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Von der „Stadt in der Stadt“ zum „Haus im Haus“. Die neue Philologische Bibliothek der FU Berlin und die Sanierung der „Rostlaube“


Zitiervorschlag
Christoph Tempel, "Von der „Stadt in der Stadt“ zum „Haus im Haus“. Die neue Philologische Bibliothek der FU Berlin und die Sanierung der „Rostlaube“". LIBREAS. Library Ideas, 4 ().



"Design ist unsichtbar“ sagt Lucius Burckhardt, Schweizer, Soziologe und Stadtplaner, Anfang der achtziger Jahre und führt aus: „Das beste Design einer Straßenbahn wäre, wenn sie auch nachts fährt.“[Fn1] So weit ist die neue Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin noch nicht, aber mit werktäglichen Öffnungszeiten von 9 bis 22 Uhr und einer Samstagsöffnung von immerhin 10 bis 17 Uhr, kommt sie gutem Design schon sehr nahe.

Wenn Klaus Ulrich Werner, Leiter der neu geschaffenen Philologischen Bibliothek dann noch Sonntagsöffnung in Aussicht stellt, sobald die Sanierung der Rostlaube im Jahr 2007 abgeschlossen und der Umzug der Institute vollzogen sein wird, ist der Forderung Burckhardts nahezu entsprochen.
Hier könnte die Kritik der mit Spannung erwarteten Philologischen Bibliothek der FU eigentlich enden – wir wollen jedoch noch etwas genauer hinsehen und Konzept und Gestaltung der Bibliothek und Sanierung der Rostlaube durch das Architekturbüro Foster and Partners unter die Lupe nehmen.

Übergangsarchitektur - die Schleuse zum Wissen von Außen gesehen

Rostlaube: Gefühlte Unübersichtlichkeit

Unmittelbar nach der Wettbewerbsentscheidung für den Entwurf der Architekten Candilis, Josics, Woods und Schiedhelm für das neue Hauptgebäude der Freien Universität, äußerte die Professorenschaft heftige Kritik am offenen, nicht hierarchischen Konzept der Architekten, wie eine Gesprächsnotiz des damaligen Kurators der FU, Dr. von Bergmann, vom 9. März 1964 beweist:

„Jedes Institut und Seminar sollte als geschlossene Einheit behandelt werden und nur von einer Stelle zu betreten sein (…) Dies ist u.a. erforderlich für eine Überwachung des Besucherverkehrs. Die Folge davon wäre, dass ein Teil der 2,5 m breiten Quergänge, nämlich die, welche innerhalb der Institute liegen, für den öffentlichen Durchgangsverkehr gesperrt werden müssen. (…) Die Hauptwege zu den Instituten und Seminaren müssen an einem der breiten Wege liegen. Dabei ist die Kommunikation der Institute zu berücksichtigen (…) Außerdem haben gewisse Institute Publikumsverkehr mit universitätsfremden Personen (…) Im Falle von öffentlichem Publikumsverkehr ist zu erwägen, ob ein besonderer Eingang direkt von der Straße her geschaffen werden kann (…) Für die Eingangszonen zu den Instituten ist der Vorschlag einer einigermaßen einheitlichen Gestaltung gemacht worden, und zwar sollen diese folgende Einrichtungen erhalten: Pförtnerloge, durch welche der Besucherverkehr kontrolliert wird, (…) einen Raum für die Studentenvertretung und einen Studentenaufenthaltsraum. Alle diese Räume liegen vor dem kontrollierten Institutsbereich.“[Fn2]

Die Schlüsselwörter dieser etwas muffigen, aber dem Geist der Zeit entsprechenden, historischen Quelle sind „Überwachung des Besucherverkehrs“, „universitätsfremde Personen“ und „einigermaßen einheitliche Gestaltung“. Dinge, die auch heute noch von vielen Professoren und Angestellten der FU genau so vorgebracht werden.

Das Bild der nordafrikanischen Kasbah stand hinter dem Konzept der Architekten, die Idee einer Wissenschaftsstadt, die ausgehend von Fußgängerstraßen und angrenzenden, sich verändernden Instituts- und Seminarräumen eine lebendige Struktur erhalten sollte, in der alle Nutzerinnen und Nutzer ständig in Bewegung und in Kommunikation sind. Es ging um die Abkehr von der autogerechten Stadt und der strikten Trennung der Funktionen, wie sie die Stadtplanung in den 60er Jahren noch propagierte, und war der Versuch der Neuinszenierung einer lebenswerten Stadt in der Stadt. Orientiert in ihrer Größe an der Geschwindigkeit eines laufenden Fußgängers.

Das Preisgericht hatte die Qualitäten erkannt und auch benannt: „Der Verfasser entwickelt nicht so sehr eine Architektur als vielmehr ein flexibles Prinzip der Ordnung, in dem sich die überschaubare und auch die heute noch nicht voraussehbare Vielfalt akademischen Lebens räumlich entfalten kann. (…) Die besondere Qualität besteht darin, dass das gefundene System nicht eine mechanische, sondern eine menschliche Ordnung darstellt.

Die vom Verfasser geschaffenen Räume sind entsprechend den jeweiligen Funktionen und Bedürfnissen differenziert. Diese Differenzierung reicht von der Öffentlichkeit der Straßen und Plätze mit ihren Gemeinschaftseinrichtungen bis zur Intimität der einzelnen Institute. (…) Die Ordnung sucht nicht nach falscher Repräsentation, sondern entspricht in ihrer maßvollen Zurückhaltung im besten Sinne der Idee der Universität“.[Fn3]

Weit gefehlt, denn Professoren, Angestellte und auch Studenten konnten und wollten mit dem Bau nicht umgehen und selten ist ein Gebäude so nachhaltig abgelehnt und missgedeutet worden, wie die Rost- und Silberlaube der FU.

Vielleicht war das Bild der Kasbah für ein deutsches Universitätsgebäude falsch gewählt, warnen doch auch heute noch die Reiseführer unisono davor, sich alleine in eine Kasbah zu begeben. Man verliert dort den Überblick, verläuft sich, wird von Händlern übers Ohr gehauen oder bekommt im schlimmsten Fall ein Messer in den Rücken.

Selbst heute ist der seriösen Presse das System von Gängen und Straßen von Rost- und Silberlaube immer einen Hinweis aufs Verlaufen wert, so behauptet Ira Mazzoni in der SZ, dass früher das Auffinden der Seminarräume einem Intelligenztest gleichgekommen wäre, dank der Neustrukturierung durch das Büro Foster and Partners werde dem aber ein Ende gesetzt.[Fn4]

Auch Falk Jaeger hat offenbar Probleme mit der Orientierung, wenn er im Baumeister von der polyzentrischen Wissenschaftskasbah ohne Anfang und Ende berichtet, sie als „ungeheuer kommunikativ“ beschreibt und in Klammer setzt: „man muss oft nach dem Weg fragen“.[Fn5]

Kaye Geipel zitiert in der Bauwelt eine sprechende Begebenheit: „Bei der Vorstellung des Wettbewerbs für den Anbau 'Kleine Fächer‘ wurde den Zuspätkommenden vom Podium aus mitgeteilt: 'Sie haben sich wohl auf dem Weg hierher verlaufen? Jetzt wissen Sie, was Strukturalismus bedeutet‘“.[Fn6]

Nichts Gutes offensichtlich, wenn sogar ex catedra darauf verwiesen wird. Und so ist auch die Aussage von Volker Staab, Preisgerichtsvorsitzender des Wettbewerbs „Kleine Fächer“, symptomatisch: „Angesichts der Vorstellung, ich hätte einen Termin im Zentralgebäude der Freien Universität Berlin und sollte mich verabreden, muss ich gestehen, dass ich weder einen markanten Eingang, noch ein fassbares Bild – eine Adresse – des Hauptgebäudes vor Augen habe“.[Fn7]

Genau das sollen die derzeitige Sanierung der Rostlaube, der bereits fertig gestellte Bau der neuen Philologischen Bibliothek und der kommende Anbau für die Kleinen Fächer leisten. Das Konzept ist einfach und lautet: weg von der Stadt in der Stadt, hin zum Haus im Haus mit fester Adresse und eindeutigem Eingang. Weg von der Straße, ihrer ungerichteten Kommunikation und dem Schlendern oder Flanieren, hin zur Gerichtetheit und Zielstrebigkeit des eingehausten Instituts.

Vielleicht brauchen FU und Rostlaube genau diese Eindeutigkeit der Adressen, sind sie doch beide eher disparat. Aber traurig ist es schon, mit ansehen zu müssen, wie ein fortschrittliches Architekturkonzept für eine Universität einer bildhaften Eindeutigkeit geopfert wird, obwohl die in ihm schlummernden Potenziale nie richtig genutzt wurden.

Mit Schwung, Schirm und Tischlampe - Arbeitsbereich in der Bibliothek

Aus elf mach eins

In der neuen Bibliothek wurden – wie es der FU-Strukturplan aus den beginnenden 90er Jahren vorsah – elf philologische Teilbibliotheken zusammengeführt: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Altamerikanistik und Lateinamerikanistik, Byzantinistik und Neogräzistik, Deutsche, Englische, Klassische, Mittellateinische, Niederländische und Romanische Philologie, sowie Slawistik und Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft.

Sie alle befanden sich in zum Teil sehr weit auseinander liegenden Instituten und konnten als Philologische Bibliothek gar nicht wahrgenommen werden. Elf lokale Sachsystematiken, nicht abgestimmte und vor allem zu kurze Öffnungszeiten, und die Unterbringung in zum Teil drangvoller Enge kleiner Villen machten ein strukturierendes Handeln notwendig.

Mit der Eröffnung der Philologischen Bibliothek geht zwar der Gedanke der dezentralen, in die Institute eingegliederten kleinen Fachbibliotheken verloren, jedoch überwiegen die Vorteile der interdisziplinären Aufstellung, der viel längeren Öffnungszeiten und der kurzen Wege, wenn im Jahr 2007 alle Institute ihre sanierten Räume in der Rostlaube bezogen haben werden.

Von den 700.000 Bänden, die die neue integrierte Bibliothek bilden, machen die Bestände des germanistischen und des romanistischen Instituts mehr als die Hälfte aus. Die germanistische Bibliothek ist mit 175.000 Bänden die größte Deutschlands. Einen besonderen Schwerpunkt stellt die dazugehörige niederländische Sammlung dar.

Sie ist mit 40.000 Bänden die zweitgrößte im Land. Das Angebot der romanistischen Institutsbibliothek ist ungewöhnlich breit gefächert. Es finden sich dort bedeutende Sammlungen zur katalanischen Philologie ebenso wie zur französischsprachigen Literatur Kanadas und durch großzügige Bücherspenden der galicischen Regionalregierung weist die Freie Universität auch umfangreiche galicische Bestände auf.

Daneben verfügt die Freie Universität mit 24.000 Bänden auch über die größte neugriechische Institutsbibliothek Deutschlands, deren Neuerwerbungen von der griechischen Regierung unterstützt werden.

Alle 700.000 Bände sind bereits im Online-Katalog der Freien Universität erfasst und werden sukzessive in die Regensburger Verbundklassifikation umgearbeitet. Derzeit stehen alte und neue Signaturen getrennt durch eine Lücke von ein, zwei leeren Regalen eng beieinander. Langsam, aber sicher arbeiten sich die Bibliothekare durch die Bestände, immer darauf bedacht, die Lücke zwischen den Signaturen möglichst schnell zu schließen.

Der Bestand an Fachzeitschriften konnte bereits zur Eröffnung in umgearbeiteter Form zur Verfügung gestellt werden: „800 Abonnements aus elf Bibliotheken ergänzen sich, und der Verzicht auf Dopplungen ermöglicht eine Verbreiterung des Profils, d.h. Neu-Abonnements werden finanziell möglich“.[Fn8]

Mit dem derzeitigen Bücherbestand ist die Bibliothek bereits zu 7/8 ausgelastet. Dass Bibliotheksleiter Werner der Zukunft trotzdem gelassen entgegensieht, liegt unter anderem auch an den etwa 60-80.000 Doubletten, die aus der Philologischen Bibliothek in die UB verlegt und als Lehrbuchsammlung geführt werden sollen. Mit diesen frei werdenden Regalplätzen, dem sowieso noch vorhandenen Raum und dem angelaufenen Digitalisierungsprojekt glaubt sich Werner für die nächsten 13 bis 15 Jahre auf der sicheren Seite.

Was die technische Ausstattung anbelangt, befindet man sich auf der Höhe der Zeit, auch mit der Option leicht nachrüsten zu können. Die Hälfte der Arbeitsplätze verfügt über Datendosen, um größere Mengen an Daten leichter herunterladen zu können. Recherchieren in Datenbanken, elektronischen Zeitschriften und Internetquellen ist mittels WLAN in allen Bereichen der Bibliothek möglich. 100 Recherchestationen und 20 vollwertige PC-Arbeitsplätze stehen den Nutzern zur Verfügung. Acht Scanner erlauben das schonende Kopieren von Büchern.

Die Bibliotheksverwaltung befindet sich außerhalb des Bibliotheksbaus in einem angrenzenden und durch einen unterirdischen Zugang verbundenen Teil der Rostlaube.Dort werden die Bücher angeliefert, bearbeitet und über einen Lastenaufzug in die Bibliothek gebracht. Das Bibliothekspersonal leistet normalerweise 2-Stunden-Schichten am Infotresen oder der Fachauskunft (bei geringerem Andrang in den Abendstunden dauert eine Schicht drei Stunden) und kehrt dann wieder in die Verwaltung zurück.

Dieser Ortswechsel wird von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als sehr entspannend beschrieben, ermöglicht er doch konzentriertes Arbeiten jenseits von Besucherströmen.

Inside the Brain - Galerien, Membram und ein Hauch von Orange

Architektur

Übersichtlich geht es zu in der großen Halle der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin von Foster and Partners. Das kuppelförmige, lichtdurchlässige Dach, Achsensymmetrie und reduzierte Farbigkeit bestimmen den ersten Eindruck. Links und rechts der Mittelachse erheben sich drei gegengleiche, wie große Etageren in den Raum gestellte Stockwerke.

Sie werden erschlossen von einer in der Mitte des Baus angeordneten offenen Treppe, vor der sich der abgerundete Informationstresen und die Eingangskontrolle befinden. Die geschwungenen Brüstungen der eingestellten Stockwerke kommen der sie umgebenden Hülle nah, berühren sie jedoch nicht und auch das Erdgeschoss reicht nicht bis an die Raumhülle, sondern lässt einen Spalt zur Beleuchtung des Untergeschosses.

Die Wege sind eindeutig: Mappe und Mantel rechts oder links neben dem Tresen in die dafür vorgesehenen Schließfächer, ein kurzer Blick in den Online-Katalog im Eingangsbereich, Standort des Buches ermitteln und los. Vorbei am Infotresen auf die Treppe, die durch Offenheit und Richtungswechsel Einblicke ins gesamte, mit 64 Metern doch recht tiefe Gebäude gewährt. Links und rechts der Treppe befindet sich je ein Betonkern mit Fluchttreppe, Aufzug und Toilette. Den Rest der Fläche durchziehen in Längsrichtung lange graue Regalreihen, zwei Mal unterbrochen von den quer dazu geführten Erschließungsgängen.

Die insgesamt 639 Leseplätze befinden sich an den geschwungenen Rändern der Etagen, an denen ebenso geschwungene Tische angebracht wurden. So sitzt pro Stockwerk eine schier unendliche Schlange Leserinnen und Leser mit dem Gesicht zur Außenwand, die Bücher im Rücken und arbeitet. Ausgestattet sind die Arbeitsplätze mit Lampe, Stromquelle, und in der linken Hälfte der Bibliothek mit Kabelanschlüssen fürs Internet und Haken zum Anschließen von Laptops. Dass die Zeiten sich nie ändern – waren doch bereits in den mittelalterlichen Pultbibliotheken die Bücher mit Ketten an den Arbeitsplätzen befestigt. Früher war das Buch Objekt der Begierde, in unseren heutigen, virtuellen Zeiten ist es eben der Laptop.

Durch Vor- und Rücksprünge der einzelnen Etagen sowie die serpentinenartigen Schwünge schaffen die Architekten angenehm luftige Arbeitsplätze, die sich von dem etwas geduckten Bücherkern wohlwollend abheben. Nur im Kellergeschoss sitzt man unmittelbar vor einer Wand, und im dritten OG krümmt sich die Decke dicht über den Köpfen. Dafür gibt es hier oben drei kleine Leselounges mit insgesamt 22 roten Sesseln, die zum Lesen in entspannterer Haltung animieren.

Bezüge zum klassischen Lesesaal

„Man sollte darauf gefasst sein, dass sich bei Architekten mit der Bauaufgabe Bibliothek häufig überraschend konservative Assoziationsräume auftun: die Bibliothek als heiliger Wissensspeicher, Lesen und geistige Arbeit der in sich gekehrten Nutzer in kathedralenartigen Lesesälen – soziale und kommunikative Aspekte dagegen werden häufig nur durch Definition von Verkehrsflächen (Eingangshallen, Lobbys) angeboten“, schreibt Klaus Ulrich Werner in seinem Beitrag „Muss der Direktor immer dabei sein?“ Gedanken zur Rolle des bauenden Bibliothekars.[Fn9]

Aber übersieht Werner dabei nicht, dass seine von Foster and Partners errichtete Philologische Bibliothek einem ebenso konservativen Assoziationsraum entspricht, wie er ihn bei einer Vielzahl der Architekten ausmacht? Zweifellos kehrt Foster den klassischen Lesesaal modern um, aber kathedralenartig ist der Bau allemal und die doppelschalige Außenhülle ohne Ausblick, aber mit viel Licht von oben, hat Foster doch auch für den in sich gekehrten Geistesarbeiter des klassischen Lesesaals gedacht.

Nichts stört die Konzentration der Lesenden, weder grelle Farben noch Ausblicke, und weil alle nebeneinander sitzen, hat man nicht einmal ein Gegenüber, dessen Bewegungen ablenken könnten. Anders als im klassischen Lesesaal, rückt Foster die Bücher ins Zentrum des Gebäudes und die Leserinnen und Leser an den Rand, doch behalten sie die Bücher im Rücken.

Das Bild des klassischen Lesesaals lebt von zurückhaltender Farbgebung, warmen Holztönen und teuren Materialien. Damit kann die Philologische Bibliothek nicht aufwarten, aber die reduzierten Schwarz- und Grautöne streben eine ähnlich seriöse Wirkung an. Mit den weißen Tischplatten beugt sich Foster der Erkenntnis, dass sich auf hellem Grund ermüdungsfreier arbeiten lässt.

Auch was die Lautstärke im Gebäude angeht, kann die Philologische Bibliothek mit ihren klassischen Schwestern konkurrieren, wenn man dem Besucherbuch Glauben schenken kann, in dem jede zweite Eintragung dem zu hohen Lärmpegel gilt.
Und noch eine Assoziation: Wer barocke Saalbibliotheken kennt, mag sich bei den geschwungenen Balustraden der einzelnen Stockwerke der Philologischen Bibliothek an die geschwungenen Emporen beispielsweise der Bibliothek im Benediktinerkloster in St. Gallen erinnert fühlen.

Ein paar Bogenlampen - Leseplätze mit Blick ins Dach

These und Antithese

Ungleicher könnten die Bibliothek und der sie umgebende Bestand kaum sein, so dass sich der Eindruck aufdrängt, die Architekten hätten eine bauliche Antithese zu der von ihnen sorgsam in ihrer äußeren Hülle wiederhergestellten Rostlaube realisieren wollen.

Bereits der Blick auf den Grundriss macht es deutlich: hier das kartesianische Raster der Rostlaube, dort die runde Form der Bibliothek. Im Aufriss setzt sich der Gegensatz weiter fort. Die Rostlaube präsentiert zwei Geschosse in kantiger Kubatur, mit begrünten und zum Teil begehbaren Flachdächern. Der Baukörper der Bibliothek besteht überhaupt nur aus Dach, das als Kuppel unvermittelt aus dem Boden wächst. Nur an zwei Stellen mit der Rostlaube verbunden und ins Zentrum eines großen, durch Abbruch geschaffenen Hofes gesetzt, wird der Bibliotheksneubau zum „Solitär im Bestand“ (Doris Kleinlein).

Insgesamt 29 begrünte und begehbare Innenhöfe [Fn10] sorgten bei Rost- und Silberlaube für eine Verzahnung von Natur und Architektur. Bis zum Boden reichende Fensterflächen in den Gängen und reichliche Verglasung in den Seminar- und Büroräumen verbinden Innen und Außen und sorgen für eine helle, freundliche Atmosphäre. Das dunkle Braunrot der Cor-Ten-Stahl-Verkleidung (wie der Bronzeton der Sanierung) harmoniert mit den leuchtenden Primärfarben der Teppichböden, den bunten Türen und den ebenso farbenfrohen Rollos vor den Fenstern.

Doch die Farbigkeit von Rost- und Silberlaube war kein Selbstzweck, sie diente der Orientierung im Gebäude: „Finding one’s way inside the university is facilitated by a system of signs based on five colours: red, yellow, green, blue and purple. These colours are applied to floors and walls, giving unity to rooms and guaranteeing their identification“.[Fn11]

In der Bibliothek wird keines dieser Merkmale der Rostlaube aufgenommen. Zwar lässt eine große Anzahl Fenster Licht durch die äußere Hülle ins Gebäudeinnere dringen, aber die nur sehr spärlich durchfensterte zweite Schale, eine lichtdurchlässige Kunststoffmembran, macht Ein- und Ausblicke fast unmöglich. Auch führt keine Tür aus der Bibliothek in den sie umgebenden Hof, sie bleibt ein leicht autistischer Solitär.

Der farbliche Eindruck wird bestimmt durch die Nicht-Farben Schwarz, Grau und Weiß. Das Melonengelb der Übergänge zur Rostlaube und des Traggerüsts zwischen den beiden Hüllen ist zwar als kräftiger Farbimpuls vorhanden, spielt aber in der Alltagswahrnehmung der Bibliothek nur eine untergeordnete Rolle. Farbe sollen Benutzer und Buchrücken ins Gebäude bringen, fordert Norman Foster und wehrte sich – wenn auch vergeblich – sogar gegen die 22 roten Farbtupfer der Loungesessel im dritten Obergeschoss.

Wer jetzt anmerkt, dass aber doch die Gänge vor den Toiletten intensiv Gelb gestrichen seien, dem sei gesagt, dass es sich dabei nicht um Aufenthaltsräume handelt, sondern um Transitzonen und damit um einen eher flüchtigen Farbgenuss.

Dass das Büro Foster and Partners bei der Sanierung der Rostlaube alle konzeptionellen Vorgaben der sechziger und siebziger Jahre über Bord wirft, kann man den Architekten nicht anlasten, sondern erscheint wie die späte Rache von Professorenschaft und FU-Bauverwaltung.

Widersprüchlich erscheint mir der vorsichtige Umgang mit dem Bestand bei der detailgetreuen Sanierung der Fassadenplatten [Fn12] um das Bild der Rostlaube zu erhalten, und der entgegengesetzte Umgang bei der Wahl der architektonischen Form des Bibliotheksbaus.

Wie oben beschrieben wählt Foster in allen Bereichen die gegensätzliche Herangehensweise an sein Gebäude. Ob das allein der Umsetzung seines in den 70er Jahren entwickelten Climatroffice-Konzepts[Fn13] geschuldet ist oder einer Abrechnung mit dem offenen und antihierarchischen Konzept von Candilis, Josics, Woods und Schiedhelm zu tun hat, muss offen bleiben.

So faszinierend das Fosterimplantat der Bibliothek auch sein mag, in seiner radikalen Andersartigkeit gegenüber seiner Umgebung erinnert es an einen Bau aus dem 16. Jahrhundert. Pedro Machuca errichtete ihn auf Geheiß Karls V. von Spanien in den Mauern der Alhambra von Granada. Zerstören konnte oder wollte Karl die Alhambra, das letzte Zentrum der Mauren auf europäischem Boden nicht, aber ein Exempel seiner Macht musste er inmitten der fein ornamentierten maurischen Architektur errichten. Dem im Verhältnis zur Umgebung zu großen und strengen Palast wird beim Besuch der Alhambra heute meist wenig Aufmerksamkeit zuteil.
Wir wollen der Philologischen Bibliothek wünschen, dass es ihr dereinst besser ergeht.

Fußnoten

[Fn 1]
Lucius Burckhardt zit. nach Martin Schmitz, Von der Urbanismuskritik zur Spaziergangswissenschaft, in: Jesko Fezer und Martin Schmitz (Hrsg.): Lucius Burckhardt, Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch, Martin Schmitz Verlag, Berlin 2005, S. 7
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[Fn 2]
Villen, Rost- und Silberlauben. Baugeschichtliche Spaziergänge über den Campus der Freien Universität, Berlin 1993, S. 41
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[Fn 3]
ebenda, S. 39
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[Fn 4]
„Die lange leuchtend rote Straße K wird zur Avenue, manche Querverbindung zur Sackgasse. Die Institute etablieren sich in zweigeschossigen Häusern. Es gibt Entrées und ein klares Leitsystem. Bei dieser Art der Adressenbildung kann das rechtzeitige Erscheinen bei einem Seminar nicht mehr als Intelligenz-Test gewertet werden.“ Vgl. Ira Mazzoni, Das Super-Hirn, in: Süddeutsche Zeitung, 20. September 2005, S. 21
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[Fn 5]
Falk Jaeger, Umbau und Sanierung FU-Rostlaube, Berlin, in: Baumeister – Zeitschrift für Architektur, B11, Callwey Verlag, München 2005, S. 42
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[Fn 6]
Kaye Geipel, Der Grundriss als Aufputschmittel. Kampf mit der polyzentrischen Struktur der Sechziger Jahre, in: Bauwelt Heft 34, Berlin 2005, S. 24
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[Fn 7]
Volker Staab, Suche nach baulicher Identität – Wettbewerb „Kleine Fächer“, in: Bauwelt Heft 34, Berlin 2005, S. 34.
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[Fn 8]
Dr. Klaus Ulrich Werner, Aus 11 Bibliotheken wird eine Philologische Bibliothek, in: Freie Universität Berlin – Neubau der Philologischen Bibliothek, WEKA info verlag gmbh, Mering 2005, S. 16
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[Fn 9]
Dr. Klaus Ulrich Werner, „Muss der Direktor immer dabei sein?“ Gedanken zur Rolle des bauenden Bibliothekars, in: LIBREAS. Library Ideas (1/05). Berlin 2005.
URL:
http://www.ib.hu-berlin.de/~libreas/libreas_neu/ausgabe1/003bau.htm

Dass es nicht nur die Architekten sind, die solch konservativen Vorstellungen von Bibliothek nachhängen, zeigt ein Blick in die Wettbewerbsausschreibung des Jacob und Wilhelm Grimm Zentrums der Humboldt-Universität zu Berlin aus dem Jahr 2004. Dort heißt es: „Die Realisierung eines zentralen Lesesaales ist entwurfsbestimmend. Der Auslober favorisiert das Bild einer ‚klassischen‘ Bibliothek, das sich eben durch einen zentralen Saal ausdrückt. Entwurfslösungen, die alle Leseplätze dezentral in den Buchstellflächen ‚untergehen‘ lassen, sind vom Auslober ausdrücklich nicht erwünscht!“

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[Fn 10]
Nachdem für den Bau der Bibliothek 6 Höfe zu einem große zusammengelegt wurden sind es heute nur noch 24.
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[Fn 11]
Architects’ statement, in: Architectural Association, Exemplary Projects 3: Berlin Free University, London 1999, S. 31 Die Farbigkeit kam auch bei der Differenzierung der einzelnen Zonen im Gebäude zu Einsatz: „The whole complex has been divided into colour zones that are distinguishable as ‚activity zones‘ and ‚rest zones‘. The activity zones are marked by the primary colours, blue red and yellow. The rest zones are distinguished by secondary colours, purple and green.“ Ebd., S. 33
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[Fn 12]
Sie wurden von Jean Prouvé, einem seiner Vorbilder – wie Foster sagt –, in Zusammenarbeit mit den Architeken Candilis, Josics, Woods und Schiedhelm entworfen und nehmen Le Corbusiers proportionales Modulor-System auf. Foster ersetzt die korrodierten Segmente und fasst sie in Rahmen aus selbstpatinierender Bronze ein. „Diese neuen Einfassungen bleiben Prouvés ursprünglichen Plänen treu, auch wenn einige Details verändert wurden, um den heutigen Erfordernissen in Bezug auf Technik und Energieerhalt nachzukommen.“ Vgl. Norman Foster, The Berlin Brain, in: Freie Universität Berlin – Neubau der Philologischen Bibliothek, WEKA info verlag gmbh, Mering 2005, S. 9
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[Fn 13]
„Das Climatroffice-Konzept entstand während der frühen Planungsstufen unseres Willis Faber & Dumas-Gebäudes in Ipswich, England. Wir stellten uns Climatroffice als durchsichtige, leichte Kuppel mit eigenem Mikroklima vor. Das Konzept brachte viele der zentralen Themen unserer Arbeit auf den Punkt: Flexible Nutzbarkeit durch multifunktionale Räume, Energieeffizienz, größtmöglicher Innenraum bei kleinstmöglicher Außenfläche, leichtgewichtige Hüllen und Wände sowie die Nutzung natürlichen Lichts und natürlicher Belüftung“. Ebd.
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Christoph Tempel ist Künstler und freier Journalist mit dem Schwerpunkt Architektur.