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Die architektonische Idee der modernen Bibliothek

Die moderne Bibliothek geht auf einen Übergang der Saalbibliothek zur Magazinbibliothek zurück, der sich im 19. Jahrhundert vollzog. Bevor erste Magazinbibliotheken ab den 1850er Jahren gebaut wurden, existierte die moderne Bibliothek in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem als Idee. Es entstand eine kaum übersehbare Zahl an Bibliotheksentwürfen und -schriften, in denen nach einer architektonischen Form gesucht wurde, die der Expansion der Gutenberggalaxis, der Erweiterung des Nutzerkreises und der räumlichen Ausdifferenzierung der Bibliotheksfunktionen entsprach. Ausgehend von der öffentlichen Bibliotheksdiskussion, wie sie auch und besonders in der Architekturpresse geführt wurde, untersucht der Beitrag am Beispiel der französischen Bibliothèque royale den Entwurf der modernen Bibliothek als Zentral- bzw. Rundbau mit einem Lesesaal in seiner Mitte. In diesen Entwurf schreiben sich in der Zeitspanne von 1790 bis 1850 vollkommen verschiedene Wissens- und Körperordnungen ein. Ihre Verbindung besteht dort, wo sich das absolute räumliche Zentrum der Bibliothek durch ein allsehendes Auge besetzt zeigt.


Zitiervorschlag
Kirsten Wagner, "Die architektonische Idee der modernen Bibliothek. ". LIBREAS. Library Ideas, 28 ().


Zur Diskussion der modernen Bibliothek in der Architekturpresse

In der Revue générale de l’architecture et des travaux publics erschien im Jahr 1849 ein Beitrag des Herausgebers und Architekten César Daly (1811-1894) über öffentliche Bibliotheken. (Abb. 1) Das Versprechen der öffentlichen, für jeden zugänglichen Bibliothek, wie sie im 19. Jahrhundert als Teil des staatlichen Erziehungs- und Bildungswesens Verbreitung fand, scheint groß.1 Als Institution des Wissens und der Belehrung vermag sie Daly zufolge auch noch das ungestümste Temperament zu zügeln, Eisenschwerter in solche des Wortes zu verwandeln, die Augen der Pracht der Natur, das Herz gegenüber den süßesten und nobelsten Gefühlen zu öffnen, den Verstand zu nähren, damit er über das Licht des Schönen und Guten am Wahren partizipiere.2 Kurz, die öffentliche Bibliothek verspricht sowohl Gemüts- als auch Verstandesbildung. Sie erweist sich als eines der wichtigsten Instrumente allgemeiner Bildung.

Abb. 1: Frontispiz der Revue générale de l’architecture et des travaux publics, tome 1, 1840.

Abb. 1: Frontispiz der Revue générale de l’architecture et des travaux publics, tome 1, 1840.

Auf der Grundlage statistischer Erhebungen, die im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Planungs- und Steuerungsinstrument wurden, schließt sich dieser Lobrede auf die öffentliche Bibliothek eine Übersicht über Anzahl und Verbreitung bereits bestehender Bibliotheken in Frankreich und anderen Ländern an. Mit 107 öffentlichen Bibliotheken, sieben davon in Paris, kommen in Frankreich auf eine Bibliothek im Durchschnitt 336.448 Einwohner. Frankreich liegt damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten an hinterer Stelle. Bei der hypothetischen Pro-Kopf-Versorgung mit Büchern und anderen Druckerzeugnissen schneiden die Toskana, Sachsen und Bayern am besten ab. Doch nicht nur die statistisch erwiesene Unterversorgung der Bevölkerung mit Literatur im weitesten Sinne3 erweist sich als problematisch und ruft den Architekten als Entwerfer und Erbauer von Bibliotheken auf den Plan. Besonderer Handlungsbedarf besteht für Daly bereits hinsichtlich der vorhandenen 107 Bibliotheken des Landes, denn eigentlich handelt es sich mehr um Lagerräume von Buch- und Handschriftenbeständen, die vielfach noch mit Münzen, Antiken und Gemälden vermengt sind, und damit um Einrichtungen, die für Daly halb Buchladen, halb Altwarenhändler sind.4 Eine Ausnahme stellt für ihn lediglich die von Henri Labrouste (1801-1875) entworfene Bibliothek Sainte-Geneviève dar, die im Jahr 1849 kurz vor ihrer Fertigstellung stand.5

Mit der öffentlichen Bibliothek verhält es sich Daly zufolge genauso wie mit den anderen neuen Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit den Bahnhöfen und den Eisenbahnstationen: die an der École des beaux-arts ausgebildeten Architekten seien auf sie, im Gegensatz zu den Ingenieuren der technischen Hochschulen, in keiner Weise vorbereitet. Wenn das historische Bild auch etwas anders ausfällt, tatsächlich bleiben es die Architekten der Akademien, auf die die wichtigsten Bibliotheksentwürfe und -bauten des 19. Jahrhunderts zurückgehen, dann zeigt das die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch vollkommen offene Frage, wie die moderne öffentliche Bibliothek in architektonischer Hinsicht auszusehen hat. Denn welche Art von Gebäude kann ihr nicht nur in ästhetischer und symbolischer, sondern auch in funktionaler Hinsicht entsprechen? Ein Aspekt, der sowohl von Seiten der Architektur als auch von Seiten der sich professionalisierenden Bibliothekare in der ersten Jahrhunderthälfte zusehends in den Vordergrund rückt. Wie nach ihm auch andere Architekten6 holt sich Daly Rat bei Léon de Laborde (1807-1869), der vier Jahre zuvor in mehreren Briefen die kontrovers geführte Diskussion um einen möglichen Abriss des Palais Mazarin beziehungsweise einen Neubau der Bibliothèque royale7 aufgegriffen und eine kurze Geschichte des Bibliotheksbaus mit einem Schwerpunkt auf dem 17. bis 19. Jahrhundert vorgelegt hatte.8 (Abb. 2)

Abb. 2: Frontispiz des achten Briefes von Léon de Laborde über den Bau von Bibliotheken, 1845.

Abb. 2: Frontispiz des achten Briefes von Léon de Laborde über den Bau von Bibliotheken, 1845.

Die Verbreitung von Labordes Studie zum Bau und zur Organisation von öffentlichen Bibliotheken über die Revue générale de l’architecture et des travaux publics verfolgt vor allem den Zweck, die Architekten auf ebenjene Bauaufgabe vorzubereiten. (Abb. 3) Es sollen ihnen die notwendigen Informationen für einen im Sinne Labordes und Dalys funktionalen Bibliotheksbau an die Hand gegeben werden, dessen Raumprogramm sich nicht auf ein äußerlich bleibendes Zitat der antiken Ordnungen beschränkt, sondern von den verschiedenen Aufgaben der Bibliothek, gleichsam von innen her, entwickelt wird. An solchen hatte Laborde im Anschluss an das in den 1820er Jahren bereits erreichte bibliothekarische Selbstverständnis bestimmt; es sei hier nur an Leopoldo della Santa und Christian Molbech erinnert:9 erstens die sichere Aufbewahrung von Büchern, zweitens eine leichte und schnelle Recherche und drittens eine ungestörte Lektüre. Jeder Aufgabe entspricht ein eigener räumlicher Bereich: der Aufbewahrung das Depot oder, wie es in Zusammenhang mit der modernen Bibliothek heißt, das Magazin, der Recherche die Theke des Bibliothekars und ihr zugeordnet der Katalog, der Lektüre der Lesesaal. Die von Laborde verfolgte räumliche Ausdifferenzierung kennzeichnet den Übergang von der barocken Saalbibliothek, in deren Raum noch alle drei Funktionen sowie wesentlich diejenige der Repräsentation zusammenfallen, zur modernen Magazinbibliothek. Dieser Übergang vollzog sich vom späten 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, und zwar weniger über vereinzelte Bauten10 als über eine Reihe bibliothekarischer und architekturtheoretischer Schriften, in denen das moderne Bibliotheksgebäude vor allem als Idee zirkulierte. Es ließe sich hier ebenso gut von einer Phase der Latenz sprechen, in der der Bibliotheksbau alle nur erdenklichen Dispositionen angenommen hat, bevor sich dann ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit allgemein einsetzender Bautätigkeit bestimmte Grundrisslösungen, Gebäudeformen und Baustile durchsetzen und normativ werden. Hierher gehören die von bibliothekarischer Seite aus bevorzugten Lösungen eines länglichen Baukörpers, oft im Stil der Neorenaissance oder des Neobarock ausgeführt, mit den räumlich voneinander getrennten Funktionen: dem Lesesaal, der bis in das 20. Jahrhundert hinein in der Regel das räumliche Zentrum der Bibliothek bildet, den Katalog- und Verwaltungsräumen sowie zusehends einem schmucklosen Magazin mit Flachdecken und Doppelrepositorien.11

Abb. 3: Tableau mit Grundrissen von Bibliotheksbauten in der Revue générale de l’architecture et des travaux publics, tome 8, 1849-50.

Abb. 3: Tableau mit Grundrissen von Bibliotheksbauten in der Revue générale de l’architecture et des travaux publics, tome 8, 1849-50.

Die scheinbar linear verlaufende Entwicklungsgeschichte der modernen Bibliothek vom dysfunktionalen Schmuck- und Repräsentationsbau zum zweckmäßig eingerichteten Funktionsbau hat das im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert eröffnete Feld möglicher Bibliotheksarchitekturen in den Hintergrund treten lassen. Indessen weist es ein auffallendes Spektrum auf, und zwar nicht nur hinsichtlich der unterschiedlichen Genera und Stile, in denen das Bibliotheksgebäude gedacht worden ist, sondern auch der Anleihen an andere Gebäudetypen. In den zahlenmäßig kaum zu überblickenden Entwürfen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allein für die französische Bibliothèque royale finden sich Referenzen an Tempel, Theater, Kaserne, Fabrik und Gefängnis mit ihren jeweils eigenen Raumordnungen, die immer auch Wissens- und Körperordnungen sind. Das von bibliothekarischer Seite ausgesprochene Verdikt gegenüber bestimmten Raumformen hat deren Verdrängung dabei begünstigt, wenn sie auch nie ganz aus der Bibliotheksarchitektur verschwunden sind. Ein Beispiel dafür geben Rundbauten und Kuppellesesäle. Entgegen der durch Léon de Laborde oder Georg Leyh an ihnen geübten Kritik12 sind sie bis in die Gegenwart hinein im Bibliotheksbau zu finden.13

Insgesamt macht die Bibliothekswissenschaft der Architektur die Autorität über den Bibliotheksbau im 19. Jahrhundert streitig. Hatte die Architekturtheorie14 an allgemeinen Bedingungen desselben bis in das 19. Jahrhundert kaum mehr festgestellt, als dass das Gebäude gegen Feuchtigkeit und Brandgefahr zu schützen sei, darüber hinaus den natürlichen Lichteinfall zu berücksichtigen und diesen über die Ausrichtung der Räume und ihre Fensteröffnungen zu verstärken habe,15 dann wurde dies aus der bibliothekarischen Praxis im 19. Jahrhundert um die voneinander getrennten Funktionsabläufe in der Bibliothek und ein daraus abgeleitetes Raumprogramm erweitert. Schon Laborde weiß zwischen solchen Bauten zu unterscheiden, bei denen für Planung und Entwurf ausschließlich ein Architekt verantwortlich gezeichnet hat – Bauten, die seiner Kritik bezeichnender Weise nicht standhalten –, und solchen, bei denen diese Aufgaben wesentlich vom Bibliothekar beeinflusst worden sind. Während Leyh am Ende der Entwicklung der modernen Magazinbibliothek den Architekten nur mehr als Künstler und nur noch dort tätig werden lässt, wo es über die allgemeine Disposition des Gebäudes hinaus um die Parerga von Büchersammlungen geht: […] die Gestaltung der Fassade, der Eingangshalle, des Treppenhauses, der Lesesäle […].16

Die Diskussion um die moderne Bibliotheksarchitektur verläuft entsprechend an zwei seit dem späten 18. Jahrhundert gezogenen Grenzen: zwischen Architekt und Ingenieur einerseits, zwischen Architekt und Bibliothekar andererseits. Kennzeichen dieser Diskussion ist, dass sie öffentlich über das Medium ausgetragen wird, das von sich beansprucht, mit der Dynamisierung und Ausdifferenzierung des Wissens in der Moderne Schritt halten zu können: die Presse, und hier im Besonderen die Architekturpresse. Zum Konzept der Revue générale de l’architecture et des travaux publics als einer der wichtigsten Architekturzeitschriften des 19. Jahrhunderts führt César Daly aus, dass sie gegenüber dem statischen Buch, das sich angesichts des anwachsenden Wissens bereits am Tag nach seinem Erscheinen als unvollständig erweise, nicht nur die rasanten Fortschritte in den Wissenschaften und Künsten besser abbilden könne, sondern auch der Kommunikation der neuesten Erkenntnisse über die Fachgrenzen hinweg diene.17 Nun nimmt der Bibliotheksbau innerhalb der Revue générale de l’architecture et des travaux publics vielleicht nicht die wichtigste Rolle ein. In der Zeitschrift herrschen neben praktisch konstruktiven Fragen architekturhistorische Themen mit einem Fokus auf der mittelalterlichen und der außereuropäischen Architektur vor. Hinzu kommen die neuen Bauaufgaben im Wohnungs-, Schul-, Gesundheits- und Transportwesen.

Dennoch zeigt sich Dalys Periodikum als zentrales Forum in der Auseinandersetzung um die Bibliothèque royale und damit verbunden den modernen Bibliotheksbau. Nicht nur kommen die konträren Lager, Bestandserhalt und Umbau der Bibliothèque royale im Palais Mazarin versus Abriss und Neubau an einem anderen Standort, über die Präsentation der jeweiligen Entwürfe zu Wort. Es werden, wie an Dalys eingangs zitiertem Beitrag zu sehen ist, auch allgemeine Reflexionen über die Bibliotheksarchitektur angestellt.18 Für die Darstellung des Bibliotheksbaus in der Architekturpresse gilt daher, was Marc Saboya generell für das neue Medium der Architekturperiodika festgestellt hat: Sie geben ein direktes Bild der im 19. Jahrhundert geführten stilistisch-ästhetischen Kontroversen und öffentlichen Meinungsbildung über bestimmte Bauaufgaben, so auch über die moderne Bibliothek. Auf diese Weise vermitteln die Architekturperiodika zugleich den caractère collectif de l’activité architecturale.19 Dies gilt in besonderem Maße für den Bibliotheksbau, zu dem sich im frühen 19. Jahrhundert neben Architekten und Bibliothekaren auch Altertumsforscher, Künstler, Industrielle und Bankiers, private Sammler und Philanthropen äußerten. Sie waren nicht nur die Adressaten der Revue générale de l’architecture et des travaux publics,20 sie fanden dort auch ein Sprachrohr, über das ihre Entwürfe und architektonischen Ideen verbreitet wurden.

Unter diesen interessieren im Folgenden drei Entwürfe, die im zweiten Jahrgang der Revue générale de l’architecture et des travaux publics durch einen offensichtlich anonym bleiben wollenden Bibliophilen (sic!) vorgestellt werden. Es handelt sich hierbei um die Entwürfe von Jean Chevret (1747-1820), einem einfachen Angestellten der königlichen Bibliothek21, Antoine-François Mauduit (1775-1854), seines Zeichens Architekt und ehemaliger Sekretär und Bibliothekar der Académie de France in Rom, sowie Benjamin Delessert (1773- 1847), Bankier und in Wissenschaftskreisen weithin angesehener Besitzer einer Pflanzen- und Muschelsammlung nebst dazugehörender naturkundlicher Bibliothek. Alle drei teilen die Konzeption einer Bibliotheksrotunde mit zentralem Lesesaal. Geht es dem bibliophilen Rezensenten mit der Darstellung dieser Entwürfe vor allem um die Klärung des Urheberrechts an der zirkulären und radialen Raumordnung von Büchersammlungen, dann sollen hier die verschiedenen Wissens- und Körperordnungen im Vordergrund stehen, die sich im Übergang von der Saal- zur Magazinbibliothek in den Rundbau einschreiben und überlagern: zum einen die Verräumlichung eines enzyklopädischen, universalen Wissens und zum anderen die panoptische Regulierung von Körperbewegungen, von Buchkörpern und Nutzerkörpern22, im Raum. Eine Verbindung zwischen diesen unterschiedlichen architektonischen Bibliotheksideen besteht dort, wo das räumliche Zentrum mit einem allsehenden und allwissenden Auge besetzt zu sein scheint.

Entwürfe der modernen Bibliothek im historischen Kontext der Bibliothèque royale

Die Entwürfe für einen Bibliotheksneubau von Chevret, Mauduit und Delessert teilen nicht nur den Rundbau, sie beziehen sich allesamt auf die Bibliothèque royale in Paris, deren Anfänge bis auf die Handschriftensammlungen Karls V. in das 14. Jahrhundert zurückreichen.23 Nach verschiedenen Standorten außerhalb und innerhalb von Paris zog die königliche Bibliothek, die mittlerweile mehr als 105.000 Handschriften und 40.000 gedruckte Werke umfasste,24 in den 1720er Jahren in die Räumlichkeiten des Palais Mazarin ein. In diesem Zuge erfolgten einige Umbaumaßnahmen des Gebäudeensembles. (Abb. 4) Noch im 18. Jahrhundert zeigte sich indessen, dass der heterogene Gebäudekomplex trotz der neu eingerichteten Galerien und Erweiterungen für die stetig anwachsenden Bestände nicht mehr ausreichte. Ein öffentlicher Lesesaal der seit 1692 allgemein zugänglichen Bibliothek fehlte ebenfalls. Zudem wurden an den historischen Gebäuden des Palais Mazarin erste Schäden festgestellt, und von Seiten benachbarter Gebäude drohte Brandgefahr. Entsprechend setzten bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Planungen für eine Erweiterung oder Auslagerung der königlichen Bibliothek ein.

Abb. 4: Grundriss der Bibliothèque royale im Palais Mazarin nach León de Laborde, 1845.

Abb. 4: Grundriss der Bibliothèque royale im Palais Mazarin nach León de Laborde, 1845.

Unter diesen Planungen befinden sich auch mehrere Entwürfe von Étienne-Louis Boullée, die sich jeweils auf einen anderen Standort in Paris beziehen.25 (Abb. 5) Der bekannteste unter ihnen sah eine Überbauung des Hofes zwischen der Galerie Mazarine und dem westlichen Flügel des Hôtel Nevers mit einem kassettierten Gewölbebogen vor, der den gesamten Hof über eine Fläche von rund 2.508 qm2 überspannt. An den Längsseiten des Hofes, unterhalb der Säulenreihen, durchlaufen jeweils vier terrassenförmig angelegte Bücherwände mit einem Fassungsvermögen von mehr als 300.000 Bänden26 den gesamten Raum. Im Scheitelpunkt des Tonnengewölbes ist ein Oberlicht ausgespart. Die Zeichnung unterstreicht die Monumentalität des Entwurfes, indem die zentralperspektivische Raumkonstruktion nicht nur einen durch die Säulenreihen massierten Tiefensog entfaltet, sondern mit dem niedrig gelegenen Fluchtpunkt auch die Höhendimension des Raumes betont. Gegenüber der regelmäßigen Ordnung des Raumes weisen die Bücher eine dynamische Ordnung auf: Ins Rutschen gekommene Buchreihen oder aufeinander gestapelte Bände zeigen die Bücher in Bewegung an. Auch die antikisiert dargestellten Nutzer der Bibliothek, die sich aufgrund der Größenverhältnisse in diesem ausgedehnten, kosmischen Raum des Wissens zu verlieren scheinen, sind nicht einfach in stiller Lektüre erstarrt. Sie führen Zeigegesten des geometrischen und literarischen Beweises aus, betrachten Globen, disputieren, ziehen Bücher aus den Regalen. Wenn Boullée selbst als Vorbild für seine Bibliotheksentwürfe Raffaels Fresko Die Schule von Athen in den Vatikanischen Stanzen aus den Jahren 1509-1511 angegeben hat, dann umfasst die Adaptation mehrere Ebenen: erstens das kassettierte Gewölbe sowie den Triumphbogen als architektonische Zitate,27 zweitens die Figurenanordnung – auf der rechten Bildhälfte im geometrischen Beweis, auf der linken Hälfte in aufgeschlagene Bücher beziehungsweise Kodizes vertiefte Figuren –, drittens die Konzeption der Bibliothek als eine ebenso kommemorativ wie edukativ angelegte Versammlung sämtlicher Geistesgrößen und der durch sie verkörperten Wissenschaften und Erkenntnisse in einem Raum.28

Abb. 5: Entwurf für die Bibliothèque royale von Étienne-Louis Boullée, 1785.

Abb. 5: Entwurf für die Bibliothèque royale von Étienne-Louis Boullée, 1785.

Boullée hat für den hier gezeigten Entwurf die Bilder einer riesigen, von oben beleuchteten Basilika und eines nur aus Büchern bestehende[n] Amphitheater[s]29 gefunden. Kommen in ihm noch einmal Lesesaal und Buchaufstellung im Sinne der barocken Saalbibliothek mit ihrem auf die gleichermaßen ästhetische und repräsentative Wirkung der Bücherwände zielenden Programm zusammen, bedenkt Boullée bereits eine Ausdifferenzierung der Bestände, insofern in den angrenzenden Räumen des Palais Mazarin, zum Teil der bestehenden Sammlungsaufteilung folgend, die Manuskripte, Stiche, Münzen und zusammen mit den Coronelli Globen die Geographica untergebracht werden.30 Bibliotheksökonomische Überlegungen zur schnellen Buchbeschaffung über den direkten Zugriff und die unmittelbare Buchausgabe am Regal durch die Bibliothekare sowie die gleichzeitig gegebene Möglichkeit der Überwachung der Leser weisen ebenfalls schon über die Saalbibliothek hinaus. Boullée führt in diesem Zusammenhang die antike Bibliothek Roms als Vorbild an. Ihre Vorzüge hätten darin gelegen, dass die Galerien von einem gemeinsamen Zentrum ausgehen, so dass man von dort alle in der Bibliothek befindlichen Personen sehen kann31. Ebendieser Überwachungstopos wird sich über Durands radialen Bibliotheksentwurf fortsetzen und in Delesserts panoptischer Form der Bibliothek gleichsam zu sich selbst kommen.

Die Entwürfe Boullées umspannen im Wesentlichen das Spektrum, zwischen dessen Polen sich die Diskussion um die Bibliothèque royale in den Jahren 1750 bis 1850 bewegte: zwischen einem Bestandserhalt im Palais Mazarin mit entsprechenden Eingriffen in die vorhandene Bausubstanz und einem Neubau, für den alle nur erdenklichen Formen und Standorte links und rechts der Seine in Betracht gezogen wurden.32 Als Alternative kam mehrfach eine Überführung der Bibliothek und ihre Zusammenlegung mit anderen Sammlungsbeständen der Künste und Wissenschaften im Louvre auf. Am Ende wurde die Diskussion mit dem Entwurf des Architekten-Konstrukteurs33 Henri Labrouste, seit 1854 Nachfolger Louis Viscontis im Amt des Architekten der königlichen Bibliothek, zugunsten des Bestandserhalts und -umbaus entschieden. Nahezu an der Stelle, an der Boullée seinen Büchertempel geplant hatte, entstand in den Jahren 1861-1869 basierend auf einer Eisenkonstruktion ein von neun Kuppeln überspannter Lesesaal mit angeschlossenem Magazin.34 (Abb. 6) In den gut sieben Jahrzehnten, die zwischen Boullées Entwürfen und der Erweiterung des Palais Mazarin durch Henri Labrouste liegen, tauchte auf dem Papier eine Vielzahl weiterer Bibliotheksbauten auf. Zum einen resultierten sie aus Wettbewerben, die zum täglichen Lehrbetrieb der École des beaux-arts gehörten. Allein der Grand Prix de Rome hatte 1814 eine mit einem Museum verbundene Bibliothek und 1828 eine öffentliche Bibliothek zum Gegenstand.35 Zum anderen fühlten sich inzwischen auch Laien wie Benjamin Delessert berufen, sich mit eigenen Entwürfen in die öffentlich geführte Bibliotheksdiskussion einzuschalten, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts an Dringlichkeit zugenommen hatte. Durch die Säkularisation und die Französische Revolution waren zahlreiche Kloster- und Privatbibliotheken beschlagnahmt beziehungsweise aufgelöst worden. Die in Umlauf gebrachten und zum Teil der Bibliothèque royale zugeführten Handschriften und -buchbestände brachten das räumliche Fassungsvermögen der Bibliothek mit im Jahr 1835 gezählten 750.000 Büchern und über 100.000 Handschriften endgültig an seine Grenzen. Auch der Nutzerkreis von Bibliotheken erweiterte sich. Symptomatisch bezieht Léon de Laborde in seine Standortanalyse der verschiedenen Pariser Bibliotheken die ouvriers littéraires als neue Adressaten ein, die in den Lesesälen ihr Tagesgeschäft verrichteten.36 Die öffentliche Bibliothek erscheint nicht mehr wie bei Boullée als nationaler Geistes- und Wissenstempel, sondern gemäß dem Eingangszitat César Dalys als Arbeits-, Bildungs- und Erziehungsinstrument für breitere Schichten der Gesellschaft. In letzterer Funktion wurde sie zugleich zu einem Gegenstand der philanthropischen Bewegung des 19. Jahrhunderts.

Abb. 6: Erweiterungsbau beziehungsweise Lesesaal und Magazin für die Bibliothèque royale von Henri Labrouste, 1861-1869.

Abb. 6: Erweiterungsbau beziehungsweise Lesesaal und Magazin für die Bibliothèque royale von Henri Labrouste, 1861-1869.

Entwürfe der modernen Bibliothek: zwischen Kolosseum, Pantheon und Panopticon

Vor diesem Hintergrund sind auch die drei 1842 in der Revue générale de l’architecture et des travaux publics vorgestellten Entwürfe von Chevret, Delessert und Mauduit zu sehen, auf die jetzt zurückzukommen ist. Alle teilen den Rundbau beziehungsweise eine ellipsenförmige Rotunde mit zirkulärer oder aber radialer Grundrissorganisation. Während Mauduit seinen Entwurf explizit auf Bauten der römischen Antike zurückführt, ruft Delessert mit seinem Konzept einer forme panoptique37 stillschweigend das von Jeremy Bentham im Ausgang des 18. Jahrhunderts in mehreren Briefen vorgestellte Panopticon,38 eine Gefängnisarchitektur, auf. Chevret hingegen sucht noch einmal Anschluss an die verräumlichten Wissensordnungen der frühen Neuzeit. Innerhalb der Bibliotheksarchitektur ist die Rotunde keineswegs neu.39 Die Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel, 1706 bis 1710 nach Plänen von Hermann Korb realisiert, gilt innerhalb der Bibliotheksarchitektur als erster frei stehender Zentralbau mit einer innen liegenden ellipsenförmigen Rotunde. Zu den Vorbildern zählen das Pantheon und die Villa Rotonda Andrea Palladios.40 Als Ellipse ausgeführt wurde auch die Bibliothek des Klosters St. Mang in Füssen.41 Bei ihr handelt es sich jedoch um kein autonomes Bibliotheksgebäude, vielmehr ist sie Teil der von 1701 bis 1718 auf einem romanischen Vorgängerbau errichteten Klosteranlage. Bereits in den 1670er Jahren hatte Christopher Wren einen ebenfalls durch die Villa Rotonda inspirierten Bibliotheksentwurf für das Trinity College in Cambridge vorgelegt.42 (Abb. 7) Die Bibliotheksrotunde zeigt sich bei Wren von einem kubischen Baukörper ummantelt, über den sich eine von einer Laterne bekrönte Kuppel erhebt. Weitere Bibliotheksrotunden sind mit den Entwürfen der Wren-Schüler Nicholas Hawksmoor und James Gibbs für die Radcliffe Library in Oxford gegeben, deren Errichtung in den Jahren 1737-1749 schließlich Gibbs oblag.43 Dabei wurde die Rotunde aus jeglicher Ummantelung herausgeschält. Die genannten Zentral- und Rundbauten verbindet die zirkuläre Aufstellung der Bücher an den umlaufenden Wänden im Inneren der Rotunden. Jean-Nicolas-Louis Durand wandelte diese Disposition insofern ab, als sein in dem Précis des leçons d’architecture veröffentlichter Entwurf eines Zentralbaus von acht Büchergalerien ausgeht, die strahlen- oder sternförmig von einem Kuppelsaal wegführen und in einen umlaufenden Gebäudering münden.44 (Abb. 8) Durand begründet diese Disposition, bei der die Bibliothekare im Kuppelsaal untergebracht sind, um von dort aus die Bücher- und Lesesäle in den Galerien einsehen zu können, mit einer durch sie ermöglichten Ordnung und Überwachung innerhalb der Bibliothek.

Abb. 7: Entwurf einer Bibliotheksrotunde für das Trinity College in Cambridge von Christopher Wren, 1670er Jahre.

Abb. 7: Entwurf einer Bibliotheksrotunde für das Trinity College in Cambridge von Christopher Wren, 1670er Jahre.

Abb. 8: Radialer Bibliotheksentwurf von Jean-Nicolas-Louis Durand, 1805

Abb. 8: Radialer Bibliotheksentwurf von Jean-Nicolas-Louis Durand, 1805

Auffällig an den Entwürfen von Chevret, Delessert und Mauduit ist, dass sie wie Mauduit zwar an solche Architekturtopoi wie das Pantheon anschließen, jedoch auf die zu ihrer Zeit bereits entworfenen und ausgeführten Bibliotheksrotunden keinerlei Bezug nehmen. Auch der bibliophile Rezensent der Revue générale de l’architecture et des travaux publics, der in Chevrets Entwurf das Vorbild für Delessert und Mauduit gefunden haben will, stellt weder eine Verbindung zu anderen Bibliotheksbauten noch zu anderen Gebäudetypen her. Damit entgeht ihm – und das gilt fast ausnahmslos auch für die spätere Historiographie der Bibliotheksarchitektur –, dass sich mit der Form des Rundbaus im Übergang zur Moderne verschiedene Bedeutungen verbinden. Dies soll abschließend an den Bibliotheksentwürfen Jean Chevrets, Antoine-François Mauduits und Benjamin Delesserts nachvollzogen werden.

Eine zentralistische Bildungsidee: der Bibliotheksentwurf Jean Chevrets

Als Quelle des Bibliotheksentwurfs von Chevret führt der bibliophile Rezensent dessen 1792 erschienene Schrift De l’éducation dans la République45 an. Seit 1765 in der Bibliothèque royale tätig, trat Chevret in den ersten Jahren der Französischen Revolution mit einer Reihe kleinerer Schriften an die Öffentlichkeit, die zur Gattung der moralischen und politischen Katechismen zu rechnen ist. Jene waren der Form nach am religiösen Katechismus, einer belehrenden Unterweisung in christliche Glaubensgrundsätze, orientiert, wurden im Rahmen der Revolution jedoch mit republikanischen Gesellschaftsmaximen als weltlichen Inhalten gefüllt und unter das Volk gebracht. Chevret bediente diese Gattung mit gleichermaßen religiöser und politischer Emphase, was so sicherlich nur in den Anfangsjahren der Revolution möglich gewesen ist. In einem kurzen Nachruf über Chevret heißt es entsprechend, dass er die Ursache der Freiheit [das heißt die Revolution, Anm. K.W.] mit einem Enthusiasmus umarmt hatte, der ihn oft zum Deklamieren verleitet, der ihn aber niemals die religiösen und christlichen Prinzipien vergessen ließ, von denen er sich überall lebhaft durchdrungen zeigt.46 Dies gilt auch für seine Schrift von 1792, in der er die Erziehung der Jugend als notwendige Voraussetzung für das republikanische Staatswesen herausstellt. Denn allein durch Erziehung kann der nunmehr im Wollen und Handeln freie Bürger angeleitet werden, das zu tun, was nicht nur in seinem Sinne, sondern auch im Sinne des Gemeinwohls und gemäß den Naturgesetzen der Schöpfung das Richtige und Wahre ist.

Dieser Erziehungsauftrag wird durch eine Bibliothek, die Bibliothèque de la République, verkörpert, die Chevret in Korrespondenz zu einem Mausoleum entwickelt. Wie das Mausoleum die sterblichen Überreste der Vorfahren aufnimmt und Ort des Gedenkens an sie ist, so nimmt die Bibliothek zu kommemorativen und edukativen Zwecken die Erzeugnisse des menschlichen Geistes auf.47 Die Disposition der à la gloire de l’esprit humain et du génie françois, la patrie reconnaissante48 geweihten Bibliothek leitet Chevret dabei aus seiner bibliothekarischen Tätigkeit ab: Nach der Erfahrung, die wir seit 27 Jahren im öffentlichen Betrieb und in den Arbeiten haben, zu denen wir besonders beauftragt worden sind während der großen zu bewirkenden Bewegungen in der Bibliothèque Nationale, scheint uns die zweckmäßigste Anordnung diejenige eines Sterns sein zu müssen, überragt in seiner Mitte von einer Kuppel oder einem Kuppeldach; das wäre die vorteilhafteste, die dem Auge am angenehmsten und, für die Flinkheit und Schnelligkeit des öffentlichen Betriebes, die bequemste Anordnung. Die fünf großen bibliographischen Unterteilungen geben natürlicher Weise die Zahl der Galerien vor, die diesen Stern bildeten, welche, alle vereint durch eine kreisförmige Galerie, ein Ganzes formten, das fähig wäre, die gedruckten Bücher, die Handschriften, die Stiche, die Münzen, und die anderen zur Bibliothek gehörenden Sonderbestände zu enthalten, die sich alle, wenn auch voneinander separiert, der Öffentlichkeit vermittelten.49

In ebenjener Textpassage findet der bibliophile Rezensent der Revue générale de l’architecture et des travaux publics die Blaupause für die späteren Bibliotheksentwürfe von Delessert und Mauduit: Die Herren Mauduit und Delessert erkennen leicht in den vorhergehenden Zeilen [vgl. das auch hier vorausgehende Zitat Chevrets, Anm. K.W.] das Prinzip ihrer Pläne, und sie werden ohne Zweifel die ersten sein, die sich zur daraus gemachten Rekonstruktion von J. Chevret beglückwünschen können, da sie ihren Projekten die Schützenhilfe eines altgedienten Mannes geben.50 Tatsächlich besteht die größte Affinität weder zu Delesserts noch zu Mauduits Entwurf, sondern zu Durands Konzeption eines Kuppelsaales, von dem sternförmig mehrere den Sammlungen vorbehaltene Galerien ausgehen. Bei Delessert beschränkt sich die radiale Organisation auf die Anordnung der Galerien beziehungsweise Stellwände innerhalb einer großen Rotunde, und Mauduits Entwurf zeigt innerhalb der ovalen Grunddisposition eher ein griechisches Kreuz denn einen Stern.

Zu Chevrets Bibliothek existiert kein Plan, auch wenn er einen solchen anzufertigen verspricht.51 Dafür gibt er eine ausführliche Beschreibung nicht nur der Bibliotheksausstattung, sondern auch ihres Standortes innerhalb eines städtebaulichen Ensembles repräsentativer Staatsbauten. So sollen sich im Zentrum der Kuppel, dem natürlichen Ort des Personals, die diensthabenden Bibliothekare befinden, die, wie später ebenfalls bei Durand, mit einem einzigen Blick das Ensemble der Galerien und aller Büros im selben Moment52 zum Zwecke der Überwachung durchlaufen können. Die in der Bibliothèque royale vorhandenen Coronelli Globen53 regen Chevret hingegen zu einer riesigen Armillarsphäre an, die dem Bibliothekseingang gegenüber in einem der Höfe unterkommt und dem Besucher ein Schauspiel der gesamten Himmelsmechanik bieten soll. Für die anderen dreieckigen Höfe sieht Chevret Statuen beziehungsweise Büsten all der Geistesgrößen vor, deren Werke die Bibliothek versammelt. Diese als centre des lumières54 sich verstehende Bibliothek platziert Chevret in das absolute Zentrum von Paris und damit in die räumliche Mitte der neuen republikanischen Gesellschaftsordnung, deren Bürger auf die neuen gemeinsamen Werte hin allererst zu erziehen sind. Die Bibliothek ersetzt mithin Versailles als vormaligen Mittelpunkt, als Macht- und Ordnungszentrum des absolutistischen Flächenstaates.55 Umgeben wird die Bibliothek von einem kreisförmigen Platz. Von ihm führen radial zehn Straßen in alle Richtungen des Landes. Der Bibliothek gegenüber liegt der Tempel des Gesetzes, in dem die Nationalversammlung tagt. Links und rechts von ihm eröffnet sich am Platzrand eine aus Arkaden gebildete Galerie, die den gesamten Platz umläuft. In ihr sind nicht nur die Meisterwerke der Künste und Wissenschaften über Gemälde, Skulpturen, Modelle und mathematische Instrumente, sondern auch Objekte der drei Naturreiche zur allgemeinen Belehrung ausgestellt. Das von Chevret um das lichtmetaphorisch erhöhte Zentrum in Form der Bibliothek entworfene musée magnifique56 gleicht einer über den Stadtraum verteilten Kunstkammer. In seiner zirkulär-radialen Anlage und Ausstattung erinnert es zudem an die verräumlichte Wissensenzyklopädie von Tommaso Campanellas Città del sole aus dem frühen 17. Jahrhundert. Mit Chevretrs Entwurf läge somit ein weiteres Beispiel der Adaptation der ekphrastischen Wissensarchitekturen aus den frühneuzeitlichen literarischen Gesellschaftsutopien für den Bibliotheksbau vor.57

Wenn auch kein Plan zu Chevrets Entwurf existiert, so hat er selbst eine Verbindung zwischen seiner mit der Bibliothek Raum gewordenen Bildungsidee und einem von ihm gezeichneten und von Jean Baptiste Marie Poisson gestochenen kosmologischen Diagramm hergestellt.58 (Abb. 9) Das didaktische Tableau central des opinions et de l’éducation publique oder auch Tableau central ou Astronomie-Physico-Théologie-Métaphysique von 1791 bildet das gesammelte Weltwissen ab.59 Steht es noch in der Tradition der enzyklopädisch-mnemotechnischen Diagramme der frühen Neuzeit60, dann weisen wenigstens zwei Aspekte über sie hinaus. Zum einen werden die einzelnen loci oder Gedächtnis- und Wissenskompartimente, wie sie in dem Tableau aus der Überschneidung der radialen und kreisförmigen Linien hervorgehen, durch die handschriftlichen Annotationen entlang der Kreisbahnen der Planeten deutlich entgrenzt. Zum anderen tritt hier an die Stelle eines magisch-astrologischen Verweisungszusammenhanges ein astronomisches, auf Naturgesetzen basiertes Wissen, das gleichwohl noch in Gott als souveränem Prinzip seinen Ursprung und sein Erkenntnisziel hat. Ihm zugeordnet ist das Dreieck als Trinitätssymbol, in dessen Mitte ein die absolute Einheit verkörpernder Kreis (Dieu) und ein Halbkreis liegen. Das Dreieck ist hierbei der Sonne als Zentrum des Universums eingeschrieben. Dem liegt ein Vergleich des Licht bringenden Schöpfers und der Sonne voraus; gleichzeitig ließe sich die Sonnenmetapher historisch auf den unmittelbar von Gott eingesetzten absolutistischen Herrscher beziehen.61 Radial von der Sonne gehen das Universum durchdringende Lichtstrahlen aus. Die konzentrischen Ringe bezeichnen hingegen die idealisierten Planetenbahnen. Die beiden Medaillons links und rechts neben dem Dreieck stellen die zwei Pole dar, über die die Erkenntnis des Universums möglich ist: die Philosophie, welche an Zweigen Logik, Metaphysik, Moral und Physik umfasst, und die Religion. In den kleinen aneinandergereihten Medaillons, die das kosmologische Diagramm einrahmen, finden sich schließlich die Namen von bedeutenden Naturforschern, Philosophen, Staatsmännern und Kirchenvätern. Also all jener Geistesgrößen, die Chevret auch zur Aufstellung in den Innenhöfen der Bibliothek vorgesehen hat.

Abb. 9: Kosmologisch-enzyklopädisches Diagramm mit didaktischer Funktion, Entwurf von Jean Chevret, gestochen von Jean Baptiste Marie Poisson, 1791.

Abb. 9: Kosmologisch-enzyklopädisches Diagramm mit didaktischer Funktion, Entwurf von Jean Chevret, gestochen von Jean Baptiste Marie Poisson, 1791.

Chevrets eigene Querverweise zwischen seinen Schriften und dem Tableau central des opinions et de l’éducation publique legen einen Vergleich zwischen dem Bibliotheks- beziehungsweise Stadtgrundriss und dem kosmologischen Diagramm nahe. Beide sind radial organisiert und gehen von einem kreisförmigen Zentrum aus. In diesem befindet sich hier der alles mit einem Blick überwachende Bibliothekar, dort das nicht minder wachsame Auge Gottes. Denn Dreieck, Kreis und Halbkreis auf dem Tableau central des opinions et de l’éducation publique können als ein der christlichen Ikonographie entlehntes, von Chevret auf die geometrischen Grundformen reduziertes Bildsymbol gelesen werden: das eines geöffneten Auges, das von einem Dreieck als Zeichen der Dreifaltigkeit, einer Korona von Lichtstrahlen oder, wie bei Chevret, gleich von beidem umgeben ist. Bezeichnete dieses Bildsymbol in christlichem Zusammenhang die Allgegenwart und Allwissenheit Gottes sowie auch göttliche Vorsehung, dann wurde es im Zuge von Aufklärung und Französischer Revolution zu einem allsehenden und allwissenden Auge ebenso des Verstandes wie der republikanischen Legislative transformiert.62 Die ins absolute räumliche Zentrum der Stadt Paris und damit der Nation gerückte Bibliothek mit einem Bibliothekar in ihrer Mitte, der über das Universum des Wissens wacht, kommt dessen Apotheose nahe. Ein vergleichbares Raum- und Blickdispositiv lässt sich, wie oben schon angedeutet, für den Hof von Versailles und die chambre du roi rekonstruieren. Als Schnittpunkt aller räumlichen Achsen war die chambre du roi der herausgehobene Ort, von [dem] aus […] der Blick beherrschend das Land und das Leben nach allen Seiten [erfasst].63 Rudolf zur Lippe hat in diesem Zusammenhang nicht nur von einer äußerst virulenten Ambivalenz von Kontrolle und Garantie allgegenwärtiger Ordnung64 gesprochen. Er hat auch darauf hingewiesen, dass dieser Blick […] bereits durchaus etwas von dem panoramatischen Kontrollblick des Aufsehers im Mittelpunkt jener Gefängnisanlage von Jeremy Bentham [hat], die um 1800 aus bürgerlicher Vorstellung das absolutistische Prinzip für die geschlossenste aller öffentlichen Anstalten zu einem bestimmten Extrem steigern sollte.65 In der konkreten Adaptation dieser Gefängnisarchitektur für den Bibliotheksbau durch Benjamin Delessert besteht folglich ein letzter konsequenter Schritt.

Ein Kolosseum, Pantheon und Basar: der Bibliotheksentwurf Antoine-François Mauduits

Bevor Delessert diesen Schritt 1835 mit seinem ersten von insgesamt zwei Bibliotheksentwürfen vollzieht, beansprucht Antoine-François Mauduit – offensichtlich in Reaktion auf die positive Aufnahme von Delesserts Entwürfen66 –, das Urheberrecht an einem für die Place du Carrousel geplanten Bibliotheksgebäude mit zentralem Kuppelsaal und strahlenförmig von ihm ausgehenden Galerien für sich;67 natürlich fälschlich, wie der bibliophile Rezensent der Revue générale de l’architecture et des travaux publics mit dem Hinweis auf Chevret betonen wird. Als strikter Vertreter der Beaux-arts-Tradition orientiert sich Mauduit bei seinem Bibliotheksentwurf an antiken Gebäuden und ihren Ordnungen.68 (Abb. 10) Auf einem Plan macht sich dieser Entwurf wie folgt aus:69 von einer elliptischen Rotunde, die von einem Kuppeldach überspannt wird und sich Panthéon nennt, gehen tatsächlich nicht strahlen-, sondern kreuzförmig vier Galerien aus. Sie münden in einen ebenfalls elliptischen Gebäudering, von Mauduit als Colisée bezeichnet. Die ellipsoide Form erklärt Mauduit vom Standort des Bibliotheksgebäudes zwischen Louvre und Tuilerienpalast her, deren sich nicht treffende Achsen durch das Bibliotheksgebäude zugleich kaschiert werden sollen. Der Kuppelsaal in der Mitte enthält als Dekoration die Bilder, Statuen und Büsten auch hier vergangener Geistesgrößen aus den Künsten und Wissenschaften. An seinen umlaufenden Wänden sind in doppelwandigen Galerien70 Bücher, Antiken und Münzen untergebracht. Nur im Sommer als Lesesaal dienend,71 sieht Mauduit in ihm zugleich einen repräsentativen Ort für Preisvergaben und Staatsakte. Befindet sich das eigentliche Bücherdepot in den mittleren Geschossen, so erfüllen Ober- und Erdgeschoss des Komplexes andere Funktionen. Während Mauduit das von oben beleuchtete Obergeschoss für die regelmäßigen Kunst- und Industrieausstellungen öffnet, hat das Erdgeschoss den Zweck, eine Passage zwischen Louvre und Tuilerienpalast zu bilden. Und es soll in den Arkaden zur Place du Carrousel hin eine Art Basar unterhalten, auf dem jedoch nur den Wissenschaften und Künsten affine Waren angeboten werden. Im Sinne Walter Benjamins haben wir es bei dem Bibliotheksentwurf Mauduits mit einem jener Traumhäuser des 19. Jahrhunderts zu tun, hinter dessen antiker Hülle bereits die Moderne mit ihrer seriellen Warenproduktion haust. Der Verkauf der Laden- und Lagerflächen wird denn auch schon zur spekulativen Gegenfinanzierung der Baukosten für die Bibliothek in Erwägung gezogen. Die Wohnungen der Bibliotheksverwaltung bringt Mauduit ebenso wie die der Museumsverwaltung des Louvre in zwei Stadthäusern in den Ecken der Place du Carrousel unter. Mit ihrer Auslagerung aus dem Bibliotheksgebäude folgt Mauduit einer der Sicherheitsmaßnahmen gegen Brandgefahr, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert durchzusetzen beginnt. Eine räumlich ähnliche Lösung hatte Durand für seinen idealtypischen Bibliotheksbau vorgeschlagen. Über die Verwaltungsräume oder den Ort des Bibliothekars in der Bibliothek selbst macht Mauduit keine Angaben. Aspekte der Überwachung kommen in diesem ein französisches Rom herbeisehnenden Entwurf ebenfalls nicht zur Sprache.

Abb. 10: Entwurf eines Bibliotheksneubaus für die Bibliothèque royale auf der Place du Carrousel von Antoine-François Mauduit, 1839.

Abb. 10: Entwurf eines Bibliotheksneubaus für die Bibliothèque royale auf der Place du Carrousel von Antoine-François Mauduit, 1839.

Ein panoptischer Raum: der Bibliotheksentwurf Benjamin Delesserts

Dafür erscheinen sie für die forme panoptique konstitutiv, die Benjamin Delessert seinen beiden Bibliotheksentwürfen von 1835 und 1838 zugrunde legt. Während sich der erste auf die Place du Carrousel bezieht und als Rundbau angelegt ist, reagiert der zweite für die Place de Bellechasse auf diesen Standort mit einer Stauchung der Rotunde zu einem Oval, das von einem rechteckigen Baukörper mit Portikus ummantelt wird.72 Obwohl Delessert weder Architekt noch Bibliothekar ist, gesteht ihm der bibliophile Rezensent der Revue générale de l’architecture et des travaux publics zu, aufgrund seiner Erfahrungen, die er als Besitzer einer der umfangreichsten naturkundlichen Bibliotheken des 19. Jahrhunderts gesammelt hat, gleichsam die Sprache der Bibliothek zu sprechen.73 Doch Delessert spricht nicht nur als Sammler, sondern auch als Bankier und Industrieller. Hebt er doch an seinen Entwürfen vor allem deren Ökonomie hervor.74 So soll das für 800.000 Bände geplante Bibliotheksgebäude, wenn es als Rundbau beziehungsweise Oval ausgeführt wird, deutlich weniger Raum einnehmen als ein länglicher Baukörper, unabhängig davon, ob jener als durchgehendes Gebäude oder auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes mit Höfen angelegt ist. Delessert unterstreicht das auf seinem Bibliotheksplan durch einen visuellen Vergleich der entsprechenden Flächenausdehnungen. (Abb. 11)

Abb. 11: Entwurf eines Bibliotheksneubaus für die Bibliothèque royale auf der Place du Carrousel von Benjamin Delessert, 1835.

Abb. 11: Entwurf eines Bibliotheksneubaus für die Bibliothèque royale auf der Place du Carrousel von Benjamin Delessert, 1835.

Über die Mitte seines Bibliotheksrundbaus erhebt sich ein Tambour, der an Stelle einer Kuppel ein Zeltdach aufweist. Von außen ist er mit einem Figurenfries verkleidet, sodass der Lichteinfall ausschließlich durch die seitlichen Fensteröffnungen der Rotunde kommt.75 Acht den Tambour tragende Säulen korinthischer Ordnung umlaufen den zentralen Saal im Inneren der Bibliothek. Von ihnen gehen radial acht Wände aus. Zwischen diesen sind jeweils noch einmal drei Wände unterschiedlicher Länge eingefügt. Alle Wände erstrecken sich über die gesamte Höhe des Raumes und sind beidseitig mit in Eisen ausgeführten Galerien und Büchergestellen versehen. Zugang zu den Galerien und Sammlungsbeständen erfolgt über gusseiserne Wendeltreppen. Rund zehn Jahre, bevor eine Eisenkonstruktion mit Labroustes Bibliothek Sainte-Geneviève in den Bibliotheksbau Einzug hält, nimmt Delessert sie hier vorweg. Sieht Delessert für seinen ersten Entwurf von 1835 noch vor, die gusseisernen Treppen hinter klassizistischen Säulen zu verstecken, dann sind in dem zweiten Entwurf von 1838 auch die Säulen, die den zentralen Saal einfassen, in Gusseisen ausgeführt. Die avancierte Verwendung des neuen Baumaterials verbleibt bei Delessert jedoch hinter einer klassizistischen Verkleidung der Gebäude nach außen; für Benjamin tritt die Moderne auch hinsichtlich der Baumaterialien in antiker Entstellung auf. Die räumliche Anordnung der Bestände verspricht zugleich eine ökonomische Beschaffung der an den Wänden zum Teil in Glasschränken verwahrten Bücher. Weder sind Lesesaal und Magazin räumlich voneinander getrennt, noch gibt es lange Beschaffungswege wie etwa bei einer Enfilade von Büchersälen. Vom räumlichen Mittelpunkt aus, an dem sich die Bibliothekare und die Aufseher (gardiens) befinden, sind alle Wege in alle Richtungen gleich begrenzt. Die Kreissegmente, gebildet durch die radial vom Zentrum ausgehenden Mauern, dienen hierbei der systematischen Aufstellung der Buchbestände. Ihnen sind an Klassen zugeordnet: Theologie, Jurisprudenz, Administration, Handel und Finanzen, Naturgeschichte, Wissenschaften und Künste, Literatur, Geschichte, Reisen.

Aus der Position des obersten Bibliothekars in der absoluten Mitte des Raumes leitet sich schließlich eine Ökonomie der Überwachung her. Denn von seinem zentralen Standort kann er mit einem Blick die Galerien bis an ihr Ende überblicken und alle dort sich bewegenden Personen sehen.76 Auf diese Weise hätte er neben allen Bediensteten auch die 500 Leser, die in dem Saal Platz finden sollen, jederzeit unter Kontrolle; wobei Delessert zur Ausrichtung der Lesepulte keine näheren Angaben macht. In dieser räumlichen Disposition der Bibliothek besteht ihre forme panoptique. Unmittelbares Vorbild, das Delessert indessen nicht benennt, ist Jeremy Benthams Panopticon: vorgesehen für überhaupt alle Gebäude, in denen eine größere Menge an Menschen zu verwalten ist, wie Krankenhaus, Asyl oder Schule, nehmen die Insassen des Panopticons in ihren Zellen den äußeren Ring eines Rundbaus ein. Überwacht werden sie vom Gefängniswärter, dessen Beobachtungsturm in der Mitte des Gebäudes so eingerichtet ist, dass ein asymmetrisches Sichtverhältnis besteht. Während der Wärter alle Insassen sehen kann, können diese nicht erkennen, ob sie gerade von ihm beobachtet werden. Weil sie dieses aber nicht können, werden sie sich jederzeit so verhalten, als ob sie unter Beobachtung stünden, nämlich regelkonform, so zumindest die Annahme Benthams.77

Delessert hat diese Quelle nicht genannt.78 Als Vorbild seiner Rotunde für die Place du Carrousel zwischen Louvre und Tuilerienpalast führt Delessert lediglich eine von Louis-Pierre Baltard für diesen Standort entworfene Orangerie an.79 Konnte er also davon ausgehen, dass die Anleihe der forme panoptique bei Benthams Panopticon in den 1830er Jahren so deutlich war, dass sie nicht eigens erwähnt werden musste? Immerhin lag Benthams entsprechende Schrift seit 1791 in französischer Übersetzung vor.80 Oder wollte er die Beziehung seines Bibliotheksentwurfs zu einer Gefängnisarchitektur nicht weiter herausstellen? Die breite Rezeption seiner Entwürfe jedenfalls hat dieser Beziehung kaum Beachtung geschenkt. Schon Laborde, über dessen achten Brief zur Konstruktion von Bibliotheken insbesondere Delesserts erster Bibliotheksentwurf von 1835 in die Geschichte der Bibliotheksarchitektur Einzug gehalten hat, weist mit keinem Wort auf das Vorbild der forme panoptique hin. Wohl aber kritisiert er die räumliche Disposition von Delesserts surveillance complète.81 Denn um sie realisieren zu können, müsste sich der oberste Bibliothekar nicht nur beständig um eine bewegliche Achse drehen, er müsste auch mit einem Fernrohr und einem Sprachrohr82 ausgestattet sein. Und was für die Repräsentation des absolutistischen Herrschers noch Sinn macht, dass alle räumlichen Linien in nur einem Punkt, dem von ihm eingenommenen Punkt (der chambre du roi), zentralperspektivisch zusammenlaufen, erweist sich für die Bibliothek als Nachteil. Laborde erkennt: […] und wie es nur einer Person gegeben ist, sich mitten im Zentrum zu platzieren, ist die Sicht für alle anderen noch weit ungünstiger, denn außerhalb dieses Zentrums der Konvergenz ist nicht mehr als eine Unordnung der Linien und der Regale, ohne irgendeine Regularität der Perspektive.83 Labordes Kritik an den Bibliotheksentwürfen von Delessert wird in der Folge vielfach übernommen. Es steht dabei jedoch weniger die forme panoptique zur Disposition als der Rundbau als solcher, den Laborde – entgegen Delesserts Argumentation – ebenfalls für vollkommen unökonomisch hält. Eine Verbindung zu Benthams Panopticon wird also auch nach Laborde nicht hergestellt. Eine Ausnahme bilden Edward Edwards Memoirs of Libraries aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sowie ein Beitrag aus der jüngeren Historiographie der Bibliothek.84 Das heißt nicht, dass Delesserts Entwurf beziehungsweise die forme panoptique keine Wirkung gehabt hätte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus entstanden neben weiteren panoptischen Bibliotheksentwürfen mehrere Kuppellesesäle, bei denen sich im Zentrum die bibliothekarische Aufsicht und der Katalog befanden. Die Anordnung der Lesepulte folgte in diesen Bibliotheken entweder einem radialen System wie im Lesesaal des British Museum (1854-1856) und der Manchester Central Library (1930-1934) oder einem zirkulären wie in der Congress Library in Washington (1886-1897). Der circular reading room galt als ideal library space, wo es um die Überwachung sowohl der Bibliotheksnutzer wie auch der Bibliotheksangestellten ging.85

Epilog: Verkörperungen des panoptischen Blickregimes, oder die Büste des Souveräns im Zentrum der Bibliothek

Am Überwachungsturm des Panopticons, der seine Funktion auch dann erfüllt, wenn er nicht durch den Gefängniswärter besetzt ist, hat Michel Foucault seine These veranschaulicht, dass die moderne Disziplin kein souveränes Subjekt mehr voraussetzt, das die Macht auf sich versammelt und für alle sichtbar ausübt.86 Die Disziplin folgt einer anderen Logik. Sie ist über die gesamte Gesellschaft und ihre Institutionen verteilt und beruht auf der Verinnerlichung räumlich strukturierter Verhaltensregeln. Für die panoptischen Bibliotheksentwürfe gilt das so nicht. Der Bibliothekar, der bei Chevret anstelle des absolutistischen Herrschers in das perspektivische Zentrum des (Bibliotheks)Raumes einrückt, bleibt dort auch bei Delessert. (Abb. 12) Und selbst Laborde, der Delessert einer radikalen Kritik unterzieht, wird das Zentrum seiner eigenen Bibliotheksentwürfe nicht leer lassen. Zwar wird das Zentrum seiner Bibliothek auf kreuzförmigem Grundriss nur von einer kleinen Kuppel bekrönt, doch befinden sich auch dort, im Karree um den Katalog herum angeordnet, die leicht erhöhten Pulte der Bibliothekare, von denen sich die in den Querarmen aufgestellten Lesepulte überwachen lassen. Das eigentliche räumliche wie panoptische Zentrum der Bibliothek wird bei Laborde jedoch weder durch die Aufsicht führenden und Buchbestellungen entgegennehmenden Bibliothekare gebildet noch durch den Katalog, sondern durch eine Büste des Souveräns, die Laborde oben auf dem kreisrunden Kataloggestell untergebracht hat. Der Souverän nimmt damit noch einmal (und dies bis zum Ende der Julimonarchie) den idealen Betrachterstandpunkt ein. Mit seiner imaginären Anwesenheit beherrscht er nicht nur den Lesesaal, im übertragenen Sinne beherrscht er auch die Bibliothek als inzwischen nationale Institution des Wissens und Gedächtnisses. Der Katalog als Verweisungssystem, über das auf den materiellen Buchbestand zugegriffen wird, ist darüber buchstäblich zum Körper des Souveräns geworden.

Abb. 12: Bibliothekskatalog mit Büste des Souveräns nach Léon de Laborde, 1845.

Abb. 12: Bibliothekskatalog mit Büste des Souveräns nach Léon de Laborde, 1845.

Wie die ausgehend von der Revue générale de l’architecture et des travaux publics rekonstruierte Bibliotheksdiskussion in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gezeigt hat, vollzog sich der Übergang von der barocken Saalbibliothek zur modernen Magazinbibliothek nicht linear. Die zahlreichen Entwürfe und Anschlüsse an andere Gebäudetypen zeigen, dass sowohl die Ausdehnung der Gutenberggalaxis im 19. Jahrhundert als auch die neuen Funktionen der Bibliothek für einen neuen Nutzerkreis zuallererst reflexiv werden mussten, um darauf eine architektonische Antwort finden zu können. Einige dieser Antworten haben Bestand gehabt, andere nicht. Dem bibliophilen Rezensenten der Revue générale de l’architecture et des travaux publics bleibt abschließend zu sagen, dass Mauduit und Delessert nicht auf Chevret zurückgreifen mussten (und dieses wohl auch nicht getan haben), damit sie zu ihren Bibliotheksrundbauten kommen konnten. Sein Verdienst bleibt es, mit dem Hinweis auf Chevrets Bibliotheksentwurf einen Moment in der Bibliotheksgeschichte festgehalten zu haben, als sich in die Bibliotheksrotunde, Symbol eines enzyklopädischen, universalen Wissens, die Idee eines Blickregimes einschreibt, das von Bentham panoptisch genannt worden ist.


  1. Wurden Hof-, Universitäts- und Klosterbibliotheken schon vor dem 19. Jahrhundert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, so erfolgte dies in der Regel mit deutlichen Einschränkungen hinsichtlich des Nutzerkreises, der Ausleihe und der Öffnungszeiten. Erst im 19. Jahrhundert, im Zuge des sich entwickelnden staatlichen Bildungs- und Erziehungswesens, kommt es zur Einrichtung und administrativen Regelung von öffentlichen Bibliotheken im heutigen Sinn.

  2. César Daly, Des bibliothèques publiques, in: Revue générale de l’architecture et des travaux publics, tome 8 (1849-50), S. 415-437, hier S. 415.

  3. Im weitesten Sinne insofern, als die Bibliotheksbestände bis weit in das 19. Jahrhundert hinein mit anderen Objektsammlungen verquickt waren.

  4. Vgl. Daly, Bibliothèques publiques, S. 416.

  5. Eine etwas ausführlichere Würdigung erfährt die Bibliothek Sainte-Geneviève im zehnten Band der Revue générale de l’architecture et des travaux publics (1852), S. 379-384.

  6. Vgl. hierzu etwa Léonce Reynaud, Traité d’architecture, contenant des notions générales sur les principes de la construction et sur l’histoire de l’art, deuxième partie: Édifices, Paris 1858, S. 381-388.

  7. Die Bibliothèque royale wurde im Zuge der Französischen Revolution 1790 in Bibliothèque nationale umbenannt, um während des zweiten Kaiserreiches zur Bibliothèque imperiale zu werden. Danach trug sie wieder den Namen Bibliothèque nationale. Vorliegend wird der Einfachheit halber durchgängig der historische Name Bibliothèque royale verwendet.

  8. Zu diesen Briefen zählen der erste: De l’organisation des bibliothèques dans Paris. La Bibliothèque Royale occupe le centre topographique et intellectuel de la ville de Paris, Paris 1845, in dem sich Laborde mit den verschiedenen zur Diskussion stehenden Standorten der Königlichen Bibliothek kritisch auseinandersetzt, der zweite über die entsprechenden Entwürfe: De l’organisation des bibliothèques dans Paris. Revue critique des projets présentés pour le déplacement de la Bibliothèque Royale, der vierte mit einem historischen Abriss über den Palais Mazarin sowie städtische und ländliche Wohnhäuser des 17. Jahrhunderts: De l’organisation des bibliothèques dans Paris. Le Palais Mazarin et les habitations de ville et de campagne au XVIIe siècle, Paris 1845, der zugleich über die verschiedenen Ausgaben des sechsten Jahrganges der Revue générale de l’architecture et des travaux publics abgedruckt wird, sowie der achte: De l’organisation des bibliothèques dans Paris. Étude sur la construction des bibliothèques, Paris 1845, mit einem historischen Abriss der Bibliotheksarchitektur. Von den insgesamt zwölf geplanten Briefen sind nur diese vier erschienen. Vgl. hierzu auch Peter Prohl, Vorwort, in: Léon de Laborde, Étude sur la Construction des Bibliothèques, Nachdruck mit einer deutschen Übersetzung u. einer biographischen Notiz v. Anneliese Krause, Hildesheim u.a. 1993, S. 55-67.

  9. Die Laborde selbst zitiert. Vgl. hierzu Leopoldo della Santa, Über den Bau und die Verwaltung einer öffentlichen Universalbibliothek, mit einem veranschaulichenden Plan, Faksimile der Originalausgabe von 1816, übersetzt v. Egon Wiszniewski, Karl-Marx-Stadt 1984; sowie den an Leopoldo della Santa anschließenden Christian Molbech, Ueber Bibliothekswissenschaft oder Einrichtung und Verwaltung öffentlicher Bibliotheken (dän. 1829), übersetzt v. Henning Ratjen, Leipzig 1833.

  10. Wenn auch in einigen Bibliotheksneubauten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits eine räumliche Trennung von Lesesaal und Bücherverwahrung vorgenommen wurde, dann bleiben gerade die für die Buchbestände vorgesehenen Räume konzeptionell der Saalbibliothek verbunden, insofern die Bücher nach wie vor in Büchergalerien entlang der Wände untergebracht wurden. Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich durchsetzende moderne Magazinbibliothek als raumökonomische Weiterentwicklung des sogenannten stall system wurde offensichtlich lediglich vorweggenommen durch die Hofbibliothek in Karlsruhe, 1765, die über Laborde Einzug in die Geschichte der Bibliotheksarchitektur gehalten hat, sowie durch die konkreten, jedoch nicht umgesetzten Bibliotheksentwürfe von Johann Conradin Beyerbach für Frankfurt, 1817, und Karl Friedrich Schinkel für Berlin, 1835. Zum Bibliotheksbau des 19. Jahrhunderts vgl. im Überblick Hanns Michael Crass, Bibliotheksbauten des 19. Jahrhunderts in Deutschland, München 1976; Jean Bleton, Les bâtiments, in: Histoire des bibliothèques françaises, tome 3: Les bibliothèques de la Révolution et du XIXe siècle, 1789-1914, hg. v. Dominique Varry, Paris 1991, S. 182-237.

  11. Zum Anfang des 20. Jahrhunderts erreichten Stand der Bibliotheksarchitektur vgl. Georg Leyh, Bibliothek, in: Wasmuths Lexikon der Baukunst, Bd. 1, Berlin 1929, S. 521-527.

  12. Vgl. Laborde, Étude sur la construction des bibliothèques, sowie Leyh, Bibliothek.

  13. Vgl. hierzu im Überblick Ursula Bernhardt, Die Kuppel über dem Quadrat: der neue Lesesaal in der Tradition bedeutender Kuppellesesäle, in: Buch, Leser, Bibliothek: Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau, hg. v. Gerhard Römer, Karlsruhe 1992, S. 93-113.

  14. Zum Bibliotheksbau in der Architekturtheorie vgl. Regina Becker, ordinatio et dispositio. Die Grundlagen einer Architektonik für die Bibliotheca publica, in: Robert Felfe u. Kirsten Wagner (Hg.), Museum, Bibliothek, Stadtraum. Räumliche Wissensordnungen 1600-1900, Berlin 2010, S. 89-108; dies.: Theorie und Praxis – zur Typologie in der Bibliotheksarchitektur des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Carsten-Peter Warncke (Hg.), Ikonographie der Bibliotheken, Wiesbaden 1992, S. 235-269.

  15. Daraus resultierten im Entwurf Büchersammlungen, die sich im ersten Stockwerk von Gebäuden befanden, Beamtenwohnungen, die aus dem eigentlichen Bibliotheksgebäude herausgelöst wurden – wie überhaupt die Forderung nach einem frei stehenden Gebäude –, sowie schließlich an den beiden Längsseiten der Büchersäle vorhandene, höher gelegene Fensterreihen bis hin zu Fensteröffnungen in den Decken für entsprechendes Oberlicht.

  16. Leyh, Bibliothek, S. 522.

  17. César Daly, Introduction, in: Revue générale de l’architecture et des travaux publics, tome 1 (1840), S. 1-7, hier S. 4.

  18. Wenn die von Marc Saboya ausgewertete Anzahl der in der Revue générale de l’architecture et des travaux publics vorgestellten Bibliotheksentwürfe nahelegt, dass es sich beim Bibliotheksbau um einen in der Zeitschrift vergleichsweise wenig berücksichtigten Gegenstand handelt, ist das ein Stück weit zu relativieren. Denn mit der Konzentration auf einzelne konkrete Entwürfe übersieht Saboya, dass über die verschiedenen Rubriken der Zeitschrift verteilt, besonders in den Miszellen, immer wieder an die laufende Bibliotheksdiskussion angeschlossen wird, etwa mit Berichten über aktuelle Planungen und behördliche Bekanntmachungen in Zusammenhang mit der Bibliothèque royale. Hinzu kommt, dass Artikel wie der abgedruckte vierte Brief Labordes über den Palais Mazarin in unmittelbarem Zusammenhang mit der Bibliotheksfrage steht. Vgl. hierzu Marc Saboya, Presse et architecture au XIXe siècle. César Daly et la Revue générale de l’architecture et des travaux publics, Paris 1991, insbes. S. 272 f.

  19. Ebd., S. 50.

  20. Bereits in der ersten Ausgabe der Revue générale de l’architecture et des travaux publics wird von Daly benannt, an wen sich die Zeitschrift gleichermaßen richtet: […] à la fois aux architects, aux ingénieurs, aux archéologues, aux industriels, aux propriétaires, et enfin aux gouvernements […]. Daly, Introduction, S. 4.

  21. Anonymus, La Bibliothèque royale, in: Revue générale de l’architecture et des travaux publics, 3 (1842), S. 307-308, hier S. 308.

  22. Zu diesem Aspekt der Bewegung in Bibliotheken vgl. exemplarisch Ulrich Johannes Schneider, Bücher und Bewegung in der Bibliothek von Herzog August, in: Frank Büttner, Markus Friedrich u. Helmut Zedelmaier (Hg.), Sammeln, Ordnen, Veranschaulichen. Zur Wissenskompilatorik in der Frühen Neuzeit, Münster 2003, S. 111-127.

  23. Zur Geschichte der Bibliothèque royale vgl. im Überblick Françoise Bléchet, La Bibliothèque royale du XVIe siècle à 1789, in: Myriam Bacha u. Christian Hottin (Hg.), Les bibliothèques Parisiennes. Architecture et décor, Paris 2003, S. 45-50.

  24. Ebd., S. 47.

  25. Die beiden anderen Entwürfe richteten sich auf das Gelände des Kapuzinerordens sowie einen Standort in der Nähe des Palais Mazarin. Während der erste einen kreuzförmigen Grundriss mit einer halbkreisförmigen, von Säulenkolonnaden gerahmten Vorhalle (Apollotempel) aufweist, organisiert sich der zweite um einen zentralen Hof. Zu Boullées Bibliotheksentwürfen vgl. Étienne-Louis Boullée, Architektur. Abhandlung über Kunst, hg. v. Beat Wyss, eingeführt u. kommentiert v. Adolf Max Vogt, übersetzt v. Hanna Böck, Zürich u. München 1987, S. 117-123; Helen Rosenau, Boullée’s Treatise on Architecture, London 1953, S. 18 f.; Jean-Marie Pérouse de Montclos, Étienne-Louis Boullée (1728-1799), de l’architecture classique à l’architecture revolutionnaire, Paris 1969, S. 125-127, 165-167; Adolf Max Vogt, Boullée sucht «kosmische Größe für seine Bibliothek», in: Susanne Bieri u. Walther Fuchs (Hg.), Bibliotheken bauen. Tradition und Vision, Basel u.a. 2001, S. 215-226.

  26. Für diese Anzahl allein an gedruckten Büchern plante Boullée seine Bibliothek.

  27. Dabei weist Boullées Bibliotheksentwurf auf dem Gelände des Kapuzinerordens mit seinem kreuzförmigen Grundriss und dem Kuppelsaal im Zentrum eine noch größere Nähe zu der ihrerseits an antiken Vorbildern orientierten Bildarchitektur Raffaels auf.

  28. Vgl. Boullée, Architektur, S. 117.

  29. Ebd., S. 120, 122.

  30. Zur Raum- und Sammlungsaufteilung der Bibliothèque royale im Palais Mazarin vgl. Léon de Laborde, Étude sur la construction des bibliothèques, S. 14-16.

  31. Boullée, Architektur, S. 119. Nach Rosenau soll sich Boullée hier auf einen (missverstandenen) Passus aus Plinius’ Naturgeschichte, Buch 7.xxx, beziehen, in dem Plinius über die erste von Gaius Asinius Pollio im Atrium Libertatis gegründete öffentliche Bibliothek Roms berichtet. Die von ihren Räumlichkeiten bis heute nicht eindeutig rekonstruierte Bibliothek wurde durch Beutezüge des Pollio ermöglicht, und in ihr sollen Bildnisse der bedeutendsten Schriftsteller der Antike, darunter eines von Marcus Terentius Varro, des einzigen lebenden unter den so geweihten Autoren, aufgestellt gewesen sein. Vgl. hierzu Rosenau, Boullées Treatrise, S. 114.

  32. Zu den verschiedenen in Erwägung gezogenen Standorten vgl. ausführlich den kritischen Beitrag Léon de Labordes, La Bibliothèque Royale occupe le centre topographique.

  33. Wie Sigfried Giedion Labrouste als den Architekten des 19. Jahrhunderts charakterisiert, der zum erstenmal Ingenieur und Architekt in einer Person Gestalt hat werden lassen. Vgl. Sigfried Giedion, Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen. Bauen in Eisenbeton (1928), neu hg. u. mit einem Nachwort versehen v. Sokratis Georgiadis, Berlin 2000, S. 14.

  34. Zum Bibliotheksentwurf von Henri Labrouste vgl. Julien Cain, Roger-Amand Weigert u. Jean Valley-Radot, Labrouste. Architecte de la Bibliothèque Nationale de 1854 à 1875, Ausstellungskat., hg. v. der Bibliothèque nationale, Paris 1953.

  35. Vgl. hierzu Jean-Michel Leniaud, Le programme d’une bibliothèque au XIXe siècle, in: ders. (Hg.), Des palais pour les livres. Labrouste, Sainte-Geneviève et les bibliothèques, Paris 2002, S. 11-23.

  36. Laborde, La Bibliothèque Royale occupe le centre topographique. Im achten Brief, Étude sur la construction des bibliothèques, S. 47, unterscheidet Laborde zudem zwischen dem in der Bibliothek arbeitenden Wissenschaftler (travailleur) und dem nur zur Besichtigung ihrer Sammlungsbestände sie Aufsuchenden (visiteur). Die Domäne des ersten ist der Lesesaal, die des zweiten das von Laborde in seinen Bibliotheksentwürfen vorgesehene, der eigentlichen Bibliothek vorgelagerte Musée, das neben Statuen eine historische Ausstellung der grafischen Künste sowie an Abteilungen die Münzen, Antiken und Rara enthält.

  37. Benjamin Delessert, Mémoire sur la Bibliothèque royale, ou l’on indique les mesures à prendre pour la transférer dans un bâtiment circulaire, d’une forme nouvelle, qui serait construit au centre de la Place du Carrousel, Paris 1835, S. 4.

  38. Jeremy Bentham, Panopticon; or the inspection-house, containing the idea of a new principle of construction applicable to any sort of establishment, in which persons of any description are to be kept under inspection; and in particular to penitentiary-houses, prisons, houses of industry, work-houses, poor-houses, lazarettos, manufactories, hospitals, mad-houses, and schools (1787), Dublin 1791.

  39. Eine tabellarische Übersicht über die Bibliotheksrotunden des 17. und 18. Jahrhunderts gibt Petra Hauke, Domus Sapientiae. Ein Beitrag zur Ikonologie der Bibliotheksraumgestaltung des 17./18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Klosters St. Mang, Füssen, Bad Honnef 2007, S. 183.

  40. Vgl. Markus Eisen, Zur architektonischen Typologie von Bibliotheken, in: Winfried Nerdinger (Hg.), Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken, München u.a. 2011, S. 261-306.

  41. Vgl. Hauke, Domus Sapientiae, darin auch Ausführungen zur Ellipse in der Architekturtheorie und im Bibliotheksbau, S. 180-181. Über den Hinweis auf Kepler liegt ein Ausblick auf die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg mit ihrem ellipsoiden Lesesaal nahe.

  42. Vgl. hierzu Howard Colvin, der die Rotunde Wrens auf Palladio zurückführt: For a circular library there was no precedent, ancient or modern, but plans of a centralised character made a strong appeal to Wren, as they had done to so many European architects from the Renaissance onwards. What Wren envisaged for Trinity would have looked externally somewhat like Palladio’s Villa Rotonda near Vicenza, but with only one portico, and that an attached, not a free-standing, one. Howard Colvin, The building, in: David McKitterick (Hg.), The making of the Wren Library, Trinity College, Cambridge, Cambridge 1995, S. 28-49, hier S. 32.

  43. Vgl. Ralph Dutton, The Age of Wren, London u.a. 1951. Das Bibliotheksgebäude ist dokumentiert über James Gibbs, Bibliotheca radcliviana: or, a short description of the Radcliffe library at Oxford, London 1747.

  44. An wenn auch in Bezug auf die Gebäudeart Bibliothek unvollständigen Vorbildern benennt Durand den Rundbau der Radcliviana sowie den kreuzförmigen Grundriss mit überkuppelter Vierung der Bibliothek Sainte-Geneviève. Jean-Nicolas-Louis Durand, Précis des leçons d’architecture données à l’école polytechnique, Paris 1805, S. 55.

  45. Jean Chevret, De l’éducation dans la République, et de ses moyens de prospérité et de gloire, ou Suite du principe universel d’éducation, Paris 1792.

  46. Alphonse Mahul, Annuaire nécrologique, ou Supplément annuel et continuation de toutes les biographies ou dictionnaires historiques; contenant la vie de tous les hommes célèbres par leur écrits, leurs vertus ou leur crimes, morts dans le cours de chaque année; à commencer de 1820, Paris 1821.

  47. Zur Verbindung von Mausoleum beziehungsweise Grabmonument und Bibliothek schon bei Boullée vgl. Vogt, Boullée sucht «kosmische Größe für seine Bibliothek».

  48. Chevret, De l’éducation dans la République, S. 12.

  49. Ebd.

  50. Anonymus, La Bibliothèque royale, S. 309.

  51. Chevret, De l’éducation dans la République, S. 13 u. 14.

  52. Ebd., S. 12 f.

  53. Chevret bringt sie am Ende einer der fünf Galerien unter. Am Ende derjenigen, die die Literatur enthält, findet sich hingegen ein Parnasse françois. Ebd., S, 13.

  54. Ebd., S. 14.

  55. Vgl. hierzu im Überblick Rudolf zur Lippe, Hof und Schloss des Absolutismus, in: Jahrbuch des Wissenschaftskollegs zu Berlin, Bd. 1 (1981/82), S. 201-224.

  56. Chevret spricht hier von einem riesigen Raum, einer prächtigen kreisrunden Galerie, die das großartigste Museum wäre, wo alle Meisterwerke der schönen und mechanischen Künsten vor Augen gestellt sind. Chevret, De l’éducation dans la République, S. 14.

  57. Zur Adaptation dieser Gesellschafts- und Wissensutopien, die für sich früh schon den Rundbau beziehungsweise den Rundtempel und zentralistische Stadtanlagen beanspruchen, in der Theorie und Praxis der Bibliotheksarchitektur vgl. Becker, Theorie und Praxis – zur Typologie in der Bibliotheksarchitektur, sowie Hauke, Domus Sapientiae.

  58. Chevret, De l’éducation dans la République, S. 15.

  59. Wie aus der das Tableau erläuternden Schrift, Explication du tableau central des opinions et de l’éducation publique, ou Développement du spectacle de la Nature, de l’unité et de la trinité des son principe, et de l’accord de la Philosophie avec la Religion, Paris 1791, hervorgeht, diente dieser am 18. Juli 1791 vor der Nationalversammlung präsentierte Stich als Illustration für eine weitere Schrift Chevrets, und zwar für: De l’Amour et de sa Puissance suprême, ou Développement de ses oeuvres dans la nature et dans nos coeurs, Paris 1791. Die Grafik war 1791 noch dem König gewidmet. Der Eintrag im oberen rechten Bildfeld Hommage à l’humanité, à la Nation, à la Loi, et au Génie de la Liberté lautete ursprünglich Hommage à l’humanité, à la Nation, à la Loi, et au Roi. Offensichtlich unterlag die hier gezeigte Fassung der Bibliothèque nationale mit der Signatur GE D-13633 nach dem Sturm auf den Tuilerienpalast im August 1792 und der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793 einer Zensur, bei der das Wort Roi überklebt wurde durch den Schriftzug au Génie de la Liberté.

  60. Zur entsprechenden Mnemotechnik vgl. grundlegend Frances A. Yates, The Art of Memory, London u. Chicago 1966.

  61. Der ehemals absolutistische Monarch Ludwig XVI. blieb bis zu der Abschaffung des Königtums und dem Ausruf der Republik im Herbst 1792 Regent einer konstitutionellen Monarchie, deren Verfassung ein Jahr zuvor verabschiedet worden war.

  62. In dieser Bedeutung führt das Bildsymbol nicht nur die Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 an, sondern findet auch in die Vignetten Eingang, die die Dokumente der Nationalversammlung und ihrer Abteilungen zieren. Vgl. hierzu Auguste Boppe, Les vignettes emblématiques sous la Révolution, Paris u. Nancy 1911. Zur Transformation dieses Bildsymbols im Kontext der Amerikanischen und Französischen Revolution vgl. im Überblick Astrit Schmidt-Burkhardt, The All-Seer: God’s Eye as Proto-Surveillance, in: Thomas Y. Levin (Hg.), CTRL (space). Rhetorics of Surveillance from Bentham to Big Brother, Karlsruhe u. London 2002, S. 17-31.

  63. Zur Lippe, Hof und Schloss des Absolutismus, S. 217.

  64. Ebd., S. 219.

  65. Ebd., S. 218.

  66. Dies zumindest legt der bibliophile Rezensent der Revue générale de l’architecture et des travaux publics nahe.

  67. Antoine-François Mauduit, Description d’un projet de bibliothèque composé à Rome en 1833, pour la ville de Paris, Paris 1839.

  68. Überzeugt wie ich davon bin, dass wir noch nicht reich genug an Monumenten sind, die an die schönen Zeiten der Antike erinnern, um nicht zu versäumen, eine so schöne Gelegenheit zu ergreifen, diese Hauptstadt mit etwas Nachahmung dieser schönen Modelle zu bereichern, die unsere jungen Künstler in Rom bewundern und zeichnen werden, habe ich geplant, mein Gebäude aus drei Ordnungen zu bilden, davon für die ersten beiden die dorische und die ionische des Marcellustheaters adoptierend. Die dritte Ordnung muss korinthisch sein; […]. Ebd., S. 8 f.

  69. Bei den in den Pariser Bibliotheken vorhandenen Exemplaren von Mauduits Schrift fehlt dieser Plan ebenso wie in dem Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek. Der hier vorgelegte Plan stammt aus dem Exemplar, das die National Art Library des Londoner Victoria and Albert Museum mit der Signatur 503.BB.11 vorhält.

  70. Die aus der Traglast der Kuppel resultieren.

  71. Was aus dem Problem der Beheizbarkeit dieses Saales und entsprechender Brandgefahr resultiert.

  72. Beide Plätze wurden in den 1830er Jahren als mögliche Standorte eines Neubaus für die Bibliothèque royale gehandelt.

  73. Anonymus, La Bibliothèque royale, S. 309. Wie Delessert in seinem Mémoire von 1835 zu verstehen gibt, bot ihm seine eigene Sammlung tatsächlich Anlass, über die beste Anordnung, die man einer Bibliothek geben kann, nachzudenken.

  74. Was auch die Baukosten und die Bauzeit einbezieht.

  75. In seinem zweiten Bibliotheksentwurf von 1838, bei dem er die forme panoptique an die Place de Bellechasse als neudiskutierten Standort der Bibliothek anpasst, indem er den Rundbau zu einem ummantelten Oval werden lässt, sieht Delessert hingegen Oberlicht vor. Vgl. Benjamin Delessert, Second mémoire sur la Bibliothèque Royale sur l’emplacement ou elle pourrait être construite, et sur la meilleure disposition à donner aux grandes bibliothèques publiques, Paris 1838.

  76. Delessert, Second mémoire sur la Bibliothèque Royale, S. 4.

  77. Vgl. Bentham, Panopticon; or the inspection-house.

  78. Für Delesserts eigene Kenntnis des Panopticons kommen mehrere Kanäle in Frage. Zum einen ist hier die französische Ausgabe von Benthams Schrift zu nennen. Vgl. Jérémie Bentham, Panoptique. Mémoire sur un nouveau principe pour construire des maisons d’inspection et nommément des maisons de force; imprimé par ordre de l’Assemblée Nationale, Paris 1791. Zum anderen wurde der Vater Benjamin Delesserts, Étienne Delessert, 1790 als Übersetzer einer finanzökonomischen Schrift Benthams tätig. Der Neffe Jeremy Benthams, der Botaniker George Bentham, besuchte in den 1830er Jahren wiederum Delesserts Herbarium in Paris. Es bestanden damit direkte Beziehungen zwischen den Familien Bentham und Delessert.

  79. Hintergrund von Baltards Entwurf waren zwei von der Regierung unter Napoleon ausgeschriebene Wettbewerbe: 1807 für eine Orangerie für die Place du Carrousel und 1810 für eine Verbindung zwischen Louvre und Tuilerienpalast, für die neben Baltards Orangerie offensichtlich auch andere Rundbauten entworfen wurden. Mauduits und Delesserts Bibliotheksbauten schließen in ihrer Konzeption an diese Platzgestaltung durch einen, die verschiedenen Achsen von Louvre und Tuilerienpalast überspielenden Rundbau an. Vgl. hierzu Pierre Pinon, Louis-Pierre et Victor Baltard, Paris 2005, S. 23-25.

  80. Jérémie Bentham, Panoptique.

  81. Delessert, Mémoire sur la Bibliothèque Royale, S. 4.

  82. Laborde, Étude sur la Construction des Bibliothèques, S. 35.

  83. Ebd.

  84. Edwards schreibt: Many years ago, the late M. Benjamin Delessert, distinguished both as a Member of the Chamber of Deputies, and as a botanist (and himself the collector of some 30,000 volumes of well-chosen books,) recommended the construction of a new building for the same Library, on that panopticon principle, the application of which to prisons was so enthusiastically advocated by Bentham. Edward Edwards, Memoirs of Libraries: including a Handbook of library economy, Vol. 1, London 1859, S. 712. Während Jean-François Foucaud lapidar feststellt, dass Delessert Bentham gelesen hat. Jean-François Foucaud, Extensions et travaux de la Bibliothèque nationale, in: Histoire de les Bibliothèques francaises, tome 3: Les bibliothèques de la Révolution et du XIX siècle, Paris 2009, S. 335-355, hier S. 340. Zur allgemeinen Rezeption des Panopticons in der Bibliotheksarchitektur des 19. Jahrhunderts, jedoch ohne Hinweis auf Delessert, vgl. Alistair Black, Simon Pepper u. Kaye Bagshaw, Books, Buildings and Social Engineering. Early Public Libraries in Britain from Past to Present, Farnham, Surrey u.a. 2009, S. 42-70.

  85. Ebd., S. 52.

  86. Vgl. hierzu Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (frz. 1975), Frankfurt/M. 1994.


Kirsten Wagner ist Professorin für Kulturwissenschaft und Kommunikationswissenschaft am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld. Davor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, wo sie im Rahmen des Sonderforschungsbereiches 447 „Kulturen des Perfomativen“ zu historischen und gegenwärtigen Formen räumlicher Wissensorganisation gearbeitet hat, darunter auch zur Bibliothek als materiellem Raum des Wissens. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen neben Fragen der Wissensorganisation Raum- und Wahrnehmungstheorien sowie eine Anthropologie der Architektur.