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Rezension zu: Ulrich Herb (2015). Open Science in der Soziologie: Eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme zur offenen Wissenschaft und eine Untersuchung ihrer Verbreitung in der Soziologie. Glückstadt: vwh.


Zitiervorschlag
Jens Wonke-Stehle, "Rezension zu: Ulrich Herb (2015). Open Science in der Soziologie: Eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme zur offenen Wissenschaft und eine Untersuchung ihrer Verbreitung in der Soziologie. Glückstadt: vwh.". LIBREAS. Library Ideas, 30 ().


Kontext

Open Science ist ein wissenschaftspolitisches Konstrukt, das derzeit von vielen Akteuren aufgegriffen wird.

Der Begriff […] bündelt Strategien und Verfahren, die allesamt darauf abzielen, die Chancen der Digitalisierung konsequent zu nutzen, um alle Bestandteile des wissenschaftlichen Prozesses über das Internet offen zugänglich und nachnutzbar zu machen. (Open Knowledge Foundation 2016)

Durch die Zusammenführung von mittlerweile etablierten technischen Möglichkeiten der netzbasierten Zusammenarbeit einerseits und denen der digitalen Verbreitung von Wissen andererseits sollen so bisherige, analoge Limitationen des Forschungsprozesses überwunden werden:

Der offene, durch möglichst wenige finanzielle, technische und rechtliche Hürden behinderte Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, Forschungsdaten und wissenschaftlicher Software erweitert die Transparenz und die Möglichkeiten zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Arbeit, erhöht durch eine verbesserte Informationsversorgung die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft und steigert durch die Erleichterung des Wissenstransfers in Wirtschaft und Gesellschaft die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Innovation. (Helmholtz Gemeinschaft 2016)

Damit wird die Diskussion um Open Access von der Beschränkung auf den Publikationsmodus von Texten befreit und die Weiterentwicklung des gesamten Forschungszyklus in den Blick genommen.

Je nach Perspektive umfasst das Open Science-Bündel neben den bereits genannten Elementen Publikationen, Forschungsdaten und Software auch Linked Open Data, Open Review, Citizen Science sowie Open Education und mündet in einen umfassenden Diskurs zur sogenannten Openness. (vgl. Max Planck Digital Library 2016)

In welchem Maß sich die Open Science jenseits dieser Postulate bereits gegenwärtig in der Wissenschaftspraxis manifestiert, untersucht Ulrich Herb in seiner Dissertation Open Science in der Soziologie, die er hybrid veröffentlicht hat: Digital unter der Creative Commons-Lizenz CC-BY-NC auf dem Online-Speicherdienst Zenodo sowie auf dem institutionellen Repositorium SciDok, inklusive Forschungsdaten als Supplement und schließlich gedruckt im Werner Hülsbusch Verlag.1

Aufbau

Herb geht analog zum Titel in drei Schritten vor: Zuerst leitet er eine Definition von Offenheit ab (A), trägt anschließend zusammen, was in dieser Perspektive bereits fachübergreifend praktiziert wird (B) und fokussiert schließlich auf die Situation in der deutschsprachigen Soziologie (C).

In Teil A wird das begriffliche Instrumentarium angelegt. Basierend auf der logische[n] Unterscheidung von entgeltfreiem und offenem Zugang zu wissenschaftlichen Informationen (Herb 2015, S. 12) definiert Herb fünf Untersuchungsdimensionen, die für ihn die Bausteine derOffenen Wissenschaft" ausmachen:

  1. Open Access zu wissenschaftlichen Publikationen,

  2. Open Access zu Forschungsdaten,

  3. Open Review,

  4. Open Metrics und schließlich

  5. Open Access zu wissenschaftlicher Software. (ebd.)

Zusammengenommen ist Open Science damit ein Prinzip […], das alle im Forschungszyklus anfallenden Informationsitems offen oder zumindest entgeltfrei verfügbar machen will (ebd. , S. 9).

Ein Zwischenfazit fasst diesen Teil zusammen.

In Teil B referiert Herb fachübergreifend Studien, die Publikationspraktiken in den fünf Bausteinen der offenen Wissenschaft empirisch analysiert haben und kommt so zu einer Darstellung des aktuellen Standes der einzelnen Open-Science-Teilbereiche (inklusive vorgetragener Argumente zugunsten der Konzepte sowie dagegen). (ebd., S. 7) Dieser Teil bildet die Folie, vor der die Situation der Soziologie beurteilt werden kann. In dieser umfangreichen Metastudie werden in jeder Dimension im Detail die Begrifflichkeiten und die zentralen Argumentationsfelder erläutert sowie der jeweilige Stand der Forschung referiert.

Der dritte Teil (C) ist der Analyse des aktuellen Stands der offenen Wissenschaft in der deutschsprachigen Soziologie gewidmet. Herb geht es in diesem Teil um eine Untersuchung der Verbreitung und Akzeptanz der erwähnten fünf Open-Science-Bausteine in der Soziologie (insbesondere der deutschsprachigen) anhand einer Literaturstudie und explorativer Datenerhebungen. (ebd., S. 8) Die Ergebnisse seiner eigenen Erhebungen sind, soweit es die rechtlichen Bedingungen erlaubten, als Supplement zum Dissertationstext veröffentlicht. (vgl. z.B. Herb 2014)

Für seine eigenen Erhebungen in diesem Abschnitt stellt Herb basierend auf den Erkenntnissen der ersten beiden Teile vier Hypothesen auf:

  1. Open Access zu wissenschaftlichen Journalen und Journalartikeln ist in der Soziologie nicht geringer ausgeprägt als in anderen Disziplinen. (Herb 2015, S. 321)

  2. Open Access zu wissenschaftlichen Buchpublikationen ist in der Soziologie geringer ausgeprägt als der Open Access zu Journalen und Journalartikeln. (ebd.)

  3. Die Open-Science-Elemente offener Zugang zu Forschungsdaten und -software, Open Metrics und Open Review finden wenig Verbreitung und Anerkennung in der Soziologie. (ebd., S. 322)

  4. Die metrische Beschreibung von Textpublikation aus der Soziologie gelingt durch Zitationsdatenbanken schlechter als durch die Nutzung von Altmetrics, Open Metrics oder Google Scholar. (ebd.)

Herb bricht diese vier Komplexe auf 22 Forschungsfragen herunter, z.B: 3. Wenden Open-Access-Journale in den Sozialwissenschaften in geringerem Maß Peer Review an als Open-Access-Journale aus anderen Disziplinen? [Hypothese A] (ebd.), oder 15. In welchem Ausmaß machen Autoren Forschungsdaten zu Artikeln in soziologischen Journalen frei oder offen zugänglich? [Hypothese C] (ebd., S. 323).

Die Studie endet mit einer knappen abschließenden Bewertung.

Kritik

Hier soll kein Peer Review durchgeführt werden, sondern ein Nebeneffekt der Dissertation überprüft werden, nämlich die Frage, ob es sich lohnt, sie zu lesen. Und da absolute Aussagen immer schwierig sind, soll diese Perspektive eingeschränkt werden auf Menschen, die sich in Bibliotheken berufsmäßig mit in den Geistes- und Sozialwissenschaften Forschenden beschäftigen, z.B. FachreferentInnen.

Ja. (Und deswegen gibt es hier auch keine Spoiler.)

Herbs Text ist in seiner Anlage älter als die derzeitige Konjunktur des Begriffs Open Science. Vielleicht ermöglicht gerade das einen so klaren und wenig dem Hype geschuldeten Zugang: Was bedeutet offen und wie äußert sich das in Forschungspraktiken? Die beiden ersten Teile sind dabei so übergreifend und abstrakt angelegt, dass sie für LeserInnen auch unabhängig von deren Interesse für Soziologie funktionieren. Der Überblick über Studien zur Verbreitung von Open Science und den Effekten des offenen Publizierens ist ein äußerst wichtiger Teil der Debatte um Open Science, weil er mit dem referierten Material den Bezugspunkt für eine empirisch begründete Auseinandersetzung schafft. Die Fokussierung auf die Soziologie am Ende ist interessant, weil die Soziologie in der öffentlichen Wahrnehmung gerade nicht als Paradefach der Open Access-Kultur gilt. (vgl. Herb 2015, S. 10)

Der Aufbau ist logisch. Es stört lediglich etwas, dass die detaillierte Fragestellung erst im dritten Teil und damit sehr nah am Schluss nach zwei Dritteln Text erläutert wird (ohne dass ein Gegenvorschlag nahe läge, denn was man speziell an der Soziologie untersuchen könnte ergibt sich nach und nach aus den Begriffsklärungen (A) und dem fachübergreifenden Überblick (C) ). Die Prüfung der vier Hypothesen daraufhin, ob sie bestätigt werden können, erscheint verzichtbar. Sie haben eher den Charakter von empirisch fundierten Thesen. Die Forschungsfragen sind aber sowohl für die Bibliothekswissenschaft als auch für die bibliothekarische Praxis relevant.

Um einen in sich abgeschlossenen Text zu schaffen, der alle Elemente zur Bearbeitung seiner Forschungsfragen selbst enthält, also gewissermaßen einen Hypertext, den man offline lesen kann, musste Herb zwangsläufig eine Vielzahl von Ergebnissen referieren. Er tut das abwechslungsreich, mal zitiert er indirekt, mal referiert er im Fließtext, mal, wenn es die Lizenz erlaubt, bettet er Grafiken im Layout der jeweiligen Studie ein und macht so en passant klar, was re-use bedeutet. Aber dieses Ansammeln von Input für die Auswertung nimmt viel Raum ein und macht den Text auch sperrig. So wäre ebenso am Ende von Teil B, dem Überblick über den Stand der Open Science, ein Zwischenfazit hilfreich gewesen.

Das Werk ist eine große Hilfe für alle, die in Bibliotheken im sozial- und geisteswissenschaftlichen Umfeld einen Überblick über sich verändernde Forschungs- und Publikationspraktiken benötigen, da ihnen eine klare Erläuterung der Terminologie, ein knapper Einstieg in die Diskussion und ein tiefer Einblick in die aktuelle Wissenschaftspraxis gegeben wird.

TL; DR:

Literatur

Helmholtz Gemeinschaft (2016): Open Science. https://www.helmholtz.de/forschung/open_science/.

Open Knowledge Foundation (2016): Open Science. https://okfn.de/themen/offene-wissenschaft/.

Max Planck Digital Library: Open Science Days: About.http://osd.mpdl.mpg.de/.

Herb, Ulrich (2014): Open Science in Soziologie-Journalen aus deutschsprachigen und nicht-deutschsprachigen Ländern, Daten und Auswertungen einer Journal-Stichprobe [Data set]. Zenodo. http://doi.org/10.5281/zenodo.10786.

Herb, Ulrich (2015): Open Science in der Soziologie: Eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme zur offenen Wissenschaft und eine Untersuchung ihrer Verbreitung in der Soziologie.  Schriften zur Informationswissenschaft; Bd. 67 [Zugleich: Diss., Univ. des Saarlandes, 2015]. Verlag Werner Hülsbusch : Glückstadt. ISBN 978-3-86488-083-4. http://doi.org/10.5281/zenodo.31234 oder http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:291-scidok-62565

Alle Links wurden zuletzt am 4.12.2016 getestet.


Jens Wonke-Stehle ist Fachreferent für Soziologie und Philosophie sowie Web Service Manager an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.