> > > LIBREAS. Library Ideas # 5

Rezension zu Wieler, Petra (Hrsg.): Narratives Lernen in medialen und anderen Kontexten. Freiburg: Verlag Fillibach, 2005. € 18,50


Zitiervorschlag
Susanne Brandt, "Rezension zu Wieler, Petra (Hrsg.): Narratives Lernen in medialen und anderen Kontexten. Freiburg: Verlag Fillibach, 2005. € 18,50". LIBREAS. Library Ideas, 5 ().


Ein für die Arbeit mit Medien in Kinder- und Jugendbibliotheken interessantes und anregendes Kompendium zur Bedeutung des alltäglichen wie literarischen Erzählens in einer vielfältigen medialen Umgebung ist kürzlich als Aufsatzsammlung einer gleichnamigen Ringvorlesung der Freien Universität Berlin erschienen.

Es macht, basierend auf verschiedenen Studien zur Lese- und Mediensozialisation von Kindern, einmal mehr deutlich, dass theoretische Prämissen der vielzitierten PISA-Studie, die sich vornehmlich auf kompetenztheoretisch ausgerichtete Erklärungsansätze stützen, in vielen Punkten ergänzungsbedürftig sind. So erweist sich das Zusammenspiel sozial-interaktiver, sprachlich-kognitiver, dialogischer und narrativer Komponenten für die Ausbildung von Sprache in Wort und Schrift als ein sehr komplexes Phänomen, das die Alltags- und Gesprächskultur der Familien ebenso einschließt wie die medialen Wechselwirkungen des Erzählens in Kindergarten, Schule – und somit auch in der Bibliothek.

Zwölf Sprach- und Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler beleuchten in dem Buch – anschaulich gemacht durch zahlreiche Praxisbeispiele zur narrativen Entfaltung von Medienerfahrungen mit verschiedenen Genres der Kinderliteratur, CD-ROMs, Filmen und Tonträgern bei Vor- und Grundschulkindern – ganz unterschiedliche Erkenntnisse, Forschungsansätze und Lernmöglichkeiten, die sich aus einer besonderen Aufmerksamkeit für das Erzählen in Familie, Kindergarten und Schule ergeben.

So beschreibt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Dehn am Beispiel des Bilderbuches „Rosalinde“ den Weg vom Erzählen zum Schreiben bei Grundschulkindern und erläutert den Aspekt der „medialen Übergänge“ an verschiedenen Formen der Weiterarbeit mit dem Computer oder Kassettenrekorder als wertvolle Herausforderung der kindlichen Kreativität.

Petra Wieler von der Freien Universität Berlin protokolliert und analysiert in ihrem Beitrag Gespräche mit Kindern zu exemplarischen Buch- und Mediengeschichten als wichtige Bestandteile der Medienrezeption.

Kaspar H. Spinner, Professor an der Universität Augsburg, nimmt speziell die Bedeutung von auditiven Literaturerfahrungen für die Entwicklung von Lesekompetenz in den Blick, die im Vorlesegespräch zwischen Mutter und Kind als „Urszene des Literaturerwerbs“ ihren Anfang findet und sich in Erzähl- und Vorlesesituationen zu Kinder- und Jugendbüchern für ältere Schülerinnen und Schüler weiterentwickelt, wobei in besonderer Weise die Rolle von Interaktion und Höraktivierung verdeutlicht wird.

Johannes Merkel von der Universität Bremen betrachtet die Bedeutung des Erzählens und der Kommunikation für den Spracherwerb von Migrantenkindern und schließlich berichtet Claudia Rouvel vom kreativen Umgang mit Bildsprache und Sprachbildern im „LesArt“ Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur in Berlin.

Sind die Bibliotheken als potenzielle Partner auf den beschriebenen Wegen auch nicht ausdrücklich erwähnt, so sind die hier vorwiegend auf Familie, Kindergarten- und Grundschulpraxis gemünzten Beispiele doch in hohem Maße relevant und richtungweisend für das Selbstverständnis von Bibliotheken in Bezug auf ihre Verantwortung für die Leseförderung. Denn diese haben sich ebenso die Frage zu stellen, welchen Raum und Stellenwert das narrative Element in der Arbeit mit verschiedenen Medienformen wie im alltäglichen Umgang mit den Kindern in der bibliothekarischen Arbeit bereits hat oder zukünftig vermehrt haben könnte. Eine stärkere Sensibilisierung für Angebote zur auditiven Wahrnehmung, wie sie beispielsweise bei „Hörclubs“ in Bibliotheken zur Entfaltung kommen, und mehr Phantasie und Experimentierfreudigkeit bei der Konzeption von Angeboten, die unter besonderer Berücksichtigung von narrativen Elementen an Alltags- Lese- und Medienerfahrungen der Kinder anknüpfen, könnten mögliche Konsequenzen für die Praxis der Leseförderung in Bibliotheken sein.

Auch darf und muss vor dem Hintergrund dieses Buches kritisch geprüft werden, ob man mit derzeit so populären und von Bibliotheken gern unterstützten Leseförderkonzepten wie etwa „Antolin“ (www.antolin.de) der Komplexität des sprachlich-kulturellen Lernens wirklich gerecht wird oder ob nicht vielmehr im Gespräch mit den Schulen für eine stärkere Einbeziehung sozial-interaktiver und narrativer Aspekte im Sinne eines erweiterten Verständnisses der Mediensozialisation und Entwicklung von Lesekompetenz geworben werden müsste. Zwar liegt es in der Natur der Sache, dass dabei die automatisierte Erhebung, Quantifizierung und Bewertung von Schülerleistungen (und Ausleihzahlen!) nicht in gleicher Weise möglich ist, wie es ein Programm wie „Antolin“ als Erfolgsrezept verspricht. In puncto Nachhaltigkeit aber dürfte, wie die Beispiele und Forschungsergebnisse in diesem Buch überzeugend belegen, eine stärkere Beachtung des narrativen Lernens in medialen Kontexten gewiss einen positiven Effekt haben.


Susanne Brandt studierte Bibliothekswesen und Kulturwissenschaften und ist als Referentin in der Leseförderung sowie als Leiterin eines ländlichen Büchereisystems in Ostfriesland, Mitglied der Expertengruppe „Kinder- und Jugendbibliotheken“ des Deutschen Bibliotheksverbandes tätig.