> > > LIBREAS. Library Ideas # 8/9

Rezension zu: Jacobs, Neil (Hrsg.) (2006) Open Access. Key Strategic, Technical and Economic Aspects. Oxford: Chandos Publishing, 243 S., € 60,50, ISBN-10: 1-84334-203-0, ISBN-13: 978-1-84334-203-8.


Zitiervorschlag
Uwe Müller, "Rezension zu: Jacobs, Neil (Hrsg.) (2006) Open Access. Key Strategic, Technical and Economic Aspects. Oxford: Chandos Publishing, 243 S., € 60,50, ISBN-10: 1-84334-203-0, ISBN-13: 978-1-84334-203-8.. ". LIBREAS. Library Ideas, 8/9 ().


Kennen Sie Open Access? – Glaubt man aktuellen Studien, würde diese Frage auch mehr als drei Jahre nach Verabschiedung der so genannten „Berliner Erklärung“ nur eine Minderheit der Wissenschaftler uneingeschränkt bejahen. Und in der Tat, selbst wer ungefähr weiß, worum es geht, kommt angesichts der zahlreichen Facetten, Argumente und Spielarten, die diese neuartige Publikationsform mit sich bringt, leicht ins Schlingern. Neil Jacobs hat mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Open Access: Key Strategic, Technical and Economic Aspects“ eine gelungene Zusammenfassung vorgelegt, die die aktuelle Diskussion zum Thema kompakt und strukturiert widerspiegelt.

Die knapp zwei Dutzend Namen umfassende Liste der Autoren liest sich wie ein Who is Who der weltweiten Open-Acess-Community. Darin fehlen der in Québec und Southampton wirkende Open-Access- Pionier Stevan Harnad und der für seine monatlich erscheinenden umfassenden OA- Newsletter[Fn1] bekannte und für SPARC und Public Knowledge tätige Peter Suber ebenso wenig wie der renommierte australische Informatiker Arthur Sale, der Direktor der CNI Clifford Lynch und der Niederländer Leo Waaijers, der als SURF-Manager wie kein anderer für die nationale OA- Initiative „Cream of Science“ steht. Die meisten der Autoren in diesem Sammelband sind oder waren selbst aktiv als Wissenschaftler tätig – ein Umstand, der Praxisnähe und Glaubwürdigkeit der Argumentation durchaus befördert.

Die insgesamt 20 Kapitel des Buches sind thematisch in fünf Teile gegliedert. In Teil 1 werden in sechs Beiträgen eine Einführung in die Problematik von Open Access einschließlich entsprechender Begriffsklärungen und ein Überblick der bisherigen Entwicklung dieser im Vergleich zum etablierten wissenschaftlichen Publikationswesen sehr jungen Publikationsform gegeben.

Die beiden folgenden Teile betrachten die Thematik aus dem jeweils spezifischen Blickwinkel einzelner Akteursgruppen. Die drei Kapitel des zweiten Teils beleuchten Open Access aus der Sicht von Wissenschaftlern, die als Produzenten und Endnutzer des wissenschaftlichen Inhalts von Publikationen zu Recht als die „main participants“ von Open Access bezeichnet werden. Die Konsequenzen und Chancen, die sich für Forschungsförderer, Verlage, Fachgesellschaften und wissenschaftliche Institutionen aus Open Access ergeben, werden in den vier Kapiteln des dritten Teils diskutiert.

Teil 4 beinhaltet fünf Schlaglichter auf nationale OA-Entwicklungen und stellt in jeweils einem Kapitel die Situation in Großbritannien, Australien, Indien, den Niederlanden und den USA dar. Im fünften Teil wagen Clifford Lynch mit „Open computation: beyond human reader-centric views of scholarly literature“ sowie Nigel Shadboldt, Tim Brody, Leslie Carr und Stevan Harnad („The Open Research Web“) einen Blick in die Zukunft und auf die – wenn auch noch etwas spekulativen – Anwendungen, die sich aus Open Access ergeben könnten. Bedenkenswert ist dabei vor allem die Vermutung Lynchs, mit der konsequenten Verbreitung von Open Access und der Entwicklung der technologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die bisher dem menschlichen Verstand vorbehaltene inhaltliche Erfassung und Verarbeitung wissenschaftlicher Publikationen künftig teilweise automatisieren zu können.

Bevor Stevan Harnad in Anlehnung an das antike Bewegungsparadoxon von Zeno („Opening access by overcoming Zeno’s paralysis“) die gebräuchlichsten Gründe gegen Open Access im Dutzend widerlegt, fordert Alma Swans in ihrem Kapitel „The culture of open access: researchers’ views and responses“, die Autoren wissenschaftlicher Publikationen mit Zuckerbrot und Peitsche für Open Access zu gewinnen. Nur wenn Autoren durch ihre Arbeitgeber oder Förderer verpflichtet werden, ihre Publikationen auch als frei zugänglich zu veröffentlichen, füllen sich die Repositories, wie sich unter anderem im Fall der zunächst als Empfehlung („request“) formulierten OA-Regelung der National Institutes of Health (NIH) gezeigt hat: Weniger als fünf Prozent der veröffentlichten Artikel finden derzeit ihren Weg in PubMed Central, das eigens durch die NIH geschaffene digitale Archiv. Als Zuckerbrot verspricht sie Wissenschaftlern, die in Open Access veröffentlichen, wie bereits Michael Kurtz und Tim Brody („The impact loss to authors and research“), mehr Sichtbarkeit und einen höheren Impact ihrer Artikel.

Die beiden Kapitel über OA- Geschäftsmodelle für Verlage und Fachgesellschaften von Matthew Cockerill und Mary Waltham bringen Licht in das oft allzu einseitig behandelte Thema. Wer meint, OA- Zeitschriften würden sich stets aus Autorengebühren tragen, während traditionelle Zeitschriften sich ausschließlich aus Subskriptionszahlungen finanzieren, wird in diesen Beiträgen eines besseren belehrt und mit der Vielfalt der bereits praktizierten Geschäftsmodelle konfrontiert.

Wer mit „Open Access“ bislang allenfalls ein DOS-basiertes Office-Paket aus den 1980 Jahren oder eben das sprichwörtliche siegelbewährte Buch verbindet, findet mit den einleitenden Kapiteln dieses Bandes einen sehr guten Einstieg ins Thema und einen Überblick über die Facetten, die Open Access zu bieten hat. Und auch um tiefer in die Problematik einzusteigen, vordergründige Bedenken und oft strapazierte Vorurteile ausgeräumt zu sehen und einen strukturierten Vergleich zum tradierten Publikationswesen zu erfahren, ist das Werk in seiner inhaltlichen Breite und der dennoch kompakten Zusammenstellung derzeit die erste Wahl. Selbst Experten auf diesem Gebiet werden in den letzten Kapiteln noch die eine oder andere Anregung entdecken. Jedenfalls sollte das Buch in keiner wissenschaftlichen Bibliothek fehlen und Dekanen und Professoren aller Fachrichtungen zur Lektüre empfohlen werden.

Als unnötige Engführung erweist sich jedoch die Fokussierung der Betrachtung auf angelsächsisch geprägte Wissenschaftsnationen. Die relativ ähnlichen Rahmenbedingungen in den USA, Großbritannien und Australien, die im vierten Teil des Bandes behandelt werden, mit der Situation etwa in Deutschland zu kontrastieren, hätte dem Sammelband sicherlich zum Vorteil gereicht. Denn dass es hierzulande beispielsweise sowohl bei Förderorganisationen wie der DFG als auch bei Forschungseinrichtungen bislang an Beispielen für verpflichtende Open-Access- Erklärungen (so genannte OA- Mandates) gänzlich fehlt[Fn2], ergibt sich vor allem aus der im deutschen Grundgesetz festgeschriebenen Forschungsfreiheit.

Die Tatsache, dass zumindest implizit nur die so genannten STM-Fächer und die dazugehörige fast ausschließlich auf Zeitschriftenartikel beschränkte Publikationskultur Gegenstand der Betrachtung sind, ist symptomatisch für die aktuelle Diskussion. Auch dem besprochenen Band fehlt es an einer Behandlung von Aspekten, die sich aus den Spezifika geistes- und zum Teil sozialwissenschaftlicher Wissenschafts- und Publikationskulturen ergeben.

Wie hältst du’s mit Open Access? – Es ist recht und billig, die heutige Gretchenfrage des wissenschaftliches Publizierens zu stellen, wenn es sich um ein Buch handelt, das auf fast 250 Seiten die Ideen des freien Zugriffs auf wissenschaftliche Publikationen propagiert. Und tatsächlich – wer den Anschaffungspreis scheut, kann sich die einzelnen Abschnitte des Buchs auch im Internet herunter laden, denn – mit einer Ausnahme – sind alle Kapitel im Volltext online verfügbar. Ganz im Sinne der Green Road sind sie als Preprints in Repositories unterschiedlicher Institutionen und Fach- Communities und teilweise auch auf den persönlichen Homepages der Autoren veröffentlicht worden und von einer Übersichtsseite aus verlinkt[Fn3]

Was auf den ersten Blick wie ein Paradebeispiel eines geglückten OA- Selbstversuchs aussieht, macht allerdings auch die Probleme deutlich, die das so genannte Self Archiving mit sich bringt – selbst wenn es auf einem institutionell betriebenen Server geschieht: Keines der Kapitel liegt in der letztlich für den Druck verwendeten Fassung vor, sodass die finalen Korrekturen ebenso wenig verfügbar sind wie die korrekte Seitenzählung und -aufteilung und die im Buch verwendete Form der Literaturverweise. Und während sich das Literaturverzeichnis in der gedruckten Ausgabe für alle Kapitel am Schluss des Buches befindet, sucht man die Bibliografie zu den angeführten Literaturverweisen in etlichen online bereitgestellten Kapiteln vergeblich.

Damit sind sowohl das korrekte Zitieren einzelner Kapitel aus dem Buch als auch das Identifizieren der zitierten Literatur auf der Basis der Open-Access-Version nur mit viel Phantasie und Detektivarbeit möglich. Wer den Sammelband oder einzelne Kapitel daraus für die ernsthafte wissenschaftliche Arbeit benötigt, wird ohne ein Exemplar des gedruckten Buchs wohl kaum auskommen.

Fußnoten

Uwe Müller lehrt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft und beschäftigt sich vor allem mit Elektronischem Publizieren, Open Access und Metadaten.