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Das Geschlecht spukt in der Stadtbibliothek: Ein Aufruf für genderneutrale Bibliotheksangebote


Zitiervorschlag
Katharina Leyrer, "Das Geschlecht spukt in der Stadtbibliothek: Ein Aufruf für genderneutrale Bibliotheksangebote". LIBREAS. Library Ideas, 25 ().


Die Leiterin der Stadtbibliothek in einer bayerischen Kleinstadt führt durch die Kinder- und Jugendbücherei: Und hier sind die Bücher für die Erstleser: da die Fußballbücher für die Jungs und dort die Pferdebücher für die Mädchen. In der Belletristik-Abteilung der Jenaer Stadtbibliothek reihen sich in einem Regal mit der Beschriftung Familie / Frauen / Liebe Romane mit Titeln wie In einer heißen Sommernacht, Was dem Herzen gefällt und Strom des Schicksals aneinander.

Das Thema Gender spielt im deutschen Bibliothekswesen momentan kaum eine Rolle: Vielmehr stoßen Geschlechterfragen in Bezug auf Bibliotheken auf Unverständnis oder gar Ablehnung. Dabei hat der Umgang mit Geschlechterrollen täglich Auswirkungen auf die bibliothekarische Arbeit:  Auf das Angebot der Bibliothek, auf dessen Präsentation und damit auch auf die Benutzer*innen.

Welche Rolle spielt das Thema Gender in Bibliotheken bislang?

Im Jahr 1999 legte ein Kabinettsbeschluss der Bundesregierung mit der Strategie des Gender Mainstreaming fest, dass die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen als Querschnittsaufgabe gefördert werden muss. Staatliches Handeln muss daher auf allen Ebenen und in allen Bereichen ständig auf seine geschlechtsspezifischen Auswirkungen überprüft werden, um die Benachteiligung von Frauen und Männern zu beseitigen. Als größtenteils öffentliche Einrichtungen müssen auch Bibliotheken diese Richtlinie umsetzen.

Seither sind 15 Jahre vergangen, doch ein Blick aus der Gender-Perspektive auf das Bibliothekswesen erfasst ein trauriges Bild: Die ekz bietet Aufkleber für die Interessenskreise Männer und Frauen an;  in Kinder- und Jugendbibliotheken gibt es jeweils Regale für Jungen und Mädchen; Bibliothekar*innen raten Jungen eindringlich davon ab, ein Buch, in dem es um eine Prinzessin geht, zu lesen. Angebote in Bibliotheken richten sich speziell an Angehörige eines Geschlechts – ordnen damit auch bestimmte Inhalte dem jeweiligen Geschlecht zu. Bibliothekarisches Handeln wirkt also nicht – wie es das Konzept Gender Mainstreaming fordert – auf die Beseitigung geschlechtsspezifischer Benachteiligung hin, sondern trägt im Gegenteil zur Affirmation der bestehenden Geschlechterrollen bei.

Eine Untersuchung oder Statistik, die sich mit geschlechterspezifischen Angeboten in Bibliotheken befasst, gibt es bisher nicht, obwohl das Konzept des Gender Mainstreaming eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation vorsieht. Dass eine solche Analyse dringend nötig ist, hat Susanne Korb bereits 2008 festgestellt: Um den Gender Mainstreaming-Prozess zu initiieren, fortzuentwickeln und Erfolge zu erzielen, ist es erforderlich, in analytischer Weise den Ist-Zustand zu recherchieren, zu kennen und öffentlich bewusst zu machen, um Handlungsoptionen daraus abzuleiten.

Sucht man nach Publikationen zu Gender und Bibliotheken, stellt man fest: Zu dem Thema wurde bisher wenig veröffentlicht. Auch auf  Mailinglisten wie ForumÖB und InetBib wird es nur am Rande diskutiert, genauso wie auf bibliothekarischen Kongressen. Der Mangel an Thematisierung in der Fachwelt trägt dazu bei, dass für Geschlechterrollen und den Mechanismen ihrer Reproduktion in Bibliotheken kaum Sensibilität vorhanden ist.

Warum ist die mangelnde Gender-Sensibilität problematisch?

Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht.: Simone de Beauvoir legte 1949 in ihrem Werk Das andere Geschlecht erstmals dar, wie Geschlechterrollen nicht von Natur aus angeboren, sondern soziale Prozesse sind – und damit veränderbar. Das biologische Geschlecht (sex), das am jeweiligen Beitrag zur potentiellen Fortpflanzung festgemacht wird, wird vom sozialen Geschlecht (gender) unterschieden. Es gibt also weder Interessen noch bestimmte Leseverhalten, die Personen aufgrund ihres biologischen Geschlechtes zugeschrieben werden können; es gibt lediglich Interessen, die sie in ihrer Sozialisation als Junge bzw. Mädchen entwickelt haben. Diese  Interessen und Verhaltensweisen, die von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit erwartet werden, werden als Geschlechterrollen bezeichnet.

Für Bibliotheken ist an diesem Punkt entscheidend: Werden diese Geschlechterrollen übernommen und reproduziert – oder wird dies bewusst vermieden?

Warum wir gendersensible Bibliotheken brauchen

Auch wenn es heute – anders als noch im Richtungsstreit um 1900 –  einen Konsens darüber gibt, dass Bibliotheken ihre Leser*innen nicht erziehen wollen, sondern sich vielmehr als Dienstleistungseinrichtungen verstehen: Bibliotheken und deren Mitarbeiter*innen haben einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das Weltbild ihrer Benutzer*innen.

Zu ihren Aufgaben gehört es, in der Informationsflut Orientierung zu bieten, indem sie eine Auswahl von Medien treffen und diese in einen Ordnungszusammenhang (das heißt eine Systematik) stellen. Diese Systematiken spiegeln seit jeher das Weltbild, in dessen Zusammenhang sie entstanden sind, wieder: Man denke nur an Borges‘ chinesische Enzyklopädie oder an die bibliothekarisch-bibliographische Klassifikation in der DDR, die sich nach der Ideologie des Marxismus/Leninismus ausrichtete. Untergliedern wir unsere bibliothekarischen Systematiken mit Interessenskreisen, die wir nach Geschlechtern benennen (Frauen, Männer, Freche Frauen etc.) oder stellen Regale zum Thema Liebe, Frauen, Familie auf, suggerieren wir nicht nur, dass das Interesse an bestimmten Medien geschlechtsspezifisch ist, sondern reproduzieren auch die Rollen, die den Geschlechtern zugeordnet werden. Für die Mädchen gibt es Bücher über Prinzessinnen, aus denen sie lernen: es kommt darauf an, schön und empfindsam zu sein. Für die Jungen die Bücher über Piraten: es kommt darauf an, stark und mutig zu sein.

Die Bibliothek unterstützt somit die Aufteilung von Interessen nach Geschlecht, wenn sie Angebote speziell für Männer oder Frauen schafft. Schon die Zusammenfassung der Literatur für Frauen in einen Komplex mit Liebe und Familie suggeriert, dass Familie und Liebe Themenbereiche sind, die ausschließlich für Frauen relevant sind. Frauen wird unterstellt, sie hätten aufgrund ihres Geschlechts ein verstärktes Interesse an Liebes- und Familienromanen; gleichzeitig wird unterstellt, dass Männer genau diese Bücher nicht lesen wollen. Ein Benutzer entdeckt vielleicht nie seine Leidenschaft für Utta Danella, weil die Bibliothek deren Bücher mit dem Interessenskreis Frauen versehen hat. Er fühlt sich möglicherweise genauso wenig angesprochen wie das Mädchen, das gerne Fußball spielt, aber von Anfang an auf die Pferdebücher aufmerksam gemacht wird. Das spielerische Entdecken zuvor wenig beachteter Themengebiete wird durch die hier beschriebene systematische Kopplung von Geschlechterklischees und der Bestandsaufstellung erschwert: wertvolle Effekte der Serendipität sind aus dieser Perspektive nahezu unmöglich.

Auch wenn Benutzer*innen ein durch ihre gesellschaftliche Prägung bedingtes geschlechtsspezifisches Literaturinteresse haben: Zweifelsohne finden jene die von ihnen gewünschte Literatur auch dann, wenn diese nicht in der Sachgruppe Frauen oder Männer zusammengefasst, sondern thematisch aufgestellt ist – im Jenaer Beispiel also als Liebesromane oder Familiensaga.

Das geschlechtsneutrale Bibliotheksangebot: drei Vorschläge

Die Bibliothek darf nicht Teil der Reproduktionskette von veralteten Geschlechterrollen sein. Sie soll den Leser*innen das bieten, was sie lesen wollen – und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht.

Welche Änderungen können wir also vornehmen, um das Bibliothekswesen in Deutschland gendersensibler und geschlechtergerechter zu gestalten? Drei Ideen:

1. Einen breiten Diskurs über das Thema Gender in Bibliotheken in der Fachwelt schaffen.

Wir brauchen eine Diskussion über den aktuellen Stand, die Relevanz des Themas und Zielvorstellungen. Ein genderthematisches Panel auf dem Bibliothekskongress wäre ein guter Anfang, gefolgt von Diskussionen in Fachzeitschriften, Mailinglisten, Blogs und internationalem Austausch.

2. Das Thema Gender in die bibliothekarische Ausbildung integrieren, Fortbildungen anbieten.

Gender ist ein Querschnittsthema – als solches muss es auch in den bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Studiengängen (zum Beispiel beim Bestandsaufbau oder bei der Literaturvermittlung) integriert werden. Auch ein Modul Gender und Diversity in Bibliotheken ist denkbar. Um Bibliothekar*innen, die im Beruf stehen, die Auseinandersetzung mit Gender in Bibliotheken zu ermöglichen, muss es zudem entsprechende Fortbildungsangebote geben.

3. Take action: Interessens-, nicht geschlechtsspezifische Angebote schaffen.

Liebesromane, Familiensagas, Prinzessinnen- und Piratenbücher, Literatur für alle!

Literatur

Beauvoir, Simone: Le deuxième sexe / Simone de Beauvoir. — 47. éd.. — [Paris] : Gallimard, 1950.

Korb, Susanne: Gender Budget - Konzept und Bedeutung für das Management Öffentlicher Bibliotheken / vorgelegt von Susanne Korb. - Berlin, 2008. - 415 S. Online-Ausg.: Gender budget: Konzept und Bedeutung für das Management Öffentlicher Bibliotheken. Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 2008-

Pinl, Claudia: Gender Mainstreaming - ein unterschätztes Konzept / Claudia Pinl // In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 33 – 34 (2002), S. 3-5.

Rendtdorff, Barbara (Hrsg.): Geschlechterforschung : Theorien, Thesen, Themen zur Einführung / Barbara Rendtdorff… - Stuttgart : Kohlhammer, 2011. - 237 S.

In einer heißen Sommernacht : Roman / Sandra Brown.  Aus dem Amerikan. von Claudia Geng. - Augsburg : Weltbild, 2012. - 287 S.Was dem Herzen gefällt / Ilse Gräfin von Bredow. - München [u.a.] : Scherz, 2007. - 255 S.; Strom des Schicksals : Roman / Gwen Bristow. - Augsburg: Weltbild, 479 S.

Pinl, Claudia: Gender Mainstreaming - ein unterschätztes Konzept / Claudia Pinl // In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B. 33 -34 (2002), S. 3.

Korb, Susanne: Gender Budget – Konzept und Bedeutung für das Management Öffentlicher Bibliotheken / vorgelegt von Susanne Korb. - Berlin, 2008. - 415 S. Online-Ausg.: Gender budget: Konzept und Bedeutung für das Management Öffentlicher Bibliotheken Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 2008,  S. 110.

Beauvoir, Simone de: Le deuxième sexe / Simone de Beauvoir. 47. éd.. — [Paris] : Gallimard, 1950. - S. 13.

Rendtdorff, Barbara (Hrsg.): Geschlechterforschung : Theorien, Thesen, Themen zur Einführung / Barbara Rendtdorff… - Stuttgart : Kohlhammer, 2011. - S. 220 ff.