> > > LIBREAS. Library Ideas # 23

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Rezension zu: Catalogue 2.0 : the future of the libary catalogue / ed. by Sally Chambers. London: Facet Publ., 2013. XXVII, 212 S., graph. Darst. ISBN 978-1-85604-716-6


Zitiervorschlag
Petra Hauke, "Rezension zu: Catalogue 2.0 : the future of the libary catalogue / ed. by Sally Chambers. London: Facet Publ., 2013. XXVII, 212 S., graph. Darst. ISBN 978-1-85604-716-6". LIBREAS. Library Ideas, 23 ().


Während der Bibliothekskatalog bis vor noch nicht allzu langer Zeit den einzigen Schlüssel zu den Schätzen der Bibliothek darstellte, haben sich die Möglichkeiten in den letzten 25 Jahren drastisch verändert: vom Bandkatalog zum Beispiel bei der Britisch Library oder der Library of Congress über Zettelkataloge und Mikroformen bis hin zu den verschiedenen Entwicklungsstufen des OPAC, schließlich zu Recherche-Portalen, mobilen Bibliothekskatalogen und Linked-Open-Data-Initiativen. Neben dem Bibliothekskatalog haben auch die bibliographische Beschreibung von Publikationen, deren Manifestation als Daten und deren Abbildung in Formaten wie MARC21 eine Wandlung erfahren bzw. befinden sich mitten im Wandlungsprozess: AACR2 ebenso wie RAK werden abgelöst durch RDA. Die Ablösung von MARC21 wird mindestens seit 2002 gefordert. Und hinter allem stehen die FRBR als am ehesten den Nutzerbedürfnissen entsprechendes Modell – alles mit dem Ziel, nicht Katalogisate, sondern den Erfordernissen und Möglichkeiten der Zeit entsprechende Daten zu produzieren und vielfältig nutzbar zu machen, gebündelt in Initiativen wie der „Bibliographic Framework Transition Initiative” [Fn 1].

Die acht Beiträge des englischsprachigen Sammelbandes begegnen der vielfach zu hörenden Frage, ob „der” Bibliothekskatalog überhaupt noch eine Zukunft habe, aus unterschiedlicher Perspektive. Jeder Beitrag wird durch umfangreiche Literaturhinweise ergänzt.

Der erste Beitrag stammt von Anne Christensen, stellvertretende Leiterin und Dezernentin für Informationsdienste der Universitätsbibliothek Lüneburg. Sie war zuvor für das Projekt „beluga” [Fn 2] verantwortlich, einer konsequent zielgruppenorientierten Rechercheplattform der Wissenschaftlichen Bibliotheken Hamburgs, basierend auf der Open-Source-Lösung VuFind [Fn 3], von der unter anderem Informationen über Bücher und andere Medien automatisch in E-Learning-Umgebungen exportiert werden können. Folgerichtig stehen im Fokus ihres Beitrags „Next-generation catalogues: what do users think?” die tatsächlichen Nutzerwünsche, die es mit wissenschaftlichen Methoden der Nutzerforschung zu ermitteln gilt. Sie zielen gerade nicht auf die bekannten 2.0-Features, sog. „social” Features ab, denen die Nutzer eher zurückhaltend begegnen, sondern auf effizientere und komfortablere Recherchemöglichkeiten, gefördert durch Kataloganreicherungen, komfortable Präsentation der Suchergebnisse z.B. durch Ranking, Verlinkung mit außerhalb zur Verfügung stehenden bibliographischen oder Volltextdatenbanken etc.

Der zweite Beitrag von Till Kinstler, Verbundzentrale des GBV (VZG), Abt. Digitale Bibliothek, beschreibt aus technischer Perspektive die Unterschiede zwischen auf den Boole’schen Operatoren basierenden Suchstrategien traditioneller Bibliothekskataloge einerseits und den Funktionalitäten der auf Information-Retrieval-Systemen basierenden Suchmaschinen andererseits, wie sie zum Beispiel von der Deutschen Nationalbibliothek angewendet werden.

Marshall Breeding, Herausgeber u.a. der „Library Technology Guides” [Fn 4], gibt einen Überblick über europäische kommerzielle sowie Open-Source „Next Generation Discovery” Katalogisierungssoftware einschließlich des Nachweises, welche Bibliotheken mit welchen Systemen arbeiten.

Während sich die ersten Beiträge vorwiegend mit dem Retrieval beschäftigten, liegt der Schwerpunkt der folgenden Beiträge bei neuen Wegen in der Datenpräsentation. Lukas Koster und Driek Heesakkers beschäftigen sich am Beispiel der Universitätsbibliothek Amsterdam mit dem „Mobile library catalogue”, der als „App” speziell für kleine Displays wie Smartphones etc. entwickelt wurde. Sie bieten darüber hinaus eine Checkliste für die Entwicklung mobiler Bibliotheksdienste an.

Rosemarie Callewaert, unter anderem Expertin für die Entwicklung digitaler Bibliotheksplattformen für Öffentliche Bibliotheken in Belgien, zeigt, wie das theoretische Modell der FRBR – wiewohl bereits vor 15 Jahren entwickelt, jedoch noch kaum umgesetzt – beim Webportal der Flämischen Öffentlichen Bibliotheken [Fn 5] überzeugende Anwendung findet.

Mit ihrem Beitrag „Enabling your catalogue for the Semantic Web” bietet Emmanuelle Bermès, verantwortlich für die Multimedia Services am Pariser Centre Pompidou, neben einer Einführung in das Semantic Web und Linked-Data-Technologien auch praktische Hinweise zur Implementierung eines Linked-Data-Projektes, um die bibliographischen Daten in einem globalen „Web of Data” nutzbar zu machen.

Karen Calhoun, als frühere Vize-Präsidentin bei OCLC unter anderem für den WorldCat verantwortlich, fragt in ihrem Beitrag „Supporting digital scholarship: bibliographic control, library co-operatives and open access repositories”, ob ein „Catalogue 2.0” überhaupt noch ein Katalog im herkömmlichen Sinn ist. Sie fordert ein grundsätzliches Um- und Neudenken und enge Kooperation von Wissenschaft, Verlagen und Bibliotheken mit dem Ziel neuer, cloud-basierter Service-Strukturen.

Last but not least betrachtet Lorcan Dempsey, OCLC Vizepräsident und Chefstratege in ”Thirteen ways of looking at libraries, discovery and the catalogue: scale, workflow, attention” den OPAC der Zukunft im Kontext eines weltweiten Netzwerks. Während Nutzer in der Vergangenheit ihre Arbeitsabläufe rund um den klassischen Bibliothekskatalog organisierten, spielt dieser heute nur noch eine Teilrolle neben dem Web und den vielfachen digitalen Angeboten. Dieser Herausforderung müssen Bibliotheken sich stellen, indem sie ihre Angebote entsprechend neu denken und den Anforderungen anpassen.

Die Beiträge des Bandes geben vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Positionen und Erfahrungen ihrer Autoren einen nützlichen Überblick über die Anforderungen, die eine netzbasierte Gesellschaft und eine netzbasiert arbeitende Wissenschaft an die Bibliotheken und die Erschließung und Darbietung ihrer Bestände stellen und welche Lösungen dazu bereits praktiziert werden oder sich noch in der Entwicklung befinden. Hat also der Bibliothekskatalog noch eine Zukunft? Ja, wenn die Daten in erweiterten Strukturen abgebildet, über Linked-Data-Projekte veröffentlicht und frei nutzbar gemacht werden und der Katalog schließlich über den eigenen Datenbestand hinaus Zugänge zu anderen Datenquellen ermöglicht.

Der Band bietet sowohl theoretische Analysen als auch Unterstützung für die praktische Bibliotheksarbeit. Er ist sowohl für angehende Bibliothekswissenschaftler empfehlenswert als auch für Bibliothekare mit konzeptioneller Verantwortung für die Katalogangebote ihrer Bibliothek.


Fußnoten

[01] http://www.loc.gov/bibframe [zurück]

[02] http://www.sub.uni-hamburg.de/bibliotheken/projekte/beluga.html [zurück]

[03] http://www.gbv.de/wikis/cls/VuFind [zurück]

[04] http://www.librarytechnology.org/ [zurück]

[05] http://zoeken.bibliotheek.be [zurück]


Petra Hauke promovierte am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und lehrt dort als Lehrbauftragte u.a. Formalerschließung. Neben der Herausgabe zahlreicher Buchprojekte ist arbeitet sie aktiv in den IFLA-Sektionen für Bibliothekstheorie und -forschung sowie Aus- und Fortbildung mit.