Die Autorin hat sich für das eigene Promotionsprojekt neben einer systematischen Literaturanalyse auch für Expert*inneninterviews als Forschungsmethode entschieden. Als Vorbereitung auf die damit verbundenen Gespräche soll dieser Essay dienen, um sich mit der Methode selbst besser vertraut zu machen. Der besseren Lesbarkeit willen, erfolgen alle weiteren personenbezogenen Bezeichnungen in diesem Aufsatz in der männlichen Form, welche dabei aber keinerlei wertende Bedeutung hat und alle Geschlechter gleichermaßen repräsentiert.

1. Definition

Ein Experteninterview ist eine erweiterte Form des sogenannten Leitfaden-Interviews, also eine qualitative Befragung anhand eines vorab erstellten Fragenkatalogs. Die für das Interview herangezogenen Interviewpartner fungieren dabei als Quelle, aus der Wissenschaftler wertvolle Erkenntnisse über den von ihnen zu untersuchenden Gegenstand herausarbeiten können. Voraussetzung dabei ist, dass der Befragte eine fachliche Kompetenz bezüglich der Forschungsthematik besitzt. (Vergleiche Werner 2013, S. 142 ff.) Er sollte also über ein überdurchschnittliches Fachwissen im Hinblick auf das Thema verfügen. Seine Befragung dient als methodisches Instrument, dieses besondere Wissen an die Oberfläche zu heben. (Vergleiche Gläser und Laudel 2010, S. 11) Ziel der Befragung ist es, die Bedeutung des Standpunktes und der Perspektive der Experten für den Kontext der Untersuchung herauszuarbeiten und auf Grundlage ihrer Aussagen spezifische Annahmen herzuleiten, um die zentrale Forschungsfrage zu beantworten. Warum sich besonders solche Personen für ein Interview eignen, verdeutlicht Lars Rinsdorf in seinem Beitrag Qualitative Befragungen. (Vergleiche Rinsdorf 2013, S. 67 ff.) Seiner Auffassung nach sind diese Befragten, die er als Beforschte bezeichnet, tatsächlich Experten, da sie im Arbeitsalltag in dem zu untersuchenden Fachgebiet tätig sind. Als sogenannte relevante Akteure können sie eine komplexe und umfassende Bewertung zum Thema abgeben, die sich neben der angewandten Praxis auch aus einer entsprechenden Vorbildung und persönlichen Erfahrungen speist.

2. Arbeitsschritte

Ein Experteninterview sollte in fünf Schritten erfolgen:

1. Die Vorüberlegungen

Zunächst gilt es, die Wer-, Wie- und Wo-Fragen zu beantworten. Es wird also festgelegt, welche Personengruppe, unter Anwendung welcher Hilfsmittel und an welchen Orten beziehungsweise über welche Kanäle befragt werden soll. Im Bereich der Bibliothekswissenschaft können dies sowohl Hochschulangehörige, wie Lehrende und Studierende, als auch Praktiker, vom Bibliotheksleiter bis zum Fachangestellten, sein, wenn sich die Untersuchung im Rahmen von einzelnen Arbeitsbereichen in einer Bibliothek dreht. Aber auch Bibliotheksbenutzende stellen eine, wenn nicht sogar die primären, Experten für bibliothekswissenschaftliche Forschung dar, wenn zum Beispiel eine Bewertung von bibliothekarischen Dienstleistungen im Mittelpunkt der Forschung steht. Ausschlaggebend ist, wie bereits erwähnt, immer die Forschungsfrage, die die zu befragende Fokusgruppe meist in sich impliziert.

Der Ort der Befragung bestimmt die zu verwendenden Hilfsmittel. Findet das Interview in Persona statt, reicht womöglich ein Leitfaden, etwas zum Schreiben und/oder ein Diktiergerät. Findet das Gespräch online statt, sollte sichergestellt werden, dass sowohl der Interviewführende als auch der Befragte jeweils über die technischen Voraussetzungen (PC, Software für das Durchführen von Videokonferenzen) verfügen. Generell muss ein Termin gefunden werden, der es beiden Parteien erlaubt, das Interview ohne Zeitdruck und andere Ablenkungen zu absolvieren. Nur dann wird es am Ende für beide Seiten, aber im Besonderen für den Forschenden, erfolgreich verlaufen.

Hat man sich auf die Fokusgruppe sowie die Art der Befragung festgelegt, gilt es, passende Interviewpartner ausfindig zu machen und sie um einen Interviewtermin zu bitten.

2. Die Vorbereitung des Interviews

Im Anschluss sollte der Ablauf des Interviews geplant werden. Dies erfolgt in der Regel anhand eines Leitfadens mit zielorientierten Fragen, die als roter Faden durch das Gespräch führen sollen. In einer qualitativen Befragung dient er dazu, das zu untersuchende Themenfeld zu strukturieren und in der Befragungssituation selbst als Orientierungshilfe, um nicht vom Thema abzuschweifen. Wenn dieser im Vorfeld geteilt wird, ermöglicht er beiden Seiten festzustellen, ob alle relevanten Punkte, die für die Beantwortung der Forschungsfrage wichtig sind, besprochen wurden. Grundsätzlich sollten die Fragen so formuliert werden, dass sich das Gegenüber zum Antworten ermuntert fühlt. Auch ist es sinnvoll, weiterführende Fragen zu stellen sowie dem Interviewpartner die Freiheit zu geben, eigene Punkte anzusprechen. Die Fragen selbst werden dem zu Interviewenden im Vorfeld zur Verfügung gestellt, damit dieser sich auf das Gespräch und gegebenenfalls auf weitere, für ihn wichtige Themen vorbereiten kann. Die Möglichkeit und selbstverständlich auch Zeit für einen offenen Dialog unabhängig von den Leitfragen sollten auch angedacht werden. Für den Aufbau dieser Art von Leitfäden empfehlen Bogner et al. die Einteilung in mehrere Einzelabschnitte, welche jeweils maximal drei Leitfragen enthalten sollten, die in jedem Fall abgefragt werden sollten. Sollte im Gespräch bemerkt werden, dass diese Fragen nicht ausführlich genug beantwortet wurden, können zusätzlich vertiefende Fragen gestellt werden. (Vergleiche Bogner u. a. 2014, S. 27 ff.)

3. Die Durchführung des Interviews

Nun gilt es, das Interview durchzuführen. Damit dies in Gänze gelingt und das damit verbundene Ziel, nämlich Informationen, die zur Beantwortung der Forschungsfrage notwendig sind, zu erhalten, erreicht wird, muss der Ablauf gut geplant werden. Idealerweise kommt es während der Unterhaltung mit der Zeit zu einem für beide Parteien angenehmen Fachgespräch, welches zwei Phasen umfassen sollte. Zu Beginn, in der als Eröffnungssequenz bezeichneten Phase, sollte durch den Forschenden eine Situation geschaffen werden, in der sich der Befragte wohl, aber vor allem in seiner Expertise ernst genommen fühlt. Die Vermittlung der eigenen Qualifikation bezüglich des Forschungsthemas, aber auch ein sympathisches Auftreten können zu einer positiven Entwicklung dieses Stadiums des Interviews beitragen. (Vergleiche Kaiser 2014, S. 93 ff.) Um dies zu erreichen, könnte vorab das Forschungsprojekt vorgestellt, das Ziel des Gesprächs verdeutlicht, sowie Gründe aufzeigt werden, warum der Interviewführende gerade im jeweiligen Gesprächspartner einen Sachkundigen bezüglich des Forschungsthemas sieht. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, über den Ablauf der Befragung zu informieren, eine Einwilligung zur eventuellen Aufnahme des Gesprächs einzuholen und die weitere Verwendung der durch das Gespräch entstehenden Informationen zu erklären. Ferner sollte über die Art und Weise belehrt werden, wie die im Zuge des Interviews erhobenen Forschungsdaten gespeichert werden sollen. Nicht zuletzt sollte die Option unterbreitet werden, die Befragung vertraulich zu halten. (Vergleiche Kaiser 2014, S. 92). Zum anderen könnte auch der Interviewpartner durch gezielte Fragen zur eigenen Person und zum Bildungs- und Berufsweg einbezogen werden. Solche eher unverfänglichen Fragen können in der Regel leicht beantwortet werden und schaffen beiden Parteien Sicherheit für die zweite Phase des Gesprächs. Diese zweite Phase wird mehr Zeit erfordern als das eben erläuterte Warm-up, denn hier wird all jenes abgefragt, was zur Beantwortung der Forschungsfrage relevant ist. Für beide Akteure und für das Herausarbeiten der besten Informationen bezüglich der Forschungsfrage wäre es optimal, wenn es an dieser Stelle zu einem Gespräch auf Augenhöhe, in einem, von Robert Kaiser als Modus der Argumentation und Diskussion bezeichnet, kommen würde. (Vergleiche Kaiser 2014, S. 94) Den Abschluss der Durchführung des Interviews bildet eine Dokumentation über dessen Ablauf. Da sich neben den geäußerten Inhalten die Interviewsituation selbst auf das Ergebnis der erhobenen Forschungsdaten nachhaltig auswirkt, sollte diese neben den Hauptaussagen des Gesprächs festgehalten werden, um bei der Auswertung ebenfalls berücksichtigt werden zu können. Gläser et al. empfiehlt daher, Informationen zur Motivation des Interviews, dessen Rahmenbedingungen und den Ablauf des Interviews zu protokollieren. (Vergleiche Gläser und Laudel 2010, S. 192 ff.)

Das bestmögliche Gelingen von Experteninterviews erreicht man, wenn man vor der Durchführung der eigentlichen Interviews über einen sogenannten Pre-Test die Tauglichkeit des Fragenkatalogs sowie die Interviewsituation im Beisein eines Beispielbefragten erprobt. Solche Tests sind fester Bestandteil der Forschungsmethode und sollten ernsthaft durchgeführt und ebenfalls dokumentiert werden, denn an dieser Stelle wird sich zeigen, ob Fragen gegebenenfalls umformuliert oder der Ablauf des Gesprächs selbst verändert werden müssen. (Vergleiche Kaiser 2014, S. 82 ff.)

4. Die Transkription und Auswertung des Interviews

Für die Dokumentation des Interviews ist eine vollständige Transkription des gesamten Gesprächs unerlässlich, damit auch zu einem späteren Zeitpunkt nachvollzogen werden kann, wie der Forschende auf die für die Beantwortung der Forschungsfrage benötigten Ergebnisse gekommen ist. Bei der Verschriftlichung sollten nur die reinen Aussagen übernommen werden. Füllwörter dürfen ignoriert werden. Unvollständige Sätze können ohne Sinnveränderung geschlossen werden. Sollte es dem Verständnis dienen beziehungsweise einen besonderen Einfluss auf die Forschungsfrage haben, können spontane, aber auch bewusste Pausen entsprechend gekennzeichnet werden. Nach der Übertragung der Interviews werden diese dem Interviewpartner zur Überprüfung zur Verfügung gestellt. Die Auswertung der Interviews erfolgt dann auf Grundlage der Transkription und des nach dem Interview erstellten Gesprächsprotokolls, wobei versucht wird, die Kernaussagen herauszuarbeiten. Die Gewinnung der für die Forschungsfrage relevanten Informationen erfolgt letztlich durch eine vergleichende Auswertung aller wesentlichen Daten, die über Interviews mit verschiedenen Experten, die zur gleichen Thematik befragt wurden, zustande gekommen sind. Dies zeigt deutlich, dass für eine objektive Erhebung von Forschungsdaten und einer ebensolchen Beantwortung der Forschungsfrage niemals nur ein Experteninterview erfolgen darf. Es gibt natürlich keine Standardvorgabe dafür, wie viele Experten befragt werden sollten, aber die Zahl sollte so gewählt sein, dass die Aussagen für das Thema aussagekräftig sind. Die wissenschaftliche Analyse der Daten erfolgt über das Zusammentragen aller wichtigen inhaltlichen Gesichtspunkte, welche über ein Kategoriensystem ausgewertet werden. Die Kategorien werden im Anschluss gewichtet und die darin enthaltenen Informationen grob als Pro- oder Kontraargument bezüglich der Beantwortung der Forschungsfrage eingeordnet, falls dies die Fragestellung zulässt. So können inhaltlich zusammenhängende Fakten, die aber von unterschiedlichen Interviewpartnern geäußert wurden, zusammengefasst werden. Tatsächlich können über dieses Verfahren auch Fehlinterpretationen oder -einschätzungen der Interviewpartner aufgedeckt und ausgewiesen werden. (Vergleiche Bogner u. a. 2014, S. 72 ff.)

5. Die Verschriftlichung der erhobenen Daten im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand

Anhand dieser aufbereiteten Daten kann das Ergebnis der Befragung mit Bezug auf die Forschungsfrage sinnvoll verschriftlicht werden. Für die Wahrung der Neutralität der Untersuchung ist es unabdingbar, bei diesem Arbeitsschritt auch auf persönliche Grenzen beim Interview, auf Probleme bei einem oder mehreren der Arbeitsschritte, auf die Forschung stark beeinflussende Vorkommnisse bei der Befragung sowie die zur Durchführung und Auswertung verwendete technische Hilfsmittel und die damit in Verbindung eventuell auftretenden Hürden einzugehen. Dies wird die Erhebung der Daten vollständig dokumentieren und anderen Forschenden, die sich für eigene Projekte der gleichen Forschungsmethode bedienen möchten, eine enorme Hilfe sein.

3. Der Nutzen von Experteninterviews als Forschungsmethode in der Bibliothekswissenschaft

Experteninterviews dienen dazu, das Forschungsthema in Gänze zu beleuchten sowie aus dem Wissen und dem Erfahrungsschatz der Befragten ein vollständiges Bild bezüglich der zentralen Forschungsfrage zu zeichnen. Damit lassen sich Meinungen, Einschätzungen, aber auch Einwände oder Bedenken ermitteln, auf die der Forschende von selbst möglicherweise gar nicht gekommen wäre. Eigene Erfahrungen, wenn auch ‘subjektiv’ wahrgenommen, sind darüber hinaus ein Instrument, theoretische Annahmen auf ihre Richtigkeit und Übertragbarkeit auf die Praxis hin zu überprüfen. Hierin besteht der wesentliche Nutzen dieser Methode für die bibliothekswissenschaftliche Forschung. Bogner et al. fassen dies wie folgt perfekt zusammen: Das Besondere am Expertenwissen besteht nicht nur in dessen besonderer Reflexivität, Kohärenz oder Gewissheit, sondern auch insbesondere darin, dass dieses Wissen in besonderer Weise praxiswirksam und damit orientierungs- und handlungsleitend für andere Akteure wird. (Bogner u. a. 2014, S. 13 ff.) Dieser Einfluss umfasst dabei nicht nur das eigene Arbeitsumfeld der Experten, sondern kann sich auch auf angrenzende oder sogar fachübergreifende Bereiche erstrecken, was den Stellenwert von Experteninterviews für die verschiedensten Forschungsprojekte noch erhöht. Für manche wissenschaftliche Forschungsvorhaben sind sie sogar unverzichtbar. (Vergleiche Bogner u. a. 2014, S. 13 ff.)

Literatur

Bogner, Alexander, Beate Littig und Wolfgang Menz. 2014. Interviews mit Experten - Eine praxisorientierte Einführung. Qualitative Sozialforschung Lehrbuch. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19416-5

Gläser, Jochen, und Grit Laudel. 2010. Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse. 4. Auflage. Lehrbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kaiser, Robert. 2021. Qualitative Experteninterviews - Konzeptionelle Grundlagen und praktische Durchführung. 2., aktualisierte Auflage. Elemente der Politik. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-30255-9

Rinsdorf, Lars. 2013. Qualitative Methoden. In: Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle. De Gruyter Saur. https://doi.org/10.1515/9783110255546.64

Werner, Petra. 2013. Qualitative Befragungen. In Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle. De Gruyter Saur. https://doi.org/10.1515/9783110255546.128


Charlotte Lenz, hat Bibliotheksmanagement an der Fachhochschule Potsdam sowie Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der HU Berlin studiert. Nach einer langjährigen Anstellung als wissenschaftliche Bibliothekarin in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums betreut sie nun die Bibliothek der Gedenkstätte Sachsenhausen.