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Zwischen Participatory Design und lokaler Forschung. Ethnografie in drei neuen Methodenhandbüchern

Vor kurzem wurden drei neue Methoden-Handbücher für Bibliothekswissenschaftler veröffentlicht (Umlauf u.a., Hg. 2013; Siegfried u.a. 2013 und Schuldt 2014), die alle auf das Thema Ethnografie im Bibliotheksbereich eingehen. Mein Beitrag fragt danach, welches Potential sie jeweils in der Ethnografie sehen, und konfrontiert zwei Positionen: Erstens, Ethnografie sei primär geeignet, die Nutzerbeteiligung bei Designprozessen zu unterstützen (Umlauf und Siegfried). Und zweitens, Ethnografie sei ein möglicher Ansatz für lokale, sozialwissenschaftliche Forschung in und über Bibliotheken (Schuldt). Die Autorin vertritt die Position, dass partizipatives Design einen hervorragenden Ansatz für die Nutzerbeteiligung darstellt, sich das Potential ethnografischer Methoden für den Bibliotheksbereich darin jedoch nicht erschöpft. Vielmehr ist Ethnografie auch eine Methode für die kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung in und über Bibliotheken, weshalb Karsten Schuldts Appell, in Bibliotheken lokal zu forschen, unbedingt Unterstützung verdient.


Zitiervorschlag
Corinna Haas, "Zwischen Participatory Design und lokaler Forschung. Ethnografie in drei neuen Methodenhandbüchern". LIBREAS. Library Ideas, 27 ().


Einleitung

Seit über zehn Jahren gibt es einen internationalen Trend zur Ethnografie in Bibliotheken (Haas 2013, 2014; Khoo 2012). Mit der Studie Studying Students: The Undergraduate Research Project (Foster/Gibbons 2007) kam er endgültig zum Durchbruch. Diese Studie entstand an der University of Rochester, New York, unter Leitung der Kulturanthropologinnen Nancy Foster und Susan Gibbons, und unter Mitwirkung zahlreicher Bibliotheksmitarbeiter.1 Sie wurde zum Vorbild für über sechzig ähnliche Projekte in den USA und international. Inzwischen ist bereits eine Fortsetzungsstudie erschienen: Studying Students: A Second Look (Foster 2014).

Kürzlich wurden drei neue Methoden-Handbüchern für Bibliothekswissenschaftler veröffentlicht, was diese Ausgabe von LIBREAS motivierte:

  • Das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse (K. Umlauf/S. Fühles-Ubach/M. Seadle, Hrsg., 2013),

  • Nutzerorientierte Marktforschung für Bibliotheken. Eine Praxiseinführung (D. Siegfried/S. Nix, 2014) und

  • Bibliotheken erforschen ihren Alltag. Ein Plädoyer (K. Schuldt 2014).2

Alle drei Handbücher stellen Ethnografie als Forschungsmethodologie vor, womit sie offenbar in den Kanon der deutschsprachigen LIS-Community aufgenommen ist.

Doch was wird unter Ethnografie verstanden? Gegenstand meines Beitrages ist die Frage: Welches Potential sehen die Methoden-Publikationen in der Ethnografie? Für welche Untersuchungsfelder empfehlen sie ethnografische Methoden, und zur Lösung welcher Aufgaben sollen diese beitragen?

Meines Erachtens kommen unterschiedliche Auffassungen von Ethnografie in den jeweiligen Publikationen zum Ausdruck, die ich einander gegenüber stellen werde. Einerseits wird die Auffassung vertreten, Ethnografie sei ein Instrument der Benutzerforschung und könne, nach dem Vorbild der Studie Studying Students (Foster/Gibbons 2007, s.o.), in Designprozessen eingesetzt werden (Handbuch und Praxiseinführung). Andererseits begegnen wir der Auffassung, Ethnografie sei ein methodischer Ansatz für die lokale sozialwissenschaftliche Forschung in Bibliotheken (Plädoyer).

Doch bevor ich auf Handbuch, Praxiseinführung und Plädoyer eingehe, sei zunächst eine grundsätzliche Frage behandelt: Warum ist Ethnografie relevant für Bibliotheken? Dies erklärt Ursula Schulz, deren Name für eine lange Tradition der Anwenderpartizipation im Katalog- und Webdesign steht,3 im Folgenden sehr anschaulich:

Bibliotheken haben eine lange Geschichte frustrierter Erwartungen an ihre Kunden. Bibliotheken arbeiten nach eigenen Standards, haben ein eigenes Verständnis von Qualität und Dienstleistungen, die Bibliotheken bieten sollten. Sie haben ein eigenes professionelles Selbstverständnis entwickelt, eine eigene Berufskultur. Ihre Kunden werden ‚Benutzer‘ genannt, Benutzer, die lernen sollen, sich in dieser ihnen fremden Kultur zu bewegen. […] Die Geschichte frustrierter Erwartungen an die Kunden kam allerdings vor wenigen Jahren an einen interessanten Wendepunkt: An den Komfort des nahtlosen Discovery to Delivery Prozesses vom heimischen Schreibtisch aus gewöhnt, glauben viele Kunden ohne Bibliothek auskommen zu können. Internetdienste wie Google und Wikipedia entsprechen der Informationskultur der meisten Nutzer und prägen sie nachhaltig. Bibliotheken begannen vor rund zehn Jahren, sich ethnographischer Methoden zu bedienen (Khoo 2012), um ihrerseits von der Arbeitskultur ihrer Klientel zu lernen und ihre Dienstleistungen darauf auszurichten. Der Druck zur Anpassung an die Kultur der Anderen verläuft zunehmend in die entgegengesetzte Richtung. Bibliothekare müssen sich fragen: Was können Bibliotheken heute bedeuten und wie sehen Dienstleistungen aus, die wirklich gebraucht werden? (Schulz 2013, 2)

Folglich unterstützen ethnografische Methoden den Perspektivwechsel von der Experten- zur Nutzersicht. Ethnologie und Kulturanthropologie haben Methoden entwickelt, um die Kultur einer Gruppe zu untersuchen und aus der Innenperspektive zu verstehen.4 Sich diese zu eigen zu machen, kann Bibliotheken dabei helfen, wirklich kundenorientiert zu arbeiten.

Participatory Design in Studying Students

Zwei gegenläufige Entwicklungen stellen Bibliotheken heute vor besondere Herausforderungen: Während einerseits das wachsende Angebot an Online-Ressourcen zunehmend im Fernzugriff genutzt wird, füllen sich andererseits die Lesesäle und Publikumsbereiche. Daraus ergeben sich unter anderem die Aufgaben, die Online-Ressourcen und -Plattformen sowie die Raumangebote der Bibliotheken ständig weiter zu entwickeln. Für diese Aufgaben führt Studying Students (Foster/Gibbons 2007) einige praktikable Ansätze vor, was die große Resonanz auf diese Studie zum Teil erklärten dürfte.

Foster und Gibbons haben hierin zahlreiche Aspekte studentischer Arbeitskultur untersucht. Sie unterscheidet sich erheblich von der Arbeitskultur der Bibliotheksmitarbeiter! So betreten zum Beispiel die meisten Studierenden die Universitätsbibliothek rund acht Stunden nach den Auskunftsbibliothekaren, nach all ihren Lehr- und Sportveranstaltungen auf dem Campus, um an ihren Research Papers zu arbeiten. Dann gehen die Auskunftsbibliothekare schon wieder nach Hause – ein absurder Schichtwechsel, dem dann mit erweiterten Abendöffnungszeiten (Night Owl Librarians) abgeholfen wurde (Foster/Gibbons 2007, Kap.3, 16-19). Die studentische Arbeitskultur unterscheidet sich zudem in vielen Punkten von den Vorannahmen der Bibliotheksmitarbeiter. Auch dies zeichnete sich in ersten, explorierenden Interviews mit den Studierenden ab und führte dazu, sie in bestimmte Planungen mit einzubeziehen. Um die Formen der Beteiligung von Studierenden in Studying Students etwas anschaulicher zu machen, beschreibe ich kurz den Ablauf eines Design Workshops:

Als die Neugestaltung von Arbeitsbereichen in einer von Foster und Gibbons betrachteten Bibliothek anstand, lud das Renovierungsteam der Bibliothek eine Gruppe von rund zwanzig Studierenden zu einem Design Workshop ein (s. Foster/Gibbons 2007, Kap. 4, 20.29). Die Teilnehmer sollten innerhalb von zwei Stunden mit Stiften, Markern und Klebezetteln auf großen Papierbögen ihre Traumbibliothek entwerfen, die sie ganz nach Belieben mit Mobiliar, Raumteilern, Technik und Personal ausstatten konnten. Anschließend wurden die Entwürfe mit den Studierenden durchgesprochen und dann Gemeinsamkeiten herausgefiltert: Einrichtungselemente wie offene Kamine, Sitzsäcke, Sofas und Massageliegen wurden zum Beispiel als Hinweise auf das Bedürfnis nach einer comfy area, also einem wohnzimmerartigen Bereich, kategorisiert und eine comfy area dann in die weitere Einrichtungsplanung übernommen. Ähnlich wie in diesem Beispiel wurden weitere Anforderungen an den Bibliotheksraum (Ruhe, Anregung, Möglichkeiten zur Gruppenarbeit…) identifiziert und entsprechende Zonen geschaffen. Häufig wichen dabei die Wünsche der Studierenden von den Vorannahmen der Bibliothekare und Architekten ab. Indem die Anregungen der Studierenden aufgenommen wurden, konnten also Planungsfehler vermieden und die Benutzerorientierung verbessert werden.

Solche Design Workshops fanden auch zur Überarbeitung der Website statt, oder, in der Nachfolgestudie (Foster 2014), für die Entwicklung von Apps für mobile Endgeräte.

Als weitere Formen studentischer Beteiligung kamen Photo Surveys (Kap.6, 40-47) und Mapping Diaries (Kap. 7, 48-54) zum Einsatz. Photo Surveys sind visuell gestützte Leitfadeninterviews. Die Probanden wurden dabei gebeten, anhand einer Themenliste (Arbeitsmittel, die Du immer dabei hast; ein Ort in der Bibliothek, an dem Du Dich verloren fühlst und so weiter) Fotos zu machen, die in einem anschließenden Face-to-Face-Interview gemeinsam angesehen und besprochen wurden. Dabei kamen viele Aspekte zur Sprache, nach denen die Interviewerin von sich aus nicht gefragt hätte.

In Mapping Diaries zeichneten die Probanden ihre täglichen Wege auf dem Campus ein – zwischen Wohnheim, Hörsälen, Computer Lab, Bibliothek und anderen Orten (eine Methode, die wohl nur für Campusuniversitäten in Frage kommt). Daraus konnten Erkenntnisse über ihren Tagesablauf (kein Tag wie der andere, immer on the go et cetera) gewonnen und Schlüsse für Serviceverbesserungen gezogen werden, zum Beispiel wo abschließbare Schränke für Laptops aufgestellt werden sollten.

Methoden, bei denen Studierende selbst etwas herstellten – Fotos, Pläne, Karten und so weiter – werden auch unter dem Begriff Cultural Probes, kulturelle Proben subsummiert.

Wie deutlich werden sollte: Participatory Design, also die Beteiligung von Nutzern an Gestaltungsprozessen, ist ein zentrales Thema der vorgestellten Studie. Unter dem Aspekt des Designs von physischen und virtuellen Bibliotheksräumen wird Studying Students auch im Handbuch und in der Praxiseinführung vorgestellt.

Ethnomethodologie im Handbuch

Das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft widmet dem Thema Ethnomethodologie5 in einer Reihe von Kapiteln, die auf komplexe Fragestellungen ausgerichtet sind, einen Beitrag von über zwanzig Seiten (315-337). Sein Verfasser Michael Seadle, der sich seit langem für Ethnologie im LIS-Bereich einsetzt (Seadle 1998, 2000, 2007, 2011), gibt darin eine methodische Einführung für Bibliothekare, die eigene Forschungen anstellen wollen. Dabei stützt er sich auf die ethnologische Theorie der Dichten Beschreibung von Clifford Geertz (1973) und die Forschungen von Nancy Foster und Susan Gibbons. Diese gelten ihm also nicht nur als Anwendungsbeispiele, sondern als Maßstab für Ethnomethodologie im LIS-Bereich. Techniken der Datenerhebung – verschiedene Formen der Befragung, des Interviews und der Beobachtung – werden ausführlich vorgestellt und anhand der Rochester-Studie von 2007 und zweier weiterer Projekte in Rutgers (2009) und Connecticut (2012) illustriert. Aus Studying Students werden die drei oben beschriebenen Methoden vorgestellt, also Design Workshop, Foto-Essays und Mapping Diaries.

Ein eigener Absatz ist dem Thema Bibliothekare und Ethnologie gewidmet (331f.). Hier betont Seadle die besondere Eignung von Bibliothekaren als Ethnografen, weil viele einen geisteswissenschaftlichen Background hätten und in ihrem Berufsalltag Beobachtungen anstellen könnten, aus denen sich dann Forschungsfragen entwickeln ließen.

Für unsere Frage – Welche Rolle spielt Ethnografie in Bibliotheken? – ist hervorzuheben, dass Seadle deutlich zwischen der LIS-Anwendung ethnologischer Methoden und Ethnologie selbst unterscheidet (327). Das primäre Anwendungsfeld für Ethnologie im LIS-Bereich sieht er in der Marktforschung. So leitet er LIS-Anwendungen von Ethnologie von der Organisationsethnologie ab, die auch Managementprobleme untersuche, und hebt die Stärke ethnologischer Methoden im Marketingbereich besonders hervor (315). Er betont auch, dass Ethnografie im Bibliothekskontext grundsätzlich anwendungsbezogen sei: In LIS hat man fast immer einen konkreten Fall, für den eine Lösung gefunden werden soll (317). Diese dezidierte Anwendungsorientierung weicht allerdings ab von dem Anspruch des Handbuchs, wie Konrad Umlauf ihn in der Einleitung formuliert:

Beim Stichwort Methoden denken Praktiker […] an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen. Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht. Vielmehr behandeln die Beiträge […] Forschungsmethoden die zur Anwendung kommen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. (21)

Auch wenn Umlauf dann ergänzt, dass die Forschungsergebnisse mindestens teilweise letztlich auch wieder im Anwendungsfeld […] ausgewertet werden können (ebd.), erscheint ein so enger Anwendungsbezug, wie er in Seadles Beitrag zum Ausdruck kommt, nicht als zwingend.

Zusammenfassend kann jedenfalls festgestellt werden: Seadle sieht in seinem Beitrag für das Handbuch das Potential der Ethnografie im Marketing, ihre Untersuchungsfelder im Participatory Design und ihre Aufgaben in der Lösung von Managementfragen.

Nutzerorientierte Gestaltung in der Praxiseinführung

Eine ähnliche Auffassung vertreten Doreen Siegfried und Sebastian Nix in der Praxiseinführung. Diese richtet sich an Bibliothekare, die selbst Nutzerstudien durchführen wollen. Die Begriffe Ethnologie und Ethnografie sucht man im Inhaltsverzeichnis zunächst vergeblich, entdeckt sie dann aber doch – erwartungsgemäß – in einem Kapitel über die Nutzerorientierte Gestaltung von physischen und virtuellen Bibliotheksräumen (Siegfried/Nix 2013,127-146). Aus dem Titel ergibt sich bereits, dass Ethnografie auch hier als Instrument der Kunden- und Marktforschung im Anwendungsfeld Participatory Design vorgestellt wird. Den Bezug zur Ethnologie beschreiben Siegfried und Nix wie folgt:

Die Methoden, die hier zum Einsatz kommen, sind vielfältig und eher qualitativ orientiert. Der Grund dafür liegt darin, dass man oft einen tiefen Einblick in die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer gewinnen und diese […] aktiv an der Gestaltung bibliothekarischer Angebote beteiligen möchte. Deshalb basieren entsprechende Ansätze […] auch auf ethnografischen Methoden. Sie sind also Disziplinen wie der Ethnologie und Kulturanthropologie entlehnt denen es darum geht, Menschen in ihrem spezifischen sozialen und kulturellen Umfeld zu verstehen. Bei der bibliothekarischen Nutzerforschung will man […] unterschiedliche Gruppen von Nutzern […] mit ihren jeweiligen Gewohnheiten und Bedürfnissen besser verstehen, um ihnen […] bedarfsgerechte Angebote machen zu können. Im Kern ethnografischer Methoden stehen beobachtungsbasierte Verfahren, die nicht selten mit Befragungen kombiniert werden. Solche Ansätze […] eignen sich für die die nutzerorientierte Gestaltung physischer und virtueller Bibliotheksräume […]. (17)

Auch die Autoren der Praxiseinführung heben also den Vorbildcharakter von Studying Students hervor. Sie stellen zwei Methoden daraus vor, Design Workshop und Kulturelle Proben, womit hier konkret Photo Surveys angesprochen sind. Anders als Seadle, der Beispiele aus den USA vorstellt, haben sie Anwendungsbeispiele aus deutschen Bibliotheken in Oldenburg (Schoof 2010)6 und Hamburg gewählt, was den deutschsprachigen Lesern entgegen kommt. Viele Illustrationen, wie Abbildungen von Einrichtungsplänen aus Design Workshops, runden die Beschreibung anschaulich ab.

Zusammenfassend stellen wir fest: Auch die Praxiseinführung sieht das Potential der Ethnografie auf dem Feld einer kundenorientierten Marktforschung, ihr Anwendungsfeld im Participatory Design und ihre Aufgabe in der Gestaltung physischer und virtueller Bibliotheksräume. Gegenüber Seadle betonen sie den Eigenwert der Ethnologie etwas weniger und die Beteiligung der Nutzer etwas mehr; doch insgesamt liegen sie auf der selben Linie.

Ethnografie im Plädoyer

Eine ganz andere Linie verfolgt Karsten Schuldt mit seinem Buch Bibliotheken erforschen ihren Alltag. Ein Plädoyer (2014). Wir verlassen hiermit den Bereich Nutzerbeteiligung / Bibliotheksdesign und wenden uns einer als Kultur- und Sozialwissenschaft verstandenen Bibliothekswissenschaft zu.

Mit dem Plädoyer verfolgt Schuldt das Ziel, besonders Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken zu eigener Forschung aufzurufen, ja, aufzurütteln. Ausgangspunkt dieses Appells ist die Feststellung, dass öffentliche Bibliotheken besonders wissenschaftsfern seien (Schuldt 2014, 7): So würden Publikationen über Öffentliche Bibliotheken von Projektbeschreibungen dominiert, die Frage nach der theoretischen Basis aber selten berührt (ebd.). Dabei wollten viele Bibliothekare nicht ausschließlich Praxisbeispiele sammeln, sondern seien – jedenfalls noch während ihrer Ausbildung – durchaus an wissenschaftlichen, über ihr Tagesgeschäft hinausreichenden Fragestellungen interessiert. Doch einmal in der Praxis angelangt, forschten sie nicht mehr (10) – mit der Konsequenz, dass die Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis verloren gehe und die Wissenschaft sehr unzureichende Einblicke in die Realität Öffentlicher Bibliotheken hätte.

Doch warum sollte überhaupt in Öffentlichen Bibliotheken geforscht werden? Weil es gesellschaftlich relevante Einrichtungen (13) seien, so Schuldts Kernargument, das er wie folgt auffächert: Bibliotheken würden von der Gesellschaft getragen, übten selbst eine gesellschaftliche Wirkung aus, und man könne dort beobachten, wie gesellschaftliche Prozesse auf lokaler Ebene wirksam werden. Konkret spielten Öffentliche Bibliotheken zum Beispiel eine Rolle als Teil von Lernnetzwerken, als Erlebnisort für Kinder oder als Orte zivilgesellschaftlichen Engagements (13ff.).

Schuldt unterbreitet einige Vorschläge, worüber in Öffentlichen Bibliotheken geforscht werden könnte: etwa über die Rolle von Bibliotheken im Alltag und in der Biografie von Menschen, oder darüber, wie unterschiedlich Menschen mit verschiedenen sozialen Hintergründen in der Bibliothek agierten (15ff.). Solche Themen kennt man aus der Europäischen Ethnologie und Empirischen Kulturwissenschaft (auch auf Bibliotheken bezogen), allerdings nicht aus der bibliothekarischen Ausbildung oder (gar) der Praxis in Öffentlichen Bibliotheken. In anderen Ländern wie zum Beispiel Frankreich, werden jedoch ethnografische Studien zu solchen Themen veröffentlicht – an Wissenschaftlichen (z. B. Roselli/Perrenoud 2010) und Öffentlichen Bibliotheken (z. B. Paugham/Giorgetti 2013).

Was unterscheidet aber die lokale Forschung in Bibliotheken, Schuldt zufolge, von der Benutzerforschung, die im Handbuch und der Praxiseinführung vertreten werden? Vor allem ein Erkenntnisinteresse (also nicht eine Projektaufgabe) und eine Ergebnisoffenheit (also nicht zwingend ein unmittelbarer Anwendungsbezug). Weder das Erkenntnisinteresse noch die Ergebnisoffenheit seien in Evaluationen und Projektbeschreibungen gegeben. Dennoch erzeuge echte Forschung mit der Zeit ebenfalls ein „Funktionswissen“, dass man für die bibliothekarische Arbeit nutzen könne (s. Kap. 3, Grundlagen der Forschung, bes. 23-36).

Als Vorbilder für eine lokale Forschung in Bibliotheken zieht Schuldt die Aktionsforschung in Schulen und der Sozialen Arbeit sowie der Evidence Based Librarianship in Kanada heran (119-130). Obwohl die Ethnologie nicht eingehend besprochen wird, macht der Autor doch deutlich, dass er ethnografische Methoden als für die lokale Forschung prädestiniert sieht:

Uns interessiert die theoretische Möglichkeit, Forschungen aus unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und -gängen miteinander zu verbinden. Die Europäische Ethnologie7 interessiert uns vor allem, weil sie Methoden entwickelt hat, das Verhalten der Individuen alleine und in Gruppen zu verstehen. (58)

An anderer Stelle wird die Rolle von Beobachtungsverfahren in der Ethnologie angesprochen:

[I]n der Ethnologie bedeutet der Einsatz von Beobachtungen immer wieder eine […] Wiederholung der Schritte Planung – Beobachtung – Reflektion. Ziel ist es durch Beobachtungen etwas über die Realität zu erfahren, was wir mit anderen Methoden nicht erfahren können. (95)

Sicher hätte der Autor das Potential der Ethnografie für die lokale Forschung eingehender beschreiben können. Vielleicht hätte sich mit Clifford Geertz argumentieren lassen, dass sich die Ethnologie von der sehr intensiven Bekanntschaft mit äußerst kleinen Sachen her, die sie mikroskopisch beschreibt, ganzen Gesellschaften nähert (Geertz 1997, 30). Übertragen auf unser Feld hieße das, dass die detaillierte Untersuchung der Interaktionen in einer Bibliothek über sich selbst hinausweist, indem sie auch ihren gesellschaftlichen Kontext erhellt.

Es ist jedoch für Schuldts Plädoyer charakteristisch, dass es auf Disziplinen und Methoden eher hinweist als sie eingehend vorzustellen. Denn das primäre Ziel der Veröffentlichung ist, Forschung in Öffentlichen Bibliotheken erst einmal generell zu postulieren. Entsprechend fasst Schuldt im letzten Satz des Plädoyers zusammen:

Das war das Ziel des Buches: Einfach mal laut zu sagen, dass Aktionsforschung, Evidence-based Librarianship, Handlungsforschung, Forschung in der Sozialen Arbeit und ähnliche Ansätze als Vorbild für die Forschung in Öffentlichen Bibliotheken dienen können. Wir sollten es versuchen. (S. 150)

Im Unterschied zu Handbuch und Praxiseinführung sieht das Plädoyer also das Potential der Ethnografie – auch im Bibliotheksbereich – in einer sozialwissenschaftlichen, lokalen Forschung.

Es ist zu hoffen, dass das Plädoyer eine Diskussion über die Rolle des Bibliothekars als Forscher – und Ethnograf – anstößt, und dass es Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu eigener Forschung ermutigt. Gerade Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken sind außerordentlich aktiv und einfallsreich, wenn es um lokale Aktivitäten geht – und um die Kooperationen und Fördermöglichkeiten, die Forschung in diesem Rahmen überhaupt ermöglichen.

Schlussbetrachtung

Drei neue Handbücher tragen also dazu bei, dass methodische Fragen künftig besser in die bibliotheks- und informationswissenschaftliche Aus- und Fortbildung integriert werden können. Gemeinsam ist ihnen das Verdienst, Forschungsansätze und -methoden einem deutschsprachigen Publikum näher zu bringen, das bisher nur auf sehr wenig Fachliteratur zurückgreifen konnte. Die Publikationen stellen zahlreiche quantitative und qualitative Methoden vor, sowie Methodenkombinationen, wie sie in der Ethnologie üblich sind. Ethnografie in Bibliotheken ist ein Trendthema, das in den drei Publikationen jedoch unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet wird. Während das Handbuch und die Praxiseinführung ethnografische Ansätze Designprozessen zuordnen, sieht das Plädoyer die Rolle des ethnografischen Instrumentariums bei einer sozialwissenschaftlichen Bibliotheksforschung, die auch aus den Bibliotheken heraus stattfinden sollte.

In der Anwendung von Methoden, die der Ethnologie entlehnt sind, wie das Participatory Design, zeigt sich, was Nutzerforschung im besten Falle sein kann: Ein Hebel zur Veränderung. In der Einbeziehung von Kunden in Designprozesse kommt eine wertschätzende Haltung diesen gegenüber zum Ausdruck, vielleicht sogar ein Wandel im Verhältnis zwischen Experten und Laien, der sich auch in anderen gesellschaftlichen Feldern ankündigt. Ansonsten müssen Create your own workspace- Aktivitäten vielleicht gar nicht unbedingt aus der Ethnologie hergeleitet werden (was oft auch nicht geschieht) – es ist zumindest zur fragen, ob Verfahren der User Participation in bibliothekarischen und außerbibliothekarischen Feldern wie Produktdesign, Offene Innovation oder Usability- Forschung und so weiter wirklich so eindeutig auf die Ethnologie zurückzuführen sind.

Lokale Forschung könnte hingegen das Potential der Ethnografie für den Bibliotheksbereich wirklich zum Tragen bringen. Das „Plädoyer" klagt einen Anspruch ein, den auch die Herausgeber des Handbuchs an die Disziplin stellen, dann aber gleich wieder relativieren (siehe oben) und der in der Bibliothekswissenschaft noch entschlossener verfolgt werden könnte. Ich zitiere abschließend noch einmal aus der Einleitung von Konrad Umlauf: Beim Stichwort Methoden denken Praktiker […] an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen. Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht. Vielmehr behandeln die Beiträge […] Forschungsmethoden die zur Anwendung kommen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. (21) Lokale Forschung in Bibliotheken könnte Erkenntnisse hervorbringen, die Theorie und Praxis verbinden und für beide von Nutzen sind.

Literaturverzeichnis

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  1. Wegen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden die männliche Pluralform verwendet.

  2. I.F. werden die drei Titel als Handbuch, Praxiseinführung und Plädoyer referenziert.

  3. Ursula Schulz war von 1992 bis 2013 Professorin an der HAW Hamburg, Fakultät DMI, Department Information. Auf ihrer Webseite sind zahlreiche Projekte zur Anwenderpartizipation nachgewiesen: http://www.bui.haw-hamburg.de/pers/ursula.schulz/

  4. Aus einer Definition von Ethnografie: Ethnography entails the close and prolonged observation of a particular social group. The ethnographer is not concerned to describe the behavior of the members of the group, but rather to understand the culture of that group from within. (Edgar/Sedgwick 2008, 115)

  5. Ethnomethodologie ist mit Ethnografie eigentlich nicht identisch; der Ansatz stammt aus der Soziologie und ist an die Kulturanthropologie angelehnt (Edgar/Sedgwick 2008, 116ff.). So scharfe Unterscheidungen scheinen mir jedoch in Bezug auf LIS-Anwendungen nicht hilfreich, weshalb ich sie hier übergehe und Seadles Begriff Ethnomethodologie übernehme.

  6. Kerstin Schoof hat Participatory Design und Photo Surveys aus der Rochester-Studie aufgenommen und an der Universitätsbibliothek Oldenburg angewendet.

  7. Schuldt bezieht sich hier auf die Europäische Ethnologie, da sie, anders als die Ethnologie nicht die fremde, sondern die eigene Kultur zum Forschungsgegenstand macht (Kaschuba 2003).


Corinna Haas ist Wissenschaftliche Bibliothekarin am ICI Institute for Cultural Inquiry Berlin, Kontakt: