Vorbemerkung
Dr. Dirk Wissen ist promovierter Bibliotheks- und
Literaturwissenschaftler sowie leidenschaftlicher Bibliothekar. Seine
Dissertation hat den Titel Zukunft der Bibliographie – Bibliographie
der Zukunft
. Wissen ist seit 30 Jahren Mitglied des BIB –
Berufsverband Information Bibliothek e.V., bei dem er zehn Jahre, von
2015 bis 2026, Mitglied im BIB-Bundesvorstand und Herausgeber der Fach-
und Verbandszeitschrift BuB – Forum Bibliothek und Information
war. In BuB erschien seit 2015 monatlich die Interviewreihe Wissen
fragt … auf einen Espresso mit …
, in dessen Rahmen er 102 Interviews
zum Thema Atmosphäre von Bibliotheken
führte.
Linda Freyberg (LF): Zunächst zu den Anfängen: Seit 2009 hattest du eine Gesprächsreihe im Rahmen von Lesungen und Neuerscheinungen.
Dirk Wissen (DW): Ja, es gab regelmäßig und jahrelang jeden Monat in
Frankfurt (Oder) ein Format, das noch nicht Wissen fragt …
hieß,
sondern Wissen trifft …
, wo auch namhafte Schriftstellerinnen und
Schriftsteller wie Erich Loest und Juli Zeh nach Frankfurt (Oder) kamen.
Und Literaturveranstaltungen moderierte ich bereits eine Zeit lang
vorher in Münster und Würzburg.
Auch Martin Walser hatte seinen Weg vom Bodensee extra nach Frankfurt (Oder) gemacht, was zu sehr schönen, mir in Erinnerung bleibenden Momenten kam. Er und andere mussten ja dann auch aus Frankfurt (Oder) wieder zurückkommen und reise mal gegen 22 Uhr aus Frankfurt (Oder) zum Bodensee zurück. Er brauchte natürlich ein Hotel und so gab es eine gemeinsame Zugfahrt zurück bis nach Berlin.
So war es auch mit dem heutigen Bestseller-Autor Benedict Wells. Wir saßen gemeinsam im Zug und sprachen über Legasthenie und Analphabetismus, also über ganz andere Themen als in seinem Debütroman beziehungsweise worum es damals auf der Bühne ging. Und dann habe ich gesagt, dass ich auch irgendwie etwas Autistisches habe und dass ich beim Schreiben selber sehr viele Fehler mache, aber komischerweise Fehler in Büchern sofort sehe. Das wollte er erst nicht glauben und gab mir sein Buch. Ich blätterte es durch und sagte, hier ist ein Tippfehler. Also wirklich in Sekunden und dann hatten wir so ein Thema und er schenkte mir sein Buch und verriet mir, bei welchen Textstellen er auch weiß, dass da Fehler enthalten sind. Das Buch wurde mit zahlreichen lustigen Korrekturanmerkungen versehen und steht hier mit Widmung in meinem Bücherregal.
LF: Und wie ist das dann 2015 von dieser Gesprächsreihe zum
Interviewformat in der BuB Wissen fragt …
gekommen?
DW: Da war ich noch gar nicht Herausgeber dieser Zeitschrift. Ich
fand das BuB seit meinen Studienanfängen einfach toll, aber es hat ja
auch Wechsel gegeben vom Format und von den Inhalten. Und irgendwann
dachte ich mir, dass es ja immer diese Best Practice Beispiele und
Interviews von dem und dem Bibliotheksdirektor oder -direktorin gab. Da
habe ich der Redaktion eine E-Mail geschrieben, was sie davon halten
würde, wenn man mal ab und zu Interviews führt mit einem Architekten,
der gerade wieder eine Bibliothek baut, aber vielleicht diese nie nutzt,
um Bücher auszuleihen oder einem Schriftsteller wie Martin Walser, von
dem ein ganzes Bücherregal in den Öffentlichen Bibliotheken steht, dem
das aber möglicherweise gar nicht bewusst ist, wie so eine
Walser-Wand
aussieht. Und dann kam zurück: Ja, mach das mal,
fünfmal. Die ersten fünf Interviews waren kompakt und schnell fertig,
auch weil ich so eine Sicherheit wollte, dass das hintereinander weg
funktioniert. Und dann gabs die Antwort, dass ich mal weiter machen
solle, da waren diese noch gar nicht publiziert. Und glücklicherweise
gab es später nicht einen kritischen Leserbrief, aber sehr viel
positives Feedback im Laufe der Jahre.
LF: Also basiert die Reihe auf deiner Initiative und deinem Konzept?
DW: Ja, unter anderem die Idee, dass die letzte These, Fragestellung oder Problematik eines Interviewpartners, die genannt wird, an den nächsten weitergereicht wird. Und dass es immer einen Espresso gibt. Auch dass es ein Kurzinterview sein sollte und möglichst nie jemand aus der Politik oder eine Bibliothekskollegin oder -kollege interviewt werden sollte, aber es immer einen Bibliotheksbezug geben sollte, wie eben beim Architekten Max Dudler mit seinen Bibliotheksbauten. Wichtig war mir dabei immer, dass die Fotos der Bibliotheken von mir stammten, so dass ich nach Stockholm bin, um in der Stadtbibliothek die Rotunde oder nach Oslo, um die Jugendbibliothek Tøyen zu fotografieren – welche als Erwachsener gar nicht betreten werden darf, wozu Aat Vos extra eine Mail an die Bibliotheksleitung für mich schrieb.
LF: Und so entstanden dann 102 sehr vielseitige Interviews, vor allem mit Schriftsteller*innen, was ja nicht so überraschend ist, da du ja in der Literaturwissenschaft promoviert hast. Es war sogar eine Literaturnobelpreisträgerin dabei: Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch. Wie war das denn mit ihr?
DW: Das war das 13te publizierte Interview in der Reihe. Nachdem sie
gerade ihren Literaturnobelpreis erhalten hatte, saß ich bei ihr in
einer Veranstaltung und stellte eine Publikumsfrage. Und hinterher sind
dann sehr viele Leute für ein Autogramm angestanden, um sich ihr Buch
signieren zu lassen. Und ich stand dazwischen. Bei mir schaut sie auf
einmal hoch und sagte: Sie waren doch der aus dem Publikum mit dieser
interessanten Frage zur Freiheit. Mit ihnen würde ich mich ja gern
länger unterhalten.
– was die Übersetzerin übersetzte, da ich kein
Wort Russisch spreche. Meinerseits sagte ich, dass dies gerne möglich
sei und auch als Interview publiziert werden könne, da es gerade diese
Anfrage von BuB gab, die bis dahin noch unveröffentlichte Interviewreihe
weiterzuführen. Das führte dann dazu, dass sie für ein Gespräch in
Berlin Wochen später zusagte. An dem Tag führte sie dann mehrere
Interviews – vor mir war die taz, danach die FAZ, und das Schweizer
Fernsehen und so weiter. Sie hatte also den ganzen Tag Interviews
geführt, ähnlich wie Hugh Grant in Notting Hill, als er für das Gespräch
mit Julia Roberts sagt, er käme von Horse & Hound
. Und
hinterher, da bin ich heute noch gerührt davon, bekam ich eine E-Mail,
dass sie sich am meisten an diesem Tag über mein Interview gefreut
hätte. Vielleicht, weil ich überhaupt nicht über ihre Bücher mit ihr
gesprochen hatte, obwohl sie aus meiner Frage bei der Veranstaltung
wusste, dass ich die gelesen hatte. Aus irgendeinem Grund haben wir uns
nur über Bibliotheken unterhalten und das fand sie toll.
Und genau zu dieser Zeit begann es auch mit den Selfies, die die Interviewpartner mit mir machten – so habe ich auch einfach ein Selfie gemacht. Zeitgleich gab es dann in einer sehr bekannten Musikzeitschrift Fake-Interviews. Da dachte ich mir, das glaubt dir ja niemand, dass du innerhalb einer Woche Max Dudler, den Architekten und Alexijewitsch, die Nobelpreisträgerin getroffen hast und habe dann die Selfies mit der Espressotasse, quasi als Beweis, an die BuB-Redaktion mit den Texten mitgeschickt. Dass die das dann zum Abdrucken verwendeten, überraschte mich – und dann wurde es wie zu einem Markenzeichen.
LF: Aber von den ersten Interviews gab es noch keine Selfies?
Doch, seit dem zweiten. Ich hatte quasi von Anfang an mit jedem ein Selfie als Erinnerung gemacht, weil sie selber auch mit mir eines gemacht hatten. Das war 2015 doch wie ein Trend. Und das Interview mit Frau Alexijewitsch war das sechste Gespräch, wurde aber erst viele Monate später zur Buchmessenausgabe von BuB gedruckt. Und mit dem ersten Interviewpartner habe ich mich einfach nochmal getroffen. Wir waren befreundet, das war der Philosoph Antoine Verbij.
Das ist leider auch eine traurige Geschichte: Ich habe mit ihm privat
ein Gespräch geführt, und zwar einfach, weil wir uns kennengelernt
hatten, als er über Döblins Berlin Alexanderplatz
etwas schreiben
wollte. Ich führte ihn zu den Biberkopf-Orten und so lernten wir uns
privat kennen. Er ist auch Journalist und Publizist und einmal sagte er
dann zu mir das Gespräch, welches wir gerade führen, mit deinen
Fragen zu Bibliotheken, das solltest du publizieren
. Also hat er
mich im Grunde auf diese Idee gebracht. Wir haben dann noch gemeinsam
verschiedene Veranstaltungen organisiert, unter anderem eine mit der
holländischen Botschaft und ich habe ihm geholfen für seinen Artikel,
der anlässlich des erstmaligen Erscheinens einer
niederländischsprachigen Gesamtausgabe von Berlin Alexanderplatz
in einer holländischen Zeitung erschien. Wie gesagt, da bin ich mit ihm
durch ganz Berlin spaziert, habe ihm reale Orte, die im Roman benannt
werden, gezeigt, wie die Neue Welt
in dessen Zusammenhang Chaplin
genannt wird – und wir haben uns einfach von Beginn an sehr gut
verstanden. Doch das Traurige ist, er hat noch den Interviewtext
freigegeben und verstarb eine Woche bevor das Heft publiziert wurde. Das
hat emotional mit mir etwas gemacht und ich dachte, ich muss diese Idee
weiterführen und dann ging das ja auch 101-mal weiter.
LF: Und wie lief dann im Folgenden die Akquise oder wie kamst du auf die Personen? Bei den Schriftsteller*innen ist das ja relativ naheliegend, weil du ja Interesse an Literatur hast und auf Lesungen gehst, aber es waren ja auch ganz viele andere Berufsgruppen dabei: Architekt*innen, eine Übersetzerin, ein Programmierer, Künstler*innen, viele Musiker*innen, Wissenschaftler*innen, und sogar mal ein Roboter und eine KI.
Gerade bei fachfremden Personen war es wahrscheinlich immer recht unterschiedlich, wie du mit denen in Kontakt gekommen bist. Kannst du über diesen Prozess etwas erzählen?
DW: Also ich habe meistens versucht den persönlichen Kontakt
herzustellen, wenn es eine Veranstaltung gab. Das ist ja in Berlin im
Grunde jeden Tag möglich. Was ich aber auch gemacht habe, ist, mich ganz
offiziell an das Management zu wenden mit Informationen zu der
Fachzeitschrift und der Interviewreihe. Das führte dann manchmal dazu,
dass im Vorfeld vom Management mehr Fragen aufkamen, als ich für das
eigentliche Interview vorgesehen hatte. Und deswegen sind natürlich auch
einige Interviews gar nicht zustande gekommen. So wusste ich
beispielsweise bei der Sängerin Balbina, dass ich vorab nichts von der
Idee schreiben werde, zeitgleich ein dadaistisches Interview mit Anna
Blume
führen zu wollen. Das habe ich dann die Künstlerin einfach
beim Interview gefragt, ob sie sich das vorstellen könne, wie es dann ja
auch publiziert wurde.
LF: Möchtest du verraten, an wen es am Schwierigsten war, ranzukommen?
DW: Ja, das war Karl-Ove Knausgård, dessen Bücher ich alle gelesen
habe, und mir die Mühe gemacht hatte, jede Bibliothek, die er in seinen
Büchern nennt, in einer Liste aufzuschreiben, damals noch händisch ganz
ohne KI. Es sollte um das Thema Volltextrecherche
gehen. Und
diese Liste habe ich ihm bei einer Lesung gegeben und zwei Jahre später,
bei einer weiteren Lesung von ihm nochmal nachgefragt und so weiter – es
gibt mehrere Selfies mit ihm, aber kein Interview. Wir haben auch
miteinander gesprochen, aber das eigentliche Interview fand dann nicht
statt und das war natürlich mit einigen Personen so.
Aber das Positive ist, mit Vielen hat es sehr schnell funktioniert. In dem Moment, wo ich jemanden angefragt habe, war ich immer am selben Tag der Anfrage bereit, weil es sein konnte, dass es einen Anruf gab oder nach einer Veranstaltung ich sofort für das Gespräch irgendwo mit hinkommen sollte.
Es gab aber auch Interviews, für die ich lange im Voraus eine Anfrage
gestellt hatte. Volker Kutscher, den kennt man ja von der Verfilmung
seiner Romane durch Babylon Berlin
. Da lief es ganz offiziell
über den Verlag und die haben mir dann nett geschrieben, dass sie die
Anfrage interessant finden und Herr Kutscher wahrscheinlich auch, dass
sie aber diese nur gerade nicht an ihn weitergeben dürfen, da er derzeit
seine Schreibzeit hat – für den neuen Roman. Und da kam etwa ein Jahr
später plötzlich eine E-Mail: So, er ist fertig mit dem Schreiben. Er
ist jetzt bereit. Und da ist man natürlich dann auch überrascht und muss
erst mal in der eigenen Schublade krempeln, wo die Notizen für ein
mögliches Interview verblieben sind.
Und manchmal ging es dann ganz schnell: Wie es mir mit dem
Philosophen Rüdiger Safranski passiert ist. Ich war abends auf dem Weg
zu einer Feier. Ab einem bestimmten Zeitpunkt haben sich die Interviews
nach den Schwerpunktthemen des Heftes orientiert und der nächste
Schwerpunkt war Italien. Goethe interviewen ging ja nicht mehr und ich
kannte keine Italiener, außer einen Architekten, aber der war gerade
wegen eines größeren Bauprojekts in Nürnberg. Und dann fiel mir auf
einmal ein, zu Goethe, dass Safranski zwei dicke Bücher über Schiller
und Goethe und insbesondere Goethes Romantik geschrieben hatte. Da gucke
ich auf dem Weg zu der Feier ins Handy und sehe, jetzt hat er auch noch
passend zum Kafka-Jahr eine Kafka-Biografie geschrieben. Dann bin ich
auf die Homepage des Verlags und sah, dass er am nächsten Tag um 9:00
Uhr in Potsdam auftritt. Und da er eigentlich in Süddeutschland wohnt
und nicht mehr so viel reist, bin ich dann nach einer langen Party und
nur vier Stunden Schlaf nach Potsdam gefahren. Die schöne Begebenheit
war, dass ich mit ihm vor ein paar Jahren schon zweimal Veranstaltungen
hatte. Ich sitze also im Publikum, er kommt in den Saal rein, sieht das
Publikum und geht nicht zur Bühne, sondern zu mir und sagt wie schön,
sie wiederzusehen
. Und natürlich haben die vom Verlag und die
Veranstalter sich alle gefragt, was ist denn das für einer – ich sah
glaube ich noch etwas nach Party
aus. Doch bei seiner Begrüßung
habe ich direkt die Gelegenheit genutzt und ihn gefragt: Herr
Safranski, haben Sie nach ihrer Veranstaltung vielleicht Zeit für ein
kurzes Interview?
Und er hat zugesagt und ich hatte mich nachts noch
in meinen Träumen vorbereitet, mit wenig Schlaf, um dieses Interview mit
Safranski führen zu können. Im Nachhinein würde ich auch sagen,
eigentlich geht es gar nicht um die jeweils interviewte Person, sondern
um die Fragen und den dazu gegebenen Antworten – so, wie dann die
Gespräche sich vom Dritten Ort
in Richtung Vierter Ort
entwickelten.
LF: Von Italien zum Thema der Orte, an denen die Interviews stattgefunden haben. Da hast du dich ja offensichtlich immer sehr auf den Partner oder die Partnerin eingelassen, also bist dahin gegangen, wo die Interviewten gerade waren.
DW: Ich gebe zu, als das mit Corona anfing, habe ich gedacht, so,
jetzt habe ich das fünf Jahre gemacht – ich glaube, ich höre jetzt mal
auf mit den Interviews. Aber dann sagte der BuB-Redakteur am Telefon,
mit dem ich immer einen sehr engen Kontakt hatte, dass ihnen gerade
Fachartikel wegbrechen. Er hat mir angeboten, das Format auszuweiten,
von vier bis sechs Seiten auf bis zu acht. Doch die Frage blieb, wo
trifft man sich – und ich sagte dem Redakteur, ich mache das nur weiter,
wenn ich mich mit den Leuten weiterhin treffen kann. Unter den gegebenen
Umständen hatten wir dann – man sieht es auf einigen Selfies – manchmal
zehn Meter Abstand. Zu dieser Zeit gab es Treffen mit dem Bassisten von
den Beatsteaks, Torsten Scholz, auf einem Schulhof. Und wir sind da
eingebrochen
, weil ja alles verschlossen war.
LF: Und wie kam da der Kontakt zustande?
DW: Weil er Elternsprecher war und ich kannte eine Elternsprecherin derselben Schule in Berlin und sie hatte die Handynummer. Sie gab mir ausnahmsweise die Handynummer von ihm, da habe ich ihm eine SMS geschrieben, wer ich bin und dass ich mir vorstellen kann, dass sich gerade sein Leben total umgekrempelt hat. Da ja alle mitbekommen haben, dass Konzerte abgesagt wurden und er nun das Homeschooling mit den Eltern mitorganisieren musste. Es hat keine halbe Stunde gedauert, bis er mir zurück gesimst hat. Und da auch wieder diese Situation: Wir haben uns mittags geschrieben, ich musste bis 16:00 Uhr arbeiten und um 17:00 Uhr waren wir dann auf diesem Schulhof und haben das Interview geführt. Am selben Tag habe ich abends auch noch Balbina interviewt – auch persönlich – und am nächsten Tag war dann für Wochen der Lockdown. Balbinas Management hatte mir zugesagt, das Gespräch war aber erst in drei Wochen geplant. Dann kam eine Mail: Wir sollten das vielleicht vorschieben und zwar auf heute, wegen des Lockdowns. Sie hatte an dem Tag ein Privatkonzert für eine große Firma gegeben. Da wurde ich dann eingelassen und war im Backstagebereich und habe das Interview mit ihr geführt. Es sollte auch für mich lange Zeit das letzte Konzert gewesen sein, das ich im Anschluss sehen durfte.
LF: Und war es nicht manchmal, gerade mit Musiker*innen, ein bisschen schwierig, den Bibliotheksbezug herzustellen? Ging es deswegen auch übergeordnet um die Atmosphäre in Bibliotheken, weil das ein bisschen abstrakter ist und jeder damit etwas anfangen kann, auch aus eigener Bibliothekserfahrung?
DW: Ich würde sagen, ja. Aber ich habe auch Notizen von den Ärzten,
Campino, Clueso und Andreas Dorau, in deren Liedern es Bibliotheksbezüge
gibt. Heute wäre es wahrscheinlich mit Chatbots einfacher, solche
Notizen herzustellen. Meine habe ich jahrelang notiert. Und bei vielen,
nicht nur Musikern, habe ich versucht, nicht nur den Bibliotheksbezug
herzustellen, sondern auch den Text zu kürzen, wenn die dann anfingen,
aus ihrer Kindheit zu erzählen. Weil ja alle in ihrer Kindheit es
geliebt haben, in die Bibliothek zu gehen und weil ich wollte, dass es
um das Jetzt
und um die Atmosphäre geht und nicht um
Kindheitserinnerungen. Wichtig waren mir die spezifischen Perspektiven
der Interviewten: Ist beispielsweise aus der Sichtweise eines Regisseurs
so eine Bücherwand einfach nur Kulisse oder hat er Lust, beim Filmdreh
in einem der Bücher zu lesen? Ist für die Beatsteaks oder DenManTau eine
Bibliothek ein Ort, wo sie ein Konzert geben würden? So habe ich auch
diese Straßenmusiker interviewt, die jetzt anfangen Clubs zu füllen und
die vor ein paar Jahren noch auf der Berliner Oberbaumbrücke auftraten.
Oder wie nutzen Schriftsteller eine Bibliothek? Ulrike Draesner fing
dann an zu erzählen, nicht aus ihrer Kindheit, sondern aus ihrem Studium
– dass es früher in der Münchner Staatsbibliothek üblich war, dass es
dort Weißwürste und Leberkäs gab. Und wenn sie morgens um 10 Uhr kam,
gab’s die in der Kantine bereits, so dass die Bibliothek dann nach dem Leberkäs roch. Und das ist Atmosphäre, wenn von Gerüchen, Klängen und so
weitererzählt wird.
LF: Und gab es nicht auch ein Gespräch in einer Sauna?
DW: Ja, das hatte auch was. Aber mir war in dem Moment, wo dies dort stattfinden sollte, klar, dass das mit dem Diktiergerät dann nicht funktionieren wird – das kann man ja nicht mit reinnehmen. So wurde das ein Erinnerungsnotizgespräch, wo mir der Autor Falko Henning zugesagt hatte mitzuhelfen, das Gesagte wieder zu rekonstruieren. Folglich bin ich direkt nach der Sauna nach Hause und hab alles aufgeschrieben, was er gesagt und was ich gefragt hatte. Das fand ich dann aber auch spannend. Und so gab es ganz unterschiedliche Interviews.
So war ich auch einmal mit einem Mönch in einer Klausur, wo ein
weltlicher Mensch gar nicht reinkommt. Er hat plötzlich im Gespräch auf
die Uhr geschaut und gesagt: So, jetzt sind meine anderen Brüder alle
im Gebet in der Kirche und in der Klausur dürfte sich jetzt keiner mehr
befinden. Ich nehme sie mal mit.
Und dann war ich in der Bibliothek
der Klausur, wo es eine Zugangssperre gibt. Das war spannend, wie auch
in der Gefängnisbibliothek von Münster. Und ich durfte Fotos der
Kloster- wie auch der Gefängnisbibliothek machen und diese
publizieren.
Doch mit Vielen habe ich mich natürlich in Cafés oder Bibliotheken getroffen.
LF: Und hat sich der Prozess über die Jahre auch verändert? Also, du hast schon mal gesagt, dass du eigentlich nicht mit KI transkribieren würdest und dass das vielleicht ja auch jetzt ein guter Zeitpunkt ist, wo das alle machen können, mit den Interviews aufzuhören.
DW: Also das bringt es genau auf den Punkt. Nach diesen ersten fünf
Interviews habe ich mich mit der Redaktion zusammengesetzt und
weitergemacht. Und irgendwann haben wir auch eins ganz bewusst geändert,
nämlich dass es immer ein Gespräch zum Schwerpunktthema der Zeitschrift
werden sollte. Die ersten fünf Interviews waren noch ganz frei. Doch bei
den Schwerpunktthemen wie zum Beispiel Gefängnisbibliotheken
, kam
schon die Frage auf, wer lässt sich da interviewen – ein Inhaftierter
oder doch der Gefängnisbibliotheksleiter? Doch wollte ich ja immer keine
Bibliothekarin oder Bibliothekar interviewen.
LF: Auch wenn es total schwierig ist im Nachhinein: Könntest du sagen, was die Top 3 deiner schönsten Interviews sind? Also wenn du jetzt daran denkst und dich immer noch total freust oder wenn du es nochmal liest, dass du denkst, das war jetzt wirklich eins meiner schönsten Interviews.
DW: Wirklich schwierig, weil die alle so unterschiedlich waren. Doch
die Frage ist gut, da sie schwierig zu beantworten ist. Man könnte jetzt
sagen den, die und der und damit ist die Frage beantwortet. Aber die
Dialoge waren vielleicht vom Rahmen her alle gleich mit der
Espressotasse, dem Thema Atmosphäre
und jeweils geplanten 20
Minuten. Hierbei war mir immer die persönliche Begegnung ganz wichtig,
wenn möglich nicht per Telefon, nicht per E-Mail, was im Nachgang
manchmal passierte und auch redaktionell oder journalistisch völlig okay
ist, sondern dass man sich immer persönlich trifft und in die Augen
sieht. Und mit Armin Maiwald gab es ein Gespräch von vier Stunden, statt
der 20 Minuten.
Ich habe, glaube ich, eine Art, mit den Menschen umzugehen, dass ich
sie erstmal neutral sehe. Sie können noch so berühmt sein, das tangiert
mich nicht. Ich weiß aber, wer das ist und ich versuche immer sehr
achtungsvoll, sehr entgegenkommend und aufmerksam zuhörend zu sein. Das
wurde mir auch oft widerspiegelt. Es sind Menschen dabei gewesen, die
sehr, sehr viele Interviews geben, die sich hinterher bei mir bedankt
und gesagt haben, endlich mal jemand, der zugehört hat und keine
vorformulierten Fragen nutzt. Und das ehrt mich – also ohne mich jetzt
selber loben zu wollen. Da habe ich oft einfach für mich eine
Dankbarkeit empfunden und ich habe nach wie vor zu vielen noch einen
persönlichen Kontakt. Der eine lädt mich regelmäßig zu seinem Geburtstag
ein und der andere hat mich zu seiner letzten Filmpremiere eingeladen,
wo berühmte Menschen
neben mir im Publikum saßen, woraus wiederum
ein weiteres Interview entstanden ist.
Deshalb ist es vielleicht auch schwierig zu sagen, welches das Schönste war, denn das mit Nora Gomringer war genauso toll wie das mit ihrem Vater Eugen Gomringer. Doch beide Dialoge waren sehr unterschiedlich – dabei ging es mir immer um die Menschen, deren Antworten und sich einfach auf die jeweilige Situation einzulassen und zuzuhören, da jeder seine eigene Geschichte hat. Und klar, ein investigativer Journalist könnte ich mit dieser Haltung nie werden.
LF: Sowas wie Aufhören, wenn es am schönsten ist, passt vielleicht nicht, weil du hast ja gerade geschildert, dass du gar nicht richtig aufgehört hast, weil du mit den Menschen immer noch Kontakt hast. Kannst du dir vorstellen, dass nochmal, vielleicht auch in einer unstrukturierteren, lockereren Form nochmal aufzugreifen?
DW: Oh, nun wird vom Zuhören
zum Aufhören
übergeleitet.
Doch unbedingt, gerne mache ich in lockerer Form weiter, wenn es die
letzten zehn Jahre nicht locker genug war. Vielleicht mit Wissen
tanzt …
also ganz locker. Derzeit führe ich auch viele Interviews
mit Verwandten meiner Familie, um ein Buch schreiben zu können. Aber mit
dem Format Wissen fragt …
ist jetzt definitiv Schluss. Das letzte
Interview ist in der BuB-Doppelausgabe Dezember/Januar 2025/26
erschienen. Das war das Interview mit Gerhard Henschel. Dieses, das
möchte ich sagen, war schon besonders für mich, da ich über zehn Jahre
lang seine Bücher gelesen habe. Er hatte in den 1990er Jahren begonnen
seinen Romanzyklus zu schreiben, woraus das erste Buch seiner
Schlosser-Romane
2004 erschien. Das ist seine Lebensbiographie.
Für das Interview hätte ich ja am liebsten mal sein eigenes Privatarchiv
gesehen, wie ich auch im Privatarchiv von Hermann Glaser sein durfte –
doch das hatte zeitlich nicht geklappt, aber ich habe nun eine
Einladung, jederzeit vorbeikommen zu dürfen.
LF: Und jetzt erscheinen bald die gesammelten Interviews, also die 102 Interviews. Möchtest du dazu noch abschließend etwas sagen?
DW: Also diese Publikation soll dieses Jahr bei einem größeren wissenschaftlichen Verlag erscheinen, online und als gebundenes Sammelwerk. Es wird wohl über 700 Seiten haben. Und das ehrt mich und es freut mich sehr.
Übrigens war ich gestern bei der Lesung von Anne Berest, es ging um
ihre Bücher Die Postkarte
und ihr neues Buch Vatertage
. Da
waren gleich drei frühere Interviewpartner im Publikum, deren Dialoge
mit mir nun im selben Buch erscheinen werden. Später bekam ich dann auch
noch eine Einladung zu einer Literaturveranstaltung, bei der Campino
moderieren wird. Vielleicht sollte ich die Interviews ja doch
weiterführen?
LF: Ja toll, dann freuen wir uns jetzt alle auf dieses Buch und ich danke dir recht herzlich fürs Interview, lieber Dirk.
DW: Ich danke Dir, liebe Linda und freue mich über dieses Gespräch. Vielen Dank auch, dass du dir die Zeit nimmst und nun das machst, also die Schreibarbeit nach einem Interview, die ich 102-Mal machen durfte :)
Dr. Linda Freyberg (https://orcid.org/0000-0002-4620-7571) ist
Mitherausgeberin und Redakteurin der LIBREAS. Sie hat zum Thema
Ikonizität der Information. Die Erkenntnisfunktion struktureller und
gestalteter Bildlichkeit in der digitalen Wissensorganisation
an der
Leuphana Universität promoviert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin
an der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF |
Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Berlin
(https://www.dipf.de/de/institut/personen/freyberg) und
hat dort die Co-Leitung des DHELab (https://bbf.dipf.de/de/dhelab) inne.
Dr. Dirk Wissen ist promovierter Bibliotheks- und
Literaturwissenschaftler sowie leidenschaftlicher Bibliothekar. Seine
Dissertation hat den Titel Zukunft der Bibliographie – Bibliographie
der Zukunft
. Wissen ist seit 30 Jahren Mitglied des BIB – Berufsverband
Information Bibliothek e.V., bei dem er zehn Jahre, von 2015 bis 2026,
Mitglied im BIB-Bundesvorstand und Herausgeber der Fach- und
Verbandszeitschrift BuB – Forum Bibliothek und Information
war.