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Das Problem der Konzeptdefinition in der Wissensorganisation – Über einen missglückten Versuch der Klärung. Rezension zu: Alon Friedman, Richard P. Smiraglia, (2013): Nodes and arcs: concept map, semiotics, and knowledge organization. In: Journal of Documentation, Vol. 69/1, S.27-48. DOI: 10.1108/00220411311295315


Zitiervorschlag
Linda Treude, "Das Problem der Konzeptdefinition in der Wissensorganisation – Über einen missglückten Versuch der Klärung. Rezension zu: Alon Friedman, Richard P. Smiraglia, (2013): Nodes and arcs: concept map, semiotics, and knowledge organization. In: Journal of Documentation, Vol. 69/1, S.27-48. DOI: 10.1108/00220411311295315". LIBREAS. Library Ideas, 22 ().


Alon Friedman und Richard P. Smiraglia kündigen in ihrem aktuellen Artikel „Nodes and arcs: concept map, semiotics, and knowledge organization“ an, eine „empirical demonstration of how the domain [of knowledge organisation] itself understands the meaning of a concept“ durchzuführen. Die Klärung des Konzeptbegriffs ist ein begrüßenswertes Vorhaben, das die Autoren in einer empirischen Untersuchung von concept maps (also Konzeptdiagrammen) aus dem Bereich der Wissensorganisation nachvollziehen wollen. Beschränkte sich Friedman 2011 in seinem Artikel „Concept theory and semiotics in knowledge organization“ [Fn 01] noch ausschließlich auf Sprache als Medium im Zeichenprozess, bezieht er sich nun auf Visualisierungen als Repräsentationsform und scheint somit seinen Ansatz um den Aspekt der Bildlichkeit zu erweitern. Zumindest erwartet man dies nach der Lektüre der Beschreibung des aktuellen Vorhabens von Friedman und Smiraglia, das – wie die Autoren verkünden – auf einer semiotischen Grundlage durchgeführt worden sei.

Der Untersuchungsgegenstand wird auf Tagungsbände begrenzt. Diese werden als das Format benannt, welches die meisten concept maps beinhaltet, weswegen in der Untersuchung Tagungsbände, nämlich von 1990-2010 der ISKO [Fn 02] sowie der jährlichen Klassifikationsworkshops der SIG/CR [Fn 03] berücksichtigt werden.

Die Autoren definieren concept maps als eine visuelle Repräsentation der Relation zwischen mehreren Begriffen. Grundlegend sei die Beziehung von nodes (Knotenpunkte) und arcs (Verbindungen), wobei

„[t]he Node had to be captured by text, image, and links that illustrate the relationship between other nodes in the map, and had to capture the anchors of conceptual clusters in the very same map. The Arcs represent the type of relationship between the nodes, serving as verbal relationship indicators.“ (S.36).

Die concept maps werden generell als Zeichen aufgefasst und daher dient das, was die Autoren ‚Semiotik’ nennen, als theoretische Grundlage. Dass es sich bei den concept maps offensichtlich um diagrammatische Zeichen handelt, findet allerdings mit keinem Wort Erwähnung. Ihr Verständnis von Zeichentheorie legen die Autoren in ihrem recht konfusen Theorieteil (Kap. 1/2, bis S. 37) dar, dessen Auswahl an Primärquellen beispielsweise zur Begriffstheorie in der Philosophie (unter Kap. 1.1) vollkommen wahllos erscheint. Warum wird ausgerechnet auf die Philosophie Freges und auf Barthes’ eingegangen und nicht auf andere Theorien? Und warum wird im Falle Barthes’ nicht auf seine einschlägige Publikation „Elemente der Semiologie“ [Fn 04] Bezug genommen, sondern stattdessen einen Text [Fn 05], der rein gar nichts mit dem Thema zu tun hat, sondern nur zu einer oberflächlichen Klassifizierung philosophischer Traditionen („analytisch“/„kontinental“) taugt? Dies wird weder begründet noch spielt es jemals im weiteren Verlauf des Artikels oder der durchgeführten Untersuchung irgendeine Rolle. Hier wird ein Zusammenhang von philosophischer Diskussion und empirischer Untersuchung bloß suggeriert. Man bekommt den Eindruck, dass hier nicht mit den Primärquellen, sondern meist mit Handbüchern gearbeitet wurde.

Weiter geht es mit stark vereinfachten und an einigen Stellen zweifelhaften Ausführungen zur Semiotik, in denen der Eindruck bestätigt wird, dass zwischen Theorieteil und Durchführung kein echter Zusammenhang besteht. Die ‚Theorie’ stützt sich hier hauptsächlich auf eine Einführung in die Semiotik (Semiotics for Beginners [Fn 06]) und mündet in, in diesem Kontext kaum verständlichen Sätzen und Kryptozitaten wie:

„Expression – verbal, written, or otherwise – is the awareness of awareness, which is the Secondness of Firstness, a Thirdness.“ (S. 32) [Fn 07]

Von einer Veröffentlichung in einem (double blind) peer reviewed journal (!) [Fn 08] hätte man solche formalen und inhaltlichen Unzulänglichkeiten nicht erwartet.

Die 344 untersuchten Konzeptdiagramme sollen nun entweder dem Peirceschen Zeichenmodell zugeordnet werden, was konkret bedeute, dass

„under the Peirceian triadic classification, the map’s central node had to contain three arcs that exemplified Representamen, Object and Interpretant“ (S. 36)

oder eben mit dem Saussureschen Zeichenbegriff in Verbindung gebracht werden, bei dem

„the central sign found in the maps had to be ‘dyadic’, consisting of ‘signifier’, the form that the sign takes, and ‘signified’, the concept it represents in the spoken language.“ (S. 36)

Statt von dyadischen und triadischen Modellen zu sprechen, was die Autoren offensichtlich meinen, werden die Modelle mit den Theorien von Saussure und Peirce identifiziert, die zwar durchaus eher dyadische (Saussure) bzw. triadische (Peirce) Modelle benutzen, deren Zeichentheorie als ganze aber mit Sicherheit nicht darauf beschränkt werden kann.

Eine dritte Option sei, so die Autoren, dass den concept maps gar kein „semiotisches Konzept“ zugrunde gelegt werden kann, was vor allem bei den genannten Referenzautoren gar nicht möglich ist. Was sie eigentlich meinen ist wohl: Sie können weder dyadischen noch triadischen Modellen zugeordnet werden.

Nicht ein Gedanke wird darauf verwendet, die Fälle außerhalb des willkürlich gesetzten Rasters zu beschreiben. Ihr Beispiel für eine „nicht-semiotische“ concept map (Fig. 9) deutet darauf hin, dass sie mit eher bildlichen und weniger schematischen Darstellungen nichts anfangen können. Dadurch stellt sich abermals die Frage welcher Begriff von Semiotik ihrem Ansatz zu Grunde liegt.

Das Verständnis der Autoren, so es überhaupt ersichtlich wird, scheint auf einem rein sprachlichen Begriff von Semiotik zu beruhen. Das hieße aber, dass als Zeichen nur sprachliche Phänomene gelten, was ganz offensichtlich falsch ist und den Theorien von Peirce wie auch von Saussure widerspricht. Generell ist für eine solche Untersuchung eine Vereinfachung bzw. eine schematisierte Sichtweise legitim, wenn dies in irgendeiner Form zielgerichtet geschieht. Hier bekommt der Leser allerdings den Eindruck, dass die Zuordnung zu dem Saussureschen oder Peirceschen Zeichenbegriff keinerlei Erkentnisgewinn bietet. Wozu also das name-dropping?

Was wird nun tatsächlich untersucht und welche Ergebnisse liefert diese Untersuchung? In der Studie wird lediglich das in den concept maps benutzte Vokabular der Autoren aus dem Bereich der Wissensorganisation untersucht und zwar konkret welche Begriffe wie häufig in den Visualisierungen benutzt wurden. Diese seien in der sogenannten Peirce-Kategorie „knowledge“ und „organization“ : „ [K]nowledge’, appearing in 12 concept maps, [...] [t]he second most-used term was ‚organization’, which occurs in ten concept maps“ (S. 41). [Fn 09]

Die häufigsten Begriffe in der Saussure-Kategorie seien „system“, „document“ und „index“ (S. 41).

Der einzige Versuch einer Kontextualiserung der Ergebnisse besteht dann aus der Feststellung, dass es sich bei dem wissenschaftlichen Bereich der Wissensorganisation um eine „tightly-focused domain“ handele (S. 45), da eine hohe Konzentration auf wenige Begriffe nachgewiesen werden konnte. Ein weiteres ‚Ergebnis’ dieser Untersuchung ist, dass concept maps am häufigsten von Professoren (70,1 %) aus den USA (39,2 %) genutzt werden.

Dies ist womöglich darauf zurück zu führen, dass es sich bei den allermeisten Autoren der untersuchten Tagungsbände um Professoren aus den USA handelt (Achtung Ironie).

Diese Studie wurde übrigens 2008 bereits von Alon Friedman in kürzerer und klarerer Form in dem Aufsatz „Concept Mapping in Knowledge Organization through a Semiotic Lens“ [Fn 10] vorgestellt. Dort beschreibt er die vier Schritte, die in der Untersuchung durchgeführt wurden, nämlich die Feststellung der Nationalität und des (beruflichen/wissenschaftlichen) Status der Autoren, Zuordnung zum Saussureschen und Peirceschen Zeichenbegriff, das Zählen der Worthäufigkeit und „the most-used mapping formats“ [Fn 11]. Das mündet in die recht konkrete Forschungsfrage, ob ein Zusammenhang zwischen Nationalität, Stellung und des „specific conceptual process that an author uses“ existiert. Falls man sich für diese Untersuchung der Terminologie im Bereich der Wissensorganisation interessiert, so lese man den genannten Artikel von 2008. Die bescheidenere Formulierung „through a semiotic lense“ hätte auch dem Titel des aktuellen Artikels besser zu Gesicht gestanden.

Was nun in der aktuellen Untersuchung hinzukommt, ist die Analyse der häufigsten Begriffe mittels der Software Wordstat, die auf einer Abstraktion der Begriffe basiert (S. 41 und siehe Table III. auf S. 42). Dafür entwickelte Smiraglia eigens für „domain analysis of ISKO proceedings“ eine Taxonomie [Fn 12]. Diese Meta-Level-Analyse könnte vielleicht interessant sein. Leider erfährt man weder etwas zur Funktionsweise der Software noch genaueres zu der Taxonomie. An genau dieser Stelle befindet sich jedoch die ‚Erfindungshöhe’ des Artikels. Es ist also umso bedauerlicher, dass darüber nichts verraten wird. Der Untersuchung der Worthäufigkeit folgt letztlich auch keine semantische Analyse. Die anfangs gestellte Frage nach der Bedeutung des Konzeptbegriffs in der community der Wissensorganisation wird definitiv nicht beantwortet.

Aufgrund des Titels hätte man sogar glauben können, dass es sich um einen Versuch handelt, die Semiotik für die Untersuchung von Wissensorganisation fruchtbar zu machen, was ein hochinteressantes Vorhaben gewesen wäre. Auch das Erscheinen in einer auf Theoriebildung spezialisierten Zeitschrift könnte dies vermuten lassen. In diesem Fall aber muss man sagen, dass die theoretische Diskussion schon fast behindert, da ad absurdum geführt wird. Die nodes und arcs, die immerhin titelgebend für den Artikel sind, werden weder in der Untersuchung noch in deren Auswertung jemals wieder erwähnt. Der bildlichen Dimension der concept maps in der Untersuchung kommt also hier keinerlei Bedeutung zu. Dies führt zu der Frage, warum ausgerechnet Visualisierungen von Konzepten untersucht wurden. Für eine terminologische Analyse wären ebenso gut – eventuell sogar noch besser – z.B. die Abstracts von Artikeln geeignet gewesen.

Zusammenfassend sei festgehalten, dass der Artikel leider nichts zur Antwort auf die Frage beiträgt, wie Konzepte im Bereich der Wissensorganisation verstanden werden und rein gar nichts mit dem Thema Semiotik in der Wissensorganisation zu tun hat. Vor allem der dünne Theorieteil dient nur dem willkürlichen anmutenden Anreichern der durchgeführten Untersuchung und ist somit nicht lesenswert.


Fußnoten

[01] Friedman, Alon; Thellefsen, Martin (2011): Concept theory and semiotics in knowledge organization. In: Journal of Documentation, Vol. 67/4, S. 644-674. [zurück]

[02] ISKO = International Society for Knowledge Organization [zurück]

[03] IG/CR = Special Interest Group for Classification Research der American Society for Information Science and Technology [zurück]

[04] Barthes, Roland: Eléments de sémiologie. In: Communications, No. 4, 1964, S. 91-135. Volltext verfügbar über persee.fr: http://www.persee.fr/web/revues/home/prescript/article/comm_0588-8018_1964_num_4_1_1029 [zurück]

[05] Barthes, Roland: The Pleasure of Text. New York: Hill and Wang, 1975 [zurück]

[06] In der referenzierten Fassung ist die Ausgabe obendrein nicht über den Worldcat verifizierbar. Gemeint könnte sein: Chandler, David: Semiotics: The Basics. Oxford: Routledge, 2002 [zurück]

[07] Dabei handelt es sich um ein marginal geändertes und nicht gekennzeichnetes Originalzitat Peirce’ aus den Letters to Lady Welby. [zurück]

[08] Siehe http://www.emeraldinsight.com/products/journals/author_guidelines.htm?id=jd. [zurück]

[09] Das fehlerhafte Setzen der Anführungsstriche jeweils nach den Kommata in dem Zitat wurde von der Autorin berichtigt. [zurück]

[10] Friedman, Alon: “Concept mapping through a semiotics lens.“ In: The 33rd Meeting of the Semiotics Society of America, Conference in Houston, TX. 2008. Online verfügbar unter: http://cmc.ihmc.us/cmc2008papers/cmc2008-p106.pdf. [zurück]

[11] http://cmc.ihmc.us/cmc2008papers/cmc2008-p106.pdf, Erste Seite. [zurück]

[12] Siehe Smiraglia, Richard P.: ISKO 11’s diverse bookshelf. An Editorial. In: Knowledge Organization, Vol. 38, S.179-86. [zurück]


Linda Treude (M.A.) studierte Bibliotheks- und Informationswissenschaft sowie Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie promoviert zum Thema Schrift und Bild, speziell zur Darstellbarkeit logischer und semantischer Relationen in digitalen Netzen. Von 2011 bis Frühjahr 2013 war sie Projektmitarbeiterin beim Computer- und Medienservice der HU Berlin.