> > > LIBREAS. Library Ideas # 6

Rezension zu: Sykes, Judith Anne (2006) Brain Friendly School Libraries. Westport: Libraries Unlimited, 136 S., $ 35,00, ISBN 1-59158-246-6


Zitiervorschlag
Susanne Brandt, "Rezension zu: Sykes, Judith Anne (2006) Brain Friendly School Libraries. Westport: Libraries Unlimited, 136 S., $ 35,00, ISBN 1-59158-246-6". LIBREAS. Library Ideas, 6 ().


Wie lässt sich die schulbibliothekarische Arbeit lernfreundlich gestalten? Ausgehend von der Überzeugung, dass Bibliotheken als beratende und begleitende Partner von Schulen eine wichtige Rolle bei der Mitgestaltung einer lernfreundlichen Umgebung spielen, erörtert die Autorin anhand aktueller Erkenntnisse der Hirnforschung die wichtigsten Aspekte zu diesem Thema und führt dazu zahlreiche Praxisbeispiele aus dem schulbibliothekarischen Alltag an.

Es sind vor allem drei Bereiche, nach denen sich die Voraussetzungen für eine gute Lernumgebung gliedern und beschreiben lassen:

Physikalisch geht es um die Gewährleistung einer möglichst optimalen Hirnfunktion, zu der beispielsweise eine gute Flüssigkeitsversorgung gehört. In lernfreundlichen Bibliotheken wird das Wasser trinken also erlaubt und unterstützt. Nicht weniger wichtig ist der emotionale Bereich. Ist die Atmosphäre in der Bibliothek wohltuend? Wird durch Begegnungen mit Musik, Theater, Kunst und Ästhetik dieses emotionale Wohlbefinden in positiver Weise bestärkt und vertieft? Und schließlich gilt es, die sozialen Faktoren in den Blick zu nehmen: Gibt die Bibliothek Raum und Gelegenheit zur Gruppenarbeit und zum gemeinschaftlichen Austausch von Wissen und Erfahrungen?

Wenn also die Bibliothek gute Wege der Informationsverarbeitung anregen, öffnen und begleiten möchte, so bedeutet das weit mehr als eine bloße Bereitstellung, Verwaltung und Erschließung von passenden Materialien. Zu berücksichtigen ist, dass es sich bei Informationsverarbeitung um ein sehr komplexes Geschehen handelt, das die Fähigkeit zur Verknüpfung, Strukturierung und kritischen Bewertung, die vergleichende Sicht aus mehreren Perspektiven, die eigene Stellungnahme und die Nutzung verschiedener Medien mit einschließt und in eben dieser Vielschichtigkeit zu fördern ist.

Unterschiedliche Akzentuierungen werden deutlich, wenn die Autorin exemplarisch die Ansätze von drei Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Hirnforschung darlegt:

Nach Bob Sylvester, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Oregon, ist besonders die Einbeziehung der Künste von Bedeutung, um Bibliotheken als „Basisstationen“ für menschenfreundliche Lernprozesse zu gestalten. Er weist auf die Bedeutung von Emotionen und Achtsamkeit als „Tore“ zum Lernen und Erinnern hin und sieht im „Storytelling“ einen elementaren Weg der Vermittlung von Kunst, Kultur, Menschlichkeit, Literatur und Historie. Bildung sollte nach seiner Meinung nicht ein politisch bestimmtes, sondern vielmehr ein biologisch und menschlich verstandenes Thema sein.

Auch für Ellen Langer, Professorin für Psychologie an der Harvard Universität, ist die Konzentration ein Schlüsselbegriff der Lernkultur. Differenziertes Wahrnehmen und Denken sind nötig, um sich bei der Informationsverarbeitung auf wechselnde Perspektiven und Situationen einstellen zu können. Die Präsentation und Verknüpfung interdisziplinärer Zusammenhänge sollte Bibliotheken dabei besonders am Herzen liegen.

Und im dritten Ansatz geht es Patricia Wolfe, seit Jahren engagiert in der Lehrerausbildung [Fn1], vor allem um emotionale Prozesse beim Lernen, wie sie beispielsweise durch Mitgestaltungsmöglichkeiten in der kreativen Projekt- und Gruppenarbeit mit Kindern wirksam werden.

Aufbauend auf diesen theoretischen Grundlagen liefert das Buch im zweiten Teil Anregungen für einen „lernfreudigen“ Bibliotheksplan und zahlreiche Praxisbausteine, die dabei zur Umsetzung kommen können: Thematisiert wird die Rolle des Bibliothekars als Kulturvermittler und Informationsagent im Lernteam der Schule. Betont wird die besondere Chance der Bibliothek als Raum für kreative und künstlerische Begegnungen sowie die Bedeutsamkeit, sinnliche und emotionale Erfahrungen zu ermöglichen. Hinterfragt wird der Sinn von starren Regeln für Verhalten und Ausleihvorgänge in der Bibliothek und stattdessen für mehr Flexibilität und Kreativität im Umgang miteinander plädiert.

Exemplarisch führt die Autorin schließlich aus, wie sich ein solches Grundverständnis auf die konkrete Gestaltung von Angeboten der Bibliothek auswirken kann: Dass Sachthemen für alle Altersgruppen mit allen Sinnen in der Bibliothek zu erschließen sind (sehend, hörend, riechend, schmeckend) wird hier ebenso dargelegt wie der Umgang mit „Lebensgeschichten“, die auf dem Weg von der mündlichen Erzählung bis hin zur großen ausgeformten Oper in verschiedenen Künsten ihren vielfältigen Ausdruck finden können und für die Schülerinnen und Schüler einen emotional, sinnlich wie sozial erfahrbaren Lernweg bedeuten.

Wenn auch die Rahmenbedingungen für schulbibliothekarische Arbeit in Deutschland andere sind als in den USA und pädagogisch ausgebildete „Bibliothekslehrer“ hier nicht in vergleichbarer Weise ausgebildet und eingesetzt werden, so enthält das Buch doch viele sehr hilfreiche Anregungen und Ansätze für Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich in besonderer Weise um Schülerinnen und Schüler kümmern – in der Kooperation zwischen Öffentlichen Bibliotheken und Schulen ebenso wie in Schulbibliotheken. Es ermutigt dazu, die Bibliothek als „Lern- und Lebensraum“ zu verstehen, in dem die Bibliothekarinnen und Bibliothekare nicht allein auf schulische Belange reagieren und zu „Lieferanten“ von Material und Informationen werden, sondern aus einem besonderen Bewusstsein für die Bedeutung sozialer, emotionaler, ästhetischer und sinnlicher Erfahrungen heraus agieren und so als gleichberechtigte Bildungspartner die Kooperation mit der Schule suchen.

Diesem Anspruch gerecht zu werden, hieße zunächst: mehr gestalten und weniger verwalten.
Angebote (nicht nur) für Kinder und Jugendliche, die ein gutes soziales Miteinander, eine „Wohlfühl-Atmosphäre“ und vielfältige Erlebnisse mit Künsten und Kunstschaffenden phantasievoll und lebendig in der Bibliothek erfahrbar machen, dürften nicht länger als Kür verstanden, sondern müssten vielmehr als Kernaufgaben einer „lern- und lebensfreundlichen“ Bibliothek präsentiert werden. In dem Maße, wie das Internet zunehmend „klassische“ Aufgaben der bibliothekarischen Recherche und Bereitstellung von Informationen ersetzt und den Zugang zu Informationen an jedem beliebigen Ort bequem ermöglicht, ist es wichtiger denn je, über ein verändertes Berufsbild nachzudenken und sich intensiver mit der Frage zu beschäftigen, welche neuen Denkansätze und Kompetenzen notwendig sind, um Bibliotheken stärker als „lern- und lebensfreundliche“ Orte zu begreifen und mitzugestalten. In diesem Sinne gelesen, gehen von dem Buch hilfreiche Impulse aus.

Fußnoten

[Fn 1] siehe www.patwolfe.com (zurück)


Susanne Brandt ist als Referentin in der Leseförderung sowie als Leiterin eines ländlichen Büchereisystems in Ostfriesland tätig und Mitglied der Expertengruppe „Kinder- und Jugendbibliotheken“ des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV)