenken. Sühl-Strohmenger verweist explizit darauf, dass die Zeit, die in das Schreiben und Publizieren hineingesteckt wird, sich positiv auf seine eigene Arbeit auswirkt und in Kontakten zu anderen Kolleg*innen niederschlägt. (ks)

Stephen Macdonald, Briony Birdi (2020). The concept of neutrality: a new approach. In: Journal of Documentation 76 (2020) 1: 333-353. https://doi.org/10.1108/JD-05-2019-0102 [Paywall], http://bgro.repository.guildhe.ac.uk/id/eprint/616 [OA-Version]
Stephen Macdonald und Briony Birdi analysieren das Verständnis des Konzepts der Neutralität in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft und den bibliotheksspezifischen Debatten. Sie stellen fest, dass häufig ein stark vereinfachtes Verständnis vorliegt, was der Komplexität von “Neutralität” nicht gerecht wird. Dies zeigt sich in häufig zu findenden “Pro-und-Kontra”-Positionierungen, denen eine begriffliche Differenzierung fehlt. Aus einer Literaturanalyse und Interviews ergab sich eine nuanciertere Perspektive, die sie in einer Kategorisierung abbilden. Die Literaturauswertung ergab vier Varianten eines Verständnisses von Neutralität. Die erste, sehr positiv konnotierte entspricht einer Art Distanziertheit, die es Bibliotheken ermöglicht, die Gesamtheit von möglichen Einstellungen zu berücksichtigen, Zensur entgegenzuwirken sowie allgemein politische Freiheit zu fördern. Daneben gibt es eine kritischere Wertedimension, die davon ausgeht, dass die Idee der Neutralität notwendig auf stillen Vorannahmen (“tacit value”) fußt, die es freizulegen gilt. Eine weitere Position ist das Verständnis der Bibliothek als sozial gerichtete Einrichtung – Bibliotheken stehen im Dienst der Gesellschaft oder bestimmter Gruppen, woraus sich eine soziale Verantwortung ergibt, die Neutralität entgegen steht. Schließlich ergibt sich aus der Berufspraxis, dass ein neutrales professionelles Handeln unmöglich ist, da jede Entscheidung (Empfehlungen, Zielgruppenansprache, Leitbilder und so weiter) immer auf bestimmte Werte der Handelnden zurückgeht. Die Interviews ergaben, dass “Neutralität” einerseits als positiver Wert und Garant von Fairness angesehen wird, wobei im Kern die Trennung zwischen persönlichen und professionellen Einstellungen bei Entscheidungen steht. Eine zweite Perspektive sieht Neutralität externen Anforderungen, unter anderem der Priorisierung der Vermittlung progressiver Werte oder einem Engagement für bestimmte Gruppenanforderungen untergeordnet. Eine dritte Einstellung zur Neutralität betont die Ambivalenz und die prinzipielle Unentscheidbarkeit oder auch Unsicherheit im Umgang mit dem Konzept. Die “Hidden Values”-Perspektive geht schließlich wiederum davon aus, dass Neutralität unmöglich ist, da sie immer auf impliziten Annahmen und Werten beruht. Die Hoffnung der Autor*innen liegt darin, dass die vorgenommene Differenzierung allzu pauschalen Auseinandersetzungen unter dem Label der Neutralität entgegen wirkt und die Tonalität der Debatten verschiebt. (bk)

2.5 Neue Open Access-Zeitschriften

API-Magazin 1 (2020), https://doi.org/10.15460/apimagazin.2020.1
Neu hinzugetreten in die Reihe der Open Access-Zeitschriften im Feld der deutschsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist das API Magazin (Ausbilden | Publizieren | Informieren), welches von Studierenden der HAW Hamburg publiziert wird. Es wurde im Rahmen eines Projektes erstellt, eine zweite Ausgabe ist geplant. Weitere werden hoffentlich folgen. Die erste Ausgabe erlaubt Einblicke in die Arbeiten von Studierenden im Studium in Hamburg selber (inklusive, überraschenderweise, einer Kritik der Mensa an der FH Graubünden). (ks)

RuZRecht und Zugang, 1 (2020)1, https://doi.org/10.5771/2699-1284-2020-1
Ebenfalls neu startete mit Recht und Zugang eine Open Access-Zeitschrift, die sich nicht explizit dem Bibliotheksrecht, sondern den Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem Zugang zu digitalen Daten widmen will. Dass es sich dabei oft um Fragen des Open Access drehen wird, ist zu erwarten und wird in der ersten Nummer auch deutlich. Die Zeitschrift wird zweimal im Jahr erscheinen. (ks)

Nordic Journal of Library and Information Studies, Ankündigung, https://tidsskrift.dk/njlis/about
Angekündigt wurde die Gründung des Nordic Journal of Library and Information Studies, welches die Bibliotheks- und Informationswissenschaft Skandinaviens zum Fokus haben soll. (Ohne Island, offenbar.) Nachdem 2016 die Scandinavian Library Quarterly eingestellt wurde, gab es keinen solchen gemeinsamen Publikationsort, mit dem von aussen auf die dortigen Bibliothekswesen geschaut werden konnte. Deshalb ist diese Gründung sehr zu begrüssen. Aktuell ist die Ankündigung der Zeitschrift (https://tidsskrift.dk/njlis/about) und der Call for Papers (https://tidsskrift.dk/njlis/announcement/view/802) einzusehen. Die erste Nummer soll im Sommer 2020 erscheinen, die zweite Nummer Ende diesen Jahres. Eine Sprache ist für die Publikationen nicht vorgeben, aber alle Informationen sind bislang auf Englisch. Für die, die keiner skandinavischen Sprache mächtig sind, wäre es von Vorteil, wenn dies auch für die dann veröffentlichen Publikationen gilt. (ks)

3. Monographien und Buchkapitel

Reidsma, Matthew. Masked by Trust: Bias in Library Discovery. Sacramento, CA: Litwin Books, 2019
Das Hauptargument dieses Buchs ist, dass Bibliotheken nicht wüssten, wie die Integrierten Bibliothekssysteme funktionieren, insbesondere die Kataloge, funktionieren, während sie gleichzeitig den Eindruck vermitteln, dass diese – weil die Daten in diesen aus Bibliotheken stammen würden – bessere, überprüfte und deshalb vertrauenswürdige Ergebnisse liefern würden. Reidsma zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Bibliotheken wissen nicht, mit welchen Algorithmen in diesen Systemen gearbeitet wird. Sie haben auch keine Kontrolle darüber. Die Firmen, welche die eigentlichen Systeme programmieren und maintainen, entscheiden über die Algorithmen. Diese Firmen orientieren sich nicht an bibliothekarischen Werten und Diskussionen, sondern an Suchtechnologien – und dabei auch Denkweisen – grosser Datennutzer wie Google oder Facebook. Das Buch ist ein Aufruf, (a) dies als Problem zu sehen und anzugehen, (b) nicht weiterhin so zu tun, als wären die Ergebnisse aus Bibliothekskatalogen besser als andere, (c) sich (wieder) mit Fragen wie Relevanzentscheidungen (also der Frage, was wieso an welcher Stelle von Suchergebnissen angezeigt wird) zu beschäftigen. Reidsma zeigt, anhand von Problemen, die bei den “grossen Firmen” im Bibliotheksbereich auftreten, und Untersuchungen von Bibliothekskatalogen, dass dies tatsächlich ein Problem darstellt. Negativ zu vermerken ist, dass das Material für das Buch gestreckt erscheint. Es hätte auch in einem längeren Paper ausreichend Platz gehabt. Zudem hätte das Buch von einer stärkeren editorischen Hand profitiert. Mehrere Argumente und Geschichten wiederholen sich an verschiedenen Stellen. (ks)

Smith Adrich, Rebekkah. Sustainable Thinking. Ensuring your Library’s Future in an Uncertain World. Chicago: ALA Editions, 2018
Vor diesem Buch ist zu warnen. Der Titel könnte dazu verführen zu denken, es ginge in ihm um Fragen des Umweltschutzes, eventuell auch um Möglichkeiten von Bibliotheken mit den Herausforderungen der Klimakatastrophe umzugehen. Dem ist überhaupt nicht so. Es beginnt mit einem Kapitel über die Kampagnen, welche Öffentliche Bibliotheken in den USA führen müssen, um die zusätzlichen Steuern für ihren Etat zu erhalten. Dies verführt dazu zu denken, dass Sustainability hier etwas anderes meint, nämlich die nachhaltige Finanzierung von Bibliotheken (was ein sinnvolles Thema wäre). Aber auch das ist falsch. Es geht in diesem Buch um alles und nichts.
Die Autorin ist “coordinator for library sustainability” in einem Bibliothekssystem im Bundesstaat New York, aber was genau dies für eine Position ist, ist nicht klar. Ausgehend von dem, was sie davon in diesem Buch schreibt, geht es offenbar darum, alle möglichen Projekte von Bibliotheken irgendwie zu unterstützen und dabei als Beraterin vor allem Bibliotheken selber zum Tun zu motivieren. Das scheint alles sein zu können: Community-Arbeit, Bau von Bibliotheken, die genannten Kampagnen um Steuererhöhungen, Marketing, und ja, auch Reaktionen auf konkrete Klimakatastrophen.
Dies alles wird ohne erkennbare Struktur oder Zusammenhang in Kapiteln von je vielleicht drei oder vier Seiten und dann je einem Formular für eine Aktivität der Bibliotheken (im Stile von “Brainstormen Sie, was das für ihre Community bedeutet. Was kann ihre Bibliothek noch tun, um dabei besser zu werden?”) behandelt, gespickt mit mal persönlichen Geschichten, mal von irgendwoher herangezogenen Studien. Dies alles in einem Stil, als würde die Autorin davon ausgehen, alle wären schon auf dem gleichen Wissensstand und müssten nur noch schnell motiviert werden. Es ist nicht klar, was das Buch soll. Aber es vermittelt den Eindruck einer ständig getriebenen Autorin, die sich auf kein Thema fokussieren und auch keine fertige Aussage machen kann. Falls dies ein Einblick ist, wie in den USA heute in Bibliotheken gearbeitet wird, ist es gleichzeitig eine Warnung, sich diese als Vorbild zu nehmen. (ks)

Poissenot, Claude (2019). Sociologie de la lecture. (Cursus Sociologie) Malakoff: Armand Colin, 2019
Dieses kurze Buch (rund 200 Seiten), in einer Reihe von Einführungswerken in soziologische Themen erschienen, bietet eine leicht verständliche Übersicht zu den soziologischen Fragen, die sich an das Lesen stellen. Es ist für den französischen Markt produziert, insoweit sind alle Daten auf Frankreich bezogen. Und selbstverständlich ist es, als Überblickswerk, nicht vollständig umfassend. Aber in seinen drei Abteilungen (“Was ist Lesen?”, “Die sozialen Differenzen bei den Praktiken des Lesens” und “Die Erfahrungen des Lesens”) skizziert es alle grundlegenden Fragestellungen, von der Ökonomie des Buchhandels (inklusive einer Darstellung der Notwendigkeit eines Second-Hand Buchmarktes für die Verbreitung des Lesens), der Veränderungen der Lesepraktiken zwischen den Generationen, den sozialen Unterschieden, bis zum Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei der Ausprägung der Lesens. Integriert sind, neben bemerkenswert vielen konkreten Daten, auch einige grundlegende Modelle, beispielsweise zur Reproduktion und Veränderung von Lesepräferenzen zwischen Generationen. Für die Lesenden im DACH-Raum ist diese Übersicht auch Hinweis darauf, was eigentlich möglich wäre, sowohl an konkreter Forschung zum Lesen als auch an Theoriebildung. Als Hintergrund für die Arbeit in Bibliotheken würde man sich so etwas auch im DACH-Raum wünschen. Es sollte Basis der Arbeit mit Lesenden und dem Lesen im Allgemeinen sein. Leider gibt es dieses Pendant nicht. (ks)

3.1 Bibliotheksgeschichte Deutschland

Flachowsky, Sören. “Zeughaus für die Schwerter des Geistes” : die Deutsche Bücherei in Leipzig, 1912-1945. Göttingen: Wallstein Verlag, 2018 [2 Bände]
Müller, Tonia Sophie. “Minderwertige” Literatur und nationale Integration : die Deutsche Bücherei Leipzig als Projekt des Bürgertums im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Göttingen: Wallstein Verlag, 2019
Rau, Christian. “Nationalbibliothek” im geteilten Land : die Deutsche Bücherei 1945-1990. Göttingen: Wallstein Verlag, 2018
Zur Geschichte der Deutschen Bücherei – heute Deutsche Nationalbibliothek – erschienen in den letzten Jahren gleich drei, zum Teil überaus umfangreiche Studien (eine 2 Bände umfassend), alle im Wallstein Verlag. Zwei davon stammen aus dem gleichen Projekt (Flachowsky 2018; Rau 2018) und sind in den von ihnen behandelten Zeiträumen aneinander angedockt. Eine (Müller 2019) stellt eine Dissertation zu einem gesonderten Thema dar. Im Projekt von Flachowsky sollte die Geschichte der Deutschen Bücherei während des Nationalsozialismus geschrieben werden, er dehnte den Zeitraum aber bis zur Gründung der Bibliothek 1912/1913 aus. Rau schliesst daran an und schrieb die Geschichte der Bibliothek in der SBZ/ DDR. Beide Historiker hatten dafür Zugang zu den Unterlagen der Nationalbibliothek, welche das Projekt anregte.
Beide Werke sind deshalb umfangreich, enthalten vielzählige interne Details und liefern eine Kontextualisierung der Geschichte der Bibliothek. Sie zeigen, dass diese selbstverständlich immer ein politisches Projekt war und auch selber aktiv Politik betrieb, also nie – wie in der Historie der Bibliothek oft behauptet wurde – eine unpolitische Einrichtung gewesen sei, die einfach einem Sammlungsauftrag gerecht geworden wäre. Vielmehr zeigen beide Studien, dass die Bibliothek, nachdem sie einmal etabliert war, sich in jedem Regime (Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, SBZ/ DDR) verorten konnte. Für die Periode 1912–1945 zeigt Flachowsky auch gut, dass sich die Bibliothek zwar lange als “unpolitisch” verstand, aber gleichzeitig einem vom konservativen Bürgertum getragenen “nationalen” und illiberalen Verständnis folgte. Dies ist schon daran ersichtlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie in Anspruch nahm, das gesamte deutschsprachige (und nicht etwa das gesamte in Deutschland produzierte) Schriftgut zu erfassen und zu sammeln. Die Idee der “Kulturnation”, welche über den politischen Nationen stehen würde, wurde daran ersichtlich, dass auch Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg in den eigenen Auftrag einbezogen wurden.
Beide Studien sind allerdings Institutionengeschichte. Es ist offensichtlich, dass beide Studien von Historikern geschrieben wurden, nicht von Bibliothekar*innen. Auf der Basis der vorhandenen Dokumente wird die Geschichte der Deutschen Bücherei als Einrichtung erzählt. Dabei kommen bibliothekarische Themen selbstverständlich immer vor: Der Streit um die Titeldrucke mit der Preussischen Staatsbibliothek zu Berlin, Fragen zur Gestaltung der Nationalbibliographie und anderes. Aber vorrangig geht es um Personen, Institutionen und gesellschaftliche Entwicklungen. Grossen Raum nimmt die Schilderung der Entscheidungen einzelner Personen und der Verwicklungen von Institutionen ein. Die Direktoren beziehungsweise Generaldirektoren sowie andere Leitungsfiguren stehen immer wieder im Zentrum der Darstellung. Es geht immer wieder auch um Beziehungen innerhalb und ausserhalb der Bibliothek, um Aufträge von staatlichen Stellen, Auseinandersetzungen oder Kooperationen mit anderen Bibliotheken, bei Flachowsky auch zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels, welcher die Bibliothek bekanntlich gründete. Das trägt dazu bei zu zeigen, wie sehr die Bibliothek bis 1945 intern ein Ort des konservativen Bürgertums war und wie schnell sie sich nach 1945 in die neuen politischen Gegebenheiten einfügte. Stellenweise führt das zu einer gewissen Unübersichtlichkeit der Schilderungen, weil zu viele Stellen Einfluss nahmen. Etwas irritierend sind manche (wenn auch inhaltlich oft nachvollziehbare) subjektive Wertungen bei Flachowsky, der beispielsweise Etatsummen als lächerlich bezeichnet oder die nationalsozialistische Politik mit zusätzlichen ablehnenden Adjektiven beschreibt.
Die Promotion von Müller (2019) beschäftigt sich mit dem Entstehen des Erwerbungsprofils der Deutschen Bücherei. Ausgangsfrage ist, wie es dazu kam, dass in einer Zeit, in welcher ein sogenannter “Schmutz- und Schundkampf” geführt wurde, mit der Deutschen Bücherei eine Bibliothek gegründet wurde, die umstandslos alles sammelte. In diesem Kampf wurden Teile der Literatur als inhaltlich oder künstlerisch minderwertig und gleichzeitig in ihrer Wirkung als so gefährlich begriffen, dass ihr Erscheinen gestoppt werden müsse – und trotzdem erfolgte die Gründung der Deutschen Bücherei gerade aus den bürgerlichen Schichten heraus, die sich stark in diesem “Kampf” engagierten. Dies ist, wie Müller zeigt, auch erstaunlich, weil alle anderen Bibliotheken in Deutschland auf eine Auswahl bestanden, insbesondere mit der Preussischen Staatsbibliothek die grösste. Die Studie zeigt, dass dies mit der Entwicklung eines modernen Verständnisses von Geschichte und Bibliothekstechnik zu erklären ist. Einerseits verbreitete sich mit der neu etablierten Kulturgeschichte die Sicht, dass Geschichte sich nicht an herausragenden Objekten oder Literatur verstehen liesse, sondern nur durch Einbeziehung von Objekten aller Schichten und Qualitäten. Immer wieder wurde betont, dass in einem Zeitalter nicht vorhergesagt werden könne, was in späteren Zeitaltern als wichtig für die Geschichte angesehen werden könne, weil sich Interessen ändern würden. Deshalb sei es nicht sinnhaft möglich, eine Auswahl für die Zukunft zu treffen. Alles müsse gesammelt werden, weil alles einmal wichtig sein könnte. Gleichzeitig, wie Müller auch darstellt, war es eigentlich immer unmöglich zu klären, was genau zu “Schmutz und Schund” zu zählen sei und was nicht. Auch dies war veränderlich und umstritten, insoweit liessen sich keine Abgrenzungskriterien benennen.
Aus diesem Denken heraus ergab sich für die Deutsche Bücherei, dass tatsächlich alles gesammelt werden sollte, was in den selbstgesteckten Rahmen der “deutschsprachigen Literatur” gehörte. Möglich wurde das nur durch ein modernes Verständnis von Bibliothekstechnik (im Sinne von Denkweisen und -methoden), die das Sammeln und Katalogisieren als mechanische Arbeit verstand, für das zwar grosses Allgemeinwissen notwendig sei, aber bei der Selektion als Aufgabe ausgeschlossen werden konnte. Dadurch konnte eine Sammlungstätigkeit etabliert werden, bei der einzig die Vollständigkeit relevant war und ansonsten alles gleich behandelt wurde. Müller diskutiert dies anhand von “Schmutz und Schund”, zeigt aber auch, wie dieses Prinzip auf weitere Gebiete erweitert wurde, beispielsweise auf zensurierte und von Behörden einbezogene Literatur oder – mit dem Argument, Jiddisch sei ein deutscher Dialekt – die Sammlung jiddischer Literatur aus der gesamten Welt, selbst zu Zeiten eines weithin grasierenden Antisemitismus. Müller zeigt – und damit bestärkt sie die Ergebnisse von Flachowsky und Rau –, wie sich die Deutsche Bücherei als moderne Bibliothek im Kontext ihrer Zeit entwickelte.
Einige Desiderate sind im Anschluss an diese drei Studien zu benennen. Es fehlt jetzt eine Geschichte der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main 1945–1990, welche die der Deutschen Bücherei ergänzt. Als Kontrast wären ähnlich umfangreiche Studien für die vergleichbaren Einrichtungen im DACH-Raum (also österreichische und schweizerische Nationalbibliothek und Landesbibliothek Liechtenstein) zu wünschen. Wie betont, konzentrieren sich Flachowsky und Rau – mit Recht – auf historische Fragen. Aus bibliothekarischer Sicht wäre eine Ergänzung dieser Geschichtsschreibung mit Fokus auf bibliothekarische Fragen (also Sammeln, Erschliessen, Vermitteln, aber auch Bestandsentwicklung, Bibliothekstechnik und ähnliches) wünschenswert. Die Arbeit von Müller zeigt einerseits, dass sich gewiss weitere Fragen an die Geschichte der heutigen Deutschen Nationalbibliothek stellen lassen und andererseits – in Bezug auf Bibliothekstechnik –, wie notwendig ein Blick auch auf bibliothekarische Themen ist, um bestimmte Entwicklungen nachvollziehen zu können. (ks)

Overgaauw, Eef ; Schladebach, Tilman (Hg.) (2020). Zisterzienser auf Papier und Pergament. Handschriften aus dem Zisterzienserkloster Neuzelle in der Staatsbibliothek zu Berlin. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, 2020
Die Bibliothek des 1817 aufgelösten Zisterzienserklosters Neuzelle (Brandenburg) wurde weit zerstreut. Auch zuvor gab es in der Geschichte des Klosters Plünderungen, insoweit war sie eh schon wieder neu aufgebaut worden, als sie für immer schloss. In der Staatsbibliothek zu Berlin finden sich sieben ihrer Bücher wieder. Diese kurze Publikation stellt diese Bücher inklusive zahlreicher, schöner Abbildungen dar. Sie werden sowohl als Objekt Buch (also Material, Ausstattung, Schrift und so weiter) als auch als Texte (also ihre Bedeutung für den Orden, ihr Inhalt und so weiter) sachkundig dargestellt.
Offenbar war das Kloster, und damit auch seine Bibliothek, eher von lokaler Bedeutung. Die Bücher vermitteln also vor allem einen Einblick in ein durchschnittliches Klosterleben. Zudem ist das Buch Teil der Arbeit der Stiftung Stift Neuzelle, welche die Klosteranlage heute als touristische und historische Institution betreibt. Es ist deshalb ein Werk, das eher kurzweilig die Bücher und die Geschichte von Stift und Kloster vorstellt, als wissenschaftlich in die Tiefe zu gehen. Interessant ist es allemal. (ks)

3.2 Bibliotheksgeschichte USA

Moore, Sean D.. Slavery und the Making of Early American Libraries: Bristish Literature, Political Thought, & the Transatlantic Book Trade 1731-1814. Oxford: Oxford University Press, 2019.
Das Buch von Moore ist, trotz des Titels, nur bedingt eine Bibliotheksgeschichte und viel eher eine Buch- und Ideengeschichte. Er nennt es interdisziplinär. Sein Hauptuntersuchungsgegenstand ist der Zusammenhang zwischen fünf “subscription libraries” – also Mitgliedergesellschaften, die zusammen eine Bibliothek betrieben, welche von den Mitgliedern genutzt werden konnte – in den britischen Kolonien Nordamerikas und den frühen USA auf der einen Seite und der Sklaverei auf der anderen Seite.
Das ist einerseits sehr direkt: Die Bibliotheksgesellschaften waren Orte, an denen sich nur die soziale Elite der jeweiligen Städte versammelte. Die Gebühren waren immens, die Gesellschaften verweigerten zudem anderen den Beitritt. Und gleichzeitig waren alle Angehörigen dieser Eliten direkt mit der Sklaverei verbunden. Entweder als Sklavenhändler, Anteilseigner oder Versicherer von Schiffen, die für den Sklavenhandel benutzt wurden, oder zum Beispiel als Besitzer von Plantagen – die bekanntlich auf Sklavenarbeit basierten – oder Händler von Produkten dieser Plantagen.
Was Moore gelingt, ist zu zeigen, wie sehr die Literatur in den Bibliotheken dazu im Widerspruch stand. Er nutzt fünf Bibliotheksgesellschaften – Salem, Rhode Island, New York, Charleston, Philadelphia –, deren Bestände und, in Teilen, auch deren Ausleihbücher weiterhin vorhanden sind, um zu zeigen, wie sich das literarische Interesse und die politische Philosophie, welche rezeptiert wurde, entwickelten. Er kann zeigen, dass sich durch die Bibliotheken einen gemeinsamen Raum der Eliten bildeten, die Ähnliches lasen, über Ähnliches diskutieren. Sie funktionierten zudem als Clubs, in denen Geschäfte gemacht, Politik diskutiert und langsam eine US-amerikanische Identität entwickelte wurde. Er zeigt auch – noch einmal, das ist schon mehrfach gezeigt worden –, dass sich die späteren US-amerikanischen Revolutionäre, die sich in diesen Bibliotheksgesellschaften trafen, vor allem als englisch verstanden und sich auf England, englische Philosophie, Literatur und Recht bezogen. Ihr Aufstand entzündete sich am Ende daran, dass sie sich in ihren “englischen” Rechten eingeschränkt sahen – vor allem auch, weil der Sklavenhandel eingeschränkt werden sollte und Sklaven in England Rechte als Menschen zugesprochen werden. Moore geht lange einzelne Texte durch, die zum Teil explizit Position gegen die Sklaverei bezogen. Er zeigt, dass diese von den Mitgliedern der Gesellschaften vor allem so gelesen wurden, als wären sie selber in der Position von Sklaven, die von England unterdrückt würden, und nicht daraufhin, dass sie selber Sklaven hielten. Das gilt nicht für alle, einige der Mitglieder wurden Abolitionisten. Die meisten aber nicht.
Was in diesem Buch allerdings untergeht, ist die Geschichte der Bibliotheken selber. Moore konzentriert sich – als Historiker – auf den Zusammenhang zwischen der Institution Bibliotheksgesellschaft und der Sklaverei. Er will explizit keine Bestands- oder Ausleihgeschichte schreiben. Mehrfach kann er zeigen, wie der Buchkauf für die Bibliotheken direkt mit der Sklaverei verbunden war. Zum Beispiel wurden Bücher von den Krediten, die durch den Verkauf von Sklaven oder Plantagenprodukten erworben wurden, gekauft und dann auf den gleichen Schiffen transportiert wurde. Er nutzt als Quellen die Dokumente der Bibliotheken, die heute noch vorliegen, und die Bestände, die heute noch vorhanden sind.
Am Ende schlägt er einen Bogen zur heutigen Praxis, immer grössere Teile des Etats von Stiftungen, Universitäten und ähnlichen Einrichtungen durch “Philanthropie”, also dem Geld der Superreichen, zu finanzieren. Er sieht klare Parallelen zwischen den Sklavenhändlern, die sich mit dem Geld aus ihren Geschäften in den Bibliotheksgesellschaften einen angeblich unpolitischen, rein kulturellen Raum schufen, und den heutigen Sponsor*innen, die sich mit ihrem Engagement mehr oder minder moralisch freikaufen. Das Buch ist so überraschenderweise eingerahmt in ein Zitat Walter Benjamins am Anfang, der bemerkt, dass kein Objekt von Zivilisation ohne Zusammenhang zur Barbarei existiert, und einem Zitat Slavoj Žižeks am Ende, der den “philantrophisch-industriellen Komplex” kritisiert. (ks)

Martin, Robert Sidney (edit.). Carnegie Denied. Communities Rejecting Carnegie Library Construction Grant 1898-1925. (Beta Phi Mu Monographs, 3). Westport ; London: Greenwood Press, 1993
Die Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in den USA, Kanada, Neuseeland und Grossbritannien kommt an den von Andrew Carnegie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gestifteten Bibliotheksgebäuden nicht vorbei. Carnegie wird regelmässig als Prototyp des modernen Philanthropen angeführt. Auch kritische Texte, welche heutige Philanthropie als Steuerflucht und “Freikaufen” thematisieren, führen ihn als einen der ersten in einer langen Reihe an. Dies galt schon zeitgenössisch so. Wenn auch in der Bibliotheksgeschichte selten thematisiert, wurden Ende den 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts die Spenden von Carnegie kritisch gesehen. Unter anderem wurde Carnegies Reichtum von den Gewerkschaften und der sozialistischen Bewegung als Ergebnis von Ausbeutung (12-Stunden Tage und 7-Tage Woche in seinen Minen, Kinderarbeit, gewalttätige Niederschlagung von Streiks) angesehen, die Bibliotheksgebäude als Versuche, sich unberechtigter Weise als wohltätig darzustellen. Auch die Forderungen, die Carnegie für seine Spenden stellte – Nachweis, dass eine Community wirklich an einer Bibliothek interessiert sei, Bereitstellung eines geeigneten Grundstücks für den Bau, die Verpflichtung, mindestens 10 % der Summe der Spende pro Jahr für den Unterhalt der Bibliothek aufzubringen, freier Zugang für alle in der Bibliothek, bestimmte Vorstellungen über den Bau, insbesondere, dass er nur als Bibliothek genutzt werden dürfe – wurden teilweise als Zumutung angesehen.
Nicht alle Gemeinden in den betreffenden Staaten bemühten sich um Spenden von Carnegie, nicht alle, die sich bemühten, waren erfolgreich. Eine kleine Anzahl scheiterte trotz Zusagen. Dieses Buch enthält Forschungen zu solchen Gemeinden in den USA. Es gibt keinen gemeinsamen Grund, warum diese Vorhaben scheiterten. Nicht so oft, wie man vermuten würde, waren Gewerkschaften und sozialistische Partei, die sich bei Abstimmungen gegen die Annahme der Spenden stellten, dafür ein Grund. Eher waren lokale Politik und oft ein grosses Desinteresse der Bevölkerung an Bibliotheken ursächlich. Man lernt hier, dass sowohl Carnegie als auch Vertreter*innen für Öffentliche Bibliotheken oft überschätzten, wie wichtig Bibliotheken von Anderen angesehen wurden. Oft wurden sie nicht per se abgelehnt, sondern hinter andere Einrichtungen, die durch Steuern finanziert werden mussten, zurückgestellt. (Auch “Labour” war nicht per se gegen Öffentliche Bibliotheken, sondern nur gegen die von Carnegie.)
Was dieses Buch interessant macht, ist, dass hinter der (jetzt nicht mehr erscheinenden) Buchreihe die US-amerikanische “Honor Society” für Bibliothekswissenschaft Beta Phi Mu steht, welche die Forschung für die Texte nicht nur in Auftrag gab, sondern auch zum Teil finanzierte. Es ist erstaunlich zu sehen, dass es Zeiten gab, in denen Mittel für bibliotheksgeschichtliche Forschung zur Verfügung stand. Das Buch ist Nachweis, dass diese Mittel nicht schlecht angelegt waren, sondern tatsächlich zu einem vollständigeren Bild der Geschichte Öffentlicher Bibliotheken beitrugen. (ks)

3.3 Bibliotheksgeschichte Frankreich

Brémand, Nathalie (dir.). Bibliothèques en utopie: les socialistes et la lecture au XIXe siècle. Villeurbanne: Presses de l’Enssib, 2019
Der Sozialismus als politische Bewegung war immer auch eine Bildungsbewegung, die sich kontinuierlich unter anderem mit Fragen der (richtigen) Lektüre, der Position von Autor*innen in der Bewegung, der angestrebten, zukünftigen Gesellschaft sowie dem Zugang zur Lektüre auseinandersetzte. Der Sammelband Bibliothèques en utopie beschäftigt sich damit, wie diese Themen in der frühen sozialistischen Bewegung diskutiert und umgesetzt wurden. Dabei liegt der Fokus auf Frankreich – mit Blicken auf Grossbritannien und die USA – und vor allem auf den Teilen der Bewegung des 19. Jahrhunderts, die – der Polemik von Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei folgend – heute als “utopischer Sozialismus” bezeichnet würde: Charles Fourier, Robert Owen, den Neo-Babouvisten, Étienne Cabet, Pierre-Joseph Proudhon und anderen. Es geht also vor allem um die Zeit, in der weitreichende Gesellschaftsentwürfe vorgelegt, utopische Gemeinschaften gegründet und die Grundlagen der Genossenschaftsbewegung geschaffen wurden.
Mit dem Buch wird dabei allerdings ein gewisser Etikettenschwindel betrieben: Herausgegeben von der Enssib – der Ausbildungsstätte des französischen Bibliotheksdienstes – und einem Titel, welcher Bibliotheken explizit erwähnt, vermittelt es den Eindruck, der Fokus würde auf Bibliotheken liegen. Das ist nicht richtig. Von den drei Teilen des Buches versammelt nur der letzte Beiträge zu Bibliotheken, die anderen beiden beschäftigen sich mit Büchern und der konkreten Lektüre. Die Beiträge sind mit sehr unterschiedlichen Fokussen geschrieben worden. Einige beschäftigen sich explizit mit den privaten Bibliotheken einzelner Personen (Proudhon, Jules Gay), mit ihrer Lektüre und Publikationsprojekten (Gabriel Charavay, Pierre Leroux, Jean Reynaud) oder der Diskussion von Lektüre und Bibliotheken bei einzelnen Autoren (Flora Tristan, Étienne Cabet). Andere beschäftigen sich mit konkreten Bibliotheken, die in utopischen Projekten umgesetzt wurden (Nauvoo, le Familistère) oder den Aktivitäten früher Sozialisten in Bezug auf Öffentliche Bibliotheken. Als inhaltlich aufschlussreich hervorzuheben sind zwei Texte: Einer von Fabrice Bensimon und François Jarrige [“Lire les socialistes et les radicaux dans l’atelier: Esquisses sur les pratiques ouvrières de lecture collective (France et Grande-Bretagne, 1780-1860)”: 93–113], in welchem eindrücklich gezeigt wird, dass sich das “leise Lesen” im 18. und 19. Jahrhundert noch nicht allgemein etabliert hatte, sondern dass das laute Vorlesen im grossen Kreis die Form war, mit der politische und literarische Texte von den Arbeiter*innen konsumiert wurden. Und einer von Gaeton Manfredonia [“Prophète ou fonctionnaire ?: Le statut incertain de l’écrivain chez les premiers socialistes”: 35–60]. Dieser vergleicht die verschiedenen, teilweise erstaunlich ausgearbeiteten Ansätze früher Sozialisten bezüglich der Frage welche Position Autor*innen in ihren jeweiligen Gesellschaftsentwürfen haben würden. Die Entwürfe changierten dabei zwischen autoritärer Struktur und grösstmöglicher Freiheit.
Für diejenigen, die sich mit dieser Zeit und den Protagonisten auskennen, ist das Buch, trotz einiger Längen, recht vergnüglich zu lesen (beispielsweise lachte der Rezensent sehr an der Stelle, an der erwähnt wird, dass Proudhon in seinem Exemplar von Misère de la philosophie (Marx: 1847) am Rand vermerkt: “En vérite, Marx est jaloux” [“Stimmt doch. Marx ist neidisch.”] und sich auch sonst über angebliche Plagiate durch Marx aufregte). Für andere zeigt das Buch, dass Bibliotheken, Bücher und Lektüre an sich immer im Denken der frühen Sozialisten – Sozialistinnen werden in diesem Buch nicht behandelt – vorkamen. Jede angedachte und tatsächliche gegründete utopische Gemeinschaft hatte dann auch solche Einrichtungen. Sie wurden als notwendig für die Bildung der unterprivilegierten Massen angesehen und in ihrer Existenz wenn möglich unterstützt, schon in ihrer damaligen Form, als Vereinsbibliotheken. Gleichzeitig war der Diskurs der frühen Sozialisten zeitgenössisch: Die Idee, dass jemand die Massen von der “mauvaise littérature” abhalten müsse, war auch ihnen eigen. (ks)

Mollier, Jean-Yves (2014). La mise au pas des écrivains. L’impossible mission de l’abbé Bethléem au XXe siècle. Paris: Librairie Arthème Fayard, 2014
Dieses intensiv recherchierte, fast 500 Seiten starke, Buch schildert, indem es dem Lebensweg eines des Hauptprotagonisten folgt, wie in Frankreich der Kampf aus dem katholischen Milieu gegen “schmutzige und falsche Literatur” zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Erlass des Jugendschutzgesetzes von 1949 führte.
Es ist keine positive Geschichte, sondern eine von religiösem Fanatismus, Kampf gegen die Moderne und die Republik. Die Figur im Mittelpunkt – der Pfarrer Bethléem, ein Jesuit, der immer auch im Namen der katholischen Kirche inklusive expliziter Unterstützung der unterschiedlichen Päpste handelte – trat 1904 mit dem Buch Romans à lire et romans à proscrire (“Romane, die man lesen und Romane, die man verbieten muss”) ins Sichtfeld der französischen Öffentlichkeit. In diesem Werk, das zu einem Bestseller wurde, mit den Jahren mehrfach Ergänzungen und Neuauflagen erlebte und die Entscheidungen von Buchhandlungen, Bibliotheken, aber auch – so die Vorstellung Bethléems – katholischer Familienväter leitete, wurden Romane nach moralischen Vorstellungen eingeteilt. Diese Moral war eine explizit katholische – in der ersten der sechs Rubriken standen “Romane, die verboten sind, weil sie auf dem Index [librorum prohibitorum] stehen” –, die sich gegen die Moderne und auch die Freiheiten der Dritten Französischen Republik richtete.
Nach der Publikation dieses Buches führte Bethléem praktisch bis zum Ende seines Leben 1940 den Kampf gegen “schlechte Bücher” mit einer Zeitschrift – erst Romans-Revue aus Lille, dann, aus Paris, Revue des Lectures – weiter. Dabei war er keine unbedeutende Nebenfigur, sondern Antreiber einer ganzen Bewegung der politischen Rechten, welche die Moderne als Fehler ansah und eine Gesellschaft anstrebte, welche die “Familie” (also eine hetero-normative Familie mit autoritären Strukturen, welche auch die Gesellschaft prägen sollte), die Kirche (die katholische) und die “Nation” im Mittelpunkt haben sollte. Das wurde als Rückkehr zu einer früheren, moralischeren Zeit verstanden, aber es war selbstverständlich eine moderne Erfindung.
Dabei benannte Bethléem als Feinde, welche die Moderne vorantreiben und damit die Zerstörung der Gesellschaft anstreben würden, explizit “Protestanten, Freimaurer, Juden und Ausländer”. Später wurde diese ergänzt durch “Kommunisten”. Die Aufzählung ist bekannt, es war später die ideologische Basis des Vichy-Regimes, aber auch des Faschismus (wobei Bethléem die Variante Francos schätzte, die Mussolinis und Hitlers nicht, weil zu wenig katholisch).
Der Autor macht sehr klar, dass weder der Pfarrer Bethléem noch andere Handelnde irgendwie positiv zu bewerten wären. Vielmehr zeigt er, wie deren “Kampf gegen Pornographie und schlechte Literatur” die Basis für eine Bewegung legte, die sich sich als moralisch und konservativ begriff, aber vor allem Antisemitismus, autoritäres Denken und Nationalismus in Frankreich etablierte. Interessant daran ist, wie modern und innovativ diese Bewegung selber dabei war: Bethléem begann mit der Kritik von Romanen, aber er folgte in seiner Zeitschrift jeder neuen Medientechnologie (Film, Radio, Jugend- und Frauenzeitschriften, Illustrierten, Comics, dem Bahnhofsbuchhandel). Er etablierte immer neue Formen von Politik. Er führte einen Kampf gegen “Ausländer”, aber gleichzeitig baute er ein internationales Netzwerk auf und führte immer wieder stolz an, in welche Ländern seine Zeitschrift verschickt wurde.
Für die Bibliotheksgeschichte ist interessant, wie sehr Bethléem und die rechts-katholische Bewegung dabei die Lektüre in den Mittelpunkt stellten (gute Bücher würden die Moral fördern, schlechte seien ein “geistes Hygieneproblem” und würden die Moral zerstören) und deshalb immer auch Bibliotheken im Fokus hatte – von der Beeinflussung des Bestandsaufbaus bishin zur Gründung eigener Kirchgemeindebiblioteken.
Ein Punkt, den der Autor weiterhin macht, ist, dass zwar die eigentliche Bewegung, für die Bethléem stand, 1944/45 mit dem Vichy-Regime unterging, aber dass Ideen, die sie verbreitet hatte, sich in leicht veränderter Form gleich anschliessend wieder etablierten. (Genauso wie sich die Bewegung neu gründete mit dem Motto “Pas de progrès social sans progrès moral; pas de progrès moral sans progrès social”.) Das Jugendschutzgesetz, welches 1949 eine Zensur von Literatur in Frankreich unter “moralischen Vorzeichen” etablierte, die erst in den 1960er wieder gelockert wurde und gegen das einzig die Kommunistische Partei – welche allerdings eine eigene Form von Literaturkritik etabliert hatte – stimmte, sieht der Autor als späten Erfolg Bethléems.
Eine Leerstelle des Buches ist, dass es nicht diskutiert, was eigentlich der Grund Bethléems für diesen intensiven Einsatz war. Zwar gibt es eine lange Einführung, in der das kleinstädtisch-ländliche, explizit katholische, flamisch-sprachige Milieu in der Region um Lille geschildert wird, aus dem Bethléem – und sein Bruder, der ebenfalls Jesuit wurde – stammte. Aber es gibt keine Diskussion über die eigenen Antriebe des Pfarrers, nur Schilderungen seines Wirkens. Die von ihm zitierten Briefe zeigen einen zutiefst von seiner Mission und von der Gnade Gottes überzeugten Bethléem, dem man abnimmt, dass er es mit seiner Arbeit ernst meinte. Aber warum, das wird nicht klar. (ks)

4. Social Media

Twitter: “My next 6 books…”
Einer der Challenges, die aktuell auf Twitter herumgereicht werden, und selbstverständlich auch das Bibliothekswesen erreicht haben, nennt sich “my next 6 books…”. Die Personen, die zur Teilnahme aufgefordert werden, sollen in einem Bild praktisch die obersten Bücher ihres “Zu lesen”-Stapels zeigen. Die Auswahl ist sehr unterschiedlich, interessant ist aber, wie viele Personen offenbar mindestens sechs gedruckte Bücher vorzuzeigen haben. (ks)

5. Konferenzen, Konferenzberichte

Julia Wildgans (2019). Zuckerbrot oder Peitsche? – Ein Plädoyer für Open Access im juristischen Publikationswesen. In: ZUM (Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht) (2019) 1: 21f., [Paywall], https://doi.org/10.31228/osf.io/9z6xw [OA-Version]
In ihrem Bericht zur Tagung “Open Access für die Rechtswissenschaft – Pflicht oder Privatsache?” (beziehungsweise jurOA-Tagung), die im Oktober 2018 am Exzellenzcluster Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt/Main abgehalten wurde, verweist Julia Wildgans darauf, dass das offenbar ins Spiel gebrachte Argument für eine Verfassungswidrigkeit von Open-Access-Mandaten angesichts einer unzureichenden Infrastruktur mittlerweile nicht mehr trägt. Die infrastrukturellen Grundlagen sind nämlich nachweislich gegeben. Wichtig wäre also, in einen Dialog über eine Verankerung von Open Access, in diesem Fall im juristischen Publikationsfeld, als Publikationspraxis einzutreten sowie eine weitreichende Information. Drei Aspekte sind dafür, so das Ergebnis der Tagung, relevant: Erstens, Autor*innen “bereits in Verlagsverträgen über das gesetzliche Zweitverwertungsrecht gemäß § 38 Abs. 4 UrhG zu informieren”. Zweitens, ein auf die Zielgruppen zugeschnittenes Informationsangebot zu schaffen, über das “über einzelne Themenschwerpunkte der bestehenden Open-Access-Journals und Open-Access-Repositorien und die jeweiligen Voraussetzungen einer Veröffentlichung darin informiert wird.” Und drittens, die verstärkte Vermittlung der Möglichkeiten und Vorteile einer Kultur der offenen Wissenschaft und von Open Access in der juristischen Lehre an Hochschulen. (bk)

Heinrich, Stefan (2019). “Wer soll das bezahlen?” Kosten- und Betriebsmodelle für nachhaltige Forschungsinfrastrukturen und FDM-Services (Trier, 12.-13. Juni 2019). In: Mitteilungen der VÖB 72 (2019) 2: 585–595, https://doi.org/10.31263/voebm.v72i2.3040
Das Thema der Tagung, über die Stefan Heinrich berichtet, passt zum Schwerpunkt der LIBREAS #36. Die Finanzierung der langfristigen Sicherung von Forschungsdaten ist bislang praktisch nirgends gegeben. In der Tagung stellten sich Vertreter*innen unterschiedlicher Projekte die Frage, wie dieses Problem angegangen werden kann. Der Bericht selber fasst die Themen der Vorträge jeweils kurz zusammen, die – allesamt verlinkten – Folien zu den Vorträgen geben jeweils mehr Inhalt wieder. Relevant war die Tagung, weil das Thema auf den Tisch gebracht und gezeigt wurde, dass es ein allgemeines Problem beim Forschungsdatenmanagement darstellt. (ks)

Oelker, Sarah K. (2019). A Small Liberal Arts College Librarian at RDAP: Observations on Translating our Work Between Institutions. In: Journal of eScience Librarianship 8 (2019) 2: e1170, https://doi.org/10.7191/jeslib.2019.1170
Der kurze Bericht von Sarah K. Oelker zu einer Tagung (Research Data Access and Preservation Summit 2019) beschäftigt sich inhaltlich nicht wirklich mit den Präsentationen, die auf dieser Tagung gegeben wurden, sondern damit, wie die Autorin, welche an einer kleineren Einrichtung arbeitet, die Tagung für ihre eigene Arbeit nutzen könnte. Sie macht sich vor allem Gedanken darüber, wie in Diskussionen neben den Vorträgen selber Bibliothekar*innen sich gegenseitig dabei unterstützen können, aus den Präsentationen praktische Anwendungen in den eigenen Bibliotheken zu finden. Die Autorin ist zuversichtlich, dass dies möglich ist und wird deshalb auch 2020 diese Tagung besuchen. Der Text ist ein Aufruf, auch an Bibliothekar*innen aus kleineren Einrichtungen, es ihr gleich zu tun. Damit hat sie selbstverständlich recht. Der Text ist auch als Motivation für die Kolleg*innen geeignet, die sich mit der Frage herumtragen, ob es sich lohnt, bibliothekarische Tagungen zu besuchen: Ja, wenn man selber versucht, das gehörte und gesehen aktiv zu reflektieren und auf die eigene Situation zu übertragen. (ks)

Beißwenger, Michael (2019). Open-Access-Publizieren in der Germanistik aus Wissenschaftler-, Autoren- und Lehrendenperspektive, https://doi.org/10.17185/duepublico/71223
In vielen wissenschaftlichen Bibliotheken gibt es Services rund ums Open-Access-Publizieren, und einige Einrichtungen führen auch Projekte dazu durch. Ein Beispiel dafür ist das Projekt “OGeSoMo” der UB Duisburg-Essen zur “Förderung von Open-Access-Publikationen in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Monografien” (https://www.uni-due.de/ogesomo/). Ende September 2019 gab es unter dem Titel “Alles Open – Chance oder Risiko?” einen Abschlussworkshop für das Projekt. Auf einen der dort gehaltenen Vorträge sei besonders hingewiesen, weil er das Thema mal “aus Endanwender-Sicht” darstellt: Michael Beißwenger (https://www.uni-due.de/germanistik/beisswenger/) (@Tweetfreed , (https://twitter.com/Tweetfreed)) aus der Essen-Duisburger Germanistik stellte “Open-Access-Publizieren in der Germanistik aus Wissenschaftler-, Autoren- und Lehrendenperspektive” vor. Die Aufzeichnung ist auf dem Repository der UB Duisburg-Essen verfügbar (https://doi.org/10.17185/duepublico/71223), die Folien ebenso (https://doi.org/10.17185/duepublico/71222). (vv)

6. Populäre Medien (Zeitungen, Radio, TV etc.)

Caroline Brock / dpa: Oasen in der Einsamkeit. In: Berliner Zeitung, 30.12.2019, S. 15
In der Berliner Zeitung trifft Andreas Degkwitz Aussagen zur Rolle öffentlicher Bibliotheken in der Gegenwart. Ihr Wert liege, so der dbv-Vorsitzende, mittlerweile vor allem darin, dass sie niedrigschwellig zugängliche und nicht-kommerzialisierte Orte sind, in denen Begegnungen und gemeinsames Arbeiten möglich ist. Sie kompensieren besonders in ländlichen Regionen auch den Abbau von Infrastrukturen und Kontaktmöglichkeiten. Einen zweiten Aspekt spricht er als Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität an. Verschiebungen in der Gesellschaft, hier konkret die Zunahme von Obdachlosigkeit in Berlin, führt zu neuen Konflikten, da die Bibliotheken als öffentliche Orte auch unterschiedliche, eventuell konfligierende Nutzungspraxen abwägen müssen. Als dritten Punkt erwähnt er die aus seiner Sicht neuen Versuche einer politischen Einflussnahme auf den Bestandsaufbau und das Veranstaltungsprogramm. Die Polarisierung in der Gesellschaft berührt, wenn auch bisher noch überschaubar, nun auch Bibliotheken, die Formen entwickeln müssen, um damit umzugehen. (bk)

Concepción de León: The 10 Most Checked-Out Books in N.Y. Public Library History. In: New York Times, Jan 13, 2020, https://www.nytimes.com/2020/01/13/books/ny-public-library-top-books-history.html
Die New York Times veröffentlichte Anfang 2020 die zehn meist-ausgeliehenen Bücher in der 125-jährigen Geschichte der New York Public Library: “1.”The Snowy Day“, Ezra Jack Keats (485 583 Ausleihen), 2.”The Cat in the Hat“, Dr. Seuss (469 650), 3.”1984“, George Orwell (441 770), 4.”Where the Wild Things Are“, Maurice Sendak (436 016), 5.”To Kill a Mockingbird“, Harper Lee (422 912), 6.”Charlotte’s Web“, E.B. White (337 948), 7.”Fahrenheit 451“, Ray Bradbury (316 404), 8.”How to Win Friends and Influence People“, Dale Carnegie (284 524), 9.”Harry Potter and the Sorcerer’s Stone“, J.K. Rowling (231 022), 10.”The Very Hungry Caterpillar“, Eric Carle (189 550)” (bk)

Rolf Schwartmann: Erinnern, vergessen? Der Datenschutz stellt Archive vor Probleme. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2020, S. N4
In einem kurzen Beitrag problematisiert der Medienrechtler Rolf Schwartmann die Herausforderung, die sich aus den unterschiedlichen Ansprüchen einerseits des Datenschutzes (“Im Zweifel für das Vergessen”) und andererseits dem Anspruch, teils auch der Pflicht von Archiven, Daten dauerhaft zu bewahren. Er weist darauf hin: “Werden persönliche Daten […] für das ‘kollektive Gedächtnis’ benötigt, dann müssen sie den Archiven auch angeboten werden. Das ist nach der Anordnung der Datenschutzgrundverordnung grundsätzlich gestattet.” Ein Problem besteht jedoch darin, dass es eine ganze Reihe von spezifischen Löschvorschriften gibt, die noch nicht mit dem nun aktuellen Datenschutzrecht abgestimmt sind. (bk)

Christel Meye: Mehr Beachtung unseren Bibliotheken! In: Freiheit, 11.12.1951, Seite 4
Im Dezember 1951, also in der noch sehr jungen DDR, betonte Christel Meye in der SED-Bezirkszeitung “Freiheit!”, dass Bibliotheken “heute [1951] keine stillen Sammelplätze und Archive für versponnene Bücherfreunde mehr sind.” Ihre Aufgabe sei vielmehr, als “öffentliche Einrichtungen den Werktätigen und der schaffenden Intelligenz in Stadt und Land die Literatur zur Verfügung zu stellen, die notwendig ist, das gesellschaftliche Bewußtsein, die allgemeinen geistigen Interessen und die berufliche Qualifikation eines jeden zu entwickeln und zu fördern.” Dazu gehören neben neuartigen Angeboten wie “die Auslage von Kritikbüchern”, Zirkelarbeit und Wandzeitungen auch bauliche Verbesserungen und leichte Zugänglichkeit. Als abschreckendes Beispiel erwähnt die Autorin “die Unterbringung der Gemeindebibliothek in Waddekath, Kr[eis] Salzwedel, wo der Leser nur durch eine Scheune, über eine völlig verwahrloste Stiege, dann durch die Küche in die Wohnstube und damit endlich an die Gemeindebibliothek gelangt. Nicht selten fristet die öffentliche Bibliothek ein recht zweifelhaftes Dasein neben Wandkarten, ausgestopften Vögeln und physikalischen Geräten im Schulschrank.” (bk)

7. Abschlussarbeiten

Schultchen-Holl, Lydia (2017): Morde und andere Geheimnisse in der Bibliothek. Über Buch-Räume in der Kriminalliteratur. Bielefeld: Aisthesis. [zugl.: Duisburg-Essen, Univ., Diss. 2015.]
Morde und andere Verbrechen können allerorts stattfinden. Ein beliebter Topos zumindest in älteren Kriminalromanen ist dafür: die Bibliothek. Dieser Kombination geht Lydia Schultchen-Holl in ihrer literaturwissenschaftlichen Dissertation “Morde und andere Geheimnisse in der Bibliothek” nach: Sie analysiert in vier detaillierten Fallstudien und in einem Überblickskapitel zahlreiche Krimis, in denen die Bibliothek (oder Bücher oder buchaffine Personen) eine wichtige Rolle spielen, sei es als (vermeintlicher) Tatort oder als Quelle für Hinweise zur Auflösung der Fälle.
Ein interessanter Überblick für Leser:innen, die sich sowohl für Bibliotheken als auch für Krimis interessieren. Eine Warnung allerdings: Falls man von den in den vier Fallstudien vorgestellten Krimis welche lesen will, sollte man das _vor_ der Lektüre der Dissertation tun. Da werden die Auflösungen nämlich gespoilert! :)
Das Inhaltsverzeichnis, in dem auch die vier vorgestellten Werke genannt werden, findet sich zum Beispiel bei der DNB http://d-nb.info/1125463953.
Eine Rezension der Arbeit findet sich zum Beispiel auf literaturkritik.de (https://literaturkritik.de/schultchen-holl-morde-und-andere-geheimnisse-in-der-bibliothek-der-krimi-im-intertext,23994.html). (vv)

8. Weitere Medien

Die Post: Briefmarken - 125 Jahre Nationalbibliothek. In: post.ch, 24.01.2020 https://www.post.ch/de/standorte/briefmarken-und-philatelie/welt-der-briefmarken/2020/125-jahre-nationalbibliothek
Am 05.03.2020 gab die Schweizerische Post eine Gedenkbriefmarke an die Schalter, die das 125-jährige Bestehen der Nationalbibliothek der Schweiz würdigte. Die Gestaltung übernahm die Illustratorin Rina Jost. (https://rinajost.ch) Mit der Post-App der Post CH AG lässt sich über die Marke ein Augmented-Reality-Effekt aktivieren. Wir nutzen sie allerdings eher für eventuelle Briefpost in der Schweiz – Motto: Damit frankiert die LIBREAS. (bk)

Briefmarke “125 Jahre Nationalbibliothek” aus der Schweiz

Pattriz. Puzzle “Wimmelbild Bibliothek” (2019)
Supportyourlocalartist.ch (https://supportyourlocalartists.bigcartel.com/) ist ein während der COVID-19-Krise aufgesetzter Shop, über den lokale (schweizerische) Künstler*innen vor allem aus dem Schnittfeld Design und Street Art ihre Werke anbieten. Sowohl Kunst als auch Preise sind sehr zugänglich. Nicht nur kleine Verlage und Buchhandlungen, sondern selbstverständlich auch so zugängliche Kunst sollte während der Krise unterstützt werden. Unter anderem im Einkaufswagen landete das Puzzle “Wimmelbild Bibliothek”, welches die Illustratorin Pattriz letztes Jahr für das 5-jährige Jubiläum der Stadtbibliothek Rapperswil-Jona im neuen Gebäude gestaltet hatte. (http://pattriz.ch/portfolio/stadtbibliothek/)

Puzzle “Wimmelbild Bibliothek” der Illustratorin Pattriz

Da aktuell nicht alle nach Rapperswil-Jona fahren können, um sich die wirklich hellen Räume der Bibliothek live anzuschauen, sei dieses Puzzle als unterhaltsamer Ersatz empfohlen. (ks)