> > > LIBREAS. Library Ideas # 38

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Kolumne Bibliotheksphilokartie #1: Die McLaughlin Public Library in Oshawa


Zitiervorschlag
Ben Kaden, "Kolumne Bibliotheksphilokartie #1: Die McLaughlin Public Library in Oshawa". LIBREAS. Library Ideas, 38 ().


Kanada liegt im Covid-Jahr 2020, das die Reiseoptionen aus Berliner Sicht auf einen Ausflug ins Land Brandenburg zusammenschrumpfen ließ, in noch weiterer Ferne als sonst. Und selbst wenn man fahren würde, wäre ein Ausflug nach Oshawa vielleicht nicht die erste Adresse, möglicherweise aber die zweite, denn von Toronto ist es gar nicht so weit. Da wir aber ohnehin weitgehend nur in der Vorstellung verreisen und diese Vorstellung an, zum Beispiel, eine Ansichtskarte zurückbinden, brauchen wir diesen Umweg gar nicht. Direkt neben dem Rathaus der kleinen Großstadt und zugleich kanadischen Automobilmetropole und nur einen Steinwurf entfernt vom Oshawa Creek, an dessen Ufer ein Rad- und Wanderweg direkt zum Lake Ontario führt, liegt die McLaughlin Branch der Oshawa Public Library. Gestiftet wurde sie vom Automobil-Unternehmer und Großspender Samuel McLaughlin, der sich zumindest in diesem Fall in der Tradition Andrew Carnegies bewegte und dies auch deshalb, weil seine Filiale 1954 die 1906 vom Carnegie Fund finanzierte und für die Bedürfnisse der damaligen Gegenwart viel zu beengte Zweigstelle der Stadt ablöste. McLaughlin, reichster und prominentester Einwohner der Stadt, half damit auch dem damaligen Bürgermeister Mike Starr aus einer verfahrenen Situation. Diesem gelang es nämlich nicht, den Bau einer neuen städtischen Bibliothek durchzusetzen. Eine kommunale Versorgungslücke, die auch McLaughlin auffiel. Er rief daher irgendwann im Frühsommer 1952 direkt bei Mike Starr durch und bot an, das Gebäude zu stiften, wenn die Stadt das Land bereitstellte. Danach ging alles sehr schnell. Am 22. Juli 1952 konnte die Lokalzeitung Daily Times-Gazette auch auf der Titelseite vermelden: Modern library will have all facilities. Als Architekt wurde der 1897 geborene Arthur Hunter Eadie verpflichtet, der bereits 1947 das Mausoleum für Samuel McLaughlin geplant hatte, wobei vermutlich weder er noch der 1871 geborene McLaughlin selbst davon ausgingen, dass dieser über 100 Jahre alt werden sollte.

Für Arthur Eadie wurde die Bibliothek in Oshawa dagegen ein frühes Spätwerk. Er starb schon 1956. Die Grundsteinlegung für die Bibliothek erfolgte im November 1953. Die Architektursprache orientiert sich am sogenanneten Prairie Style, wie man ihn von den Häusern Frank Lloyd Wrights kennt. Naturverbunden, klar gegliedert, die Horizontale betonend, das Handwerk zeigend und zugleich genuin nordamerikanisch – Wright nannte es married to the ground und Eadie fand eine entsprechende Interpretation, auch wenn das Bibliotheksgebäude seiner Funktion gemäß am Ende ein eher molliger Block wurde als ein elegantes Prairie House Wright’schen Zuschnitts. Am 2. Dezember 1954 erfolgte die offizielle Eröffnung des McLaughlin-Gebäudes durch den damaligen Premierminister von Ontario, Leslie Frost, und Samuel McLaughlin, was der Branche des Spenders gemäß auch mit einem großen Artikel in der Zeitschrift Canadian Motorist gewürdigt wurde und zu einer Spezialsammlung an Gebrauchsanleitungen für Automobile im Bestand der Bibliothek führte. Selbiger wurde immerhin bis 2004 von General Motors regelmäßig erweitert. Im Haus gab es eine Reihe von großformatigen Wandbildern, unter anderem von der Künstlerin und Tochter des Stifters, Isabel McLaughlin, sowie William Winter.

Die kleine und nun offenbar überflüssige Carnegie-Filiale in Oshawa wurde im Januar 1957 abgerissen, ein Schicksal, das sie mit mindestens 14 weiteren der insgesamt 111 Carnegie-Bibliotheken in Ontario teilte.

Aus Sicht der Bibliotheks-Philokartie ist die Ausgabe des in Vancouver beheimateten Ansichtskarten-Imprints Traveltime Products nicht unbedingt selten. Es ist zugleich die einzige Ansicht zu dieser Bibliothek, die mir bisher begegnete. Die Firma produzierte ihr Kartensortiment in den 1960er und 1970er Jahren, was sichtbar zur Anmutung des Bilds passt. An der Komposition fällt vor allem auf, wie zurückhaltend, ja fast versteckt die Bibliothek über die Zierbeete, fast Zierhügel von der Queen Street aus fotografiert wurde. Zum Prärie-Stil der Architektur passt das vielleicht weniger, wohl aber zum kanadischen Understatement. Das Gebäude wird nicht bombastisch inszeniert, sondern fügt sich harmonisch in die Stadtlandschaft. Eines dieser Autos, die man früher Straßenkreuzer nannte, parkt etwas schief im Bild, lärmt aber weder visuell noch sonst irgendwie störend herum. Es herrscht Ruhe am Oshawa Creek. Blumen dominieren und eigentlich ist es so vielmehr eine Aufnahme der öffentlichen Gartenbaukultur von Oshawa denn eine der Bibliothek. So würde die Legende der Karte – McLaughlin Public Library with a beautiful flower garden in the foreground – durchaus auch invertiert passen: A beautiful flower garden with the McLaughlin Public Library in the background. So oder so bleibt es natürlich eine reizvolle Bibliotheksansichtskarte von einem, von Berlin aus gesehen, aktuell denkbar fernen Ort.

Ansichtskarte McLaughlin Public Library in Oshawa

Ben Kaden ist Mitherausgeber von LIBREAS und beschäftigt sich abseits seiner bibliothekswissenschaftlichen Aktivitäten zunehmend mit dem Themenfeld der “Philokartie”. Zuletzt erschien von ihm zum Thema die Publikation “Karten zur Ostmoderne” (Leipzig: sphere, 2020). Eine fortlaufende Sammlungsdokumentation gibt es unter https://benkaden.tumblr.com/.