> > > LIBREAS. Library Ideas # 8/9

Wann ist Bibliotheksarbeit sozial? Versuch einer Neubestimmung. Bericht zur Podiumsdiskussion auf dem BID 2007


Zitiervorschlag
Doreen Lutze, "Wann ist Bibliotheksarbeit sozial? Versuch einer Neubestimmung. Bericht zur Podiumsdiskussion auf dem BID 2007. ". LIBREAS. Library Ideas, 8/9 ().


Passend zum Thema „Information und Ethik“ des diesjährigen „3. Leipziger Kongresses für Information und Bibliothek“ organisierte Brigitta Hayn, ihres Zeichens Patientenbibliothekarin an der Berliner Charité und Mitglied der Sektion 8 des DBV, in Zusammenarbeit mit den Studierenden des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Ben Kaden, Maxi Kindling, Doreen Lutze und Manuela Schulz eine Podiumsdiskussion, die sich mit der Frage beschäftigte, wann Bibliotheksarbeit sozial ist – sein muss, sein kann –, ob dieser Begriff noch zeitgemäß ist bzw. verwendet werden kann und welche Konzepte er eigentlich beinhaltet.

Zwei einführende Statements gaben den Stand der Diskussion in Deutschland (Manuela Schulz) und in Dänemark als Gastland des Kongresses (Jonna Holmgaard Larsen) wieder. Auf dem übervoll besetzten Podium im eher knapp bemessenen Seminarraum 9 des Kongresszentrums fand sich eine ausgewogene Mischung von Experten aus Bibliothekstheorie und –praxis zusammen: Arne Ackermann (Stadtbibliothek Leipzig), Hans Elbeshausen (Royal School of Library and Information Science, Kopenhagen), Martin Ertz-Schander (DVEB, Göttingen), Brigitta Hayn, Prof. Susanne Krüger (Hochschule der Medien, Stuttgart), Joanna Holmgaard Larsen (Danisch Library Agency, Kopenhagen), Gerhard Peschers (Fachstelle Gefangenenbüchereiwesen JVA Münster, DBV Sektion 8), Dr. Volker Pirsich (DBV Expertengruppe Interkulturelle Bibliotheksarbeit, Stadtbibliothek Hamm), Claudia Rothermel (Soziale Bibliotheksdienste, Münchner Stadtbibliothek), Hella Schwemer-Martienßen (Leiterin Hamburger Öffentliche Bücherhallen) und Susanne Siems (Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig). Einige dieser Teilnehmer sind gleichsam Autoren des kürzlich erschienenen Sammelbands „Zugang für Alle – Soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland“ (Berlin: Bibspider, 2007), die von den beiden Moderatoren der Podiumsdiskussion, Maxi Kindling und Ben Kaden, herausgegeben wird.

Hans Elbeshausen bei der Podiumsdiskussion

Im Zentrum steht das Buch. Allerdings ist "Soziale Bibliotheksarbeit" weitaus mehr als das Bereitstellen von Printmedien. Was, das beschrieb z.B. Hans Elbeshausen bei der Diskussion und auch in seinem Beitrag in dieser Ausgabe.

Die Diskussion verlief äußerst lebhaft und stieß trotz einiger attraktiver Parallelveranstaltungen auf reges Interesse – das Publikum brachte den mit 35 Sitzplätzen ausgestatteten Seminarraum schnell an seine Kapazitätsgrenze. Anknüpfend an die Einführungen ging das Podium direkt in die Begriffsdiskussion und den Vergleich der Situation der „Sozialen Bibliotheksarbeit“ in Dänemark und Deutschland über. Jonna Larsen hatte in ihrem Referat deutlich gemacht, dass sich die dänischen Bibliothekare seit vielen Jahren des Begriffs „Aufsuchende Bibliotheksarbeit“ bedienen und niemand der in diesem Bereich tätigen Bibliothekare seine Arbeit als „Soziale Bibliotheksarbeit“ betrachtet. Sie begründete dies damit, dass der Bibliothekar die Bibliothek verlassen müsse, um die jeweiligen Nutzer zu erreichen. Bei den deutschen Diskussionsteilnehmern war zu bemerken, dass ihre Bestimmung des Begriffs „Soziale Bibliotheksarbeit“ sehr stark durch die jeweilige Tätigkeit geprägt war. Konsens herrschte größtenteils darüber, dass der Begriff tautologisch und leider eher negativ besetzt ist. Das seit den 1970ern in Deutschland propagierte Konzept der „Sozialen Bibliotheksarbeit“ wird als in seiner Anlage als missverständlich und mittlerweile gescheitert gesehen. Dies bedeutet nicht, dass die entsprechenden Zielgruppen aus dem Raster bibliothekarischer Arbeit gefallen sind. Was nachwirkt, ist der Paradigmenwechsel von der bestands- zur benutzerorientierten Bibliothek, in dem auch die „Soziale Bibliotheksarbeit“ ihre Wurzeln hat. Im Gegenteil geht es um eine differenzierte Perspektive auf die jeweiligen Benutzer und ihre Bedürfnisse. Die Bezeichnung „zielgruppenorientierte Bibliotheksarbeit“ trifft daher in den Augen der meisten Teilnehmer eher den Kern dessen, worum es bei dieser Form des bibliothekarischen Service geht: die genaue Definition der jeweiligen Zielgruppen unter Beachtung – sehr deutlich beispielsweise bei der Zielgruppe der Migranten – der Veränderungen, Differenzierungen und auch Überschneidungen der Ansprüche und sozialen Strukturen dieser Gruppen sowie das notwendige Verständnis seitens der Bibliothekare, dass die dazu erforderliche systematische Bibliotheksarbeit ein aufwendiges Unterfangen darstellt.

Aus der Sicht von Susanne Krüger sollte dabei die zentrale Frage sein, was es die Allgemeinheit kostet, bestimmte Zielgruppen auszuschließen? Durch Projekte wie „Bookstart“ oder bibliothekarische Spiralcurricula müsse eine frühe Social Inclusion ermöglicht und diese durch niederschwellige Angebote der Bibliothek auch bei bildungsfernen Schichten konsequent umgesetzt werden. Diesbezüglich hob sie das „Ideastore“-Konzept aus England besonders hervor. Der Treffpunktcharakter wird hier für verschiedenste Zielgruppen realisiert. Notwendig ist hier eine Einbeziehung der bibliothekarischen Angebote in Stadtentwicklungsprogramme, z. B. das Programm „Soziale Stadt“. Gerade die dänischen Erfahrungen zeigen, dass es hierbei wichtig ist, die Angebote dort vorzuhalten, wo sie benötigt werden. Hier können Vorort-Anlaufpunkte durchaus sinnvoll sein.

Nur so könnten die Öffentlichen Bibliotheken ihrem Auftrag als sozialintegrierende Institution, strukturelle Benachteiligungen in Deutschland zu überwinden und einen „Zugang für Alle“ anzustreben, heute gerecht werden. Diesen umfassenden Auftrag sahen einige Teilnehmer allerdings auch höchst kritisch. Hella Schwemer-Martienßen bezeichnete es als „schlichtweg größenwahnsinnig“, wenn sich Bibliotheken über einen solchen Auftrag definierten. Deshalb sei ein Step-by-Step-Prinzip bei der Betreuung von Zielgruppen notwendig und es müsse laut Schwemer-Martienßen „Glanz- und Bodensatz-Projekte“ geben. Denn anders als in Dänemark, wo jeder zweite Bürger einen Bibliotheksausweis besitzt, trifft das in Deutschland nur auf jeden zehnten zu. Aus deutscher Bibliothekssicht existiert eine Drittelgesellschaft: Das erste Drittel könne relativ problemlos erreicht werden, das zweite Drittel nur eventuell und das letzte Drittel sei „nicht zu kriegen“, so Volker Pirsich. Er betonte aber auch, dass Bibliotheken als gesellschaftliche Akteure nicht die Kennzahlen als prioritär beachten dürften, da so vor allem bei sozialintegrierender Bibliotheksarbeit“ vieles nicht messbar sei. Vielmehr muss insgesamt das Hineinwirken der Bibliotheken in die Gesellschaft bewertet werden.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass die „Bibliotheken alleine überhaupt nichts können“, so Schwemer-Martienßen. Sie benötigen einerseits Kooperationspartner und Multiplikatoren, andererseits müssen sie sich aber auch bemühen, voneinander zu wissen, damit nicht nur Mittel, sondern auch Energien und Wissen gebündelt werden können. Jeder Spezialist einer Zielgruppe beziehungsweise eines Bereichs in der öffentlichen Bibliotheksarbeit müsse seine Professionalität – auch trägerübergreifend – einbringen. Bestehende Widersprüchlichkeiten müssten beigelegt werden. Konkret muss an die Vorarbeit, die zum Beispiel Gefängnis- und Patientenbibliotheken beim (Wieder)Einstieg in die Benutzung einer Bibliothek leisten, durch eine enge Zusammenarbeit mit den Öffentlichen Bibliotheken vor Ort im Anschluss an die Entlassung besser angeknüpft werden.

Die Forderung nach einer verstärkten Lobbyarbeit in diesem Bereich wurde durch Statements aus dem Publikum gegen Ende der Diskussion noch bekräftigt. Besonders die Bemerkung von Ulla Wimmer (DBV), dass die Kennzahlen für Bibliotheken in Forschungseinrichtungen weiterentwickelt werden müssten, um aussagekräftiger zu werden, wurde von den Diskussionsteilnehmern zustimmend kommentiert.

Bleibt zu hoffen, dass die Impulse, die von der Podiumsdiskussion ausgegangen sind, möglichst aufgegriffen und weiterverfolgt werden; denn dass neben Diskussions- auch Handlungsbedarf besteht, hat diese zweistündige Veranstaltung deutlich gezeigt.


Doreen Lutze studiert Bibliothekswissenschaft und Neue deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin.