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Leerstellen der Diskussion: eine kritische Besprechung der Abschlussberichte des RADIESCHEN-Projekts

Rezension zu:

Klar, Jochen ; Enke, Harry (2013). Projekt RADIESCHEN: Rahmenbedingungen einer disziplinübergreifenden Forschungsdateninfrastruktur; Report „Organisation und Struktur http://ebooks.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:117051:2 [Zugriff: 26.07.2013]

Koudela, Daniela ; Köhler, Klaus ; Müller-Pfefferkorn, Ralph (2013). Projekt RADIESCHEN: Rahmenbedingungen einer disziplinübergreifenden Forschungsdateninfrastruktur; Report „Technik”. http://ebooks.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:117050:4 [Zugriff: 26.07.2013]

Rathmann, Torsten (2013a). Projekt RADIESCHEN: Rahmenbedingungen einer disziplinübergreifenden Forschungsdateninfrastruktur; Preise, Kosten und Domänen; Entspricht dem Report D4.3 „LZW-Kostenstruktur” nach Projektantrag. http://ebooks.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:117052:2 [Zugriff: 26.07.2013]

Rathmann, Torsten (2013b). Projekt RADIESCHEN: Rahmenbedingungen einer disziplinübergreifenden Forschungsdateninfrastruktur; Kostenverteilung und Risiken; Entspricht dem Report D4.2 „2. Entwurf LZW-Kosten” nach Projektantrag. http://ebooks.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:117203:1 [Zugriff: 26.07.2013]

Projekt RADIESCHEN (2013). Projekt RADIESCHEN: Rahmenbedingungen einer disziplinübergreifenden Forschungsdateninfrastruktur; Report „Synthese”; Entspricht dem Report D6.3 „Abschlussbericht des Projekts und Roadmap für eine Infrastruktur für Forschungsdaten in Deutschland” nach Projektantrag. http://ebooks.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:117053:2 [Zugriff: 26.07.2013]


Zitiervorschlag
Karsten Schuldt, "Leerstellen der Diskussion: eine kritische Besprechung der Abschlussberichte des RADIESCHEN-Projekts". LIBREAS. Library Ideas, 23 ().


Das Projekt RADIESCHEN – Rahmenbedingungen einer disziplinübergreifenden Forschungsinfrastruktur war ein von der DFG zwischen Mai 2011 und April 2013 gefördertes Projekt. Es sollte, laut Selbstdarstellung, [Fn 1] Grundlagen schaffen, um auf der Basis der schon vorhandenen Strukturen, in Deutschland eine Infrastruktur für die unterschiedlichen Forschungsdaten aufzubauen und gleichzeitig die Beteiligten hinter diesen Strukturen zusammenbringen. Die Projektgruppe hat unter anderem die Plattform www.forschungsdaten.org [Fn 2] aufgebaut sowie laut Projektbericht einen Workshop und ein Symposium durchgeführt. Zudem hat sie mithilfe zahlreicher Interviews und der Auswertung derselben sowie einigen anderen Arbeiten versucht, die Möglichkeiten einer deutschlandweiten Infrastruktur für Forschungsdaten auszuarbeiten. Vor kurzem wurden, vorbildlich als Open Access zugänglich, die Abschlussberichte des Projektes publiziert. Diese sind Gegenstand der folgenden Besprechung.

Textform Projektbericht

Es ist nachvollziehbar, dass die DFG als Gesamtinstitution ein Interesse an der Förderung dieses Projektes hatte. Forschungsdaten, so geht die Diskussion, werden an Umfang und Bedeutung massiv zunehmen; die DFG als Infrastruktur-fördernde Einrichtung hat ein Interesse daran, früh zu wissen, wie sich diese Entwicklung sinnvoll steuern lässt. Auch soll die Arbeit des Projektes bei der Vernetzung der Aktiven nicht bewertet werden. Insbesondere die organisierten Fachtreffen werden für die Angleichung des Wissensstands sinnvoll gewesen sein. Die Projektberichte allerdings kommen über allgemeine Aussagen kaum heraus und bieten wenig Hinweise zur sinnvollen Steuerung der Entwicklung der Infrastruktur von Forschungsdaten. Dies mag auch in der Methodik des Projektes begründet liegen.

Dabei muss berechtigt angemerkt werden, dass es sich bei diesen Veröffentlichungen um eine spezielle Textform handelt, die zuvorderst der mittelgebenden Institution gegenüber die geleistete Arbeit nachweisen soll. Insoweit handelt es sich explizit nicht um wissenschaftliche Artikel. Zudem handelt es sich bei diesem Projekt auch nicht um ein Forschungs- sondern um ein Infrastrukturprojekt. Dies bedingt selbstverständlich eine gewisse Schreibhaltung, die eher Ergebnisse als den Weg zu diesen Ergebnissen schildert. Unter Umständen werden in der nächsten Zeit, also aus dem Projektzusammenhang, weitere Texte publiziert – die im Laufe des Projektes publizierten sind den Projektberichten ähnlich – und bestimmte Fragen weiter elaboriert. Bislang ist allerdings aus den Berichten nicht zu ersehen, warum bestimmte Recherche- und Arbeitsentscheidungen getroffen oder bestimmte Lösungswege beschritten wurden. Insbesondere ein mehrfach angeführtes Domänen-Modell, [Fn 3] welches im Projekt erkenntnisleitend genutzt und offenbar auch ausgebaut wurde, wird nirgendwo erläutert. Es wird auch nirgends begründet, warum gerade dieses genutzt wurde.

Ironischerweise lassen sich keine Hinweise darauf finden, wo die Forschungsdaten zu diesem Projekt, also vor allem die Interviews, die gewiss über das Projekt hinausgehende Informationen enthalten, zugänglich sind. Das immer wieder auf diese Interviews als Datenbasis verwiesen wird, ohne dass ersichtlich ist, wer wen und wieso mit welchen Fragestellungen interviewt und wie diese Interviews genau ausgewertet wurden, ist irritierend.

In weiten Teilen vermitteln die Projektberichte den Eindruck, bessere Studierendenarbeiten darzustellen, nicht Berichte eines DFG-geförderten Projektes. Abgesehen davon, dass die Datenquellen und Arbeitsstrategien nicht ganz klar werden, scheint die Arbeit in den einzelnen Arbeitspaketen, folgt man den Projektberichten, oft in wenig mehr als einer thematischen Recherche und Zusammenfassung der Ergebnisse bestanden zu haben. Sicherlich kann eine solche Recherche sinnvoll sein, um einen ersten Überblick über ein Feld zu erhalten, aber es stellt sich die Frage, warum eine solche einfache Recherche von der DFG als Projekt, inklusive des gesamten organisatorischen Aufwandes und der Qualitätssicherung, die mit einem solchen Projekt einhergehen, gefördert werden musste. Teilweise irritiert ausserdem die Sprache der Berichte, welche stark umgangssprachlich, und damit unnötig ungenau, ist. [Fn 4]

Leerstellen

Die Themenbereiche der Arbeitspakete sind nachvollziehbar: Organisation, Technik, Risiken, Zusammenfassung (Synthese). Und doch fehlen einige wichtige Bereiche, wie sich nicht zuletzt in der Synthese zeigt. Im Projekt wurde die Entscheidung getroffen, sich auf Projekte, die von der DFG gefördert werden, zu beschränken. Dies mag in der DFG-Förderung begründet liegen, ist aber realitätsfern. Nicht nur, dass Forschungsprojekte, inklusive solcher, in denen große Mengen an Forschungsdaten anfallen, nicht ausschliesslich von der DFG gefördert werden, sondern beispielsweise von Helmholtz- und Leibniz-Gesellschaft, aber auch von Bundesministerien – beispielsweise stammt der Großteil der Gelder für die empirische Bildungsforschung in Deutschland, die in den letzten Jahren eingesetzt wurden, direkt vom Bundesministerium für Bildung – oder der EU. Vielmehr tendieren Forschungsdisziplinen an sich zur internationalen Zusammenarbeit. Gerade bei Überlegungen zu Infrastrukturen für Forschungsdaten wäre zu erwarten, dass die Frage bearbeitet wird, wie im nationalen Rahmen mit dieser internationalen Vernetzung umgegangen werden soll. Immerhin stellen viele der Beispiele, welche in den Diskussionen um Forschungsdaten als Vorbilder angeführt werden, schon jetzt international agierende Projekte dar.

An sich war das gesamte Projekt erstaunlich national auf Deutschland ausgerichtet. Gewiss können die Beteiligten darauf verweisen, dass schon das Zusammenführen der an Forschungsdateninfrastruktur Interessierten in Deutschland einen immensen Aufwand bedeutet. Dennoch suggerieren die Berichte einen nationalen Rahmen, der mit der tatsächlichen Praxis von Wissenschaft immer weniger übereinstimmt und treffen deshalb auch Aussagen, die in der Praxis wenig sinnvoll sein werden.

Es fehlte zudem ein Arbeitspaket, welches sich mit der tatsächlichen Forschungspraxis beschäftigt. Weder wurde gefragt, wieso Forschende überhaupt Forschungsdaten produzieren, aufbewahren oder löschen und weiternutzen beziehungsweise nicht weiternutzen, noch – und das ist erstaunlicher – wurde eine solche Auseinandersetzung mit der Materie verwendet, um Aussagen über die mögliche Zukunft zu treffen. Diese Schwäche schien das Projekt aus der gesamten Diskussion über Forschungsdaten übernommen zu haben: Es wird, auch in diesen Projektberichten, behauptet, dass Forschungsdaten eine wachsende Rolle spielen und immens wachsen werden; es werden zudem Anforderungen an diese Forschungsdaten postuliert und aus all dem geschlossen, dass aufgrund dieser Anforderungen vor allem Bibliotheken und Rechenzentren neue Aufgaben gewinnen würden. Dies aber folgte keiner Theorie oder empirischen abgesicherten Darstellung von Wissenschaftspraxis und Wissenschaftsentwicklung, sondern scheint vielmehr eine durch gegenseitiges Zitieren und Interviewen von ähnlich Überzeugten sich immer mehr verstärkende Überzeugungen der Diskutierenden darzustellen. Ob die gesamten Wissenschaften sich überhaupt in diese Richtung entwickelt, warum sie es tut und ob Forschende, Forschungseinrichtungen oder Förderinstitutionen wirklich ein so großes Interesse am Forschungsdatenmanagement haben, ist nicht klar. Es wird in diesen Berichten auch eher vorausgesetzt als hergeleitet. Solche Überzeugungen, die eine Notwendigkeit von bestimmten Forschungsinfrastrukturen behaupten und aus einigen erfolgreichen Beispielen in bestimmten Disziplinen Aufbauprogramme für Infrastrukturen für die gesamte Wissenschaft postulieren, sind unnötig. Im letzten Jahrzehnt gab es ähnliche Überzeugungen über die Notwendigkeit Virtueller Fachbibliotheken und Virtueller Forschungsumgebungen, die in immenser Aufbauarbeit mündeten und welche in den meisten Fällen so gut wie nicht von den Forschenden, für die sie eigentlich gedacht waren, angenommen wurden. Es wäre zu erwarten, dass ein Projekt, welches sich mit den Möglichkeiten des Aufbaus einer gesamten Infrastruktur für Forschungsdaten befasst, sich auch damit auseinandersetzt.

Eine dritte Leerstelle besteht darin, dass die Projektbeteiligten offenbar davon überzeugt sind, dass Infrastrukturen für Forschungsdaten an Bibliotheken oder Rechenzentren, eventuell auch in Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Einrichtungen, angesiedelt sein müssten. Ein Projekt, dass dem Anspruch gerecht werden will, die Bedingungen einer Forschungsdateninfrastruktur zu erkunden, sollte zumindest mögliche Alternativen thematisieren. So gibt es beispielsweise, mit nicht unberechtigtem Verweis auf die eigenen Kompetenzen, in Archiven ebenso Überlegungen zu Forschungsdaten. [Fn 5] Auch wäre das Entstehen gänzlich neuer Einrichtungen zum Forschungsdatenmanagement denkbar, nicht zuletzt die Anbindung an Fachgesellschaften oder andere Einrichtungen. Dass dies gar nicht thematisiert wird, scheint ein Schwachpunkt des Projektes zu sein. Einfach davon auszugehen, dass Bibliotheken zuständig sind, ist nicht ausreichend, um die Wissenschaftspraxis und Fördereinrichtungen davon zu überzeugen.

Versuch von Zukunftsperspektiven

Während die meisten der Berichte Zusammenfassungen von Recherchen oder Überlegungen zum Finanzbedarf darstellen, deren Sinnhaftigkeit angesichts der Leerstellen des Projektes zumindest zu diskutieren wäre, stellt der Synthesebericht [Fn 6] den Versuch dar, mittels der Szenarientechnik, welche aus der Zukunftsforschung übernommen wurde, mögliche Entwicklungen im Bereich Forschungsdaten aufzuzeigen. Diese Szenarien zeigen eher die Probleme des theorielosen Vorgehens des Projektes. Sie sind geprägt von fast schon ideologischen – hier tatsächlich verstanden als realitätsabgewandten Vereinfachungen der Welt – Vorstellungen von Wissenschaftspraxis und den Motivationen von Forschenden.

Grundsätzlich sollen mit der Szenarientechnik überzeichnete Zukunftsmöglichkeiten aufgezeigt und aus diesen Aussagen für strategische Entscheidungen generiert werden. Dabei werden, ausgehend von einer gegebenen Situation, eine Anzahl radikalisierter Zukünfte entworfen – im Fall dieses Projektes mit der Perspektive 2020 –, bei denen jeweils eine mögliche Entwicklungsrichtung übertrieben dargestellt und gefragt wird, wie die Zukunft unter Beibehaltung dieser Entwicklung aussehen würde. Erwartet wird, dass die reale Zukunft eher zwischen den überspitzten Szenarien angesiedelt sein wird, gleichzeitig sollen durch die Überspitzung die Möglichkeiten und Gefahren strategischer Entscheidungen sichtbar und damit auch steuerbar werden.

Basis eines solchen Entwurfs ist eine sinnvolle Analyse des aktuellen Zustandes. Nur aufgrund einer solchen Analyse können tatsächlich mögliche Zukünfte skizziert werden. Gleichzeitig setzt dieses Verfahren voraus, dass beim Entwerfen der Szenarien relativ offen mit dem tatsächlichen Unwissen der Entwerfenden über die reale Zukunft umgegangen und vor allem darauf geachtet wird, nicht einfach Szenarien zu zeichnen, welche die subjektiven Meinungen der Entwerfenden widerspiegeln. Ansonsten verlieren die Szenarien ihre, an sich schon geringe, Überzeugungskraft.

Genau dies aber ist beim Synthesebericht des RADIESCHEN-Projektes zu beobachten. Die Analyse der aktuellen Situation ist ungenau. Es wird zum Beispiel einfach angenommen, dass Forschende Daten entwerfen, weil sie es können und nicht nach den Bedingungen gefragt, unter denen sie sich für oder gegen das Sammeln, Nutzen oder gar Aufbewahren von Daten entscheiden. Vielmehr scheint ein Drang der Forschenden zum Produzieren von Daten vorausgesetzt zu werden, der erklärungsbedürftig bleibt und auch in dieser Form selten in der Forschungspraxis zu beobachten ist, schon gar nicht in allen Wissenschaftsfeldern. Gleichzeitig werden sich bei diesen Szenarien die einzelnen Forschenden als Personen vorgestellt, die eigensinnig immer am Wechsel in möglichst bessere Jobs interessiert sind. Dies macht, folgt man den Szenarien, offenbar den Gedankenhorizont von Forschenden aus: Nicht das Erkenntnisinteresse, die Kreativität, der Wunsch nach einer planbaren Karriere oder ähnliches – etwas, dass in einer Theorie der Wissenschaft zu klären wäre –, sondern einzig das fast schon neoliberal agierende Subjekt Forschende / Forschender, das praktisch immer mit den gleichen Interessen agiert. Auch das geht an den realen Forschenden grösstenteils vorbei, die selbstverständlich sehr unterschiedliche Interessen an ihrer Arbeit und unterschiedliche Verständnisse von den Aufgaben von Wissenschaft haben. Diese Vereinfachung scheint ein Ergebnis der Leerstellen des Projektes zu sein: Wenn es keine Theorie darüber gibt, wie und wieso Forschungsdaten eigentlich produziert werden – und damit auch keine überprüfbaren Modelle entworfen werden können, die solche Vorhersagen ermöglichten – muss sich offenbar mit vereinfachten Vorstellungen beholfen werden.

Gleichzeitig sind die Szenarien nicht offen, sondern scheinen sehr daraufhin entworfen zu sein, am Ende die Einrichtung von Infrastrukturen für das Forschungsdatenmanagement bei Bibliotheken und Rechenzentren rechtfertigen zu können. Am offensichtlichsten wird dies beim Szenario 5 „Bewährtes bewahren”. [Fn 7] In diesem wird postuliert, dass andere europäische Staaten im Themenfeld Forschungsdaten massive Strukturen aufbauen, nur Deutschland nicht und das deshalb Forschende aus Deutschland aufgrund lokal zu unterschiedlicher Forschungskulturen nicht in anderen Staaten eingestellt würden. Dieses Szenario verbindet einfache Vorstellungen von Wissenschaft und Wunschdenken. So gibt es im Projektbericht selber praktisch keinen Hinweis darauf, was andere Staaten im Bezug auf Forschungsdateninfrastrukturen planen oder bisher tun. Es gibt auch in der Praxis wenig Hinweise darauf, dass dieses Thema in vielen anderen Staaten mit der gleichen Intensität bearbeitet würde, wie in Deutschland. Vielmehr scheinen die großen Projekte im Bezug auf Forschungsdatenmanagement international, mindestens auf der Ebene der EU organisiert zu werden. Insoweit postuliert das Szenario ohne jeden Zwang eine angebliche Konkurrenzsituation zwischen national organisierten Wissenschaften, für die es in den Projektberichten keinen Hinweis gibt. Gleichzeitig reduziert das Szenario, ebenso ohne jede Notwendigkeit, das Interesse der Forschenden auf „interessante Jobangebote”. Dies heißt am Ende aber auch, dass die Szenarien keine radikalisierten Zukünftsentwürfe darstellen, aus denen gelernt werden könnte, sondern mehr oder minder ein Wunschdenken, das weit an der zu erwartenden Zukunft vorbeigeht.

Fazit

Zumindest in der Form der Projektberichte ist das Projekt RADIESCHEN nicht überzeugend. Auch die im Rahmen des Projektes aufgebaute Plattform www.forschungsdaten.org scheint relativ knapp gehalten zu sein, insbesondere wenn man das in den einschlägigen Publikationen enthaltene Wissen als Massstab nimmt. [Fn 8] Gerade dadurch, dass die Berichte die eigenen Methoden und Forschungsentscheidungen nicht nennen und auch wenig argumentieren, erscheinen sie in großen Teilen als Mischung zwischen Rechercheergebnissen und Wunschliste des Bibliothekswesens an die DFG und andere Mittelgeber. Dabei muss noch einmal betont werden, dass es sich um eine sehr spezifische Form von Textform handelt und die Hoffnung ausgedrückt werden, dass trotz Projektende inhaltlich tiefergehende Texte zu der geleisteten Arbeit veröffentlicht werden.

Gleichwohl weisen die Berichte darauf hin, welche Schwachstellen die bisherige Diskussion über Forschungsdatenmanagement in deutschen Sprachraum zu haben scheint: sie ist (a) unnötig national orientiert, hat (b) ein viel zu einfaches Verständnis von Forschungsprozessen und Motivationen von Forschenden für die reale Forschungspraxis aber auch deren Lebensentscheidungen, agiert (c) ohne nachvollziehbare Theorie der Wissenschaftsentwicklung und ist (d) teilweise zu sehr darauf eingeengt, die Rolle von Bibliotheken als notwendige Infrastruktur zu behaupten. Auffällig ist, (e) dass aus historisch ähnlichen Diskursen und Projektzusammenhängen wie denen um Virtuelle Fachbibliotheken, Virtuelle Forschungsumgebungen oder – wenn auch etwas länger vergangen – dem IuD-Programm der Bundesregierung in den 1970er Jahren nicht zu lernen versucht wird. In allen diesen Diskursen wurde argumentativ der Druck erzeugt, das bestimmte Strukturen übergreifend für alle Wissenschaftszweige aufgebaut werden müssten, um die Wissenschaft – und beim IuD-Programm die Wirtschaft – konkurrenzfähig zu halten, ohne dass die Infrastrukturen, die anschließend aufgebaut wurden, je den Zuspruch erhielten, der vorgeblich zu erwarten war. Es ist in den Projektberichten nicht ersichtlich, ob sich die Diskussion über Forschungsdatenmanagement nicht ähnlich verhält.

Grundsätzlich wäre es sinnvoll, die Diskussion um Forschungsdaten an den sehr wohl vorliegenden Forschungen zur Forschungspraxis und Wissenschaftsentwicklung, welche von der Wissenschaftssoziologie erarbeitet wurden, zu orientieren. Diese bieten immerhin eine nachvollziehbare Verortung in der tatsächlichen Forschungspraxis.

Die Berichte zeigen aber auch, dass wir als Forschungscommunity uns in Zukunft öfter mit dieser Textform auseinandersetzen werden müssen. Sie wurden dem Gedanken des Open Access folgend – und auch notgedrungen, da es sich um ein DFG-gefördertes Projekt handelt, aber ohne dass es den Eindruck macht, die Projektbeteiligten hätten dies nur deshalb getan – veröffentlicht. Der Druck der Forschungsfördereinrichtungen und der wachsende Diskurs um Open Access wird dazu führen, dass solche Berichte, die bislang eher nur den fördernden Einrichtungen zugestellt wurden, zugänglich gemacht werden. Dies ist gewiss sinnvoll, verändert aber auch die Wissenschaftskommunikation, da es sich bei ihnen gerade nicht um wissenschaftliche Texte handelt. Zu klären wird sein, wie solche Publikationen jeweils zu werten sein werden.


Fußnoten

[01] http://www.forschungsdaten.org/uber-radieschen/, Zugriff: 26.07.2013. [zurück]

[02] Zugriff: 26.07.2013. [zurück]

[03] Z.B. Koudela, Köhler & Müller-Pfefferkorn (2013, S.3). [zurück]

[04] Insbesondere sichtbar bei Rathmann (2013a). [zurück]

[05] Vgl. Nippert, Klaus: Forschungsdaten. Ein Arbeitsgebiet für Archive von Hochschulen und wissenschaftlichen Institutionen. In: Der Archivar 66 (2013) 2, 154-159. [zurück]

[06] Projekt RADIESCHEN (2013). [zurück]

[07] Projekt RADIESCHEN (2013, 15-16). [zurück]

[08] U.a. „Nestor Handbuch” (Neuroth, Heike; Strathmann, Stefan; Oßwald, Achim; Scheffel, Regine; Klump, Jens; Ludwig, Jens: Langzeitarchivierung von Forschungsdaten: Eine Bestandsaufnahme. Boizenburg: vwh Verlag, 2012) und „Handbuch Forschungsdatenmanagement” (Büttner, Stephan; Hobohm, Hans-Christoph; Müller, Lars (Hrsg.): Handbuch Forschungsdatenmanagement. Bad Honnef: Bock + Herchen, 2011). [zurück]


Karsten Schuldt, wissenschaftlicher Mitarbeiter (Projektleiter) am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur. Zuvor Promotion am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, HU Berlin und Tätigkeit am Interdisziplinären Zentrum für Bildungsforschung, HU Berlin. Redaktion LIBREAS.Library Ideas. Lebt und arbeitet in Berlin, Chur und Lausanne.