| Experimentierfeld LIBREAS
Der LIBREAS Referate Blog
Ideenbeschreibung
| Inhaltliche
Einleitung
David Kronick stellt in seiner Studie zur Geschichte
wissenschaftlicher und technischer Periodika im 17. und 18. Jahrhundert[Fn1]
eine Typologie der Zeitschriften in seinem Betrachtungszeitraum
auf. Er unterscheidet dabei die beiden Grundtypen "original
publication" und "derivative publication". Der erstgenannte
Typus, der sich weitergehend in "substantive publications"
(eigenständige/unabhängige Veröffentlichungen) und
"society proceedings" (zu einer wissenschaftliche Fachgesellschaft
gehörig) aufteilt, enthält fast ausschließlich Originalarbeiten,
d.h. also Texte, die an dieser Stelle ihre Erstpublikation erfahren.
Die "derivative publications" dagegen sind
eine Art "Zweitverwerter", die die Erstpublikation in
einer bestimmten Form verarbeiten. Beispiele sind das Abstracting,
das Rezensieren, das Übersetzen, das Abdrucken von Textteilen
(Extracting) und schließlich auch das Referieren
im Sinne eines inhaltsbezogenen, wertenden Besprechens. Es handelt
sich also entweder um eine inhaltliche Vervielfältigung durch
(auszugsweisen) Nachdruck bzw. Übersetzung oder um eine inhaltliche
erschließende und bereichernde Verarbeitung, bei der zusätzliche
Information erzeugt wird.
Der Hauptunterschied zwischen Abstract und
Review Journal besteht laut Kronick darin, dass das Review
Journal vorwiegend monographische Literatur erfasste und das
Abstract Journal sich weitgehend der Zeitschriftenliteratur
widmete. Mittlerweile verschwimmen diese Grenzen ein wenig, aber
es ist nach wie vor so, dass sich Rezensionen in der überwiegenden
Zahl der Fälle auf Monographien beziehen. Diese stellen aber
- je nach Disziplin mit unterschiedlichem Anteil - nur einen Ausschnitt
der publizierten Erkenntnis der jeweiligen Wissenschaften dar.
LIBREAS ist – wie viele andere Publikationen
– eine Mischform zwischen den Typen original und
derivative, bislang und auch in Zukunft allerdings mit
einem gewissen Übergewicht bei den Originalbeiträgen.
Zu diesen gesellen sich immer auch eine Handvoll Rezensionen, allerdings
auch hier zumeist zu Buchpublikationen.
Um die Zeitschriftenliteratur, die naturgemäß
zeitnäher zum Erkenntnisgewinn erscheint, auch in LIBREAS abbilden
zu können, versuchen wir – vielleicht nach dem Motto
eines Organs à la "Aufrichtige und unpartheyische Gedancken
über die Journale, Extracte und Monaths-Schriften, worinnen
dieselben extrahiret, wann es nutzisch suppliret oder wo es nothig,
emediret werden; nebst einer Vorrede von der Annehmlichkeit, Nutzen
und Fehlern gedachter Schriften" [Fn2]
– diese Form der Auswertung des für uns relevanten wissenschaftlichen
Publikationsgeschehens in einer an die Möglichkeiten und Gepflogenheiten
des frühen 21. Jahrhunderts angepassten Form zu entwickeln.Dies
wird unabhängig von den einzelnen LIBREAS-Ausgaben geschehen
und sich über die nächsten Monate hinweg vollziehen.
Als Darstellungsmedium wählen wir ein Weblog,
mithilfe dessen in Zukunft interessante Aufsätze, aber auch
Blogpostings, Einzelkapitel oder Abschnitte aus Büchern,
Vorträge etc. abgebildet werden sollen.
Für den Einstieg in die virtuelle "Ideenskizze",
die uns als Grundlage dienen soll, hat uns Professor Umstätter
dankenswerterweise einige Beiträge aus der aktuellen Ausgabe
der Zeitschrift "Information - Wissenschaft & Praxis"
(57, 4/2006) referiert.
LIBREAS
Referate Blog ('Rohschnitt')
Einleitung
zu den Referaten
von Walther Umstätter
(info)
Die folgenden Referate knüpfen an
eine alte dokumentarische Tradition in Deutschland an, die nach
dem Zweiten Weltkrieg aus finanziellen Gründen langsam zugrunde
ging, weil es immer teurer wurde ein sog. Referateorgan zu vermarkten.
In diesen Referateblättern haben Fachspezialisten ihre Einschätzung
zu bestimmten Veröffentlichungen publiziert. Aus Kostengründen
kam es immer häufiger zur einfachen Übernahme der Autorenreferate.
Diese deutsche Tradition der Referateblätter
war ein wichtiges Element bei der Qualitätssicherung der Wissenschaft,
das aus zwei Gründen verloren ging:
1. Weil der finanzielle Aufwand zur Einwerbung
vieler tausender solcher Referate von Fachleuten aus aller Welt
ohne die heutige elektronische Vernetzung der Wissenschaftler
immer aufwendiger wurde (1942 reichten beim Chemischen Zentralblatt
noch 500 Referenten für ~80.000 Referate),
2. Weil die entsprechenden deutschen Verlage der
zunehmenden Konkurrenz von computergestützten Dokumentationssystemen
aus den USA, wie Biological Abstracts, Chemical Abstracts,
Mathematical Reviews, MEDLARS, etc. nicht mehr gewachsen
waren.
Diese vorwiegend amerikanische Form der Dokumentation,
mit vergleichsweise frühzeitiger Einführung des Online
Retrievals, verlies das bewertende deutsche Referatewesen,
und verlagerte die Qualitätssicherung der Wissenschaft auf
das Peer Reviewing, bei dem 1. die Transparenz der Qualitätsbewertung
verloren ging, 2. negativ bewertete Publikationen gar nicht mehr
erschienen, 3. Verleger zunehmend Einfluss auf wissenschaftliche
Entwicklungen nehmen konnten.
Das heute wieder zunehmende Interesse an referierenden
bzw. rezensierenden Publikationen hat einerseits rein technologische
Gründe, weil das Internet die Diskussion über Entdeckungen,
Erfindungen oder neue Erkenntnisse in nie da gewesener Weise erleichtert.
Anderseits erhöht sich der Bedarf an wissenschaftlicher Qualitätssicherung
mit dem zunehmenden Publikationsaufkommen immer weiter.
Schon A. v. Harnack hat 1921 auf die große
Leistung der Chemie.[Fn3]
bezüglich des Chemischen Zentralblattes,
des Beilstein und des Gmelin hingewiesen, so dass
die Nationalsozialisten das Machtpotential moderner Dokumentation
leicht erkennen konnten. Darum empfahl Fritz Prinzhorn 1942, dass
die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation Richtlinien für
die wissenschaftlichen Referateblätter aufstellen sollte.[Fn4]
Die folgenden Referate sind somit keine Zusammenfassungen
von Fachpublikationen aus dem Bibliotheks- oder Dokumentationsbereich,
sondern Referate im oben genannten klassischen Sinne. Sie unterstreichen
reviewartig die Bedeutung von Publikationen, fügen
den einen oder anderen Gedanken hinzu, ergänzen hilfreiche
Zitate oder weisen auch auf mögliche Fehler bzw. Missverständlichkeiten
hin. Wo sich thematische Gegenpositionen aufdrängen, können
sie auch zu einer Belebung wichtiger Diskussionen beitragen.
Referate
Altenhöner,
R.: Die Last des Erbe(n)s Langzeitarchvierung und –verfügbarkeit
als strategische Aufgabe im BMBF-Projekt „Kooperativer Aufbau
eines Langzeitarchivs digitaler Informationen (kopal)“ In:
iwp 57 (4) S.197-202 (2006)
Currás,
E.: Informationism and neural information assimilation. In: iwp
57 (4) S. S.203-210 (2006)
Nacke,
O.: Veritologie – Wahrheitskunde: ein neuer Name für
eine neue Disziplin. In: iwp 57 (4) S.226-229 (2006)
Pasternack,
P.: Internetgestützte Fachinformationssysteme aus dem 18.Jahrhundert?
In: iwp 57 (4) S.223-226 (2006)
Rosemann,
L.: Die Volltextabfrage und das Alleinstellungsmerkmal des physischen
Buches. In: iwp 57 (4) S.217-218 (2006)
Samulowitz,
H.: Zur Gründungsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für
Dokumentation. iwp 57 (4) S.191-196 (2006)
Wencel,
K.: Telefonie in konvergenten Netzen ist besonders gefährdet.
In: iwp 57 (4) S.231-233 (2006)
Fußnoten
[Fn 1]
Kronick, David A. (1962) A History of Scientific and Technical Periodicals:
The Origins and Development of the Scientific and Technological
Press, 1665-1790. Metuchen (N.J.): Scarecrow Press. (zurück)
[Fn
2]
Die von Christian Gottfried Hoffman herausgegebene Schrift erschien
in insgesamt 24 Bänden von 1714-1717 .(zurück)
[Fn
3]
Harnack, A. v.: Die Professur für Bibliothekswissenschaften
in Preußen. Vossische Zeitung 27.7.1921 S.218-220. (zurück)
[Fn
4]
Prinzhorn, F.: Die Dokumentation
und ihre Probleme (1942)
http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/prinzhornvortrag0942.pdf
(zurück)
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