> > > LIBREAS. Library Ideas # 25

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Lieder und Gedichte sammeln gegen das Verstummen. Erinnerungen an die Bibliothekarin Anna Kvapilová (1905-1992)


Zitiervorschlag
Susanne Brandt, "Lieder und Gedichte sammeln gegen das Verstummen. Erinnerungen an die Bibliothekarin Anna Kvapilová (1905-1992)". LIBREAS. Library Ideas, 25 ().


Vermutlich gibt es viele vergessene oder verloren gegangene Geschichten wie diese, Geschichten von Bibliothekarinnen, die durch Krieg und politische Verfolgung aus ihrem Beruf gerissen wurden, aber doch etwas davon gerettet haben: Die Kraft der gehüteten und weitergegebenen Gedichte und Lieder für die Rettung der Identität und gegen das Verstummen.

Aufmerksam geworden bin ich auf die Lebensgeschichte von Anna (Anička) Kvapilová (geb. 19.3.1905 bei Sedlcany/Böhmen – gest. 28.6.1992 in Norwegen) eher zufällig bei Recherchen zu einem Lagerlieder-Projekt (Ausländer 2006), die zunächst eine eigentlich ganz alltägliche bibliothekarische Eigenschaft von ihr ans Licht brachten: Sie war eine engagierte Sammlerin. Mit großer Sorgfalt und Leidenschaft für die Wirksamkeit der Worte und der Musik trug sie Lieder und Gedichte zusammen – in den1930er Jahren als Musikbibliothekarin in Prag, vor allem aber in den 1940er Jahren im Konzentrationslager Ravensbrück. Über ihre Tätigkeit an der Musikabteilung der Prager Stadtbibliothek von Juni 1936 bis Juli 1939 (andere Quellen lassen auf eine bibliothekarische Tätigkeit bis zu ihrer Verhaftung 1941 schließen) lässt sich nicht viel in Erfahrung bringen. Sie soll in dieser Zeit mehrere Artikel über das Bibliothekswesen publiziert sowie eine Ausstellung zusammengestellt haben, die dem Komponisten Antonín Dvořák gewidmet war. Als Mitglied der sozialistischen Partei beteiligte sie sich dann am antifaschistischen Widerstand gegen die Besetzung von Böhmen und Mähren durch die Nationalsozialisten. Der Widerstandsgruppe Úvod stellte sie ihre Prager Wohnung für konspirative Treffen zur Verfügung. Im April 1941 wurde sie von der Gestapo verhaftet und im Herbst 1941 in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. (Knapp 2003, S. 234-236)

Dort traf sie im so genannten tschechischen Block Milena Jesenská wieder, die sie bereits aus Prag von einer Begegnung in der Redaktion der später verbotenen Zeitschrift Přítomnost her kannte – jene Milena, deren Name durch die Briefe Kafkas in die Literaturgeschichte eingegangen ist (Kafka, 1993). Margarete Buber-Neumann erwähnt die Freundschaft der beiden Frauen später in ihrem Buch über Milena (Buber-Neumann, 1977). Anna Kvapilová selbst äußert sich dazu so, wie sie in einem Beitrag der ZEIT aus dem Jahr 1983 zitiert wird:

Ich las alles, was Milena schrieb, ich habe mir alle ihre Artikel ausgeschnitten und aufbewahrt. Ich konnte eben nicht anders, machte mich auf den Weg, um Milena persönlich für ihre Tapferkeit zu danken. Zum zweiten Mal begegneten wir uns am 15. Oktober 1941, als ich gemeinsam mit 20 Frauen, die aktiv am Widerstand gegen Hitler teilgenommen haben, ins KZ Ravensbrück1 eingeliefert wurde. Ich werde diesen Abend nie vergessen. Wir mußten nackt an der hell beleuchteten Tür zum Krankenrevier vorbeilaufen, und da erblickte ich Milena. Sie stand in der offenen Tür, und mir schien es, als trüge sie rund um ihren blonden Kopf eine Gloriole. ,Willkommen‘, rief sie uns zu.(Filip, 1983)

Annas kulturelles und musikalisches Engagement fand in Ravensbrück eine besondere Fortsetzung. Frauen, die sie kannte und die neu ins Lager kamen, bat sie darum, ein Gedicht in ihrer jeweiligen Muttersprache in ein Heft einzutragen, das sie gut verwahrte. Aus ihrer Zeit als Bibliothekarin hatte sie auch die Fähigkeit zum Buchbinden mitgebracht und nutzte diese nun im Lager, um für Mithäftlinge kleine Lieder- und Gedichtbücher als Geschenke herzustellen. Daneben führte sie selbst Tagebuch und schrieb Gedichte, in denen sie die quälende Monotonie des Lagerlebens verarbeitete: 

Der Tag

Wir stehen morgens nur deshalb auf,
um abends wiederum schlafen zu gehen.
Vielleicht bringt die Nacht uns dann im Traum,
was die Wirklichkeit nicht zu geben vermag.

Wir stehen auf, erwarten den nächsten Tag,
ein Meer ungeweinter Tränen rinnt hernieder.
An uns bricht sich der Sturm der Zeit.
Worauf wartet ein jeder von uns?

Eine treue Wiederholung des Gestern nur,
wieder Not und Erniedrigung,
alles ist so zum Verrücktwerden gleich,
nur Wandel prägt ins Gesicht uns die Zeit.

Anička Kvapilová (Ravensbrück 1944), Nachdichtung von Jan-Peter Abrahami  (Jaiser, 2005)

Dieses wie auch andere Gedichte aus ihrer Sammlung halfen ihr und den anderen Frauen, sich vor der inneren Erstarrung zu retten, das Gefühl der Machtlosigkeit mit der Macht der Worte zu durchbrechen – und mit der Macht der Musik. Vermutlich wird sie aus den zusammengetragenen Volksliedern im Lager wie aus den Erinnerungen an den Notenbestand der Musikbibliothek in Prag geschöpft haben, als sie im Lager einen Frauenchor gründete, der eben diese Volkslieder wie auch bekannte Lieder von Dvorak und Smetana sang.

Anna Kvapilová überlebte das Lager. In einem Transport mit Norwegerinnen wurde sie durch das Schwedische Rote Kreuz aus Ravensbrück evakuiert. Sie kehrte 1945 nach Prag zurück, war als Offizier der Vereinigung der Nationalen Revolution tätig und publizierte einige Zeitschriftenaufsätze und Bücher über das kulturelle Leben in Ravensbrück. Nachdem 1948 die kommunistische Partei die Regierung übernommen hatte, wurde sie aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Um einer erneuten Verhaftung zu entgehen, floh sie im August 1948 ins norwegische Exil und engagierte sich fortan in der Hilfe für tschechische und slowakische Flüchtlinge. 1985 erhielt sie in Norwegen eine Auszeichnung für ihre Verdienste.

Nach ihren Erinnerungen an Ravensbrück befragt, erzählte sie nicht nur von geretteten Texten und Büchern, sondern auch von verlorenen: Milena hatte Anna ihre Tagebücher anvertraut, bevor sie am 17. Mai 1944 an einer schweren Nierenentzündung in Ravensbrück starb. Ihre Hoffnung war, dass Anna die Tagebücher heimlich verwahren und irgendwann nach Prag zurück bringen könnte. Das aber gelang nicht. Noch 40 Jahre später fühlte sich Anna für den Verlust der Tagebücher verantwortlich. Sie erzählt:

Ich konnte aber Milenas Tagebücher nicht ständig unter dem Rock versteckt tragen, das war zu riskant, ich habe sie im Lager unter den Fußboden geschoben und ständig die Verstecke gewechselt. Als im April 1945 die deutschen Sozialdemokratinnen, mit ihnen auch Grete Buber-Neumann, gemeinsam mit den norwegischen und dänischen Frauen entlassen wurden, hätte ich Milenas Tagebücher Grete oder einer der vielen Frauen, zu denen ich volles Vertrauen hatte, geben sollen. Ich hatte aber Angst, daß sie noch gefilzt würden. Und dann kamen die hektischen Tage kurz vor dem Zusammenbruch, ich lebte in ständiger Unsicherheit und habe Milenas Tagebücher schließlich ganz einfach verloren …(Filip, 1983)

Zwei Jahre vor ihrem Tod nutzte Anna Kvapilová 1990 noch einmal die Gelegenheit, in ihre Heimat reisen zu können. Sie starb 1992 in Norwegen und wurde im Grab ihres Kindes, das schon vor dem Krieg in Prag gestorben war, beigesetzt.

Literatur

Ausländer, Fietje; Brandt, Susanne; Fackler, Guido (2006): O bittre Zeit. Lagerlieder 1933-1945. Hrsg. vom Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ). Papenburg : DIZ, 3 CD’s mit Beiheften.

Buber-Neumann, Margarete (1977): Milena, Kafkas Freundin. München : Müller.

Bundeszentrale für politische Bildung (2006): Ravensbrück – Überlebende Erzählen. http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/60697/frauenlager-ravensbrueck

Filip, Ota (1983): Wer war Milena? Auf Spurensuche in Oslo. In: Die Zeit. 2 (7. Januar) 1983. http://www.zeit.de/1983/02/wer-war-milena/seite-8

Jaiser, Constanze; Pampuch, Jacob David (2005): Europa im Kampf 1939–1944. Internationale Poesie aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. CDs mit Begleitbuch, Berlin : Metropol.

Kafka, Franz (1983):Briefe an Milena, erweiterte und neu geordnete Ausgabe, hrsg. von Jürgen Born und Michael Müller, Frankfurt am Main : Fischer.

Knapp, Gabriele (2003): Frauenstimmen. Musikerinnen erinnern an Ravensbrück. Berlin : Metropol, 2003, S.234-236.