{Schuldt, Karsten (2009): Rezension zu Harald Hillgärtner (2008): Das Medium als Werkzeug./Thomas Schindl (2007): Räume des Medialen. In: LIBREAS.Library Ideas, Jg. 5, H. 2 (15).}
von Karsten Schuldt
Die Medienwissenschaft ist, ähnlich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft,
in den letzten Jahren dabei, ihren Ort und ihr Forschungsthema neu zu bestimmen.
Es ist auch für sie nicht zu bestreiten, dass die endgültige Etablierung
von Computern und des Internets sowie, damit einhergehend, die tendenziell kreativere
Nutzung von Medien, einen Einfluss auf ihren Untersuchungsgegenstand und notwendigerweise
auch auf die theoretische Arbeit hat. Die Frage ist, ob die bisherigen Beiträge,
die versuchen sich dieser Herausforderung tatsächlich zu stellen, diesem
Gegenstand gerecht werden.
Einer dieser Versuche ist die Promotion von Harald Hillgärtner, „Das Medium als Werkzeug“. Vorgeblich geht es in ihr um die Wahrnehmungs- und Verwendungsweisen von Computern durch Nutzerinnen und Nutzer und um die sich aus diesen Verwendungsweisen ergebenden Aufgaben für die Medienwissenschaft. Dafür hätten allerdings auch 50 oder sogar weniger Seiten dieses Buches ausgereicht. Der Rest der rund 270 Seiten ist entweder redundant oder behandelt sehr abgelegene Nebenthemen, deren Diskussion zum eigentlichen Thema nichts beiträgt, obgleich sie zumeist nicht uninteressant sind. Auch aus diesem Grund wird der dem Buch zugrunde liegende Anspruch, eine realitätsgesättigte Fundierung für eine zeitgemäße Medienwissenschaft zu formulieren, nicht eingelöst. Hinzu kommt, dass das Buch selber in einer über weite Strecken reichlich unzugänglichen Sprache gehalten ist.
Selbstverständlich muss man in Rechnung stellen, dass es sich bei dieser
Arbeit um den Abdruck einer Promotion handelt, die bekanntlich besonderen Bedingungen
unterliegt und die zudem als erste große wissenschaftliche Veröffentlichung
den Eintritt in die Sphäre der anerkannten Wissenschaft ermöglichen
soll. Verständlichkeit und Stringenz sind daher nicht unbedingt gefragt.
Aber dennoch ist die Frage zu stellen, ob es notwendig war, dieses Buch in dieser
Form und Länge als Manuskript in ein Verlagsprogramm zu übernehmen.
Zum überwiegenden Teil stellt das Buch eine Auseinandersetzung mit Friedrich
Kittler und der „Berliner Schule“ der Medienwissenschaft dar. Das
ist teils verständlich, da Kittler immer noch als omnipräsente Figur
der deutschen Medientheorie gelten kann, dessen kritisch gemeinte Forschungen
zu weiten Teilen zu Verdikten geworden sind.
Kittler unterstellt, so die These von Hillgärtner, eine fortschreitende Abhängigkeit der Menschen von Maschinen und Firmen, welche diese Maschinen herstellen oder mit Software bestücken. Dies würde auf eine apodiktische Gesellschaftsvision zulaufen, in welcher Menschen nur noch das tun könnten, was die Maschinen ihnen erlauben würden. Dabei ist das große Feindbild Kittlers die Firma Microsoft, der er vorwirft, den Menschen immer weiter von der eigentlichen Maschine fortzudrängen. Sich dagegen zu wehren sei, wenn überhaupt, durch eine Reflexion der Strategien dieser Firma und durch den Versuch, die Maschine Computer möglichst gut zu verstehen. Der immer wieder – auch bei Hillgärtner – zitierte Punkt, den Kittler hervorhebt ist, dass er, im Gegensatz zu den meisten anderen Medienkritikerinnen und Medienkritikern, einst selber Computer zusammengebaut hätte. Das alles verwirft Hillgärtner in weit ausholenden Explikationen, wobei diese Kritik selber nicht vollständig originell ist, sondern auch von anderen schon geleistet wurde.
Für Hillgärtner ignoriert Kittler, um sein einfaches Bild von der Unterdrückung und Disziplinierung des Menschen durch die Maschine Computer aufrecht zu erhalten, nahezu vollständig die empirische Realität der tatsächlichen Nutzungsweisen von Computern und predigt dabei eine „Eigentlichkeit“, die einer kritischen Befragung nicht standhält. Dabei ist auch für Hillgärtner die Firma Microsoft ein Gegner, allerdings bevorzugt er gegen sie Freie Software und betont die Kreativität von Nutzerinnen und Nutzern im Umgang mit Software und Medien.
Gleichzeitig sind gerade das die stärksten Stellen seines Werkes, wenn
er die vereinfachte Rede von Computer als eindeutig zu bestimmender Maschine
als Ignoranz der „kritischen Medientheorie“ gegenüber den Nutzenden
entlarvt. Diese Vereinfachungen, beispielsweise die beständig wiederholte
Aussage, dass alles im Rechner auf einer binären Codierung basieren würde
oder auch die Behauptung, dass die Nutzenden aus Dummheit von einem Betriebssystem
versklavt seien, würden nach Hillgärtners Analyse vor allem dazu beitragen,
dass sich die Medienkritik weiterhin als kritische Praxis verstehen könnte,
die im aufklärerischen Gestus Missstände einfach entlarvt. Dies aber
nur, indem sie ignoriert, dass Menschen sehr wohl kompetent mit Rechnern umgehen
können.
Hillgärtner will stattdessen den Computer als unterschiedlich verwendetes
Werkzeug verstanden wissen. Eines seiner Hauptargumente lautet, dass die Menschen
Rechner auf sehr verschiedenen Ebenen nutzen. Einige begreifen Rechner als Mittel,
um Medien zu manipulieren, andere um durch das Mitschreiben am Linuxkernel direkt
auf die Hardware zuzugreifen, wieder andere nutzen einen Rechner als ein Gerät,
mit dem sie Zugang zur elektronischen Kommunikation erhalten können. Der
Rechner beherrscht die Menschen also gerade nicht, sondern wird von ihnen als
Werkzeug verwendet, um sehr unterschiedliche Aufgaben zu lösen. Insbesondere
bei der Nutzung und Veränderung von Medien würden sich Menschen heute
weit kreativer zeigen, als dies nach dem Kittlerschen Diktum des Nutzers als
„Untertan der Microsoft Corporation“ zu erwarten wäre. Und
gerade diese unterschiedlichen Verwendungsweisen müsste die Medienwissenschaft
laut Hillgärtner untersuchen, nicht die vermeintliche Undurchdringlichkeit
eines Rechners oder eines Betriebssystems. Es ist leicht ersichtlich, dass dieser
Ansatz produktiv sein kann, wenn er denn verfolgt würde. Aber bei Hillgärtner
steht er am Ende als Möglichkeit einer weiterführenden Forschung,
nicht als angewandter Forschungsansatz.
Weiterhin ist das gesamte Buch durchzogen von einem offenen Bekenntnis zu Freier Software. Hillgärtner hat seine Promotion auf einem quelloffenen Betriebssystem mit Freier Software geschrieben. Und er kennt sich mit weiterer Freier Software aus. Dagegen ist nichts zu sagen, es gibt gute Gründe dafür, solche Software zu verwenden. Nur führt dieses Bekenntnis bei Hillgärtner zu keinem Erkenntnisgewinn. Was bringt es, nicht nur bei den Danksagungen, sondern auch im ebenso im weiteren Text von Linux, OpenOffice und Sauerbraten (einer freien Gameengine) zu sprechen, wenn diese Beispiele nur in den seltensten Fällen auch nur als Beispiel herangezogen werden? Vielmehr widerspricht sich Hillgärtner hier: einerseits möchte er darauf hinweisen, dass Nutzerinnen und Nutzer Computer jeweils individuell nutzen und einrichten und auch mit proprietärer Software nicht unbedingt an die Maschine gebunden sind, gleichzeitig will er eigentlich, dass alle Menschen Freie Software nutzen. Aber so funktioniert die Nutzung von Computern, wie er selber zeigt, nun mal nicht: nicht die technisch und moralisch bessere Software setzt sich durch, vielmehr existieren sehr unterschiedliche Softwarelösungen nebeneinander und werden von den meisten Menschen einfach als Werkzeug genutzt, weil sie da sind. [Fußnote 1]
Zum Ende seiner Arbeit hält Hillgärtner noch einmal fest, dass kein Medium totalitär in nur eine Richtung wirkt und dass insbesondere der Computer beziehungsweise die Software als Werkzeug zuerst den Umgang mit Medien verändert und nicht gleich die gesamte Lebensrealität. Das kann man so darstellen, die Frage ist allerdings, ob es dafür einer langatmigen Destruktion des Werkes von Friedrich Kittler bedurft hätte.
Einen weiteren Versuch, die Medienwissenschaft zu updaten, unternimmt Thomas
Schindl in seinem Buch „Räume des Medialen“, das auf seiner
Magisterarbeit basiert. Er fragt, wie die Medienwissenschaft mit dem Raum –
verstanden sowohl als großer geographischer Raum als auch als virtueller
Kommunikationsraum – umgehen soll. Medien existieren für Schindl
nicht losgelöst von Raum. Indem sie produziert und interpretiert werden,
prägen Medien jeden Raum mit und stellen in ihm nicht einfach nur einen
beliebigen Fremdkörper dar. Ganz offensichtlich wehrt sich Schindl gegen
eine Übermacht hermeneutischer Interpretationsverfahren. Vielmehr postuliert
er, dass es in der Medienwissenschaft, aber auch in angrenzenden Wissenschaften
wie den Kultur- und den Sozialwissenschaften, eine Hinwendung zur Analyse des
sozialen und des virtuellen Raumes geben würde. Das Ziel seines Buches
sei nun, Ansätze für einen solchen Zugang darzulegen und zu diskutieren.
Dieses Ziel ist fraglos berechtigt, insbesondere wenn man Schindls Grundpostulat
zustimmt. Allerdings wird das Buch diesem Anspruch nicht gerecht. Vielmehr ist
es eine Darstellung dreier sehr unterschiedlicher Ansätze, die das Verhältnis
von Raum und Kommunikation thematisieren, welche alle drei nicht einmal explizit
medienwissenschaftlich sind.
Im ersten Kapitel stellt Schindl die Arbeit von Harold A. Innis (1894-1952) vor, der sich als Wirtschaftshistoriker mit der Geschichte des geopolitischen Raumes in Kanada als Mediengeschichte befasst hat. Innis begreift in seinen Arbeiten Kommunikation als materiell, also beispielsweise die Verbreitung von Informationen als Voraussetzung und Anstoß für die Errichtung von Wirtschaftszweigen und Transportwegen. Ein wichtiges Postulat Innis' lautet, dass mit dem Entstehen von neuen Medienformen immer auch eine neue Auffassung des Raumes – also hauptsächlich der Frage, auf welche Weiten und in welcher Tiefe man sich auf ihn bezieht – formuliert wird. Allerdings, so die Kritik von Schindl an Innis, verstehe dieser Medien als Einwegkommunikation und kann deshalb für die Analyse heutiger, dialogisch angelegter Medienformen nicht mehr umstandslos verwendet werden.
Im zweiten Kapitel bezieht sich Schindl ohne einen weiteren Übergang auf die Soziologin Saskia Sassen (*1949). Diese ist einerseits dafür bekannt, die Globalisierung als weltweite soziale, wirtschaftliche und auch kulturelle Entwicklung zu begreifen und deswegen sehr oft Untersuchungsschwerpunkte abseits der westlichen Welt zu setzen. Andererseits ist sie auch für einen eklektizistischen und teilweise populärwissenschaftlichen Stil bekannt, der seine Stärken eher beim Aufdecken möglicher Forschungszusammenhänge und dem Erinnern an verdrängte, aber eigentlich weithin bekannte Fakten entfaltet, als in der eigentlichen Forschung oder bei der Beantwortung wissenschaftlicher Fragen. Diese relative Beliebigkeit schlägt sich auch in der Besprechung Schindls nieder, obgleich er sich darauf konzentriert, eine gewisse Stringenz beizubehalten.
Grundsätzlich beharrt Sassen darauf, dass der Raum keine natürlich gegebene Entität darstellen würde, sondern vielmehr „durch technische Rahmenbedingungen, kulturelle Praktiken und soziale Interaktionen konstruiert [werde]“. (Schindl, S. 61) Medien, die Kommunikation über weite Strecken hinweg ermöglichten – hier nennt Sassen den Telegraphen als spätest möglichen Anfang dieses Abschnitts der Mediengeschichte –, würden durch diese Kommunikation daran mitwirken, Räume zu konstituieren. Gleichzeitig seien diese Medien in die sozialen Auseinandersetzungen und Machtverhältnisse eingebunden. Durch die Globalisierung und die Verbreitung dialogischer Kommunikationsmittel sei eine weltweite Kommunikationssphäre für diese Auseinandersetzung entstanden, welche gleichzeitig an lokale Bedingungen, Handlungen und Entwicklungen geknüpft sei. Weder gibt es heute den einen rein globalen Kommunikationsraum, noch die vollständig abgeschlossene lokale Kommunikationsebene.
Nach dieser Feststellung schließt das Kapitel und wiederum ohne Übergang wird im dritten Abschnitt des Buches auf den Philosophen Régis Debray (*1940) und dessen Theorie der Mediologie eingegangen. Mit dieser Theorie untersucht Debray Kommunikation als „raumschaffend“ und schließt dabei indirekt an die von Michel Foucault entwickelte Vorstellung des Dispositiv – einer Entität, die einen wirksamen Diskurs, eine „reale Sache“ und deren gegenseitige Verquickung als Zusammenhang denkbar machen soll [Fußnote 2] – an. Kommunikation ist bei Debray nicht einfach raumkonstituierend, sondern führt als Teil der Menschwerdung auch dazu, den Raum zu domestizieren. Letztlich ist Kommunikation also auch ein Mittel zur Beherrschung des Raumes.
Damit endet das dritte Kapitel, aber auch das Buch. Schindl plädiert am Ende noch einmal dafür, räumliche Strukturen und räumliche Praxis als Medien- und Kommunikationspraxis zusammen zu denken und als ein aufeinander bezogenes Verhältnis zu begreifen. Zudem verweist er noch einmal – wie auch durchgängig im gesamten Text seines Buches – darauf, dass die neuen Medien neue Herausforderungen stellen. Aber es folgt keine Zusammenführung der drei vorgestellten Ansätze, keine Aussicht auf eine mögliche medienwissenschaftliche Praxis, die sich mit dem Raum befasst und auch keine Begründung für die Auswahl gerade dieser sehr unterschiedlichen und zu unterschiedlichen Zeiten formulierten Ansätze. Es scheint fast so, als wäre das Buch auf eine solche Zusammenfassung hin geschrieben worden, aber gerade diese letzten zwanzig Seiten, die einen originären Beitrag hätten leisten können, seien vergessen worden.
Nimmt man diese zwei eher zufällig ausgewählten Werke als einigermaßen
repräsentative Beispiele für die aktuellen Debatten in der deutschen
Medienwissenschaft – was bestritten werden könnte –, dann wird
ersichtlich, dass man sich dort sehr wohl bewusst ist, dass die neuen Kommunikationsmittel
und damit einhergehend die neuen Formen der Kommunikation eine Herausforderung
darstellen, da sie sich nicht mehr mit schon bekannten medienwissenschaftlichen
Methoden untersuchen lassen, zumal gleichzeitig ersichtlich ist, dass sie eine
nicht zu vernachlässigende Bedeutung haben. Aber über dieses Wissen
hinaus scheint bislang wenig geklärt zu sein: weder die Begrifflichkeiten,
noch die grundlegenden Forschungsmethoden und Forschungsfragen, noch der eigentliche
Forschungsgegenstand selber. Dies scheint aber eine Parallele der Medien- zur
Bibliotheks- und Informationswissenschaft darzustellen, wobei es die Medienwissenschaft
immerhin schafft, eine einigermaßen breite Diskussion um dieses Problem
zu führen.
[1] Vielleicht ist es für diesen Absatz wichtig zu erwähnen, dass
Hillgärtner den Autor dieser Rezension in seiner Haltung zu freier Software
auf seiner Seite hat. Auch diese Rezension entstand auf einem Freien Betriebssystem
und in einem Freien Textverarbeitungsprogramm, einfach weil diese Software sowohl
technisch als auch moralisch den proprietären Lösungen überlegen
ist. Die Frage ist allerdings, was das über den Text der Rezension selber
aussagt. Zu vermuten ist, nichts.
[2] Mit dem Konstrukt eines Dispositiv hat sich Foucault explizit von der „unkritischen“
Vorstellung eines zwar geführten, aber nicht wirksamen Diskurses abgegrenzt.
Es geht gerade nicht darum, einen Diskurs als reinen Bezug unterschiedlicher
Reden zu analysieren, wie dies beispielsweise hermeneutische Verfahren ermöglichen,
sondern
Diskurse als Anordnung von intelligiblen und nicht-intelligiblen Antworten zu
verstehen, die direkten Einfluss auf die Gesellschaft, die Körper und den
Raum nehmen.