> > > LIBREAS. Library Ideas # 4

Rezension zu: Ball, Rafael; Tunger, Dirk: Bibliometrische Analysen – Daten, Fakten und Methoden: Grundwissen Bibliometrie für Wissenschaftler, Wissenschaftsmanager, Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Jülich: Eigenverlag der Forschungszentrum Jülich GmbH, 2005, 81 S. ISBN: 3-89336-383-1, Preis: 21 Euro


Zitiervorschlag
Ben Kaden, "Rezension zu: Ball, Rafael; Tunger, Dirk: Bibliometrische Analysen – Daten, Fakten und Methoden: Grundwissen Bibliometrie für Wissenschaftler, Wissenschaftsmanager, Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Jülich: Eigenverlag der Forschungszentrum Jülich GmbH, 2005, 81 S. ISBN: 3-89336-383-1, Preis: 21 Euro". LIBREAS. Library Ideas, 4 ().


Vermutlich seit es sie gibt, herrscht in der Bibliothekswissenschaft die mehr oder weniger latente Diskussion darüber, was denn eigentlich ihre Methode sei, ob die Bibliotheks- wissenschaft analytisch oder deskriptiv zu agieren hätte etc.

Diese Methodendiskussion flammt immer wieder besonders heftig auf, wenn die Zeiten für das Fach besonders unsicher sind und der Wille zum (Er)Finden eines Selbstbildes entsprechend besonders hoch ist. Ein endgültiges, konsensfähiges Ergebnis lässt sich bislang nicht verzeichnen, und so schwelt das Problem auch in den ruhigeren Tagen einfach weiter.

Glücklicherweise lässt sich insgesamt dennoch durchaus ein gewisser Fortschritt vermerken.

Seit einiger Zeit scheint sich nämlich die Einsicht zu etablieren, dass das Methodenspektrum, welches die Szientometrie, die Bibliometrie, die Informetrie und seit neuerer Zeit auch die Webometrie (bzw. Cybermetrie), also alle möglichen *metrien, so nach und nach hervorgebracht haben und immer weiter elaborieren, nicht die schlechteste Wahl wäre, um, vielleicht nicht als die einzige, aber doch als eine Grundmethodologie der sozusagen „reinen“ Bibliothekswissenschaft zu gelten.

Der Bibliotheksbezug war immerhin schon in den 1940er Jahren sehr deutlich angestrebt, als der Übervater der Bibliothekswissenschaft, S.R. Ranganathan eine „Librametry“ einzuführen versuchte.

Nun stellt sich für den Rezensenten, wie auch für eine Reihe der ihm bekannten bibliothekswissenschaftlich Aktiven und besonders auch zahlreichen Studierenden des Faches die Schwierigkeit in den Weg dieser Entwicklung, dass ihre Affinität zu metrischen Verfahrensweisen bestenfalls als „freundliches Interesse“ zu beschreiben ist.

Die Berührungsangst ist schon an sich eher hoch und wer als Erstsemesterstudent durch Zufall einmal eine Ausgabe der Zeitschrift „Scientometrics“ aufgeschlagen hat, wird dies im Normalfall auch dabei damit belassen.

Zu komplex, zu mathematisch, zu wenig auf konkrete Anwendungszusammenhänge bezogen – so lauten die üblichen Klischees, denen sich die *metriker ausgesetzt sehen, falls sie diese überhaupt wahrnehmen.

Was uns *metrie-Skeptikern – wobei diese Skepsis zugegebenermaßen mindestens zu 50% aus dem Nicht-Verstehen herrührt – genauso wie den allgemeinen interessierten und immer wieder scheiternden Laien bislang grundsätzlich fehlte, ist ein Buch à la „Bibliometrie für Dummys“, womit man sich vielleicht nicht zum High Professional entwickelt, aber doch ein Grundverständnis für die Materie entwickeln kann. Ein Buch also, das ausreicht, um das Phänomen der Freude am Messen von Publikationsaufkommen, Informationsmengen und Zitierungen nachzuvollziehen.

Entsprechend hoffnungsvoll nähert man sich nun diesem kleinen Band aus dem Forschungszentrum Jülich. „Factbook b“ (b=Bibliometrie) steht auf dem Cover und „Grundwissen Bibliometrie“. Das Ziel der Reihe ist es erklärtermaßen, „Grundwissen und Einführung in die Bibliometrie für Wissenschaftler, Forschungseinrichtungen und Hochschulen“ zu sein.

Die Zielgruppe der Studierenden ist also nicht explizit eingeplant, aber da wir uns ja im fortgeschrittenen Stadium durchaus auch als (angehende) Wissenschaftler verstehen, passt es vielleicht schon.

„Bücher zu bibliometrischen Analysen gibt es nicht viele. Gut lesbare noch weniger und eigentlich gar keine für Menschen, die nicht Statistiker oder Bibliometriker sind. […] Wir haben uns dies zu Herzen genommen; für sie ist dieses Buch entstanden.“ So schreiben es die beiden Autoren, der Leiter der Zentralbibliothek im Forschungszentrum Jülich Rafael Ball und der Promovend Dirk Tunger, im Vorwort und so fühlt sich der neugierige Laie sofort gut aufgehoben, zumal im Klappentext damit geworben wird, dass das Buch den oben angedeuteten „Missstand behebt“.

Das Buch ist eindeutig kein wissenschaftliches Werk, sondern eine Art Lehrbuch und diese Rolle erfüllt es prinzipiell recht gut. Die 5 thematischen Einzelkapitel sind alle ausgesprochen knapp (6 bis 10 Seiten) gehalten, was dem Bedürfnis nach schneller Lektüre sicher entgegenkommt.
Nicht selten beschleicht den Leser jedoch das Gefühl, dass ein wenig mehr Hintergrundinformation nicht von Nachteil wäre.

Der historische Teil kommt z.B. sehr schmal daher (vier Absätze), was schon bei Umstätters Kapitel zu szientometrischen Verfahren in der Neuauflage der „Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation“ [Fn1] leider der Fall war, wobei Umstätter allerdings bei der Behandlung der Einzelaspekte den einen oder anderen historisch relevanten Namen bzw. Fakt einstreut. Ball und Tunger bleiben in ihrem Band in der Folge fast durchgängig im Hier und Jetzt.

Angenehm ins Auge fällt der Einsatz einer „Faktenbox“ im besten Lehrbuchstil, die die Kernangaben und -aussagen (also alles, was man auswendig wissen sollte) abgesondert vom restlichen Textteil zusammenfasst.

Unangenehm fällt dagegen der für ein Buch zur Bibliometrie eigentlich fatale Mangel auf, dass die Literaturnachweise im Text nicht sonderlich sorgsam geführt sind – jedenfalls ist es mir beispielsweise nicht gelungen, die Quellen zu den Angaben „Umstätter (1997)“, „Ingerwesen (1998)“auf S. 26 „Horx (1996)“ auf S. 28 „Havemann (2002)“ auf S. 29 und einigen mehr aufzuspüren. So wäre es doch recht schwer, das Buch selbst in einer Zitationsanalyse auszuwerten.

Inhaltlich bietet das Werk neben einer kurzen Einführung in die absoluten Grundlagen, einen Überblick über Varianten bibliometrischer Analysen, wie Output-, Wahrnehmungs- und Vergleichsanalysen, eine Darstellung von zu beachtenden Aspekten bei der Durchführung von solchen Analysen, Anwendungsbeispiele zu bibliometrischen Trenderkennungen in der Wissenschaft sowie einen kleinen zusammenfassenden Text, in dem erläutert wird, wie Bibliotheken für bibliometrische Analysen aktiv Hilfestellung geben können.

Im Text zu den Wirkungsmöglichkeiten wird die Erweiterung des „bibliothekarischen Produktportfolios um bibliometrische Analysen“ stark angeraten (S. 47).

Die Bibliothek vollzieht hier den Schritt von einer „Objektorientierung“ hin zu einer „Service-Orientierung“, der neben der Bereitstellung von Daten und Datenträgern auch eine informationsaufbereitende Funktion übernimmt, so die Autoren. Dem ist unumwunden zuzustimmen, es überrascht allerdings, dass ein solch einleuchtender Aspekt, welcher eigentlich schon als Common Knowledge des Bibliothekswesens angenommen werden sollte, anscheinend auch 2005 noch derart betont werden muss.
Des Rätsels Lösung findet sich vielleicht wiederum in der angepeilten Zielgruppe, die vermutlich hauptsächlich außerhalb der Bibliotheken zu suchen ist und der man diese Tatsache anscheinend noch einmal deutlich vor Augen führen muss.

So erweist sich das Buch doch ganz konkret als auf die Zielgruppe des Fachwissenschaftlers, der sich kurzfristig (z.B. vor anstehenden Evaluationsvorhaben) in die Bibliometrie mit dem Ziel der Anwendung im Bereich des „Wissenschaftscontrolling“ einarbeiten möchte, zugeschnitten.

Über die Rolle der Bibliothekswissenschaft bei der Weiterentwicklung bibliometrischer Methoden findet sich leider keine Bemerkung – hier sind sicherlich auch die Vertreter des Fachs selbst gefragt, eine Programmschrift zusammenzustellen.
Der Interessen- und Wahrnehmungsansatz der Bibliothekspraxis (hier am Beispiel Jülich) und der Bibliothekstheorie (z.B. des Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin) zielt aber eindeutig in eine ähnliche Richtung.

Eine hervorragende Idee stellen die bibliometrischen Checklisten dar, anhand derer man mit kompletter Anleitung gleich selbst und mit wenig Hintergrundwissen sofort im Science Citation Index o.ä. einfache eigene Untersuchungen durchführen kann. Für ein Einsteigerseminar zum Thema hat man hier eine schnell verständliche und praktische Handreichung, wobei der Bogen zu den möglichen „Fehlerquellen bibliometrischer Resonanz-Analysen“ besonders hilfreich zu sein scheint.

Die kommentiere Auswahlbibliografie ist – passend zum Buch, leider nicht unbedingt passend zum Thema – sehr knapp, für den absoluten Einsteiger aber vielleicht angemessen.

Das Glossar ist dagegen wirklich sehr mager. So werden das Bradford’sche Gesetz und Lotka’s Law (und auch das Zipfsche Gesetz) – wie im ganzen Buch – schmerzlich vom Rezensenten vermisst. Auch der Begriff der Halbwertszeit oder das Phänomen der Uncitedness hätten durchaus Erwähnung finden dürfen. Die Erklärungen sind hiernach dem Empfinden des Rezensenten durchweg etwas zu verkürzt ausgefallen. Der Index ist leider auch nicht sonderlich ausführlich und hätte sicher von einer manuellen Nachbereitung profitiert.

Fazit

Die editorischen Nachlässigkeiten (Literaturnachweise, Satzfehler) stören natürlich, aber da das Buch vermutlich kein Verlagslektorat durchlaufen hat und augenscheinlich mühsam als DTP-Produkt von den Autoren nebenbei zusammengestellt wurde, sollte man an dieser Stelle nicht überkritisch sein.

Generell ist festzuhalten, dass das Buch als Einstiegslehrbuch für Studierende in den Bereichen Bibliotheks- und Informationswissenschaft und auch für interessierte Außenstehende geeignet ist, die Darstellung stößt aber aufgrund der z. T. starken inhaltlichen Beschränkung sehr schnell an ihre Grenzen.

Da es auf dem (deutschsprachigen?) Markt keinen vergleichbaren Titel gibt, ist die in der Tat „knappe und gut lesbare Übersicht über Methoden, Anwendung aber auch Grenzen bibliometrischer Analysen“ für einen Grundeinstieg sicher keine verkehrte Wahl. Ein wirklich wissenschaftliches Einführungswerk bleibt aber nach wie vor ein unerfülltes Desiderat.


Weitere Informationen zum Band gibt es bei der Gesellschaft für Bibliometrie unter URL:
www.bibliometrie.de/Literatur/literatur.html

Fußnoten

[Fn 1]
Kuhlen, Rainer; Seeger, Thomas; Strauch, Dietmar [Hrsg.] (2004): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. 5., völlig neu gefasste Ausgabe. München: Saur
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Ben Kaden studiert Bibliothekswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Tutor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (http://www.ib.hu-berlin.de/).