> > > LIBREAS. Library Ideas # 7

Die Bibliothek für Musik - Musik für die Bibliothek


Zitiervorschlag
Elisabeth Simon, "Die Bibliothek für Musik - Musik für die Bibliothek". LIBREAS. Library Ideas, 7 ().


„Rhythm is it“ nannte Sir Simon Rattle sein Projekt mit Jugendlichen aus der sogenannten Underground Szene, mit denen er Strawinskys avantgardistisches Ballett Le sacre du printemps inszenierte. Mittlerweile haben auch andere Projekte in den USA, Frankreich und Großbritannien gezeigt, dass der große Kommunikator Musik in der Arbeit mit Jugendlichen Wunder bewirken kann. Apathische oder aggressive Jugendliche, die sich aus ihrer gesellschaftlichen Umgebung zurückziehen oder diese sogar massiv angreifen, begeistern sich für Tanz und Musik und übernehmen bei Entwicklung dieser Projekte – manchmal das erste Mal in ihrem Leben – Verantwortung.

Auch in der durch den Verzweiflungsbrief der Schulleitung bekannt gewordenen „Rütli-Schule“ in Berlin-Neukölln gelang es, über ein unter der Leitung amerikanischer Künstler stattfindendes Musik- und Tanzprojekt ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Schülern und Lehrern hervorzubringen. Gemeinschaftsgefühl, Begeisterung, Einsatz für eine Gruppe und für den anderen, Anstrengungen, um ein Ziel zu erreichen, Kreativität und damit Innovation - dieses fordern und fördern künstlerische und dabei besonders musikalische Projekte.

Man müsste also annehmen, dass Musikunterricht und künstlerische Projekte in der Schule besondere Aufmerksamkeit verdienen. Das ist aber oft nicht der Fall. Im Gegenteil wird besonders angesichts der Konzentration auf stärker PISA-relevante Fächer der Musikunterricht häufig marginalisiert. Das Hamburger Abendblatt meldete zum Beispiel im Januar dieses Jahres, dass das Fach in 80% der Grundschulen in der Hansestadt nicht mehr angeboten wird. Woanders sieht es bei der musikalischen Schulbildung sicher nicht besser aus. Wo schon für den reinen Unterricht Mittel und Personal fehlen, wird es für über den Lernplan hinausgehende Projekte schwer.

Hier können Bibliotheken ansetzen, einspringen und einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen leisten. Wenn sich Bibliotheken als kulturelle Zentren ihrer Umgebung verstehen, als Institutionen, die den Zusammenhalt ihrer Kommune in einem freien und offenen Raum fördern, dann sollten sie diese Aufgabe und diese Funktion unbedingt verstärkt in der Öffentlichkeit deutlich machen.

Wie so etwas aussehen kann, konnte man am 18. Oktober dieses Jahres in der „Bibliothek im Eliashof“ in Berlins Szeneviertel Prenzlauer Berg bei einem Gesprächsworkshop über Neue Musik mitverfolgen. Zwei Komponisten, Theo Nabicht und Art-Oliver Simon, sprachen über und demonstrierten Neue Musik und die Wege zu dieser für Kinder im Alter von 10-12 Jahren. Diese waren genau so fasziniert wie die teilnehmenden Erwachsenen, wobei die sie begleitenden Lehrer zusätzlich von der Faszination der Schüler fasziniert waren. Vor dem Hintergrund der immer deutlicher werdenden Annäherung von klassischer E-und U(nterhaltungs)-Musik präsentierten die beiden Komponisten diverse Elemente neuerer Musik, darunter durchaus komische und witzige. Die Kinder waren beeindruckt und fragten voller Neugier nach: Welche Ausbildung ist notwendig? über Muß man eine Musikhochschule besuchen? bis hin zur Frage nach dem Alter der Komponisten und dem Stellenwert seiner zumeist wahrlich brotlosen Kunst in der heute von weitgehend von über materielle Dinge definierten Erfolgsparadigmata bestimmten Gesellschaft.

Es finden sich zahlreiche weitere Beispiele für die Rolle der Kunst als übergreifendes Kommunikationsmedium: In diesem von politischen Schwierigkeiten zwischen Polen und Deutschland geprägten Jahr veranstaltete der Förderkreis für West- Ost - Informationstransfer e.V. Berlin unter der Leitung seines Mitglieds Astrid Cantu einen Workshop mit deutschen und polnischen Jugendlichen unter dem Motto: „Die künstlerische Gestaltung eines Grenzsteins in Brodnica und Berlin“. Im Ergebnis des gemeinsamen kreativen Handelns steht nicht weniger, als dass die über 50 teilnehmenden polnischen und deutschen Jugendlichen gegen tumbe nationalistische Parolen dauerhaft immunisiert sind. Rechnen wir für jeden Jugendlichen sein persönliches Netzwerk hinzu, multipliziert sich der Strahleffekt des Workshops weiter.

Ähnliche aktivierende Überlegungen sollten auch die Durchführung von musikalisch bildenden Veranstaltungen beherrschen, wobei Ansätze wie der Besuch von freien Popkonzerten am Brandenburger Tor zwar schön und wichtig sind, aber in der nachhaltigen Wirkung häufig begrenzt bleiben. Das gemeinsame Feiern macht, wie wir wissen, Freude und fördert nicht selten ein Gefühl für Gemeinsamkeit, die Teilnehmer bleiben dabei jedoch zumeist passiv. Beim Ziel gemeinsamem Erleben längerfristigen Bestand zu geben, ist ein aktives kreierendes Handeln ein entscheidendes Element.

Kinder und Jugendliche, die ihre Musik lieben, besonders solche, die zusätzlich selbst Musik machen, werden diese an eine vordere Stelle in ihrem Lebens rücken. Ähnliches gilt für die Darstellende Kunst. Bibliotheken können in diesem Netzwerk zwischen ihrem Angebot, den Kindern und Jugendlichen selbst, der Schule und dem Elternhaus eine große Rolle spielen. Die durchweg große und positive Resonanz auf die beiden geschilderten Beispiele zeigt, dass es sich bei diesen Ideen weniger um eine politisch gewollte öffentlichkeitswirksame pädagogische Maßnahme handelt, sondern um die Befriedigung eines real gegebenen Bedarfs.
Über Darstellende Kunst und Musik gelingt es Sinn zu stiften, der in der säkularisierten Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft mit all ihren Widersprüchen nicht selten abhanden gekommen zu sein scheint.

Ansätze für Projekte dieser Art gibt es auch in anderen Bibliotheken außerhalb Berlins, in denen über Chancen interdisziplinärer Begegnungen nachgedacht wird. Es geht um Begegnungen mit Theater, Musik, Darstellender Kunst und Rhythmik, wie sie Susanne Brandt von der Gemeindebücherei Westoverledingen bei der Ausbildung von Medienkompetenz bei Kindern vorschweben. Initiativen in dieser Richtung sollten wachsen und auch Öffentliche Bibliotheken, besonders Musikbibliotheken, sind aufgerufen, sich an solchen gemeinschaftsfördernden Unternehmungen vermehrt zu beteiligen. Denn bei allem Anspruch an „Kundenorientierung“ und „Effizienzsteigerung“ darf nicht vergessen werden, dass die Förderung des Zusammenhalts einer Kommune, d.h. einer Gemeinschaft zu den wichtigsten Aufgaben der Öffentlichen Bibliotheken gehört.

Die spätestens mit der PISA-Studie hervorgehobene Rolle der Öffentlichen Bibliothek im Bildungssystem wird in Berlin u.a. mit einem Workshop mehr bereichert. Das Weiterbildungszentrum der Freien Universität bietet für Bibliothekare einen Workshop „Bibliotheken als Bildungspartner der Schulen“ an. Hier wurde erkannt, dass Bibliotheken nicht nur als Aushilfe, sondern in ihrer Rolle und als Ort des freien offenen Lernens ein wichtiger und kompetenter Partner der Schulen sind. Bibliotheken bieten Wege zur Kreativität, zum selbstbestimmten Lernen und sie fördern die Informationskompetenz. Ihre Rolle bei der Entwicklung von Kreativität, Begeisterung und Verantwortung für die Gemeinschaft rückt somit in den Vordergrund. Musikbibliotheken spielen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle - dies nicht nur durch das Angebot von vielfältigen Materialien, sondern vor allem durch Workshops und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche.

Im Idealfall ist die Bibliothek nämlich nicht nur die Informationsversorgungseinrichtung in einer Gemeinde, sondern Impulsgeber und damit in gewisser Weise ihr kultur- und sinnstiftendes Herzstück.


Elisabeth Simon ist Vorsitzende des Förderkreises für West-Ost-Informationstransfer und Mitbegründerin des Verlags BibSpider sowie Lehrbeauftragte am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft.