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Editorial #44: Grassroots Open Access


Zitiervorschlag
Redaktion LIBREAS, "Editorial #44: Grassroots Open Access". LIBREAS. Library Ideas, 44 ().


Im Jahr 2023 wurde das zwanzigste Jubiläum der Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen1 begangen. Und zwar mit gemischten Gefühlen. Die Berliner Erklärung markierte zwar weder den Ursprung von Open Access, noch war sie die erste Deklaration zum Thema. Aber gerade im deutschsprachigen Raum gilt sie als maßgebliches Schlüsseldokument. Auch wenn wir sie heute lesen, können wir uns leicht vom Idealismus und den großen Zielen anstecken lassen, die digitalen Möglichkeiten des damals noch jüngeren Internets für eine neue, inklusivere, ausdrücklich nicht-kommerziell dominierte Gestaltung der wissenschaftlichen Kommunikation zu nutzen.

Hunderte Institutionen weltweit haben die Erklärung über die Jahre unterschrieben und sich zu ihren Zielen bekannt. Die Ziele der Erklärung haben sich allerdings nur bedingt eingelöst. Zur Kommerzialisierung des wissenschaftlichen Publizierens durch große Wissenschaftsverlage kam die Kommerzialisierung des Open Access durch große Wissenschaftsverlage und Datendienstleister hinzu, die zu genau den verstärkten Abhängigkeiten führten, die gemäß der Ziele der Berliner Erklärung eigentlich abgelöst werden sollten. Die technischen Innovationen dehnten die Möglichkeiten der Verwertung sogar noch aus: Mittlerweile geht es nicht nur um die kommerzielle Steuerung des offenen Zugangs zu Publikationen, sondern auch um die Verwertung von Publikationsdaten und digitalen Datenspuren wissenschaftlichen Handelns aller Art (das sogenannte Datentracking). Wie sich zeigt, war Open Access offen genug, um auf der Offenheit aufbauend neue Geschäftsmodelle und Sekundärmärkte zu schaffen. Diese Märkte werden insbesondere in Deutschland derzeit durch den Abschluss der Projekt DEAL-Verträge2 gefestigt. Mensch mag diese Verträge einerseits als große Errungenschaft einer Kooperation der großen Wissenschaftsorganisation sehen und den daraus resultierenden deutlichen Anstieg an Open Access in wissenschaftlichen Zeitschriften feiern. Auf der anderen Seite stimmt uns Open-Access-Aktivist*innen, die mindestens seit der Berliner Erklärung idealistischen Motiven folgend an der Bewegung teilnehmen und diese voranbringen wollen, diese Entwicklung weniger positiv. Ein wenig fühlt es sich an, als hätten wir gerade mit dem konsequenten Plädoyer von Offenheit gerade die Strukturen gestärkt, die wir eigentlich überwinden wollten. Daher fragen wir uns: Wie viel haben wir wirklich für ein Open Access im Sinne der Berliner Erklärung erreicht? Und führt dieser Weg des kommerziellen Open Access’ nicht wieder in eine Sackgasse? Ist es zu spät, einen anderen Weg zu gehen?

Zurückblickend wurden von den heute üblichen Wegen des Open Access im Jahr 2003 vor allem zwei diskutiert: Gold, also die Open-Access-Erstpublikation in Zeitschriften und Grün, also die Zweitveröffentlichung von Publikationen auf Repositorien. Die kommerziellen Verlage entwickelten aus dem Gold etwas, was für sie glänzt, nämlich das Geschäftsmodell der Open-Access-Publikationsgebühren für Zeitschriftenartikel. Die üblichen Macht-, Wirk- und Reputationsmechanismen in der Wissenschaft sorgten dafür, dass sich an vielen Stellen des Publikationsverhaltens wenig grundsätzlich ändert. Am Ende zahlen öffentliche Institutionen – und jetzt eben für die Publikation und nicht mehr für den Bezug der Zeitschriftentitel. Beziehungsweise manchmal auch für beides.

Repositorien, meist auch von öffentlichen Einrichtungen betrieben, entwickelten dagegen keine oder kaum monetäre Geschäftsmodelle. Deshalb wird grünes Open Access heute mit nicht-kommerziellem Open Access gleichgesetzt und bildet so einen noch deutlicheren Kontrast zum Goldenen Weg.

Redaktionsorte XXIII: Am Schreibtisch in Brandenburg an der Havel.

Die Open-Access-Farbenlehre hat sich seit 2003 dynamisch entwickelt3. Hinzugekommen ist insbesondere die Spielart Transformationsvertrag, die aktuell in Deutschland besonders prominent über das DEAL-Konsortium implementiert wird. Auf Ebene der Wissenschaftspolitik scheint dabei ein blinder Fleck zu bestehen und größer zu werden, hat doch die Evaluation von in anderen Ländern vorhandenen Transformationsverträgen strukturelle Probleme offenbart: Analysen der europäischen coalitionS4, des Rates der Europäischen Union5 und des schwedischen Hochschulverbunds (SUHF)6 stellen fest, dass durch Transformationsverträge vielmehr eine Konsolidierung (statt flächendeckender Transformation) und Fortschreibung des Status Quo im wissenschaftlichen Publikationsmarkt stattfindet. Sie empfehlen daher, Abstand von Transformationsverträgen zu nehmen. Und doch beobachten wir in Deutschland einen gegenteiligen Trend: Die Liste Welche Einrichtungen sind schon dabei des DEAL-Konsortiums informiert nahezu tagesaktuell über die Anzahl der Einrichtungen, die einen DEAL-Vertrag mit Elsevier mit einer fünfjährigen Laufzeit (2024–2028) abgeschlossen haben.7 Big Open Access scheint sich auch entgegen den Erkenntnissen der Wissenschaftstrukturforschung durchzusetzen.

Wie viel Platz bleibt da noch für Grassroots Open Access, also Ansätze, die sich stärker den nicht-kommerziellen und idealistischen Gedanken der Open Access-Erklärungen verpflichtet fühlen? Es mag nicht die Quantität des Publikationsaufkommens darstellen, doch es gibt sie – die Alternativen zu Big Open Access. Und wir freuen uns sehr, dass im Schwerpunkt dieser Ausgabe verschiedene Ansätze vorgestellt werden.

Zum Schwerpunkt

Stefan Milius und Wolfgang Thomas stellen die Zeitschrift Logical Methods in Computer Science vor, die bereits 2004 (also ein Jahr nach der Berliner Erklärung) als Diamond-Open-Access-Zeitschrift von Wissenschaftler*innen für Wissenschaftler*innen in der Theoretischen Informatik gegründet wurde. In ihrem Erfahrungsbericht schildern sie ausführlich, wie nach anfänglicher Improvisation die zunehmende Professionalisierung gelang und welche Herausforderungen (und Möglichkeiten) sich durch das verlagsunabhängige Agieren ergeben.

Enrique Corredera und Valérie Andres stellen das Schweizer Projekt GOAL vor, in dessen Rahmen Mitarbeitende aus fünf Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen aus der Schweiz den grünen Weg – also das Open-Access-Zweitveröffentlichen auf Repositorien – zu stärken, indem einerseits Kooperationen mit kleinen und mittelständischen Verlagen auf- und ausgebaut (insbesondere mit Fokus auf Open-Access-Verlagspolicies) und andererseits vorbildhafte, nachnutzbare Workflows für Repositorien entwickelt werden.

Tobias Steiner widmet sich dem Themenfeld wissenschaftsgeleitetes (Open-Access-) Publizieren. Dabei liefert er einführend eine umfangreiche Erläuterung des Terms scholar-led, stellt im Folgenden zahlreiche Initiativen vor und ordnet sie hinsichtlich ihrer Bedeutung in der Open-Access-Bewegung ein, die – so erläutert Steiner eingangs – nicht eine Bewegung ist, sondern eigentlich eine Sammelbegriff für eine Vielzahl verschiedener Ansätze, welche sich dem übergeordneten Ziel des freien Zugangs auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichen Motiven nähern.

Philipp Falkenburg erläutert in einem Praxisbericht das Engagement der Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg (VuK) im Rahmen des Open Access Tracking Project: Das OATP ist ein Community-basiertes Projekt zur Verschlagwortung von Webinhalten und ermöglicht also kollaboratives Organisieren von online verfügbaren Informationen. Philipp Falkenburg schildert, wie das social tagging im Arbeitsalltag der VuK verankert ist und ruft (nicht nur, aber auch die Open-Access-Bewegung) zur Mitarbeit auf. Diese Anregung wurde auch in die Redaktion der LIBREAS eingebracht und dort gerne aufgenommen.

Christian Erlinger und Jens Bemme befassen sich mit der Wikifizierung publizistischer Arbeit am Beispiel eines Citizen-Science-Projekts, in dem eine gedruckte, heimatkundliche Buchpublikation ins Wikiversum übertragen wurde. Dieser Open-Science-Ansatz umfasst unter anderem die offen lizenzierte Bereitstellung von Bildmaterial, die Anreicherung mit strukturierter Information und Verlinkungen und die Beschreibung und offene Bereitstellung der Objekte in Wikidata. Der so entstandene Datensatz kann nun weiterverwendet werden und jede Bearbeitung kann durch Edits dokumentiert und auf den Diskussionsseiten besprochen werden. Diese Form der offenen Wissensproduktion verknüpft die Bereiche der Heimatforschung, des Denkmalschutzes und der Landeskunde mit Open-Data-Werkzeugen des Wikiversums und den dort angewendeten Arbeitsweisen. Die Autoren schließen die Dokumentation mit einem Aufruf an Regionalbibliotheken, in diesem Sinne Open-GLAM-Labore zu unterstützen.

Weitere Beiträge

Außerhalb der Schwerpunktes thematisiert Karsten Schuldt in einem bibliothekshistorischen Text die Arbeit des völkischen Grenzbüchereidienstes in den Jahren der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Der Verein war eng mit der Entwicklung des Volksbüchereiwesens in Deutschland verbunden, was angesichts seiner politischen Ausrichtung erschreckend erscheint.

Ben Kaden und Linda Freyberg geben in ihrem Artikel einen Überblick über Makerspaces und Library Labs in wissenschaftlichen Bibliotheken. Sie ermöglichen die gemeinsame Nutzung digitaler Werkzeuge. Ansätze von Makerspaces in öffentlichen Bibliotheken hatten dabei zunächst primär das Ziel, die Kompetenzvermittlung über verschiedene Domänen hinweg zu unterstützen. In Wissenschaftlichen Bibliotheken liegen die Schwerpunkte von Digital Makerspaces, Scholarly Makerspaces oder Labs in der digitalen forschenden Ausrichtung und in der Auseinandersetzung mit digitalen und digitalisierten Beständen – Ansätze, die eng mit den Digital Humanities verbunden werden. In ihrem Artikel zeigen die beiden Autor*innen eine Reihe von Beispielen für Digital Makerspaces in wissenschaftlichen Bibliotheken auf.

Seit letztem Jahr wird der Tätigkeitsbericht des LIBREAS-Vereins zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation e. V., in der LIBREAS veröffentlicht. Für das Jahr 2022/23 erfolgt das mit dieser Ausgabe.

Zum Cover

Unsere Covertiere, alles Spiegelschafe, stehen normalerweise im kleinen Zoo des Naherholungsgebietes im Parc de Sauvabelin, oberhalb von Lausanne.8 Der Zoo wird von der Stadt Lausanne in Zusammenarbeit mit der Stiftung Pro Specia Rara (https://www.prospecierara.ch/) betrieben. Diese Stiftung setzt sich für die Erhaltung der Biodiversität ein, indem sie die Pflege alter Sorten von Obst, Gemüse und Kräutern sowie alter Tierrassen fördert. Seit 2011 ist die Stiftung auch in Deutschland aktiv (https://www.prospecierara.de/) und kann in beiden Ländern auch direkt unterstützt werden.

Traurige Abschiede

Das Jahr neigt sich dem Ende, landläufig ist das ein Anlass für einen Blick zurück und ein Resümee: Dieses Jahr lässt uns aufgrund von zwei Todesfällen sehr bedrückt zurück.

Am Jahresanfang haben wir bestürzt vom unerwarteten Tod von Alessandro Blasetti erfahren. Alessandro war seit 2016 Open-Access-Beauftragter des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.9 Er hat am WZB ausgeklügelte Workflows rund um Open Access aufgebaut und präzise (im positiven Sinne) Listen geführt. Wissenschaftler*innen des WZB wie auch Kolleg*innen aus der Open Access Community haben in Alessandro einen kompetenten Ansprechpartner zu allen Aspekten des Open Access gefunden, sein besonderes Steckenpferd war der Grüne Weg. Alessandro war in verschiedenen Zusammenhängen mit Mitgliedern der LIBREAS-Redaktion kollegial, teils sogar freundschaftlich verbunden. Nicht nur, aber auch bei den Open-Access-Tagen in Berlin war es wortwörtlich unfassbar, dass Alessandro nicht dabei war. Wir vermissen ihn schmerzlich – seine Kompetenz und Expertise, seine Liebe zum Detail, seine offene und herzliche Art.

Zum Jahresende waren wir ein weiteres Mal sehr betroffen, als wir vom Tod von Jenny Delasalle erfahren haben. Jenny war zuletzt Open-Access-Beauftragte der Charité und leitete das Open-Access-Team der Medizinischen Bibliothek der Charité. Schon 2013 publizierte Jenny einen Beitrag in der LIBREAS und berichtete über die Etablierung des Forschungsdatenmanagements an der University of Warwick, wo sie erfolgreich auch ein institutionelles Repositorium und einen der ersten Open-Access-Publikationsfonds Großbritanniens verantwortet hatte.10 Besonders in der Berliner Open Access Community hinterlässt Jenny eine große Lücke. Wir werden sie als offenen, herzlichen und lustigen Menschen in Erinnerung behalten, in der Zusammenarbeit zudem sehr engagiert für eine faire offene Wissenschaft, professionell, lösungsorientiert und dabei stets den „Finger in die Wunde legend”.11

Vor diesem Hintergrund fällt es uns schwer, leichtherzig und wohlwollend Abschied von 2023 zu nehmen. Und doch wollen wir es versuchen. Auch und besonders im Andenken an Alessandro und Jenny. Wir sind dankbar, dass wir mit zwei so wunderbaren Menschen zusammenarbeiten durften. Wir sind dankbar, dass wir miteinander gelacht, voneinander gelernt und zusammen Open Access ein Stückchen weiter vorangebracht haben. Wir sind dankbar, dass uns gerade der Verlust daran erinnert, wie wichtig die Menschen in unserem Netzwerk sind und dass wir zuallererst doch einfach Menschen sind. Menschen mit Familien, Freund*innen, Interessen, sozialen und politischen Aktivitäten und vielem mehr.

Passt auf Euch auf. Seid idealistisch. Bleibt offen.

Ihre / eure Redaktion LIBREAS. Library Ideas

(Berlin, Brandenburg an der Havel, Göttingen, Lausanne, München)


  1. Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen: https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung, 22. Oktober 2003↩︎

  2. DEAL-Konsortium: https://deal-konsortium.de/↩︎

  3. Siehe etwa die Präsentation von Stefan Schmeja aus dem Oktober 2020: Der Open-Access-Regenbogen - welche Farben hat er und brauchen wir sie wirklich?https://doi.org/10.5281/zenodo.4133872. Dass es auch für die vermeintliche Spezifizierung Diamond Open Access unterschiedliche Lesarten geben kann, zeigten Kolleg*innen der TIB Hannover anschaulich: Dellmann, S., van Edig, X., Rücknagel, J., & Schmeja, S. (2022). Facetten eines Missverständnisses: Ein Debattenbeitrag zum Begriff „Diamond Open Access”. O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal / Herausgeber VDB, 9(3), 1–12. https://doi.org/10.5282/o-bib/5849↩︎

  4. Robert Kiley (2020): Transformative Journals: analysis from the 2022 reports https://www.coalition-s.org/blog/transformative-journals-analysis-from-the-2022-reports/↩︎

  5. Council of the European Union (2023), No 9616/23 (High-quality, transparent, open, trustworthy and equitable scholarly publishing) https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9616-2023-INIT/en/pdf↩︎

  6. Sveriges universitets- och högskoleförbund, SUHF (2023): Open access: Need to move away from transformative agreements, 20.10.2023, https://www.su.se/english/news/open-access-need-to-move-away-from-transformative-agreements-1.683787↩︎

  7. https://deal-konsortium.de/vertraege/elsevier↩︎

  8. https://www.prospecierara.ch/de/tiere/rassenportraets/schafportraets/spiegelschaf.html, https://www.prospecierara.ch/de/erleben/karte-der-vielfalt/detailseite.html?tx_psrfeusers%5BshowUid%5D=1341↩︎

  9. Siehe auch den Nachruf des WZB https://wzb.eu/de/news/das-wzb-trauert-um-alessandro-blasetti↩︎

  10. Jenny Delasalle, Research Data Management at the University of Warwick: recent steps towards a joined-up approach at a UK university. LIBREAS. Library Ideas, 23 (2013). https://libreas.eu/ausgabe23/10delasalle/↩︎

  11. Siehe auch den Beitrag mit Abschiedsworten von Jenny im Open Access Blog Berlin https://blogs.fu-berlin.de/open-access-berlin/2023/12/12/abschied-von-jenny-delasalle-what-will-survive-of-us-is-love/↩︎