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Die Wiener Klassifikation als Instrument für Bildbeschreibungen in Museen und Bibliotheken


Zitiervorschlag
Bernd Juraschko, "Die Wiener Klassifikation als Instrument für Bildbeschreibungen in Museen und Bibliotheken". LIBREAS. Library Ideas, 21 ().


  • 0 Einleitung
  • 1 Beschreibung und Aufbau der Wiener Klassifikation
  • 2 Erfordernisse für eine Bildklassifikation
  • 2.1 Einfache und effiziente Handhabung bei Retrieval und bei der Katalogeingabe
  • 2.2 Detaillierungsgrad
  • 2.3 Flächenbezogenheit und Beschreibbarkeit der Flächennutzung
  • 2.4 Hohe Übereinstimmung der vorgesehenen Unterteilungen mit den zu behandelnden Fällen und möglichst wenige Fälle für die Hilfskategorie „Sonstige“
  • 2.5 Wertefreie und damit unabhängige Beschreibung
  • 3 Fazit

    0 Einleitung

    In Forschung, Wissenschaft, Lehre und Kunst werden ständig mehr Bilder hergestellt und eingesetzt. Dies gilt für eine Serie von Computertomographiebildern, Konstruktionszeichnungen als auch dem Nachweis von alten Kupferstichen, die in verschiedenen Bänden einer Bibliothek vorhanden sind.

    Für eine nutzungsorientierte Verwaltung sind eine effiziente und wirkungsvolle Erfassung erforderlich. Wirkungsvoll heißt, dass auf die gestellte Suchanfrage die zutreffende Antwort gegeben wird. Dass heisst eine entsprechende Abbildung ist am Platz X vorhanden oder es gibt zu der gestellten Suchanfrage keine, eventuell auch keine ähnliche Abbildung.

    Eine effiziente Erfassung richtet sich zum einen an das Verhältnis von tatsächlicher Nutzung und der für die Erschließung aufgewendeten Zeit (usability), zum Anderen an den Aufwand der für die notwendige Pflege des Systems erforderlich ist. Werden diese Aspekte nicht berücksichtigt, läuft das Erfassungssystem Gefahr, ein reines Theorieprodukt zu bleiben oder einen nur sehr geringen Verbreitungsgrad aufzuweisen.

    Die Wiener Klassifikation (WK) ist ein Instrument der Markenrecherche. Sie wurde vor allem entwickelt, um die Suche nach älteren, einer Marke entgegenstehenden Zeichen zu erleichtern. Ziel ist es daher, mit diesem Instrument eine Ähnlichkeit oder sogar Identität zweier Zeichen feststellen zu können. Der juristische Motivationsgrund kann problemlos durch einen sonstigen zum Beispiel kunstwissenschaftlichen ausgetauscht werden. Nicht beantwortet wird jedoch automatisch, ob sich die WK als Instrument der Bildklassifikation für Artotheken, Bibliotheken und Informationszentren eignet.

    Aus diesen Gründen wird hier die Wiener Klassifikation für ihre Eignung als Instrument der Bildbeschreibung in Museen, Galerien und Bibliotheken untersucht.

    1 Beschreibung und Aufbau der Wiener Klassifikation

    Die Wiener Klassifikation wurde für die international einheitliche Erschließung der Bilder und Bildbestandteilen von Bild- und Wort-/Bildmarken entwickelt. Sie wird derzeit in mehr als 30 Staaten, drei Organisationen sowie der WIPO angewendet. Grund für die Entstehung der Wiener Klassifikation war die Erleichterung des Retrievals nach älteren Marken als auch eine Vermeidung von Umklassifizierungen von Marken, wenn sie auf internationaler Ebene verglichen werden sollen.

    Die Klassifikation unterteilt Kategorien (1-29), Abschnitte (1-19) und Unterabschnitte (1-25). Zur weiteren Unterteilung gibt es zusätzlich noch Hilfsabschnitte.

    Aktuell ist die sechste Ausgabe der Klassifikation. Sie umfasst [Fn 1]:

    • 29 Kategorien
    • 144 Abschnitte
    • 788 Unterabschnitte
    • 879 Hilfsabschnitte

    Innerhalb einer Kategorie ist die WK hierarchisch aufgebaut. Aufgrund unterschiedlicher Relevanz ist die Zahl der Abschnitte und Unterabschnitte je nach den zugehörigen Kategorien und Unterabschnitten verschieden. Bei der Ausarbeitung der Klassifikation wurden bestimmte Zahlen als Platzhalter für mögliche spätere Ergänzungen freigelassen. [Fn 2]

    Bei den Unterabschnitten werden zwei Arten unterschieden: die Hauptunterabschnitte und die Hilfsunterabschnitte. Die Hilfsunterabschnitte charakterisieren Bildbestandteile. Sie sind in den Hauptunterabschnitten dem Grunde nach bereits enthalten. Um die Recherche zu erleichtern, gibt es eine weitere Unterteilung und damit eine Vergrößerung der möglichen Suchelemente durch Hinzunahme von fachspezifischen Elementen. [Fn 3] Komplexe Strukturen oder der umfangreiche Inhalt einer Abbildung erhalten oft mehrere Klassifikationen, um die Abbildung leichter auffindbar zu kennzeichnen.

    Beispiel für eine Klassifizierung: 7.1.13 Wassermühle

    Kategorie 7 (Bauten)

    Abschnitt 1 (Gebäude)

    Unterabschnitt 13 (Wassermühlen)

     

    Die Abtrennung der Kodierungen erfolgt mit einem Punkt zum Beispiel 3.4.11. Die Notation ist durch die vorangestellte Abkürzung CFE für Classification of Figurative Elements als Wiener Klassifikation erkennbar; Beispiel: CFE 3.4.11. Die Darstellung einer Abbildung, die mehreren Kategorien zugehört erfolgt in Reihe, abgetrennt durch Semikolon (zum Beispiel CFE 3.4.11; 2.3.9). Kann ein Bild mehreren Unterabschnitten zugeordnet werden, so wird mit einem Komma abgetrennt. Beispiel: CFE 2.2.3, 8, 9. Gelegentlich wird die zur Kodierung verwendete Ausgabe des Regelwerks in Klammern angegeben beispielsweise CFE 3.4.11(6). [Fn 4]

    Die Anpassungsfähigkeit der WK zeigt sich unter anderem im Umgang mit der Eingabeperipherie. So wird von einigen Datenbanken eine konsequente Schreibweise verlangt. Dazu gehört, dass die Eingabe von Notationen für jede Stelle immer zweistellig sein muss und nicht zwischen 1 und 2 schwanken darf. Ein Auffüllen der vakanten Stellen mit Null ist bei der WK unproblematisch, da die Notationen auch weiterhin korrekt gelesen werden können.

     

    Klassifikationen wie die WK haben zum Nachteil, dass bereits einfache Schreib- beziehungsweise Tippfehler zu sinnentstellenden Ergebnissen führen. Beispiel [Fn 5]:

    Der inzwischen gelöschte Marke wurde im Markenregister die Registernummer 30053021 vergeben.

    Eingetragen wurde für die Wiener Bildklassifikation laut DPMA Datenbank [Fn 6]:

    02.03.01; 03.03.17; 17.03.01

    Dabei bedeutet laut WK:

    02.03.01 = Frauen – Köpfe, Büsten

    03.03.17 = Tiere der Serie III, sich aufbäumend, springend (Vierfüßer, insbesondere Pferde und Esel)

    17.03.01 = 17.3.1 Waagen, Gewichte

    Der Abbildung der Justitia auf der Grafik und der Eintragung für das Dienstleistungsverzeichnis für Rechtsberatung und Rechtsvertretung nach zu Folge, war vermutlich gemeint: 02.03.17 = Sitzende, kniende oder liegende Frauen.

    Lediglich ein kleiner Tippfehler (03. statt 02.) führt dazu, dass aus der gemeinten Justitia eine bockige Eselin wird.

    Während in dem genannten Beispiel der Fehler offensichtlich ist und die wahre Absicht relativ leicht ermittelt werden kann, sind andere Fehler nicht so klar zu erkennen.

    Diese Kritik gilt jedoch für alle numerischen Klassifikationssysteme.

    2 Erfordernisse für eine Bildklassifikation

    Um die Eignung der Bildklassifikation überprüfen zu können, wird hier von fünf Kriterien ausgegangen:

    1. Einfache und effiziente Handhabung bei Retrieval und bei der Katalogeingabe;
    2. Detaillierungsgrad;
    3. Flächenbezogenheit und Beschreibbarkeit der Flächennutzung;
    4. Hohe Übereinstimmung der vorgesehenen Unterteilungen mit den zu behandelnden Fällen und möglichst wenige Fälle für die Hilfskategorie „Sonstige“;
    5. Wertefreie und damit unabhängige Beschreibung.

    2.1 Einfache und effiziente Handhabung bei Retrieval und bei der Katalogeingabe

    Die Bildklassifikation muss sich im Alltag bewähren, um erfolgreich zu sein; eine einfache und effiziente Handhabung ist daher unabdingbar. Eine hohe Usability wird erreicht, wenn die Systematik bzw. Kategorisierung nachvollziehbar ist und sie vom Anwender in der vorliegenden Form geradezu erwartet wird. Ein direkter Vergleich mit der Verwendung bei Bild- und Wort-Bildmarken ist bei den Vertragsstaaten der Wiener Klassifikation nur eingeschränkt möglich. Da die Anwendung der WK verpflichtend ist, kann hieraus nicht auf die Akzeptanz durch eine einfache und effiziente Handhabung geschlossen werden. Jedoch sprichtdie Tatsache, dass die WK in anderen Staaten zwar erweitert, nicht aber völlig umstrukturiert wurde und dass sich die WK auch bei Nichtvertragsstaaten angewendet wird, dafür, dass sie einigermassen sinnvoll ist. Trotz der Komplexität der Umsetzung sind das Bekanntwerden von größeren Anwendungsschwierigkeitenzum Beispiel durch einsprechende Foreneinträge, im Internet ersichtliche Hilfsanleitungen und so weiter nicht vorhanden. Daher ist davon auszugehen, dass es sich um eine klare, im Aufbau nachvollziehbare Gliederung handelt, die relativ einfach nachzuvollziehen ist.

    2.2 Detaillierungsgrad

    Der Detaillierungsgrad einer Klassifikation gibt an, wie stark diese untergliedert wird. Bei hierarchischen Gliederungen erfolgt diese von übergeordneten stärker abstrakt-generellen Elementen hin zu weniger abstrakten-spezifischen Bestandteilen. Die WK ist auf die Bedürfnisse der Ämter für gewerbliches Eigentum hin ausgerichtet. Kleineren Ämtern für gewerbliches Eigentum, die regelmäßig nur einen geringen Detaillierungsgrad benötigen, wurde damit entgegengekommen, dass die Hilfs-Unterabschnitte nicht verbindlich sind.

    Bilder in Artotheken besitzen hingegen häufig mehr Elemente und eine komplexere Struktur als Marken in Bildform. Dies spricht für einen hohen Detaillierungsgrad. Dem steht der Wunsch nach einer möglichst einfachen Handhabung entgegen.

    Der Detaillierungsgrad der WK mit drei Ebenen und zusätzlichen Hilfs-Unterabschnitten ist geeignet, ein Bild zumindest in seinen Flächenelementen zu beschreiben und zu charakterisieren. Bei der Klassifizierung geht es nicht um eine vollständige Bildbeschreibung in allen Feinheiten, sondern um die Wiederauffindbarkeit. Daher ist die Eignung soweit gegeben. Soweit die WK als zu umfangreich erscheint, besteht die Möglichkeit, diese nach einem eigenen System zu modifizieren.

    2.3 Flächenbezogenheit und Beschreibbarkeit der Flächennutzung

    Die direkte Aufnahme der Bildelemente ist ein Wesensmerkmal der WK. Es handelt sich daher um eine unmittelbare oder einschichtige Klassifikation. Alternativ stehen jene Bildretrievalsysteme, bei denen die Klassifikation getrennt oder zweischichtig erfolgt. Hier wird das eigentliche Element zum Beispiel ein Bild durch eine Beschreibung, also die Umsetzung in Worte, interpretiert. Diese Interpretation wird dann in die Klassifikation eingeordnet. Der Vorteil einer direkten Klassifikation wie der WK liegt darin, dass durch die Normierung keine zusätzlichen Übersetzungsfehler erfolgen können. Die WK ist auch ohne zusätzlichen Arbeitsaufwand und damit ohne Zeitverlust direkt anwendbar.

    Als nachteilig erweist sich, dass das zweischichtige System einen getrennten Einsatz der interpretierten Klassifikationsmerkmale erlaubt. Hier ist eine Mitnahme der zu beschreibenden Elemente zumindest datentechnisch nicht unbedingt erforderlich. Zweischichtige Systeme sind daher bei getrennten Einsätzen zum Beispiel wegen der großen Datenmenge der zu beschreibenden Objekte besser geeignet.

    2.4 Hohe Übereinstimmung der vorgesehenen Unterteilungen mit den zu behandelnden Fällen und möglichst wenige Fälle für die Hilfskategorie „Sonstige“

    Eine Klassifikation ist nur dann geeignet, wenn sie eine sehr hohe Anzahl der tatsächlich relevanten Fälle genau erfassen kann. Auch diejenigen Fälle, die nicht ideal erfasst werden, müssen die Chance haben, in eine übergeordnete und damit zutreffende, wenn auch aus Beschreibungsgründen nicht in eine ideale Kategorie zugeordnet werden können, weil diese nicht vorhanden ist.

    Die WK wurde zur Klassifizierung von Bildmarken beziehungsweise Bildbestandteilen von Wort-Bild-Marken entwickelt. Graphische Beschränkungen, was eine Marke sein kann, gibt es nicht. Entsprechend tolerant ist auch die WK entwickelt worden. Der Unterschied zwischen vielen Bildern in Artotheken und Marken ist, dass sich Marken häufig auf eine Kernaussage konzentrieren und daher auch grafisch häufig stark stilisiert und abstrahiert sind. Diese Grundtendenz zur Vereinfachung und Hinleitung zu einer oder wenigen Kernaussagen ist bei Bildern nicht notwendig gegeben. Bilder kennen vielmehr eine sehr große Spannbreite von sehr reduzierten und abstrakten Formen bis hin zu feingegliederten und detaillierten Werken. Dennoch lassen sich auch detaillierte Bilder auf wesentliche Bildelemente reduzieren. Dabei kann es vorkommen, dass mehrere Bildelemente gleich dominant sind und sich nicht unterordnen lassen, ohne dass hierdurch die Aussage beziehungsweise der Charakter des Bildes verfälscht wird. Diese Problematik kann durch die Wiener Klassifkiation mittels paralleler Vergabe von Zuordnungen gelöst werden. Somit ist diese generell zu einer allgemeinen Bildbeschreibung in Artotheken und Museen geeignet.

    Die WK ist vor allem formenbasiert. Dennoch ist auch die Oberfläche in Kategorie 25 mit „Ornamentalen Motiven, Oberfläche, Hintergründe mit Ornamenten“ erfasst. Ebenfalls zur Oberflächengestaltung gehört die Farbe, die in Kategorie 29 erfasst ist.

    2.5 Wertefreie und damit unabhängige Beschreibung

    Als fünfter Punkt für eine Bildklassifikation ist eine wertefreie Beschreibung zu fordern. Das subjektive Empfinden kann sehr unterschiedlich sein. Um zur gleichen Einschätzung und damit zu einer besseren Wiederauffindbarkeit zu gelangen, ist ein möglichst hoher Objektivierungsgrad erforderlich. So erfolgt beispielsweise statt der Beschreibung „düsterer Märchenwald“ besser die Charakterisierung als „Nadelbaumwald, dicht bewachsen“.

    Bei der WK ist eine Fokussierung auf Formen und die Unabhängigkeit von möglichen Zusammenhängen ist laut Allgemeine Anmerkungen (a) ausdrücklich gewollt. [Fn 7] Somit ist auch der fünfte Punkt erfüllt.

    3 Fazit

    Die Wiener Klassifikation eignet sich auch als Bildklassifikation. Trotz ihrer Eigenheiten und ihrer Ausrichtung auf den Markenbereich, enthält die WK die notwendigen Elemente, um auch für Artotheken und Bildersammlung in Museen eine verwendbare Systematik darzustellen.


    Fußnoten

    [1] Wiener Klassifikation, http://www.dpma.de/service/klassifikationen/wienerklassifikation/index.html zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]

    [2] Wiener Klassifikation, Vorwort, (v): http://www.dpma.de/docs/service/klassifikationen/wien/wiener_klass.pdf zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]

    [3] Wiener Klassifikation, Vorwort, (v): http://www.dpma.de/docs/service/klassifikationen/wien/wiener_klass.pdf zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]

    [4] Empfehlung des Sachverständigenausschusse nach Art. 5 des Wiener Abkommens: http://www.dpma.de/docs/service/klassifikationen/wien/wiener_klass.pdf zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]

    [5] Furken, Stefan: Justitia Frau oder Pferd – ein Beispiel zur Vienna Klassifizierung, http://www.markenblog.de/2009/03/03/justitia-frau-oder-pferd-ein-beispiel-zur-vienna-klassifizierung/ zuletzt aufgerufen am 13.06.2012; http://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/300530218/DE zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]

    [6] Deutsches Patent- und Markenamt: http://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/300530218/DE zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]

    [7] Wiener Klassifikation, http://www.dpma.de/docs/service/klassifikationen/wien/wiener_klass.pdf zuletzt aufgerufen am 13.06.2012. [zurück]


    Bernd Juraschko Assessor wiss. WB, Assessor jur. ist derzeit Leiter der Hochschulbibliothek der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München, Stuttgart, Köln, Hamburg und Berlin). Daneben ist er Autor und Dozent. Zuvor war er Fachreferent für Chemie, Recht und E-Learning. Zu seinen Interessenschwerpunkten gehört das Recht des Geistigen Eigentums und Vertragsgestaltung.