> > > LIBREAS. Library Ideas # 36

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Was ist Informationswissenschaft und wenn ja, wie viele?

Ein Veranstaltungsbericht


Zitiervorschlag
Carmen Krause, "Was ist Informationswissenschaft und wenn ja, wie viele?. Ein Veranstaltungsbericht". LIBREAS. Library Ideas, 36 ().


Gegenstand und Zukunftsfähigkeit der Informationswissenschaft geben bereits seit Jahrzehnten Anlass zur Diskussion. Als Fortsetzung dieser Diskussion erschien im April 2019 beim Simon Verlag für Bibliothekswissen das Sammelwerk Zukunft der Informationswissenschaft : Hat die Informationswissenschaft eine Zukunft?.1 Das Sammelwerk ist eine themenbezogene Zusammenstellung von Einzelbeiträgen, die fortlaufend im Newsletter von Open Password2 publiziert wurden beziehungsweise werden.

Am 05. September 2019 lud der Herausgeber von Sammelwerk und Newsletter, Willi Bredemeier, in Kooperation mit dem Berliner Arbeitskreis (BAK) Information in die Universitätsbibliothek der Technischen Universität (TU) Berlin ein,3 um zusammen mit zwei Professorinnen und einem Professor sowie zwei Masterstudierenden die Diskussion bezüglich der Zukunft der Informationswissenschaft fortzuführen.

Mehr als 60 Personen kamen in die Universitätsbibliothek der TU Berlin, um sich an der Diskussion zur Zukunft der Informationswissenschaft zu beteiligen. Nach der Begrüßung durch die Bibliotheksleitung sowie durch die Vorsitzende des BAK Information, Tania Estler-Ziegler, hieß Willi Bredemeier die Anwesenden willkommen. In seinem Statement erläuterte er, welches Anliegen er mit dem von ihm herausgegebenen Sammelwerk verbinde. Einerseits solle es eine Ermunterung zur Fortführung der Grundsatzdebatte um die Zukunft der Informationswissenschaft sein, andererseits eine Leistungsschau, die zeige, was in der informationswissenschaftlichen Lehre sowie in der Forschung der Informationswissenschaft aktuell geschehe. Nach der Vorstellung der Referentinnen und Referenten des Abends übergab Willi Bredemeier das Wort an Frauke Schade, Professorin für Informationsmarketing, PR und Bestandsmanagement an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg und Vorsitzende der Konferenz der informations- und bibliothekswissenschaftlichen Ausbildungs- und Studiengänge (KIBA).

Frauke Schade begann ihre Keynote mit dem Versuch einer Definition des Felds der Informationswissenschaft. Sie definierte Informationswissenschaft als interdisziplinäre Wissenschaft, die sich als Handlungswissenschaft an den Bedarfen der Berufspraxis orientiere und nach internationalem Begriffsverständnis alle kulturellen Gedächtnisinstitutionen, also auch Bibliotheken, Archive und Museen, einbeziehe. Anschließend präsentierte Schade die Ergebnisse einer Auswertung, welche sie zusammen mit Klaus Gantert von der Hochschule für den öffentlichen Dienst (HföD) in Bayern und Günther Neher von der Fachhochschule (FH) Potsdam vorgenommen hatte. Gegenstand dieser Auswertung waren Positionen und Strategien zur Digitalisierung aus der Politik sowie deren Beratungsgremien, in denen sich Inhalte informationswissenschaftlicher Forschung und Lehre verorten ließen. Im Ergebnis habe sich gezeigt, dass informationswissenschaftliche Kompetenzen zum Beispiel in den Bereichen Open Access und Open Science, (Forschungs-)Datenmanagement, Digitale Langzeitarchivierung, Lern- und Forschungsumgebungen, Informationsverhalten sowie Digitale Informations- und Medienkompetenz dringend gebraucht würden. Die Informationswissenschaft habe daher eindeutig eine Zukunft. Zu beklagen sei lediglich ein Mangel an Fachpersonal, den Fachhochschulen und Universitäten jedoch durch geeignete Kooperationen abmildern könnten, beispielsweise indem sie Absolventinnen und Absolventen parallel zu einer postgradualen Beschäftigung ein aufbauendes Studium ermöglichten, so Schade abschließend.

Nach der Keynote von Frauke Schade hielt Dirk Lewandowski, Professor für Information Research und Information Retrieval an der HAW Hamburg, sein Impulsreferat mit dem Titel Warum die Frage nach der Zukunft der Informationswissenschaft falsch gestellt ist. Hierin entkräftete Lewandowski zunächst die drei Hauptkritikpunkte, die im Sammelwerk Zukunft der Informationswissenschaft gegen die Informationswissenschaft vorgebracht worden waren und dadurch Zweifel an deren Zukunft(sfähigkeit) aufkommen ließen: Die fehlende Fundierung, die fehlende Relevanz und der ungenügende Praxisbezug der Informationswissenschaft. Danach erläuterte Lewandowski seine Sicht auf die Informationswissenschaft. Für ihn gebe es, im Gegensatz zu vielen Autoren des Sammelwerks, keine deutsche Informationswissenschaft, sondern nur deutsche Informationswissenschaftlerinnen und Informationswissenschaftler, die in internationale Kontexte eingebunden seien. Alle erfolgreichen deutschen Informationswissenschaftler arbeiteten international, würden dafür in Deutschland jedoch zu wenig wahrgenommen. Um dies zu ändern schlug Lewandowski vor, die Community zu stärken, die Leistungen der Informationswissenschaft stärker herauszustellen, die Informationswissenschaft an Politik, Regulierung und Gesellschaft anzubinden und Strategien zu entwickeln, wie die Informationswissenschaft wachsen könne.

Vivien Petras, Professorin für Information Retrieval am und geschäftsführende Institutsdirektorin des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin, sprach sich in ihrem Impulsreferat ebenfalls für eine Stärkung der Community aus. Darüber hinaus argumentierte sie gegen eine Trennung von Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die sich so nur in Deutschland entwickelt habe. International sei die Bibliothekswissenschaft schon immer als Teilbereich einer breiteren Informationswissenschaft begriffen worden. Dementsprechend sei es nur folgerichtig, dass sich das IBI heute als ein informationswissenschaftliches Institut verstehe, welches Gedächtnisinstitutionen (allen voran Bibliotheken) als spezielle Ausprägung von Informationsorganisationen untersuche.

Florian Dörr, Masterstudent am IBI der HU Berlin, beklagte in seinem Impulsstatement den geringen Bekanntheitsgrad der Informationswissenschaft. Ihr fehle die dringend benötigte Lobby in Bevölkerung, Wissenschaft und Politik. Die Informationswissenschaft könne jedoch enorm an Bedeutung gewinnen, wenn sie sich auf die Vermittlung von Informationskompetenz fokussiere. Informationskompetenz werde angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit dem digitalen Wandel einhergingen, dringend gebraucht. Durch die Fokussierung auf die Vermittlung von Informationskompetenz sowie durch ein stärkeres politisches und gesellschaftliches Engagement von Informationswissenschaftlerinnen und Informationswissenschaftlern könne die Informationswissenschaft zum Wegbereiter der Wissensgesellschaft werden.

Carmen Krause [Autorin dieses Beitrags], Masterstudentin am Fachbereich Informationswissenschaften der FH Potsdam, beantwortete die Frage nach der Zukunft der Informationswissenschaft in ihrem Impulsstatement mit drei kommentierten Gegenfragen: Von welchem Zeitraum, welchem geografischen Bezugsraum und welcher Informationswissenschaft ist eigentlich die Rede? Dabei wies sie auf den zunehmenden Veränderungsdruck hin, der durch die digitale Transformation entstehe, auf die fehlende Bekanntheit der Informationswissenschaft im deutschsprachigen Raum sowie auf die Frage, ob es sich bei der Informationswissenschaft überhaupt um eine akademische Disziplin handelt. Letzteres verneinte Krause mit dem Hinweis auf das Fehlen eines einheitlichen Selbstverständnisses sowie eigener Theorien und Methoden, die sich auf einen bestimmten unikalen Gegenstandsbereich beziehen. Daher, so Krause, sollte sich die Informationswissenschaft als x-disziplinäres Forschungsfeld anstatt als akademische Disziplin begreifen. Ferner schlug sie vor, das informationswissenschaftliche Masterstudium beziehungsweise informationswissenschaftliche Weiterbildungen am besten mit einem nicht-informationswissenschaftlichen Bachelor zu kombinieren und Informationswissenschaft in Forschung und Lehre standort- und disziplinübergreifend zu betreiben. So könnte die Informationswissenschaft in Zukunft als x-disziplinäres Forschungsfeld bezogen auf ganzheitliche Fragen die Information betreffend zwischen Disziplinen vermitteln und übersetzen, und dadurch an Bedeutung sowie an Sichtbarkeit gewinnen.

Nach diesem letzten Statement eröffnete die Moderatorin Michaela Jobb, Leiterin der Bibliothek Wirtschaft und Management der TU Berlin und Mitglied im BAK-Vorstand, die Podiumsdiskussion. Die erste Frage, ob sie sich selbst als Informationswissenschaftler sähen, wurde von allen Referentinnen und Referenten bejaht. Vivien Petras ergänzte, dass sie sich in Deutschland manchmal auch explizit als Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin bezeichne, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Elisabeth Simon, Inhaberin des Simon Verlags für Bibliothekswissen, merkte an, dass man ihrer Erfahrung nach als Informationswissenschaftler früher hohes Ansehen genossen, als Bibliothekarin oder Bibliothekar hingegen kaum etwas gegolten habe. Vielleicht, so spekulierte sie, habe sich die Trennung zwischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Deutschland auch deswegen so hartnäckig halten können.

Auf die Frage, wie man der Zivilgesellschaft, der Politik und anderen Entscheidungsträgern die Erkenntnisse und den Nutzen der Informationswissenschaft näher bringen könne, verwies Dirk Lewandowski nochmals auf die von ihm genannten Punkte. Zudem, antwortete Lewandowski, müssten die Verbände wachsen und noch aktiver werden. Handlungsaufträge an Einzelpersonen seien hingegen wirkungslos, da jeder der Anwesenden bereits maximal viel für die Informationswissenschaft tue. Tania Estler-Ziegler pflichtete Lewandowski bei und äußerte ebenfalls, dass BAK, DGI, dbv und BIB ruhig noch aktiver werden könnten. Rainer Kuhlen, ehemaliger Professor für Informationswissenschaft an der Universität Konstanz, forderte Informationswissenschaftlerinnen und Informationswissenschaftler auf, mehr zu publizieren. Helmut Voigt, früherer Fachreferent an der Universitätsbibliothek der HU Berlin und Mitglied im BAK-Vorstand, wandte dagegen ein, dass das Publizieren für Informationswissenschaftler schwierig sei, da es sich bei der Informationswissenschaft, wie bei der Statistik, eher um eine Methodenwissenschaft handele.

Jana Rumler, leitende Mitarbeiterin für bibliothekarische Dienste im Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung und Vorstandsmitglied des LIBREAS e. V. sowie Petra Schramm, Bibliothekarin in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, brachten die Themen lebenslanges Lernen sowie berufsbegleitende Aus- und Weiterbildung in die Diskussion ein.

Maxi Kindling, Mitarbeiterin im Open-Access-Büro Berlin und Vorstandsmitglied des LIBREAS e. V., fragte, weshalb ausgerechnet ein Sammelwerk zur Zukunft der Informationswissenschaft weder Open Access noch digital erschienen sei. Alles andere als zukunftsweisend sei auch die fehlende Diversität unter den Autorinnen und Autoren. Zur Veranstaltung merkte sie an, dass der akademische Mittelbau die Zukunft der Informationswissenschaft maßgeblich mitgestalten würde. Dementsprechend wenig repräsentativ sei es, dass neben Professorinnen und Professoren nur Studierende auf das Podium eingeladen worden seien.

Der Redebedarf über die Zukunft der Informationswissenschaft schien insgesamt groß, die Beteiligung des Publikums war rege. Selbst nach der Veranstaltung wurde teils heftig weiter diskutiert. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie schwer es der informationswissenschaftlichen Community fällt, zu einem einheitlichen Verständnis von Informationswissenschaft zu gelangen. Wenigstens konnte Einigkeit darin erzielt werden, dass die Bibliothekswissenschaft auf jeden Fall zur Informationswissenschaft dazugehöre und dass es eine wie auch immer geartete Zukunft für die Informationswissenschaft geben werde.


  1. http://www.simon-bw.de/books/bibliothekswissenschaft/item/zukunft-der-informationswissenschaft-hat-die-informationswissenschaft-eine-zukunft [zuletzt gesehen am 14.10.2019]↩︎

  2. http://www.password-online.de/push-dienst-archiv [zuletzt gesehen am 14.10.2019]↩︎

  3. http://bak-information.de/events/bak-09-19-zukunft-der-informationswissenschaft-hat-die-informationswissenschaft-eine-zukunft-eine-veranstaltung-des-bak-in-kooperation-mit-open-password/ [zuletzt gesehen am 14.10.2019]↩︎


Nach dem Abitur studierte Carmen Krause im Magisterstudiengang Neuere und Neueste Geschichte sowie Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort konnte sie als studentische Beschäftigte der Zweigbibliothek Philosophie bereits während des Studiums erste Berufserfahrungen im Bibliotheksbereich sammeln. Nach dem Studium folgten Beschäftigungen in Bibliotheken von Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Aus diesem Grund beschloss sie, ein Studium im Bachelorstudiengang Bibliotheksmanagement an der Fachhochschule Potsdam aufzunehmen, welches sie 2018 mit einer Arbeit über die Potenziale des Internets der Dinge für Bibliotheken abschloss. Für diese Arbeit wurde sie mit dem b.i.t.online Innovationspreis 2019 sowie mit dem Best Presentation Award des 9. Studierenden-Workshops für informationswissenschaftliche Forschung ausgezeichnet. Derzeit studiert sie im Masterstudiengang Informationswissenschaften an der Fachhochschule Potsdam.