> > > LIBREAS. Library Ideas # 25

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Rezension zu: Bredemeier, Willi (2014) – Ein Anti-Heimat-Roman. Bildungsreisen durch ein unbekanntes Land. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin (2014)


Zitiervorschlag
Walther Umstätter, "Rezension zu: Bredemeier, Willi (2014) – Ein Anti-Heimat-Roman. Bildungsreisen durch ein unbekanntes Land. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin (2014)". LIBREAS. Library Ideas, 25 ().


Auch wenn die 28 Jahre PASSWORD im Vergleich zu Nachrichten für Dokumentation (NfD) beziehungsweise der Information in Wissenschaft und Praxis (IWP) im 65. Jahrgang kaum vergleichbar sind, so ist es trotzdem eine Leistung, diese Zeitschrift, in der Willi Bredemeier für die Information Professionals kämpft, mit Leben erfüllt zu haben. Nun schrieb er seine Falschnamen-Memoiren als Anti-Heimat-Roman, in denen sich nur betroffene Insider wiedererkennen können.

Wer den ersten oder zweiten Weltkrieg überlebt, vielleicht auch Gefangenschaft überstanden hat, wusste nicht nur was Heimweh ist. Die Heimat und alle die dort blieben, erschienen insbesondere den jungen Soldaten verteidigungswürdig – ob sie wollten oder nicht, denn sonst wären ihre Opfer sinnlos gewesen. Was den meisten Menschen in der heutigen Globalisierung begrifflich nur schwer definierbar und nachvollziehbar ist, war den Heimatvertriebenen und Entwurzelten völlig selbstverständlich. Der heimatliche Werteverlust begann, als man anfing sich über Heimatfilme lustig zu machen. Der Hölle gegenüber, die nicht nur die jungen Landser an der jeweiligen Front durchlebten, erschien die Erinnerung an die Heimat wie ein Paradies. Natürlich war sie für die Verbliebenen keinesfalls paradiesisch. Insbesondere im Ruhrgebiet war sie das weder vor, während, noch nach dem zweiten Weltkrieg, wo sich  insbesondere beim Wiederaufbau alle freuten, dass die Schornsteine endlich wieder rauchten. Da war die Heimatidylle bei genauer Betrachtung eher eine andere Hölle, die sich hier aus der recht sarkastischen Sicht des Pseudonyms Gerd Arntz in Plattdeutsch entwickelt und nicht im bekannteren österreichischen Anti-Heimat-Roman-Stil. Außerdem ging es früher in den Anti-Heimat-Romanen meist um die Industrialisierung, während es hier bereits um die Folgen der Postindustrialisierung und des wachsenden Bedarfs nach Schulbildung für die kommende Informations- und Wissenschaftsgesellschaft geht. 

Die Bildungsreise von Gerd Arntz von der Zwergschule in Grotebühl bis zum Doktor, der sich mit dem kritischen Irrationalismus beschäftigt, macht deutlich, welch ein Vabanquespiel die Bildungspolitik in Deutschland bislang war. Arntz hat es bis zum Verleger einer Zeitschrift gebracht, während unzählige seiner Wegbegleiter auf der Strecke bleiben mussten. Auch bei ihm hing es, wie bei allen, die von unten kommen, zeitweise am seidenen Faden, wenn er schreibt: Vielen Dank, Herr Physiklehrer, Sie haben mir das Leben am Abendgymnasium unserer Stadt gerettet. (S. 293) So ist Bredemeiers Fazit auf S. 480, dass er ineine extrem bildungsfeindliche Bundesrepublik, in der um jeden Lesestoff gekämpft werden musste" hinein geboren wurde. 

Ein bisschen erinnert Gerd Arntz in seiner fanatischen Liebe zu Büchern an den blechtrommelnden Oskar Matzerath, auch wenn Oskar sein Lesen und Schreiben für sich behält, und recht begrenzt auf die Vorbilder Rasputin und Goethe beschränkt ist, während Gerd dafür gehänselt wird, alles zu lesen, was ihm unter die Finger kommt. (S. 145) Sicher wird das vorliegende Buch nicht den Bekanntheitsgrat der Blechtrommel erreichen, denn Die explizite Beschreibung des Geschlechtsverkehrs stellt dieses Buch [Die Blechtrommel, nach Meinung seiner Klassenlehrerin] außerhalb jeder Literatur. (S. 295), während Bredemeiers Anti-Heimat-Roman noch eher im Rahmen des Normalen bleibt, und für wirkliche Bestseller braucht man viel mehr Sex and Crime. 

Arntz liest querbeet, alles was ihm vor die Flinte kommt, so dass er im Laufe der Zeit erkennt, was in Goethes Sinne mehr zu Genuss und Belebung dient, und welche Autoren er als Säulenheilige wie beispielsweise Thomas Kuhn identifiziert. Wenn er sich aber berechtigt wundert, warum Kuhns Werk in etlichen Disziplinen nicht zur Kenntnis genommen wird, so kann hier angemerkt werden, dass Kuhn 1965 eine Little Science beschrieben hat, die inzwischen weitgehend von der Big Science abgelöst worden war, was viele Wissenschaftstheoretiker bis heute nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Unter dem Aspekt, den Bildungserwerb einer neuen Generation zu beobachten und zu hinterfragen, ist dieses Buch höchst interessant. Ob im Elternhaus, in der Schule, dem Freundeskreis oder Poppers Welt 3, jede Generation wächst unter neuen Bedingungen auf. Schon der Versuch Gerhard Hauptmanns, mit den Webern deutlich zu machen, wie ein technologischer Umbruch menschliche Existenzen zerstört, kann trotz seiner ganzen Dramatik als misslungener Versuch angesehen werden, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, wenn man sich daran erinnert, wie sich in unseren Schulen Lehrer und Schüler immer wieder über die skrupellosen Fabrikanten ereiferten, obwohl sie damit am eigentlichen Drama völlig vorbei diskutierten. Denn die Ursache der Mechanisierung und ihrer Folgen traf nicht nur die Weber selbst, sondern auch die, die ihre Erzeugnisse zu verkaufen versuchten. Die Automatisierung mit Hilfe der Webstühle war bereits die Vorstufe von Jacquard, von Lochkarten und Computern bis hin zu unseren smarten Robotern von heute. Die Schuldigen am Leid der Weber waren weder die Erfinder der Dampfmaschine, noch die Fabrikanten, sondern diejenigen, die die Weber in diesen sinnlosen Wettbewerb mit den mechanischen Webmaschinen schickten. So wie der Berufsberater, der auf die Bemerkung, Der Junge liest gern sagt, Dann sollte er Schriftsetzer werden. (S. 160) Damit wurden viele Jungen dieser Generation ebenso in die absehbare Arbeitslosigkeit geschickt wie die im Kohlebergbau, dessen Zechen bald danach reihenweise schlossen. 

Bei Bredemeier geht es um die grundsätzlich gleiche Problematik, wie bei den Webern und ihrer fehlenden Umschulung, aber nun zum Beginn des Informationszeitalters. Mit Recht hatte schon Norbert Wiener XE Wiener, N. , der Begründer der Kybernetik XE Kybernetik  (1943), die Gewerkschaften nach dem zweiten Weltkrieg vor den Veränderungen in unserer Gesellschaft durch die Robotik gewarnt XE Robotik . Denn schon damals war klar, was viele Menschen heute noch immer nicht wahr haben wollen: Roboter übernehmen schrittweise immer mehr Aufgaben der Agrar- und Industriegesellschaft, der Medizin, der Altenpflege, der Massenmedien und wahrscheinlich auch der Rentnerversorgung. Auch wenn es immer zwei Parteien gibt, die, die sich dieser Herausforderung stellen und die, die sie so lange bremsen und klein reden, solange es ihr Vorteil ist. 

Was Gerd Arntz als analytischer Beobachter dieses Umbruchs dabei sieht, sind die Interessenverschiebungen und die strukturellen Veränderungen, auch wenn das auf rund fünfhundert Seiten differenzierter geschieht als bei Hauptmann. Außerdem geht es thematisch nebeneinander darum: In der Landwirtschaft hat die Maschinisierung eingesetzt. Mähmaschine, Kartoffelroder und Traktor werden in kürzestmöglichen Abständen eingeführt. (S. 101); Ohne dass? dies einer zur Kenntnis genommen hätte, hat die Bildungsrevolution sogar auf dem Land eingesetzt. (S. 117); Glücklicherweise hat die Maschinisierung der Haushalte eingesetzt. Jetzt muss die gnädige Frau selbst in die Küche. (S. 118) – und sie muss oder darf immer öfter auch den Männern den Beruf streitig machen, können wir heute rückblickend hinzufügen.

Eigentlich konnte man schon damals erkennen, dass die größte Revolution darin liegt, dass immer mehr Mädchen und Jungen Abitur machen und studieren, während die Klassenlehrerin von G. Arntz meint: In der Bundesrepublik besitze weniger als jeder zehnte Bürger das Abitur. (S. 283) und auch erkennen lässt, dass das so bleiben müsse. Nun konnte damals nicht jeder wissen, dass Derek John de Solla Price bereits erkannt hatte, dass sich die Zahl der Menschheit mit nur 50 Jahren verdoppelt, während die der Wissenschaftler mit einer Verdopplungsrate von nur 20 Jahren wächst. Damit kann man sich ausrechnen, wann in dieser Welt fast alle Menschen Wissenschaftler sind beziehungsweise sein müssten. Auffällig ist dabei nur, dass immer mehr Bildungspolitiker von Elite, von Exzellenz und von Spitzenforschung sprechen, je weiter die Big Science nun auch den geistigen Durchschnittsbürger unausweichlich in sich aufsaugt. 

Arntz hat die Lust am fröhlichen Fabulieren (S. 290), die er im Lesen und Schreiben auslebt, wobei vieles dessen, was hier beschrieben wird, zu realistisch ist, um es als Satire zu bezeichnen. Trotzdem liest sich diese Bildungsreise unterhaltsam wie eine Satire.

Apropos Bildungsreise: Dass Goethes Faust in der jungen Bundesrepublik Deutschland unumstritten an der Spitze des deutschen Bildungskanons stand, ist sicher richtig, aber insofern bemerkenswert, als etliche der damaligen Deutschlehrer inzwischen gern etwas Moderneres an seine Stelle gestellt hätten. So entsinne ich mich, dass auch meine Deutschlehrerin das Essentielle des Faust nicht besonders interessierte. Sie hatte ihn nicht verstanden. Denn es war eine der wichtigsten Erkenntnisse Goethes, dass Menschen im Wissensgewinn vier Phasen durchlaufen, das Streben, den Genuss, die Resignation und die Gewohnheit. Er hat das in einem Brief 1801 an Schiller angesprochen, wobei Schiller mit der Weitsicht des Historikers erkannte, dass das nicht nur für Einzelpersonen gilt, sondern auch für historische Abläufe insgesamt. Der faustische Mensch, als Gedankenexperiment, ist der ewig nur nach Erkenntnis Strebende, nach dem er in der Osternacht seine tiefste Resignation überlebt hatte, weil er erkannte, dass er mit immer mehr Wissen auf ein immer größeres Meer der Unwissenheit hinaus blickte. Bei Arntz lautet diese Erkenntnis so: Je mehr wissenschaftliche Marktnischen ich mir zu Eigen mache und je häufiger ich einen Zeh in andere Fachbereiche setze, desto mehr Löcher und Widersprüche entdecke ich. (S. 370) Fausts Pendant, Wagner, glaubt dagegen in seiner Naivität noch eines Tages alles wissen zu können, und macht sich mit dem Satz lächerlich Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen. Es ist ein großes Problem, in den Schulen und Hochschulen, dass sich die Lehrer leichter auf das Niveau der Schüler, als die Schüler auf das der Lehrer begeben. In den Worten Bredemeiers heißt das zum Beispiel, dass der Lehrer die Rolle eines Fähnleinführers übernimmt. (S. 287) Es ist richtig, Faust ist eine Liebesgeschichte (S. 297), weil Goethe wusste, Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.. Und so bringt auch Bredemeier vieles, was manchem etwas bringen dürfte.


Walther Umstätter ist emeritierter Professor des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität zu Berlin.