> > > LIBREAS. Library Ideas # 24

Download PDF @ edoc HU Berlin
urn:nbn:de:kobv:11-100215909

Rezension zu: L’avenir des bibliothèques: l’exemple des bibliothèques universitaires / Florence Roche et Frédéric Saby (Hg.). – Villeurbanne: Presses de l’enssib, 2013. – 224 Seiten. – ISBN 978-10-91281-13-3: 34 €


Zitiervorschlag
Joachim Schöpfel, "Rezension zu: L’avenir des bibliothèques: l’exemple des bibliothèques universitaires / Florence Roche et Frédéric Saby (Hg.). – Villeurbanne: Presses de l’enssib, 2013. – 224 Seiten. – ISBN 978-10-91281-13-3: 34 €". LIBREAS. Library Ideas, 24 ().


Woody Allen sagte einmal: Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens zubringen werde. Die französische Fachhochschule für Bibliothekswesen ENSSIB in Lyon1 hat in diesem Sinn im letzten Jahr ein Buch herausgegeben, das die Zukunft der Universitätsbibliotheken zum Thema hat. Es handelt sich um eine theoretische Studie, die die Herausforderungen, Ursachen und Geschichte des Themas herausarbeitet, es aber dem Leser überlässt, daraus die praktischen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die zentrale Frage lautet: Wie kann die Bibliothek zur wissenschaftlichen Exzellenz der Universität beitragen? (S. 9, Übersetzung des Autors) Welchen Mehrwert steuert sie für Lehre und Forschung auf dem Campus bei? Von Anfang an beschränkt sich das Buch vor allem auf einen Bereich, auf die Funktion und die Qualität der Dienstleistungen für ein Publikum – Studenten, Lehrkräfte und Wissenschaftler –, welches sich immer mehr von der Bibliothek als Einrichtung entfernt. Das Kredo der Autoren, welches das Buch wie ein roter Faden durchzieht, lautet demzufolge auch: Es geht darum, eine neue Beziehung herzustellen (S. 10, Übersetzung des Autors).

Die ersten sechs Kapitel beschreiben das Umfeld. Was tut sich auf dem Campus, wie verändert sich die Einrichtung Universität? Die Reformen des französischen Hochschulwesens haben die Verwaltung, die Strukturen und die Kompetenzen der Universitäten in Bewegung kommen lassen. Diese Dynamik neuer Aufgaben, neuer Inhalte und Zielgruppen betrifft auch die Bibliothek. Wie hat sich das Verhältnis der Studenten zu Bildung und Wissen verändert? Wie gehen sie mit dem Angebot der Bibliotheken um? Wie sehen ihre Bedürfnisse in Sachen Information und Dokumentation aus?

Diese ersten Kapitel untersuchen ebenfalls, wie man eine Politik öffentlicher Dienstleistungen für diese neuen Zielgruppen definiert, wie man sie evaluiert und wie man die institutionelle Strategie in Kommunikation umsetzt. Ein anderes Kapitel betrifft die Entwicklung der Raumnutzung und der Innenarchitektur, insbesondere im Hinblick auf die neuen Learning Centers.

Die drei folgenden Kapitel beschreiben Zukunftsszenarien der Universitätsbibliotheken unter verschiedenen Blickwinkeln. Dabei geht es um die Zukunft der Bibliothek als Ort, um die Zukunftsaussichten der Bibliothekare als Berufsgruppe und um die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Die Autoren legen hier den Schwerpunkt auf drei unterschiedliche Aspekte: auf das neue Konzept der Learning Centers, Orte der Konvergenz und Verankerung; auf die Kapazität der Bibliothekare, ihren Beruf aus dem Verständnis und der Beziehung zum Publikum heraus zu konstruieren; und auf die Entwicklung der Bibliothek als Ort öffentlicher Dienstleistungen am Publikum.

Das Buch fasst die unterschiedlichen Studien wie folgt zusammen: Die örtlichen Bibliotheken werden weiterhin existieren, aber nur unter der Bedingung, dass sie ihren Ansatz radikal verändern und sich auf die Dienstleistungen am Publikum konzentrieren, auf Kosten der Bestandserhaltung und -entwicklung (S. 207, Übersetzung des Autors). Den Autoren des Buches – Wissenschaftler und Bibliothekare aus Grenoble – kommt das Verdienst zu, die Zukunft der Universitätsbibliotheken unter dem Gesichtspunkt ihrer Benutzer (und Nicht-Benutzer) zu beschreiben, mit Dienstleistungen, die den Bedürfnissen der Studenten, Lehrkräfte und Wissenschaftler entsprechen. Manchem Leser mag eine weitergehende politische oder wirtschaftliche Analyse fehlen. Die Universitätsbibliothek hat andere Rollen, sowohl im Bereich von Wissenschaftsbewertung und Informationsmanagement (Szientometrie) als auch in der Verbreitung wissenschaftlicher Veröffentlichungen (Open Access und so weiter), bei der Öffentlichkeitsarbeit und in Kontakten zu Vereinen, lokalen Gruppen et ceterea. 

Das Buch richtet sich in erster Linie an Universitätsbibliothekare sowie an Studenten und Forscher der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, soll der dänische Physiker Niels Bohr einmal in einer Rede gesagt haben. Besser in der Analyse als in der Prognose liefert dieses neue Buch aus dem ENSSIB-Verlag dennoch einen interessanten Beitrag zur Debatte über die Zukunft der Universitätsbibliotheken.

Für den deutschsprachigen Leser bietet dieses Buch die doppelte Gelegenheit, ein besseres Verständnis für die tiefgreifenden Veränderungen im französischen Hochschulwesen zu gewinnen und zu beobachten, wie sich neue und globale Konzepte, beispielsweise das Learning Center, an örtliche Gegebenheiten anpassen können und müssen. Zugleich kann er/sie auch seine/ihre französischen Sprachkenntnisse im Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft vertiefen, dies auch und vor allem im Hinblick auf die diesjährige IFLA-Konferenz in Lyon…


  1. Ecole Nationale Supérieure des Sciences de l’Information et des Bibliothèques  http://www.enssib.fr/


Joachim Schöpfel ist leitender Direktor des Atelier National de Reproduction des Thèses (ARNT) und Dozent am Fachbereich Informationswissenschaften der Université Charles-de-Gaulle Lille 3. Kontakt: joachim.schopfel@univ-lille3.fr