> > > LIBREAS. Library Ideas # 26

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Europa als Zone der Zines. Über eine Fahrbibliothek


Zitiervorschlag
Ben Kaden, "Europa als Zone der Zines. Über eine Fahrbibliothek". LIBREAS. Library Ideas, 26 ().


Im April des Jahres 2014 gab es in Berlin eine wunderbare Ausstellung mit einem sonderbaren Bibliotheksbezug. Genau genommen war es sogar keine Ausstellung, sondern eine temporäre internationale Bibliothek, nur dass sie eben dort ihre Regale aufschlug, wo Friedrichshain das am konsequentesten und sichtbarsten erfüllt, was der Mythos Berlin an Off-Kultur (falls man Off-Kultur noch so nennt) verspricht: in der Urban Spree Gallery zwischen Warschauer und Revaler Straße, dort wo Skateboarder, Drogenhändler, Punks aller Haarfarben, Musiker aller Richtung und Touristen aller Herren Länder aufeinandertreffen. Kein schlechter Ort für eine Bibliothek also. Zumal für eine, deren Bestände die Umgebung perfekt zu spiegeln scheinen.

Wir waren, nachdem wir über das wunderliche und ein bisschen unterschätzte Medium Tumblr die Zine-Library entdeckten, außerordentlich neugierig, wie eine solche Art Bibliothek außerhalb der Bibliothek funktioniert. Und zwei der Zine-BibliothekarInnen erklärten uns bereitwillig, was hinter dieser Idee steckt.

Zines of the Zone war im Frühjahr und Sommer 2014 eine Fahrbücherei. Mit einer kleinen europäischen Förderung ausgestattet, tourte das Team um die Fotografen Julie Hascoët und Guillaume Thiriet kreuz und quer über den Kontinent, von Lissabon über Belgrad und Berlin nach Oslo, Warschau, Nantes, Paris um jeweils für zwei bis drei Tage einen nicht-repräsentativen (etwas anderes war unmöglich), stattdessen aber sehr einzigartigen und dabei sehr umfänglichen und wachsenden (jede Station ergänzte die Kollektion um weitere lokale Zine-Stücke) Bestand an das interessierte Publikum zu vermitteln. Wie der Tour-Tumblr zeigt, dauert die Reise weiterhin an (letzte Stationen: Zürich, Limoges, siehe http://blogznzn.tumblr.com/).

Julie und Guillaume in Berlin-Friedrichshain

Julie und Guillaume in Berlin-Friedrichshain

Diese Bibliothek ist wirklich ein wachsender Organismus, weitgehend auf Schenkungen aufbauend und dabei beziehungsweise dadurch auf Zufallsbegegnungen. Vollständigkeit wird nicht angestrebt und wäre auch nicht anstrebbar. Die Motivation für Zine-Produzenten etwas beizutragen ist selbstredend außerordentlich hoch: Eine größere Verbreitung und vor allem Wahrnehmung von Zines innerhalb ihrer peer group, in der Einzelausgaben häufig gar nicht breitensichtbar werden, ist trotz aller digitalen Optionen nur mit solchen Projekten realisierbar.

In Berlin gab es sogar zwei Stationen: neben der Urban Spree Gallery, die vor allem eine Bestands- und Kulturvermittlung an einer heterogenes Publikum ermöglichte, stand noch ein interaktiver Bibliothekstag der offenen Tür bei der exp12-Galerie im Prenzlauer Berg auf dem Tourenplan.

War die Friedrichshainer Schau vor allem eine der zufälligen Begegnung und der weitläufigen Nutzung, trafen sich in der Galerie des ruhigeren Winsviertel vor allem Künstler, Fotografen und vor allem Zine- und Independent-Zeitschriftenverleger zum Erfahrungsaustausch und zum Netzwerken.

Die Zines-of-the-Zone-Bibliothek ist in dieser Funktion auch eine Art Arbeits- und Mittelpunktsbibliothek vor allem für eine Gruppe kreativ Tätiger, denen so eine Spezialbibliothek zwangsläufig mehr Inspiration verspricht, als die Generalsammlungen der Stadtbibliotheken. Wobei zugleich Julie und Guillame den Wunsch äußerten, mit klassischen Bibliotheken zusammen zu arbeiten und die Sammlung dort zu präsentieren, was die Zine-Kultur auch für anderes als das meist dann doch szeneübliche Publikum erkundbar machen würde. Gerade weil Zines in kleinen, spezifischen Zirkeln und abseits des üblichen Buchhandels verbreitet werden, ist es für Außenstehende kaum möglich, mit dieser medialen Form überhaupt in Kontakt zu kommen. Auf die Frage, ob Bibliotheken Zines sammeln sollten, antwortet Julie entsprechend sofort: Sie könnten es nicht einmal. Hin und wieder gibt es Versuche, aber dann entziehen sich die Materialien den gängigen Erschließungssystematiken und landen beispielsweise bei den Graphic Novels.

Die Zines of the Zone-Bibliothek in der Urban Spree-Galerie

Die Zines of the Zone-Bibliothek in der Urban Spree-Galerie

Die Motivation von Julie ist weitaus näher am Kern des traditionellen Bibliothekswesens, als man möglicherweise zunächst vermutet. Ihre Inspirationsquelle heißt Aby Warburg und was sie antreibt, ist die Sorge um die Vergänglichkeit. Gerade in Kleinauflagen hergestellte Ephemera wie Zines sind grundsätzlich vom Verschwinden bedroht. Dass neue Publikationsformen zu einem Boom des Self-Publishings und damit auch zu einem Wachstum der Zahl und Vielfalt von Zines und Zine-ähnlichen Publikationen führt, erleichtert die Sache nicht unbedingt, multipliziert sich damit zugleich die Unüberschaubarkeit dessen, was geschieht. Mit dem Erhaltenwerden oder Verschwinden von Zines geht es zugleich um das Bewahren einer ganz bestimmten Form von Kultur, die eben nicht kanonisiert oder überhaupt kanonisierbar ist, sondern die Schmelzpunkte des Kreativen, die Rohschnitte einer sich entwickelten Formenvielfalt kulturellen Ausdrucks fasst. In diesen Materialien bündeln sich vielleicht nicht die großen Weltentwürfe sondern eher kleine Geschichten. Aber es sind Geschichten, es ist kulturelles Erbe und dieses verdient es, bewahrt zu werden so wie die Geschichten es verdienen, erzählt zu werden. Zines of the Zone zeigt diese Arbeiten und Geschichten. Ob es sie auch bewahren können wird steht auf einem anderen Blatt.

Zugleich spielt die Erzählform selbst eine Rolle: Die Zines-of-the-Zone-Library dokumentiert, was in der Zine-Kultur wie geschieht. Und schließlich betont Julie noch einen weiteren Aspekt: Es gibt in der so genannten Generation Y, deren spätere Hälfte man im heute im Herbst 2014 vielleicht noch eher als postdigital bezeichnen würde, eine Reihe von Menschen, die gerade angesichts der Allgegenwart des Digitalen eine neue Sensibilität für das Materielle entwickeln, vielleicht auch eine Art Sehnsucht nach dem Realen, gerade weil sich der Großteil auch des kreativen Handelns im Virtuellen vollzieht.

Den Bezugspunkt bilden dabei vorrangig aber nicht ausschließlich Zines. Auch kleinere Zeitschriften vom Kaliber dessen, was man in Berlin vielleicht Do-You-Read-Me-Kultur (nach dem passenden Fachgeschäft) nennt, Künstlerbücher und ähnliche Publikationen finden Eingang in die Sammlung, sofern sie nicht als Einzelstück sondern mindestens in einer Kleinauflage vorliegen. Die organische Bibliothek der Zines kann auch das passend in sich aufnehmen, sofern es irgendwie stimmig erscheint und das zweite Zentralkriterium erfüllt: Es muss sich um eine unabhängige Publikation handeln, die außerhalb des regulären Verlagswesens erschien. Der kulturellen Verankerung der BibliotheksgründerInnen ist der Schwerpunkt Fotografie zu verdanken. Fotozines sind zweifellos eine dominante Form, eine Art haptische Variation der blühenden Tumblr-Kultur. Diese Zines sind in diesem Sinn selbst Dokumentationsarbeiten der Fotografen beziehungsweise Visual Artists, die sich so selbst ein gedrucktes Portfolio erstellen. Die Qualität dieser Ausgaben schwankt zwischen Fotokopier-Esprit und äußerst professionellen Broschüren, wie sie Hersteller wie Pogobooks http://www.pogobooks.de/content/news.html produzieren.

Materialvielfalt der Zines of the Zone-Kollektion

Materialvielfalt der Zines of the Zone-Kollektion

Die Groberschließung der Sammlung erfolgt mit dem Anspruch, einen Zugangspunkt anzubieten und spiegelt sich am Rande ebenso in der Aufstellung, wobei die Bestandspräsentation auch im Umfang maßgeblich vom Ausstellungsort geprägt wird. Im Normalfall kann nur eine Auswahl des gesamten Bestandes gezeigt werden. Die Bestandsverwaltung erfolgt auf dem Laptop mittels Excel. Der OPAC ist ein Tumblr (http://zinesofthezone.tumblr.com/) ohne weitere Sacherschließung aber mit hohem Serendipity-Potential. Das gilt auch für die physische Sammlung, wobei Julie und Guillaume betonten, wie wichtig die direkte Kommunikation mit den Besuchern im Sinne des Vermittelns von Kenntnissen über diese Kultur ist.

Und vielleicht, so könnten wir ergänzen, die direkte Kommunikation mit Menschen, die einen etwas theoretisierteren Blick auf den Gegenstand werfen und dennoch nicht minder staunen. Erstens über die unglaubliche Bandbreite und Vielfalt (auch in der Form), die das Realmedium der Zines zu fassen versteht. Zweitens über die Leidenschaft, mit der gerade Vertreter aus der Generation der (Post-)Digital-Natives mit einer Materialkultur experimentieren, die viele Vertreter der Medieneliten älterer Jahrgänge längst als anachronistisch abgeschrieben haben. In gewisser Weise manifestiert sich hier eine Grundfunktion der Zine-Kultur: Das Unterlaufen von Mainstreamansprüchen und -mustern der Kultur. Das bisschen Social Media und digitale Narrativität, die sich die Hubert-Burda-Think-Tanks als Leitsterne der medialen Gegenwart ausmalen, wird bei Bedarf ganz nebenbei mitbespielt. Und schließlich staunen wir über die Bereitschaft, sehr viel Zeit, auch ein paar eigene Ersparnisse und sehr viel unbezahltes Engagement in eine Herzensangelegenheit zu investieren, von der überhaupt nicht absehbar ist, was am Ende stehen wird. Fraglos ist Zines of the Zone auch ein ganz persönliches Abenteuer. Wie schön, dass die Idee der Bibliothek so etwas hergibt.

Bestandsvermittlung der Zines of the Zone

Bestandsvermittlung der Zines of the Zone


Ben Kaden ist Bibliotheksforscher (heise.de) aus Berlin.