> > > LIBREAS. Library Ideas # 6

Rezension zu: Poetzsch, Eleonore (2006) Information Retrieval. Einführung in Grundlagen und Methoden. 5., vollst. neu bearb. Aufl. Berlin: E. Poetzsch Verlag, 360 Seiten, € 29,90, ISBN 3-938945-01-X


Zitiervorschlag
Walther Umstätter, "Rezension zu: Poetzsch, Eleonore (2006) Information Retrieval. Einführung in Grundlagen und Methoden. 5., vollst. neu bearb. Aufl. Berlin: E. Poetzsch Verlag, 360 Seiten, € 29,90, ISBN 3-938945-01-X". LIBREAS. Library Ideas, 6 ().


Was dieses Buch als Erstes deutlich vor Augen führt, ist die Tatsache, dass es eine weit verbreitete Fehleinschätzung ist, dass die Wissenschaftler als Endnutzer heute noch immer in der Lage sein könnten, ihre Literatur professionell selbst zu recherchieren. Insofern kann man der Autorin und Verlegerin nur zustimmen, wenn sie im Vorwort schreibt, dass es der „Kompetenz der Information Professionals“ bedarf, um „sich im Informationsdschungel zurechtzufinden und eine Suche qualitativ hochwertig, schnell und kosteneffektiv durchführen zu können.“ Im Prinzip straft dieses in fünfter Auflage erscheinende Buch mit seinem gesamten Wissens- und Erfahrungsschatz diejenigen Lügen, die noch immer glauben, jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler sei in der Lage ihren bzw. seinen eigenen Informationsbedarf selbst zu decken. Im weltweiten Wettbewerb der Wissenschaft ist dies nicht nur unprofessionell, es ist auch unwirtschaftlich, wenn man an die Kosten der Big Science denkt. Schon die Stefi-Studie hat hier sicher viele Entscheidungsträger in Forschung und Lehre in die falsche Richtung geführt. Wissenschaftliche Spitzenleistung ist in der Big Science nur im Team zu erreichen, in dem die Informationsspezialistin nicht weniger wichtig ist, als beispielsweise der Programmierer.

Hatte man noch zu Beginn des Information Retrieval lang und eingehend diskutiert, ob ein Rechercheur überhaupt in der Lage sei, mehr als in einer Datenbank kompetent zu recherchieren, so wird heute leicht der Eindruck vermittelt, auch Laien auf dem Gebiet des Information Retrievals wüssten all das, was man aus diesem Buch lernen kann. Wenn Retrieval der „Arbeitsvorgang des gezielten Suchens bzw. Wiederfindens von relevanten Daten“ (S.17) ist, dann darf dies nicht mit dem Herumstochern im „Google-Heuhaufen“ verwechselt werden, das inzwischen weltweit eingesetzt hat. Schon allein das vielfältige Angebot von Google ist heute auf dem besten Wege, Spezialisten zu erfordern, die wissen, was man wo, wie und wieso finden bzw. nicht finden kann.

Poetzsch legt ohne Zweifel die wichtigsten Grundlagen zum Erwerb der hohen Kunst des Information Retrieval. Das Material, das sie zusammengetragen hat, ist in seiner Übersichtlichkeit und Konzentration auf das Wesentlichste wie immer beeindruckend.

Die theoretischen Grundlagen sind äußerst knapp gefasst und eher als Hinweis auf das zu sehen, was in anderen Lehrveranstaltungen oder Lehrbüchern zusätzlich erarbeitet werden muss. Wenn auf S.18 beispielsweise Varianten dafür angeboten werden, in welchem Verhältnis „Retrieval zu Recherche“ steht, so soll das zweifellos zum Nachdenken anregen, und eben keine grundlegende theoretische Beantwortung der Frage sein.

Dass Browsing mit Hypertext, mit dem es heute so oft in Zusammenhang gebracht wird, eigentlich nichts zu tun hat, weil dieser Begriff den Bibliothekaren und Informationsspezialisten schon vor dem Angebot von Hypertextsystemen geläufig war, ist nicht weniger wichtig, als die Tatsache, dass das CD-ROM-Angebot von Datenbanken als Stand-Alone, im LAN, WAN, Intranet oder Extranet (S.271) möglich ist, und nichts mit offline zu tun hat, wie man das inzwischen immer häufiger hört.

Der eindeutige Schwerpunkt dieses Buches, den praktischen Zugang zu den drei wichtigen Hosts (Dialog DataStar, DIALOG und STN) und deren Datenbanken zu erleichtern, geht, wie bereits angemerkt, auf Kosten der Theorie. Wenn beispielsweise Recall (eigentlich recall ratio) in dem Satz „die Fähigkeit eines Systems, alle relevanten Dokumente nachzuweisen“, zu knapp zusammengefasst wird, dann ist dies insofern etwas irreführend, weil gerade die Ergebnisse bei solchen recall ratio-Bestimmungen seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder gezeigt haben, dass die meisten Datenbanken nur knapp 50 % recall ratio erreichen, und dass sich daran interessanterweise in den letzten Jahrzehnten wenig geändert hat. Nun hätte es sicher zu weit geführt, in diesem Buch die Methoden der Bestimmung, die Unterscheidung der recall ratios in einer Datenbank und im Datenbankvergleich, sowie die Einflüsse des semantischen Retrievals abzuschätzen, aber gerade dieses Beispiel macht deutlich, was bereits eingangs angedeutet wurde: Information Retrieval erfordert eine kompetente Ausbildung, und dafür liegt hier ein wichtiges, auf den neuesten Stand gebrachtes Werk vor.

Die didaktischen Anregungen sind sicher auch zum Selbststudium sehr hilfreich. Nur den Index wünschte sich der Referent etwas ausführlicher, da ein solches Buch sicher auch für den Informationsspezialisten, der das meiste schon weiß und nicht mehr alles von Anfang an durcharbeiten möchte, noch etliche Anregungen und Tipps in einem guten Sachregister fände.

Beim dezidierten Hinweis auf ONTAP (ONline Training And Practice files (S.207), möge noch an eine Begebenheit erinnert werden, bei der ein Information Broker vor vielen Jahren den Auftrag erhielt, in Chemical Abstracts zu recherchieren. Er suchte sich aus dem Spektrum verschiedener Hosts das billigste Angebot heraus und schickte das Ergebnis seiner Recherche dem Auftrageber zu. Diesem fiel auf, dass einschlägige Arbeiten aber fehlten, so dass er sich an einen anderen Informationsspezialisten wandte, der in den Ausdrucken sofort den Hinweis auf ONTAP erkannte. Erfahrene Spezialisten wissen dagegen, welche Fragen man in welcher Datenbank und Retrievalsprache am besten formulieren kann, welche Record-Formate für welche Preise jeweils angeboten werden und wie wichtig der zeitliche Verzug bei einer Datenbank sein kann.

Das Grundwissen, schon allein für die Schwerpunkte naturwissenschaftlich-technische Information und Wirtschaftsinformation zu erwerben, erfordert in diesem Fall 360 Seiten dicht gepackter und grafisch ansprechender Information über das Information Retrieval.


Walther Umstätter ist Hochschullehrer und geschäftsführender Direktor des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin