> > > LIBREAS. Library Ideas # 38

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Pflanzen auf Photos von Bibliotheken. Essay


Zitiervorschlag
Karsten Schuldt, "Pflanzen auf Photos von Bibliotheken. Essay". LIBREAS. Library Ideas, 38 ().


Pflanzen in Bibliotheken: Ich kann mich nicht erinnern, dass sie in meinem Studium, in meiner eigenen Lehre, Forschung oder Beratung von Bibliotheken wirklich jemals thematisiert wurden. Nur hier und da tauchen sie auf. Einmal, in einer von mir mitbetreuten Bachelorarbeit, die untersuchte, welche Auswirkung die Gestaltung des Raumes einer kleinen Bibliothek auf die Nutzung hatte, kam eine Pflanze zur Sprache. (Sie war nicht da, wo die Befragten sie gerne gehabt hätten, aber sie wurde als wichtig angesehen.) Wenn ich mit Studierenden auf Exkursionen die Lernlandschaft der Hochschulbibliothek Winterthur der ZHAW besuchte, erwähnte ihr Leiter gerne auch die Grüne Wand, die als Raumtrenner verwendet wurde. Aber seit dieser die Karriere gewechselt hat, habe ich von der Grünen Wand auch nichts mehr gehört. In den Darstellungen der Lernlandschaft taucht sie kaum auf.1 Bei all den Diskussionen darum und Publikationen dazu, wie Bibliotheken umgebaut, neu geplant oder auch genutzt werden, gibt es viele Dinge, die thematisiert werden: aber kaum Pflanzen. Selbst dann nicht, wenn unter Schlagworten wie Dritter Raum darüber diskutiert wird, wie man Bibliotheken gemütlich gestalten kann. So, als wären sie nicht da.

Und doch: Seit ich durch die Pandemie 2020 ins Homeoffice gezwungen wurde, habe ich täglich Bilder von Bibliotheken gepostet.2 Auf diesen sind mir Pflanzen immer und immer wieder begegnet. Nicht auf jedem Bild, aber auf überraschend vielen. Ohne, dass sie irgendwie sichtbar thematisiert worden wären, auch nicht in den Begleittexten, die für viele Bilder existieren. Warum sind sie da? Was sollen sie vermitteln und was vermitteln sie? Was tun sie?

Typisiere ich diese Sichtungen, ergeben sich für mich mindestens drei grobe Blöcke, wie Pflanzen auf Bildern von Bibliotheken auftauchen. Dabei sollte klar sein, dass die meisten Bilder von Bibliotheken, die öffentlich zugänglich sind, mit Absicht so gemacht wurden, wie sie sind. Das sind fast nie Schnappschüsse, sondern gestellte Szenen. Und selbst wenn nicht, war vorher bekannt, dass ein*e Photograph*in vorbeikommen wird, so dass Zeit war, in der Bibliothek aufzuräumen. Aber gerade das macht es auch interessant: Die Pflanzen wurden nicht fortgeräumt, bevor die/der Photograph*in vorbeikam, sondern sie wurden offenbar als selbstverständlicher Teil der Bibliothek angesehen, vielleicht sogar extra für den Photoshot herbeigeholt.

Block 1: Pflanzen als Beiwerk

1958, Klaus Schütz: “Berlin, Ibero-Amerikanische Bibliothek”, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-P047388,_Berlin,_Ibero-Amerikanische_Bibliothek.jpg (CC BY-SA 3.0 DE)
1981, Hans Reinecke: “Fotomechanische Verbuchung, Ausleihe Stadtbibliothek Plauen”, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/70017571
1952, Klein: “Berlin, öffentliche Bibliothek, Besucher”, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-13520-0004,_Berlin,_%C3%B6ffentliche_Bibliothek,_Besucher.jpg (CC BY-SA 3.0 DE)

Im grössten Teil der Bilder von Bibliotheken, auf denen sich Pflanzen finden – und von denen ich hier drei aus unzähligen anderen ausgesucht habe –, finden sich diese irgendwo am Rand des Bildes. Sie sind Beiwerk, das nicht weiter diskutiert wird. Der Fokus liegt immer anderswo, bei diesen Bildern bei der Bibliotheksnutzung (3), der Bibliothekstechnik (2) oder dem Lesesaal als Raum an sich (1). Die Pflanzen sind Teil des Interieurs. Oft könnte man sich vorstellen, dass sie auch dort stehen würden, wenn der Raum anders genutzt werden würde und nicht als Bibliothek.

Und dennoch sind sie etwas Besonderes: Neben den Menschen sind sie die einzigen lebenden Objekte auf diesen Bildern. Lässt man die Räume einfach so, wie sie sind – so wie das jetzt in vielen Fällen während der Pandemie passierte –, wird man sie nach ein paar Monaten wieder so vorfinden, wie man sie verlassen hat. Solange keine weiteren Katastrophen geschehen, wird nach ein paar Monaten alles so sein, wie zuvor: Die Regale und Tische und Stühle werden da stehen, wo sie standen. Die Bücher und die Technik werden sich kaum bewegt haben. Die Bilder an der Wand werden die gleichen sein. Einzig die Pflanzen werden sich geändert haben. Sie werden erst gewachsen sein, vielleicht sogar geblüht haben und dann wohl auch eingegangen sein. Sie sind es, die dem Raum ein gewisses Leben geben und sie sind die Objektive in ihm, die eigentlich der meisten Pflege benötigen.

In gewisser Weise sind sie etwas, das an die Eigenwilligkeit der Objekte und des Lebens erinnert. Insoweit ist es bedeutsam, dass sie immer wieder in Bildern auftauchen – so, als würde auch da, wo eigentlich vieles möglichst kontrolliert und geplant ablaufen sollte, in einer professionell arbeitenden Bibliothek, sich das Leben immer wieder einen Weg suchen. Und als würde es dazu auch immer wieder eingeladen werden – denn irgendwer stellt diese Pflanzen in diese Räume, irgendwer kümmert sich um sie, irgendwer entscheidet sich nicht dafür, sie aus dem Bild zu räumen.

Block 2: Pflanzen als Raumelement

1972, Kurt Heine: “Neue Bücherei”, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71660382
1972, Kurt Heine: “Neue Bücherei”, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71660385
1972, Kurt Heine: “Schallplattenausleihe Bautzen”, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71660499

Während Pflanzen auf den Bildern im ersten Block mehr oder weniger zufällig aufzutauchen scheinen oder zumindest nicht weiter in den Fokus gerückt werden, gibt es einen weiteren Block von Bildern, auf denen Pflanzen explizit als Raumelement benutzt werden. Auf diesen – wieder aus mehreren Beispielen ausgewählten – Abbildungen ist das explizit zu sehen: Nicht nur stehen Pflanzen hier überall, offenbar gibt es auch jeweils ein System für diese Aufstellung. Jedes Regal hat eine Pflanze erhalten (4), es wurden Körbe aufgestellt, die den Raum teilen und nichts enthalten ausser Pflanzen (5, 6).3 Zusätzlich stehen Pflanzen auf dem Tisch der/des Bibliothekar*in.

Jemand schreibt hier den Pflanzen eine Wirkung zu, den Raum zu verändern. Ihn vielleicht gemütlicher zu machen oder auch zu zeigen, dass er gepflegt wird. (Denn wieder: Dadurch, dass so viele Pflanzen in den Raum gestellt werden, hat jemand nun die Arbeit, sie zu pflegen. Sie stehen nicht einfach so da, sie haben einen Grund.) Wir wissen nicht genau, welches Ziel die Pflanzen haben. Sie tauchen auch in dieser Funktion auf Bildern von Bibliotheken aus ganz unterschiedlichen Jahrzehnten und auch unterschiedlichen Ländern auf. Viel hat sich in diesen Jahrzehnten geändert, in Vielem unterscheiden sich Länder. Insoweit können wir berechtigt vermuten, dass sich auch die Gründe, warum Pflanzen als Raumelement einsetzt werden, mit der Zeit verändert haben werden. Aber es ist auffällig, wie oft sich in Bibliotheken doch für Pflanzen als Objekte für die Raumgestaltung entschieden wird.

Was das ganze interessant macht, ist unter anderem das systematische Herangehen an diese Gestaltung: Es sind Pflanzen, aber ihr Einsatz ist kontrolliert. Sie dürfen nicht einfach wachsen, wie auf einer Wildwiese, rhizomatisch. Vielmehr werden sie wohl oft beschnitten, begradigt, umgetopft. Es wird einen Plan geben, wann und wie oft, vielleicht mit welchen Zusätzen, die Pflanzen gegossen werden. Wann und wie sie gepflegt werden. Auch wann sie ausgetauscht werden.

Aber sie müssen etwas bedeuten und es ist erstaunlich, dass diese Bedeutung in der bibliothekarischen Literatur praktisch nicht besprochen wird.

Block 3: Natur in der Bibliothek

1986, Thomas Lehmann: “Köthen, Ingenieurhochschule, Bibliothek”, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1986-0903-311,_K%C3%B6then,_Ingenieurhochschule,_Bibliothek.jpg (CC BY-SA 3.0 DE)

In einem dritten Block von Bildern aus Bibliotheken existieren Pflanzen nicht einfach, sondern sie werden explizit durch die/den Photograph*in eingesetzt, um einen Kontrast zu schaffen. Wie in diesem Beispiel (7) erscheinen Pflanzen hier als Natur, welche der Ordnung der Bibliothek und in der Bibliothek gegenübergestellt scheinen. Nutzer*innen arbeiten, Medien stehen in den Regalen. Alles ist sauber, gerade. Aber wir blicken durch einen Wald von Pflanzen. Selbstverständlich: Auch diese Pflanzen sind gepflegt und geplant aufgestellt. Aber worauf wir fokussiert werden, ist das Unordentliche der Pflanzen, der Natur: Die Blätter, die alle etwas anders wachsen, die sich alle etwas einer Einheitlichkeit widersetzen, die das Licht etwas uneinheitlich brechen. Das Leben, das sich über die Pflanzen im ersten Block in die Bibliothek schleicht, wird hier durch die Bildkomposition betont: Wir schauen aus der Natur in eine geordnete, arbeitsame Zivilisation. Die Pflanzen, die Natur, bilden hier ein Aussen, welches uns im Kontrast mehr sehen lässt, dass die Funktionen der Bibliothek wohl geordnet sind und funktionieren.

Schweigen und Sprechen

In diesen Bildern – die, wie gesagt, immer eine Auswahl darstellen und ergänzt werden können – sprechen Pflanzen in gewisser Weise zu uns: Manchmal eher ein Flüstern als ein Reden, manchmal müssen wir genau zuhören beziehungsweise schauen. Aber sie geben jedem Bibliotheksraum etwas mit, was ohne sie nicht da wäre. Es ist nicht klar, ob wir alle das gleiche hören (Finden wir die Neue Bücherei in 4 und 5 zum Beispiel durch die Pflanzen gemütlicher oder langweiliger?), aber offenbar greifen Bibliotheken über Jahrzehnte hinweg immer wieder auf sie zurück.

Und gleichzeitig schweigt die bibliothekarische Literatur, die Konferenzen, die bibliothekarische Aus- und Weiterbildung fast immer über sie. Pflanzen sind immer da, egal, was sich in Bibliotheken verändert und wie wenig über sie geredet wird. Sie sind wie Aliens, die uns beobachten, aber die wir kaum sehen.

Auffälliger ist das nur noch, wenn man auf den gleichen Bildern nach Tieren sucht: Die hingegen gibt es kaum. Obwohl so viele Werbe- und Informationsmaterialien von Bibliotheken mit Tieren ausgestattet werden, finden Sie sich in Bibliotheken eigentlich nicht. Das macht das Vorkommen der Pflanzen nur um so erstaunlicher.


  1. https://www.zhaw.ch/de/hochschulbibliothek/arbeiten-lernen/hochschulbibliothek-winterthur/lernlandschaft/.↩︎

  2. Vergleiche Schuldt, Karsten (2020). Einmal am Tag #Bibliotheksgeschichte. In: 027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 7 (2020) 1, http://dx.doi.org/10.12685/027.7-7-1-186.↩︎

  3. In der Deutschen Fotothek http://www.deutschefotothek.de finden sich noch mehr Bilder aus dieser Serie von Kurt Heine, auf denen sichtbar wird, dass es sich nicht um den einen Korb links neben dem Informationstisch handelt, sondern mehrere.↩︎


Karsten Schuldt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, FH Graubünden und Redakteur der LIBREAS. Library Ideas.