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Kurze Geschichte der Numa-Forschung


Zitiervorschlag
Manfred Herzer, "Kurze Geschichte der Numa-Forschung". LIBREAS. Library Ideas, 29 ().


Numa Praetorius war das Pseudonym des Straßburger Juristen und Schriftstellers Eugen Wilhelm (1866-1951). Er benutzte es in den Jahren 1899 bis 1932 für seine Beiträge zu deutschen, französischen und italienischen Zeitschriften, Jahrbüchern und Serien, in denen er sich fast stets zu homosexuellen Themen äußerte.

Am Anfang der 1970er Jahre entstand in der BRD und in Westberlin eine Emanzipationsbewegung der Schwulen, bald auch der Lesben, die aus der studentischen Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg hervorgegangen war. Schon früh entdeckte sie ihr Interesse an der Geschichte der Schwulenverfolgung und -emanzipation, fand in Bibliotheken und Archiven die Bände des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen als beste Quelle zum Einstieg in die Thematik, und darin die Bibliographie der Homosexualität, die ein Dr. jur. Numa Praetorius beinahe in jedem Jahrgang geschrieben hatte.

Diese Bibliographie war eigentlich keine. Es handelt sich vielmehr um eine Sammlung manchmal sehr umfangreicher kritischer Referate zu Büchern und Zeitschriftenaufsätzen zur Homosexualität. Im Fall des Buches Homosexualität und Strafgesetz, das ein Rostocker Juraprofessor Wachenfeld als Warnung vor der Schwulenemanzipation verfasst hatte, füllte die Besprechung mehr als hundert Seiten im Jahrbuch von 1902. Das war Numas Rekord, dabei war Wachenfelds Buch nicht viel dicker (150 Seiten).

Damals war Wilhelm noch Amtsrichter in Straßburg, doch schon seit etwa 1898 in Magnus Hirschfelds Wissenschaftlich-humanitärem Komitee in Charlottenburg bei Berlin aktiv. Bei seinen Kommentaren zur aktuellen wissenschaftlichen Literatur zu schwuler oder lesbischer Belletristik und zu politischen Traktaten kam es ihm stets darauf an, Hirschfelds Theorie der Homosexualität zu verteidigen und zu erklären. Er hatte sie sich vollständig zu Eigen gemacht. Sie geht hauptsächlich von zwei Annahmen aus (Homosexualität sei genauso natürlich und angeboren wie Heterosexualität, und genau wie bei dieser handele es sich nicht um eine Krankheit) und folgert daraus, dass der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuches, der homosexuelle Handlungen der Männer bestrafte, abgeschafft werden müsse. Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee hatte den Zweck, für dieses Ziel zu werben und die Bevölkerung über die moralische Berechtigung der Homosexualität aufzuklären. Numa Praetorius stellte sich nicht allein mit seiner Bibliographie in den Dienst an dieser Sache.

Das Buch The Homosexual Emancipation Movement in Germany, das der amerikanische Germanist James D. Steakley 1975 vorlegte, könnte man, obwohl in New York in englischer Sprache erschienen, als Gründungsmanifest einer schwullesbischen Geschichtsforschung hierzulande bezeichnen. Steakley hatte an der Freien Universität studiert, war in der Homosexuellen Aktion Westberlin aktiv und recherchierte für sein kommendes Buch vor allem in der damals noch existenten Berliner Medizinischen Zentralbibliothek, die unter anderem alle 23 Jahrgänge des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen besaß. In seinem Buch, das einen ersten skizzenhafte Überblick über die Schwulenbewegung von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis zu ihrer Vernichtung im Hitlerfaschismus bot, erwähnte Steakley zwar die reviews of fictional and non-fictional publications and complete annual bibliographies of relevant works (S. 24). Vom Autor, seinem wirklichen Namen und seinem Leben wussten er und die Mitglieder des Geschichtsarbeitskreises in der Homosexuellen Aktion Westberlin aber noch nichts.

Steakleys Buch bewirkte einen Aufschwung der schwulen Geschichtsforschung und noch in den 1970er Jahren konnte ein erster Hinweis auf die wahre Identität des offensichtlich pseudonymen Numa Praetorius aufgefunden werden. In einer Broschüre von 1924, Die deutsche Bewegung zur Aufhebung des § 175 R.St.G.B., verfasst von Ferdinand Karsch-Haack, einem langjährigen Mitarbeiter Hirschfelds heißt es, ebenfalls auf Seite 24:

Von dauerndem Wert [im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen] ist unter anderem die durch fast alle Bände verstreute ,Bibliographie der Homosexualität‘ von Eugen Wilhelm (Numa Praetorius), die bedauerlicher Weise mit dem 22. Jahrbuch 1922 ihren Abschluß gefunden zu haben scheint.

Bald schon sollte sich die Richtigkeit dieser Enthüllung von Numas wirklichem Namen erweisen, die offensichtlich ohne Zustimmung des Betroffenen als eine Art Zwangsouting erfolgte. Ob Wilhelm davon je erfahren hat, wissen wir nicht.

Ein großer Schritt nach vorn in der Numa-Forschung gelang 1984 Hartmut Walravens, einem leitenden Bibliothekar der damals noch Westberliner Staatsbibliothek, mit seinem 111 Nummern umfassenden Verzeichnis Eugen Wilhelm, Jurist und Sexualwissenschaftler. Eine Bibliographie. Walravens konnte, wie er im Vorwort mitteilt, unter anderem mittels stilistischer Textvergleichung eigenständig Numas Pseudonym auflösen. Wilhelms Lebensdaten hatte er ebenfalls erstmals in einem Straßburger Archiv ermittelt.

Im folgenden Jahr wurde in Berlin-Kreuzberg das Schwule Museum gegründet. Es entstand die Idee einer Museumszeitschrift, die Capri heißen sollte, nach der italienischen Sehnsuchtsinsel schwuler Bildungsbürger im Europa des 20. Jahrhunderts. Dem Vorbild der Numa Praetoriusschen Bibliographie folgend, sollte Capri ein Referateorgan sein, in dem die neue Literatur zur Homosexualität besprochen wird. Die Verlage würden die Rezensionsexemplare gratis zur Verfügung stellen und so den Aufbau einer Museumsbibliothek ermöglichen. Dieser Plan gelang nur zum Teil.

Walravens‘ Numa-Bibliographie war in einem Hamburger Kleinverlag erschienen, so dass wir im Museumsverein erst Jahre später davon erfuhren. Für das Capri-Heft vom November 1990 habe ich eine Besprechung geschrieben, in der ich das sehr schmale, in blaues Leinen gebundene und mit Goldschrift auf dem Rücken verzierte Buch wegen seiner pioniermäßigen Neuheit lobte. Der Besprechung konnte ich einen gerade erst in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek entdeckten Brief Kurt Hillers beifügen, in dem dieser von seiner jahrzehntelangen Bekanntschaft mit Wilhelm erzählt und Details aus dessen Leben berichtet.

Ein weiterer Forschungsfortschritt war im Jahr 2003 erreicht, als Hillers Nachlass für die Öffentlichkeit freigegeben und darin elf Briefe und Postkarten entdeckt wurden, die Wilhelm zwischen 1936 und 1947 an Hiller geschickt hatte. Man erfuhr jetzt, dass Wilhelm 1941 von den deutschen Besatzern Frankreichs wegen seiner Homosexualität ins KZ gesperrt wurde. Wenngleich nun allmählich immer mehr Einzelheiten aus Wilhelms Leben und schriftstellerischem Werk bekannt wurden, herrschte doch noch weitgehende Unkenntnis über Wilhelms Persönlichkeit. Nicht einmal eine Fotografie war bekannt.

Die Wende trat ein, als 2009 in Paris die Entdeckung der Tagebücher Wilhelms und des Fotoalbums seiner Familie gelang. Das Tagebuch hatte er ohne Unterbrechung während der Jahre 1885 bis 1951, dem Jahr seines Todes, geschrieben. Bisher hat die philologisch-historische Untersuchung der Tagebücher, die eine kommentierte, transkribierte und ins Deutsche übersetzte Edition des gesamten Werks zum Ziel hat, eine Fülle neuer Erkenntnisse gezeitigt. Der Abschluss dieser Arbeit ist noch nicht abzusehen.

Wilhelm hat in den Jahrgängen 1900 bis 1922 des Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen den Rezensionenteil betreut und weitgehend selbst verfasst. Der Titel Bibliographie der Homosexualität benennt die tatsächlich vorliegende Sammlung von Rezensionen nicht angemessen. Er wurde aus dem ersten Jahrgang des Jahrbuchs übernommen, in dem es tatsächlich eine solche gab. Sie verzeichnete etwas mehr als dreihundert Werke aller literarischen Gattungen und historischen Epochen von Platon bis Krafft-Ebing nach dem Autorenalphabet geordnet und unannotiert. Richard Meienreis, ein Mitarbeiter Hirschfelds, hatte sie zusammengestellt, ohne dass sein Name genannt wurde. Erst viele Jahre später gab Hirschfeld den Namen des Autors bekannt.

Meienreis hat die Bibliographie der Homosexualität nicht erfunden. Das vermutlich erste einschlägige Verzeichnis hat 1869 Karl Heinrich Ulrichs, die Mutter aller schwulen Emanzipationsbewegungen, vorgelegt. Als Anhang zum neunten Band seiner Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe listet er die ihm bekannten Schriften über Urningsliebe auf. Diese Liste beginnt mit seinen eigenen Schriften, die durch A. Serbe’s Buchhandlung in Leipzig gegen Einsendung der betreffenden Beträge direct und franco versandt werden. Dann folgt ein nach Ländern geordnetes, mit I. Griechenland beginnendes und mit VIII. Deutschland endendes Verzeichnis von neunzehn durchnumerierten manchmal annotierten Schriften. Unter III. Italien nennt er bloß Alcibiade fanciullo a scola, 1652; nach Baseggio’s vager Vermuthung von Ferrante Pallavicini; übersetzt ins Französische: Alcibiade enfant à l’école; 1866. Er merkt dazu an: Neben naturwissenschaftlich wichtigen Stellen enthält das Buch so viel schlüpfriges, dass ich es hier nicht aufführen möchte. Er führt es aber doch auf und fügt hinzu: Wer zu wissen wünscht, wo und wie es zu erhalten sei, wende sich an mich.1

Meienreis‘ Bibliographie von 1899 verzeichnet Alcibiade fanciullo als anonymes Werk und hält den vermeintlichen Autor Pallavicini für den Übersetzer aus dem Italienischen. Die Liste der Schriften zur Urningsliebe scheinen weder Meienreis noch Wilhelm zur Kenntnis genommen zu haben.

Literatur

Dubout, Kevin (2011): Eugen Wilhelms Tagebücher. Editorische Probleme, Transkriptions- und Kommentarprobe, in: Officina Editorica, hrsg. von Jörg Jungmayr und Marcus Schotte. Berlin, S. 214-304.

Dubout, Kevin (2014): Aufklären, vernetzen, entgegnen. Zur unmittelbaren Vorgeschichte des WhK (1894-1897), in: Capricen. Momente schwuler Geschichte, zusammengestellt von Rüdiger Lautmann. Hamburg, S. 15-39.

Herzer, Manfred (1990): [Rezension zu Walravens 1984], in: Capri, Jg. 3, Nr. 3, S. 31-33.

Herzer, Manfred (2004): Ich freue mich sehr, dass Sie den Krieg gut überstanden haben. Zu einem Brief von Eugen Wilhelm an Kurt Hiller in London, in: Capri, Nr. 35, S. 32-35.

Karsch-Haack, Ferdinand (1924): Die deutsche Bewegung zur Aufhebung des § 175 R.St.G.B. Berlin-Pankow.

[Meienreis, Richard] (1899): Bibliographie der Homosexualität, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität, Jg. 1, S.215-238.

Steakley, James D. (1975): The Homosexual Emancipation Movement in Germany. New York.

Ulrichs, Karl Heinrich (1869): Argonauticus. Zastrow und die Urninge des pietistischen, ultramontanen und freidenkenden Lagers. Leipzig. (Reprint Berlin 1994: Ulrichs, Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe. VIII. Incubus. IX. Argonauticus.

Walravens, Hartmut (1984): Eugen Wilhelm, Jurist und Sexualwissenschaftler. Eine Bibliographie. Hamburg.


  1. Das Werk liegt seit 2002 in einer Übersetzung von Wolfram Setz unter dem Titel Der Schüler Alkibiades im Hamburger Männerschwarmverlag vor. Ziemlich eindeutig konnte inzwischen der römische Arzt und Philosoph Antonio Rocco als Verfasser ermittelt werden.