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Zwischen Empowerment und Kulturarbeit – moderne öffentliche Bibliotheken und die Integration von ethnischen Minderheiten in Dänemark


Zitiervorschlag
Hans Elbeshausen, "Zwischen Empowerment und Kulturarbeit – moderne öffentliche Bibliotheken und die Integration von ethnischen Minderheiten in Dänemark". LIBREAS. Library Ideas, 6 ().


Einleitung | Ethnische Minderheiten in der dänischen Gesellschaft | Bibliotheksservice für ethnische Minderheiten | Bibliotheken und Empowerment | Beispiel 1 | Beispiel 2 | Beispiel 3 | Beispiel 4 | Perspektiven

Einleitung

Das Thema soziale Bibliotheksarbeit stellt in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung dar. Die Herausforderung betrifft dabei sowohl die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft als auch die Sozialarbeit und die Sozialarbeitswissenschaft.

Würde man Bibliothekare in Dänemark fragen, was sie mit dem Begriff soziale Bibliotheksarbeit verbinden, so bekäme man – wenn überhaupt – ausweichende oder vage Antworten. Der Aspekt des Sozialen oder gar der Sozialarbeit hat nie eine zentrale Rolle in ihrem Selbstverständnis eingenommen. Bibliothekare sehen sich hauptsächlich als Kulturvermittler oder Informationsspezialisten und würden die Aufgaben eines Sozialarbeiters weit von sich weisen. Kulturarbeit als Sozialarbeit zu definieren würde für viele eine Instrumentalisierung von Kultur bedeuten und damit einen klassischen Bildungsbegriff verletzen: Lesen bildet, fördert Phantasie und Lernbereitschaft. Selbst die Aufgaben des Informationsspezialisten würden einer qualitätsorientierten Vermittlungstätigkeit und nicht einer sozialen Praxis zugeordnet, deren Aufgaben darin bestünden, Bibliotheksbenutzer auf die Erfordernisse einer Informations- und Kommunikationsgesellschaft vorzubereiten.[Fn1]

Gründe für diese Zurückhaltung der Bibliothekare in Dänemark mögen sicher der eigenen Professionsgeschichte geschuldet sein. Man hat es verstanden, sich erfolgreich gegen das Image der Wärmestube und Sozialhilfe abzugrenzen. Nicht auszuschließen ist auch, dass Sozialarbeit und sozialarbeiterisches Handeln sich den Bibliotheken als vages Konzept und heterogenes Praxisfeld darstellen. Bibliothekare werden zusätzlich verunsichert, was denn unter sozialer Bibliotheksarbeit zu verstehen sei, wenn die Wissenschaft von der Sozialarbeit nicht sonderlich zur Klärung ihres Gegenstandsbereiches beitragen kann. Für sie ist der Gegenstand des Sozialen und die wissenschaftliche Beschäftigung damit durch strukturelle Ambivalenzen gekennzeichnet.[Fn2] So fragt man sich, ob Sozialarbeit die Integration in die Funktionssysteme der Gesellschaft fördert oder die Folgen des Ausschlusses aus eben diesen Systemen bearbeiten helfen soll – eine Frage, die von der Wissenschaft der Sozialarbeit bislang nicht eindeutig beantwortet wurde. Hinzu kommt, dass Sozialarbeit als Disziplin auch in der Frage gespalten ist, ob sie denn eine moderne Profession sei und ihre Vertreter über ein klares Selbstverständnis verfügen müssten oder ob postmoderne Sozialarbeit auf diese Eindeutigkeit verzichten könne.[Fn3] Eine Annäherung der Bibliotheken wird durch das unklare Selbstverständnis der theoretischen und praktischen Sozialarbeit nicht gerade gefördert.

Betrachtet man das Thema soziale Bibliotheksarbeit nicht aus der Sicht der Profession oder des Selbstverständnisses der Bibliothekare, so wird in bestimmten Bereichen bibliothekarischer Praxis ein sehr viel differenzierteres Bild gezeichnet werden müssen. Gerade was den Service für ethnische Minderheiten oder Benutzer mit ausländischem Hintergrund anbetrifft, so hat die Kulturarbeit der Bibliotheken sich sowohl der Arbeitsweise wie auch der Sprache der Sozialarbeit angenähert. Empowerment, Gemeinwesenarbeit und bürgerschaftliche Teilhabe sind Begriffe, die sich auch im Vokabular von Bibliothekaren finden lassen. Bibliotheksarbeit lässt sich in diesem Bereich durchaus als soziale Kulturarbeit charakterisieren.

Ich möchte nachfolgend anhand von vier Fallbeispielen verschiedene Aspekte sozialer Bibliotheksarbeit darstellen und ihre Bedeutung für die bibliothekarische Praxis diskutieren. Es wird dabei zu fragen sein, ob sich der Gegenstand der sozialen Bibliotheksarbeit eindeutig abgrenzen lässt, ob Bibliothekare ähnlichen strukturellen Ambivalenzen wie Sozialarbeiter gegenüberstehen und ob soziale Bibliotheksarbeit sich in das professionelle Selbstverständnis von Bibliothekaren integrieren lässt.

Ethnische Minderheiten in der dänischen Gesellschaft

Im Rahmen der Transformation der vorindustriellen Gesellschaft hat sich im 19. Jahrhundert auch das Zuwanderungsmuster in Dänemark geändert. Migration war vor allem auf die Erfordernisse der heimischen Wirtschaft zugeschnitten. In Zeiten der Hochkonjunktur wurden Arbeitskräfte aus den Nachbarstaaten angeworben und im Straßenbau oder als Saisonarbeiter in Landwirtschaft beschäftigt. Ein- und Auswanderungen hielten sich weitgehend die Waage; die Zuwanderer glichen soziokulturell der dänischen Bevölkerung. Deutsche bilden auch heute noch die drittgrößte nationale Minderheit. Der dänische Nationalstaat vermochte mittels einer variierenden Ausländergesetzgebung den Zuzug von Arbeitskräften zu steuern und den Bedürfnissen der heimischen Wirtschaft anzupassen.

Das Zuwanderungsmuster änderte sich nachhaltig im Laufe der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Arbeitsmigration der sechziger Jahre nahm nicht mehr ausschließlich den Ausgangspunkt in Nachbarländern wie Deutschland, Schweden oder Norwegen. Die anhaltende Hochkonjunktur machte es erforderlich, zusätzliche Arbeitskräfte aus der Türkei, Pakistan und Jugoslawien anzuwerben. 1970 hielten sich etwa 13.000 Gastarbeiter aus diesen Ländern in Dänemark auf. Trotz eines Anwerbungsstopps nahm die Zuwanderung nicht ab. Familiennachzug und Asyl führten dazu, dass sich der Ausländeranteil zwischen 1980 und 2005 etwa verdreifachte. Heute befinden sich ca. 450.000 Personen mit ausländischem Hintergrund in Dänemark; das sind 8,5 % gemessen an der Gesamtbevölkerung von 5 Millionen Einwohnern.

Bemerkenswert ist, dass es in diesem Zeitraum zu einer grundlegenden Veränderung bei der Zuwanderung gekommen ist. 1980 lag der Anteil der Zugewanderten, die aus nicht-westlichen Ländern kamen, bei ca. 1 % der Gesamtbevölkerung; 2005 war dieser Anteil auf 6 % gestiegen. Das heißt, dass wir in den zurückliegenden 25 Jahren eine Umschichtung bei den Zugewanderten feststellen können. Heute kommen etwa zwei Drittel der Zugewanderten aus nicht-westlichen Ländern, während der Anteil Anfang der achtziger Jahre noch bei einem Drittel lag.[Fn4]

Dieser strukturelle Wandel hatte erhebliche politische und soziale Folgewirkungen. Etwas vereinfacht kann man sagen, dass die integrationspolitischen Anstrengungen und sozialen und kulturellen Herausforderungen in der dänischen Gesellschaft wachsen, sobald die geographische und soziokulturelle Entfernung der Zugewanderten von Dänemark zunimmt. Auffallend ist, dass die Akzeptanz von ausländischen Mitbürgern in der dänischen Gesellschaft genau in dem Augenblick abnimmt, an dem der Anteil nicht-westlicher Ausländer bei der Zuwanderung überwiegt. Der dänische Staat hat ausnehmend schnell auf die veränderte Stimmungslage in der Bevölkerung reagiert und verschärfte nach und nach die Ausländergesetzgebung. Noch 1983 wurde die Rechtsstellung der Zugewanderten deutlich verbessert, so dass man von einer ausgesprochen liberalen Zuwanderungs- und Ausländerpolitik sprechen konnte. Heute sieht sich der dänische Staat dem Vorwurf ausgesetzt, dass die gesetzlichen Regelungen nicht immer mit den Menschenrechten in Einklang zu bringen sind.[Fn5]

Die Kursänderung in der staatlichen Integrations- und Ausländerpolitik hatte unmittelbare Konsequenzen für die öffentlichen Bibliotheken in Dänemark. In dem Maße wie der Staat die Zuwanderung erschwerte und die gesellschaftliche Integration ethnischer Minderheiten über den Arbeitsmarkt forcierte, waren sie gezwungen, den Bibliotheksservice für ethnische Minderheiten konzeptuell grundlegend zu ändern. Besonders die Auffassung der gegenwärtigen Regierung, Arbeitsmarktpolitik sei die beste Integrationspolitik, veranlasste die Bibliotheken, sich stärker als bisher mit Empowerment, Partizipation und Vermittlung von praktischem Alltagswissen auseinanderzusetzen. Die dänische Regierung stellte umfassende Mittel bereit, um die Beschäftigungsquote von Zugewanderten nicht-westlicher Herkunft, die 2004 noch immer unter 50 % lag, zu erhöhen. Wollten die Bibliotheken in irgendeiner Weise an diese Fördergelder gelangen, mussten sie sich bibliothekspolitisch neu orientieren.

Bibliotheksservice für ethnische Minderheiten

Vorweg soll auf drei Besonderheiten in der Bibliothekslandschaft hingewiesen werden, was den Service für ethnische Minderheiten betrifft.

Bibliothekarische Dienstleistungen sind erstens eine kommunale Aufgabe. Städte und Gemeinden sind gesetzlich verpflichtet, öffentliche Bibliotheken einzurichten, können aber unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Kultur- und Bibliothekspolitik setzen. Das hat dazu geführt, dass einige Kommunen eine sehr fortschrittliche und innovative Bibliothekspolitik führen, in anderen Kommunen ethnische Minderheiten überhaupt keine besondere politische Berücksichtigung finden.

Zweitens ist im Bibliotheksgesetz von 1983 bzw. dessen Ausführungsbestimmungen festgehalten worden, dass ethnische Minderheiten anderen Benutzergruppen gleichzustellen sind. Das Gesetz ist auch deshalb interessant, weil sich die Regierung verpflichtet hat, Aufgaben, die auf lokaler oder regionaler Ebene nicht gelöst werden können, zu übernehmen. Das hat zum Beispiel zur Einrichtung einer Einwandererbibliothek und Sicherung eines gewissen Qualitätsstandards geführt.

Drittens ist es den öffentlichen Bibliotheken gelungen, sich zu einer Kulturinstitution zu entwickeln, die sich bei den ethnischen Minderheiten großer Beliebtheit erfreut. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass alle Materialien grundsätzlich allen Benutzern kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Zum anderen haben einige Bibliotheken ein besonderes Selbstverständnis entwickelt. Sie sehen sich als kultureller Freiraum oder als Eingang in die dänische Gesellschaft. Bibliotheken werden von den ethnischen Minoritätsgruppen in einem Umfang benutzt, der im Durchschnitt über der Benutzung dänischer Bürger liegt.[Fn6]

Näher auf das Selbstverständnis und die konzeptuelle Grundorientierung der öffentlichen Bibliotheken einzugehen, scheint mir in Bezug auf unsere Fragestellung besonders interessant zu sein. Dass sich die Bibliotheken bis etwa Mitte der neunziger Jahre an der Kultur des Herkunftslandes ausgerichtet haben, wäre dabei besonders hervorzuheben. Mitbürger mit ausländischem Hintergrund wurden als homogene Gruppe betrachtet, deren Selbstverständnis durch die Kultur und Sprache des Herkunftslandes nachhaltig geprägt wurde. Entsprechend versuchte man, das muttersprachliche und nationalkulturelle Prinzip zum Ausgangspunkt für den Service und die Arbeit mit dieser Zielgruppe zu machen.

Die nationale Identität der Minoritätsgruppen sichern zu wollen, wurde von zwei Motiven getragen. Zum einen wollten die Bibliotheken verhindern, dass den Gastarbeitern, sollten sie jemals in ihr Heimatland zurückkehren, durch den Aufenthalt im Ausland soziale oder kulturelle Nachteile entstehen. Der Kontakt zu Heimat und Familie sollte nicht abreißen; deshalb bauten die dänischen Bibliotheken einen umfassenden Bestand muttersprachlicher Literatur auf. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass man die Kinder der zugewanderten Gastarbeiter vor einer doppelten Halbsprachlichkeit bewahren wollte. Zum anderen setzten sich die dänischen Bibliotheken dafür ein, die kulturellen Rechte der ethnischen Minderheiten in Dänemark zu schützen. Fremdkulturelle Identitäten sollten vor Diskriminierung geschützt werden, wobei die Rechte der ethnischen Minderheit als Gruppenrechte definiert wurden.

Seit Ende der 1980er Jahre erwies sich jedoch die Ausrichtung auf das Herkunftsland als problematisch, denn an eine Rückkehr vieler Zuwanderer in ihr Herkunftsland war kaum mehr zu denken. Zudem setzte in den ethnischen Minoritätsgruppen ein Differenzierungsprozess ein, der zu neuen Konfliktlinien und einer geänderten Bedürfnislage führte. Die öffentlichen Bibliotheken mussten sich nun fragen, wie sie zur Sicherung individueller Rechte der ausländischen Mitbürger beitragen und neue auf die dänische Gesellschaft bezogene Informationsbedürfnisse befriedigen wollen. Außerdem wuchsen die Erwartungen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft, dass sich die Minderheiten stärker in Kultur und Gesellschaft eingliedern.

Vor diesem Hintergrund begannen die öffentlichen Bibliotheken, ihre Kulturarbeit auch als eine besondere Form der Sozialarbeit zu begreifen. Diese Neuorientierung setzte vor etwa sechs Jahren ein und wurde im Zeitraum zwischen 2002 und 2005 von der staatlichen Bibliotheksbehörde finanziell gefördert. Man wollte gezielt die interkulturellen Kompetenzen der Mitarbeiter erweitern, die Bibliotheken zur Zusammenarbeit mit anderen kommunalen Akteuren ermuntern und sie ermutigen, neue Konzepte für die Arbeit mit ethnischen Minderheiten zu entwickeln.

Bibliotheken und Empowerment

Empowerment ist ein komplexer Begriff mit unterschiedlichen ideegeschichtlichen Wurzeln. Sowohl die amerikanische Civil-Rights-Bewegung als auch die Stadtteilarbeit bzw. Gemeinwesenarbeit oder Alphabetisierungsprogramme in der Dritten Welt haben sich den Empowerment-Begriff zunutze gemacht, um benachteiligten Gruppen und Personen ein Stück Autonomie und Selbstbestimmung über die eigenen Lebensumstände zurückzugeben. Empowerment lässt sich als Versuch benachteiligter Gruppen definieren, sich gemeinsam ihrer strukturellen Benachteiligung bewusst zu werden und sich die Handlungskompetenzen anzueignen, die es ihnen ermöglichen, die sozioökonomischen und soziokulturellen Ursachen ihrer Benachteiligung beseitigen zu können. Dabei sind sie oftmals auf professionelle Hilfe und Unterstützung angewiesen. Empowerment findet auf verschiedenen Ebenen statt, beginnt bei der Einzelhilfe und endet bei der Schaffung von Verfahren und Institutionen der politischen Einflussnahme.

Empowerment lässt sich mit drei zum Teil recht unterschiedlichen Diskursen verknüpfen [Fn7]. Der Neoliberalismus sieht im Empowerment das Vermögen des Einzelnen, durch individuelle Leistungen und oftmals im Widerstand gegen gesellschaftliche Institutionen eigene Freiheitsansprüche durchzusetzen. Zentrales Leitbild wäre hier das Individuum als Unternehmer, der selbstbewusst und rationell persönliche Ziele verfolgt. Der Gegenentwurf zum Neoliberalismus wäre ein Diskurs der staatlichen Selbstverpflichtung, in dem der Staat für Chancengleichheit zu sorgen und seine Bürger vor Benachteiligung und Diskriminierung in Schutz zu nehmen hat. Der Staat teilt als Sozialstaat dem Einzelnen gesetzlich fixierte Rechte und Pflichten zu und bemüht sich darum, durch soziale Dienstleistungen mögliche individuelle Begrenzungen, Mängel und Schwächen zu beseitigen. Im Gegensatz zum neoliberalen Diskurs stehen hier Bedürftigkeit und Defizit im Zentrum der Empowermentstrategien. Der Einzelne ist Klient und Empfänger von Hilfsleistungen.

Schließlich wäre da noch der Diskurs der sozialen Gleichstellung. Gleichstellung erwächst aus der Transformation von entmündigenden Machtstrukturen und der Emanzipation von erfahrener Benachteiligung. Andersen bezeichnet diesen Diskurs als transformative und gesellschaftskritische Selbstbefähigung. Transformatives Empowerment beruht demnach weder auf der individuellen Leistungsbereitschaft des Einzelnen noch auf der sozialpolitischen Verantwortung des Staates, sondern auf dem Vermögen der benachteiligten Gruppen, ihre Autonomie und Eigenmacht entscheidend zu stärken.

In Verlängerung hierzu ließe sich eine begriffliche Unterscheidung einführen, die vor allem für die Arbeit und das Selbstverständnis der Bibliotheken in Dänemark von Bedeutung ist. Als öffentliche Einrichtungen sind sie auf der einen Seite an gesetzliche und kommunalpolitische Vorgaben gebunden, auf der anderen Seite sind sie dem Prinzip der informationellen Selbstbestimmung verpflichtet. Denn Aufklärung über Rechtsansprüche und Informationen über öffentliche Dienstleistungen gehören zu den grundlegenden bibliothekarischen Aufgaben und stellen wichtige Grundwerte dar. Aus dieser doppelten Bindung können Dilemmata entstehen, die auf Seiten der Bibliotheken zu Verunsicherung und Konflikten führen.

Empowerment lässt sich in zwei unterschiedliche Prozesse und Strategien untergliedern. Es kann von Bemächtigung gesprochen werden, wenn Empowermentstrategien dazu führen, dass Betroffene sich gemeinsam Möglichkeitsräume schaffen, um berechtigte Ansprüche und Bedürfnisse politisch durchzusetzen. Bemächtigung soll dazu führen, dass man als Einzelner und Gruppe gleichberechtigt im politischen, kulturellen oder sozialen Raum agieren kann.

Der zweite Prozess kann als „Bemündigung” charakterisiert werden. „Bemündigung“ zielt vor allem auf das individuelle Vermögen des Einzelnen ab. Die Stärkung des eigenen Selbstwertes, die Vermittlung relevanten Wissens, der Glaube an die Gestaltung der eigenen Lebenswelt und das aktive Herangehen an Problem- und Konfliktbereiche – all das sind Aufgaben, die durch die Förderung individueller Kompetenzen gelöst werden. „Bemündigung“ dient dazu, dass die eigene Existenz (wieder) als sinnvoll erfahren wird.

In der zielgruppenbezogenen Kulturarbeit der Bibliotheken tauchte häufiger die Frage auf, ob sie strukturelle Diskriminierung ethnischer Minderheiten auf dem dänischen Arbeitsmarkt transparent machen oder ob sie sich damit begnügen sollten, hauptsächlich Informationen über den dänischen Arbeitsmarkt zu vermitteln, damit der einzelne Bewerber besser vorbereitet in das nächste Anstellungsgespräch geht. Im ersten Fall geht es um Bemächtigung, da die Bibliotheken dazu beitragen, einen neuen Möglichkeitsraum für ethnische Minderheiten zu eröffnen. Sie ergreifen in gewisser Weise Partei. Im zweiten Fall geht es um „Bemündigung“. Es werden Informationen vermittelt, ihre Verwendung aber bleibt den Benutzern überlassen. Mit Einschränkungen kann man sagen, dass den öffentlichen Bibliotheken in Dänemark Empowermentstrategien der „Bemündigung“ näher liegen. Informations- und Kulturvermittlung gingen in der Vergangenheit vor allem mit der individuellen Beratung des Bibliotheksbenutzers einher.

Ich möchte anhand einiger Fallbeispiele die Annäherung der Bibliotheken an Sozialarbeit und Empowerment beschreiben und in dem Zusammenhang auf einige Problembereiche eingehen.

Beispiel 1: Narration und Selbstnarration in einem Projekt für Frauen ausländischer Herkunft

Die Zentralbibliothek in Odense, eine Stadt mit knapp 200.000 Einwohnern, führte im Jahr 2004 ein Projekt für Frauen mit ausländischer Herkunft durch. Das Projekt war besonders auf Frauen zugeschnitten, die in einem sozialen und ethnischen Ghetto mit einem Ausländeranteil von ca. 70 % lebten. Wie sich später zeigte, hatten die meisten Projektteilnehmer kaum Kontakt zu ihren Nachbarn oder öffentlichen und privaten Einrichtungen. Viele kamen mit der dänischen Gesellschaft nur über Sozialarbeiter und Sachbearbeiter in der städtischen Verwaltung in Berührung. Einige der Teilnehmer hatten den Stadtteil noch nie verlassen und kannten daher weder Odense noch andere Teile Dänemarks.[Fn8]

An dem Projekt nahmen 20 Frauen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren teil. Der Großteil kam aus Palästina, Somalia, China und dem Irak, besaß keine Ausbildung und befand sich nie in einem festen Arbeitsverhältnis. Die Teilnehmer sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach Dänemark gekommen. Ziel des Projektes, das in Zusammenarbeit mit einem Beschäftigungsprojekt für Frauen aus ethnischen Minderheiten durchgeführt wurde, war es, die Informationskompetenzen zu fördern und die Teilnehmer mit Themenbereichen wie Gesundheit, Hygiene, Prävention, Rolle und Aufgaben des Arztes in Dänemark, Kindererziehung und Familienbildern bekannt zu machen. Die Tageszeitung war Bindeglied zwischen Informationsbedürfnis, Informationskompetenz und Sprachfertigkeit. Entsprechend dem Prinzip der informationellen Selbstbestimmung konnten die Teilnehmer darüber befinden, welche Zeitungsartikel gelesen werden sollten oder mit welchen Themenbereichen sie sich schwerpunktmäßig beschäftigen wollen. Der pädagogische Rahmen kann am besten als Lernwerkstatt charakterisiert werden: „Wir lesen die Zeitung – GEMEINSAM“ lautete der Projekttitel.

Interessant zu beobachten war, dass sich im Laufe des Projektes die Ziele verschoben. Waren die Veranstalter vor allem an der Vermittlung von Informationen interessiert, so zeigte sich schnell, dass die Teilnehmer über ihre Lebensgeschichten und den darin aufgehobenen Erlebnissen und Erfahrungen berichten wollten. Begünstigt durch Werkstatt- und Projektcharakter drängte die biografische Erzählung die objektive Informationsvermittlung immer mehr in den Hintergrund. Die Teilnehmer erzählten sich Geschichten, die vom Leben im Herkunftsland, von der Sorge über die Zurückgebliebenen, von der Einbürgerung in Dänemark und unterschiedlichen Lebensformen und Lebensentwürfen in der neuen Umgebung handelten.

Neuer Schwerpunkt des Projektes war jetzt die narrative Identitätsarbeit. Die unterschiedlichen Erfahrungen wurden miteinander verglichen und lebensgeschichtliche Wendepunkte auf ihre Bedeutung für die Ich-Identität hin untersucht. In vielen Erzählungen ging es darum, trotz traumatisierender Erlebnisse, einen Sinn in der eigenen Geschichte zu finden. Es zeigte sich, dass das Erzählen zu einem bewährten Mittel wurde, sowohl Lebenssinn weiterzugeben und als auch ungelöste Probleme und Sinnkrisen zu in der Gruppe zu äußern und zu besprechen. Das Erzählen trug dazu bei, dass widersprüchliche und daher aus dem Sinnzusammenhang der persönlichen Lebensgeschichte ausgeblendete Erfahrungen wieder bewusst gemacht in die eigene Geschichte integriert werden konnten. Diese Erfahrung war wichtig sowohl für die Teilnehmer als auch für die Verantwortlichen.[Fn9]

Erzählen fördert direkt und indirekt die Selbstakzeptanz. Jedoch blieben – und das muss im Zusammenhang mit dem Projekt „Wir lesen die Zeitung – GEMEINSAM“ kritisch angemerkt werden – zwei Fragen offen. Erstens kann man sich fragen, was getan werden muss, damit die Selbstakzeptanz dem Binnenraum der Gruppe entkommen und in einer nicht sonderlich integrationswilligen Gesellschaft überleben kann. Zweitens muss nach den Kompetenzen von Bibliothekaren gefragt werden. In diesem Projekt war soziale Bibliotheksarbeit in einer doppelten Weise grenzüberschreitend. Der Schritt von der Informationsvermittlung und der Vermittlung von Informationskompetenz hin zur psychologisch fundierten Identitätsarbeit war nachvollziehbar. Er stimmte durchaus mit den Wünschen der Teilnehmer überein. Aber es bleibt die Frage, über welches Wissen und welche Fertigkeiten Bibliothekare verfügen müssen, um soziale Bibliotheksarbeit in einem kontrollierbaren und reflektierten Rahmen stattfinden zu lassen.

Beispiel 2: Konfliktmanagement am Beispiel zielgruppenorientierter Kulturarbeit

Viele öffentliche Bibliotheken in Wohngebieten mit einer hohen Konzentration ausländischer Mitbürger haben sich in regelmäßigen Abständen mit Verhaltensweisen auseinandersetzen müssen, die von den Mitarbeitern als belastend empfunden wurden und ihrer Meinung nach nicht den Verhaltensweisen entsprechen, die der Institution Bibliothek angemessen sind. Das als abweichend empfundene Verhalten beginnt beim Lärm und provozierenden Umgangsformen, erstreckt sich auf die mutwillige Zerstörung des Inventars und endet mit der Verunglimpfung, Beschimpfung und direkten Bedrohung des Personals. Obwohl die meisten Bibliotheken alle Formen der Störung und des Konflikts erlebt haben, wurden Lärm, Unruhe, Verwirrung und Unübersichtlichkeit als besonders aufreibende und belastende Form des Konfliktes erlebt[Fn10]. Das betroffene Personal hob hervor, dass es sich es sich um eine permanente Belastung handle, für die Zeit und Energie für Aktivitäten abgezweigt werden müssten, welche den Aufgaben einer Bibliothek nicht entsprechen würden.

Dass Konfliktmanagement normalerweise nicht zu den Aufgaben einer Bibliothek gehört, ist einleuchtend. Interessant ist jedoch, dass die Bibliotheken sehr unterschiedlich auf die Herausforderung durch neue und unübliche Verhaltensweisen in der Bibliothek reagiert haben. Aus einer Analyse von Konfliktformen in dänischen Vorstadtbibliotheken[Fn11] geht hervor, dass einige Bibliotheken an ihrem ursprünglichen Auftrag festhielten und die kulturvermittelnde Funktion dieser Einrichtung hervorhoben. Bibliotheken seien Orte der Kultur, des Lesens und der Bildung. Soziale Bibliotheksarbeit sei dieser Einrichtung fremd und würde auch nicht dem Qualifikationsprofil der Mitarbeiter entsprechen. Die erlebten Störungen wurden weder als interkulturelles noch als soziales Problem gesehen. Obwohl das kommunale Freizeitangebot oftmals nicht besonders umfassend war und vielen ausländischen Jugendlichen die Bibliothek als einziger Treffpunkt blieb, war die Vorstellung vorherrschend, dass Bibliotheken eine Art erweiterte Studierkammer seien.

Das Konfliktmanagement dieser Bibliotheken war hauptsächlich interventiv und ausgrenzend. Konfliktbereiten Jugendlichen war der Besuch der Bibliothek zeitweilig verboten; es wurde Wachpersonal eingestellt, das diese Jugendliche vom Besuch abhalten und im Konfliktfall schnell eingreifen sollte. Hinzu kamen Maßnahmen, welche die soziale Kontrolle verstärkten und zur Überwachung des Raumes und Lenkung des Verhaltens der Benutzer beitrugen. Die Konfliktausgrenzung war effektiv, aber man rechnete auch damit, dass bestimmte Benutzergruppen der Institution Bibliothek den Rücken kehren werden. Diese Bibliotheken teilten die Benutzer in so genannte Kernbenutzer und periphere Benutzer ein. Das Hauptaugenmerk galt den Kernbenutzern, die aus der gut ausgebildeten und lesefreudigen dänischen Mittelschicht stammen.

Die Mehrzahl der Bibliotheken arbeitete jedoch mit präventiven und integrativen Methoden des Konfliktmanagements. Die Maßnahmen und Methoden waren sehr unterschiedlich und hingen vielfach davon ab, ob es auf kommunalpolitischer Ebene ein Gespür und ein Verständnis sowohl für die Bedürfnisse der Institution als auch ihrer Benutzer gab. Die Konfliktlinien und Problemfelder waren in den einzelnen Kommunen sehr unterschiedlich. Oftmals sahen sich die kommunalen Institutionen wegen verfehlter städtebaulicher Sanierungsmaßnahmen und einer reaktiven Integrationspolitik gezwungen, neue Formen von sozialem Kapital und Verantwortung zu entwickeln.

So wurden in Bibliotheken Beratungsdienste für örtliche Freizeitangebote eingerichtet, Bibliotheken fungierten als zusätzliche pädagogische Tagesstätten, mancherorts engagierte man sich gemeinsam mit anderen Institutionen in der Elternarbeit. In einem Fall sollte die Zusammenarbeit von Sportvereinen und Bibliothek verhindern, dass konfliktbereite Jugendliche in die Kriminalität abrutschen. Bibliotheken wurden in kriminalpräventive Netzwerke integriert, die aus Polizei, Schule und der Sozialverwaltung bestehen. Die präventiven und integrativen Maßnahmen hatten eines gemeinsam: Soziale und kulturelle Integration wurde als gemeinsame Verpflichtung aufgefasst; das Konfliktpotential sollte begrenzt und die Verantwortung für das Gemeinwesen durch soziale Inklusion gefördert werden. Für die öffentlichen Bibliotheken bedeutete die Mitarbeit in den kommunalen Integrationsnetzwerken eine Annährung an die Sozialarbeit.

Die Annährung der Bibliotheken an Praxis und Methoden der Sozialarbeit verlief nicht gerade reibungslos. Grundsätzlich kann man sagen, dass das Konfliktmanagement den Bibliotheken Arbeits- und auch Denkweisen aufzwingt, die ihnen fremd sind und die sie auch nie herbeigewünscht haben. Die soziale Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen hat jedoch dazu geführt, dass viele Bibliotheken offen und zum Teil auch mit eigenen Vorstellungen und neuen Vorschlägen konstruktiv beim Aufbau sozialer Integrationsnetzwerke mitgearbeitet haben. Bibliotheken wurden wegen ihres Engagements sowohl von ethnischen Benutzergruppen als auch kommunalen Kooperationspartnern geschätzt.

Konfliktmanagement zählt auch heute noch nicht zu den alltäglichen Aufgaben einer Bibliothek. Konkret bedeutete die Annährung an die soziale Bibliotheksarbeit daher eine grundlegende Neuorientierung. Um die Handlungsmöglichkeiten und -kompetenzen des Personals zu erweitern, war neben der Weiterbildung und einer psychologischen Beratung im Konfliktfall vor allem eine berufsbegleitende Maßnahme wichtig: die Supervision.

Bislang gibt es nur wenige Erfahrungen mit berufsbegleitenden Beratungen im Bibliotheksbereich. Die wenigen Erfahrungen, die bislang vorliegen[Fn12], deuten darauf hin, dass zwei Dinge für die Beteiligten wichtig sind: erstens die Möglichkeit, über das berufliche Handeln auf kognitiver und emotionaler Ebene nachdenken zu können und ein professionelles Feedback zu erhalten. Das hilft Unsicherheiten abzubauen. Zweitens ist es wichtig, den Unterschied zwischen Person, Rolle und Funktion beim Konfliktmanagement zu kennen. Das hilft, Schuldgefühle zu beseitigen und die Anzahl der eigenen Wahlmöglichkeiten zu erweitern. Soziale Bibliotheksarbeit erfordert – auch weil Bibliotheken sich vor allem als Kultureinrichtungen verstehen – eine reflektierte berufsbezogene Beratung, um eigene Grenzen, Möglichkeiten und Erfolge besser abschätzen zu können.[Fn13]

Beispiel 3: Soziale Bibliotheksarbeit in einem arbeitsmarktbegleitenden Integrationsprojekt

Das nächste Beispiel ist in doppelter Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen haben sich die dänischen Bibliotheken bislang kaum auf Aufgaben eingelassen, die als Begleitung oder Mitarbeit an Prozessen funktionssystemischer Selektion verstanden werden könnten. Funktionssystemische Selektionen sind solche Aktivitäten, die Personen in wirtschaftliche, kulturelle oder politische Systeme eingliedern bzw. sie von diesen Systemen fernhalten. Normalerweise hat die Sozialarbeit die Funktion, den Menschen dabei zu helfen, die materiellen und individuellen Folgen funktionssystemischer Selektion aufzufangen. Doch ist nicht immer deutlich, ob und wann Sozialarbeit Hilfe für den Einzelnen ist oder vor allem die Effizienz und Funktionsfähigkeit sozialer Selektionsprozesse sichert.

Die öffentlichen Bibliotheken in Dänemark verfügen kaum über Erfahrungen mit funktions-systemischer Selektion. Sie sehen sich als unabhängige kulturelle Einrichtung und fühlen sich vor allem den Informationsbedürfnissen ihrer Benutzer verpflichtet. Deshalb ist auch ihre Zurückhaltung verständlich, wenn sie aufgefordert werden, stärker als bisher z.B. bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt mitzuwirken.

Zum anderen hat die Mitarbeit zumindest in diesem arbeitsmarktbegleitenden Integrationsprojekt dazu geführt, dass die Bibliothekarin, die das Konzept entwickelt und die entsprechenden Aufgaben ausgeführt hat, ihren Arbeitsplatz von der Bibliothek in andere Bereiche der kommunalen Verwaltung verlagerte. Eine solche Verlagerung des Arbeitsplatzes ist nicht unbekannt, da die Bibliotheken ihre Dienste auch Krankenhäusern und Gefängnissen zur Verfügung stellen. Doch ist dieser Schritt in der Bibliothekspraxis nicht besonders beliebt.

Das Projekt, um das es hier geht, trägt den Titel „Der Bibliothekar als Streetwalker in der öffentlichen Verwaltung“[Fn14] und wurde von der Zentralbibliothek in Odense durchgeführt. Zum Verständnis sei gesagt, dass die dänische Regierung sehr darauf bedacht ist, die Beschäftigungssituation von Flüchtlingen und Einwanderern zu verbessern. Dazu wurde ein Maßnahmenpaket beschlossen, zu dem neben einem Sprachkursus auch ein Aktivierungsprogramm gehört. Im Rahmen dieses Programms sollen die individuellen Qualifikationen ermittelt und die Eignung für den Arbeitsmarkt festgestellt werden. Es wird ein Qualifikationsprofil ermittelt und ein Handlungsplan erarbeitet. Qualifikationsprofil und Handlungsplan regeln die Zutrittsmöglichkeiten zum und Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Im Rahmen des Streetwalker-Projekts hat die Bibliothek in einer Jobschule für den Stadtbezirk Vollsmose, einem sozialen und ethnischen Ghetto in Odense, in einem städtischen Integrationscenter und in einem Aktivierungscenter für traumatisierte Flüchtlinge mitgearbeitet[Fn15]. Die an den unterschiedlichen Programmen teilnehmenden Menschen hatten kaum Erfahrungen mit dem dänischen Arbeitsmarkt; ihre Kenntnis der Verordnungen, Regeln, Werte und Normen waren oftmals gering; die fachlichen Qualifikationen und die persönliche Eignung entsprachen selten den Erwartungen der dänischen Wirtschaft.

Die Bibliothekarin als Streetwalker in der öffentlichen Verwaltung hatte sich zum Ziel gesetzt, die Betroffenen und Mitarbeiter in den verschiedenen Institutionen mit relevanten Informationen zu versorgen. Vermittlung von Informationen kann als informationelles Empowerment verstanden werden. Die wichtigste Ressource, welche die Bibliothekarin mitbrachte, waren jedoch Zeit und die Bereitschaft zuzuhören. Eine Auswertung des Projektes zeigte:

In meiner Arbeit ist die Bibliothek gleichzusetzen mit einer neuen Idee. Sie ist besonders für diejenigen da, die Hilfe brauchen – immer. Die Bibliothek kommt zu ihnen und spricht mit denen, die nicht besonders gut informiert sind. Plötzlich zeigt sich ihnen ein neuer Weg. (Mitarbeiter im Integrationscenter Odense) [Fn16]

Obwohl soziale Bibliotheksarbeit von allen Beteiligten, d.h. Mitarbeitern, Bibliothekaren und Betroffenen positiv bewertet worden ist, bleibt die Frage, ob die Bibliothek in diesem Projekt nicht auch eine Art Gatekeeper war, der an der Chancenzuteilung mitwirkte, und damit Machtverhältnisse reproduzierte. Soziale Bibliotheksarbeit hat sicher zur „Bemündigung“ des Einzelnen beigetragen, aber ob sie auch zur Bemächtigung im Sinne einer Beseitigung von struktureller Benachteiligung geführt hat, bleibt offen. Die ganzheitliche Förderung von Lebensressourcen und die Anpassung an gesellschaftliche Funktionssysteme können im Widerspruch zueinander stehen, besonders wenn individuelle Lebensentwürfe und kulturelle Wertmuster ungenügend berücksichtigt werden.

Beispiel 4: Soziale Vernetzung am Beispiel der Stadtteilarbeit

In Århus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks, gibt es ähnlich wie in anderen Ballungszentren Dänemarks Stadtteile, in denen viele Mitbürger mit ausländischer Herkunft leben. Die Stadtteile Gellerup, Hasle und Herredsvang sind von der Europäischen Union zum Urbangebiet (Urban-Området) erklärt worden. Das bedeutet, dass sich Stadt und EU verpflichten, der Ghettobildung durch den Aufbau einer nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Infrastruktur entgegenzuwirken. Auf der Nachbarschafts- und Gemeindeebene soll ein Klima der Solidarität, Selbstorganisation und Teilhabe geschaffen werden, so dass die Lebensqualität gefördert, Konfliktpotential abgebaut sowie Gestaltungsvermögen und Mitverantwortung begünstigt werden können. Eine kommunale Arbeitsgruppe hat in diesem Zusammenhang drei Schwerpunkte festgelegt:

1. Arbeit und Qualifikation;

2. Verbesserung der sozialen und organisatorischen Ressourcen;

3. Integration durch Kultur und Freizeit.

In regelmäßigen Abständen werden Bürgertreffen abgehalten, durch die das Engagement des Einzelnen gefestigt und neue Formen der Bürgerbeteiligung erprobt und institutionell verankert werden. Insgesamt kann man sagen, dass Empowerment durch soziale Vernetzung und Partizipation auf der individuellen, institutionellen und der politischen Ebene gefördert wird. Die Bibliotheken sehen sich als Teil der kulturellen, sozialen und politischen Bürgerinitiative und nahmen deshalb auch an den Bürgertreffen teil.

Die Bibliotheken haben die Bürgerbeteiligung gefördert, indem sie das Konzept „Gratis IT für alle im Urban-Gebiet“[
Fn17] entwickelt haben. Ziel ist es, einen flexiblen und offenen Unterricht im Bereich Information und Kommunikation anzubieten. Der Unterricht ist auf die Bedürfnisse von Bürgern mit ausländischer Herkunft zugeschnitten. Die dort erworbenen Qualifikationen sollen später in anerkannten Ausbildungsgängen gefestigt und vertieft werden. Die Bibliotheken stellen die Räume, die technische Infrastruktur und die Geräte zur Verfügung; der Unterricht wird von ca. 30 freiwilligen Spezialisten durchgeführt, die eine oder mehrere Einwanderersprachen beherrschen.[Fn18]

Das Angebot umfasst einen Grundkursus, der aus 24 Lektionen besteht und grundlegende Fertigkeiten wie Textverarbeitung, Internet und Mail vermittelt. Hinzu kommt der Unterricht für Frauengruppen, Familien oder Kindergruppen und eine Kurzeinführung in den Gebrauch des Internets, die für alle Bürger gedacht ist. Der konzeptionelle Hintergrund ist die Empowerment-Philosophie, denn es geht in den Kursen nicht nur darum, Wissen und Fertigkeiten im Bereich von Information und Kommunikation zu vermitteln, sondern tote und brachliegende Informationszonen sollen in lebende und „blühende“[Fn19] verwandelt werden. Der „IT-Guide-Verein“ trägt dazu bei, dass gut ausgebildete Bürger ihre Qualifikationen in den Dienst der Gemeinschaft stellen und dass Bürger mit geringem kulturellen und sozialen Kapital weiterhin an ihr Handlungsvermögen glauben. Wesentlich ist die Annahme und Hoffnung, dass die soziale Vernetzung zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen in der Nachbarschaft und Gemeinde beiträgt und die soziale und räumliche Mobilität erhöht.

Abschließend noch eine kurze Anmerkung zur sozialen Bibliotheksarbeit. Im Vergleich mit den drei anderen Fallbeispielen haben die Bibliotheken in Århus den Widerspruch zwischen sozialer, kultureller und informationeller Bibliotheksarbeit anders gelöst. Hier hat man das Konzept der hybriden Bibliothek entwickelt. Unter hybrider Bibliothek ist in diesem Zusammenhang eine Einrichtung zu verstehen, die sich auf ihre bibliothekarischen Aufgaben konzentriert und die pädagogischen, sozialen oder arbeitsmarktbezogenen Aufgaben in den bibliothekarischen Raum integriert, aber anderen Akteuren überlässt. Der IT-Unterricht wird z.B. von dafür ausgebildeten Spezialisten durchgeführt; in einer der oben erwähnten Bibliotheken findet auch eine Beratung und Betreuung von Schwangeren und niedergekommenen Frauen statt. Diese Aufgabe wird von Fachpersonal wie Hebammen und Krankenschwestern durchgeführt. Die Aufgaben- und Funktionsdifferenzierung in der hybriden Bibliothek hat dazu geführt, dass hier unterschiedliche Ressourcen der Unterstützung einander ergänzend eingesetzt werden. Der Zugang zu Informationen kann von den Bibliotheken in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren bedarfsgerecht vermittelt werden. Die kulturelle und informationelle Bibliotheksarbeit bleibt ein eigenständiges Feld, steht aber mit der Sozialarbeit und der pädagogischen Arbeit in enger Verbindung.

Perspektiven

Die öffentlichen Bibliotheken in Dänemark sind in den vergangenen zehn Jahren der sozialen Bibliotheksarbeit ein Stück näher gekommen. Besonders bei den bibliothekarischen Dienstleistungen für ethnische Minoritäten haben viele Akteure mit einem Empowerment-Konzept gearbeitet. Mit Empowerment ist sowohl die Selbstbemächtigung der betroffenen Personengruppe als auch die „Bemündigung“ im Sinne der Förderung von individueller Selbstgestaltung gemeint. Empowerment geschieht in unterschiedlichen Zusammenhängen. Narration, präventives und integratives Konfliktmanagement oder Förderung der informationellen Selbstbestimmung in arbeitsmarktsbegleitenden Integrationsprojekten und durch Unterricht in Information und Kommunikation sind Beispiele sozialer Bibliotheksarbeit.

Eine Grenze zwischen sozialer Bibliotheksarbeit und zielgruppenbezogener Kulturarbeit war in den oben erwähnten Fallbeispielen immer spürbar. Selbst in dem Projekt „Der Bibliothekar als Streetwalker in der öffentlichen Verwaltung“ ging es auch um „Bemündigung“ und nicht nur um funktionssystemische Selektion. Die verantwortliche Bibliothekarin war darum bemüht, die Anzahl der Wahlmöglichkeiten für die Teilnehmer durch Informationsvermittlung zu erweitern. Auch hier hat sich soziale Bibliotheksarbeit nicht zur Sozialarbeit weiterentwickelt.

Die Rolle des Bibliothekars in der kommunalen Verwaltung ist einmalig. Wir sind Nicht-Behandler. Das ist von Vorteil, wenn wir dem Bibliotheksbenutzer mit ethnischem Hintergrund offen und ohne Rücksichtnahme auf sein kulturelles oder soziales Kapital begegnen wollen. Wir können den Benutzer erreichen, wenn er lernen möchte, aber auch wenn er einfach „sein“ will. [Fn20]

Dieses Zitat zeigt sowohl die Distanz als auch die Nähe der Kulturarbeit zur Sozialarbeit auf. Soziale Bibliotheksarbeit kann in Dänemark nur ein Teil der Kulturarbeit der öffentlichen Bibliotheken sein. Tradition und professionelle Ethik lassen kaum etwas anderes zu. Sozialarbeit, auch die sozial-aufklärerische, setzt letztlich bei der Bedürftigkeit an. Zielgruppenbezogene Kulturarbeit einschließlich der Informationsvermittlung kann dagegen nie mehr als ein Angebot sein. Nicht Bedürftigkeit, sondern kulturelle, informationelle und soziale Bedürfnisse sind ihr Ausgangspunkt.

Literaturverzeichnis

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Fußnoten

[Fn 1]
vgl. Lash, 2002. (
zurück)

[Fn 2]
vgl. Kleve, 1999. (zurück)

[Fn 3]
vgl. Herwig-Lempp, 1997. (zurück)

[Fn 4]
vgl. Årbog om udlændige i Danmark – Status og udvikling, 2005. (zurück)

[Fn 5]
vgl. ECRI – Bericht über Rassismus und Intoleranz, 2006.
(zurück)

[Fn 6]
vgl.o.V. Frirum til Integration, 2001. (
zurück)

[Fn 7]
vgl. Andersen, 2003. (zurück)

[Fn 8]
Elbeshausen, 2005. (zurück)

[Fn 9]
Elbeshausen & Weisbjerg, 2005.
(zurück)

[Fn 10]
Elbeshausen, 2004, S. 116. (zurück)

[Fn 11]
vgl. Elbeshausen, 2004. (zurück)

[Fn12]
vgl. Ellert, 2004, Demir, 2004.
(zurück)

[Fn 13]
Herwig-Lempp, 1997. (zurück)

[Fn 14]
"Den opsøgende bibliotekar som streetwalker i den kommunale forvaltning". (zurück)

[Fn 15]
vgl. Elbeshausen & Weisbjerg, 2004. (zurück)

[Fn 16]
vgl. Elbeshausen & Weisbjerg, 2004. (zurück)

[Fn 17]
vgl. Harmoozi, 2005. (zurück)

[Fn 18]
vgl. Houshmand, Øllgård &Martiny, 2006. (zurück)

[Fn 19]
Luke, 1995. (zurück)

[Fn 20]
To om sproget. Juelsminde Bibliotek, 2005. (zurück)


Hans Elbeshausen lehrt an der dänischen Royal School of Library and Information Science in Kopenhagen.