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Editorial #33: Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit


Zitiervorschlag
Redaktion LIBREAS, "Editorial #33: Ortstermin. Reportagen aus der tatsächlichen Bibliotheksarbeit". LIBREAS. Library Ideas, 33 ().


Ein Editorial kann, sollte sogar, eine Geschichte über das Entstehen der jeweiligen Zeitschriftennummer sein. Insoweit: Die Idee zu dieser Ausgabe entstand, weil wir selber oft Bibliotheken besuchen (wie so viele andere Kolleginnen und Kollegen auch): regelmäßig zum Arbeiten, im Urlaub, auf Kurztrips, bei Weiterbildungs- und Konferenzbesuchen oder einfach mal so, aus reiner Neugier. Wir treffen bei solchen Besuchen eigentlich immer engagierte Kolleginnen und Kollegen, die gern durch ihr Haus führen oder von ihrem Alltag berichten. Gute Bildmotive finden sich auch. Aber auffällig ist, was stolz gezeigt wird: Die Probleme, von denen man berichtet oder auch der Alltag, den man einfach sieht – Familien, die vorbei kommen, die Menschen, welche die Bibliothek einfach nutzen, so als ob sie es schon immer taten, Jugendliche und Studierende, die ruhig vor sich hinlernen – wirken eigentlich immer etwas anders, als die Bilder, die man in der bibliothekarischen Literatur findet. Zum Beispiel sind die meisten Bibliotheken sehr, sehr ruhig, aber doch belebt; nicht, wie es in der Literatur den Eindruck hat, entweder leer oder durch neue Angebote ständig voll und laut. Ein anderes Beispiel: Die Ausstattung der meisten Bibliotheken ist gar nicht so neu, wie es auf den Werbeanzeigen der Bibliotheksausstatter erscheint, aber auch nicht gänzlich kaputt. Meistens scheint es in einem Zwischenstatus zu sein: Gebraucht, aber noch nicht unbrauchbar. Dies aufzugreifen und einen unmittelbaren Blick auf und in Bibliotheken zu werfen lag also nah. Um es aufzugreifen bedurfte es freilich eines Impulses.

Dieser ergab sich aus einem eigentlich nicht-bibliothekarischen Ausflug. Konkret verschlug es einige Redakteurinnen und Redakteure (zusammen mit anderen) nach Berlin, Bezirk Marzahn-Hellersdorf zum Acht Tage Marzahn-Kunstfestival.1 Dieses hatte einige Schaucontainer vor dem Freizeitforum Marzahn platziert, in dem sich neben einer Schwimmhalle und Veranstaltungsräumen eben auch die – übrigens sehr sehenswerte – Mark-Twain-Bibliothek befindet. Daran vorbeizugehen war erwartungsgemäß nicht möglich.

Redaktionsorte XII: Berlin Marzahn (Veranstaltungsort Acht Tage Marzahn, Juli 2017, Victor-Klemperer-Platz in Berlin-Marzahn. Zugleich: Ein ganz normaler sommerlicher Redaktionsort. Quelle: https://www.flickr.com/photos/benkaden/35651455301/) Foto: Ben Kaden, CC-BY 2.0)
Redaktionsorte XII: Berlin Marzahn (Veranstaltungsort Acht Tage Marzahn, Juli 2017, Victor-Klemperer-Platz in Berlin-Marzahn. Zugleich: Ein ganz normaler sommerlicher Redaktionsort. Quelle: https://www.flickr.com/photos/benkaden/35651455301/) Foto: Ben Kaden, CC-BY 2.0)

Dieser Besuch regte nun dazu an, sich mehr Reportagen, mehr Erzählung, mehr Bilder aus dem Alltag der Bibliotheken zu wünschen. Es fiel nicht schwer, den Rest der Redaktion von diesem Wunsch zu überzeugen, auch der Call for Papers kam gut an. Die Rückmeldungen waren positiv. Ein Bibliotheksdirektor vermutete sogar, dass viele Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit nutzen würden, um sich über die Leitungen ihrer Bibliotheken zu beschweren. (Das ist nicht passiert.) Weil wir möglichst viel hören, sehen, erfahren wollten, versuchten wir, die Einstiegsschwellen noch niedriger zu gestalten als sonst. Die Idee, eine Umfrage zu gestalten wurde uns von Leslie Kuo2 bei ihrem Besuch auf einer unserer Redaktionssitzungen angetragen und quasi sofort umgesetzt. Es ist die bislang niedrigschwelligste Form, an der LIBREAS mitzuwirken.

Bei jedem unserer Calls müssen wir damit umgehen, dass sie nicht so funktionieren, wie wir es uns erhoffen. Diesmal wollten wir Hunderte von Berichten und das ist nicht passiert. Aber gleichzeitig entsteht immer wieder eine Ausgabe. Wir erhielten auf unsere Umfrage immerhin 15 Antworten, die Einblick in sehr unterschiedliche Bibliotheken ermöglichen. Das ist gut, auch wenn wir außerordentlich gern noch von weiteren Bibliotheken gehört hätten. Die Artikel, die uns erreichten, zeigen auch das, was wir bei Besuchen immer wieder sehen: Engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich mit anderen Herausforderungen und Möglichkeiten auseinandersetzen, als es die bibliothekarische Literatur vermuten lässt. Das wir so eine Diversität abbilden können – One Person Libraries, Öffentliche Bibliothek kleinerer Gemeinden und großer Städte, grössere Wissenschaftliche Bibliotheken, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Brasilien – freut uns. Dass es sich anbietet, den Ortstermin als offene Rubrik zukünftig mit der Zeitschrift weiterlaufen zu lassen, liegt auf der Hand.

Es fällt, wenig überraschend, auf, dass gerade in den kleineren Bibliotheken ein Großteil der Herausforderungen auf ein bestimmtes Problem zurückgeführt werden kann: Geld, genauer zu wenig Geld und damit auch zu wenig Personal, zu wenig Infrastruktur, zu wenig Zukunftssicherheit. Das ist auf der einen Seite nicht unerwartet, auf der anderen Seite aber auch bezeichnend: Ein Blick in die bibliothekarische Literatur zeigt diese Herausforderung eigentlich nicht. Dort finden sich eher Projekte und Angebote repräsentiert, die schon finanziert sind. Meist sind dies Projekte und Angebote größerer Bibliotheken, solcher mit besserem Zugang zu Etat und Fördermöglichkeiten.

Ein Editorial ist kein Platz für lange Debatten, aber uns scheint, dass es sinnvoll wäre, wenn das Bibliothekswesen – oder Teile davon, zum Beispiel die bibliothekarischen Verbände DBV, VDB, BVÖ, VÖB, der neu gebildete Bibliosuisse oder auch Vereine wie unser eigener LIBREAS. Verein – sich auch um diese sehr spürbare Lücke zwischen Leuchttürmen und den Wellengängen des Alltags kümmern würde. Die Lage scheint sich zwar im Vergleich zu den großen Brüchen der vergangenen Jahrzehnte leicht zu verbessern. Aber gerade im kommunalen Bereich sind es eben oft auch Einspar-wellen, die die Bibliotheken daran hindern, bei den jeweils aktuellen Gegenwarts- und Zukunftstrends mitzusegeln. Innovation, permanente Weiterentwicklung und politische Verankerung von Bibliotheken sind alles wichtige Themen. Aber sie sind nicht alles. Der Alltag in den Bibliotheken ist oft von wenig aufregenden lokalen Gegebenheiten, viel zu regelmäßig von Geldsorgen sowie zum Glück auch von weniger spektakulären, aber dennoch sehr wirksamen Erfolgen geprägt. Wenn wir wissen wollen – und um als Bibliothekswesen handeln zu können, wäre es sinnvoll, es zu wissen –, sollten wir mehr Reportagen aus dem Bibliotheksalltag lesen (und erstellen, als Text, als Bild, als Video, als Vortrag oder anders). Der überwiegende Teil der Bibliotheken muss sich nämlich nicht auf den Zukunftssessions von Bibliothekartagen und Digitalkonferenzen beweisen. Sondern im Funktionieren im Alltag.

So oder so hoffen wir, dass auch diese Ausgabe mit Interesse gelesen wird. Neben den Ortsterminen gibt es natürlich weitere Beiträge, die wunderbarerweise auch sehr deutlich in Richtung tatsächlichen Diskurs streben, unter anderem über die mögliche Arbeit von Bibliotheken in Nunavut, Kanada. Ebenso veröffentlichen wir unsere (nicht nur) redaktionelle Literaturrundschau Das liest die LIBREAS. Diese bietet eine weitere Möglichkeit, sich einzubringen. Wer das Format überzeugend findet, kann seine eigenen Lektüreeindrücke, die bewusst in der Tradition des Kurzreferats stehen sollen, gern an die Redaktion per E-Mail redaktion@libreas.eu senden.

Wer dazu oder zu anderen Aspekten rund um LIBREAS den persönlichen Austausch sucht, ist übrigens herzlich zum LIBREAS-Bibliothekstags-Beisammensein auf dem Bibliothekstag im Juni 2018 eingeladen.3

Ihre / Eure Redaktion LIBREAS

(Berlin, Chur, Dresden, Göttingen)


  1. http://www.acht-tage-marzahn.de/

  2. https://twitter.com/leslie_kuo

  3. https://twitter.com/karstens/status/976080585067245568