> > > LIBREAS. Library Ideas # 45

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Interview mit der Redaktion von Forum Musikbibliothek


Zitiervorschlag
Dina Heß, Susanne Hein, Karsten Schuldt, "Interview mit der Redaktion von Forum Musikbibliothek". LIBREAS. Library Ideas, 45 ().


Bibliotheken neigen bekanntlich dazu, sich in Arbeitsgruppen, Kommissionen, Unterverbänden und so weiter zu organisieren. Sind diese nur groß genug, dann – so scheint es zumindest – betreiben sie oft auch eigene Publikationen. Manchmal eigene Blogs und Homepages, manchmal Newsletter, aber manchmal auch eigene Zeitschriften. Musikbibliotheken sind ein Beispiel dafür. Sie sind seit langem gut organisiert, inklusive eines eigenen Weltverbandes (der International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres, IAML) mit eigenen Ländergruppen, zum Beispiel in Deutschland, der Schweiz und Österreich, die wiederum zum Teil eigene Arbeitsgemeinschaften haben. Für die deutsche Bibliotheksstatistik stellen sie einen eigenen Bibliothekstyp dar. Und mit Forum Musikbibliothek existiert für sie seit 1980 eine kontinuierlich erscheinende Zeitschrift. Damit sind sie zwar nicht der einzige Bibliothekstyp – zum Beispiel haben die Museumsbibliotheken mit den AKMB-news auch eine eigene Zeitschrift – aber doch einer der wenigen.

Für den Schwerpunkt der #45 der LIBREAS erscheint es nur passend, ein Interview quasi von Redaktion zu Redaktion über diese Zeitschrift zu führen. Was macht sie aus – auch im Vergleich zu breit aufgestellten Zeitschriften wie der LIBREAS? Gibt es spezifische Herausforderungen bei der Redaktionsarbeit für Musikbibliotheken? Welchen besonderen Blick bringen die Musikbibliotheken in das Bibliothekswesen ein?

Im Folgenden also ein schriftlich geführtes Interview mit Dina Heß und Susanne Hein aus der Schriftleitung von Forum Musikbibliothek. Die Fragen für die LIBREAS stellte Karsten Schuldt.

Karsten Schuldt (KS): Werte Frau Hein, werte Frau Heß. Sie sind beide, wenn ich richtig informiert bin, erst seit einigen Jahren in der Schriftleitung von Forum Musikbibliothek tätig. Deshalb gleich die Frage: Was hat Sie dazu getrieben, diese Verantwortung zu übernehmen? Sie sind ja beide selber in Musikbibliotheken tätig – ist das einfach so, dass von den Kolleg*innen in den anderen Musikbibliotheken erwartet wird, dass sie diese Aufgabe übernehmen, wenn sie richtige Musikbibliothekar*in sein wollen, so als eine Form der rite de passage? Oder welche Gründe hat es für Sie gegeben?

Susanne Hein (SH): Zunächst eine kurze Information zur Organisation der Zeitschrift: Wir beide gehören zur Schriftleitung, die die Artikel einwirbt, inhaltlich verantwortet und auch grob die Linie der Zeitschrift oder zumindest eines Heftes festlegt, teils auch in Austausch mit dem Vorstand von IAML Deutschland. Auch über den Abdruck unaufgefordert eingereichter Beiträge entscheiden wir. Unser Redakteur dagegen korrigiert die Texte und später die Druckfahnen. Außerdem ist er für den Rezensionsteil zuständig und übernimmt den Kontakt zur Schriftsetzerin des Verlags.

Um die Frage nach der Motivation für dieses Amt zu beantworten: Getrieben hat mich nichts und erwartet wurde es ebenfalls nicht. Ich wurde überrascht, als die Präsidentin von IAML-Deutschland mich (und einen mir bisher unbekannten Kollegen, Jonas Lamik) im Frühjahr 2020 fragte. Aber ich hatte Lust dazu, denn es macht Spaß, diese Hefte gestalten zu können und die Ergebnisse zu sehen. Und ich bin sehr froh, das Amt nicht alleine bedienen zu müssen, denn die meiste Arbeit fällt in die Freizeit und es macht Freude, zu zweit in der Schriftleitung zu sein. Zum Glück hilft uns außerdem ein Beirat mit Mitgliedern aus den verschiedenen Musikbibliothekstypen sowie Vertretungen der IAML-Ländergruppen Österreich und der Schweiz. Sie werben ebenfalls Beiträge ein, vermitteln Rezensionen, übernehmen Interviews oder das Schreiben des Editorials. Grundsätzlich sind unter den Musikbibliothekar*innen sehr viele Kolleg*innen mit einer großen Portion Idealismus. Die ist ebenfalls nötig für die vielen Ämter im Verband. Es gibt nicht so viele Leute, die in Frage kommen – mir hilft zum Beispiel meine Berufserfahrung und die langjährige Verbandsarbeit, daher kenne ich viele Menschen und bekomme oft mit, welche Projekte an welchen Bibliotheken laufen.

Dina Heß (DH): Für mich ist das alles noch recht neu, weil ich erst seit letztem Jahr die Schriftleitung mit Susanne zusammen mache. Vielleicht, weil ich zwei Jahre in der Redaktion von o-bib. Das offene Bibliotheksjournal mitgearbeitet habe, haben mich Jonas Lamik und Susanne Hein angesprochen, ob ich Interesse hätte, in der Schriftleitung von Forum Musikbibliothek mitzuarbeiten. Es hat mich natürlich sehr gereizt, die ohnehin spannende Arbeit für ein Fachjournal nun in meinem Fachgebiet nicht nur in unterstützender Rolle, sondern mitgestaltend zu übernehmen.

Ich empfinde das nicht als notwendigen rite de passage, aber durch Forum Musikbibliothek hatte ich schon nochmal einen anderen, intensiveren Eintritt in die Fachcommunity. Ich bin sehr glücklich darüber, mit Susanne eine so erfahrene Partnerin zu haben und das Vorhaben Forum Musikbibliothek auch gemeinsam mit unserem Redakteur und dem Beirat zu wuppen.

KS: Zur Redaktionsarbeit: Musikbibliotheken liegen ja einigermaßen quer zu den anderen Bibliothekstypen. Öffentliche Bibliotheken, Wissenschaftliche Bibliotheken, Staats- und Kantonsbibliotheken – sie alle können Musikabteilungen haben, abgesehen von ganz eigenständigen Musikbibliotheken. Stellt das ein Potential oder eine Herausforderung für das Einwerben von Artikeln dar?

SH: Natürlich ist das ein Potential – einerseits gibt es Abwechslung und Vielfalt, andererseits aber gibt es überall Gemeinsamkeiten quer durch die Institutionen. Außer den von Ihnen genannten Typen sind in der IAML Musikarchive und Musikdokumentationszentren vertreten.

DH: Als Musikhochschulbibliotheken sind wir eigentlich kein eigener Bibliothekstyp, aber in der Praxis stellt unsere Arbeit sich oft als ein sehr spannender Querschnitt aus Hochschulbibliothek, Öffentlicher Musikbibliothek und Spezialbibliothek dar. Natürlich ist es immer einfacher, in der eigenen Sparte Beiträge einzuwerben. Das ist auch ein Grund, weshalb es sich für das Schriftleitungsduo bewährt hat, wenn es mit Personen aus unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Musikbibliothekswesens besetzt ist.

KS: Grundsätzlich auch die Frage: Was unterscheidet Musikbibliotheken eigentlich so sehr von anderen Bibliotheken, dass sie ihre eigene Zeitschrift und ihren eigenen Verband betreiben? Wieder ist das vielleicht mein spezifischer Blick, aber ich habe mich lange mit Schulbibliotheken beschäftigt. Die hatten von 1975 bis 2000 auch ihre eigene Zeitschrift, die damals wie Forum Musikbibliothek vom Deutschen Bibliotheksinstitut herausgegeben wurde. Aber sie haben es nicht geschafft, diese selbstständig weiterzuführen. Was macht dagegen Musikbibliotheken so gut darin, solche Strukturen selber zu organisieren und offenbar ja auch zu erhalten?

SH: Wie gesagt, Musikbibliothekar*innen sind oft sehr motiviert. Unsere Materie (vor allem in Bezug auf Noten und Tonträger) stellt auf sehr vielen bibliothekarischen Gebieten andere beziehungsweise oft besondere Anforderungen im Vergleich zu gängigen Medienarten an Universalbibliotheken. Es geht um Katalogisierung und Recherche, um die Marktsichtung und Erfahrung mit bestimmten Discoverysystemen, Katalogisierungsprogrammen oder lizenzierbaren Streamingportalen bei Noten und Musikaufnahmen. Ich vermute, dass es bei Schulbibliotheken weniger Unterschiede zum allgemeinen Bibliothekswesen gibt oder auch, dass die Unterschiede innerhalb der verschiedenen Schulbibliothekstypen nicht so groß sind. Es tut gut und bringt uns fachlich weiter, sich dazu auf Tagungen austauschen zu können. Auf jeden Fall sind wir dankbar, dass die Träger der Musikbibliotheken diese Vernetzung unterstützen. Vielleicht war das bei den Schulbibliotheken anders?

DH: In wissenschaftlichen und öffentlichen Musikbibliotheken haben wir in der Regel alles, was andere Bibliotheken auch haben, aber eben zusätzlich die Musik – die sich in vielen Aspekten des Bibliothekswesens etwas anders verhält. Das hat in großem Maße auch damit zu tun, dass Noten anders genutzt werden. Wie ein literarisches Werk kann auch ein musikalisches Werk natürlich Gegenstand von Forschung sein. Aber im Fall von Noten wird eben auch daraus musiziert und das wiederum in verschiedenen Kontexten: zum Beispiel privat als Hobby oder professionell. Aus den verschiedenen Nutzungsarten ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an zum Beispiel Editionen oder musikalische Ausgabeformen. Eine Sängerin, die eine Rolle aus Mozarts Oper Die Zauberflöte oder Bernsteins West Side Story einstudiert, braucht vielleicht den Klavierauszug, der Soloflötist eine Flötenstimme, die Dirigentin die kritische Edition der Partitur und der Regisseur vielleicht noch zusätzlich ein Libretto und wissenschaftliche Literatur zum Werk. Das sind andere Anforderungen als die eines Oberstufenschülers, der einen Aufsatz zu Mozarts Opern schreiben soll, einer Forscherin, die sich mit Geschlechterrollen im Musiktheater zwischen 1760 und 1960 beschäftigt oder einem Amateurmusiker, der auf der Hochzeit seiner Tochter eine Arie aus der Zauberflöte oder der West Side Story singen möchte.

KS: Für diese Ausgabe der LIBREAS habe ich mich mit der Geschichte der öffentlichen Musikbibliotheken am Anfang des 20. Jahrhunderts befasst. Damals erschienen Artikel zu musikbibliothekarischen Themen in den breiter aufgestellten bibliothekarischen Publikationen, beispielsweise in den Vorgängerinnen der heutigen BuB. Heute habe ich den Eindruck, dass das fast nicht mehr der Fall ist. Würden Sie diese Einschätzung teilen? Ist es halt nicht auch eine Gefahr, wenn so eine Zeitschrift wie die Ihre besteht, dass dann die Musikbibliotheken im gesamten Bibliothekswesen einigermassen vergessen gehen, weil sie halt nicht mehr in der BuB oder so auftauchen?

SH: Nein, das ergänzt sich alles ganz gut. In BuB erscheinen durchaus musikbibliothekarische Artikel, auch gelegentlich im Bibliotheksdienst. Außerdem erinnere ich mich an ein Sonderheft Musikbibliotheken der ZfBB. Teilweise stimmen wir das mit den Autor*innen ab und haben sogar schon die Veröffentlichung einzelner Beiträge in BuB statt im Forum Musikbibliothek unterstützt, und zwar bei den Artikeln von Cortina Wuthe und Verena Funtenberger (Heft 12/22), damit sie ein größeres Publikum bekamen. Gerade ist wieder ein Sonderheft zum Thema Musikbibliotheken in BuB erschienen (Heft 2-3/2024, das letzte war 04/2016); darüber wurden wir lange vorher aus der Musikbibliothekscommunity informiert. Ein Problem ist vielleicht eher die musikbibliothekarische Präsenz auf der und die Teilnahme an der BiblioCon. Gelegentlich gibt es auch dort musikbibliothekarische Inhalte und Musikbibliothekar*innen profitieren bei der Tagungsteilnahme auf jeden Fall von allgemein-bibliothekarischen Vorträgen, aber es ist für die einzelnen Musikbibliotheks-Kolleg*innen schwierig, alle Termine zu berücksichtigen beziehungsweise selbst mit Vorträgen präsent zu sein.

KS: Dazu eine Frage, die nichts direkt mit Ihrer Redaktionsarbeit zu tun hat, aber doch bestimmt noch mehr Menschen als mich brennend interessiert: Wer sind eigentlich die Musikbibliothekar*innen? Wie verstehen die sich? Also: Würden die sich vor allem als Musiker*innen beschreiben, die auch Bibliothekar*innen sind? Oder Bibliothekar*innen, die an Musik interessiert sind? Ich frage das auch, weil mir scheint, alle Musikbibliothekar*innen, die ich so treffe, spielen aktiv irgendein Instrument. Das ist ja doch etwas anderes als in anderen Bibliotheken, wo Kolleg*innen gerne einmal herausstellen, dass sie nicht vor allem lesen, sondern aktiv Bestände managen. Da scheinen Musikbibliothekar*innen viel näher an ihrem Thema dran zu sein. Oder gibt es eine eigene Identität als Musikbibliothekar*in?

SH: Es gibt sehr verschiedene Qualifikationen und Stellenprofile, was unter anderem von den Musikbibliothekstypen und der Größe der jeweiligen Bibliothek abhängt. In erster Linie kommen wir aus dem Bibliothekswesen und der Musikwissenschaft. Lange Zeit gab es in Stuttgart an der heutigen Hochschule der Medien ein halbjähriges musikbibliothekarisches Zusatzstudium im Anschluss an das bibliothekarische Diplom-Examen und später einen Schwerpunkt Musikinformationsmanagement im bibliothekarischen Masterstudiengang. Aktuell bietet die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig einen Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit der Profillinie Musikbibliotheken an. Viele von uns haben mehrere Abschlüsse. Fast alle spielen ein Instrument oder singen aktiv; ohne Notenkenntnisse und tieferes Verständnis für Musik kann der Beruf nicht gut ausgeübt werden. Musiker*innen ohne bibliothekarischen Abschluss sind mir auf bibliothekarischen Stellen kaum bekannt. In den öffentlichen Musikbibliotheken werden dagegen neuerdings Musikpädagog*innen eingestellt, dann aber mit dem Fokus auf Programmarbeit, Workshops und Musikvermittlung. Die Bandbreite wird sicher schon anhand unserer verschiedenen Antworten klar, da wir beide aus unterschiedlichen Bibliothekstypen kommen. Eine eigene Identität ist sicher übertrieben, aber die musikbibliothekarischen Gemeinsamkeiten schweißen uns schon sehr zusammen.

DH: Unter den Orchesterbibliothekar*innen gibt es vereinzelt Musiker*innen oder Musikwissenschaftler*innen ohne formale bibliothekarische Ausbildung oder, in kleineren Häusern, auch andere Quereinsteiger*innen. Häufig arbeitet man da aber auch auf eine ganz andere Art mit den Musiker*innen des eigenen Orchesters und insbesondere mit den Dirigent*innen zusammen und richtet beispielsweise die Stimmen für eine Produktion ein. Das unterscheidet sich nochmal viel stärker von der klassischen Bibliotheksarbeit, als vielleicht in unseren beiden Sparten.
Natürlich arbeiten – je nach Größe – auch in öffentlichen und wissenschaftlichen Musikbibliotheken nicht nur Menschen, die sowohl musikalische als auch bibliothekarische Abschlüsse mitbringen. Ich halte es für Musikbibliothekar*innen hier aber für sehr wichtig, sich nicht nur in der Bibliothekswissenschaft auszukennen, sondern zusätzlich eben auch, bis zu einem gewissen Grad Noten lesen zu können und das Vokabular und die Konzepte der Musik und ihrer Notation zu kennen: Schlüssel, Tonarten, Instrumente, Besetzungen, Epochen, Gattungen und Genres oder die schon erwähnten musikalischen Ausgabeformen sind allein für die Notensuche im Katalog fast unerlässlich; ebenso wichtig ist es, zu wissen, dass eine Rockband anders musiziert als ein philharmonisches Orchester, eine Opernsängerin anders als eine Popsängerin und ein Konzertpianist anders als ein Jazztrompeter und dass sie infolgedessen andere Bedarfe an eine Bibliothek haben und auch anders suchen.

KS: Etwas, was im Forum Musikbibliothek gleich auffällt, ist die Rubrik Personalia, die ja immer wieder relativ viel Platz einnimmt. Das vermittelt für mich als Außenstehenden schon den Eindruck einer eng zusammenhängenden Community. Stimmt das? Wie wichtig ist denn diese Rubrik? Gibt es in den Musikbibliotheken wirklich das Verlangen danach, zu wissen, wer von welcher Musikbibliothek in eine andere Musikbibliothek gewechselt ist oder wer auf welchen Posten aufgestiegen ist? Ich frage auch, weil mir scheint, dass es solche Nachrichten früher viel öfter in bibliothekarischen Zeitschriften gab, aber heute fast nur noch in Ihrer Zeitschrift.

SH: Diese Rubrik wurde erst 2012 eingeführt und nimmt meist nur wenig Platz ein; im Heft 3/2023 fehlte sie sogar ganz. Bei einer Umfrage, welche Rubriken unsere Leser*innen bevorzugen (Heft 3/2020) schnitt die Rubrik Personalia zwar weniger gut ab, aber der Abstand zu den anderen Rubriken war eher gering. Ja, wir sind eine übersichtliche und gut vernetzte Community. Da interessiert es schon zu erfahren, welche Posten mit welchen Personen besetzt werden oder es lohnt sich zu bilanzieren, was wir einzelnen Kolleg*innen verdanken, die in den Ruhestand gehen. Vermutlich würden sich auch in anderen Bibliothekstypen Kolleg*innen für solche Artikel interessieren und es scheitert nur am Aufwand und der Beitragsmenge?

DH: Wir arbeiten tatsächlich äußerst eng zusammen und tauschen uns besonders innerhalb unser jeweiligen Sparten sehr viel aus – zumindest empfinde ich das so. Die große Bibliothekscommunity spielt dabei eine viel kleinere Rolle. Das hängt mit den bereits angesprochenen Spezialisierungen zusammen und auch mit den besonderen Bedingungen. In Hochschulen ist das beispielsweise zusätzlich auch die Größe. Unsere Musikhochschulbibliotheken haben grundsätzlich ja dieselben Aufgaben wie eine Universitätsbibliothek, aber anstelle von 16.000 oder gar 30.000 Studierenden haben unsere Hochschulen häufig 400 bis maximal 1.700 Studierende. Gleichzeitig ist auch die Musikwelt – also unsere Nutzer*innen – in einem viel höheren Maße vernetzt. In einzelnen Disziplinen kennt jede*r buchstäblich jede*n.

KS: Was mir weiterhin in Ihrer Zeitschrift auffällt, sind die recht vielen historischen Themen, also die Darstellungen zu Musiker*innen und Komponist*innen, aber auch die vielen Projektberichte zu Nachlässen. Haben Musikbibliotheken einen historischen Fokus? Gibt es da nicht auch Widerspruch aus der Profession dagegen? Musikbibliotheken wollen doch nicht nur historische Musik vermitteln.

SH: Institutionelle IAML-Mitglieder sind überwiegend wissenschaftliche Musikbibliotheken mit großen historischen Beständen und einem entsprechenden Auftrag. Diese Bestände machen viel Arbeit in der Erwerbung, Erschließung und Digitalisierung. Daher gibt es oft spezielle Projekte und berichtenswerte Resultate. Es ist für alle interessant zu erfahren, wo welche Bestände erworben und erschlossen wurden. Gegenfrage: Was meinen Sie mit historischer Musik? Nahezu alle Musikbibliotheken erwerben Partituren und Tonträger mit zeitgenössischer klassischer Musik. Bei Jazz, Rock und Pop erscheinen im Verhältnis zu Tonträgern nur wenig gedruckte Noten, diese gehören zum Profil vor allem der Musikabteilungen an öffentlichen Bibliotheken und Musikhochschulbibliotheken. Institutionen mit großen Tonträgersammlungen schließen sich der IASA an, nicht der IAML, aber es gibt Schnittmengen.

DH: Unsere Bestände und auch die Vermittlung unserer Bestände sind so vielfältig wie die Musik selbst und ein Musikstück ist – egal wie alt es ist – immer auch in gewisser Weise gegenwärtig, wenn es von jemandem musiziert wird. Manche Werke sind auch Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrer Entstehung unverändert beliebt, manche werden erst lange nach ihrem Entstehen durch die Musikwelt wiederentdeckt. Das betrifft natürlich nicht nur die klassische Musik, sondern auch Jazz, Musical oder die Popmusik des 20. Jahrhunderts.
Die Musik selbst mag vor 400 oder 80 Jahren geschrieben worden sein, wird aber heute noch – und das fast täglich – gespielt, erforscht, gehört, bearbeitet und so weiter. Ich bezweifle, dass das bei literarischen Werken in diesem Maße passiert – am ehesten vielleicht bei den Dramen von William Shakespeare oder den Romanen von Jane Austen.

Nehmen wir das Violinkonzert op. 35 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, das 1878 entstand. Ein Konzertmitschnitt vom September 2023, der auf YouTube verfügbar ist, hat jetzt, ein halbes Jahr später, über eine Million Streams. Ich glaube nicht, dass so viele Menschen im Zeitraum von einem halben Jahr 150 Jahre nach seiner Veröffentlichung 1878 den Roman Vor dem Sturm von Theodor Fontane rezipieren – oder dass in Bibliotheken so häufig nach dem Roman gefragt wird, wie es Bedarf nach dem Notenmaterial für das Violinkonzert gibt.

KS: Die Frage eben interessiert mich auch, weil mir ebenso aufgefallen ist, dass doch recht viele, sagen wir einmal, digitale Themen im Forum Musikbibliothek Platz finden. Einerseits viele Projekte zur Digitalisierung von Nachlässen und Sammlungen. Andererseits aber gerade auch aus Öffentlichen Bibliotheken Beiträge zu Makerspaces und kuratierten Tracklists. Nehme ich das einfach falsch wahr? Ist das nicht ein gewisser Widerspruch zu den vielen historischen Themen? Oder bildet das einfach die Breite der Musikbibliotheken ab?

SH: Warum sollte das ein Widerspruch sein? Auch die Digitalisierung ist ein Thema, an der sich Musikbibliotheken (und wenige weitere Spezialbibliotheken) mehr abarbeiten müssen als die allgemeinen Bibliotheken, aber das ist doch eminent wichtig, wenn wir nicht als Fossilien enden wollen?!

DH: Ich sehe da auch überhaupt keinen Widerspruch. Wir bewegen uns in der Musik immer im Zeitlosen oder zeitübergreifend und die Digitalisierung von Beständen hilft, die Brücke zu schlagen. Gute Digitalisierung eröffnet zudem neue Arten, mit Musik zu arbeiten, aber auch Musik zu erleben. Gleichzeitig ändert sich der praktische Umgang mit Noten auch im Konzertbetrieb. Eine E-Note muss – genauso wie ihr gedrucktes Pendant – viel mehr Anwendungskontexte erlauben als ein E-Book. Gleichzeitig beschäftigt sich auch die Musikwissenschaft als eine der Geisteswissenschaften zunehmend mit Themen der Digital Humanities.
Der Musikmarkt hat sich ebenso grundlegend geändert wie der Filmmarkt, vom physischen Medium hin zum Streaming. Das geht für Bibliotheken zum Beispiel mit neuen Lizenzmöglichkeiten einher.

KS: Wenn wir schon bei den Themen im Forum Musikbibliothek sind: Welche Themen würden Sie sich denn in Zukunft mehr wünschen? Sowohl als Schriftleitung als auch als aktive Musikbibliothekar*innen?

SH: Welche Themen wir uns beziehungsweise unsere Leser*innen sich mehr wünschen, ist sonnenklar: Praxisberichte zu Managementfragen und Erfahrungen mit verschiedenen Software-Anwendungen, Datenbanken oder Streamingportalen. Außerdem Erfahrungen mit Erwerbungsmodellen, bei denen bestimmte Tätigkeiten aus Lektorat, Katalogisierung und ausleihfertiger Bearbeitung an Firmen aus dem Buch- und Musikalienhandel vergeben werden. Es gibt aber nicht genug Kolleg*innen, die darüber schreiben möchten, unter anderem weil es heikel ist beziehungsweise zu viel Interna tangiert.

DH: Da kann ich nur zustimmen: Was vielen von uns am meisten hilft, sind Erfahrungen aus der Praxis und Überlegungen, wie sich unser Angebot in diesem Jahrzehnt und darüber hinaus entwickeln könnte. Mich persönlich treibt aber aktuell auch vermehrt die Frage um, was die Bedarfe unserer Nutzenden in ein paar Jahren sein werden – wohin sich Musikpraxis und -forschung entwickeln und welche Rolle Bibliotheken dabei spielen werden.

KS: Okay. Eine Frage habe ich mir für das Ende aufgehoben, weil sie vielleicht in ein Wespennest stößt. Deshalb lassen Sie mich kurz vorher sagen, dass ich persönlich ein großer Freund von physischen Medien bin – ich lese, was ich kann, gedruckt; ich höre, was ich kann, direkt von Vinyl. Aber auch, weil die LIBREAS so wie viele andere bibliothekarische Zeitschriften einen anderen Weg gehen: Warum erscheint Forum Musikbibliothek eigentlich weiterhin gedruckt? Ich weiss, nach zwölf Monaten publizieren Sie alle Artikel als Open Access. Aber dennoch ist der Hauptpublikationsweg ja weiterhin die gedruckte Ausgabe. Ist das von den Musikbibliotheken so gewollt? Wird das auch in Zukunft so sein?

SH & DH: Momentan stellen wir uns diese Frage nicht – eine Mehrheit möchte noch das gedruckte Exemplar und mit der erwähnten OA-Strategie sind wir zufrieden. Es wäre außerdem eher eine Entscheidung des IAML-Vorstands beziehungsweise der Mitgliederversammlung, denn Forum Musikbibliothek ist (auch) eine Verbandszeitschrift.

KS: Frau Heß, Frau Hein, haben Sie vielen Dank für Ihre Antworten.


Interviewpartnerinnen

Dina Heß

Dina Heß leitet seit 2021 die Bibliothek der Folkwang Universität der Künste. Sie hat Mathematik mit Nebenfach Musikwissenschaft an der Universität Bonn und der University of Leeds studiert, außerdem Bibliothekswissenschaft an der TH Köln. Aktuell ergänzt sie ihr Studium an der TH Köln mit einem MALIS-Abschluss. Darüber hinaus ist sie Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Kunst- und Musikhochschulbibliotheken in Nordrhein-Westfalen.

Susanne Hein

Susanne Hein, Musikwissenschaftlerin, M.A. und Bibliothekswissenschaftlerin, MALIS, leitet die Musikbibliothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Von 2002 bis 2013 war sie daneben Lehrbeauftragte im MALIS-Fernstudiengang am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin, von 2003 bis 2009 Präsidentin von IAML-Deutschland. Sie ist Autorin des Tutorials Musikrecherche auf der Website des Deutschen Musikinformationszentrums Bonn (MIZ).

Susanne Hein und Dina Heß sind außerdem passionierte Chorsängerinnen. Die Schriftleitung von Forum Musikbibliothek bestellen sie seit 2020 bzw. 2023.

Interviewer

Karsten Schuldt

Dr. Karsten Schuldt, wissenschaftlicher Projektleiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, Fachhochschule Graubünden (Chur) und Redakteur der LIBREAS. Library Ideas.