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Diese Zukunft war einmal: Ehemals moderne Bibliotheken, heute

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Zitiervorschlag
Eliane Blumer, Karsten Schuldt, "Diese Zukunft war einmal: Ehemals moderne Bibliotheken, heute". LIBREAS. Library Ideas, 24 ().


Planen für die Zukunft, planen für das Scheitern

Wer es unternimmt, die Zukunft einer Bibliothek zu gestalten – egal ob als Neubau, als Um- und Anbau oder als interne Neuorganisation – muss einen Plan machen. Es muss sich vorgestellt werden, wie das neue Gebäude funktionieren und aussehen soll, wem es in welcher Weise dient, wie es eingebunden ist in sein Umfeld (der Stadt, der Schule, der Universität, der Forschungseinrichtung, dem Bibliothekssystem). Gespeist wird dieser Plan aus den Vorstellungen der jeweiligen Zeit, aus den jeweils aktuellen Diskursen, aus den technischen, bibliothekstechnischen und baulichen Möglichkeiten, aus den Debatten der aktuellen Architekturdiskussion. Nicht zuletzt spielt die Diskussion innerhalb der Bibliothekswesen darüber, was die Bibliothek eigentlich tun soll, eine gewichtige Rolle. Die heutige Konzentration der Bibliothek auf die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer war zum Beispiel nicht immer gegeben. Es gab Zeiten, in denen der Sammlungs- und Erhaltungsauftrag im Mittelpunkt stand, die erzieherische Funktion von Bibliotheken als conditio sine qua non – gerade Öffentlicher Bibliotheken – galt oder die Repräsentationsfunktion von Bibliotheksgebäuden noch mehr als heute betont wurde.

Einige anschauliche Beispiele dafür:

  • Im Jahr 1954 in Leipzig im Deutsch publizierten Werk Die sowjetische Massenbibliothek nimmt der Autor W. N. Denisjew die Bibliothek ganz für die bolschewistische Erziehung in Beschlag: Die kulturell-aufklärenden Aufgaben der Bibliothek bestimmen die Rolle und die Pflichten des Bibliothekars. Es ist falsch, wenn manche der Ansicht sind, daß die Arbeit des Bibliothekars aus rein technischen Obliegenheiten besteht: ein Buch auszugeben und die Ausgabe im Leserformular zu vermerken, das Buch vom Benutzer wieder in Empfang zu nehmen und die Rückgabe zu notieren. Im Leitartikel der Prawda vom 31. August 1937 heißt es dagegen ganz richtig: Der Bibliothekar ist nicht einfach ein technischer Arbeiter, kein mechanischer Ausgeber von Büchern. Er ist ein Propagandist und ein Agitator der bolschewistischen Kultur. Seine gesamte Arbeit muß vom Geist der bolschewistischen Ideologie und Parteilichkeit durchdrungen sein… Die sowjetischen Bibliothekare stehen vor der großen ehrenvollen Aufgabe: den Werktätigen ihres Vaterlandes bei der Aneignung der bolschewistischen Kultur zu helfen, die alle besten Schöpfungen der Menschheit in sich birgt. Der Bibliothekar ist berufen, die Bücher an die Massen heranzubringen und das Volk im Geiste des Sowjetpatriotismus und im Geiste der Ergebenheit an die Sache des Kommunismus zu erziehen. Der Bibliothekar ist ein Arbeiter an der ideologischen Front, er muß die Bücher und die anderen Druckerzeugnisse benutzen, um die überlebte bürgerliche Ideologie im Bewußtsein der Sowjetmenschen zu bekämpfen. (Denisjew 1954, S. 15)

  • Einige Jahre später klingt dies bei Fedor Nikolaevič Paščenko, obwohl auch er in der Sowjetunion schrieb, ganz anders. Der politische Impetus ist einer funktionalistischen Beschreibung gewichen: Der Bau selbständiger Gebäude für kleinere Bibliotheken geht in der Stadt und auch auf dem Land tendenziell zurück. Diese Bibliotheken werden vorwiegend in größere Mehrzweckgebäude eingegliedert: in der Stadt in Wohnhäuser oder gesellschaftlich-kulturelle Zentren, auf dem Lande in Klub- oder Kulturhäuser. Die Ursachen für diese Tendenz bei der Unterbringung der Bibliotheken liegen vor allem in städtebaulichen Überlegungen sowie im Bemühen um größtmöglichen Komfort für die Nutzer. Das Streben nach optimalen Funktionsbedingungen für die Bibliotheken ist für alle sozialistischen Länder charakteristisch. Die Bereitstellung neuer, komfortabler Räume nach neuen technischen und ästhetischen Gesichtspunkten ist eine überall anzutreffende Erscheinung. (Paščenko & Schwarz 1986, S. 12) Diese Verschiebung im Diskurs lässt sich mit den Veränderungen im politischen System der Sowjetunion erklären. Die politischen Veränderungen einer Zeit schlagen sich offenbar auch in der Sicht auf die Bibliothek nieder.

  • Ein anderes, an die heutigen Diskussionen in Deutschland und der Schweiz erinnerndes Beispiel ist die begeisterte Darstellung des dänischen Öffentlichen Bibliothekswesens durch Gertrud Seydelmann: Die Öffentlichen Bibliotheken Dänemarks verstehen sich heute nicht nur als Institute zum Lesen und Entleihen von Büchern, sondern als Kulturzentren, in denen die Bürger aller Alters- und Bildungsstufen, beim Vorschulalter beginnend bis zum bettlägerigen, hilfsbedürftigen alten Menschen, Information, Anregung, Bildung durch die verschiedensten Medien finden. Die Bibliotheken sind Kontakt- und Begegnungsort. Sie tragen dem durch die Vielfalt ihrer Räume Rechnung, die neben den Ausleihflächen, Gruppenräume, Studienzellen, Mehrzwecksäle, Diskothek und nicht zuletzt auch eine Cafeteria mit Raucherlaubnis umfassen. (Seydelmann 1973, 10) Hieraus ergeben sich folgende bauliche Merkmale: Die vielschichtige Aufgabenstellung für die voll ausgebaute Biblio-Mediathek erzwingt ein großes Bauvolumen in eigenständigen Gebäuden. Durch ihre Größe und ihre verschiedenartigen Funktionen sowie durch die Tradition ihrer Dienstleistungen sind sie fest im Bewußtsein der Bevölkerung verankert. Hinzu kommt die erheblich kleinere Einwohnerzahl der Städte im Vergleich zur Bundesrepublik, so daß die Flächenausdehnung überschaubar ist und sich um ein breiter gestreutes gewachsenes Zentrum konzentriert. Daraus ergibt sich die für deutsche Bibliothekare verblüffende Situation, daß neue Bibliotheksgebäude durchaus nicht immer im Zentrum, sondern am Rande von Verkehrs- und Einkaufsflächen angesiedelt sind. Sie liegen an einem kleinen See, in einem Park in harmonischer, nicht hektischer Umgebung. (Seydelman 1973, 10f.) Auffällig, dass diese Text aus den 1970er Jahren heute immer noch als neu gelten könnte. Offenbar bewegen sich die Debatten um moderne Bibliotheken nicht beständig vorwärts.

  • Xavier Fabre und Vincent Speller skizzieren für die Öffentlichen Bibliothek in Frankreich drei Phasen, in denen unterschiedlich über diese gedacht wurde: Trois modèles ont marqué l’évolution archtiecturale des bibliothèques publiques: l’espace de conservation des livres et du savoir (Ètienne-Louis Boullée, projet de bibliothèque publice des Capucines, 1784 […]: les gardins des livres sous une voûte unique), l’espace de la lecture savante, montrant l’élaboration des savoirs (Henri Labrouste, grand salle de la Bibliothèque nationale, 1854-1875: les tables de lecture sous les voûtes multiples), l’espace étende du supermarché du livre derriére ses façades vitrées (modèle de l’accessibilité du livre à tous, et de la diversité des genres…). (Farbe & Speller 2012, S. 54)

Diese Vorstellungen schlagen sich mal mehr, mal weniger in Zahlen und Modellen konkretisiert, in bibliothekarischen Richtlinien wieder, wobei an diesen im Rückblick nicht so sehr die konkreten Werte interessant sind, sondern der Fakt, dass sie sich selber ständig verändern und in der Realität der Bibliotheken nur zum Teil beachtet werden. Hinzu kommen das Selbstverständnis der Bibliothek und der jeweils Planenden, ganz zu Schweigen von den Vorstellungen der Auftraggeber. Aus all dem entsteht ein Konglomerat, welches im Plan vom jeweils neuen, modernen Bibliotheksbau in die Zukunft verlängert werden soll.

Alles ist veränderlich: Personen wechseln ihre Posten oder gehen in Rente, gesellschaftliche Systeme verändern sich, die bibliothekarische und die architektonische Diskussion betont neue Grundsätze, die technischen Möglichkeiten verändern sich, was bibliothekstechnisch als klug galt, gilt vielleicht – oft aus guten Gründen – nach einigen Jahren als schlecht. Aber: Die einmal geplanten Gebäude stehen, wenn sie gebaut werden, da und müssen, wohl oder übel, genutzt werden. Sicherlich können sie anders ausgestattet werden, geplante Zonen anders genutzt werden als vorgesehen und so weiter. Aber die grundsätzlichen architektonischen Entscheidungen strukturieren diese Gebäude weiter. Zehn Jahre, zwanzig Jahre, manchmal über hundert Jahre stellen sie in Grundzügen immer noch die Arbeitsplätze von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren dar. Die Frage, die uns in diesem Beitrag bewegt ist, was aus den Plänen der Bibliotheksbauten der vergangenen Dekaden wird, wenn sie einmal umgesetzt sind.

Eines von zahlreichen Beispielen für Richtlinien und Planungen im Bibliotheksbereich, hier aus der DDR. (Wirth 1985).

Eines von zahlreichen Beispielen für Richtlinien und Planungen im Bibliotheksbereich, hier aus der DDR. (Wirth 1985).

Wie plant man eine neue Bibliothek?

Wie so eine Planung unternommen werden soll, ist eine immer wieder umstrittene Frage. Gilt heute wohl die Beachtung der Interessen der Nutzerinnen und Nutzer sowie eine Anlage der Bibliothek als flexibler Raum als unabdingbar, sprechen sich in den frühen 1980er Jahren Bibliotheksarchitekten explizit gegen diese Interessen als alleinige Richtschnur aus:

“Feststellung von Bedarf aufgrund von empirischen Ermittlungen ergibt noch keine relevanten Planungsgrößen, denn empirische Ermittlungen werden nie voraussetzungslos begonnen; wir machen uns abhängig von den Instrumenten unserer Beobachtungen, die immer – selbst bei einfachsten Feststellungen – durch theoretische Voraussetzungen geprägt sind.

Allgemeiner gesagt konstituieren sich Zwecke (der Bedarf) immer innerhalb des Systems, sie werden nicht etwa von außen auferlegt, wie es uns Bedarfsuntersuchungen vortäuschen möchten. Zwecke haben die Aufgabe, Außenprobleme in die Dispositionsmöglichkeiten des Systems zu verlagern. Zweckorientierung befreit so von allzu direktem Umweltdruck und vereinfacht die Entscheidungssituation.

Betrachten wir also eine Bibliothek als System, können wir es planerisch nur erfassen, wenn wir für diese Zweckbetrachtung einen Außenbezug herstellen, wir nach der Funktion von Zwecken fragen. Die Funktion der Zwecke liegt nicht etwa in ihrer jeweiligen Erfüllung im Einzelzweck, sondern ist als strategische Leistung zu sehen. […]

Nicht der Zweckcharakter der Bibliothek, sondern die Erwartungsstruktur der Umwelt ist die maßgebende Bezugsgröße der Entwicklung. Hier liegt ein Kernproblem für die Planung. […]

Der architektonische Entwurf muß in der sinnfälligen Entwicklung von Außen- und Innenraum, in der differenzierten Folge von unterscheidbaren Raumgruppen und vor allem in der Kongruenz von Handlungsablauf und Raumentwicklung primäre Leitmerkmale bilden. Diese Forderung widerspricht einer anderen Grundforderung der heutigen Bibliotheksplanung, nämlich undifferenzierte flexible Bibliotheksräume anzubieten. […]

Allgemeine Zwecke sind nicht planbar. Flexibilität kann kein Planungszweck sein. Zwecke müssen präzis formuliert werden, nur auf diesem Weg kann eine Innendifferenzierung des Systems, die Voraussetzung für Anpassungsfähigkeit ist, entstehen. Wenn ein spezielles Planungsproblem möglichst gründlich und von allen Seiten her durchgearbeitet ist, wird in der jeweils besonderen Lösung die darin abgearbeitete und aufgehobene Problemkomplexität aller Flexibilität überlegen sein." (Ramcke 1981, S. 63ff.)

Der schon genannte Fedor Nikolaevič Paščenko gibt uns sogar eine Anweisung für Architekt und Bibliothekar an die Hand, die hier vollständig wiedergegeben werden soll, da sie schnell zur Einsicht führt, wie sehr zeitgenösssischer Diskurs und Vorstellungen vom Planen einer Bibliothek Hand in Hand gehen.

  1. Der Architekt muß fachlich kompetent sein, seine Aufgabe ernst nehmen, Geduld und Zeit haben zur Lösung der Aufgabe, wenn notwendig, in einigen Varianten, ein guter Zuhörer sein, seinen Standpunkt klar formulieren können sowie Entscheidungen erst nach Konsultationen mit anderen treffen.
  1. Der Architekt muß willens und in der Lage sein, die Bedürfnisse des Auftraggebers zu interpretieren, alle Vorgaben des Auftraggebers einschließlich der städtebaulichen Einordnung kennen, zur Aufstellung eines guten Programmes beitragen und exakte Baupläne vorlegen.
  1. Der Architekt muß primäre Wünsche des Auftraggebers funktionell und ästhetisch umsetzen, dabei die Funktionsanforderungen integrieren und ein nach außen und innen harmonisches Ganzes schaffen.
  1. Der Architekt muß eine kostengünstige Variante vorlegen, dabei sind die Investionskosten ein genau so wichtiger Faktor wie die Betriebskosten.
  1. Der Architekt benötigt einen Mitarbeiterstab proportional zur Größe der betreffenden Aufgabe, dabei müssen alle Beteiligten zusammenwirken, um ein optimal funktionierendes Gebäude dem Nutzer zu übergeben.
  1. Der Architekt muß, auch wenn er schon genug Erfahrung im Bibliotheksbau hat, sich über die letzten Neuheiten auf dem Gebiet der Architektur, der Ausstattung, und Ausrüstung der Bibliotheken auf dem Laufenden halten und nicht nur auf sein Routine vertrauen. […]
  1. Der Bibliothekar muß Funktionen und Aufgaben des neuen Gebäudes bis ins Detail klären und erläutern können, sich gegebenenfalls von herrschenden Vorstellungen und Meinungen trennen und neue Ideen und Vorschläge aufgreifen können, Gedanken an das alte Gebäude aus dem Spiel lassen, frühzeitig beginnen, Fakten zu sammeln.
  1. Der Bibliothekar muß sich vom neuen Gebäude genaue Vorstellungen verschaffen, um mitreden und mitdiskutieren und dadurch mitgestalten zu können; er ist der Autor des Programms, das er – mit anderen abgestimmt – zu vertreten hat.
  1. Der Bibliothekar muß lernen, daß Bibliotheksbau keine abwegige Nebenbeschäftigung ist, sondern eine primäre Leitungsaufgabe von hohem Rang, auch über die eigene Bibliothek hinaus; der Bibliotheksbau ist eine gesellschaftliche Investition von hohen Kosten, er zeugt von der Anerkennung der Bibliotheken und des bibliothekarischen Berufs.
  1. Der Bibliothekar muß sich für Architektur, Bauwesen und Technik im allgemeinen interessieren und ein aufgeschlossener Partner sein; er muß lernen, Pläne zu lesen und die Erklärung darauf zu verstehen, um rechtzeitig auf Fehler hinweisen zu können.
  1. Der Bibliothekar muß den Architekten in die Probleme der Bibliothekswissenschaft und Informatik einführen, soweit diese sich im Bibliotheksneubau widerspiegeln und muß auch in der Lage sein, Einzelheiten in der Sprache des Architekten erläutern zu können.
  1. Der Bibliothekar muß schon in der Ausbildung mit Problemen des Baus und der Einrichtung von Bibliotheken vertraut gemacht werden.
  1. Der Bibliothekar muß seine Mitarbeiter regelmäßig über den Bibliotheksbau informieren und sie in allen Phasen in die Vorbereitung einbeziehen, da das Personal die Güte des späteren Baus bestimmt.
  1. Der Bibliothekar muß die Entwicklungsrichtungen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts gut kennen, den Möglichkeiten gemäß mit Modernisierung und Umorganisierung schon im alten Gebäude beginnen und von all diesen Vorhaben den Architekten informieren." (Paščenko & Schwarz 1986, S. 342f.)

Dokumente und Gebäude

Manchmal hinterlassen die Pläne und Planungen mehr, als nur die Gebäude. Sie hinterlassen Dokumente, Artikel, Festschriften, in denen dargelegt wird, wie sich die zukünftige Bibliothek, die zukünftige Arbeit in dieser Einrichtung gedacht wurde. Sie zeigen zum Teil auch auf, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. In einem solchen, glücklichen Fall lassen sich damalige Planung und heutige Realität miteinander vergleichen.

Im Folgenden haben wir dies an einer Reihe von Bibliotheken in der Schweiz, Österreich und Deutschland unternommen. Alle hier abgebildeten Bibliotheken galten zum Zeitpunkt ihres Baus als modern. Die Impressionen wurden im Sommer und Herbst 2013 (Schweiz und Deutschland) sowie Winter 2014 (Wien) aufgenommen. Einige der Bibliotheken waren explizit eingebunden in Diskussionen um die nationale Repräsentation (die Schweizerische Nationalbibliothek – ehemals Landesbibliothek – mit ihrer zurückhaltenden Moderne, welche die Schweiz in den 1930er Jahren, im Vorgang der Geistigen Landesverteidigung auszeichnete, oder die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin, Potsdamer Platz, die sich in das geplante Kulturforum einfügt als Sinnbild eines liberalen und offenen, kulturell geprägten Deutschlands, wie es in den 1960er und 1970er Jahren gezeichnet und auch in anderen Repräsentativbauten wie dem Kanzlerbungalow sichtbar wurde). Andere sollten die Stadt, in der sie sich befinden, repräsentieren und verweisen heute oft auf eine vergangene Sicht auf diese Städte (Palais Rumine, Lausanne; Zentralbibliothek Zürich, Zürich; Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin). Wieder andere zeigen den Versuch, Lösungen im kleinen Raum zu finden und berichten von vergangenen (eigene Bibliothekscontainer wie in Spiez) oder aktuellen Methoden (An- und Umbau an vorhandene Gebäude wie in Münsingen). Einige Bauten hinterlassen nichts ausser Spuren in den Archiven und Bibliotheksbeständen. Dies muss nicht immer heissen, dass die Bibliotheken gänzlich verschwinden. Das aktuelle Gebäude der Bezirksbibliothek Berlin-Köpenick ist zum Beispiel dort errichtet, wo in den 1980er Jahren ein anderes Bibliotheksgebäude errichtet wurde.

Was kann aus den Gegenüberstellungen gelernt werden? Sicherlich zwei Dinge: Zum einen scheitern alle Pläne mit der Zeit. Einige – sicherlich die meisten – scheitern im Planungsprozess der Ausführung und werden nie gebaut.  Ein schönes Beispiel dafür ist der Architekturwettbewerb zum Umbau der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin in den späten 1980er Jahren. (Feireiss, 1989) Dieser Umbau sollte die effektiv nutzbare Fläche der Bibliothek erweitern, an den schon einmal modernen Bau der 1950er Jahre anschliessen sowie den Blücherplatz – den Standort der Bibliothek – räumlich neu erschliessen. Der Wettbewerb war weit fortgeschritten, genauer: abgeschlossen. Es wurden sogar die Preise für die ersten Plätze verteilt und eine Publikation mit den Wettbewerbsbeiträgen gedruckt (Feireiss 1989). Gleichwohl: mit dem Jahr 1989 und der politischen Wende trat ein neues Projekt auf den Plan. Die Amerika-Gedenkbibliothek (West) wurde mit der Stadtbibliothek Berlin (Ost) zur Zentralen Landesbibliothek Berlin zusammengeführt. Diese strebt seitdem einen gemeinsamen Neubau an. (Lux 2011) Deshalb wurde das Gebäude der Amerika-Gedenkbibliothek nicht mehr verändert. Dem Karneval der Kulturen – einem der etablierten jährlich stattfindenden Strassenfeste in Berlin – geriet das zum Vorteil, da heute der gesamte Blücherplatz und der daran anschliessende Park für das jährliche Fest genutzt werden kann. Die fertigen architektonischen Entwürfe allerdings haben die Zeit ihrer Umsetzung offenbar hinter sich gelassen.

Aber dies ist nicht das einzige mögliche Scheitern. Auch gebaute Entwürfe scheitern mit der Zeit. Die Vorstellungen, die mit ihnen verbunden wurden, werden mit der Zeit überholt. Die weiter unten stehenden Bilder legen davon Zeugnis ab. So haben sich Vorstellungen einer auf Ewigkeiten planbaren Bibliothek, wie sie zum Beispiel im Palais Rumine, Lausanne, zu finden sind, als haltlos erwiesen. Auch der Bibliothekscontainer in Spiez zeugt eher von einer nicht mehr vertretenen Vorstellung, nach der Bibliotheken als eigenständige Einrichtung möglichst separat gebaut eingerichtet werden sollten. Die technisch weit überholten Internetstationen, die bis zum Herbst 2013 in der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin, genutzt wurden, zeigen zudem, dass Entwicklungen nicht alle gleich schnell verlaufen. Das Gebäude, immerhin mehrere Jahrzehnte alt, erscheint nicht so unmodern wie die zum Zeitpunkt des Bildes vielleicht zehn Jahre alten – und in zwischen ausgetauschten – Stationen.

Pläne zum Umbau der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin (Feireiss 1989).

Pläne zum Umbau der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin (Feireiss 1989).

Pläne zum Umbau der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin(Feireiss 1989).

Pläne zum Umbau der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin(Feireiss 1989).

Zudem: Trotz diesem Scheitern der ehemaligen Pläne funktionieren alle diese Gebäude auch heute als öffentliche Räume, zumeist immer noch als Bibliotheken. Es wurden zum Teil grosse bauliche Veränderungen durchgeführt, die Arbeitsabläufe um die Gegebenheiten herum organisiert, Kompromisse wurden eingegangen. Und bestimmt haben die Kolleginnen und Kollegen in allen Häusern Vorstellungen, wie es besser zu organisieren wäre. Aber: Neubauten sind selten. Ein gescheiterter Plan heisst nicht, dass das gesamte System Bibliothek scheitert.

Ehemals Moderne Bibliotheken. Dokumente und Situationen

Schweizerische Nationalbibliothek (Bern, Schweiz)

Durch den Haupteingang betritt man Windfang und Vorraum, von wo breite Gänge, die wechselnden Ausstellungen dienen können, rechts und links nach den Seitenflügeln mit den verschiedenen Ämtern führen, während geradeaus, durch Glastüren sofort sichtbar, sich Bücherausgabe und Lesesall der Bibliothek befinden. Grosser Lesesaal, Zeitschriftensaal, Bücherausgabe, Warteraum und Katalogsaal bilden einen grossen gemeinsamen Raum, dessen Abteilungen nur durch Glaswände abgetrennt sind. Dadurch gewinnt der beaufsichtigende Beamte die beste Übersicht und der Besucher das Gefühl der Weiträumigkeit. Auf die übliche Galerie für die Handbibliothek ist verzichtet, dafür besitzt dieser Saal nussbaumgetäferte Nischen, die die Handbibliothek aufnehmen. Die obere Wandzone des Saales ist mit Akustik-Celotex verkleidet, dessen schalldämpfende Wirkung sich sehr stark fühlbar macht, und der ausserdem als Material eine sehr symphatisch weiche, rauhe Oberfläche hat. Der grosse Saal wie auch der Katalogsaal, der Ausstellungssaal und das Karten- und Bilderzimmer empfangen ihr Tageslicht ausschliesslich von oben, dagegen besitzt der grosse Lesesaal in seiner äussersten, den Zeitschriften reservierten Abteilung westliches Seitenlicht, da sich die ganze Stirnwand des Saales gegen den Garten im Westen öffnet. Hier lagert sich dem Saal eine geräumige, nach aussen offene gedeckte Terrasse vor, die dem Besucher der Bibliothek den Aufenthalt auch bei längerer Dauer angenehm machen und ihm Gelegenheit zur Entspannung im Freien geben soll. Ein Fresco von Ernst Morgenthaler an der Schmalwand dieser Loggia ist der einzige bildliche Schmuck des Gebäudes, denn man hat mit Bedacht davon abgesehen, die mit Celotex bekleideten, oberen Wandzonen des grossen Saales mit bildblichen Darstellungen auszuschmücken, die die Aufmerksamkeit des Lesenden für sich in Anspruch nehmen, also von der Lektüre ablenken würden. Es ist zu hoffen, dass sich die neuartige Idee, der Bibliothek einen solch offenen Raum und Austritt in den Garten beizugeben, bewähren wird. (Anonym 1931, S.7f.)

Das ganze Gebäude bekommt seine besondere Straffheit der Komposition dadurch, dass alle Abmessungen als gemeinsames Mass die Axendistanz der Bücherregale enthalten. Sie beträgt im Büchermagazin 1,52 m und ist dort unmittelbar an den enggereihten schmalen Pfeilern der Fassade abzulesen. (Anonym 1931, S. 8)

Begreiflicherweise haben die äusseren Formen der neuen Landesbibliothek nicht überall Zustimmung gefunden. Der Verzicht auf klassische oder sonst ornamentale Architekturformen wirkt noch immer auf jene Betrachter befremdlich, die sich nicht Rechenschaft geben, dass damit die Freiheit gewonnen wurde, das Gebäude nach der Seite seiner praktischen Benutzbarkeit um so besser durchzubilden. (Anonym 1931, S. 12f.)

Es darf als besonderer Glückfall bezeichnet werden, dass der Neubau in einer bei staatlichen Gebäuden seltenen Kompromisslosigkeit durchgeführt werden konnte. (Anonym 1931, S. 18)

Das Gebäude der Landesbibliothek war 1927-1931 grosszügiger geplant und gebaut worden, als es die damaligen Platzansprüche verlangten. Vier Bundesämter, das Eidg. Amt für geistiges Eigentum, das Eidg. Statistische Amt, das Eidg. Inspektorat für Forstwesen, Jagd und Fischerei sowie die Eidg. Getreideverwaltung wurden als eine Art Puffer in den Büroflügeln einquartiert und sollten im Laufe der Zeit der wachsenden Bibliothek weichen. Dieses Konzept erwies sich allerdings nur während einiger Jahrzehnte als befriedigend. Zwar sind nach wie vor genügend Büroflächen verfügbar, und ein Teil der Räume wurde inzwischen vom Bundesamt für Kultur und vom Schweizerischen Literaturarchiv übernommen. Dagegen fanden wegen der Flut neuer Publikationen schliesslich nur noch etwa ein Drittel der Bestände im Büchermagazin Platz. Ausserdem stellten die Bibliothekare neue Ansprüche an die Konservierung wertvoller Bücher und an die Logistik des Betriebs. (Allenspach & Schibig 2001, S. 5)

“Der Landesbibliothek haften die Merkmale einer Übergangssituation an: Die Architekten suchten nach neuen Konzepten, taten dies aber nicht mit letzter Konsequenz. Eine ähnliche Tendenz kann gleichzeitig bei anderen Neubauten in der Schweiz beobachtet werden, so beim Börsengebäude in Zürich, gebaut 1929-30 von Henauer & Witschi, bei den Berner Bauten von Salvisberg um 1930 und kurz danach beim Bau von Gewerbeschule und Kunstgewerbemuseum in Zürich durch Karl Egender und Adolf Steger von 1930-33.

Die Landesbibliothek war ein modernistischer Kompromiss und lag viel stärker im Zeitgeist als die ebenfalls 1927 entstandenen, provokativen Entwürfe eines Le Corbusier und von Hannes Meyer und Hans Wittwer für den Völkerbundpalast in Genf. Alfred und Heinrich Oeschger standen nicht mit den avantgardistischen Kreisen der Schweizer Architektur in Verbindung und wurden 1930 auch nicht zum damaligen Grossereignis, dem Bau der Woba-Siedlung in Basel des Schweizerischen Werkbundes eingeladen. Der zurückhaltende Modernismus will indes nicht bedeuten, dass die Architektur keine kohärenten gestalterischen Qualitäten besässe. Ganz im Gegenteil hat die sorgfältige Rennovation erneut die grossen Qualitäten eines Werkes sichtbar gemacht, das vom Gesamtentwurf bis zu den Details der Gestelle und Leuchten mit innerer Überzeugung und Talent geplant und ausgeführt wurde." (Allenspach & Schibig 2001, S. 60f.)

Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz (Berlin, Deutschland)

Der große Kubus des Hauptlesesaals wurde zum Pavillon der Nationalgalerie versetzt angeordnet und die entstehende Flankenbeziehung durch den weit vorstoßenden molenkopfartigen Kubus des Vortragssaals exponiert, der gliedernd die Raumbildung im Bereich der Potsdamer Straße bewirkt. Die städtebauliche Beziehung des Pavillons der Nationalgalerie geschieht über eine vorgelagerte Skulpturenterasse und terrassenartig ansteigende Flachbauten des Ibero-Amerikanischen Instituts zu dem Lesesaal mit den Sonderabteilungen. Die peripheren zwei- und viergeschossigen Randbauteile mit dem Ibero-Amerikanischen Institut oder dem Institut für Bibliothekstechnik im Norden, die allseits das Bauwerk umgeben, sind in ihrer Dimensionierung zugleich maßstabgeben für die höheren Baukörper und für die beginnende Parklandschaft des Tiergartens; sie bewirken den angestrebten menschlichen Maßstab des Bauwerks. (Wisniewski 1978, S. 150)

Der Raum zum Lesen darf nicht trennen, nicht spezialisieren, sondern das Angebot dem Lesen darlegend – letztlich demokratisch – die Auswahl gewährleisten. So sollte auch das Gebäude dieses Angebotes nicht formaler, irisierender Selbstzweck werden, sondern unbegrenzt und richtungslos wie eine Landschaft, tendenzlos sein. (Wisniewski 1978, S. 154f.)

Die Eingangshalle hat […] die Funktion eines Verteilers. Man gelangt von hier sowohl in den internen Bereich der Bibliothek als auch zu dem im gleichen Baukomplex untergebrachten Ibero-Amerikanischen Institut und dem Vortragssaal. Der Ort der Begegnung in der Eingangshalle bildet zugleich die Einstiegsstelle für das Leit- und Informationssystem, das dem Benutzer die Orientierung im öffentlichen Bereich erleichtert. (Drozd 1978, S. 179)

“Die bibliothekarische Organisationsplanung hat sich stets von dem Grundsatz leiten lassen, daß es sich bei diesem Gebäude um eine Bauwerk von hohem architektonischen Rang handelt, dem die ihm angemessene bibliothekarische Funktion gegeben werden muß; diese darf der architektonischen Konzeption zwar nicht zuwiderlaufen, muß jedoch den Bedürfnissen einer wissenschaftlichen Bibliothek entsprechen.

Alle Bemühungen der Planungen um eine Funktionalität dieses Bibliotheksgebäudes werden in Zukunft auch daran gemessen werden, inwieweit das Haus flexibel genug ist, um sich an neue, heute noch nicht vorhersehbaren Aufgaben anzupassen. Die Qualität des architektonischen Entwurfs wird sich in Zukunft gerade bei solchen Anforderungen bewähren müssen." (Drozd 1978, S. 183)

Palais Rumine (Lausanne, Schweiz)

“Unter der Leitung des Ingenieurs Samuel de Mollins fanden beim Bau des Palais de Rumine die neusten Techniken jener Zeit Anwendung. Fundament, Fenster- und Türstürze sowie die Dachbalken wurden nach dem Hennebique-Prinzip aus Stahlbeton erstellt. Grösstenteils jedoch wurden jene Materialien eingesetzt, die für öffentliche Bauten Ende des 19. Jahrhunderts in der Westschweiz üblich waren: Der Sockeln besteht aus Kalkstein von St. Triphon, die rustikalen Bossen der Grundmauern aus Arvel-Stein. Die Bossen der oberen Stockwerke, die Eckquarder und das Gefüge der Hauptfassade bestehen aus Villebois-Kalkstein, ebenso der Beckenrand des Brunnens im Atrium und die Passage über die lange Eingangstreppe. Für die oberen Stockwerke wurde bleicher Kalkstein von Savonnières und Morley verwendet. Die beiden grossen Säulen vor dem Palais bestehen aus rosafarbenem Granit von Baveno und die Kolonnadenreihe aus Kalkstein von Villebois. Für gewisse Details wurden speziellere Materialien eingesetzt: schottischer Granit für die Cabochons an der Westfassade, Gotthard-Gneiss für die Haupttreppe, Mont-Blanc-Granit für die Treppe zur Rue Pierre-Viret, Hauteville-Stein für die Säulen des Eingangsportals und den Sockel über dem Becken des Atriums, Stein aus Echaillon für die Doppelsäulen der oberen Galerie und die Handläufe der Ehrentreppe.

[…]

Der Grossteil des Schmucks befindet sich in den Durchgangsbereichen, die zusätzlich mit Kunstschmiedearbeiten von Louis Fatio aus Lausanne und Mosaiken von Mathieu Pedroli aus La Tour-de-Peilz ausgestattet wurden. In den Ausstellungssälen hingegen blieb die Dekoration nüchtern und bestand meist aus monochromem Stuck. Einzig der grosse Saal der Bibliothek wurde mit figurativen Wandmalereien und mit Steinimitationen ausgeschmückt.

[…]

Am 3. November 1906 fand schliesslich die feierliche Einweihung des Palais de Rumine statt. Das Budget war allerdings um 40 Prozent überschritten worden, und die einzelnen Institutionen fühlten sich von Anfang an eingeengt. Die Zahl der Studierenden [der Universität Lausanne] hatte sich in der Tat innerhalb von zehn Jahren verdoppelt und stieg von 600 im Jahr 1896 auf 1200 im Jahr 1906 an. Auch die Bibliothek litt bereits unter Platznot." (Corthésy 2008, S. 15f.)

Während beinahe des ganzen 20. Jahrhunderts und selbst bis in unsere Tage hinein zeugten gewisse Initiativen von einer Unbeliebtheit dieses Baus, dessen Masslosigkeit in Grösse und Ausschmückung von der Bevölkerung von Lausanne mehrheitlich abgelehnt wurde. (Corthésy 2008, S. 17)

Das Palais de Rumine beherbergt zahlreiche, sehr unterschiedliche Institutionen, deren Ziele und Bedürfnisse einem ständigen Wandel unterzogen sind. Deshalb ist heute schon abzusehen, das dem Bauwerk noch zahlreiche Veränderungen bevorstehen. Für die nächsten Jahre sind in der Tat wichtige Neuerungen vorgesehen, den Parlament und Kunstmuseum ziehen in eigens für sie erstellte Gebäude. Die verschiedenen vorgenommenen Umbauarbeiten sind von unterschiedlicher Qualität und reichen von tief greifenden Massnahmen bis zu respektvollem Umgang mit dem historischen Bau, dessen Gesamteindruck indessen nie unwiederbringlich verändert wurde. (Corthésy 2008, S. 49)

Zentralbibliothek Zürich (Zürich, Schweiz)

Zum Bau der Zentralbibliothek in Zürich, 1914 in einer Abstimmung vom Volk beschlossen, hat sich ein anonymes Gedenkblatt erhalten, dass hier, wegen seines Werts als zusammenhängende Darstellung und Begründung des Baus, vollständig zitiert wird. Seit dieser Zeit wurde das Gebäude, zu einem Grossteil unterirdisch, mehrfach ergänzt.

“I. Allgemeines

Die Zentralbibliothek ist erwachsen aus der Gegenbewegung gegen die im Laufe der Zeit eingetretene Zersplitterung des zürcherischen Bibliothekswesens, die dadurch entstanden war, daß sich neben der im Jahre 1629 gegründeten Stadt- (oder Bürger-) Bibliothek zunächst drei kleinere Bibliotheken (die der naturforschenden Gesellschaft, der medizinisch-chirurgischen Bibliotheksgesellschaft und der juristischen Bibliotheksgesellschaft) und sodann im Jahre 1835 die mit ihren ältesten Bestände auf die Stiftsbibliothek des Großmünsters zurückgehende Kantonsbibliothek, auch Bibliothek der kantonalen Lehranstalten genannt, bildeten. Seit 1896 von verschiedenen Seiten angeregt, seit 1897 von der Stadtbibliothek offiziell angestrebt, wurde die Vereinigung der beiden Hauptbibliotheken im Sommer 1902 entscheidend gefördert durch die Schenkung eines hochherzigen Gönners im Betrage von 200.000 Fr. an den Kanton. Mehrjährige Verhandlungen zwischen den beidseitigen Behörden führten die verwickelten Fragen zu einer beide Teile befriedigenden Lösung, die am 1. März 1914 durch Volksabstimmung von der städtischen Einwohnerschaft, am 28. Juni gleichen Jahres von der des Kantons gutgeheißen wurde. Zwei Probleme galt es im Wesentlichen zu lösen: das der Errichtung und Finanzierung des erforderlichen Neubaus und das der organischen Gestaltung der darin unterzubringenden Sammlungen.

Als organische Form – um zunächst von dieser zu sprechen – wurde, da eine Abtretung der einen Bibliothek an den Eigentümer der anderen ausgeschlossen war, die einer von Kanton und Stadt gemeinsam errichteten Stiftung gewählt, für deren Bedürfnisse, erstmalige wie künftige, die Stifter aufzukommen haben. Rechte und Pflichten wurden gleichmäßig verteilt. Jeder Teil ernennt in die Stiftungsbehörde gleichviele Mitglieder und trägt an den Aufwand der Anstalt gleichviel bei. Immerhin wurden die beidseitigen Sammlungsbestände ungewertet eingeworfen, da eine Wertung mit zu großen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre. Die Stiftungsbehörde kann sich, abgesehen davon, daß sie auf die jeweiligen beidseitigen Zuschüssen angewiesen ist und den beiden Stiftern Bericht und Rechnung zu erstatten hat, in ihren Entscheidungen frei bewegen.

Für den Bau wurde ein der Stadt gehörender und von ihr einzuwerfender Platz bestimmt, der aus vier dafür ins Auge gefaßten schließlich als einziger übrig blieb, auf dem sich die Interessen des Kantons und der Stadt vereinigten. Als Gegenwert überwies der Kanton das daran anstoßende, bis anhin die Kantonsbibliothek beherbergende, mit neuem Einbau zu versehende Predigerchor. Ermöglicht wurde der Bau und damit das Zustandekommen der ganzen Bibliothekvereinigung überhaupt durch freiwillige Gaben im Betrag von nahezu 800,000 FR., die, dank einer außergewöhnlichen Opferwilligkeit, außer dem bereits erwähnten Gönner, eine Anzahl hiesiger und auswärtiger Private und Firmen spendete.

  1. Der Neubau

Moderne Bibliothekbauten [sic!] haben nach dem Ausspruch eines englischen Fachmannes im Wesentlichen zwei Anforderungen zu erfüllen: erstens die Bücher möglichst zusammenzudrängen, um Raum zu sparen, und zweitens die Wege zu ihnen möglichst kurz zu halten, um Zeit zu sparen. Als weitere Gesichtspunkte sind aufzustellen, daß sich die Wege für die Benutzer und die für die Beschaffung der Bücher aus den Magazinen nicht berühren, daß die hauptsächlichsten Benutzungs- und Verwaltungsräume bequem zugänglich und wenn möglich auf gleicher Höhe liegen und daß für die nötige Erweiterungsfähigkeit gesorgt ist, und zwar nicht nur für das Gebäude im Ganzen, sondern für jede der beiden Raumgruppen, in die ein Bibliothekbau [sic!] zerfällt, nämlich für die Benutzungs- und Verwaltungsräume einesteils und für das Büchermagazin andernteils im Besondern.

Der Neubau zerfällt in drei Hauptteile: 1. den Verwaltungsbau, 2. den Lesesaalbau 3. den Magazinbau. [sic!]

Der Lesesaalbau

liegt abseits vom Lärm und Staub der Straße im Zentrum der Bauanlage zwischen den neuen Gebäudeflügeln und der Predigerkirche. Er umfaßt den Lesesaal von 290 m2 Bodenfläche, 7,5 m lichter Höhe und 126 Arbeitsplätze, den Vortragssaal, die Bücherausgabe und den Arbeitsraum der Abwärte. Sein Licht empfängt der Lesesaal durch ein Glasoberlicht, das durch einen elektrisch betriebenen Vorhang gegen das direkte Sonnenlicht und durch eine Heizanlage im Hohlraum zwischen dem horizontalen Oberlicht und dem Glasdach gegen Verdunklung durch Schnee geschützt ist. Ein seitliches Fenster dient hauptsächlich Lüftungszwecken. Auch die übrigen Räume dieses Bauteils sind durch Oberlicht beleuchtet. Der Lesessaal ist unterkellert zur Aufnahme der Zentralheizungs- und Lüftungsanlagen und des Kohlenraumes.

Die Konstruktion des Neubaues ist in allen Teilen, einschließlich das Dach, feuersicher durchgeführt worden. Die Büchergestelle sind von Eisen hergestellt. Die künstliche Beleuchtung geschieht durch Elektrizität, die Beheizung im Verwaltungsbau und Lesesaal durch Warmwasser und in den Bücherräumen durch Dampf. Für den großen Lesesaal und den Zeitschriftenlesesaal wurde eine mechanische Lüftungsanlage mit der Möglichkeit der Luftbefeuchtung erstellt." (Anonym 1917)

Amerika-Gedenkbibliothek (Berlin, Deutschland)

Die Amerika-Gedenkbibliothek ist wohl die – zumindest in Deutsch – am intensivsten beschriebene Bibliothek. Der Hauptgrund ist offenbar, dass diese Bibliothek explizit als politische Einrichtung gegründet wurde. Die Bibliothek sollte ein Symbol des freien Berlin gegenüber der Sowjetischen Besatzungszone darstellen. Sie stand, wie in mehreren frühen Texten betont wird, explizit in Sichtachse der Friedrichstraße. Die Bibliothek wird in diesen Texten auch als Ausgangspunkt der Freihandbibliotheken in Deutschland bezeichnet, sie sollte, so die Gründergeneration, eine Verbindung zwischen dem demokratischen Deutschland und US-amerikanischer Kultur darstellen. (Conant 1954, Moser 1964, Anonym 1989) Im Laufe der Jahre verschwand – einhergehend mit den politischen Änderungen – diese Gründungsüberlegung aus den Texten zur Amerika-Gedenkbibliothek. Nach der politischen Wende wurde die Bibliothek mit der Berliner Stadtbibliothek (Berlin Ost) zur Zentralen Landesbibliothek Berlin (ZLB) vereinigt. Seitdem bemüht sich die Leitung der ZLB um einen Neubau. (Lux 2011) Ein solcher Neubau würde, falls er jemals umgesetzt wird, eventuell das Ende der Amerika-Gedenkbibliothek – und der Berliner Stadtbibliothek – bedeuten. Dies würde immerhin für die Bibliotheksgeschichte die Möglichkeit eröffnen, die Geschichte einer mit Symbolik beladenen Einrichtung von Anfang bis Ende zu untersuchen. Aktuell ist ein solches Ende, trotz abgeschlossenem Architekturwettbewerb, nicht in Sicht.

“Für die Ausarbeitung der Entwürfe waren drei Monate Frist gesetzt. 538 Wettbewerbsunterlagen wurden angefordert und 194 Lösungen der Jury eingereicht. 80% der Arbeiten erfüllten den Leistungsumfang, jedoch nur 10 % vermochten das Raumprogramm einzuhalten. Besondere Schwierigkeiten bereitete offenbar das Nebeneinander der betrieblichen Raumfunktion. Die Entwürfe, die in dieser Beziehung noch am meisten befriedigten, suchten die Lösung in vielen ausgedehnten Oberlichträumen, die jedoch lange Wege und manche Störungen durch Reparaturen, Säuberungen usw. befürchten ließen.

Der Schwierigkeit und Bedeutung der Aufgabe trug die Zusammensetzung des Preisgerichts Rechnung, das nicht nur aus Berliner Experten des Bau- und Bibliothekswesens und den Vertretern der Fachverwaltung bestand […], sondern auch namhafte westdeutsche Fachleute hinzuzog und durch die Entsendung zweier Amerikaner unterstützt wurde. Nach viertägigen Beratungen entschied das Preisgericht, einen 1. Preis, der nur einer überragenden eindeutigen Lösung zuerkannt werden konnte, nicht zu verteilen, sondern zwei Preisgruppen zu bilden und zwei gleichwertige Arbeiten in die erste und vier weiter in die zweite Gruppe einzustufen […]. Außerdem wurden 10 bemerkenswerte Entwürfe angekauft." (Moser 1964, S. 16f.)

“Mit der Errichtung derAmerika-Gedenkbibliothekim Sinne einerBerliner Zentralbibliothekwurde eine der fühlbarsten Lücken im organischen Aufbau des Berliner Bibliothekswesens geschlossen. Das neu geschaffene Institut stellt die Brücke dar zwischen dem Unterbau der in den Bezirken mit Bildungsaufgaben betrauten städtischen Büchereien und den mannigfaltigen Bibliothekseinrichtungen, die durch ihre Bindungen an einen enger oder weiter gezogenen Kreis wissenschaftlicher Forschung und Lehre im Speziellen gekennzeichnet sind. Wie jene in der Erfüllung nachbarschaftlicher Hilfeleistung ihre vornehmste Aufgabe sehen müssen, so ist diesen aus den Ansprüchen des jeweiligen Studienplatzes notwendig Ziel und Grenze gesteckt. Beide, für sich sehr verschiedene Formen und Absichten der Buchvermittlung, können ein großstädtisches Gemeinwesen schlechterdings nicht von der Notwendigkeit entbinden, den Wünschen und Interessen aller Bevölkerungsschichten, gleich welcher Bildungsstufe, in einem Zentrum der geistigen Berührung eine weitgespannte Grundlage der wissenschaftlichen Unterrichtung und Weiterbildung zu bieten.

Daß diese Forderung einem echt demokratischen Antrieb entspringt, geht schon aus der Geschichte hervor; denn etwa im gleichen Verhältnis, wie in den modernen Kulturstaaten die souveräne Verantwortung auf das Volk selbst überging, hat auch der verpflichtende Gedanke zur Einrichtung und Unterhaltung solcher Bildungszentren Gestalt angenommen. Eine wichtige, oftmals entscheidende Rolle spielten hierbei die aus privater Initiative geborenen Bestrebungen zur Verbesserung und Verbreitung der Volksbildung, die die Schaffung von Büchereien als eines der unentbehrlichen Mittel zur Erreichung dieses Zieles erkannten." (Moser 1954, ohne Seite)

Eines der wichtigsten Merkmale der Bibliothek ist darin zu erblicken, daß alle öffentlichen Benutzerräume (mit Ausnahme der Spezialsammlungen) zu ebener Erde liegen. Der Besucher betritt von Norden die durch eine hohe Fensterfront erleuchtete Eingangshalle, an deren rechter Giebelwand ein Ausspruch von Thomas Jefferson das Geleit gibt, während linker Hand sich der Zugang zu dem Auditorium öffnet. Neben der Kleiderablage führen Ganzglastüren in einen zweiten Vorraum, der rechts von den Tischen für die Rücknahme der entliehenen Bücher und die Leseranmeldung begrenzt wird. Die zurückgegebenen Bücher werden in dem dahinter gelegenen Raum auf Vorbestellungen und Beschädigungen durchgesehen und zur Rückbeförderung in die Freihand- und Magazinabteilung vorsortiert. In der Leserannahmestelle werden nur solche Benutzer registriert, die Bücher auszuleihen wünschen. Die Benutzung des Lesesaales dagegen ist an keine Formalitäten gebunden. Auf der linken Seite befindet sich die Ausfertigungsstelle, die nach mechanischem Verfahren die Buchung der von dem Leser zur Ausleihe vorgelegten Bände vornimmt. Hier werden ebenfalls die vorbestellten Bücher ausgegeben. (Moser 1954, ohne Seite)

Der damalige Leiter der Bibliothek der ETH Zürich, Paul Scherrer, war zur Eröffnung der Amerika-Gedenkbibliothek nach Berlin geladen. Er nahm daran teil. Die auf dieser Reise zusammengetragenen Dokumente (Presseaussendungen, Einladungen zu Diners, Photographien, Broschüren) vermachte er der eigenen Bibliothek, in der sie auch heute zu finden sind und ein interessantes historisches Dokument darstellen. Innerhalb dieses Konvoluts findet sich auch die Rede des damaligen US-amerikanischen Hochkommisars James B. Conant, welcher sehr eindeutig die politische Aufgabe der Amerika-Gedenkbibliothek darstellte:

“Wir alle wissen, dass wir unsere Aufmerksamkeit nicht zu ausschliesslich auf materielle Dinge richten duerfen, und dass der Fortbestand Berlins als Vorposten der freien Welt nicht allein durch eine gesunde Wirtschaft, sondern vor allem auch durch ein bluehendes kulturelles Leben gesichert wird. Wir alle sehen mit Zuversicht dem Tage entgegen, an dem Berlin als Hauptstadt eines in Frieden und Freiheit wiedervereinigten Deutschlands seinen gebuehrenden Platz einnehmen wird. Bis zu diesem Tage bleibt es die Aufgabe der freien Welt, insbesondere der Bundesrepublik und der drei hier anwesenden Schutzmaechte, alles zu tun, um Berlin, ein Symbol der Freiheit, zu staerken und zu unterstuetzen, und zwar nicht nur auf wirtschaftlichem und militaerischem, sondern auch auf geistigem Gebiet.

Gerade diese Bibliothek, die so dicht an der Sektorengrenze liegt, unterstreicht, wie wichtig in dieser Zeit voller Schwierigkeiten und Spannungen, wie wichtig in dieser geteilten Welt die Besinnung auf die grossen kulturellen Werte unserer freien abendlaendischen Kultur ist. Diese Bibliothek soll die Bedeutung Berlins als eines der grossen geistigen Widerstandszentren gegen die Unfreiheit dokumentieren. Sie soll gleichzeitig anknuepfen an das grosse kulturelle Erbe dieser Stadt, die schon seit Jahrhunderten solch hervorragende Rolle im geistigen Leben Deutschlands gespielt hat." (Conant 1954, ohne Seite)

“Den Vereinigten Staaten ging es ueberhaupt nicht darum, sich selbst ein Denkmal in Berlin zu setzen, einen riesigen Adler etwa – das Wappentier der U.S.A. – oder ein anderes Kolossalmonument. Was uns vorschwebte, war eine Erinnerungsstaette fuer spaetere Generationen an die Zeit, da das Wohl dieser Stadt ein Anliegen aller Nationen der Freien Welt war, an die Zeit, in der Amerikaner mit den tapferen Berlinern zusammenarbeiten und kaempfen durften, um den Wuergering der Unfreiheit um diese Stadt zu sprengen. Wir wollten etwas von bleibendem Wert schaffen, nicht so sehr im materiellen Sinne, sondern zum Gedenken an den Geist dieser Stadt in den Tagen schwerster Krise. Ein deutsch-amerikanischer Ausschuss wurde eingesetzt, dem Vertreter der Stadtverwaltung, der Industrie, der Gewerkschaften und des Erziehungswesens angehoerten, um ueber die zweckmaessigeste Verwendung dieses Geldes zu entscheiden. Ich freue mich besonders, dass ihre Wahl auf eine Bibliothek fiel.

Die unnatuerliche Teilung dieser Stadt bewirkte, dass den Berlinern keine ausreichende Zahl von Bibliotheken zur Verfügung stand. Gewiss hat der Osten auch Bibliotheken, aber jedermann weiss, dass dort dem Leser nur eine begrenzte, auf ein einziges totalitaeres System ausgerichtete geistige Kost vorgesetzt wird.

Zwischen den kommunistischen Bibliotheken und denen des freien Westens besteht der gleiche Gegensatz wie zwischen einer Kultur, die auf dem totalitaeren Autoritaetsprinzip beruht, und einer Kultur, die auf dem Freiheitsprinzip aufgebaut ist.

Solange die Ost-West-Spannung besteht, solange die Welt geteilt ist, nicht nur in den politischen und wirtschaftlichen, sondern vor allen Dingen auch in den kulturellen Bereichen, wird diese in Sichtweite des unfreien Ostens gelegene Bibliothek ein Symbol fuer die Ueberlegenheit der Freiheit des Denkens ueber den Geist der Unfreiheit sein." (Conant 1954, ohne Seite)

Gewisse unverkennbare Mängel – etwa die Lückenhaftigkeit des Gebotenen infolge des Absenz des Ausgeliehenen, Erschwerungen technischer Art durch das Verstellen der Bände, eine größere Abnutzung – sind nicht zu bestreiten. Beim Abwägen der Vor- und Nachteile fallen letztere jedoch um so weniger ins Gewicht, je höher der öffentliche, allgemeinverbindliche Charakter und die gemischte, vielschichtige Struktur der Leserschaft veranschlagt wird. Die Unvollkommenheiten der Freihand in einem so groß gespannten Rahmen können sich freilich nur dann in ihr positives Gegenteil verwandeln, wenn zugleich ein Katalogwerk vorhanden ist, das über den gesamten Fundus erschöpfend Aufschluß gibt. (Moser 1964, S. 32)

“Der erste Öffnungstag, ein Montag, übertraf die kühnsten Mutmaßungen. Mehrmals mußte die Polizei die Pforten schließen, da es drinnen – am Anmeldepult und zwischen den Freihandregalen –‚ wie in einem Warenhaus beim Sommerschlußverkauf wogte und wimmelte. Einige Pessimisten zogen daraus sofort ihre Schlüsse und äußerten die Befürchtung, dieser unruhige Ort würde niemals zu einer ‚Heimstätte des Geistes‛ werden.

Bereits am ersten Tage wurden 2850 Bücher ausgeliehen. Zweifellos speiste sich das gestaute Interesse zu einem beträchtlichen Prozentsatz aus bloßer Neugier, und der Anteil der ‚Volksbüchereileser‛ war anfänglich besonders hoch. Aber war das ein Wunder, wenn man bedenkt, daß der Heimatbezirk Kreuzberg mit vier Büchereien und einem Bestand von insgesamt rd. 48000 vielfach veralteten Bänden noch ganz unzureichend versorgt war, während die AGB einen höchst attraktiven, überwiegend neuen Bestand anbot?" (Moser 1964, S. 39)

“Zur Zeit ihrer Eröffnung im Jahre 1954 war die Amerika-Gedenkbibliothek die mit Abstand modernste Bibliothek in der Bundesrepublik Deutschland. Dies lag daran, daß hier zum ersten Mal nach dem Kriege ein großes neues Bibliotheksgebäude für eine öffentliche Bibliothek nach angloamerikanischem Vorbild als Public Library errichtet werden konnte.

Wesentliche Neuheit war das Angebot von rund 90.000 Bänden im Freihandbereich. So war es primär die neue Konzeption, die diese Bibliothek zum Vorbild für alle anderen Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland machte, wobei sich dies auch im Gebäude widerspiegelte." (Anonym 1989, S. 9)

Haus des Buches, Wiener Städtische Büchereien (Wien, Österreich). Jetzt: Musikschule Wien

Die städtebauliche Absicht der Architekten war die Erreichung einer Auflockerung im eng verbauten VIII. Gemeindebezirk. Deshalb wurde das Studentenheim als optischer Abschluss in einen 33 m hohen, leicht gekurvten Hochhausteil zusammengefasst und davor das nur zweigeschossige Haus des Buches in Form eines abgestumpften Dreieckes um einen sechseckigen Innenhof herum angeordnet. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 134)

Der Bücherei fehlt ein größerer zusammenhängender Lesebereich (insbesondere im Winter, wenn das Atrium nicht verwendbar ist). Es wäre daher zu überlegen, diesen Innenhof mit einem Glasdach zu versehen und zu schließen. Auch der Bereich der Anmeldung, Information, Bücherausgabe und Ausleihe erscheint zu karg bemessen und sollte etwas abgeschlossener sein, um den darin arbeitenden Personen mehr Ruhe und Konzentrationsmöglichkeit bieten zu können. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 134)

Universitätsbibliothek Stuttgart (Stuttgart, Deutschland)

In seiner Eröffnungsrede lobte Bibliotheksdirektor Manfred Koschlig den bauleitenden Architekten Klaus-Jürgen Zabel, er habe sich in die Denk- und Vorstellungswelt der Bibliothekare eingedacht, weshalb die Funktionsabläufe einer Bibliothek von der Akquise bis zur Ausleihe optimiert sind. Freilich mussten auf beiden Seiten Kompromisse eingegangen werden. Knackpunkte in Stuttgart sind die großzügige Durchfensterung und vor allem die Südausrichtungen des Hauptlesesaals, die vom Wunsch nach dem Bezug vom Inneren ins Grün das Stadtgartens getragen waren und auf der negativen Seite eine zu hohe Sonneneinstrahlung verursachten. Der Kompromiss bestand aus einer Reihe von Sonnenschutzmaßnahmen: An der Ost- und Westseite wurden Aluminium-Rollstores angebracht, die außen vor den Scheiben laufen und über je einen Elektromotor angetrieben werden sind. Die Südseite erhielt im oberen Drittel der Fenster angebrachte feste Aluminiumroste, die fast drei Meter waagrecht auskragen, und hier das Tempelmotiv empfindlich stören. (Philipp 2011, S. 141)

“Die progressive Haltung, die zum Entwurf dieses Hauses führt, wird in der Offenheit der Bibliothek architektonisch erlebbar. Der Weg zu den Büchern verläuft über das großzügig angelegte Eingangsfoyer und die breite Treppe hinauf in das erste Obergeschoss. Die weiteren internen Wege und Platzsituationen sind so gegliedert, dass sich die Nutzer jederzeit orientieren können und sich an den verschiedenen Abteilungen entlang bewegen. Die Leseplätze erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse an das räumliche Befinden: kleine Lesegruppen, Einzelarbeitsplätze oder weitläufige Lesebereiche im zweigeschossigen, offen Raum. Eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Qualitäten trägt den individuellen Bedürfnissen im Lern- und Leseprozess Rechnung. Erst in den letzten Jahren, durch die neuen Anforderungen im Bibliothekswesen werden Veränderungen notwendig.

Das Leitsystem in Form von Schriften und Beschilderungen entwickelte Maximilian Debus. Er formulierte für sich den Anspruch, so nah wie möglich an den Ursprung der Schrift zu gelangen. Wo mancher die Schrift oder Beschriftung am Bau als untergeordnetes Detail eingeordnet hätte, geschah hier an der Quelle der Schrift, einer Bibliothek, genau das Gegenteil." (Huster-Braumann 2011, S. 145f.)

“Zwei grundsätzliche Aspekte sind Debus bei der Entwicklung der Schrift wichtig: Die geometrische Vereinfachung auf die reine gestalterische Form, als auch die Fusion von Groß- und Kleinbuchstaben.

Die Rhytmisierung der einzelnen Elemente durch dichte Fügung oder weiten Abstand ergibt die Zuordnung vom alleinstehenden Buchstaben zum bekannten Wort." (Huster-Braumann 2011, S. 148)

Universitätsbibliothek Wien, Hauptbibliothek (Wien, Österreich)

Der Wiederaufbau Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Universitätsbibliothek vor die Notwendigkeit, die verlagerten Bestände wieder zurückzuführen und neue Wege zu finden, der gesteigerten Hörer- und Benützerzahl gerecht zu werden. Nachdem das Projekt einer neuen Universitätsbibliothek auf dem Areal des ehemaligen Stadtkommandogebäudes (jetzt des neuen Institutsgebäudes) nicht verwirklicht werden konnte […], musste nun eine durchgreifende Erneuerung und Erweiterung – soweit dies im Rahmen des bestehenden Gebäudes möglich war – erfolgen. Um die Stellraumsituation (Jahreszuwachs etwa 25.000 Bücher) zu erleichtern, musste der Speicherraum wesentlich erweitert, ferner die Vorzone der Bibliothek räumlich übersichtlicher gestaltet, entsprechend Raum für Auskunftsdienst, Kopierstelle, sonstige Serviceeinrichtungen und vor allem für einen zusätzlichen Lesesaal und einen neuen Zeitschriften- und Zeitungslesesaal gewonnen werden. Als Kern der Anlage blieb der Hauptlesesaal bestehen, doch wurde der Boden um 2 m gehoben, um Verwaltungs- und Magazinsraum zu gewinnen. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 64)

Die Benützerzahlen der Bibliothek stiegen sprunghaft an, sodaß es nicht mehr möglich war, für die personell aufwendige Garderobe (sechs Personen pro Tag) Bibliotheksbedienstete bereitzustellen. […] Daher mußte man sich zur Neuplanung der Garderobe entschließen. […] Der hiefür [sic!] einzig geeignete Ort war, sowohl raum- als auch funktionsgemäß, das Büchermagazin unter dem Hauptlesesaal. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 68)

Universitätsbibliothek der Technischen Universität Wien (Wien, Österreich)

“In den letzten Jahrzehnten wurden auf dem Gebiet des Bibliothekswesens große Anstrengungen unternommen, um die Bibliotheken zu modernen Dienstleistungsbetrieben im Rahmen eines leistungsfähigen, wissenschaftlichen Informationswesens auszugestalten. Der Einsatz moderner Techniken und Methoden und eine enge Zusammenarbeit aller Bibliotheken sind das geeignete Mittel, um der Literaturflut und der Bildungsexplosion Herr zu werden. Die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Wien ist daher auch mit allen modernen Geräten und Einrichtungen ausgestattet, die einen rationellen Bibliotheksbetrieb möglich machen. In Kürze wird die Bibliotheksverwaltung und -benützung mit Hilfe der elektronischen Datenverwaltung erfolgen.

Die neue Bibliothek ist also für die Zukunft gerüstet und wird imstande sein, wissenschaftliches Arbeiten in hohem Maß zu unterstützen." (Tuppy 1988, S. 11)

Dieser schon äußerst dringlich gewordene Bibliotheksneubau der Technischen Universität Wien ist ein städtebaulich wichtiger Beitrag zur Schließung dieser Ecke am Karlsplatz, in dessen Ensemble er sich einzufügen hat. Gleichzeitig soll er den formalen, technischen und funktionellen Bedürfnissen unserer Zeit entsprechen. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 99)

Fakultätsbibliothek für Rechtswissenschaften an der Universität Wien Juridicum (Wien, Österreich)

“Zur räumlichen Entlastung des Hauptgebäudes der Universität Wien wurde im Jahre 1970 ein neues Gebäude für die Fakultät für Rechtswissenschaften geplant und im Jahre 1974 mit dem Bau begonnen. […]

Diese Aufgabe war infolge der verhältnismäßig geringen zur Verfügung stehenden verbaubaren Fläche (2630 m²), der beengten Platzverhältnisse ‒ das Areal ist allseitig von Straßen mit Gebäuden aus der Gründerzeit umgeben ‒ sowie in Folge des umfangreichen Raumprogrammes, der Höhenbeschränkung in der Verbauung und der baupolizeilichen Vorschriften ziemlich schwierig." (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 74)

Auch die Lage, Anordnung und Funktion des gesamten Bibliotheksbereiches ist durchaus ungewöhnlich. Die Planung erfolgte nach eingehenden Studien zahlreicher Bibliotheken in Europa und Amerika durch den Architekten zusammen mit dem Baubeauftragten der Fakultät, Univ.-Prof. Dr. Günther Winkler, und entwickelte sich aus den besonderen Erfordernissen, nach den Vorstellungen der Fakultät für Rechtswissenschaften; bibliothekarische Fachleute wurden erst in einem ganz späten Stadium beigezogen und konnten nur mehr auf einige Details der Bauplanung sowie auf die Einrichtung Einfluss nehmen. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 74)

Das gesamte Erdgeschoss füllt (mit Ausnahme der beiden Stiegenhallen samt je drei Aufzügen und den Toiletteanlagen [sic!]) eine einzige große, ringsum verglaste Halle mit einer Sitzlandschaft, Liftfaßsäulen, Münzkopiergeräten und einer Rampe für die Behinderten, die in das darüberliegende, galerieartige Zwischengeschoß mit seiner Buffetzone und einer Reihe von Esstischen, mit Blick in die große Halle, führt. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 75)

Die Anordnung stellt eine Lösung dar, die sich erst wird bewähren müssen. Die Verteilung der Bücher auf fünf Geschosse (abgesehen vom Magazin im zweiten Untergeschoß) ruft eine gewisse räumliche Zersplitterung hervor, ermöglicht jedoch eine fachspezifische Zuteilung zu den einzelnen Instituten. (Jaksch, Fischer & Kroller 1986, S. 76)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin, Deutschland)

Im Januar und Februar 1974 konnte der Neubau auf dem vom Land Berlin der Max-Planck-Gesellschaft überlassenen Gelände am Breitenbachplatz in Berlin bezogen werden. Er gilt als einer der phantasievollsten Bauten der Berliner Nachkriegszeit und hat sich mit seinem Konzept ‚von innen nach außen bauen‛ in den mehr als 6 Jahren seiner Benutzung auch praktisch bewährt. In seiner Eingangshalle, die durch die besondere Führung verschiedener Treppen und durch überraschend gute Akustik dazu einlädt, finden zeitweilig auch Konzerte und Ausstellungen von Bildern und Plastiken junger Künstler statt (Fuhltrott, Liebers & Philipp 1983, S. 10)

Die Dokumentationsräume liegen mit dem übrigen Institut durch die Eingangshalle verbunden in einem etwa sechseckigen Bauteil, der einen kleinen, offenen, vorwiegend mit Schilfgewächsen bepflanzten Innenhof einschließt. Dieser Innenhof wird ca [sic!] zur Hälfte umgeben von dem 36 Plätze umfassenden Lesesaal, in dem zur Zeit die laufenden Jahrgänge von 724 größtenteils ausländischen Zeitschriften in Wandschränken ausliegen. Er wird erleuchtet durch die Glasfronten zum Innenhof und durch runde Deckenfenster, die das Licht auf die Zeitschriftenauslage lenken. Die Lesetische sind radial zum Innenhof angeordnet und tragen in einer Sichtschutzwand verdeckte Neonröhren. Ein Kopier-Gerät bietet in einem kleinen Nebenraum die Möglichkeit der Fotokopie. (Fuhltrott, Liebers & Philipp 1983, S. 10)

Bezirksbibliothek Köpenick (Berlin, Deutschland)

Bei der Bezirksbibliothek Köpenick (heute Treptow-Köpenick, Berlin) liegt der interessante Fall vor, dass die Planungen eines Gebäudes erhalten sind, welches durch das heutige Gebäude fast vollständig ersetzt wurde. Nicht nur die politische Situation – die Bezirksbibliothek Köpenick wurde in der DDR geplant und gebaut –, sondern auch die baulichen Möglichkeiten und Anforderungen haben sich radikal geändert.

“Die Stadtbezirksbibliothek Berlin-Köpenick ist als Freihandbibliothek mit einem kleinen Magazinbestand angelegt.

Die Vorgabe, Altbauten auf zwei Seiten des Schüßlerplatzes ganz oder teilweise einer neuen Nutzung zuzuführen, den Neubauanteil möglichst gering zu halten, bedingt die räumliche Trennung einiger Funktionsbereiche der Bibliothek.

Sie führt auch dazu, die nutzungsneutrale Zone auf ein Mindestmaß, die Erwachsenenbibliothek, zu beschränken und die Verteilung der übrigen Raumgruppen nach ihrer Einordnungsfähigkeit in die vorhandenen Baustrukturen und deren Deckenbelastbarkeit vorzunehmen. Dabei gilt es, den Gesamtorganismus der Bibliothek möglichst nicht bzw. nur gering zu beeinträchtigen.

An der Nordseite des Schüßlerplatzes, der Rosenstraße, liegen die Erwachsenenbibliothek, die Kinderbibliothek, ein Lesecafe, die Hausmeisterwohnung, ein Gästeappartement und die Arbeitsräume des Hausgrafikers. An der Südseite, der Jägerstaße, befinden sich die Phonothek, die Artothek, die Diathek, der Vortragssaal und Verwaltungsräume sowie eine kleine Hausbuchbinderei […].

Von der Eingangshalle Rosenstraße 19 […] mit Kleiderablage und Besucher-WC, im Bedarfsfall können die WCs der oberen Geschosse mitbenutzt werden, gelangt der Leser sowohl über ein paar Stufen hinauf zur Leihstelle als auch über wenige Stufen hinab in das Leseespresso für die Tages- und Wochenpresse. Das Selbstbedienungslesecafe ist morgens, bevor die Bibliothek für Leser geöffnet ist, der Frühstücksraum der Mitarbeiter. Die Inseltheke für Ausleihverbuchung, Bücherausgabe und -rücknahme, Anmeldung und Auskunft bildet zugleich die Speere. In ihrem Blickfeld befindet sich der Sondereingang für Rollstuhlfahrer, die auf dieser Ebene ihre Buchwünsche selbst erfüllen können oder sonst von Bibliotheksmitarbeitern bedient werden.

Das Thekenrund trennt die Zugänge zur Kinder- und zur Erwachsenenbibliothek. Die Ausleihverbuchung geschieht mittels Handleser für Zeichenerkennung (“Lesepistolen) [sic!, keine abschliessenden Zeichen], die mit zwei Kleincomputern verbunden sich. Die Belege werden von einem Mosaikdrucker ausgefertigt.

Ein Kleinlastenaufzug verbindet die Leihstelle mit dem Kellermagazin und dem Rücksortierraum mit Xerografiestelle im Obergeschoß.

Die drei Ebenen der Kinderbibliothek bieten den Bestand altersstufengemäß dar. Die gläserne Fassade öffnet sich zum Garten, der für Lesungen, Spiele und dgl. benutzt werden kann. Übrigens können sich die jungen Leser in Thekennähe die Hände waschen. Das Eingangsgeschoß der Erwachsenenbibliothek hält Zeitschriften und den Informationsbestand bereit. Im Obergeschoß werden Kataloge, Information, Belletristik und der Sachbuchbestand plaziert. Ihnen ist die Vervielfältigungsstelle zugestellt. In diesem nutzungsneutralen Großraum kann die Aufstellungsform leicht verändert werden. Er genügt Flexibilitätsansprüchen.

Die Obergeschosse des Hauses Rosenstraße 19 nehmen die Abteilung Literaturpropaganda, die Leitung der Hauptbibliothek und der Frauenruheraum ein; das Untergeschoß den Hausanschluß und die selbsttätige Telefonzentrale auf. Das Obergeschoß des Hauses Rosenstraße 17 beherbergt die Dreiraumwohnung des Hausmeisters und ein Gästeappartement.

Auf der Platzseite gegenüber befinden sich im Erdgeschoß des Hauses Jägerstraße 1 - 2 Phonothek […], Artothek und Diathek in einem Raum. In die Verbuchungstheke ist ein zentraler Abspieltisch eingebaut. Musikliteratur und Schallplatten werden vorwiegend in Freihandaufstellung angeboten. Gepolsterte Sitzstufen gestatten ein entspanntes, bequemes Hören mit Blick auf den Hinterhof.

Die Bilder der Artothek sind in einem Schaudepot gespeichert. Die aufgeblockten Reproduktionen werden an den Drahtgittern herausziehbarer, raumhoher Stahlrahmen befestigt.

Der Vortragssaal im zweiten Obergeschoß […] ist mit einer Studioanlage ausgestattet. Die übrigen Räume beider Obergeschosse sind hauptsächlich für die Direktion, die allgemeine Verwaltung und das Lehrkabinett bestimmt. Teeküche und sanitäre Anlagen bilden notwendige Ergänzungen.

Die Heizungsanlage, sie wird wahrscheinlich später zu einer Umformerstation der Fernwärmeversorgung umgerüstet, liegt wegen der erforderlichen Schornsteinhöhe im Haus Jägerstraße 1 - 2. Der hohe Grundwasserspiegel verbietet einen unterirdischen Kohlenbunker. Der geringe Abstand zwischen Vorderhaus und Hintergebäude Kietzer Straße 7 verhindert die Durchfahrt von Lastkraftwagen zum Innenhof dieses Hauses. Daher muß das Brennstofflager vom Schüßlerplatz aus ebenerdig beschickt werden. Kleine Belieferungsfahrzeug vom Typ Multicar können hineinfahren. Größere rollen an das Gebäude heran und kippen die Briketts in den Bunker, der durch ein Rolltor verschlossen wird. Die Aschekübel gelangen über einen Ascheaufzug auf den Innenhof und werden in einem Ascheraum des Hinterhauses Kietzer Straße 7 zwischengelagert. Dieser Raum nimmt auch die Mülltonnen der Wohnungen der Gebäude Jägerstraße 3 - 3a und Kietzer Straße 7 auf.

Im Eingangsgeschoß des Hauses Jägerstraße 3 - 3a […] arbeiten die Erwerbungs- und Katalogisierungsabteilung, sie verfügt über einen Dienstkatalog, und benachbart, die Hausbuchbinderei. Den Geschäftsgang durchlaufen auch die Neuerwerbungen für die Zweigstellen." (Prohl 1985, S. 16ff.)

Bibliothek Spiez (Spiez, Schweiz)

Der Bibliotheks-Pavillon

Im Kanton Bern ist es eine der ersten freistehenden Bibliotheken: Ein Leichtbaupavillon im Elementbau. Er steht im ehemaligen Schulgarten zwischen Sekundarschulhaus und Gemeindehaus. Ungefähre Kosten: Gebäude Fr. 205000.-, Inneneinrichtungen Fr. 65000.-. Während das Gebäude von aussen mit seinen Eternitwänden eher etwas kahl aussieht, ist es dank der Hilfe von Innenarchitekt Max Kräuchi gelungen, im Innern einen sympathisch wirkenden Raum zu schaffen. Auf die Kinder wirken die Sitzstufen sehr anziehend, die Erwachsenen setzten sich gerne in die Fauteuils, um in einem Buch zu schmökern." (Schweizer Bibliotheksdienst 1980, ohne Seite)

Ein bisschen Stolz

Nach so langer Wartezeit [1967 Gründung der Freihandbibliothek durch Zusammenschluss von Gemeinnütziger Gesellschaft Spiez und Arbeiterbildungsausschuss – 1980 Eröffnung des Pavillons] ist es begreiflich, dass wir heimlich doch ein bisschen stolz sind auf unsere Bibliothek; hat sich doch das hässliche kleine Entelein zu einer schönen Ente – (noch nicht zu einem stolzen Schwan!) – durchgemausert. Das zeigt sich an verschiedenen Details:

  • Bibliothek Spiez

Wir nennen uns nicht mehr ‚Freihandbibliothek‛, sondern bloss noch ‚Bibliothek Spiez‛, gibt es doch nur eine solche, die den Namen wirklich verdient!

  • Signet

Wie jede bessere Firma haben wir (nach unbefriedigenden eigenen Veruschen) ein Signet durch Herrn Urs Gerber, Grafiker, Spiez, entwerfen lassen. Es schmückt Briefbogen, Briefumschläge, Zeitungsartikel, Plakate usw.

  • Buchzeichen

Das einfache Buchzeichen aus Umweltschutz-Halbkarton wurde zu einem Bestseller, sind doch die Benützer froh zu wissen, wann die Bibliothek geöffnet ist ‒ und wo sie beim Lesen verblieben sind." (Schweizer Bibliotheksdienst 1980, ohne Seite)

Gemeindebibliothek Münsingen, Kornhaus Bibliotheken Bern (Münsingen, Schweiz)

1971/72: Der grosse Durchbruch

Mit dem Bau des neuen Schulhauses Schlossmatte begann der grosse Durchbruch. Nun stand ein – wie uns damals schien – genügend grosser Bibliotheksraum zur Verfügung. Zudem stimmte der Gemeinderat einem Ausbauplan zu und bewilligte die Mittel für die Einrichtung einer modernen Freihandbibliothek, deren Trägerin nach wie vor die Bibliotheksgesellschaft Münsingen blieb. 1971 begann der Auszug aus dem alten Raum im Schulhaus Mittelweg, und am 28. Januar 1972 konnte die neue Freihandbibliothek eröffnet werden, fast auf den Tag genau 100 Jahre nach Gründung der Bibliotheksgesellschaft Münsingen!

Noch immer war unsere Bücherei eine reine Erwachsenenbibliothek. Ende Juni 1974 konnte dann eine Kinder- und Jugendabteilung angegliedert werden, die so regen Zuspruch fand, dass bei der Bücherausgabe ein Rationierungssystem eingeführt werden musste. Der 1975 auf 1500 Bände angewachsene Bestand an Jugendbüchern wurde jährlich zwölfmal umgesetzt. Die auf insgesamt 4500 Bände erweiterte Bücherei war organisations- und raummässig schon an die äusserste Grenze der Belastbarkeit gelangt.

Inzwischen war aber im Kanton Bern einiges geschehen: Die kantonalen Behörden setzten sich tatkräftig für die Förderung von Gemeindebibliotheken ein, und der Gedanke, dass eine leistungsfähige Bibliothek unabdingbar zur Infrastruktur einer lebendigen Gemeinde gehört, begann sich allgemein durchzusetzen.

1975: Das Angebot der Kirchgemeinde

Im Oktober 1975 bot die Kirchgemeinde der Bibliothek Gastrecht im heute (August/September 1978) eröffneten grosszügig ausgebauten und architektonisch reizvollen Dachgeschoss des neuen Kirchgemeindehauses an.

1976: Die politische Gemeinde beschliesst

An der Gemeindeversammlung vom 28. Juni 1976 bewilligten die Stimmbürger – ohne Gegenstimme! – einen Kredit von 200000 Franken [Anmerkung: Kredit bedeutet in der schweizerischen Politik einen nicht zurückzuzahlenden Etat] für die Errichtung einer neuen Volks- und Jugendbibliothek, deren Trägerorganisation nach wie vor die altehrwürdige Bibliotheksgesellschaft Münsingen bleiben wird, in deren Vorstand Vertreter von Kirchgemeinde und Einwohnergemeinde Einsitz nahmen.

So ist ein schönes Gemeinschaftswerk entstanden, ganz im Sinne der wackeren Pfarrherren Molz und Ziegler, die vor mehr als hundert Jahren wohl wussten, dass eine Gemeindebibliothek mehr zu sein hat als ein totes Büchermagazin, nämlich ein Ort der Begegnung!" (Gafner 1983, Ohne Seite)

Literatur

Allenspach, Christoph ; Schibig, Marco (2001) / Die Schweizerische Landesbibliothek in Bern : Renovation und Erweiterung 1994-2001. Baden : Verlag Lars Müller

Anonym (1917) / Neubau der Zentralbibliothek Zürich : 30. April 1917. Zürich : Aschmann & Scheller, [1917]

Anonym (1931) / Die Schweizerische Landesbibliothek in Bern : Einweihung am 31. Oktober 1931 (1931). Zürich : Gebr. Fretz A.G., [1931]

Anonym (1989) / Die Geschichte der Amerika-Gedenkbibliothek. In: Feireiss, Kristin (Hrsg.): 14x Amerika-Gedenkbibliothek : Architekten aus den Vereinigten Staaten planen für Berlin ; Architects from the United States planning for Berlin. Berlin : Wilhelm Ernst & Sohn, 1989, S. 8-9

Corthésy, Bruno (2008) / Das Palais de Rumine in Lausanne (Schweizerischer Kunstführer GSK). Bern: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, 2008

Denisjew, W.N. (1954) / Die Arbeit der Massenbibliothek. In: ders.: Die sowjetische Massenbibliothek : Zwei Beiträge. Leipzig : Verlag für Buch- und Bibliothekswesen, 1954, S. 7-198

Drozd, Kurt Wolfgang Drozd (1978) / Funktionsbeschreibung des Neubaus aus bibliothekarischer Sicht. In: Vesper, Ekkehart (Hrsg.): Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz : Festgabe zur Eröffnung des Neubaus in Berlin. Wiesbaden : Reichert, 1978, S. 179-191

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Karsten Schuldt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaften, HTW Chur; Redaktion LIBREAS. Library Ideas. Promotion am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, HU Berlin. Publikationen unter anderem zu Schul- und Öffentlichen Bibliotheken.

Eliane Blumer, Assistante de recherche et d’enseignement an der Haute école de gestion in Genf. Forscht zu Benutzerfreundlichkeit von digitalen Bibliotheken und semantischen Suchmaschinen.

Leben und arbeiten in Lausanne, Chur, Genf und Berlin.