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Abstand als Alternative? Vom Normalen und weniger Normalen in kamerunischen Bibliotheken

Am praktischen Beispiel des kamerunischen Bibliothekswesens werden Probleme bei der Übernahme von 'traditionellen' Bibliothekskonzepten in andere Kulturen verdeutlicht. Die Lösungen dieser Probleme werden zum einen in einem besseren Verständnis der handelnden Akteure, zum anderen in einer Neuausrichtung der Zusammenarbeit mit eben diesen Akteuren gesehen.


Zitiervorschlag
Uwe Jung, "Abstand als Alternative? Vom Normalen und weniger Normalen in kamerunischen Bibliotheken". LIBREAS. Library Ideas, 26 ().


Ein Anfang

Wer nach alternativen Bibliothekskonzepten fragt, muss sich zunächst über das Wesen traditioneller Bibliothekskonzepte im Klaren sein. Diese Frage scheint für weite Teile Europas und Nordamerikas geklärt zu sein. Doch in einem Land, in welchem der konstruierte Widerspruch zwischen Tradition und Moderne regelmäßig unter wechselnden Vorzeichen betrachtet wird, ist dies weniger klar, als gemeinhin angenommen. Der nachfolgende Text entstand als Ergebnis langjähriger aktiver Beobachtung in der bibliothekarischen Praxis Kameruns. Obgleich er versucht, einige der beschriebenen Phänomene ansatzweise theoretisch zu unterlegen, erhebt er doch keinen Anspruch auf eine umfassende theoretische Erklärung.

Kamerun liegt an der Grenze zwischen West- und Zentralafrika. Das Land war zwischen 1884 und 1916 eine deutsche Kolonie. Mehr noch, während dieser Zeit wurden dutzende von verschiedenen lokalen Gesellschaften zwischen Atlantik und Tschadsee unter einer zentralen Verwaltung zusammengefasst. Wichtigstes Erbe dieser gemeinsamen Geschichte war folglich die Schaffung eines Staatswesens, dessen Name und dessen Grenzen im Wesentlichen noch heute existieren. Nach dem 1. Weltkrieg wurde das Land in zwei von Großbritannien und Frankreich verwaltete Mandatsgebiete aufgeteilt, zunächst im Namen des Völkerbundes, später im Namen der Vereinten Nationen. Dieses Doppelmandat führte unter anderem dazu, dass die heutige Republik Kamerun in einen dominanten frankophonen und einen kleineren anglophonen Landesteil unterteilt ist. Anfang der 1960er Jahre wurden beide Mandatsgebiete, euphemistisch ausgedrückt, in die politische Unabhängigkeit entlassen. Das zunächst föderalistisch geprägte System wurde 1972 zugunsten eines zentralistischen Einheitsstaates abgeschafft.

Übersichtskarte Kamerun. Kamerun ist in zehn Regionen unterteilt. Die größten Städte sind Duala, Jaunde und Bafoussam. Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kamerun CC-BY-SA.

Übersichtskarte Kamerun. Kamerun ist in zehn Regionen unterteilt. Die größten Städte sind Duala, Jaunde und Bafoussam. Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kamerun CC-BY-SA.

Eine alte Eisenbahnbrücke in Edea. Die 162 m lange Brücke über den Sanaga stellt das vielleicht bekannteste, heute noch vorhandene Bauwerk aus der deutschen Kolonialzeit dar. Bildquelle: Foto des Autors.

Eine alte Eisenbahnbrücke in Edea. Die 162 m lange Brücke über den Sanaga stellt das vielleicht bekannteste, heute noch vorhandene Bauwerk aus der deutschen Kolonialzeit dar. Bildquelle: Foto des Autors.

Bismarck in den Tropen. Von der allgemeinen Bismarck-Euphorie gegen Ende des 19. Jhs. blieb auch Kamerun nicht verschont. Der Bismarck-Brunnen in Buea wurde 1899 vom damaligen Bezirksamtmann Leuschner initiiert, der das Portrait gar eigenhändig modellierte (Deutsches Kolonialblatt 1899, S. 368). Just im Rücken des Fotografen befindet sich die Außenstelle Buea des Nationalarchivs, Standort eines Teils der ehemaligen deutschen Gouvernements- Bibliothek. Bildquelle: Foto des Autors.

Bismarck in den Tropen. Von der allgemeinen Bismarck-Euphorie gegen Ende des 19. Jhs. blieb auch Kamerun nicht verschont. Der Bismarck-Brunnen in Buea wurde 1899 vom damaligen Bezirksamtmann Leuschner initiiert, der das Portrait gar eigenhändig modellierte (Deutsches Kolonialblatt 1899, S. 368). Just im Rücken des Fotografen befindet sich die Außenstelle Buea des Nationalarchivs, Standort eines Teils der ehemaligen deutschen Gouvernements- Bibliothek. Bildquelle: Foto des Autors.

Kolonialbauten in Buea. In diesem vor 1914 fertiggestellten Gebäude residiert heute die regionale Verwaltung des Kulturministeriums für die South-West-Region, eine von zwei anglophonen Regionen des Landes. Bildquelle: Foto des Autors.

Kolonialbauten in Buea. In diesem vor 1914 fertiggestellten Gebäude residiert heute die regionale Verwaltung des Kulturministeriums für die South-West-Region, eine von zwei anglophonen Regionen des Landes. Bildquelle: Foto des Autors.

Die gegenwärtige politische Situation ist durch die seit 1982 währende Amtszeit von Paul Biya gekennzeichnet. Unter dessen Ägide wurde eine gewisse innenpolitische Stabilität durchgesetzt, die jedoch gleichzeitig zu einer weitgehenden gesellschaftlichen Stagnation führte. Weitaus problematischer ist jedoch die sich daraus ableitende Zukunftsperspektive. Beobachter gehen derzeit davon aus, dass die aktuelle politische Situation im Zusammenhang mit dem demnächst anstehenden, jedoch offenbar unvorbereiteten Führungswechsel zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten führen wird.1

Ein Propaganda-Poster. Das Poster wurde 2011 anlässlich eines Kongresses der regierenden Staatspartei RDPC aufgestellt. Übergroß im Vordergrund: Paul Biya. Bildquelle: Foto des Autors.

Ein Propaganda-Poster. Das Poster wurde 2011 anlässlich eines Kongresses der regierenden Staatspartei RDPC aufgestellt. Übergroß im Vordergrund: Paul Biya. Bildquelle: Foto des Autors.

Die letzten 130 Jahre haben im Gebiet des heutigen Kameruns zweifellos tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen hervorgebracht. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Veränderungen zumeist auf das Wirken äußerer Faktoren zurückzuführen sind. Landläufig wird für diese Veränderungen oftmals der Begriff der Modernisierung verwendet. Jedoch ist dieser Begriff gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch. Weder gibt es eine lineare Abfolge gesellschaftlicher Entwicklung vom Niederen zum Höheren, noch gibt es einen klar voneinander abzugrenzenden Gegensatz zwischen Tradition und Moderne.2 Ist mit Modernisierung gar gemeint, eine Gesellschaft nach aktuellen westlichen Maßstäben zu entwickeln, wird der Begriff nicht mehr tragbar. Die besagten Veränderungen haben in Kamerun vielmehr zu einer spezifischen kamerunischen Gesellschaft mit eigenen Werten und Formen des Zusammenlebens geführt. Dies zu erkennen, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, sich lernend mit einzelnen Institutionen und Phänomenen dieser Gesellschaft beschäftigen zu können.

Das Spezifische der kamerunischen Gesellschaft führt jedoch zugleich zur Feststellung, dass jede Form von Verallgemeinerung höchst problematisch ist. Für Kamerun geltende Aussagen können nicht ohne weiteres auf eine afrikanische Gesellschaft übertragen werden. Das Konstrukt Afrika taugt nur bedingt zum Erkenntnisgewinn. Es musste hingegen bereits zu oft als Vehikel für unzutreffende Verallgemeinerungen herhalten. Das Ergebnis dessen lässt sich sarkastisch zu dem Klischee vom Katastrophenkontinent mit fröhlich tanzenden Bewohnern, phantastischen Landschaften und wilden Tieren zusammenfassen. Oder, wie es der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina sehr pointiert ausgedrückt hat: Afrika ist der einzige Kontinent, den man lieben kann.3

Ein Veranstaltungsplakat in München. Klischees beherrschen die Vorstellung über Afrika in Europa. Die hier vor der obligatorischen Afrika-Karte dargestellte Dame trägt imitierten traditionellen Glasperlen-Schmuck, übrigens ein typisches koloniales Handelsprodukt im 18. und 19. Jahrhundert. Bildquelle: Foto des Autors.

Ein Veranstaltungsplakat in München. Klischees beherrschen die Vorstellung über Afrika in Europa. Die hier vor der obligatorischen Afrika-Karte dargestellte Dame trägt imitierten traditionellen Glasperlen-Schmuck, übrigens ein typisches koloniales Handelsprodukt im 18. und 19. Jahrhundert. Bildquelle: Foto des Autors.

Bibliotheken in Kamerun

Bibliotheken in Kamerun sind fast immer unter dem Gesichtspunkt von kolonialen und neokolonialen Auseinandersetzungen zu betrachten. Sie entstanden und entstehen in den allermeisten Fällen auf der Basis eines importierten und für allgemeingültig angesehenen Konzepts. Diese Aussage gilt teilweise sogar für die berühmte vom König Njoya entwickelte Bamum-Literatur, welche zu einem Zeitpunkt entstand, als die deutsche Kolonialverwaltung bereits im Lande wirkte.4

Eine der ersten traditionellen (oder sollte man hier besser sagen, modernen) Bibliotheken in Kamerun entstand mit dem Aufbau der deutschen Kolonialverwaltung ab 1884. Teile dieser sogenannten Gouvernements-Bibliothek haben sich bis heute in Buea und Jaunde5 erhalten. Dieser wahrscheinlich ersten europäischen Bibliothek sollten noch weitere folgen. Sie befinden sich hauptsächlich in Schulen und Hochschulen, in Behörden, in privat organisierten Kulturzentren sowie - recht vereinzelt anzutreffen - in kommunalen Einrichtungen. Ihre Zahl ist kaum bekannt. Noch weniger bekannt sind belegbare Daten zur Größe der Bestände, zur Art der Bestandserneuerung sowie zur Zahl der Besucher. Das Fehlen dieser Zahlen macht es notwendig, sich auf anderen Wegen ein Bild vom kamerunischen Bibliothekswesen zu verschaffen, zum Beispiel durch Besuche, Interviews und Gespräche mit den Akteuren. Der Autor hat seit etwa zehn Jahren die Möglichkeit, diese Methoden zu nutzen. Indes ist es auch nach so langer Zeit noch schwierig, sich ein abschließendes Urteil über das Bibliothekswesen in Kamerun zu erlauben.

Wodurch sind also Bibliotheken in Kamerun beziehungsweise das kamerunische Bibliothekswesen gekennzeichnet? Nachfolgend der Versuch einer Charakterisierung:

Wie bereits erwähnt, besteht ein wichtiges Merkmal darin, dass sich nahezu alle bibliothekarischen Einrichtungen in Kamerun der modernen Sphäre zuordnen lassen.6 Gemeint ist ihre Einbettung in den Kontext von Institutionen, welche erst in den letzten 130 Jahren im Land entstanden sind. Zu nennen sind hier Schulen und Hochschulen, Behörden und Kommunalverwaltungen, nationale und internationale Regierungsorganisationen, das Parlament, aber auch kirchliche Gemeinden und sekuläre Vereine. Vielen von ihnen ist gemein, dass sie sich als Gegenentwurf zu lokal überlieferten Formen von Kultur und Gesellschaft verstehen. Ihr Anspruch bestand und besteht darin, vorgefundene Dinge zu verändern, vorhandene Strukturen aufzubrechen, Neues zu schaffen, kurz: die Gesellschaft zu modernisieren und voranzubringen. Die Anführungszeichen bei einigen der zuvor genannten Begriffe sollen ausdrücken, dass diese Ansichten nicht von allen in diesen Prozessen involvierten Akteuren in gleicher Weise geteilt werden.

Viele dieser institutionellen Gründungen und somit auch den meist damit einhergehenden Bibliotheksgründungen erfolgten direkt oder indirekt durch ausländische Institutionen. Direkt bedeutet hier, dass bei der Gründung bereits die ausländische Institution präsent war oder die Gründung direkt auf den Willen einer ausländischen Institution zurückgeht. Indirekt bedeutet, dass die Gründung mit der Absicht erfolgte, formell mit den Entwicklungen im Ausland gleichzuziehen. In jenem Sinne wurden Bibliotheken vor allem deshalb geschaffen, weil sie international üblich sind. Man orientierte sich also am Ausland und kopierte im Wesentlichen die Form. Die Auseinandersetzung mit den klassischen Funktionen einer Bibliothek rückte dagegen eher in den Hintergrund.

Außer den Bibliotheken wurden auch einige damit verbundene Strukturen und Prozesse geschaffen. So gibt es in Kamerun, wie in anderen Ländern auch, eine Nationalbibliothek mit Pflichtabgabeverordnung, einen nationalen Bibliotheksverband sowie universitäre Ausbildungsstätten für Bibliotheksmitarbeiter. Letztere wiederum geben Informationen über international praktizierte Begriffe, Normen und Prozesse an ihre Studenten weiter.

Das Ergebnis dieser Gründungsprozesse ist eine Bibliothekslandschaft, die sich auf den ersten Blick kaum von denen in anderen Ländern unterscheidet. Erst beim näheren Hinsehen zeigen sich die markanten Unterschiede von der internationalen Norm. Mehr noch, die reale Situation vor Ort führt bei den beteiligten Akteuren nicht selten zu Reaktionen, die auf den aufgeklärten westlichen Beobachter mitunter verstörend wirken.

Probleme?

Zu den Unterschieden gehören zum Beispiel das fast vollständige Fehlen von Bibliotheksentwicklungsplänen beziehungsweise die ausbleibende Umsetzung dieser Pläne. Ein planmäßiger Bestandsaufbau findet nur selten statt. Es dominiert die eher zufällige Bestandserweiterung auf der Grundlage von Schenkungen. Bei den Schenkungen wiederum handelt es sich nicht selten um ausgesonderte Titel ausländischer Institutionen. Finden keine Schenkungen statt, entfällt als Konsequenz auch der Bestandsaufbau. Als Beispiel soll hier die zentrale öffentliche Bibliothek in Jaunde genannt werden, für die nach der Gründungsphase 1998 kein einziges neues Buch mehr angeschafft wurde.7

Auch bei der Betrachtung der Infrastruktur lassen sich Unterschiede feststellen. Viele Räumlichkeiten wirken wenig einladend auf die Besucher. Und obgleich die in Kamerun häufig anzutreffende Mischung aus Staub und hoher Luftfeuchtigkeit viel zu diesem Eindruck mit beiträgt, liegen die Ursachen hierfür woanders. Budgets für regelmäßige Bibliotheksreinigung und neues Mobiliar sind selten vorgesehen beziehungsweise werden - den verschiedenen Gesprächspartnern zufolge - regelmäßig von Mitgliedern der vorgesetzten Ebene zweckentfremdet.

Des Weiteren wird der im Alltag häufig anzutreffende autoritäre Führungsstil vielerorts auch in Bibliotheken praktiziert. Bibliotheksnutzer finden sich deshalb nicht selten in der Rolle von Subjekten wieder, die den Betrieb eher stören als bereichern. Ein immer wieder zu hörender Satz lautet entsprechend Les enfants-là dérangent !,8 wobei die besagten Kinder gut und gerne auch mal 30 Jahre alt sein können. Unter diesen Umständen das Ideal der Förderung eines allseitig informationskompetenten Bürgers herauslesen zu wollen, erscheint wenig realistisch. In diesem Zusammenhang darf auch vermutet werden, dass eine breite Masse von selbstständig und kreativ handelnden Individuen im Grunde genommen in Kamerun kein Ziel staatlichen Handelns darstellt. Permanente Innovation sowie das stete infrage stellen der bestehenden Ordnung würden einen hohen Mitteleinsatz bei der Aufrechterhaltung ebendieser Ordnung bedingen. Der Vorteil einer durchgängig autoritär organisierten Gesellschaft besteht hingegen genau darin, dass sich die bestehende gesellschaftliche Ordnung mit relativ geringem Mitteleinsatz aufrechterhalten lässt. Freilich nur bis zu einem gewissen Grad. Im Übrigen stellt der Kern dieses Prinzips ein weiteres Erbe kolonialer Praxis dar. Die koloniale Beherrschung eines knapp 500.000 km² großen Raumes mit kaum mehr als 100 europäischen Militärs wäre anders nicht denkbar gewesen.9

Ein Plakat der staatlichen Wahlkommission in Jaunde. Auffällig ist hier die Feststellung, wonach Wahlen die Macht legitimieren und die Notwendigkeit des Gehorsams (gegenüber den Herrschenden) rechtfertigen. Bildquelle: Foto des Autors.

Ein Plakat der staatlichen Wahlkommission in Jaunde. Auffällig ist hier die Feststellung, wonach Wahlen die Macht legitimieren und die Notwendigkeit des Gehorsams (gegenüber den Herrschenden) rechtfertigen. Bildquelle: Foto des Autors.

Kaum besser steht es um die gesellschaftliche Anerkennung der bibliothekarischen Berufe. In vielen Schulen, aber nicht nur dort, wird mancher leistungsschwache Mitarbeiter zur Erholung in die Bibliothek versetzt. Generell genügen die Gehälter der Mitarbeiter oftmals nicht, um sich und der Familie ein bescheidenes Leben zu sichern. Die Folgen davon sind häufige Abwesenheiten zwecks Nebenerwerb beziehungsweise wegen mangelnder Motivation. Hat man zudem das Glück als Beamter angestellt zu werden, braucht es in der Regel zwei bis drei Jahre, bis das erste Gehalt ausgezahlt wird. Einen Teil dieser unfreiwilligen Wartezeit verbringt der Bittsteller dann nicht an seinem Arbeitsplatz, sondern in der Hauptstadt mit dem Putzen unzähliger Türklinken in diversen Ministerien. Über dieses Problem berichten nicht nur Bibliotheksmitarbeiter, sondern auch andere angehende Beamte, wie zum Beispiel Lehrer.

Auch bei der bibliothekarischen Ausbildung werden Unterschiede zur Norm sichtbar. Die Studiengänge einiger Einrichtungen sind unter anderem durch fehlenden Praxisbezug sowie veraltete Lerninhalte gekennzeichnet. Zum Beispiel lernten angehende Dokumentare und Bibliothekare noch 2013 in der staatlichen Ausbildungsstätte ESSTIC, dass es in Deutschland zwei Nationalbibliotheken gibt, eine davon in der DDR (!). Des Weiteren endete ein Kurs zum Thema Multimedia in der Bibliothek mit der Erwähnung der Video-Disc als neueste Entwicklung auf diesem Gebiet.10 In der Tat sind die Vorlesungen mancher Dozenten kaum mehr als die Zusammenstellung ihrer eigenen, während der Studienzeit angefertigten Mitschriften.

Was Projekte im Bibliotheksbereich betrifft, so gibt es hier kaum Unterschiede zu anderen gesellschaftlichen Bereichen im Land. Protokollarische Details und die Dicke von zugestanden Geldumschlägen erscheinen im Alltag wichtiger als das eigentliche Projektziel. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung von Essenseinladungen verwundert es auch nicht, dass die Qualität und Quantität der kostenlos angebotenen Speisen und Getränke mitunter über den Erfolg oder Misserfolg einer organisierten Weiterbildungsveranstaltung entscheidet.

Die Ergebnisse solcher Projekte und Workshops lassen sich dann gegebenenfalls an der Größe der entstandenen Ruinen messen. So gibt es zum Beispiel in Marua eine aus einem internationalen Projekt heraus entstandene öffentliche Bibliothek zu bewundern, die irgendwann vor Jahren schlichtweg von Mitarbeitern und Besuchern verlassen wurde. Seit diesem Tag warten Bücher, Regale, Stühle und Tische darauf, unter einer dicken Staubschicht begraben zu werden, um dann womöglich irgendwann in der Zukunft Gegenstand einer archäologischen Ausgrabung zu werden. Wohlgemerkt, es handelt sich um die zentrale Öffentliche Bibliothek für Marua und die Region Extrême-Nord, immerhin ein Gebiet mit über drei Millionen Einwohnern!11 Marua ist dabei leider kein Einzelfall. Die Tageszeitung Mutations berichtete in ihrer Ausgabe vom 14. Oktober 2014 darüber, dass es in Bertua, immerhin Hauptort der flächenmäßig größten Region Est, derzeit keine einzige Bibliothek gäbe. Der Autor der Mutations bezieht sich hierbei im Wesentlichen auf die dort ebenfalls geschlossene Öffentliche Bibliothek. Über die Existenz einiger kleinerer Bibliotheken scheint er hingegen nicht informiert zu sein.

Die Garga-Aliou-Outsman-Bibliothek in Maroua. Die zentrale Öffentliche Bibliothek für die Stadt Marua und die Region Extrême-Nord ist seit mehreren Jahren geschlossen. Bildquelle: Foto des Autors.

Die Garga-Aliou-Outsman-Bibliothek in Maroua. Die zentrale Öffentliche Bibliothek für die Stadt Marua und die Region Extrême-Nord ist seit mehreren Jahren geschlossen. Bildquelle: Foto des Autors.

Die Garga-Aliou-Outsman-Bibliothek in Maroua. Ein Blick durchs Fenster. Bildquelle: Foto des Autors.

Die Garga-Aliou-Outsman-Bibliothek in Maroua. Ein Blick durchs Fenster. Bildquelle: Foto des Autors.

Die Garga-Aliou-Outsman-Bibliothek in Marua. Noch ein Blick durchs Fenster. Bildquelle: Foto des Autors.

Die Garga-Aliou-Outsman-Bibliothek in Marua. Noch ein Blick durchs Fenster. Bildquelle: Foto des Autors.

Angesichts dieser bisher beschriebenen Umstände mag es wenig verwundern, dass die Nationalbibliothek des Landes seit fast 10 Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen ist und der seit 1973 Jahren existierende nationale Bibliotheksverband ABADCAM (Cameroon Association of Librarians, Archivists, Documentalists and Museographers) erst 2010 im Rahmen des IFLA-BSLA-Programms12 reanimiert wurde.

Ein Erklärungsversuch

Es wäre langweilig und wenig nutzbringend, sich weiter bei der Aufzählung von Problemen aufzuhalten, die - jedes für sich allein genommen - sicherlich auch in anderen Ländern festgestellt werden können.13 Generell ersichtlich wird allerdings ein systematisches Abweichen vom Normalen, wobei die nicht erfüllten Normen außerhalb des Landes definiert werden. Betrachtet man folglich das Bibliothekswesen in Kamerun unter dem Gesichtspunkt, wie es eigentlich sein müsste, bleiben Enttäuschungen nicht aus. Von den beteiligten Akteuren vor Ort hört man jedoch in Bezug auf diesen oder jenen Umstand immer wieder die Aussage: C’est normal !14 Allein diese ständig wiederkehrende Floskel deutet bereits darauf hin, dass die extern aufgestellten Normen mit denjenigen Normen, wie sie im Land selbst definiert und von den beteiligten Akteuren wahrgenommen werden, nicht übereinstimmen. Ganz offensichtlich befolgen viele Akteure im kamerunischen Bibliothekswesen gänzlich andere Normen, wobei sie daran durch ihre jeweils Aufsicht führenden Einrichtungen kaum behindert werden.

Konkret führt dies zu der These, wonach das aus Europa beziehungsweise Nordamerika eingeführte Konzept der Bibliothek in Kamerun vielerorts abgeändert und den Bedürfnissen von einigen der beteiligten Stakeholder angepasst wurde. Diese Umwandlung erfolgte an einigen Orten so erfolgreich, dass die ursprüngliche Funktionalität der Bibliothek nahezu komplett dahinter verschwand. Im Extremfall berechtigt das Vorhandensein eines angestaubten Regals mit einigen unattraktiven – und daher noch nicht gestohlenen – Büchern zum Bezug eines regelmäßigen Beamteneinkommens nebst der Aussicht auf Dienstreisezulagen und ab und an anfallenden Projektgeldern. Im Normalfall ist der Extremfall ein erstrebenswertes Ziel, wobei es dann auch gerne noch ein paar Regale mehr sein dürfen.

In diesem Sinne stellt diese Art von Organisation eine Alternative zum importierten und scheinbar universell geltenden Bibliothekskonzept dar, freilich ohne dass die in Europa und Nordamerika definierten klassischen Funktionen einer Bibliothek darin noch irgendwie ernsthafte Beachtung fänden.

Ein Hinweisschild in Duala. Die Perspektive wollte es so, dass dieses Schild in Richtung eines scheinbar unüberwindlichen Zaunes zeigt. Als der Autor knapp ein Jahr später wieder vorbeikam, war vom Schild nichts mehr zu sehen. Der Ort liegt in unmittelbarer Nähe zur Wuri-Brücke in Duala, welche laut nicht näher belegbaren Angaben täglich von über 1 Million Personen benutzt werden soll. Bildquelle: Foto des Autors.

Ein Hinweisschild in Duala. Die Perspektive wollte es so, dass dieses Schild in Richtung eines scheinbar unüberwindlichen Zaunes zeigt. Als der Autor knapp ein Jahr später wieder vorbeikam, war vom Schild nichts mehr zu sehen. Der Ort liegt in unmittelbarer Nähe zur Wuri-Brücke in Duala, welche laut nicht näher belegbaren Angaben täglich von über 1 Million Personen benutzt werden soll. Bildquelle: Foto des Autors.

An dieser Stelle sei vor Missverständnissen gewarnt. Die hier beschriebenen Fälle mögen vielleicht für die Mehrzahl der mit dem Begriff Bibliothek umschriebenen Einrichtungen in Kamerun zutreffen, für die Gesamtheit stimmt dies nicht. Es gibt sehr wohl ernsthafte Bibliotheksprojekte mit engagierten Kolleginnen und Kollegen, die dort ihre Angebote den Nutzern zukommen lassen. Es würde sich sicher lohnen, die möglicherweise gemeinsamen Voraussetzungen für diese, von außen betrachtet, wünschenswerte Praxis mit wissenschaftlichen Methoden näher zu untersuchen. Als eine erste Hypothese bietet sich eine angenommene Korrelation zwischen erfolgreichen Bibliotheken und einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit der jeweiligen Verantwortlichen an.

Und auch ein weiteres Missverständnis muss hier geklärt werden. Das eventuell anzuprangernde Verhalten der Mehrzahl der Kollegen und Kolleginnen ist nicht etwa persönliche Unfähigkeit oder – noch schlimmer – einer gruppenspezifischen Unfähigkeit als Afrikaner geschuldet. Vielmehr handeln die jeweiligen Kollegen streng rational, nämlich auf den Vorteil für sich selbst und für Mitglieder ihrer Netzwerke ausgerichtet. Besagte Netzwerke können sich ethnisch, religiös oder aber zum Beispiel auf der Basis von Altersklassen konstituieren. Die Integration in diese Netzwerke entscheidet in den Augen der Beteiligten weit stärker über deren persönlichen Zukunftsperspektive, als dies ein abstrakt vermittelter gesamtgesellschaftlicher Nutzen von Bibliotheken vermag.

Eine Straßenbibliothek in Jaunde. Die sogenannten Librairies de Poteau sind am ehesten noch mit Leihbibliotheken vergleichbar. Leser treten hier sowohl als Käufer als auch Verkäufer auf. Von der Differenz lebt der Händler. Bildquelle: Foto des Autors.

Eine Straßenbibliothek in Jaunde. Die sogenannten Librairies de Poteau sind am ehesten noch mit Leihbibliotheken vergleichbar. Leser treten hier sowohl als Käufer als auch Verkäufer auf. Von der Differenz lebt der Händler. Bildquelle: Foto des Autors.

Bildunterschrift: Eine weitere Straßenbibliothek in Jaunde. In diesem Fall sollte eine private Sammlung deutscher Titel auf der dem Goethe-Institut gegenüber liegenden Straßenseite zum Verkauf gebracht werden. Bildquelle: Foto des Autors.

Eine weitere Straßenbibliothek in Jaunde. In diesem Fall sollte eine private Sammlung deutscher Titel auf der dem Goethe-Institut gegenüber liegenden Straßenseite zum Verkauf gebracht werden. Bildquelle: Foto des Autors.

Eine verhinderte Baustelle. Im sogenannten Bundesliga-Stadium, einem der besseren Bolzplätze in Jaunde, sollte Anfang 2013 die Erweiterung einer benachbarten staatlichen Grundschule gebaut werden. Die Anwohner wehrten sich, indem sie die tagsüber angelegten Gräben nachts wieder zuschütteten. Die Auseinandersetzung entbehrt nicht einer gewissen Symbolik. Bildquelle: Foto des Autors.

Eine verhinderte Baustelle. Im sogenannten Bundesliga-Stadium, einem der besseren Bolzplätze in Jaunde, sollte Anfang 2013 die Erweiterung einer benachbarten staatlichen Grundschule gebaut werden. Die Anwohner wehrten sich, indem sie die tagsüber angelegten Gräben nachts wieder zuschütteten. Die Auseinandersetzung entbehrt nicht einer gewissen Symbolik. Bildquelle: Foto des Autors.

Um es noch einmal klar zum Ausdruck zu bringen: Die meisten Bibliotheken in Kamerun basieren auf der Übernahme eines scheinbar universellen – in Wirklichkeit jedoch hauptsächlich im neuzeitlichen Europa beziehungsweise Nordamerika generierten – Konzepts von Bibliothek. Dieses Konzept wurde und wird von einzelnen Stakeholdern aktiv und kreativ den eigenen Bedürfnissen angepasst und zwar so, dass zentrale Funktionen des ursprünglichen Konzepts an Bedeutung verlieren beziehungsweise ganz aufgegeben werden.

Radikal betrachtet unterscheidet sich dieses Verhalten nur wenig vom deutschen Kleingartenbesitzer, der sich eine Buddhafigur zwischen die Beete stellt. Hier wie dort, wird aktiv importiert, das heißt es werden nur diejenigen Teile eines Konzepts übernommen, die für den Importeur nützlich und sinnvoll erscheinen.15 Es wäre vermessen und im Grunde genommen Ausdruck einer kolonialen Denkweise, würde der Exporteur auf die detailgetreue Übernahme seines Konzepts beharren. Genau das ist jedoch leider in der Praxis noch viel zu häufig der Fall.

In der Postkolonialismus-Debatte werden die hier beschriebenen Phänomene dem Konzept der Hybridisierung zugeordnet. Homi K. Bhabha, auf den dieses Konzept zurückgeht, sieht im Grenzbereich zwischen zwei Kulturen Gestaltungsmöglichkeiten und Freiräume für Gruppen und Individuen im Rahmen eines sogenannten Third Space. Es handelt sich um einen neu entstehenden Raum zwischen dem ersten Raum des globalen Nordens und dem zweiten Raum des globalen Südens.16 Bhabha, dessen biographischer Hintergrund ihn teilweise selbst zum Bewohner dieses dritten Raumes macht, kann diesem überwiegend positive Eigenschaften abgewinnen. Und zweifellos entwickeln die aufgeführten Akteure in den kamerunischen Bibliotheken ihre Strategien und Freiräume auf der Basis ihres Spiels zwischen den Kulturen. Ob sie jedoch zugleich als Vermittler zwischen diesen Kulturen auftreten können und wollen erscheint hingegen fraglich.

Vorschläge für die Praxis

Was bedeutet nun die hier aufgestellte These für die Praxis, genau genommen für die aus der Perspektive des Außenstehenden erlebte Praxis? Es wird hier schnell deutlich, dass die festgestellten Widersprüche in der Strategie und dem Verhalten des Exporteurs Berücksichtigung finden müssen. Es wird aber auch deutlich, dass diese Widersprüche unter den jetzigen Bedingungen kaum aufgelöst werden können. Die Beziehungen des ersten Raumes zum dritten Raum, zwischen Exporteur und Importeur, sind in vielen Fällen zu asymmetrisch, als dass sich dadurch viel Neues zu beiderseitigem Vorteil entwickeln könnte. Trotzdem soll hier eine Sammlung von Prämissen und Handlungsmaximen zur Diskussion gestellt werden:

  1. Das zur Diskussion stehende Konzept einer Bibliothek als Ort des Sammelns, Bewahrens, Zugänglichmachens und Vermittelns von Information mag nach der im globalen Norden vorherrschenden Theorie universell gültig erscheinen. Es entspringt jedoch einer spezifischen kulturhistorischen Entwicklung und ist deshalb in der Praxis nicht ohne weiteres auf andere Kulturen übertragbar. Erst recht nicht dort, wo die kollektive Erinnerung an einem oftmals gewaltsamen, asymmetrischen Kulturaustausch, wie es dem kolonialen System zu eigen ist, noch lebendig ist.

  2. Die zweifellos existierenden praktischen Vorteile des westlichen Konzepts von Bibliothek können und sollen beworben werden. Ein bedingungsloses Beharren auf deren notwendige praktische Umsetzung ist jedoch fehl am Platze. Als solche Vorteile seien hier unter anderem genannt: die Speicherung von Informationen unabhängig von menschlichen Übermittlern, der verbesserte und möglichst frei gestaltete Zugang zu diesen Informationen sowie das Auftreten von Bibliotheken als Orte des informellen Lernens.

  3. Die Entwicklung eines lokal angepassten Konzepts mit unbedingter und maßgeblicher Beteiligung der betroffenen Akteure sollte aufmerksam beobachtet und gegebenenfalls auch gefördert beziehungsweise unterstützt werden. Dabei kommt der Förderung des fachlichen Dialogs auf nationaler und internationaler Ebene eine besondere Bedeutung zu. Der Dialog bietet gute Voraussetzungen für gangbare Lösungen unter rechtzeitigem Ausschluss von Fehlentwicklungen. Es ist jedoch klar, dass die im Dialog ausgehandelten Verfahren irgendwann auch in die Praxis umgesetzt werden sollten.

  4. Die beteiligten Kollegen und Kolleginnen vor Ort müssen als selbstständig und rational handelnde Akteure in ihrem jeweiligen Kontext wahrgenommen werden. Obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, verdient es dieser letzte Satz, besonders betont zu werden.

  5. Einmischung von außen im Sinne von bewussten oder unbewussten Vorgaben sollte vermieden werden. Dabei werden häufig gerade die Auswirkungen von unbewussten Vorgaben unterschätzt. So führt zum Beispiel die an die Bibliotheksmitarbeiter signalisierte Erwartungshaltung, was als gute Bibliotheksarbeit gilt und was nicht, nicht selten zu vorauseilendem Gehorsam beim Partner. Das Ergebnis dessen ist, dass der eigentliche Kern des Problems in der Diskussion nicht angesprochen wird. In diesem Sinne wäre das Wagen von mehr Abstand ein denkbarer Weg zur Entwicklung von selbstständigen und tragfähigen lokal entwickelten Konzepten. Abstand bedeutet in diesem Sinne zum einen den freiwilligen Verzicht auf latente beziehungsweise manifeste Einmischung der stärkeren Seite in Bezug auf die sich anbietenden Problemlösungsoptionen. Abstand bedeutet aber auch, dass die scheinbar schwächere Seite sich die Möglichkeit offen hält, eigene Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Es ist jedoch fraglich, ob diese beiden hier angesprochenen Aspekte von Abstand angesichts der materiellen und damit machtpolitischen Ungleichgewichte überhaupt in der Praxis umgesetzt werden können.

Probleme bei der Sammlung, Aufbewahrung, Zugänglichmachung und Vermittlung von Informationen sind auch in der kamerunischen Gesellschaft zweifellos vorhanden. Ein Rückgriff auf vorkoloniale Formen des Informationsmanagements scheint nicht möglich. Die hundertprozentige Übernahme westlicher Konzepte erweist sich hingegen als eine Illusion. Die Lösung dürfte in der Entwicklung angepasster Konzepte mit Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Nutzen sowie in der Unterstützung durch Staaten entwickelter Bibliothekssysteme liegen. Die Initiative hierzu muss aus dem Inneren der kamerunischen Gesellschaft heraus erfolgen. Dazu wiederum muss den Akteuren mehr intellektuelle Eigenständigkeit zugebilligt werden. Folglich muss die Ausbildung gemäß der aktuellen Praxis und des wissenschaftlichen Diskurses angepasst werden.

Es ist interessant zu sehen, wie in den letzten Jahren Forderungen nach mehr intellektueller Eigenständigkeit (oder besser Unabhängigkeit) massiv in die gesellschaftlichen Diskussionen Einzug gehalten haben. Hauptsächlich spielen diese Forderungen im Rahmen der eingangs erwähnten kommenden politischen Auseinandersetzungen eine Rolle. Es ist jedoch noch nicht abzusehen, inwiefern sie die reale gesellschaftliche Entwicklung beeinflussen und ob sie auch das Bibliothekswesen erreichen werden. Unter der Voraussetzung, dass es dabei friedlich zugeht, wäre dies zu wünschen.


  1. International Crisis Group (ed.): Cameroon: Prevention is Better than Cure. Africa Briefing N°101, 4 September 2014 http://www.crisisgroup.org/en/regions/africa/central-africa/cameroon.aspx (besucht am 11.10.2014).

  2. Zum Problem der Modernisierung von Gesellschaften gibt es verschiedene Denkrichtungen und eine umfangreiche Literatur. Von besonderer Bedeutung ist hierbei das Theoriensystem des Postkolonialismus. Siehe hierzu auch: Kerner, Ina: Postkoloniale Theorien zur Einführung. Hamburg 2012-

  3. Binyavanga Wainaina: Hungersnöte sind gut. Über Afrika schreiben – eine ironische Anleitung. In: Fluter. Online-Ausgabe vom 1.2.2006 http://www.fluter.de/de/afrika/thema/4704/ (besucht am 29.09.2014).

  4. Sultan Njoya von Bamum (Fumban) begann Ende des 19 Jh. mit der Entwicklung eines eigenen Schriftsystems, der sogenannten Bamum-Schrift. Der direkte Kulturkontakt mit der deutschen Kolonialadministration erfolgte erst einige Jahre später. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Njoya bereits zu Beginn dieses Prozesses über die Bedeutung von Schrift als Mittel zur kolonialen Herrschaftssicherung einigermaßen informiert war. Michael Everson and Charles Riley: Preliminary proposal for encoding the Bamum script in the BMP of the UCS. 2007 http://std.dkuug.dk/jtc1/sc2/wg2/docs/n3209.pdf (besucht am 11.10.2014).

  5. Im Text werden die Geografika konsequent in deutscher Schreibweise wiedergegeben, falls hierfür eine amtliche Übersetzung vorliegt. Es sollte aber klar sein, dass sowohl diese, als auch die aktuellen französischen und englischen Schreibweisen Produkte kolonialer Verwaltung darstellen. Teilweise existieren lokale Bezeichnungen, wie z. B. Ongola für Jaunde (Yaoundé, Yaounde). Jedoch verbergen sich auch dahinter koloniale Phänomene und sind diese international nicht gebräuchlich.

  6. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es bereits vor 1884 im Norden des heutigen Kameruns Palastbibliotheken beziehungsweise schriftliche Chroniken gab. Siehe auch: Hunwick, John O., und Rex Séan O’Fahey: Arabic Literature of Africa: The Writings of Central Sudanic Africa Vol.2. Volume 13. BRILL, 1995.

  7. Diese und einige der folgenden Information entstammen wiederholten Gesprächen mit Mitarbeitern der genannten Einrichtungen sowie Besuchen vor Ort.

  8. Die Kinder da stören beziehungsweise nerven!

  9. Hoffmann, Florian: Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun: Etablierung und Institutionalisierung des kolonialen Gewaltmonopols 1891-1914, Cluvert 2007.

  10. Die beiden hier genannten Beispiele entstammen den Vorlesungsskripten einer Kollegin, die seit 2013 einen berufsbegleitenden Fernstudiengang zur Erlangung einer Licence Professionnelle an der ESSTIC (École Supérieure des Sciences et Techniques de l’Information et de La Communication) absolviert. Sie stellen sicherlich Extremfälle dar, deuten aber grundsätzlich auf veraltete Lehrinhalte hin.

  11. Institut National de la Statistique du Cameroun: La Population du Cameroun en 2010. o.J. http://statistics.cameroon.org/news.php?id=18 (besucht am 25.10.2014).

  12. IFLA: BSLA Country Project: Cameroon http://www.ifla.org/bsla/country-reports/cameroon (besucht am 11.10.2014).

  13. So hat zum Beispiel der Autor im August 2013 die Webauftritte der Nationalbibliotheken von 50 afrikanischen Ländern untersucht. Von diesen hatten 22 Länder eine Nationalbibliothek mit Webpräsenz. 16 dieser Webpräsenzen wurden seit 2010 mindestens einmal inhaltlich aktualisiert. Auf sechs Webpräsenzen bestand die Möglichkeit einer OPAC-Recherche. Dabei handelte es sich mit Kenia, Malawi, Mauritius, Namibia, Rwanda und Südafrika jeweils um Länder, in denen Englisch Amtssprache ist.

  14. Das ist normal!

  15. Wir gehen dabei davon aus, dass sich der durchschnittliche deutsche Buddhafigurenbesitzer nicht umfassend mit den religiösen Grundsätzen des Buddhismus identifiziert.

  16. Bhabha, Homi K.: The Location of Culture. 1994. London: Routledge.


Uwe Jung () arbeitet seit 2005 am Goethe-Institut Kamerun als Leiter des Bereichs Information und Bibliothek. Er kann auf ein abgeschlossenes Magister-Studium der Afrikawissenschaften sowie einen erfolgreich absolvierten berufsbegleitenden Master-Studiengang BIW, beide an der Humboldt-Universität zu Berlin, verweisen.