> > > LIBREAS. Library Ideas # 24

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#Readwomen2014 — Eine Online-Aktion mit nachhaltigen Auswirkungen auf unser Leseverhalten und den Literaturbetrieb?


Zitiervorschlag
Christine Wieder, "#Readwomen2014 — Eine Online-Aktion mit nachhaltigen Auswirkungen auf unser Leseverhalten und den Literaturbetrieb?". LIBREAS. Library Ideas, 24 ().


Als Joanne Rowling im Jahr 2013 Der Ruf des Kuckucks veröffentlichte, ihren ersten Kriminalroman und ihre zweite Buchveröffentlichung nach der Harry Potter Reihe, verwendete sie ein Pseudonym. Die Aufmerksamkeit sollte allein dem veröffentlichten Werk gelten. Die Einrücke von Literaturkritik und Öffentlichkeit sollten nicht durch Rowlings berühmten Namen und den damit einhergehenden Vorurteilen überschattet werden, wie es bei ihrem zuvor veröffentlichten Roman Ein plötzlicher Todesfall geschehen war. Als Pseudonym wählte Rowling den Namen Robert Galbraith. Nach eigener Aussage beabsichtigte sie damit lediglich, den Abstand zu ihrer eigentlichen Identität zu vergrößern.1 Rowlings Namenswahl zog jedoch auch einige Kritik auf sich. Vielfach warf man ihr vor, mit der Wahl eines männlichen Pseudonyms zu Vorurteilen gegenüber weiblichem Schreiben beizutragen.2 Wie man Rowlings Motive auch interpretieren möchte, sie steht in einer langen Tradition von Autorinnen, die für literarische Veröffentlichungen anstatt ihres eigenen Namens ein männliches oder geschlechtsneutrales Pseudonym verwenden. Emily, Anne und Charlotte Brontë veröffentlichten ihre Romane unter den Namen Ellis, Acton und Currer Bell. Mary Ann Evans berühmter Roman Middlemarch wird noch heute unter ihrem Pseudonym George Eliot verlegt. Andere Fälle sind weniger eindeutig: Harper Lee strich ihren ersten Vornamen Nelle und publizierte unter ihrem geschlechtsneutralen zweiten Vornamen.3 Als Rowling 1997 Harry Potter und der Stein der Weisen veröffentlichte, tat sie das auf Anraten ihres Verlags unter dem Kürzel J.K.. Es wurde befürchtet, dass ein weiblicher Vorname auf dem Buchcover die erwünschten männlichen jungen Leser abschrecken könnte. Angeblich seien diese nicht interessiert daran, von einer Frau verfasste Geschichten über einen Jungen zu lesen.4 Erst nach dem großen Erfolg des ersten Harry Potter-Bandes wurde weithin bekannt, dass es sich bei der Autorin um eine Frau handelt. 

Dies deutet darauf hin, dass es, wenigstens in der Markteinschätzung der Verlage, nach wie vor Vorbehalte gegenüber von Frauen verfasster Literatur gibt. Auch die Autorin und Illustratorin Joanna Walsh beobachtete Ungleichheiten im Bereich der Literatur und nahm dies als Anlass, das Jahr 2014 als The year of reading women auszurufen. Inspiriert von anderen Menschen, die für einen begrenzten Zeitraum ausschließlich Literatur von Frauen lasen und darüber in ihren Blogs berichteten, gestaltete Walsh verschiedene Neujahrsgrußkarten in der Form von Lesezeichen mit diesem Motto. Die Karten zeigen Illustrationen von Autorinnen, darunter etwa Simone de Beauvoir und Gertrude Stein. Auf der Rückseite der Karten sind sie mit den Namen zahlreicher Autorinnen bedruckt, die Walsh für lesenswert hält. Walsh zeigte Bilder dieser Grußkarten auf ihrem Blog sowie auf ihrem Twitter-Account mit dem Hashtag #readwomen2014 und stieß damit auf großes Interesse.5 Der Hashtag wurde seit Anfang Januar für viele Beiträge genutzt, die sich mit Literatur von Frauen auseinander setzten. Es werden Bücher von Autorinnen empfohlen, Leseeindrücke beschrieben, Kritiken in Literaturblogs verlinkt und Literaturzitate geteilt. Der größte Teil der Beiträge ist auf Englisch, vereinzelt finden sich jedoch auch andere Sprachen. Joanna Walsh richtete zudem einen Twitter-Account unter dem Namen #readwomen2014 ein, in dem sie eine Auswahl der getaggten Beiträge retweetet.

Von Twitter ausgehend verbreitete sich #readwomen2014 auch auf andere Plattformen: zahlreiche Blogs und Webseiten riefen zum Lesen von Autorinnen auf. In der Social-Reading-Plattform goodreads wurden Listen empfehlenswerter Bücher von Autorinnen erstellt, die Walshs Empfehlungen aufgreifen und eigene hinzufügen. Verschiedene englischsprachige Medien berichteten über #readwomen2014 und erzeugten so weitere Aufmerksamkeit. Auch Bibliotheken und Buchhandlungen wurden von der Aktion inspiriert und beteiligten sich an ihrer Verbreitung. So weist etwa der offizielle Twitter-Account der Manchester Libraries auf #readwomen2014 hin.6 Walsh selbst veröffentlichte auf ihrem Blog Bilder aus Buchhandlungen, die mit einem Verweis auf #readwomen2014 Literatur von Frauen bewerben.7

Einige Menschen wurden von Walshs Aufruf dazu angeregt, im Jahr 2014 ausschließlich von Frauen verfasste Literatur zu lesen. Sie selbst erklärte hingegen, dass sie 2014 auch von Männern verfasste Literatur lesen wird. Ihr Ziel ist, jede(n) Einzelne(n) dazu anzuregen, die eigenen Lesegewohnheiten bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren. Darüber hinaus sieht Walsh Leserinnen und Leser in der Verantwortung, als Konsumentinnen und Konsumenten den Literaturbetrieb zu verändern. Walsh geht es also nicht um das exklusive Lesen von Autorinnen, sondern um eine verstärkte Aufmerksamkeit für von Frauen verfasste Literatur und für die Ungleichheiten im Literaturbetrieb.8

Doch worin bestehen diese Ungleichheiten? Die meisten Leserinnen und Leser würden vermutlich von sich selbst behaupten, dass Merkmale wie das Geschlecht, die Herkunft oder das Alter von Autorinnen und Autoren keinen Einfluss auf die eigene Lektüreauswahl haben und dass allein das jeweilige literarische Werk und das jeweilige persönliches Interesse ausschlaggebend sind. Romane von Autorinnen werden in einem ähnlichen Umfang verlegt wie die ihrer männlichen Kollegen9, auch in Buchhandlungen und Bibliotheken ist kein Mangel an von Frauen verfassten Büchern festzustellen. Zudem haben es Autorinnen heute leichter, Anerkennung für ihr literarisches Werk zu finden, als noch vor einigen Jahrzehnten. Dafür spricht zum Beispiel, dass die kanadische Autorin Alice Munro im Jahr 2013 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Damit steht das Verhältnis von Autorinnen zu Autoren in diesem Jahrzehnt bei 1:2. In den 2000er Jahren lag es bei 3:7, in den 1990ern ebenso. Zwischen Nelly Sachs (1966) und Nadine Gordimer (1991) wurde dieser Preis aber sehr lange Zeit ausschließlich Männern zugesprochen.

Auch das Leseverhalten von Frauen bietet, vergleicht man es mit dem von Männern, nicht gerade Grund zur Besorgnis. Das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center veröffentlichte eine Studie zu amerikanischen Lesegewohnheiten. 82 Prozent der Frauen hatten demnach im Vorjahr ein Buch gelesen. Dem stehen 69 Prozent der Männer gegenüber. Zudem lasen Frauen durchschnittlich 14 Bücher pro Jahr, männliche Leser kamen auf 10.10 Worauf gründet sich also #readwomen2014? 

Das Problem besteht hauptsächlich in der Art und Weise, in der von Frauen verfasste Literatur rezipiert und vermarktet wird. Vida, eine Organisation amerikanischer Autorinnen, die sich mit der öffentlichen Wahrnehmung von weiblichem Schreiben befasst, beobachtet seit mehreren Jahren die Literaturkritiken, die in verschiedenen renommierten Publikationen erscheinen. In Betracht gezogen wird sowohl das Geschlecht der Autorinnen und Autoren der rezensierten Bücher als auch das der Rezensentinnen und Rezensenten. Das Ergebnis, das die Organisation auf ihrer Webseite veröffentlicht, ist eindeutig. 

In allen untersuchten Publikationen überwiegen Rezensionen, die von Männern verfasst wurden. Auch die meisten rezensierten Bücher stammen von männlichen Autoren. In der London Review of Books etwa macht der Anteil von Frauen sowohl bei den Rezensentinnen als auch bei den rezensierten Autorinnen deutlich weniger als 30 Prozent aus.11 Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass von Frauen geschriebene Literatur

Rezensionen in den Rezensionszeitschriften haben zugleich einen großen Einfluss darauf, was von der literaturinteressierten Öffentlichkeit als lesenswert wahrgenommen wird. Bücher, die dort keine Beachtung finden, werden auch von einem bedeutenden Teil der Leserschaft ignoriert und damit nicht gekauft und gelesen. 

Es geht also nicht um die breite Masse an belletristischen Veröffentlichungen, in denen Autorinnen durchaus vorkommen, sondern darum, welcher Literatur und welcher Autorenschaft literarische Qualität zugesprochen werden. Besprechungen von Frauen verfasster Bücher sind nicht nur in einem geringeren Ausmaß aufzufinden, sie zeigen auch inhaltliche Auffälligkeiten. So beobachtete Joanna Walsh, dass Werken von Autorinnen oft Merkmale zugesprochen werden, die weniger mit dem jeweiligen Text zu tun haben, als mit Vorurteilen über weibliches Schreiben:

I’ve listened to female writer friends grouse when their books are given flowery covers though their writing is not; when reviews, or even their publishers’ press releases, describe their work asdelicate" when it is forthright, delightful when it is satirical, carving a niche when it is staking a claim.“12

Auch die Vermarktung von Büchern ist häufig von Geschlechtervorurteilen geprägt. Motive auf Buchcovern zeigen oft verniedlichende und betont weibliche Farben und Motive, auch wenn diese in keinem Zusammenhang mit dem Buchinhalt stehen. 

In ihren Motiven und Zielen weist #readwomen2014 Parallelen zur feministischen Literaturwissenschaft auf. Diese widmet sich seit Jahrzehnten der Anerkennung und Sichtbarmachung von Autorinnen und beschäftigt sich mit von Frauen verfassten Werken. Innerhalb ihrer jeweiligen Disziplinen hat die feministische Literaturwissenschaft sicherlich große Fortschritte vorangetrieben und aufgezeigt, dass die bis heute anhaltende Marginalisierung von Frauen im Literaturbetrieb historisch bedingt ist. In How to Suppress Women’s Writing beschrieb Joanna Russ 1983 die Hürden, denen sich Autorinnen gegenüber sahen. Weibliches Schreiben und Publizieren wurde von der Umwelt kaum akzeptiert und fand wenig Unterstützung. Zudem wurde von Frauen in vielen Fällen erwartet, den größten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, den Haushalt zu führen und die Familie zu versorgen. Folge dieser Zustände war, dass zu der Zeit, als sich ein großer Teil des heute akzeptierten Literaturkanons herausbildete, weniger Autorinnen als Autoren publizierten und ihre Bücher von ihrer Umwelt in der Regel kaum Beachtung fanden. Der Literaturkanon der Schullehrpläne besteht nach wie vor überwiegend aus Werken, die von männlichen Autoren verfasst wurden. Folglich wird Literatur im Sinne von Hochliteratur bis in die Gegenwart vielfach mit von männlichen Autoren produzierter Literatur assoziiert, ob bewusst oder unbewusst. 

Auch außerhalb des Literaturbetriebs, etwa im Bereich der Kunst, werden kreative Erzeugnisse von Frauen oft nicht angemessen wahrgenommen. Werke von Frauen sind nicht nur in Museen unterrepräsentiert, viele Künstlerinnen sind zudem bei Wikipedia nicht, oder nur in Kurzeinträgen, verzeichnet. Aus diesem Grund fanden am 1. Februar 2014 in mehr als zwanzig Städten Europas und Nordamerikas öffentliche Zusammenkünfte von Menschen statt, die an diesem Tag gemeinsam Wikipedia-Einträge über kunstschaffende Frauen hinzufügten oder vervollständigten.13 Die verbesserte Auffindbarkeit von Künstlerinnen bei Wikipedia hat das Potential, bei den Nutzerinnen und Nutzern von Wikipedia die Wahrnehmung von Kunstbetrieb und Kunstgeschichte zu verändern. Insbesondere können so junge Menschen erreicht werden, für die Wikipedia eine wichtige Informationsquelle ist.

Wie groß ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Aktion wie #readwomen2014 nachhaltige Veränderungen im Literaturbetrieb und in der allgemeinen Wahrnehmung bewirken kann? Die Verlage orientieren sich in ihrer Produktgestaltung und -vermarktung vornehmlich an kommerziellen Interessen. Einen spürbaren Einfluss von #readwomen2014 auf diese ist nicht anzunehmen. Das Gegenteil mag eher der Fall sein: erhöhte positive Aufmerksamkeit für von Frauen verfasste Literatur mag somit auch solchen Büchern zukommen, die sich in Covergestaltung und Verlagstexten Geschlechterklischees bedienen.

#readwomen2014 bietet vielen literaturinteressierten Menschen einen Anlass, sich intensiver mit Literatur von Frauen auseinanderzusetzen. Die Aktion findet zudem an Orten des Internets statt, an denen es möglich ist, eine breite, literaturinteressierte Öffentlichkeit zu erreichen und für die Problematik zu sensibilisieren. Auch Menschen, die sich – jetzt oder in Zukunft – beruflich mit Literatur beschäftigen, kommen so mit der Aktion in Berührung. Eine langfristige Veränderung der Literaturkritik und des Literaturbetriebs ist deshalb vorstellbar. Insbesondere wenn man bedenkt, dass sich die Buchbranche insgesamt in einem Stadium der Neuorientierung befindet. Nicht nur E-Books und Self-Publishing verändern den Literaturbetrieb grundlegend. Auch Literaturblogs, Online-Medien und Social-Reading-Portale stehen in Konkurrenz zum traditionellen Literaturjournalismus, der dadurch einen Teil seiner Deutungshoheit einbüßt. Sollte es also nicht möglich sein, die traditionellen Kanäle der Literaturkritik zu Veränderungen zu bewegen, so scheint jetzt ein günstiger Zeitpunkt zu sein, die Relevanz dieser Kanäle für die Zukunft zu überdenken und neue, alternative Kommunikationsformen zu etablieren.

Wie auch immer sich #readwomen2014 in den kommenden Monaten entwickeln mag: die Aktion kann auch unabhängig von der Datierung weiterhin Anlass dazu geben, sowohl die eigenen Lesevorlieben als auch das Angebot des Literaturmarkts über die Dimension des Geschlechts hinaus zu reflektieren. Das Anliegen, den eigenen Lesehorizont zu erweitern, lässt sich in vielfacher Weise verfolgen. Das Lesen ermöglicht einen Einblick in fremde Erfahrungen und Perspektiven. Eine Vielfalt der Stimmen, die man als Lesender oder Lesende aufnimmt, kann diese Eindrücke nur noch weiter bereichern.