> > > LIBREAS. Library Ideas # 26

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Die Offene Bibliothek von Clegg & Guttmann


Zitiervorschlag
Christian Kahle, "Die Offene Bibliothek von Clegg & Guttmann". LIBREAS. Library Ideas, 26 ().


Offene oder Öffentliche Bücherschränke und vergleichbare Installationen, die dem freien Austausch von Büchern dienen, gehören heute zum Alltagsbild vieler Städte. Auf der Plattform OpenBookCase.org sind mittlerweile mehr als 700 Projekte verzeichnet, die sich überwiegend frei zugänglich im öffentlichen Raum befinden. Die meisten dieser Mikroinstitutionen stellen Variationen einer Kernidee dar, die sich auf die Projekte der Künstler Martin Clegg und Michael Guttmann zurückführen lässt.

Die Offene Bibliothek

Frei zugängliche Bücherbehältnisse installierte das Künstlerduo Clegg & Guttmann 1991 an verschiedenen Standorten in Graz. In der Zeitschrift des Grazer Kunstvereins veröffentlichten die Künstler einen theoretischen Entwurf zu ihrer Alternativbibliothek:

Eine Bibliothek ohne Bibliothekare und Überwachung, deren Bücherbestand von den Benützern selbst durch ein Tauschsystem, demzufolge jedes entliehene Buch nach Gutdünken des Benützers durch ein anderes zu ersetzen ist, bestimmt wäre. (Clegg & Guttmann 1990)

Das Tauschsystem hebt die Rollenhierarchie zwischen dem Fachpersonal einer Bibliothek und ihren Benutzern auf. Jeder Beteiligte ist gleichermaßen Nutzer und Erneuerer des gemeinsamen Buchbestands. Die Offenheit derartiger Bücherbehältnisse liegt nicht allein in ihrer öffentlichen Zugänglichkeit begründet. In den englischsprachigen Texten der Künstler fällt die doppelte Bestimmung als Open Public Library auf. Anlässlich einer späteren Realisierung ihrer Offenen Bibliothek stellten Clegg & Guttmann folgende Leitlinien auf:

  1. Die Offene Bibliothek soll ohne Hierarchie auskommen.
  2. Die Offene Bibliothek soll durch keinerlei Sicherheits- oder Kontrolleinrichtungen geschützt werden.
  3. Den Nutzern werden keine zusätzlichen Bestimmungen auferlegt, die über die Definition der Bibliothek als einen Ort, an dem für einen begrenzten Zeitraum zu vergebendes Lesematerial zur Verfügung steht, hinausgehen.
  4. Es werden keine Kriterien für eine Auswahl des Lesematerials festgelegt. (Clegg & Guttmann, Bemerkungen zur Offenen Bibliothek, in: Könneke 1994, S. 28.)

Der gegebenen Minimaldefinition nach kann prinzipiell eine Vielzahl an Orten, Behältnissen oder Installationen zu einer Offenen Bibliothek erklärt werden. Wie aber wird aus einer Menge an zusammengetragenen Büchern ein Bestand und somit der Ort zu einer Bibliothek? Mit der Etablierung spezifischer Formen der Nutzung durch eine Nutzergemeinschaft, die sich im Zuge sozialer Kommunikationsprozesse konstituiert:

Die Notwendigkeit, Normen für die ordnungsgemäße Benutzung der Bibliothek zu erstellen, wird eine Diskussion über die Werte und Ziele der Gemeinschaft erforderlich machen. Die Findung und Ausübung von gewaltlosen Sanktionen gegen die Verletzung des richtigen Gebrauchs der Bibliothek kann zu einer Übung in metaphorischer Selbstverwaltung werden. (Clegg & Guttmann 1990)

Kurz sei hier auf den Diskurs über Gemeingüter verwiesen: Ist es sinnvoll, den geteilten Buchbestand als Commons und die damit verbundenen Formen der Nutzung und Pflege als Commoning zu verstehen? Problematisch ist hier vielleicht die genaue Bestimmung des Gemeinguts, da für die Nutzer kein konstanter Zugriff auf inhaltlich bestimmte Wissensbestände garantiert werden kann.

Porträt einer Gemeinschaft

Ursprünglich waren die Offenen Bibliotheken als experimentelle Modelle gedacht. Als temporäre Installationen sollte sich an ihnen zeigen, in welcher Form die Anwohner auf ein derartiges Angebot reagieren würden. Etwaige Plünderungen oder Beschädigungen stellten kein Scheitern, sondern einen möglichen Verlauf des Experiments dar. Heute werden die Projekte bewusst so geplant und gepflegt, dass sie für einen längeren Zeitraum stabil und attraktiv bleiben. Dies führt jedoch zu einer Einschränkung ihres basisdemokratischen Charakters.

Ausgehend von Marcel Duchamps Entgrenzung des überkommenen Kunstbegriffs werfen Clegg & Guttmann die Frage auf, inwiefern ihre Installationen als Kunst verstanden werden können. Ein Öffentlicher Bücherschrank stellt einen zur kollektiven Nutzung in den Außenraum verschobenen Gebrauchsgegenstand dar, an dem sich soziale Prozesse manifestieren:

Eine solche Bibliothek könnte als Institution zu einer Selbstdefinition der Gemeinschaft beitragen; sie würde ihre Lesegewohnheiten und intellektuellen Vorlieben widerspiegeln und wäre damit eine Art Porträt einer Gemeinschaft. (Ebd.)

Für den Aufbau und Erhalt einer Offenen Bibliothek wirken verschiedene soziale Akteure zusammen, wofür Clegg & Guttmann den von Joseph Beuys geprägten Begriff der sozialen Skulptur aufgreifen. In Hamburg richteten die Künstler parallel zu ihren Installationen ein gemeinsames Informations- und Dokumentationszentrum ein, um eine Kommunikationsverbindung zwischen den beteiligten Bevölkerungsgruppen zu schaffen:

Wir glauben, daß eine der wichtigsten Aufgaben von Kunst ist, Porträts zu erzeugen, während über den Prozeß des Porträtierens selbst reflektiert wird. […] Dieses Projekt ist von uns gedacht als ein Porträt eines Stadtteils. Es wird den Leuten in den verschiedenen Stadtteilen in sehr direkter Weise ermöglichen, ihren unmittelbaren sozialen Kontext besser zu verstehen. Würde man es erweitern, könnte das Projekt zu einem Porträt der Stadt Hamburg werden. (Clegg & Guttmann 1993)

Ein Porträt ist hier kein mit den Mitteln der Malerei geschaffenes Kunstwerk statischer Referenz. Kunst besteht hier im Anbahnen und Ermöglichen von Bewusstseins- und Kommunikationsprozessen.

Bildunterschrift: CC-BY-3.0,Urheber: ChristianSW, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:B%C3%Bcchertauschb%C3%B6rse_Soltau.jpg

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Bildunterschrift: CC-BY-3.0, Urheber: ChristianSW, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lesebaum_Karlshagen.jpg

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Bildunterschrift: CC-BY-3.0, Urheber: ChristianSW, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Buchtauschzelle_Karlshagen.jpg

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Variationen und Weiterentwicklungen

Martin Clegg und Michael Guttmann haben viel mit der Offenen Bibliothek experimentiert. Eine besondere Umsetzung der Offenen Bibliothek stellen die Installationen auf dem Jüdischen Friedhof Krems dar. Der Ort und seine Geschichte bildeten hier die Grundlage für die inhaltliche Auswahl der Buchbestände:

The Jewish cemetery in Krems has been unused since World War II. The Open Public Library in Krems is a revival project which will give a reason and an opportunity for public access to one of the few reminders that there was once a lively Jewish community in this Lower Austrian city. […] The first bookcase contains original religious material in Hebrew. The second cabinet contains introductory material on Jewish law in German and English. The third part of the collection specializes in various topics related to the Jewish philosophy of death. (Clegg & Guttmann: The Open Public Library in the Jewish cemetary in Piaristenkirche Krems, In: Clegg & Guttmann 2005, S. 96.)

Spannend ist auch die Umsetzung des Projekts mit anderen Objektarten, zum Beispiel Tonträgern oder Werkzeugen. Damit nähert sich die Offene Bibliothek der Givebox an, bei der Gegenstände aller Art abgelegt oder entnommen werden dürfen, aber nicht zurückgebracht werden müssen.

Die Plattform OpenBookCase.org verzeichnet Öffentliche Bücherschränke, Giveboxen und vergleichbare Projekte mit Geokoordinaten. Mit einem mobilen Endgerät lassen sich von jedem Standort aus die in der Nähe gelegenen Objekte auf einer Karte anzeigen und aufsuchen. So entsteht ein besonderes Verhältnis zwischen den ortsgebundenen Objekten und ihrer öffentlichen Zugänglichkeit. Denkbar wären weitere Verzahnungen zwischen den Projekten und dem Web 2.0, beispielsweise eine Kennzeichnung der Bestände mit QR-Codes.

Literatur

Clegg & Guttmann (1990): Entwurf für eine Open-Air Bibliothek, in: Durch 6/7 (1990), S. 136.

Clegg & Guttmann (2005): Monument for historical change and other social sculptures, community portraits and spontaneous operas. Wien : Schlebrügge.Editor 2005.

Clegg & Guttmann (1993): Offene Bibliotheken, in: Backstage. Topologie zeitgenössischer Kunst. Hamburg : Kunstverein in Hamburg 1993, S. 10.

Kahle, Christian (2004): [Videozitat] Kommentiert – 2004, http://bibliothekarisch.de/blog/2014/07/13/videozitat-kommentiert-2004/

Könneke, Achim (Hg.) (1994): Clegg & Guttmann. Die Offene Bibliothek. The Open Public Library. Ostfildern : Cantz 1994.

Lingner, Michael (1993): Clegg & Gutmanns »Offene Bibliothek«, http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt93-10.html

Lingner, Michael (1991): «Metaphorische Selbstverwaltung», http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt91-6.html