> > > LIBREAS. Library Ideas # 5

Rezension zu Sauerteig, Judy: Teaching Emergent Readers. Collaborative Library Lessons Plans. Westport, London: Libraries Unlimited. $ 35.00


Zitiervorschlag
Ping Qian Dorn, "Rezension zu Sauerteig, Judy: Teaching Emergent Readers. Collaborative Library Lessons Plans. Westport, London: Libraries Unlimited. $ 35.00". LIBREAS. Library Ideas, 5 ().


Judy Sauerteig, Library Media Specialist an der Cherry Creek Academy in Englewood, Colorado und Autorin von „Science to Go: Fact and Fiction Learning Packs” beschäftigt sich in ihrem neuen Buch “Teaching Emergent Reader” mit der Vermittlung und Förderung von Lesekompetenz bei Leseanfängern im Grundschulalter.

Das Ziel ist es, Berührungsängste der Kinder mit dem Lesen an sich abzubauen und sie zu eigenständigen Lektüreerfahrungen zu ermutigen. Um dies zu erreichen, wird eine Zusammenarbeit von Media Specialists (also den Kinderbibliothekaren), Lehrern und Eltern angestrebt. Der dreistufige Ablauf sieht vor, dass der jeweilige Buchtitel durch den Media Specialist bzw. Bibliothekar einführend vorgestellt, die Leseerfahrungen mit dem Lehrer ausgewertet und das Thema schließlich mit den Eltern vertieft wird. Ziel ist es, die Aktivitäten auf jeweils ein Medium zu bündeln, um hier eine additive Wirkung zu erzielen.

Das Buch ist in 35 Lessons gegliedert, die sich jeweils auf ein Kinderbuch beziehen und unterschiedliche Schwierigkeitsgrade (Reading Level) bedienen. Da diese Abschnitte jeweils unabhängig voneinander sind, ist es möglich, die Lektionen flexibel auf den individuellen Grad der Lesefähigkeit der einzelnen Schüler anzupassen. Die meisten der empfohlenen Bücher zählen in Deutschland sicher nicht zum gängigen Kinderbuchkanon, obwohl die Bücher einiger der Autoren wie z.B. Syd Hoff, Katherine Paterson, Nathaniel Benchley oder auch Eleanor Coerr in deutschen Übersetzungen vorliegen.

Emergent Readers vor der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität

Teaching Emergent Readers vor der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität
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Den Nutzergruppen Bibliothekaren, Lehrern und Eltern sind jeweils spezifische Übungsaufgaben für den Einsatz mit den Kindern zugeordnet. Bei den empfohlenen Activities for Media Specialists geht es darum, die Kinder an das jeweilige Buch und den in diesem behandelten Kontext heranzuführen. Dazu wird zunächst über ein konkretes Ansprechen der Schüler eine Verbindung zu deren Erlebnis- und Erfahrungswelt hergestellt (Schema). Das reicht von simplen Fragen wie „How many of you have a dog or puppy?“ bis hin zu recht anspruchvollen Aufforderungen zur Reflexion konkreter Erlebnisse wie beispielsweise „Ask the students if they have ever lost something, and it became a real mystery as to what had happened“.

In einem zweiten Schritt (Prediciting) werden den Kindern Leitfragen für die Lektüre mitgegeben. So wird z.B. nach der Präsentation des Titelbildes des Bandes „Danny and the Dinosaur“ von Syd Hoff gefragt: „Why do you think there is a little boy riding on a dinosaur? Where do you think they might be going?“ Ausgehend von diesem selbst erzeugten Erwartungsbild werden die Leseanfänger versuchen, ihre Annahme mit dem Handlungsverlauf im Buch zu überprüfen. Im dritten Schritt sind die Kinder zu einem situativen Hineindenken angehalten (Visualizing). Dies stellt sich zur erwähnten Dinosaurier-Geschichte Syd Hoffs dann folgendermaßen dar:

Have the children do the following exercise: Close your eyes and picture yourself riding on a dinosaur through the streets of a town. What could you see from that high up that you wouldn’t be able to see while walking on the sidewalk? – S. 37

Hier wird eine Identifikation der jungen Leser mit der Hauptfigur Danny angeregt.

In einem vierten Schritt wird durch die Media Specialists die Kompetenz zur Bibliotheksbenutzung (Library Skills) erweitert. Die Anleitung lautet in diesem Fall:

Ask students where they would look to find a true (nonfiction) book about dinosaurs. Use this opportunity to review how students can use the computer catalog to look up “dinosaur”.

So werden am konkreten Beispiel themen- und interessenspezifisch Recherchefähigkeit und Vertrautheit mit Recherchehilfsmitteln und damit der Bibliothek vermittelt.

Der Einsatz im Unterricht umfasst die beiden Bereiche Sprache und Inhalt. Auf der Sprachebene geht es um Aspekte wie Wortschatzerweiterung (Decoding), den Zusammenhang zwischen Schreibung und Aussprache (Phonics), in unserem Beispiel für „-oi words such as: oil noise boil voice (...)“ sowie Wortbildung (phonemic awareness), im Beispiel: „Review how new words can be created by changing final consonents in the following: „bean, beak, goat goal (…)“.

Im Verständnisteil erfolgt erstens ein gedächtnisbezogenes Training über Fragen zum Inhalt (Recall), zweitens eine Art logisches Training (Inferring) und ein abstrahierendes Training (Synthesizing) wie „Suppose you could have a dinosaur friend for a day. What would you do?“. Zusätzlich gibt es zu jeder Lesson Vorlagen für ein Schreibtraining.

Die eingefügten Übersichten für Eltern, auf denen sich eine Zusammenfassung des gelesenen Textes, Vorschläge für weiterführende Aktivitäten (Enrichment Activities) und weiterführende Literaturhinweise finden, sind vermutlich als Kopiervorlage gedacht und als solche gut geeignet. Sie ermöglichen den Eltern einerseits einen Überblick über die schulisch vermittelten Lektürefortschritte ihrer Kinder zu bekommen und andererseits mit diesen das Thema weiterzuverfolgen.

Die Ordnung der Lessons erfolgt alphabetisch nach dem jeweiligen Titel. Eine Reihenfolge nach dem Reading Level wäre in der Handhabung vielleicht praktischer, so bleibt der Rückgriff auf den tabellarischen Index im Anhang.

Insgesamt ist die Auswahl der einzelnen Titel und damit der Themen abwechslungsreich. Die Strukturierung ermöglicht einen flexiblen Einsatz in Unterricht oder Leseförderung in der Bibliothek. Der Ansatz der Autorin, die Brücke zwischen Bibliothek, Klassenraum und Elternhaus zu schlagen um Lesemotivation, Lesefähigkeiten und Leseverständnis zu fördern, ist sehr zu begrüßen und auch in der deutschen Schulpraxis noch ausbaufähig.

Für die hiesigen Schul- und Kinderbibliotheken ist vermutlich das Verfahren entsprechend interessanter als der Inhalt, wobei auch ein Einsatz in einem früh ansetzenden Englischunterricht durchaus denkbar ist. Da dies zumeist aber schon etwas ältere Kinder betrifft, als es die first and second graders sind, sind an dieser Stelle in erster Linie die Titel mit einem höheren Lese- und Inhaltsanspruch relevant.


Ping Qian Dorn studiert Bibliotheks- und Informationswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre (Bachelor) an der Humboldt-Universität zu Berlin.