> > > LIBREAS. Library Ideas # 8/9

Rezension zu: Just, Peter (2006) E-Books für Bibliotheken. Eine Bestandsanalyse. Berlin: BibSpider, 69 S., € 19.90, ISBN 3-936960-15-1


Zitiervorschlag
Michael Katzmayr, "Rezension zu: Just, Peter (2006) E-Books für Bibliotheken. Eine Bestandsanalyse. Berlin: BibSpider, 69 S., € 19.90, ISBN 3-936960-15-1. ". LIBREAS. Library Ideas, 8/9 ().


Elektronische Zeitschriften sind aus dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen nicht mehr wegzudenken – bei elektronischen Büchern ist der große Durchbruch hingegen (noch) nicht gelungen. Welche Gründe könnten dafür ausschlaggebend sein? Peter Just bietet mit seiner knappen, aber informativen Studie – sie basiert auf einer Magisterarbeit, mit der er sein Studium am Institut für Bibliothekswissenschaft in Berlin abgeschlossen hat – einen Überblick über Status quo und Potentiale des Angebotes deutschsprachiger elektronischer Bücher für Bibliotheken.

Zu Beginn werden Vor-, Nachteile und Einsatzmöglichkeiten von E-Books für Bibliotheken erläutert. Den Nachteilen – die Notwendigkeit von (mitunter teuren) Lesegeräten und die Schwierigkeit, sich haptisch einen Gesamtüberblick zu verschaffen – stehe ein zentraler Vorteil gegenüber: E-Books können prinzipiell unabhängig von Zeit und Ort zur Verfügung gestellt werden. Daraus folgen drei potentielle Einsatzbereiche in Bibliotheken: die Ergänzung lokaler gedruckter Bestände mit elektronischen Parallelausgaben zur Nutzung außerhalb der Öffnungszeiten, die Voransicht von Titeln vor Bestellungen gedruckter Exemplare aus dem Magazin und der Ersatz der Fernleihe. Als Gründe dafür, warum E-Books in Bibliotheken bislang noch keine weite Verbreitung finden, werden in der einschlägigen Literatur das geringe Titelangebot, inkompatible proprietäre Dateiformate und der Preis genannt. Diese Kritikpunkte werden von Just im weiteren Verlauf der Arbeit empirisch untersucht.

Das Titelangebot wird auf bis zu 3000 deutschsprachige E-Books geschätzt, wovon rund die Hälfte für Bibliotheken relevant sei (als relevant wurde ein E-Book dann eingestuft, wenn das gedruckte Pendant mindestens einmal im öffentlichen oder wissenschaftlichen Bibliotheksverbund nachgewiesen war). Diese niedrige Zahl zeige, dass eine allgemeine Ergänzung der Ortsleihe außerhalb der Öffnungszeiten durch E-Books derzeit nicht möglich sei. Allerdings lege ein Vergleich mit der Marktsituation in Japan und den USA nahe, dass in Deutschland ein großes Marktpotential bestehe und die Anzahl der lieferbaren E-Books steigen werde.

Hinsichtlich der Dateiformate wurde die Verbreitung der proprietären Formate PDF, LIT und PDB untersucht. Letztere sind primär für Handheldcomputer und weniger für PCs und Notebooks und somit für E-Books in Bibliotheken geeignet. Die empirische Untersuchung ergibt, dass die überwiegende Zahl der angebotenen E-Books im PDF-Format vorliege. Für Handheldcomputer, wo das PDF-Format nur bedingt geeignet sei, habe sich allerdings noch kein Format endgültig durchsetzen können.

Bezüglich der Lizenzierungsmodelle und Preise wurde festgestellt, dass die zeitlich unbegrenzte Lizenz für einzelne Bibliotheken und Konsortien am häufigsten sei. Der Preis für diese Lizenz wurde auch dem Kaufpreis der gedruckten Ausgaben gegenübergestellt: Demnach seien E-Books im Durchschnitt um rund 3 Euro billiger als ihre gedruckten Pendants.

Derzeit liege der primäre Einsatzbereich von E-Books in der regionalen Literaturversorgung im Rahmen von Konsortien oder im Einzelkauf von Spezialbibliotheken. Zum Ausschöpfen der vielfältigen Möglichkeiten, die elektronische Bücher für Bibliotheken bieten können, müsse jedoch zuerst – so das Fazit der Bestandsanalyse – ein adäquates Angebot entwickelt werden.

Peter Just ist ein guter und prägnanter Überblick zum Thema E-Books gelungen. Allerdings hätte sich eine interessante Möglichkeit der praxisrelevanten Konkretisierung ergeben, wenn sich die Studie entweder auf die Verwendung von E-Books in öffentlichen oder wissenschaftlichen Bibliotheken beschränkt hätte: Zu unterschiedlich sind deren Nutzungskreise und die Anforderungen, die sie an E-Books stellen. So werden sie z.B. im wissenschaftlichen Kontext vorwiegend als Reference-Tools verwendet und nicht Seite für Seite gelesen und benötigen daher auch eine gemeinsame Suchoberfläche, um ihre Potentiale voll auszuspielen. Für die wissenschaftlichen Bibliotheken ist auch ein geringes Angebot an deutschsprachigen E-Books weniger bedeutsam, da sich Englisch längst als lingua franca in den allermeisten Disziplinen etabliert hat.

Eine andere Möglichkeit der thematischen Zuspitzung wäre eine Differenzierung von E-Books nach Art der Literatur gewesen. So haben ihre allgemeinen Vor- und Nachteile bei Nachschlagewerken, Lehrbüchern oder belletristischen Werken eine völlig unterschiedliche Bedeutung: Stehen z.B. bei einem Roman die Qualität der Textdarstellung (im Sinne guter Lesbarkeit) und das zu verwendende (tragbare) Lesegerät im Vordergrund, so gilt dies nicht notwendigerweise für andere Arten von E-Books, insbesondere, wenn diese im oben erwähnten wissenschaftlichen Kontext verwendet werden. Wenn nun alle Typen von E-Books gemeinsam behandelt werden (wie in der vorliegenden Arbeit), müssen die Ausführungen zwangsläufig im Allgemeinen bleiben, soll der für eine Abschlussarbeit zur Verfügung stehende Rahmen nicht gesprengt werden.

Das vorliegende Buch stellt also eine vorwiegend explorative Studie zur Verwendung von E-Books dar und eignet sich daher besonders als Anregung und Ausgangspunkt für weiterführende und spezifischere Betrachtungen zur Thematik. Stilistisch ist die wohltuende Prägnanz und klare Strukturierung des Textes positiv hervorzuheben. Fazit: Die Studie kann für größere Bibliotheken sowie allen an der Thematik Interessierten zur Anschaffung empfohlen werden.


Michael Katzmayr ist seit 2006 für die Forschungsdokumentation an der Johannes Kepler Universität Linz tätig und Mitglied des internationalen EditorInnenteams von E-LIS