LIBREAS PODCAST #5
Patrick Danowski und Lambert Heller im Interview.
Manuela Schulz und Boris Jacob (Interview), Maxi Kindling (Foto), Manuela
Schulz (Transkription)
Sprache/Language: Deutsch
Spieldauer/Running Time: 46 min 10 sec
Datei/File: mp3/5,28 mb
Bitrate: 16 kBit/s
Aufnahmedatum/Recorded: 24. Juli 2007
Veröffentlicht/Published: 28 August 2007
Über: Die Renaissance der intellektuellen Verschlagwortung, Kultur
der Offenheit, SWD 2.0, Ehrenrettung der bibliothekarischen Standards,
Community of Practice der Bibliothekare, Bibliothek 2.0, Unkonferenz...
00:11
Boris (LIBREAS): Herzlich Willkommen
zum fünften LIBREAS-Podcast, heute zum Thema Bibliothek Zwei Punkt
Null. Wir sind heute zu viert: Bei uns ist Patrick Danowski, er ist
Diplom Informatiker und arbeitet als wissenschaftlicher Angestellter
an der Stabi Berlin, von 2005 bis 2007 war er im Vorstand der Wikimedia
Deutschland. Er hat einen Masterabschluss am Institut für Bibliotheks-
und Informationswissenschaft der Humboldt-Uni und er blogt in
Bibliothek 2.0 und
mehr.
Lambert Heller ist Sozialwissenschaftler, hat
an der ULB Münster gearbeitet und ist derzeit Bibliotheksreferendar
an der Universitätsbibliothek der FU Berlin. Lambert blogt im
netbib Weblog.
Vom LIBREAS-Team dabei ist Manuela Schulz, mein Name
ist Boris Jacob.
“Bibliothek 2.0" ist ein relativ vager Begriff,
was versteht ihr darunter und welche Konzepte und Ideen lassen sich
unter dem Begriff subsummieren?
01:05
Patrick: Da gibt es eine ganze Menge, was man „dadrunter
packen“ kann, also ich hab mal so ganz grob überlegt und
mir sind allein schon drei Sachen eingefallen:
Einmal Bibliothek 2.0 als soziale oder Community-Bewegung, also alle
Leute, die sich mit dem Thema eigentlich beschäftigen – da
könnte man einmal dieses Label so „draufbatschen“,
wenn man so möchte.
Dann Bibliothek 2.0 in Bezug auf Bibliotheken, die das Web 2.0 oder
die Techniken des Webs 2.0 verwenden und dann – was ich eigentlich
am wichtigsten finde – das sind so diese Ideen des Web 2.0, was
die Bibliotheken umsetzen.
Vor allen Dingen finde ich da wichtig, dass Bibliotheken sich darauf
konzentrieren, ihre Services und Dienstleistungen, die sie haben, immer
wieder anzuschauen und zu evaluieren und da können auch wieder
die Möglichkeiten des Web 2.0 helfen, zumal wenn Bibliotheken einen
Weblog haben und Kommentare erlauben, dann können sie durch die
Kommentare, die sie von Nutzern bekommen, ihre Dienste praktisch wieder
reviewen und dann eventuell verändern und anpassen.
02:12
Lambert: Zur Wirklichkeit der Bibliothek 2.0 könnte
man sagen, dass sie anfängt beim Informationsbenutzer 2.0, wenn
man es so nennen will, also ich denke, dass es schon so etwas gibt wie
eine neue Generation von Informationsbenutzern – die gibt es auf
jeden Fall, auch schon jenseits der Bibliothek, das ist erstmal unabhängig
davon, ob die Bibliotheken diesen Typen zur Kenntnis nehmen oder nicht
und das sind Leute die kennen viele Möglichkeiten, die ihnen das
Web zur Verfügung stellt, also das neue Web, das „Mit-Mach-Web“
sozusagen.
Also die partizipativen Instrumente, solche Dinge wie Weblogs, Wikis
und Social Bookmarking Dienste – vielleicht werden wir ja im Laufe
des Interviews auf das eine oder andere Beispiel aus dieser Aufzählung
noch genauer eingehen können – und die haben, na ich sage
mal eine „Remix-Kultur“ des Umgehens mit Inhalten, d.h.,
sie sind nicht mehr so eingestellt, dass sie sich irgendwo fertige Informationen
abholen, sondern sie sehen sich gleichzeitig als Konsumenten und als
Produzenten und haben auch Ideen in der Richtung, dass sie selber Ideen
veröffentlichen, auf einer ganz einfachen Weise: Informell in Weblog
– und das verändert alles.
Das ist weit davon entfernt, das ist leider immer noch ein häufiges
Missverständnis, dass es nur so eine Hobbykultur ist ein paar Dilettanten
oder Teenies, die Tagebücher schreiben, sondern das ist eine Sache,
die durchaus schon die Wissenschaft selbst und auch die Art wie wissenschaftliche
Öffentlichkeit funktioniert, zu verändern beginnt. Es wäre
regelrecht fahrlässig, wenn die Bibliotheken darauf nicht reagieren
würden und ich würde sagen, wenn die darauf reagieren und
wenn sie sich auf den neuen Informationstypus als Nutzer ausrichten,
dann könnte man das als eine Bibliothek 2.0 bezeichnen.
04:10
Patrick: Vielleicht noch als Ergänzung dazu: Außerdem
stehen wir einer neuen Medienwirklichkeit gegenüber, also wir haben
immer mehr mit Videos zu tun, mit Musik zu tun, wie Podcasts, aber ganz
besonders mit YouTube ist, was jetzt gerade ganz groß „im
Kommen“ ist. Es ist gerade eine Studie zu YouTube erschienen [Youtube
Studie, PDF], wie stark YouTube eigentlich alles
verändert und dass es nun auch eine YouTube-Kultur gibt und dass
an dieser Stelle Bibliotheken umdenken müssen, dass es nicht nur
das gedruckte Wort ist oder das Wort, das geschriebene, sondern auch
andere Medien eine bedeutende Rolle spielen in Zukunft bei den Informationsbenutzern.
04:50
Lambert: Stichwort YouTube, genau: YouTube ist ein
schönes Beispiel dafür: da hat man ein traditionelles, großes
Medium Fernsehen, von dem jahrzehntelang ganz klar zu sein schien, wie
das … funktioniert. Und zwar hat man ein großes Medium,
was sozusagen eine One-Way-Kommunikation hat. Es veröffentlicht
standardisierte Sendungen, die jeweils für ein großes Publikum
geeignet sein müssen, sonst funktioniert Fernsehen ökonomisch
gar nicht und dann gibt es auf der anderen Seite ganz viele vereinzelte
Einzelne, die reine Adressaten der Sendungen sind, so. Und dieses Medium
erlebt gerade ganz massiv, wie sich seine Medienwirklichkeit ändert.
Ob es sich jetzt dazu verhält oder nicht. Und es ist doch überraschender
Weise so, dass die Ähnlichkeiten zwischen Fernsehen und Bibliothek
doch größer sind als man denkt, weil sich Bibliotheken bisher
auch gerne als Informationskathedralen gesehen haben und sich auch ja
so verhalten haben. Es gab die Vorstellungen, dass sie Horte der Informationen
sind und dass wenn Menschen mit den Informationen aus der Bibliothek
und in der Bibliothek arbeiten wollen, sie sich in diese Kathedrale
begeben müssen und sich den Regeln des Umgangs mit den Informationen
unterwerfen müssen, sich einweisen lassen müssen in die Art,
wie sie mit Informationen umgehen, sprich, es war überhaupt nicht
die Einstellung, dass man sozusagen, in die Informationswirklichkeit
der Benutzer einsteigt und guckt, was da passiert, sondern, dass man
sch hinstellt und von den Benutzern erwartet, dass sie kommen, dass
sie in die Informationskathedrale kommen und es ist vielleicht, auch
wenn es nur eine Analogie ist, doch eine Gemeinsamkeit zwischen den
traditionellen Massenmedien wie dem Fernsehen einerseits und der mit
einem bestimmten veralteten Bibliotheksverständnis, das es so natürlich
auch nie durchgängig gab, da habe ich ein bisschen überzeichnet,
andererseits.
07:00
Boris: Lambert, du hast gerade
von den Regeln für die Informationsbenutzung gesprochen. Eine Regel
ist ja auch durch das Urheberrecht gegeben. Inwieweit kollidiert das
jetzt mit einer Remix-Kultur? Denn die meisten Medien in einer Bibliothek
sind durch das Urheberrechtsgesetz geschützt. Wo setzt da die Remix-Kultur
an?
07:18
Patrick: Da hält [Lawrence]Lessig sehr hübsche
Vorträge zu und da zeigt sich, dass das Urheberrecht zurzeit wirklich
der Remix-Kultur der Zeit nicht gerecht wird. D.h., Jugendliche, wenn
die auf YouTube Songs mit Inhalten aus dem Fernsehen mischen und daraus
auch eine völlig neue Kunstform entwickeln, die werden kriminalisiert
und da ist die Frage: Muss das wirklich sein und brauchen wir da nicht
solche Ansätze wie Creative Commons?
Und genauso muss man auch überlegen bei den Open Access-Publikationen,
wo ja sehr restriktive Lizenzen noch verwendet werden, auch wenn es
nach Meinung einiger Bibliothekare reicht, wenn die Sachen frei im Netz
stehen, das reicht eben nicht. Man muss die Inhalte auch wieder zum
Remix zur Verfügung stellen und vielleicht dadurch ein neues Potential
eröffnen, womit man heute vielleicht noch nicht direkt rechnet.
08:23
Lambert: Also es ist, das würde ich behaupten,
geradezu eine bibliothekarische Tradition, für den offenen, breiten
und ungefilterten Zugang zu Informationen zu stehen und breiten Bevölkerungsschichten
einen aktiven Umgang, sei es zur eigenen Unterhaltung, sei es zur Information
oder zur Bildung, zu eröffnen. Also ganz konkret: Die Bibliotheken
sollten mit ihren eigenen originären Informationsquellen, also
den Informationen, die sie selbst erstellen, wie z.B. Digitalisaten,
Katalogisaten, Bibliographien usw. modellhaft vorangehen. Ihr Verhalten
spielt eine ganz große Rolle, also diese Vorstellung, der man
manchmal noch begegnet: „meine Katalogisate, meine Metadaten,
meine Digitalisate“, das passt in diese Wirklichkeit nicht mehr
hinein.
Und die Stärke der Bibliotheken, bestimmen wir heute daran nicht
mehr, solche Eigentumsansprüche aufzustellen, sondern im Gegenteil
ganz demonstrativ zu sagen, wir werden zur Plattform eines partizipativen,
aktiven Umgangs mit Informationen. Und um das noch ein bisschen konkreter
zu machen, was meine ich mit Remix Culture, das war ja eigentlich die
Frage: Also was heute stattfindet, wenn z. B. auch Wissenschaftler bibliographieren,
ist, dass sie nicht nur die großen traditionellen Informationsmittel
wie Kataloge oder bibliographische Datenbanken, wie sie von vielen Bibliotheken
angeboten werden, benutzen, sondern sie suchen z.B. wissenschaftliche
Bookmarking Dienste auf. Die erleben in den letzten zwei, drei Jahren
einen regelrechten Boom und da findet das statt, das bisher leider weitgehend
unter dem Radar der Bibliotheken, da gibt es bis jetzt wenig bibliothekarische
Reaktionen, die Wissenschaftler und viele andere Menschen informell
bibliographische Daten untereinander austauschen. D.h., es werden persönliche
und gemeinschaftliche Bibliographien zusammengestellt und man sucht
dort, man schaut dort.
Es gibt Ad hoc-Taxonomien und Schlagworte, die da entwickelt und verteilt
werden und – das ist ganz wichtig – letztlich schöpfen
diese informellen Bibliographien und dieser bibliographische Remix,
natürlich ganz massiv aus den „alten“ Quellen. Also
letztlich kommen viele der Daten, die man dort findet aus Katalogen,
aus bibliographischen Datenbanken usw. und das ist eben etwas, was man
nicht als Betriebsunfall oder Zufall betrachten sollte, sondern das
ist etwas, das Bibliotheken optimalerweise ganz aktiv fördern und
begrüßen sollten, denn das bedeutet, dass es eine ganz neue
Dimension des aktiven Umgangs mit diesen bibliothekarischen Daten gibt.
11:26
Patrick: Auch den Bibliotheken selber ist die Remix-Kultur
gar nicht so fremd und zwar heißt das Ganze bei Bibliotheken „Fremddatenübernahme“.
Wenn man nämlich mal schaut, wir haben eine Bibliothek, die international
ist, die deutsche Literatur hat und Literatur anderer Sprachen und Daten
anderer verschiedener Nationalbibliotheken benutzt, um den eigenen Bestand
abzubilden, dann ist das auch eine Form von Remix. Was daran natürlich
eine Voraussetzung ist, man muss a) an die Daten rankommen - das ist
heutzutage mit dem Internet leichter, wenn man offene Schnittstellen
hat, standardisierte Schnittstellen, was auch ein sehr wichtiger Aspekt
bei dem Web 2.0 ist. Also man denkt nur an die Google- Schnittstellen,
die Google-APIs, die es ermöglichen, dass man diese Google-Maps
heutzutage fast überall im Netz findet. Man stelle sich das alternativ
mit bibliothekarischen Metadaten vor: wäre es nicht schön,
wenn man die auch überall im Internet findet?
12:20
Manuela: Bevor wir zu der jüngsten
Publikation kommen im Zusammenhang mit Bibliothek 2.0 möchte ich
gern noch mal das Stichwort „modellhaftes Verhalten“, das
Lambert gerade erwähnte, aufgreifen und einfach mal die Frage in
den Raum stellen, wie denn der Zusammenhang Frei im Netz und Open Access
in Bezug auf Bibliotheken und im konkreten Fall eben Bibliothek 2.0
angegangen werden kann?
12:48
Patrick: Ein ganz klassischer Bereich, für den
ich ja auch schon viel Werbung gemacht habe – Lambert hat das
auch schon kurz angesprochen – sind die Digitalisate, die halt
Bibliotheken wirklich mal auch zur Weiterverwendung ins Netz stellen
müssen. Viele Bibliotheken sagen: „Wir machen Open Access
mit unseren Digitalisaten, sie stehen doch kostenlos im Netz.“
– Wenn man sich die Berlin Declaration ein wneig genauer durchliest,
steht nicht nur drin, dass die Sachen frei im Netz stehen sollen, sondern
auch Derivate erlaubt sein sollen, dass man sogar Sachen bearbeiten
darf und praktisch wieder selber ins Netz stellen darf, dass man aber
auch die Sachen selber 1:1 republizieren darf. Das alles ist durch die
Berlin Declaration abgedeckt und kaum eine Bibliothek erfüllt wirklich
mit ihren Digitalisaten diese Forderungen der Berlin Declaration, was
mich doch ein wenig wundert, weil wir bei den Wissenschaftler immer
wuunderschön breit Werbung dafür machen: „Ihr stellt
doch alles unter Open Access.“ Aber wenn man dann genauer fragt,
dann heißt es, Open Access ist freier Zugang und das ist in meinen
Augen eigentlich noch zu wenig.(Berlin
Declaration [on Open Access to Knowledge in the Science and Humanities],
PDF)
13:50
Lambert: Analog gilt das auch für
die Katalogisate, also das was in Katalogen ist, gehört dorthin,
wo die Benutzer es aktiv benutzen und eine Grundvoraussetzung dafür,
und da spreche ich noch nicht mal über die technischen Dinge, die
dazu gehören, Katalogisate freizusetzen, dass man also explizit
die Benutzung frei stellt.
Das bedeutet nicht nur, dass man die Katalogisate über Schnittstellen
verfügbar macht, sondern Open Access gehört explizit dazu.
Und dann wird man feststellen, dass die Benutzer überraschende,
neue Dinge machen, auf die wir als Bibliothekare jetzt noch gar nicht
kommen, für die wir aber günstige Bedingungen zur Verfügung
stellen können. Also wir können sozusagen, eine Remix Culture
als eine neue Art der aktiven Benutzung von Informationen anregen und
geben uns selbst damit eine neue Rolle, die potentiell die produktive
und auch zentrale Rolle von Bibliotheken in dieser Web 2.0- Welt sein
könnte, werden könnte.
15:02
Patrick: Und ein dritter wichtiger
Punkt, den ich, wo ich ein gigantisches Potential sehe für Bibliotheken,
das sie endlich ausspielen könnten, das ist im Bereich der Normdaten.
Wenn man diese über freie Schnittstellen zur Verfügung stellen
würde, könnten sie z. B. sehr schön in Social Tagging-Diensten
benutzt werden, sie könnten von Wikipedia, wie es mit der PND schon
mal exemplarisch passiert ist, benutzt werden aber auch von vielen anderen
Diensten, die sich um Erschließung im Netz kümmern oder eigene
Ressourcen erschließen und ich denke, da wäre das Potential
gigantisch.
Und da haben Bibliotheken wirklich Erfahrungen angehäuft, die eigentlich
schon wieder das Web 3.0, also das semantische Web betrifft, gerade
im Bereich der Personendaten, wo sie wirklich vorangehen könnten,
wenn sie sich denn öffnen würden.
15:52
Lambert: Nur um das noch mal zu
unterstreichen, was Patrick gesagt hat: Was sich im Bereich des Taggens
von Weblog-Beiträgen durch Weblog-Autoren oder auch bspw. in Social
Bookmarking-Systemen abspielt, ist eine regelrechte Renaissance des
Schlagworts.
Also da ist jede Art von bibliothekarischem Pessimismus oder so eigentlich
ganz fehl am Platz, eigentlich müssten wir uns freuen. Es gibt
auf einmal ein Comeback versus der alten Dominanz von Volltextsuchsystemen
wie Google, eine Renaissance der intellektuellen Verschlagwortung, selbst
wenn diejenigen, die dahinter stecken, als neue Akteure, vielleicht
den Begriff Schlagwort nicht kennen sollten.
Es wäre wirklich sehr angemessen, wenn Bibliotheken da ihre Rolle
einmal komplett überdenken und auch neu bestimmen würden,
indem - wie Patrick es treffend gesagt hat – ihre Normdaten in
einer möglicht brauchbaren Form zur Verfügung stellen würden
in solchen Systemen, seien es Weblogs, Social Bookmarking-Systeme, die
Wikipedia oder irgendwelche neuen Dinge, für die wir jetzt vielleicht
noch keinen Namen haben.
17:04
Boris: Jetzt haben wir in Bezug
auf Open Access von der Remix-Kultur gesprochen. Inwieweit sieht es
bei dem wissenschaftliches Publizieren aus? Wissenschaftliches Publizieren,
Open Access, Bibliotheken – was fällt Euch dazu ein?
17:16
Lambert: Mir fallen dazu z.B. Weblogs ein.
Was wir gerade in den allerersten Anfängen jetzt sehen, ist, dass
Wissenschaftler überraschenderweise einen kostenlosen, jedermann
zur Verfügung stehenden Massenartikel im Web, nämlich das
Weblog, als persönliche Kommunikationsplattform entdecken.
Das Interessante daran ist, dass für Wissenschaftler die Weblogs
so reizvoll sind, weil sie einen einfachen Weg bedeuten, direkt unmittelbar
zu dem eigenen Publikum zu sprechen. Also, es ist sozusagen die eigene
Druckerpresse plus die Möglichkeit, das was man damit gedruckt
hat, direkt denjenigen in die Hand zu drücken, die das interessiert.
Das ist klar, dass das für Wissenschaftler von Interesse sein muss.
Eine interessante Implikation dabei ist, dass Open Access dabei eine
Selbstverständlichkeit ist.
Dieser Begriff muss in diesem Zusammenhang kaum noch erwähnt werden,
weil Weblogs „by default“ sozusagen öffentlich sehbar
und findbar sind. D.h., es reicht, zu dem was technisch im Web 2.0 implizit
drinsteckt noch explizit dazu, rechtlich zu sagen, das ist tatsächlich
frei lizenziert und man darf mit diesen Inhalten tatsächlich anstellen,
was man will, aber die interessante Geschichte ist daran eben, dass
die Wissenschaftler damit die Kultur ihres Publizierens verändern:
Es entstehen Communities von Weblogs, die wechselseitig aufeinander
Bezug nehmen, das ganze Verhältnis zwischen dem Publizieren traditioneller
Aufsätze und Bücher zu diesen neuen Formen muss überdacht
werden.
Es gibt neue Formen, das Publizieren zu vernetzen mit dem Veröffentlichen
von originären Forschungsdaten. Es gibt die Möglichkeit, in
kleinen intramentellen Schritten Neuigkeiten zu bringen, ohne jedesmal
ein großes, abgeschlossenes Gesamtwerk liefern zu müssen.
Man hat mit den Weblogs eine relativ fehlertolerante Umgebung, in der
es viele Interaktionsmöglichkeiten gibt usw. und so fort und hier
– ich formuliere es bewusst so – das fängt an, wir
stecken in den Anfängen. In Bezug auf die Bibliotheken bedeutet
das, dass es eigentlich eine Riesenchance ist, sie können versuchen,
in diesen Communities der wechselseitigen Unterstützung mit dieser
neuen Publikationskultur einzusteigen, diese Communities zu unterstützen
und diese neue Form des Publizierens einfach zu begrüßen
und ihr positiv zu begegnen.
20:04
Patrick: Man muss ein bisschen aufpassen, wenn man
sagt, dass Weblogs automatisch Open Access implementieren, weil auch
da muss man auch wirklich darauf achten, ob man wirklich eine freie
Lizenz verwendet, weil auch auf Weblog-Einträgen generell erstmal
ein Copyright liegt, auch ein klassisches, dass man sie nicht weiterverwenden
kann und man muss da auch wirklich am besten eine Creative Commons-Lizenz
veröffentlichen, also Creative Commons, dass man die Namen nennen
muss und unter die gleiche Lizenz stellen, das sind die freiesten Lizenzen,
die ich empfehlen würde für Weblogs, die auch diesen Charakter
des Weblogs auch wirklich entgegen kommen.
Was Weblogs natürlich auch gleichzeitig sind, was ich sehr interessant
finde im Bereich des elektronischen Publizierens, d.h., dass ich eine
noch kleinere Einheit habe. Während wir früher das Buch hatten,
was groß war, wo dann das Journal, der Artikel die kleinere Einheit
war und jetzt kommt praktisch, dass einzelne Thesen publiziert werden,
in sehr, sehr kurzen Weblog-Beiträgen, die dann auch praktisch
unter Open Access stehen und die dann auch wieder gemeinsam „geremixt“
werden können.
21:12
Lambert: Die Weblogs regen dazu
an, sich u.a. traditionelle Informationskompetenzen auf eine neue Weise
selbst anzueignen. Ich hatte schon erwähnt, dass für viele
Weblog-Autoren es selbstverständlich ist, ihre eigenen Weblog-Beiträge
zu verschlagworten, aber Weblogs regen zum Zitieren an, weil jeder Weblog-Beitrag
durch eine dauerhafte URL zitierbar ist, indem er verlinkbar ist.
Weblogs enthalten so etwas wie Archivfunktionen und können auch
durch Dritte, also unabhängig von der Kontrolle des eigentlichen
Weblog-Autors archiviert werden, so dass nachvollziehbar ist, was jemand
tatsächlich einmal in der Vergangenheit geschrieben hat. Das sind
auch für uns Bibliothekare ganz wichtige, ganz zentrale Konzepte:
Zitierbarkeit, Archivierbarkeit etc.
Es wäre wirklich eine große, verfehlte Chance, wenn man daran
nicht konstruktiv anknüpfen könnte, sowohl was die eigene
Konzeption von Informationskompetenz und Informationskompetenzvermittlung
angeht, als auch was die Unterstützung des Bloggens durch konkrete
technische Dienste angeht.
22:28
Patrick: Bei aller Euphorie für
das Bloggen, wissen wir beide sehr gut – wir sind Fans davon –
dass leider in der Wissenschaft der Weblog-Beitrag bei Weitem noch nicht
so anerkannt ist, wie der Beitrag in einem klassischen Journal, insbesondere
nicht, wenn es vielleicht gedruckt ist am besten noch, dann ist die
Anerkennung heutzutage immer noch ein wenig höher.
Und wir sind immer noch nicht bei den E-Journals soweit, dass die Anerkennung
dafür da ist, das kommen wir jetzt aber langsam hin.
In vielen Wissenschaftsbereichen ist es zumindest schon so, wir bewegen
uns vorwärts und die Frage ist, ob wir nicht auch neue Methoden
in der Wissenschaft brauchen, weil wie wir zurzeit evaluieren, wie gut
Wissenschaft ist, mittels Zitationsraten der Journals, also wie oft
werden Journalartikel zitiert, in welchen Journals wurde veröffentlicht
und danach werden dann auch wissenschaftliche Berufungen und Einstellungen
durchgeführt. Vielleicht müssen wir in Zukunft auch überlegen,
wie bringen wir diese Form des Publizierens in neue Qualitätskriterien
des wissenschaftlichen Arbeitens, wie können wir das bemessen,
zumindest, dass man grobe Richtwerte hat.
23:40
Lambert: Das ist eine ganz spannende
Frage, finde ich auch. Ich denke, dass neben der klassischen Szientometrie
so etwas wie Webometrie sicherlich eine Rolle spielen wird, dass wir
auch beobachten werden, dass so etwas wie das Entstehen einer Reputation
natürlich eine Funktion von Communities werden kann, von einer
sich selbst organisierenden oder zumindest neuartigen elektronischen
Öffentlichkeit.
Und – da hat Patrick unbedingt Recht – das funktioniert
alles bisher erst sehr rudimentär, daran ist noch vieles unklar.
– Umso besser, aus unserer bibliothekarischen Perspektive: Wir
sehen diese Möglichkeiten, wir sehen was auch für Wissenschaftler
daran reizvoll ist, warum es mit einiger Wahrscheinlichkeit auch in
diese Richtung weitergehen wird und können und sollten daher frühzeitig
uns konstruktiv dazu verhalten.
24:36
Manuela: Für die aktuelle
Ausgabe Bibliothek. Forschung und Praxis [Beitrag,
PDF] wart Ihr für den Schwerpunkt verantwortlich, der da natürlich
heißt Bibliothek 2.0. In eurer Einleitung habt Ihr geschrieben,
dass der Diskurs um Bibliothek 2.0 sowohl die Bibliothekswissenschaft
als auch die Bibliothekspraxis vorantreiben kann. Welche Innovation
seht ihr für Wissenschaft und für die Praxis?
25:03
Patrick: Ein bisschen haben wir ja schon angedeutet,
also wie Wissenschaft, in welche Richtung es unserer Meinung nach geht,
also Weblogs, aber natürlich ergeben sich hier völlig neue
Forschungsfragen für die Wissenschaft, gerade für die Bibliothekswissenschaft:
- Was sind die Auswirkungen dieser neuen Techniken auf die Bibliothekare,
auf die Bibliothek?
- Welche Bibliothek als klassischerweise Wissensorganisator, wie verändern
sich die Benutzer?
- Wie verändert sich vielleicht auch das Bild der Bibliothek in
den Augen der Nutzern?
Und für die Praxis ergeben sich völlig neue Werkzeuge, die
viel, viel schnellere Feedbackschleifen zu unseren Nutzern ermöglichen
und die uns erlauben, auch auf neue Nutzerbedürfnisse schneller
zu reagieren.
Bibliotheken reagieren klassischerweise schon immer auf Benutzerbedürfnisse,
das ist völlig richtig, das wird ja auch als Kritik mal entgegengebracht:
„Bibliotheken waren schon immer benutzerorientiert“, das
ist richtig – mal mehr, mal weniger, wie wir alle wissen, aber
durch diese neuen Techniken wird es noch viel, viel einfacher und der
Nutzer verlangt dies viel, viel stärker, weil er eben auch im Web
sieht, das Dienste einfach sind und auf die Bedürfnisse reagieren
und so werden die Ansprüche an die Bibliotheken, dies jetzt auch
noch schneller zu tun als bisher viel, viel größer.
26:30
Lambert: Ich denke, ein ganz zentraler
Fokus von zukünftiger Bibliothekspraxis und damit verbunden Bibliothekswissenschaft
werden die vielfältigen, neuen, sich schnell wandelnden Informationskulturen
sein, der Benutzer und der Communities der Benutzer.
Das können wahrscheinlich die einzelnen Bibliothekarinnen und Bibliothekare
vor Ort am besten erkennen, und am besten auch umsetzen. Die sehen,
dass es z.B. von Fach zu Fach – da gibt es ganz berühmte
Unterschiede – ganz verschiedene Arten gibt, mit Informationen
umzugehen, verschiedene Vorstellungen, was man mit diesen Instrumenten
des Web 2.0 z.B. machen kann.
Ein Begriff, der mir sehr gut gefallen hat und den ich gerne weiter
verbreiten möchte – vielleicht auch unter den Bibliothekswissenschaftlern
– ist Technology Community Stewardship.
Ein Begriff, den u.a. Etienne Wenger [Etienne
Wenger, Technology community stewardship] geprägt
hat, der jüngstens bekannt ist durch Begriffe wie Communities
of Practice, der hat ein bisschen den Bereich der Organisationsentwicklung
mitgeprägt und er meint damit, dass da so eine typische neue Rolle
steht von Leuten, die die ganz spezifischen Bedarfe einer solchen, vielleicht
auch einer nur ganz kleinen, Community erkennt und aufgrund von einem
bisschen technischen Knowhow und Web Knowhow weiß, welche Mittel
dazu geeignet wären, dieses Informationsbedürfnis zu befriedigen.
Also, in welcher Weise z.B. ein Weblog genau da interessant sein könnte
und für eine bestimmte Öffentlichkeit, für eine ganz
bestimmte Gruppe voranbringen könnte. Und der dann, also in dieser
Idealrolle als Technolgy Community Steward, um den Begriff
nochmal zu nennen, dabei hilft, dieses Tool einzuführen, es zu
konfigurieren, dann auch zu sehen wie das funktioniert, ob es funktioniert
hat und dann fängt der Zirkel von vorne an.
Dann sieht er, okay das Tool funktioniert oder es funktioniert nicht;
was könnte als Nächstes kommen? Und ich denke, diese Rolle
ist auch der einzige Weg, um mit dieser Explosion neuer technischer
Möglichkeiten, die sich da im Moment vor unseren Augen abspielt,
einigermaßen klar umzugehen. Es ist klar, dass nicht jeder alles
kennt, also wird sich da eine Art Spezialistentum geben, das bezeichnet
diese Rolle. Und ich denke, es ist klar, dass es ein interessantes Rollenbild
auch für Bibliothekare ist, dass die in eine solche neue Rolle
schlüpfen könnten. Das ist eine wichtige Sache, die ich sehe,
also dieser Blick auf die Informationskulturen und die ganz unterschiedlichen
Bedürfnisse, die es gibt.
Eine weitere Sache, die ich noch nennen möchte, für
die Informationspraxis und die Informationswissenschaft als Ganze, ist
diese neue – ich nenne es jetzt mal etwas schlagwortartig –
Kultur der Offenheit.
Bisher haben Bibliotheken doch oft so funktioniert, dass wenn man sich
gefragt hat, nach welchem Standard man sich untereinander Daten austauscht
zwischen Bibliothekskatalog A und Bibliothekskatalog B, man dann selber
eine Lösung gebaut hat und man nicht in erster Linie, wenn überhaupt,
darauf geachtet hat, ob Dritte, die nicht Bibliotheken sind, also nicht
gerade an diesen Standardisierungsgremien teilnehmen, jemals mit diesem
Standard etwas anfangen können. Da sind große Monolithen
entstanden, sehr komplexe Dinge, es sind Dinge doppelt erfunden worden
und als Gegenstück dazu geradezu kann man ein bisschen die Welt
der Webstandards betrachten, die – ich übertreibe es jetzt
mal ein bisschen, der Anschaulichkeit halber – die oft zwar nur
das können, wozu sie unmittelbar in dem Augenblick erfunden werden,
die ganz pragmatisch irgendein kurzfristiges Bedürfnis erfüllen,
dafür aber frei und offen angelegt sind, sich weiterentwickeln
können und auf einmal zu einer Art de facto-Standard werden, die
vieles einfacher machen.
Ich will mal ein Beispiel nennen, das ist gar kein Webstandard:
BibTex.
Das ist die bibliographische Beschreibungssprache von dem Textsatzsystem
Latex, Mitte der 80er Jahre erfunden. An Bibtex kann man ganz Vieles
aussetzen und ganz vieles was z.B. das Maschinelle Austauschformat für
Bibliotheken, kurz MAB, kann BibTex nicht. Es hat diese ganzen vielen
Unterfelder nicht und hat vielleicht auch ganz viele weitere Mängel,
aber es ist doch nicht ganz zufällig, dass dieser wirklich sehr
einfache, wirklich simple Standard – mit einem BibTex-Datensatz
kann wahrscheinlich auch ein Bibliothekslaie beim ersten Anblick schon
eine ganze Menge anfangen – dass der sich nun zum de facto-Standard
zum Austausch zwischen bibliographischen Daten in diesen akademischen
Social Bookmarking-Diensten durchgesetzt hat. Ich will jetzt gar nicht
sagen, das ist das Maß aller Dinge und jetzt müssen alle
Bibliothekskataloge BibTex können und alles wird gut, darum geht
es mir nicht.
Ich will nur mit diesem Beispiel zeigen, diese Art von Entwicklung von
Standards, offene Lizenzen, offene Standards, Offenheit in der Entwicklung
solcher Formate ist etwas ganz Wichtiges. Und ein anderes Beispiel,
was Patrick vorhin schon genannt hatte, offene Webservices, die es z.B.
möglich machen, auch bibliothekarische Normdaten z.B. die Schlagwortnormdatei
– warum sollte es nicht mal die SWD 2.0 geben? – in Systeme
einzubinden, wie Social Bookmarking- Dienste. Das wäre wunderbar
und so was wäre wichtig, für diese Kultur der Offenheit zu
leben.
32:30
Patrick: Bei den Standards muss ich noch ein wenig
einhaken und zwar ein bisschen Ehrenrettung der bibliothekarischen Standards
betreiben: Man kann zwar an MAB und MARC eine ganze Menge aussetzen.
Klar – über 1000 Datenfelder mögen vielleicht ein wenig
viel sein, aber es ist einfacher, einen Standard, der sehr viele Felder
hat, abzubilden auf einen Standard, der sehr wenig Felder hat, als das
Ganze umgekehrt machen zu müssen.
D.h., wenn wir irgendwann feststellen, also man hat einen sehr engen
Standard genommen und stellt plötzlich fest, nachdem wir schon
über 1 Million Datensätze haben: „Oh, da haben wir jetzt
was falsch gemacht, wir hätten jetzt doch ein paar Felder mehr
gebraucht, da müsste man die 1 Million Datensätze mit Hand
nachbearbeiten.“ Während, wenn man sagt, „Och, wir
haben ein Feld zu viel, es wurde nicht besetzt“, das kann man
dann relativ einfach löschen. Der Weg ist immer ein bisschen einfacher,
Felder wegzunehmen als wieder Felder irgendwann plötzlich hinzufügen
zu müssen. So als kleine Ehrenrettung, vielleicht.
Klar, dass man dann für die Benutzer, dass man die nicht mit den
sehr komplizierten Bibliotheksstandards belasten sollte und dem Nutzer
eine Schnittstelle, wo er einen einfachen Standard abbilden kann, die
für seine Anforderungen völlig ausreichend ist. Das ist völlig
klar, da sollte man dann an die Nutzer denken: wie kann der die bibliographischen
Daten, die Felder die Bibliothek mehr braucht, sehr einfach weiter verwenden.
34:01
Manuela: Diese Standards, die
gerade angesprochen wurden, inwiefern kann man denn da schon Lösungen
finden, die gerade webbasiert sind?
34:13
Lambert: Es war richtigerweise von
Patrick darauf hingewiesen worden, dass es eben BibTex nicht die Lösung
aller Probleme ist, sondern es ist eine schöne Entwicklung zu beobachten,
dass es zunehmend eine geringere Rolle spielt, was für Ausgangsformate
man hat, weil es Open Source-Komponenten gibt, die es möglich machen,
bekannte, übliche bibliographische Formen ineinander zu verwandeln.
Es gibt z. B. die Bibliofile Web Database Initiative [Bibliofile
Web Database Initiative] – ich weiß
nicht, ob der Name wirklich so war, Bibliophile kommt glaub ich in dem
Namen vor – die verschiedene Open Source Web-Datenbanken speziell
zum Anbieten bibliographischer Daten anbieten. Das sind verschiedene
Entwickler, die da unabhängig voneinander ihre Produkte pflegen,
aber diese Komponenten u.a. zum Konvertieren dieser bibliographischen
Formate, sie werden in austauschbarer Form also angeboten. Diese Entwicklung
halte ich auch für ein gutes Beispiel für diese Offenheit,
die man pflegen sollte. Es hat ja nicht viel Sinn, wenn man das Rad
immer wieder neu erfindet, sondern auch die Bibliotheken sollten sich
daran beteiligen, gerade wenn öffentliche Mittel im Spiel sind,
aber auch generell, dass man kooperativ arbeitet und Dinge die man erfunden
hat, auch der Öffentlichkeit in einer immer wieder verwendbaren
Form zur Verfügung zu stellen. Es gibt auch schöne Bespiele
für Kataloge und andere Systeme, die so was einsetzen, oder [zu
Patrick blickend]...
35:53
Patrick: Genau. Es gibt zwei sehr
schöne Open Source OPAC-Systeme in Deutschland, eines ist OPAC
in Karlsruhe [OPAC
Karlsruhe]und der KUG, Kölner Universitätsgesamtkatalog
[KUG],
der auf OpenBib basiert. OpenBib ist von Oliver Flimm, ein entwickeltes
Open Source System, was auch jeder nachnutzen kann und was ich gerade
ganz toll finde, das ist, was gerade als Beta-Version in den USA erschienen
ist das VUFIND [VUFIND],
was wirklich ein OPAC mit Web 2.0-Technologien ist, sehr dynamisch,
mit Ajax. Wo ich mir nicht ganz sicher bin, das müsste man noch
mal untersuchen, ob der wirklich barrierefrei ist, aber ich vermute
nicht. Aber daran müsste man vielleicht noch ein bisschen arbeiten.
Da das ganze als Open Source zur Verfügung steht, wäre auch
das möglich. Wenn sich dafür genügend interessieren würden,
wäre es da durchaus möglich, da auch entsprechende Anpassungen
vorzunehmen.
36:56
Manuela: Patrick, du hattest gerade verschiedene Beispiele
genannt, die dir ganz gut gefallen im Zusammenhang mit Web 2.0-Anwendungen.
Welche Initiativen, Organisationen oder auch Communities sind in dem
Bestreben, Bibliothek 2.0 zu erweitern, aufzubauen, zu konzeptionieren
Eurer Meinung nach vorn bzw. gerade bestimmend?
37:25
Lambert: Die Open Library Initiative
[Open
Library Initiative], die jetzt u.a. von dem Brewster
Kahle, dem Begründer des Internet Archive [Internet
Archive]und anderen Leuten aus diesem Bereich
ins Leben gerufen wurde, halte ich für ein ganz positives Beispiel
dafür, dass man ein Bibliothekskatalog explizit auf frei verfügbaren
Katalogisaten, also auf freien Metadaten aufbaut und die dann auch wiederum
als Remix in einer benutzerfreundlichen Umgebung zur Verfügung
stellt.
Das ist eine ganz großartige Sache und das zeigt den Bibliothekarinnen
und Bibliothekaren vielleicht auch, was für eine Entwicklungsrichtung
es da gibt, also die Entwicklung ist schon in meinen Augen nicht mehr
so sehr der angereicherte Katalog, davon ist immer die Rede. Die Vorstellung,
es gibt einen großen Katalog und dem wird noch etwas hinzugefügt,
also da kommt dann noch mal etwas hinzu, von Titelseiten oder Inhaltsverzeichnissen.
Das ist natürlich alles schön und gut, ich will das nicht
schlecht reden, aber eine ganz entscheidende Entwicklung ist doch die,
dass es einen vernetzten Katalog gibt, d.h., dass die Katalogisate nicht
nur aus einem Bestand lizensierter oder gekaufter Medien verweisen,
sondern frei verfügbar sind und in verschiedenen Zusammenstellungen
remixt werden können und dann u.a. auch wiederum auf Bestände,
auf physische Bestände oder lizensierte Medien oder so etwas verweisen
können. Das ist eben ein Sprung in der Entwicklung der Kataloge,
dass es solche Initiativen gibt, die Daten also auf diese neue Weise
zur Verfügung stellen.
39:12
Patrick: Welche Initiative ich zurzeit
sehr spannend finde, das ist die weltweite Learning 2.0- Community,
die sich praktisch herausbildet. Es ging ja los mit Helen Blowers [Helen
Blowers], die auch vor Kurzem in Deutschland
war und hier praktisch das Prinzip vorgestellt hat. Sie kommt aus den
USA, aber sie hat das auch in Australien gemacht, in Dänemark wurde
es von den Bibliotheken schon ins Dänische übersetzt zur Weiterbenutzung.
Sie setzt genau da an, wo wir jetzt auch langsam ansetzen müssen:
bei dem allgemeinen Bibliothekar, der mit den Web 2.0- Technologien
vertraut machen und zeigen, dass es Spaß macht und dadurch auch
Konzepte, die dahinter stehen, also diese Nutzerpartizipation und die
nutzergenerierten Inhalte, das den Bibliothekaren vertraut zu machen.
Dass man damit vertraut wird, das geht nicht nur mit „Wir schauen
uns jetzt ein Weblog an“, sondern das kriege ich dann nur mit,
wenn ich wirklich mal in ein Weblog geschrieben habe, wenn ich diese
Vernetzung, diese Community auch selber mal aktiv mitgemacht habe. Das
ist so auch wie beim Klavier spielen: Ich gucke den Leuten über
die Schulter, dadurch lerne ich aber kein Klavier spielen, sondern man
muss es mal selber machen, selber ausprobieren. Das ist ein spielerischer
Weg, dass man es auch erlernen kann.
40:33
Lambert: Ich möchte das Letztgenannte
unbedingt unterstreichen und noch ergänzen: Die Bibliothekare und
Bibliothekarinnen sind das Kapital der Bibliothek.
Wenn ich jetzt noch mal eine Bilanz ziehen soll, was ist das Wichtigste
an dieser Entwicklung, die aktuell stattfindet, dann ist es das. Es
ist gar nicht in erster Linie eine technische Entwicklung, wo es darum
geht, auf einmal sich ganz viel von neuen Produkten zu erwarten oder
neue technische Standards zu kennen oder so, sondern es geht darum,
dass gerade die Informationen frei verfügbar werden, dass Benutzer
und Communities sozusagen zu den zentralen Akteuren der Informationslandschaft
werden und dass die Bibliothekare sich selbst und sich gegenseitig orientieren
in dieser neuen Landschaft und sich selbst eine neue Position erarbeiten
und das ist herausfordernd. Der erste Schritt dazu ist, dass wir uns
selbst als Community of Practice der Bibliothekare erstmal
ernst nehmen und gemeinsam herausfinden, was da möglich ist, was
da passiert, selber Weblogs schreiben, uns untereinander vernetzen.
Und zwar ist das eine Sache, die erstmal überhaupt nichts damit
zu tun hat, an welchen Institutionen man arbeitet oder in welchen formellen
Positionen. Das ist, deswegen nenne ich das Community of Practice, also
das baut mehr auf gemeinsamen Erfahrungen mit bestimmten beruflichen
Tätigkeiten und natürlich auch gemeinsamen Zielen und Werten.
42:07
Boris: Ihr habt beide öfter
mal den Begriff Bibliothek 2.0-Community erwähnt. Wie sieht diese
Community denn in Deutschland aus und wie geht es da weiter?
42:16
Patrick: Die Community organisiert
sich a) natürlich über die verschiedenen Weblogs, die in diesem
gesamten bibliothekarischen Bereich, die so genannte Biblioblogosphäre,
und dann gibt es noch eine Online-Community auf Bibliothek20.de [Bibliothek20.de].
42:37
Lambert: Die Frage nach der Community…aus
den USA kommt dieser breite Strom von bibliothekarischen Weblogs, im
englischsprachigen Raum viele hundert, vielleicht sind es auch schon
tausend, das weiß ich nicht, Bibliothekare, die bloggen.
In Deutschland ist das Bloggen bei weitem nicht so bekannt und beliebt,
aber auch hier fängt das allmählich auch an. Da gibt es auch
schöne Beispiele und was das Tolle ist, man erlebt jetzt schon,
würde ich behaupten, unter den bibliothekarischen Blogs hier die
ganze Breite und thematische Fülle der bibliothekarischen Tätigkeiten.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Peter Delin, der Video-Bibliothekar der
ZLB, bloggt und das ist solch ein Weblog, das für alle, die damit
beschäftigt sind, was es so neu an Filmen und DVDs gibt und erst
recht für diejenigen, die das im Bibliothekskontext interessiert,
eine unglaublich interessante Quelle. [Peter
Delin, ZLB]
Besonders schön daran ist, dass – und ich will jetzt nicht
meinen Interviewern hier "Honig um den Bart’ schmieren –
dass natürlich die aktiven Zentren des Bloggens solche Dinge sind
wie das IB-Weblog, also nachdem das mit dem netbib-Weblog in Deutschland
angefangen hat mit dem bibliothekarischen Bloggen, das ist natürlich
ein Ausdruck dafür, dass da sozusagen eine Generation von Bibliothekaren
und Bibliothekarinnen jetzt kommt, für diese Art des Austauschs
für diese Community of Practice eine ganz besondere Bedeutung hat.
44:26
Patrick: Ausserdem hat der Edlef
Stabenau eine Online-Community oder ein Social Network gegründet,
wo man sich über alles Mögliche austauschen kann, diskutieren
kann und sich auch selber miteinander kennenlernen kann und sieht, wer
interessiert sich denn noch für das Thema interessiert.[Edlef
Stabenau/Unkonferenz]
Zusätzlich haben wir jetzt angefangen, wie es in Deutschland fast
üblich ist, Stammtische zu machen, um uns über die Inhalte
auch mal in „Real Life“, wo ich jetzt auch schon im Wikipedia-Kontext
die Erfahrung gemacht habe, „Real Life“-Treffen haben dann
auch noch mal eine andere Qualität, als wenn man nur online diskutiert.
Da ist dann auch die Idee entstanden, dass wir im Mai nächsten
Jahres eine Unkonferenz machen möchten, wo man praktisch die Community
an einem Ort versammelt und dann mal auch vorwärts zu diskutieren,
weil man ja auf den klassischen Konferenzen noch sehr weit vorne anfangen
muss, zu erklären, was ist überhaupt Bibliothek 2.0 und das
wollen wir mal ein bisschen überspringen und natürlich mit
Thematiken anfangen: Wie können wir denn langsam von der Theorie
in die Praxis kommen? Was kann man jetzt konkret machen? Vielleicht
auch einen kleinen Technik-Workshop, Jakob hat sich da schon begeistert
gezeigt, so mal wirklich was zusammen entwickeln wollen.
45:56
Boris: Patrick, Lambert…
45:58
Manuela: …wir danken Euch
sehr für das Gespräch.
46:01
Patrick: Ich glaube, ich kann für
uns beide sprechen, wenn ich sage, dass es uns auch sehr viel Spaß
gemacht hat.
46:05
Lambert: Wunderbare Idee, Euer Podcast.