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Open-Access-Ideologie und nachteilige Systemwirkungen. Einige Überlegungen


Zitiervorschlag
Anita Czymborska, "Open-Access-Ideologie und nachteilige Systemwirkungen. Einige Überlegungen". LIBREAS. Library Ideas, 32 ().


Open Access ist die konsequente Fortsetzung der digitalen Transformation der Wissenschaften im Bereich des wissenschaftlichen Publikationswesens. Die Open-Access-Bewegung ist von der Grundannahme ausgegangen, dass der freie Zugang zu und die Nachnutzbarkeit von wissenschaftlichen Texten der Wissenschaft zweifelsohne und in jeder Hinsicht nutzen kann. Open Access sollte Zugangsschranken überwinden, strukturelle Ungleichheiten bezüglich der Wahrnehmung von Forschungsinhalten ausgleichen, effizientere Forschung ermöglichen, zu neuen Auswertungsmöglichkeiten und damit Erkenntnissen beitragen. Die Möglichkeiten der digitalen Publikation sollten vollumfänglich ausgeschöpft werden. Dabei galt als willkommener Effekt, dass neben dem wissenschaftlichen Diskurs auch die allgemeine Öffentlichkeit und die Industrie von öffentlich finanzierten Forschungsergebnissen profitieren kann. Nicht zuletzt hat die letzte Reform des Urheberrechts, inklusive des zuvor kodifizierten Zweitveröffentlichungsrechts, prinzipiell die Richtung verfolgt, die Rechtslage an die digitalen Möglichkeiten anzupassen und dabei einen Interessensausgleich herzustellen.

In der gegenwärtigen Situation sind jedoch dringend Richtungsbestimmungen vorzunehmen und strategische Entscheidungen zu treffen, die sowohl auf dialektische Entwicklungen, welche sich aus der Open-Access-Bewegung selbst, als auch aus äußeren Systemumständen ergeben, reagieren.

Die Dialektik der Digitalisierung ist in bisherigen Open-Access-Diskursen nicht ausreichend aufgenommen und reflektiert worden. Insgesamt haben diese den Anschein appellativer, affirmativer und positivistischer Ideologieproduktion vermittelt, das heisst Open Access als Zweck konstituiert, Maßnahmen diesem Zweck untergeordnet und nachteilige Effekte nicht systematisch analysiert.

Dialektik wird hier verstanden als Existenz faktisch widersprüchlicher Tendenzen im Rahmen einer Entwicklung, unter Einbezug auch antagonistisch agierender Akteure. Im Open-Access-Bereich ist zudem – wie in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen, in denen es um die Definition zukünftiger Strategien und damit um Machtfragen geht, zum Beispiel beim Begriff Nachhaltigkeit oder greengrowth – auch zu beobachten, dass eine Dialektik im altgriechischen Sinne stattfindet. Großverlage versuchen, den Begriff von Open Access gegen ihn selbst zu wenden und in einer Weise auszulegen, dass er de facto unterwandert und gegen die Ziele der Wissenschaft gewendet wird.

Wenn das Ziel von Open Access war, der Zeitschriftenkrise zu begegnen, ging es dabei um die Kostenkontrolle bei Preisen von Einzeltiteln und vor allem von big deals. Open Access wollte eine bessere digitale Rezeptions- und Nutzungssituation bei gleichzeitiger Kostenkontrolle erreichen.

Die Preissteigerungen waren das Ergebnis von Oligopolen, die vornehmlich durch drei Tendenzen ermöglicht wurden:

  • Zunahme der Publikationen, damit auch Zunahme von Zeitschriften;

  • Steigende Notwendigkeit von Auswahlmechanismen und damit Stratifizierungseffekten;

  • Abhängigkeit der Wissenschaft von den Inhalten bei gleichzeitiger Abgabe von den Verwertungsrechten für die Inhalte.

Im Endergebnis dieser Entwicklung haben kommerzielle Akteure, deren Imperativ die Gewinnmaximierung ist, die Hoheit erlangt über die Infrastrukturen zur Produktion von Gütern, die Güter selbst sowie die Kriterien für die Werthaftigkeit der Güter. Es in ein asymmetrischer Markt mit nicht-substituierbaren Gütern entstanden, der lock-in-Effekte und Pfadabhängigkeiten hervorgebracht hat.

Die Open-Access-Bewegung war eine Reaktion auf diese Situation, die sich verselbstständigt hat. Von Anfang an wäre die Verbindung von Lizenzierungsexpertise und Open-Access-Diskursen auf internationaler Ebene sinnvoll gewesen, um Ziele zu erreichen, die nicht mit vernunftorientiertem Diskurs, sondern nur mit Marktmacht zu erreichen sind. Zugleich hätte Open Access von Anfang an für alle Publikationsformen gleichermaßen propagiert werden sollen, um nicht strukturelle Nachteile in einzelnen Disziplinen zu perpetuieren, sondern die Wissenschaftskommunikation insgesamt gleichberechtigt zu öffnen. Nach wie vor generieren die Großverlage und die STM-Disziplinen Gewinne im Bereich der öffentlichen Aufmerksamkeitsökonomie, die sie in einen Bedeutungsgewinn reinvestieren.

Das Ziel gegenwärtiger Situationsbeschreibungen aus Sicht der Wissenschaft kann daher nicht sein, zu fragen: Is OA doing the job?, das heisst lediglich zu analysieren, in welchem Maße die freie Zugänglichkeit umgesetzt wird, und ob sie faktisch auch genutzt wird beziehungsweise welche Evidenz es dafür gibt, dass die bessere Zugänglichkeit auch bessere Forschung ermöglicht. Vielmehr muss, aufbauend auf einem Diskurs, der auch den Erfolg oder das Versagen1 bisheriger OA-Strategien im Kontext obiger Frage systematisch aufarbeitet, gefragt werden: Welche negativen Auswirkungen können Open-Access-Strategien auf das Gesamtsystem der Wissenschaftskommunikation und damit auf die Wissenschaft haben? Welche Aspekte von Open-Access-Strategien sind besonders kritisch? Ist das Ziel Open Access angesichts der Nebeneffekte überhaupt noch richtig? Wenn, ja, in welcher Form?

Man kann in dieser Hinsicht zwei Kategorien unterscheiden:

  1. Systemstabilisierende Strategien, Maßnahmen und Effekte

  2. Systemerneuernde Strategien, Maßnahmen und Effekte

In der Tat können auch systemstabilisierende und systemerneuernde Maßnahmen und Effekte in Open-Access-Strategien zusammenkommen, so dass sich beide neutralisieren oder blockieren. Zudem kann man auch im Rahmen der Lizenzierung und Literaturbeschaffung insgesamt systemstabilisierende und systemerneuernde Strategien verfolgen oder Maßnahmen umsetzen. Auch im System der wissenschaftlichen Bewertung gilt dies analog. Publikationswesen und Bewertungssystem sind in stabilisierenden und destabilisierenden Weisen miteinander verbunden, auch wenn sie grundsätzlich unterschiedlichen Systemlogiken folgen.

Die asymmetrische und hypertrophe Situation im wissenschaftlichen Publikationswesen ist dem wissenschaftlichen Diskurs dann abträglich, wenn er durch gegebene Rahmenbedingungen oder Interventionen fremdbestimmt wird und zum Beispiel nicht die Publikationsdienstleistungen den Erfordernissen in der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin folgen, sondern die Erfordernisse durch die Marktbedingungen geprägt werden. Er wird fremdbestimmt durch die strukturelle, nicht intrinsisch bedingte Ungleichheit der Finanzvoluminatransfers zur Aufrechterhaltung des Systems, durch die Abhängigkeit des wissenschaftlichen Wertungssystems von externalisierten, das heisst nicht mehr auf die konkreten wissenschaftlichen Inhalte gerichteten Bewertungskriterien und durch den Verlust der Inhaltskontrolle, also dem Verlust der Bestimmungsgewalt über die Nutzung und Verwertung der Inhalte durch die Urheber. Zudem wird er prinzipiell eingeschränkt durch die digitale (insbesondere die angestrebte deanonymisierte) Wissenschaftsüberwachung, wie sie durch die Anhäufung und Auswertung von Zugriffs-, Nutzungs-, Netzwerks- und Weitergabespuren bei globalen, keiner wissenschaftlichen oder rechtsstaatlichen Kontrolle unterworfenen, kommerziell agierenden und privatrechtlich organisierten Firmen ermöglicht wird. Dies gilt sowohl für digitale Spuren im Rahmen subskribierter wie im Open Access verbreiteter Inhalte.2

Diese Rahmenbedingungen schränken die prinzipiell existierende Wissenschaftsautonomie faktisch ein, auch wenn nicht jeder einzelne Wissenschaftler, nicht jede Wissenschaftlerin diese Einschränkungen wahrnimmt.

Open Access kann nur systemerneuernde und befreiende Wirkungen haben, wenn diese Rahmenbedingungen verändert werden. Open Access kann in diesem Fall daher kein Selbstzweck sein. Es kann nur Mittel zum Zweck sein. Heute muss man sich immer fragen: Zu welchem Zweck wird Open Access eingesetzt?

Systemstabilisierende Open Access-Strategien tragen dazu bei, dass diese Rahmenbedingungen sich nicht ändern. Goldene Open-Access-Strategien bei der Kooperationen mit dem kommerziellen Sektor haben diesen Effekt, wenn sie die Zahlung von Veröffentlichungsgebühren nicht an systemändernde Bedingungen knüpfen. Insbesondere kann die Finanzierung von APCs in Abhängigkeit von den in einem Bereich vorhandenen Forschungsgeldern oder traditionell verausgabten Geldern für die Literaturversorgung, die Privilegierung einzelner Verhandlungspartner bei der Lenkung von Finanzströmen, die Orientierung der Finanzierung an traditionellen Kriterien wie dem JIF und damit der Erhalt der Markenbildung, systemstabilisierende und weiter oligopolisierende Effekte haben, die dem ursprünglichen Ziel von Open Access schaden.

Nicht alle Effekte sind intendiert, können aber – auch wenn Maßnahmen andere Ziele verfolgen – Systemwirkung entfalten. Dies gilt auch im Bereich systemerneuernder Strategien.

Systemerneuernde Strategien verfolgen den Zweck, durch Einzelmaßnahmen die oben genannten Rahmenbedingungen zu ändern. Systemerneuernde Strategien können in produktive und destruktive Kategorien unterteilt werden. Produktive Strategien bauen Strukturen auf oder etablieren Mechanismen, die parallel und alternativ zu den bisherigen gelten und diese zu überwinden beziehungsweise durch die Erhöhung der Vielfalt die Marktmechanismen zu ändern und eine Wettbewerbsbalance herzustellen in der Lage sind.

Destruktive Strategien oder Maßnahmen unterwandern das bisherige System. Destruktive Effekte gehen zurzeit maßgeblich von auch illegalen Aktivitäten aus (SciHub und Sharing von geschützten Inhalten über Academic Social Networks). Problematisch wird es, wenn solcherart destruktive Strategien von den Hauptakteuren der Wissenschaftskommunikation, das heisst den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, als wissenschaftsadäquat gesehen, aufgenommen und verfolgt werden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen sich nicht nur persönlich strafbar unter den jetzigen rechtlichen Bedingungen, sondern sie verdeutlichen, dass die legalen Strategien der Zugriffsorganisation nicht ausreichend Wirkung entfalten. Zugleich wird deutlich, dass das Ziel der kommerziellen Verlage, welche gegen diese Verbreitungsweisen vorgehen, es nicht ist, die Wissenschaft zu unterstützen, sondern den Umsatz zu schützen, den Gewinnerhalt und die Gewinnmaximierung in jeder Arena – wie es jeher ihrer Rolle auch entspricht – zu verfolgen.

Man kann auch einzelne Sekundäreffekte identifizieren, die wissenschaftsfeindlich sind und durch gewisse Maßnahmen im Open-Access-Bereich hervorgerufen werden. Diese sind aber nicht an und für sich mit Open Access verbunden, sondern können generell eintreten und werden nur verstärkt.

An dieser Stelle gilt es, auch immer trennscharf zwischen Effekten der digitalen und der offenen Wissenschaft zu unterscheiden. Prinzipiell wissenschaftsfeindliche Effekte sind immer solche, welche auf einen extrinsischen und sachfremd motivierten Systemzwang zurückgehen, in die Wissenschaftsautonomie intervenieren und Entscheidungen beeinflussen können, welche rein wissenschaftsgeleitet sein sollten. Solche Effekte werden heutzutage vor allem vom kommerziellen Publikationssystem generiert. Im Open Access prägen sie sich beispielhaft folgendermaßen aus: Artikelgebühren steigen mit der Länge oder Komplexität von Texten. Artikelgebühren berechnen sich nach Art der CC-BY-Lizenz. Artikelgebühren steigen mit dem vermeintlichen Prestige der Zeitschrift. Renommierte Verlage verlangen höhere Buchveröffentlichungspreise. Aspekte wie slicing, predatory publishing und so weiter können prinzipiell auch ohne Open Access auftreten und tun dies auch.

Nicht jede Veränderung epistemischer Strukturen ist natürlich wissenschaftsfeindlich. Wissenschaftsfeindlich sind allerdings Eingriffe in epistemische Logiken und Diskursstrukturen, die nicht nur extrinsisch generiert sondern auch extrinsisch rechtfertigt werden. An dieser Stelle werden mich Wissenschaftstheoretiker der Naivität bezichtigen und damit Recht haben. Ich versuche lediglich, solche Effekte pragmatisch zu umschreiben. Möglich ist, dass die Qualitätsfrage in ganz neuen Dimensionen gelöst werden muss. Allerdings ist sie ein spezifisch wissenschaftsimmanentes Betätigungsfeld. Wenn Open Access-Zeitschriften oder digitale Publikationen sie aufwerfen, dann muss man sagen: ein funktionierendes System kann sie lösen und sogar besser lösen als bisher, und wenn nicht, ist das Gesamtsystem der Qualitätssicherung fragwürdig und muss ebenfalls verbessert werden. Qualitätssicherung, eine wissenschaftliche Filterfunktion, wird angesichts der Masse an Material immer wichtiger und damit auch ein Distinktionskriterium der Wissenschaft gegenüber anderen Diskursen. Sie erfordert höchste Aufmerksamkeit, Verantwortungsbereitschaft und Sorgfalt der Communities. Die Verlage waren nicht und sind nicht durchweg in der Lage, diese Funktion zu übernehmen.

An dieser Stelle muss ein Wort zur vermeintlichen Obligatorik gesagt werden, welche mit Open-Access-Verpflichtungen einhergeht. Es gibt rechtliche Untersuchungen3 dazu, wie sie sich in Deutschland zum Artikel 5 des Grundgesetzes verhält. Mir geht es nicht darum, sie moralisch zu rechtfertigen, sondern wissenschaftsimmanent. Die Wissenschaftskommunikation funktioniert nur, wenn Wissenschaft auch kommuniziert und rezipiert wird. Open Access bietet die beste Möglichkeit zur Erreichung dieses Ziels. Nur ein offenes System dient der Zirkulation und Generierung von Erkenntnissen. Es ist an sich widersprüchlich, die Freiheit der Wissenschaft anzuführen, um gegen Open-Access-Verpflichtungen zu argumentieren. Die Wissenschaft ist momentan angesichts der Systemzwänge nicht frei. Die Publikationsfreiheit wird durch Open Access überhaupt nicht tangiert. Tangiert werden Geschäftsmodelle von Verlagen, die nicht bereit sind oder nicht in der Lage sind, sich anzupassen. Es kann daher nicht darum gehen, ob eine Verpflichtung zum Open-Access die Wissenschaftsfreiheit einschränkt. Es muss vielmehr darum gehen, wie Open-Access-Verpflichtungen auf das gesamte Publikationssystem wirken. Dadurch muss eine Begründung dafür oder dagegen legitimiert werden.

Open-Access-Verpflichtungen können auch nachteilige Effekte haben, wenn sie gegensätzliche Maßnahmen befürworten und Zielkonflikte produzieren. Beim grünen und goldenen Weg des Open Access kann es sich zunehmend um solche Gegensätze handeln, insbesondere, wenn Verlage die unterschiedlichen Wege und damit verschiedene Länderstrategien gegeneinander ausspielen. So wird eine Stabilisierung des Systems durch ein Patt erreicht, von dem vor allem große globale Verlage profitieren können. Grüner Open Access, der von einer Erstveröffentlichung in einer Subskriptionszeitschrift abhängt, kann systemstabilisierend wirken. Goldener Open Access überwindet prinzipiell eine nicht-freie Erstpublikation. Goldener Open Access kann jedoch in anderer Hinsicht auch wiederum systemstabilisierend wirken. Grüner Open Access kann kostensenkend wirken. Goldener Open Access kann für die Nutzung in der Wissenschaft geeigneter sein.

Open-Access-Verpflichtungen können zudem Open Access schwächen, indem sie eine Komplexität der Publikations-, Auffindbarkeits- und Rezeptionssituation aus Wissenschafts- und Verwaltungssicht erzeugen, welche sowohl der Umsetzung als auch der Akzeptanz schadet und zu höheren Transaktionskosten führt. Es geht für die Wissenschaft darum, Mittel im Publikationssystem so effizient wie möglich einzusetzen, um Freiheiten in Form von Überfluss auszunutzen und nicht statt bei Aktionären in hypertrophen und übersichtlichen (Infra-)Strukturenmittel zu vergeuden.

Zur Verbesserung der Situation insgesamt gehört auch eine Eindämmung der Publikationsflut, sofern sie extrinsisch motiviert ist. Die Konzentration auf Wesentliches ist auch hier eine Tugend. Dazu müssen Bewertungssysteme angepasst beziehungsweise andere Spielregeln im System der Wissenschaftsgeltung insgesamt erfunden werden. Eine zu große Komplexität der Regelungen sowie der Such- und Zugangswege im Bereich der Publikation und der Literaturversorgung insgesamt – Open Access oder und Lizenzen – kann zum Systemkollaps führen. Es ist aber nicht ausgemacht, wer von diesem Kollaps profitiert und wer Schaden nimmt.

Jede Evolution ist dialektisch; jede Revolution ist es auch. Bei Revolutionen wenden sich in einer späteren Phase oftmals die Revolutionäre gegeneinander. Bei Evolutionen gewinnt eine überlegene Fraktion. Es ist offen, wie die Evolution im System der Wissenschaftskommunikation weiterverlaufen wird. Man sollte aber wenigstens wissen, wo die Fronten verlaufen und warum man Kriege verliert. Insbesondere droht die Gefahr, dass die Open-Access-Bewegung sich in Scharmützeln verzettelt.

Open Access darf aus Sicht der Wissenschaft nicht ideologisch, sondern muss funktional gesehen werden. Dazu gehört es, marginalisierende, stabilisierende und disruptive Effekte zu erkennen.

Der Humanist würde sagen: Dieses Erkennen mündet optimalerweise in Handlungen. Um das ursprüngliche Ziel von Open Access noch erreichen zu können, muss man möglicherweise die Frage nach dem Publikationsformat und -modus zurückstellen, jedenfalls wenn sie mit höheren Kosten und stabilisierenden Effekten verbunden ist, und Strategien verfolgen, die systemerneuernd wirken.

Eine völlige Entkopplung von Publikationsdienstleistungen und Bewertungsmechanismen scheint insgesamt als einziger Weg, um das Publikationswesen systemerneuernd aufzustellen. Dabei werden zahlreiche Akteure, Dienstleistungen und Marktteilnehmer nötig bleiben, jedoch unter dem Primat, dass die Hoheit und Entscheidungsgewalt über die Inhalte, die Kriterien von deren Wertschätzung (assessment, appraisal) und die Infrastrukturen durch die Wissenschaft ausgeübt wird. Die Frage muss immer sein: Wer kontrolliert Publikationsopportunität und -orte, Zugang zu Publikationen, deren Archivierung, Verbreitung und Nutzung? Wer gibt die Kriterien der wissenschaftlichen Bewertung vor? Ein grundsätzlicher Antagonismus der Ziele von Wissenschaft und Verlagen kann dabei nicht außer Acht gelassen werden. Pfadabhängigkeiten müssen schnell erkannt, lock-in und sell-out-Effekte vermieden werden.

Insgesamt muss auch die Gesamtheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich dazu aufgerufen fühlen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, unter welchen Bedingungen und wie das System ausgestaltet werden soll. Bewusstsein bestimmt dann das Werden.


  1. Toby Green: We’ve failed: Pirate black open access is trumping green and gold and we must change our approach: How can publishers see off the pirates? In: Learned Publishing, Wiley, Volume 30, Issue 4, October 2017, Pages 325–329. https://doi.org/10.1002/leap.1116.

  2. Siehe https://ra21.org/index.php/what-is-ra21/.

  3. Michael Fehling: Verfassungskonforme Ausgestaltung von DFG-Richtlinien zur Open-Access-Publikation: http://www.ordnungderwissenschaft.de/pdf/2014-4/PDFs_Gesamtpdf/04_01_fehling_dfg.pdf


Anita Czymborska, Wissenschaftlerin, veröffentlicht hier unter Pseudonym.