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Die wechselhafte Geschichte des Gebäudes der Berliner Bibliothekswissenschaft und seiner Umgebung - eine (unvollständige) Recherche


Zitiervorschlag
Ben Kaden, Linda Freyberg, Karsten Schuldt, "Die wechselhafte Geschichte des Gebäudes der Berliner Bibliothekswissenschaft und seiner Umgebung - eine (unvollständige) Recherche". LIBREAS. Library Ideas, 34 ().


Ein Gebäude, eine Recherche

Drei Stufen, eine außerordentlich schwere Tür, ein Dutzend weitere Stufen, eine leichtgängige Kipptür. Dann steht man im Foyer, sieht halbrechts ein Treppenhaus in höhere Etagen schwingen und links einen Kaffeeautomaten zu wenig Licht in eine dunkle Ecke werfen. Es gibt ein paar Säulen. Es gibt hier und da ein paar Menschen, die zu einem Seminar eilen, das schon fünf Minuten läuft und sich den bösen oder indifferenten Blick eines/r Dozenten/in einfangen, je nach Gemüt und Stimmungslage. Es gibt Erinnerungen in unüberschaubarer Menge, viele vergraben, die wenigsten notiert. Erinnerungen an die Dorotheenstraße, vormals Clara-Zetkin-Straße, vormals Dorotheenstraße - Nummer 26 beziehungsweise 8. Für die Berliner und vielleicht auch die deutsche Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft (gebräuchliche Abkürzung erst IB, dann IBI) ist das ein Identitätsort. Und ebenso für alle, die es mit diesem Fach an der Humboldt-Universität einmal versuchten.

Dabei residiert sie noch gar nicht so lange an diesem Ort, der denkbar passend ist, weil er genau im Dreieck von Staatsbibliothek Haus 1 (früher Königliche Bibliothek) und dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität eine Kreuzung schmückt, deren Fußgängerampelschaltungen den Fußgängern traditionell wenig bedeuten und deren Straßenbahngleis jeweils zu Beginn des Semesters die Vorderräder von Berliner Fahrradneulingen aus der Balance heben. Man kann auf dem Balkon des PC-Raums in der ersten Etage das Kreuzungsgeschehen sehr gut beobachten. Der andere Balkon zeigt zum aktuellen Eingang der Staatsbibliothek, der lange Eingang zur zentralen Bibliothek der Humboldt-Universität war, bis diese zeitweilig in Charité-Nähe in die Hessische Straße und dann an die S-Bahntrasse unweit des Bahnhofs Friedrichstraße zog. Dieser Balkon ist fotogener und man ist dort immer in Gesellschaft. Zwei steinerne Buchhalter mit denkbar heroischen Körperformen rahmen jeden, der von dort auf die Passantinnen und Passanten blickt. Die Aufmerksamen unter ihnen schauen zurück. Weltreisende machen auch gern ein Foto. Das ist Berlin.

Glück hatte sie schon, die Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität und vielleicht auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen angesichts der Bestlage im Herzen der Hauptstadt. Gut, den Innenhof mit Betonboden, auf dem ein paar Zentimeter Erde jeder Generation neu die Möglichkeit eines Gartens vorgaukelt, konnte man eigentlich nur zum Fahrradabstellen benutzen. Eine Kastanie hatte es immerhin bis über das Dach hinaus geschafft und es sollte bis spät in die 2010er Jahre dauern, bis sie gefällt, zersägt und aus den Augen und dem Sinn getragen wurde. Nicht ganz, vielleicht, denn sie bleibt ja doch in der Erinnerung. In manchem Winter kampierte im Gebäude jemand, der sonst kein Obdach hatte, versteckt im hinteren Treppenhaus, ungestört vom noch nicht wiederhergestellten Fahrstuhl, der erst aufgrund der Klage einer zeitweilig hochschulweit sehr bekannten Rollstuhlfahrerin instand gesetzt wurde und bei dessen Umbau etliche Brieftaschen und Porte­mon­naies geborgen wurden, die die Berliner Taschendiebe an einem stillen Ort entsorgt hatten. Die Dorotheenstraße hatte auch die wilden 1990er erlebt, wenn auch eher unfreiwillig und selten unter Beteiligung von Bibliothekswissenschaftler*innen. Cruising und Voyeurismus waren erstaunlich häufig Themen bis knapp über die Jahrtausendwende. Ein zentraler PC-Pool im Obergeschoß hielt das Haus ja an sechs Tagen der Woche offen. Die neben ihm befindliche Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft schloß deutlich früher. An der Nordseite des Bibliothekssaals befand sich gut verdeckt und weithin vergessen die Vorzeichnung eines frühsozialistischen Wandgemäldes aus einer Zeit, in der man auch in Ostberlin noch die Parole der Wiedervereinigung hochhielt. Arbeiter, Bäuerin und Ingenieur marschieren unter einem wappenlosen Schwarz-Rot-Goldenen Banner vor einer Deutschlandkarte, die die Oder-Neiße-Friedensgrenze kennt aber noch keine innerdeutsche. Tatsächlich brauchte es die Wiedervereinigung und nochmal zwölf Jahre um diese Spur Geschichte freizulegen. Jetzt marschiert das Trio halb hinter Glas Richtung Vorlesungssaal, denn den Luxus einer bibliothekswissenschaftlichen Institutsbibliothek gibt es nicht mehr. Die Dinge, die verschwinden.

Wandbild in der ehemaligen Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft im zweiten Obergeschoss (Foto: Ben Kaden, Juli 2018)
Wandbild in der ehemaligen Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft im zweiten Obergeschoss (Foto: Ben Kaden, Juli 2018)

Ist das zu bedauern? Vielleicht. Aber natürlich sind für das Institut für Bibliothekswissenschaft auch Dinge verschwunden. Und ebenso für das Gebäude, das überhaupt nicht mit dem Ziel, eine Hochschuleinrichtung zu schaffen, erbaut wurde. Eine Handelskammer sollte es sein, massiv und repräsentativ. Wilhelm Cremer und Richard Wolffenstein wussten, was erwartet wird. Cremer & Wolffenstein waren eine Marke und zugleich, wenn man so will, eine Hausnummer der Berliner Architekturszene der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie hatten etwa den zweiten Platz bei der Ausschreibung für den Reichstag belegt. Zahlreiche Synagogen, von denen nach dem volksdeutschen Irrsinn fast nichts blieb, stammten von ihren Reißbrettern. Der verschwundene Hochbahnhof am Nollendorfplatz ebenso, oder auch das verschwundene Warenhaus Tietz am Alexanderplatz. Das Warenhaus Tietz in Hamburg steht heute immerhin noch und ist als Alsterhaus bekannt. Auch noch vorhanden: das ehemalige Kaufhaus Brenninkmeyer am Kreuzberger Oranienplatz, heute Hotel Orania, umstrittenes Symbol der Gentrifizierung eines einst hochdynamischen Stadtviertels des wilden Berlins. Von da ist es gar nicht weit zur Stadtbibliothek am Kottbusser Tor. Von da war es gar nicht weit zur ehemaligen Bona-Peiser-Bibliothek, in der jenseits des Moritzplatz auslaufenden Oranienstraße. Auch diese ließ sich nicht retten.

Zwei Exkurse

Exkurs: Maison d’Orange

Zweihundert Jahre bevor Cremer & Wolffensteins wuchtiger Block die Ecke markierte, wurde das Maison d’Orange gegründet und dieses fand ebenfalls an der Dorotheenstraße, auch in der Nummer 26, aber vielleicht doch an einer anderen Stelle1, seinen Platz. Die Rekonstruktion in der Zeit mit teils unzuverlässigen Quellen macht es nicht leicht und auch wenn der Gang zur Einsicht in historische Liegenschaftskataster reizvoll ist, so war er für diese Rückschau nicht umsetzbar. Selbst wenn das Hospiz also ein paar hundert Meter entfernt vom Standort des aktuellen IBI-Gebäudes lag, so war es doch in der Nähe. Und das reicht uns als Linie in die Vergangenheit. Das Maison für die französische Emigranten blieb bis 1792 in einem eher zierlichen Bau, der 1794 durch einen repräsentativeren Neubau ersetzt wurde. Der wechselte 1883 den Besitzer und das Maison d’Orangen den Standort. Es befand sich von nun an in der Ulmenstraße.

Der Name des Armenhauses verweist auf die Herkunft der Glaubensflüchtlinge aus dem südfranzösischen Fürstentum Orange, dessen Name nicht von der Farbe, sondern von einer homophonen Ableitung von – okzidentalisch – Aurenja stammt, Name der zentralen und gleichnamigen Stadt des Fürstentums in Anlehnung an den Wassergott Arausio. Der schaffte es allerdings nicht ins Stadtwappen. Stattdessen findet man dort auch heute noch drei Orangen. Das Fürstentum fiel nun 1702 dem französischen Königshaus zu, welches im Rahmen der Rekatholisierung Frankreichs die Angehörigen der calvinistischen Gemeinde die Ausreise befahl. Für nicht wenige dieser dritten Welle calvinistischer Flüchtlinge (nach der ersten 1680 in Folge der Aufhebung des Edikt von Nantes in Frankreich, wovon Orange nicht betroffen war, und der zweiten in den 1690ern aus der Schweiz) hat das brandenburgische Fürstenhaus und die französisch-calvinistische Gemeinde in Brandenburg die gleichen Unterstützungsstrukturen und-maßnahmen ergriffen, die schon bei den ersten beiden Wellen etabliert wurden. Unter anderem wurde für die Bedürftigen ein Armenhaus, eben das Maison d’Orange, errichtet, in welchem allerdings (wie auch in den anderen Armenhäusern dieser Zeit) strenge Arbeitszucht galt. Eine Besonderheit war, dass das Haus (wie ähnliche Armenhäuser der hugenottischen Gemeinde) durch eine Kollekte finanziert wurde, bei der allerdings diesmal der Großteil des Geldes in Großbritannien eingenommen wurde. Deshalb hatte der britische Gesandte in Berlin bis 1914 auch die Aufsicht über die Stiftung des Hauses.

Ob dieser sich häufiger in die Nachbarschaft Dorotheenstraße 8, die später die 26 sein sollte, begab, ist nicht so leicht rekonstruierbar. Gründe gab es aber einige. Vielleicht logierten Gäste im Central-Hotel vis-à-vis zum Bahnhof Friedrichstraße. Vielleicht besuchte er den Admiralsgarten in der Prinz-Louis-Ferdinand-Straße, die heute Planckstraße heißt. Von den akademischen Bierhallen in der Dorotheenstraße hielt er sich vermutlich eher fern. Aber vielleicht ging er zum Institut für Meereskunde und dem dortigen Museum für Meereskunde, das sich seit 1906 an der Georgenstraße befand, dort wo heute unter anderem das Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität seinen Sitz hat. Und dass dieses Museum für Meereskunde eine sehr bewegte und bibliothekswissenschaftlich interessante Geschichte hat, wollen wir es auch noch einmal an die Oberfläche holen.

Exkurs: Museum für Meereskunde

Das Gebäude des Instituts liegt in einem Straßenblock, welcher heute durch eine Anzahl von Gebäuden (unter anderem dem Institut für Sozialwissenschaften, dem bereits erwähnten Institut für Rehabilitationswissenschaften sowie einem Parkhaus) mit genutzt wird. Für viele Jahre war dies allerdings nicht der Fall. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Block vom Laborgebäude des Chemischen Instituts der Berlin geprägt, welches den größten Teil des Blocks einnahm. In dieses Gebäude zog dann 1900 das Institut für Meereskunde ein. Am 5. März 1906 fuhr Kaiser Wilhelm II. vor und eröffnete am Standort das Museum für Meereskunde, in dem Wissenschaft und Volk gemeinsam die Meere und das Seewesen verstehen lernen sollten. Angebunden war das Museum an das Geographische Institut der Berliner Universität und zwar unter anderem über Albrecht Penck der nach dem Tod des Gründungsdirektors Ferdinand von Richthofen sowohl das Institut als auch das Museum leitete. Es wurde schnell recht populär. Für das Berichtsjahr 1913 wurde über 135.000 Besucher verzeichnet.

Für das Institutsgebäude ist das Museum für Meereskunde aus zwei Gründen interessant: Einerseits stößt man wegen der räumlichen Nähe bei Recherchen zum Gebäude ständig auf dieses Museum, andererseits war das Museum 1929 – also als das bibliothekswissenschaftliche Institut in Berlin gerade erst eingerichtet worden war – schon wieder zu klein und es gab (laut einer Werbeschrift2) den Plan, es durch Erwerb des restlichen Geländes um das Museum herum, zu erweitern. Hierzu kam es nicht, aber eine Verwirklichung hätte möglicherweise einen Abriss des heutigen Institutsgebäudes bedeutet.

Auch wenn es vom Namen her nicht zwingend so klingt, hatte das Museum doch namhafte Unterstützung durch das deutsche Militär, insoweit gab es Chancen, dass dieser Plan umgesetzt werden könnte. Gegründet wurde es zu einer Zeit des aktiven deutschen Kolonialismus und es war auch eine Forschungsstelle für koloniale Wissenschaft. 1898 war das erste Flottengesetz erlassen worden, mit dem der Aufbau einer deutschen Militärmarine begonnen wurde. Das Museum sollte helfen, den Ruf derselben in der deutschen Gesellschaft zu verbessern.3 Diese Verbindung zur Marine und die positive Darstellung derselben änderte sich auch in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus nicht. Immer ging es darum, über die Meereskunde eine Begeisterung für Kolonien und die Marine zu generieren. Die Ausweitung wurde nur zurückgestellt.

Der Weltkrieg ließ das Museum im Vergleich zu den anderen Berliner Museen besonders schwer beschädigt zurück. Aber einige Schiffsmodelle, das Schau- und Versuchsbecken, ein Taucheranzug für Tiefseeerkundungen und einige Schiffsmotoren waren noch vorhanden und intakt und so bestand doch zunächst Hoffnung auf Wiederaufbau und Neueröffnung. Die Öffentlichkeit hatte allerdings seit 1945 keinen Zutritt mehr, wenngleich im März 1946 der 40. Eröffnungstag des Hauses so feierlich wie unter diesen Bedingungen eben möglich begangen wurde. Zwei Räume wurden dafür instand gesetzt: Ein kleiner Hörsaal für Studierende und ein Bibliotheksraum. Bald jedoch verabschiedete man sich von weiteren Plänen für das Museum. Zu groß waren die Schäden und zu klein die Notwendigkeit, ausgerechnet diese Objekte zeitnah wiederherzustellen. In den 1950er Jahren ließ man daher die Räume zum Beispiel den Bildhauer Fritz Koelle, der in einer Art Notatelier zum Beispiel Hochöfner, die im Wortsinne an Hochöfen tätigen Arbeiter, und Landarbeiterinnen formte, die jeweils drei Meter groß als neue allegorische Figuren ihre verloren gegangenen Vorgänger vom Dach des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität ersetzen und vom neuen Menschen künden sollten. In Berliner Verzeichnissen blieb das Museum für Meereskunde allerdings mit dem Zusatz noch nicht eröffnet unter der Rubrik Museen gelistet.

In den 1950er Jahren zog das Institut für angewandte Kunst in ein offenbar dafür taugliches Kreuzgewölbe der Ruine und später dann als Zentralinstitut für Gestaltung in die Dorotheenstraße 28. Ab 1959 begann, nachdem die Abteilung Denkmalpflege des Magistrats abgewunken und den Bau als historisch nicht wertvoll klassifiziert hatte, der Abriss, wobei zur Freude unter anderem der Berliner Presse weitere verschüttete und verloren geglaubte Museumsobjekte wieder zu Tage kamen, so zum Beispiel fünf Boote im März des gleichen Jahres. Diese wurde erst einmal unweit direkt in der Georgenstraße auf die Straße gestellt, womit das Museum in gewisser Weise ein letztes Mal etwas für die Berliner zur Schau stellte. Endgültig aufgegeben wurde es mit der Teilung Berlins. Die museale Meereskunde der DDR konzentrierte sich fortan in Stralsund. Wo in Berlin das Museum war, erstreckte sich nun ein Parkplatz und eine Schleife der Berliner Straßenbahn. Im Zuge der Neugestaltung des Zentrums von Ostberlin wuchs dieses Ensemble wiederum Ende der 1980er Jahre mit einem Parkhaus für das Renommierobjekt des Internationalen Handelszentrums und einigen Funktionsbauten zu.

Seine seit Eröffnung öffentliche zugängliche und umfangreiche Bibliothek erhielt das Deutsche Technikmuseum in Berlin, welches de facto die – zivile – Nachfolge des Museums für Meereskunde übernahm und den größten Teil dieser Bibliothek auch heute noch betreut. (Stahlberg 1929:10, zur Geschichte dieser Bibliothek siehe Böndel 1996 und Curtius 1996). Dies war möglich, weil die Bibliothek, wie auch zahlreiche andere Museumsobjekte, sich durch Auslagerung nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Besatzungszonen befanden und dann in einigen anderen Museen landeten, ein Großteil davon in Berlin.

Das Gebäude des Instituts für Bibliothekswissenschaft

Das Gebäude der Handelskammer in der Dorotheen- beziehungsweise Clara-Zetkin-Straße blieb all die Jahre eine Art steinerne Zeugenschaft zunächst zum Verschwinden des Museums für Meereskunde und später der DDR. Das Baujahr des Gebäudes wurde, leicht versteckt und daher leicht zu übersehen, an die Unterseite des Balkons mit bestem Kreuzungsblick gehängt. Erbaut 1904, parallel, wenngleich deutlich schneller, zur Königlichen Bibliothek. Auch heute beeindruckt es noch.

Plakette zum Baujahr des IBI-Gebäudes (Foto: Ben Kaden, Juli 2018)
Plakette zum Baujahr des IBI-Gebäudes (Foto: Ben Kaden, Juli 2018)

Das zweigeschossige, fünfachsige Gebäude zeigt der Dorotheenstraße jeweils vier große Fenster, wobei die Fenster im ersten Obergeschoss mit zwei kleinen Säulen unterteilt sind, die im wesentlich höheren zweiten Geschoss unterbrochen durch französische Balkone als Pfeiler fortgeführt werden. Im Erdgeschoss sind, statt der großen repräsentativen Fenster, jeweils zwei kleine Fenster mit Rundbogen in den Rhythmus der Fassade eingefügt. Es handelt sich um eine Neubarock-Fassade aus Sandstein mit Figuren des Bildhauers Ernst Westphal (1851–1926), der in Berlin unter anderem Dekorelemente am Berliner Admiralspalast und Schmuckelemente des Rathaus Charlottenburg erschaffen hat.4 Das Figurenprogramm besteht aus zwei überlebensgroßen, halb liegenden Lesenden, die mit einem Tuch um die Hüften bekleidet sind. Die beiden Figuren sind oberhalb links und rechts neben dem Eingangsportal platziert, in deren Mitte der Balkon eingefasst ist.

Inhaltlich scheinen sich die beiden Figuren der heutigen Verwendung des Gebäudes als Sitz der Bibliotheks- und mittlerweile auch Informationswissenschaft zu fügen, wenngleich deren adonishaftes und leichtbekleidetes Erscheinungsbild eher an griechische Gottheiten angelehnt zu sein scheint als an sterbliche Studierende. Da die lesenden Figuren nun aber für den Sitz der Berliner Handelskammer erschaffen wurden, verweisen sie mutmaßlich eher allegorisch auf Eigenschaften wie Gelehrtheit und Gründlichkeit, die die Mitarbeiter der Handelskammer (hoffentlich) innehatten, die zugleich wiederum auch den Studierenden traditionell gut anstehen. Im Obergeschoß lud die Handelskammer ab und an zum Tanz im eigenen Ballsaal mit Kamin. Nach Einzug der Bibliothekswissenschaft lud man in denselben Raum zum Seminar, manchmal aber auch zu einer Semesterabschluss-Fete, ganz ohne sich der Tradition bewusst zu sein und ihr doch irgendwie folgend.

Vorraum Festsaal (Historische Abbildung)
Vorraum Festsaal (Historische Abbildung)

Bis 1945 blieb das Haus Handelskammer und während gleich gegenüber der Lesesaal der Staatsbibliothek Opfer eines Bombeneinschlags wurde, blieb das Gebäude erstaunlich intakt. Einzig das Dach wurde schwer beschädigt und deutlich schlichter als vorher rekonstruiert.5 Die Fassade freilich trägt bis heute etwas hilflos verspachtelte Narben des Endkampfs um die Reichshauptstadt. Seit 1946 wurde das Gebäude von der Universität genutzt und 1950 erfolgte der Umbau.6

Ab 7. März 1951 stand das mittlerweile zur Humboldt-Universität gehörende Haus dann nicht mehr in der Dorotheenstraße. Statt der Kurfürstin sollte nun an eine Sozialistin und Frauenrechtlerin denken, wer hinter der Humboldt-Universität den Weg zur Museumsinsel oder Friedrichstraße einschlug. Clara-Zetkin-Straße 8, später 26, hieß es bis immerhin 1995 und dann wieder Dorotheenstraße, da sich, wie berichtet wurde, der Einheitskanzler Helmut Kohl persönlich daran störte, dass Regierungsbauten der - nun wieder - Hauptstadt den Namen einer Sozialistin im Briefbogen hätten. Die ehemalige Handelskammer gab in der Zwischenzeit diversen Einrichtungen der Humboldt-Universität Obdach und auch, weshalb vermutlich die Bibliothekswissenschaft am Ende dort einziehen durfte, seit Ende der 1950er Jahre der Fachschule für wissenschaftliche Information und wissenschaftliches Bibliothekswesen ein Domizil.

Das aus dem zuvor mit der Postadresse Universitätsstraße 7 versehenen Institut für Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information hervorgegangene, nun neu aufgestellte Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität (damals noch IB) zog erst 1994/95 in das Gebäude. Die Identifikation mit dem Gebäude schien sich nicht allzu stark entfalten und blieb bis zur Sanierung 2009, bei der beide Hörsäle erneuert sowie das Dach 2014 wieder in die ursprüngliche Vorkriegs-Form gebracht wurde7, eher verhalten bis negativ geprägt, nicht zuletzt wegen des maroden Zustandes, beispielsweise der sanitären Anlagen. Dass diese als Rückzugsorte für alles Mögliche benutzt wurden, wovon hin und wieder auch Spritzenfunde zeugten, verbesserte die Situation nicht sonderlich. Die Kinder vom Bahnhof Zoo prägten zweifellos das Bild Berlins. Aber man wollte es nicht derart authentisch zwischen zwei Vorlesungen nacherleben müssen und das Chic im Heroin Chic der 1990er war eben überhaupt nicht schick, sondern nur eine zynische Lüge. Alles vorbei, in diesem Fall glücklicherweise und auch die doch hier und da auftauchenden Tags und Kritzeleien in den Sanitärzellen sind nicht mehr so extrem sexualisiert, dicht gesetzt und vulgär wie in diesen Jahren.

Alte Waschbecken im IBI (Foto: Gertrud Pannier)
Alte Waschbecken im IBI (Foto: Gertrud Pannier)

Selbst wenn man nur ein bestimmtes Zeitfenster des Gebäudes erinnert, muss man unvermeidlich staunen und staunen und staunen, wie sich Zeitschicht auf Zeitschicht legt. In einer Nische gibt es dann noch sogar ein fünfundzwanzig Jahre altes Graffiti. Die Renovierung erfolgt als Patchwork. Ein neuer Aufbau sitzt da, wo mancher ein bisschen todesmutig während einer Studierendenfete mal übers Eck aufs Dach stieg und dem Fernsehturm zuprostete. Der ehemalige Dachboden ist kein wilder Taubenschlag mehr, sondern ein blitzsauberer Lehrbereich. Das Haupttreppenhaus bleibt bis heute seinem alten Anstrich treu. Die Stufen selbst geben Zeugnis von einem Zeitalter, in dem auch Funktionsgebäude repräsentativ gestaltet wurden.

Vivien Petras sagt in ihrem Interview in dieser Ausgabe zum Gebäude: Ich liebe dieses Gebäude, ich liebe die Harry Potter-Treppe, ich liebe die großen Hallen — und ich habe genügend Fantasie, um mir das schön vorzustellen [lacht]. Es ist aber nicht untrennbar mit dem IBI verbunden. […] Und die Frage ist: Brauchen wir überhaupt ein Gebäude? Ich denke, wir bräuchten viel mehr moderne Informationstechnologie.8

Brauchen wir überhaupt ein Gebäude? Wir denken schon. Nicht zwingend als Gefäß zur Vermittlung bestimmter Lehrinhalte, auch wenn das iLab im Kellergeschoß nun wirklich ein zeitgemäßer und großartiger Raum ist. Sondern weil ein gemeinsamer Ort auch ein gemeinsames Empfinden, also geteilte Identifikation und Identität hervorbringt. Je markanter das Gebäude, desto schneller stellt sich dieses Gefühl ein. Für die Generationen der Direktstudierenden seit 1995 eröffnete es einen vielfältigen, einzigartigen Erlebens- und Erinnerungsraum, in dem man auf jedem traditionell alljährlich am ersten Novemberwochenende stattfindenden Alumnitreffen sofort zurückkehren kann. Dass es nach 2002 zu einer derartig umfassenden und wirksamen Mobilisierung der Studierenden gegen die Schließungspläne des damaligen Präsidiums der Humboldt-Universität um Jürgen Mlynek kam, lag mit Sicherheit auch daran, dass es einen festen und zentralen Anlaufpunkt, also einen Identifikationsort, zur Bündelung dieser Aktivitäten gab. Natürlich ist bibliothekswissenschaftliche Forschung auch ohne dieses Haus möglich. Aber vermutlich wäre sie heute nicht an dem Institut an der Humboldt-Universität realisierbar, wenn es nicht diesen Ort, diese Räume und damit die Möglichkeiten zur Bündelung eines entsprechenden Engagements gegeben hätte.

Nicht zuletzt hat sich die Redaktion der LIBREAS. Library Ideas in ihrer ersten Zusammensetzung in diesem Ort gefunden. In den ersten, experimentellen Jahren dieser Zeitschrift waren die großen leeren Hallen, die leicht dystopisch-romantische Stimmung, wenn die Sonne durch die großen Fenster strahlt, aber doch viele Ecken vom Licht unerreicht scheinen und das Refugium des Fachschaftsraumes der Ort, wo die meiste redaktionelle Arbeit an den Ausgaben geleistet wurde.

Quellen

Böndel, Dirk: Auslagern, Einlagern, Verlagern. In: Museum für Verkehr und Technik Berlin : Aufgetaucht. Das Institut und Museum für Meereskunde im Museum für Verkehr und Technik Berlin. (Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur, Schriftenreihe des Museums für Verkehr und Technik Berlin, 15). Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin, 1996, 27–32.

Curtius, Andreas: Die Bibliothek des Instituts für Meereskunde. In: Museum für Verkehr und Technik Berlin: Aufgetaucht. Das Institut und Museum für Meereskunde im Museum für Verkehr und Technik Berlin. (Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur, Schriftenreihe des Museums für Verkehr und Technik Berlin, 15). Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin, 1996, 55–59.

Hiller, Karl: Der Bauplastiker Ernst Westphal (1851–1926). Berlin 2013. http://www.karl-hiller.de/wp-content/uploads/2013/01/Karl%20Hiller%20%282013%29%20Der%20Bauplastiker%20Ernst%20Westphal.pdf [zuletzt aufgerufen: 1.11.2018].

Institut für Denkmalpflege (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR. Hauptstadt Berlin I. Abteilung Forschung Gesamtredaktion Heinrich Trost. Henschelverlag Berlin, 1984.

Landesdenkmalamt Berlin: Handelskammer Berlin. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09080414 [zuletzt aufgerufen: 1.11.2018].

Probst, Bettina: Das Institut und Museum für Meereskunde – Eine bewegte Geschichte. In: Museum für Verkehr und Technik Berlin (1996): Aufgetaucht. Das Institut und Museum für Meereskunde im Museum für Verkehr und Technik Berlin. (Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur, Schriftenreihe des Museums für Verkehr und Technik Berlin, 15). Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin, 1996, 11–25.

Stahlberg, Walter: Das Institut und Museum für Meereskunde an der Friedrich Wilhelms-Universität in Berlin. Als Handschrift gedruckt. Berlin : [Museum für Meereskunde], [1929].

Technische Abteilung der Humboldt-Universität zu Berlin: Dorotheenstr. 26, https://www.hu-berlin.de/de/ueberblick/campus/mitte/standorte/dorotheenstrasse-26/dorotheenstrasse-26 [zuletzt aufgerufen: 1.11.2018].

Dorotheenstr. 26 Dacherneuerung, https://www.ta.hu-berlin.de/915 [zuletzt aufgerufen: 1.11.2018].

Wenzel, Gerhard: Dein Armer!: Das diakonische Engagement der Hugenotten in Berlin von 1672 bis 1772. Diakonie zwischen Ohnmacht, Macht und Bemächtigung. (Studien zur Kirchengeschichte; 25) Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2016.

Westpfahl, Ernst. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 35: Waage-Wilhelmson. E. A. Seemann, Leipzig 1942, 455.


  1. Die Nummerierung der Straße hatte sich über die Jahre mehrfach verändert.

  2. Stahlberg 1929, 9f.

  3. Siehe Probst 1996.

  4. Siehe Vollmer 1942, 455 und Hiller 2013.

  5. Siehe Technische Abteilung: https://www.ta.hu-berlin.de/915

  6. Siehe TA: https://www.hu-berlin.de/de/ueberblick/campus/mitte/standorte/dorotheenstrasse-26/dorotheenstrasse-26

  7. Siehe ebenda: https://www.ta.hu-berlin.de/915

  8. Vgl. das Interview mit Prof. Vivien Petras, PhD und Prof. Dr. Elke Greifeneder geführt von Thomas Roesnick (20.06.2018) in dieser Ausgabe: http://libreas.eu/ausgabe34/interview-roesnick/.


Ben Kaden ist Bibliothekswissenschaftler und arbeitet an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.

Linda Freyberg, Doktorandin am Promotionskolleg Wissenskulturen / Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg, Stipendiatin im Rahmen des Professorinnenprogrammes am Urban Complexity Lab (FH Potsdam) und Redakteurin der LIBREAS.Library Ideas. ORCiD: https://orcid.org/0000-0002-4620-7571.

Karsten Schuldt (Chur / Berlin) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur.