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Der Katalog. Repräsentation von Medien als Geschichte des Denkens über Wissen, Information, Medien, Nutzerinnen und Nutzern


Zitiervorschlag
Karsten Schuldt, "Der Katalog. Repräsentation von Medien als Geschichte des Denkens über Wissen, Information, Medien, Nutzerinnen und Nutzern". LIBREAS. Library Ideas, 21 ().


Die Repräsentation von Medien in Bibliothekskatalogen ist keine rein objektive Abbildung von Medien und deren Inhalten. Vielmehr spiegelt diese Repräsentation das Denken über Wissen und Informationen, aber auch über die Möglichkeiten der Nutzerinnen und Nutzer in der Bibliothek wieder und konstituiert gleichzeitig dieses Denken mit. Insoweit ist die Geschichte der Bibliothekskataloge immer auch eine Ideologiegeschichte der Bibliothek. Oder anders gesagt: Wie die Medien in einer Bibliothek repräsentiert werden, sagt auch etwas über die Gesellschaft aus, in der diese Bibliothek funktioniert.

Diese Hypothese soll im Folgenden in einem kurzen Abriss dargelegt werden, um nach einer Skizze der Entwicklungen der Bibliothekskataloge danach zu fragen, ob die aktuellen Entwicklungen der Bibliothekskataloge, insbesondere der Framework Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR), in diesem Zusammenhang etwas über die Bibliotheken in der heutigen Gesellschaft aussagen. Einzuschränken ist, dass der Text anhand weniger Beispiele eine historische Tendenz zeigen will, der selbstverständlich immer Einzelfälle entgegengestellt werden können. Es geht um die Tendenz, nicht um eine Bibliotheksgeschichte. [Fn 01] Kataloge (oder, wie wir sehen werden, Pläne des Wissens oder auch Metadaten) werden hier nach Markus Krajewski (Krajewski, 2011) als Maschinen verstanden, die eine Ordnung erzeugen. Als Hintergrund dieses Textes muss die Akteur-Netzwerk-Theorie gesehen werden, die gesellschaftliches Handeln als Handeln unter Einbezug nicht-menschlicher Entitäten beschreibt. Nicht nur der technische Fortschritt verändert den Katalog, auch nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung, sondern der Katalog ist ebenso relevantes Objekt, das diese Entwicklungen selber beeinflusst.

Weiterhin werden Bibliothekskataloge grundsätzlich als Hilfsmittel behandelt, wobei sich im Laufe der Geschichte gewandelt hat, für wen die Kataloge Hilfsmittel darstellen. Ein Katalog wird aber nicht als quasi natürlicher Bestandteil der Bibliothek verstanden, sondern vielmehr als höchst gewähltes und veränderliches Item, welches zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen bestimmten Zweck der Bibliothek zugeordnet wurde. [Fn 02]

Historisch gesehen gingen Bibliotheken von einer Identität von Wissen, Inhalt, Medien und (göttlicher) Ordnung des Wissens aus und spiegelten dies in ihren Katalogen und Räumen wider (Abschnitt 1). In einem weiteren historischen Schritt lösten sie diese Vorstellung von ihren Räumen, zudem säkularisierten sie die Vorstellung der Ordnung des Wissens, gingen aber weiter von einer solchen aus (Abschnitt 2). Zuletzt lösten sie sich von der Vorstellung der klaren Ordnung des Wissens und verstanden den Katalog als eigenständigen Zugang zu Inhalten. Die Ordnung des Wissens in einer Bibliothek wurde mehr vom Inhalt der Medien bestimmt und beeinflussbar gedacht, auch wurde den Nutzerinnen und Nutzern eine grössere Zugänglichkeit eingeräumt (Abschnitt 3). Heute scheinen die Bibliotheken auf eine klare Trennung von Informationen, Wissen und Medien zuzusteuern, wobei die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt des Denkens rücken und gleichzeitig die Idee einer Ordnung des Wissens zu einer Vorstellung von einem Netzwerk von Wissen transformiert wird (Abschnitt 4). Diese Schritte sind in den Katalogen der Bibliotheken repräsentiert. [Fn 03]

Naiv gesprochen sind moderne Bibliothekskataloge – inklusive des sich wandelnden Sprechens über den Katalog, das beim Katalogisieren immer mehr von Metadaten und immer weniger von Katalogisaten und Katalogdaten redet – nicht einfach Umsetzungen des technisch Möglichen, sondern höchst demokratische Repräsentationen, die, wenn sie ernst genommen werden, zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen können. Sie tragen den Tendenzen zur positiv betonten Individualisierung und des gesteuerten Vertrauens in die Nutzerinnen und Nutzer Rechnung und fordern diese zugleich ein. [Fn 04]

1. Wissen als göttliche Ordnung (frühe Neuzeit)

In der Bibliothek am Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit finden wir ein uns heute eher unbekanntes Denken wieder. Die Bibliothek wird als Gesamtheit verstanden, die vor allem dazu da ist, eine Wissensordnung darzustellen. Diese Darstellung durchzieht die gesamte Bibliothek: Die Aufstellung der Bestände, die Einbände der Bücher, die Architektur der Bibliothek, die Position der Bibliothek im Gebäude. Unterstützt wurde dies durch eine durchdachte Figuration von Bibliotheken, die mit Symboliken und Verweisen – insbesondere zur Bibel und zur Antike – arbeiten. Der Katalog, wenn einer existiert, ist Teil dieser Darstellung von Wissensordnung.

Petra Hauke hat dieses Denken anhand des Klosters St. Mang in Füssen – allerdings explizit ohne eine Darstellung des Katalogs – untersucht (Hauke, 2007). In dieser Arbeit zeigt Hauke, dass die Bestände dieser im 17. Jahrhundert errichteten Bibliotheken nicht nach den Informationen, die in ihnen enthalten sind, aufgestellt oder gar erschlossen wurden, sondern nach einem Plan des Wissens. Diese Ordnung des Wissens ergab sich unter Rückgriff auf Wissensordnungen, die als quasi natürlich (oder in diesem Beispiel biblisch fundiert) verstanden wurden. Hauke kann zum Beispiel deshalb aus dem Aufbau ähnlicher Bibliotheken ableiten, welche Thematik die Bestände in heute fehlenden Regalen behandelt haben müssen.

Diese Bibliothek galt nicht als veränderlich. Zwar konnte sie wachsen, konnten Medien hinzukommen; aber ihre Grundstruktur leitete sich aus einer Wissensordnung her, die als unveränderlich angesehen wurde. Mit der Zeit änderte sich der Grund für diese Unveränderbarkeit: war es erst eine göttliche Ordnung, wurde im Laufe der Zeit die Ordnung als natürlich im Sinne der damaligen Naturwissenschaft verstanden. Gemeinsam ist diesen Vorstellungen, dass sich die Ordnung für eine gebildete Person von selbst versteht. Sie entsteht durch Anschauung, also muss sie nicht weiter erklärt werden. Sie muss nicht einmal unbedingt bezeichnet werden.

Dies ist vielleicht noch an den verwendeten Symboliken nachvollziehbar. [Fn 05] In dem von Hauke untersuchten Beispiel finden sich Figuren, die systematisch im Raum aufgestellt sind. Diese Figuren sind nicht bezeichnet, aber sie finden sich in zahlreichen anderen Bibliotheken der damaligen Zeit wieder. Es ist offensichtlich, dass sie Teile des Wissens repräsentieren. Allerdings ist bei einigen von ihnen verloren gegangen, was sie bedeuten. In der damaligen Zeit hielt man es nicht für nötig, dieses Wissen zu explizieren. Es gehörte offenbar zum Wissensbestand der damaligen gebildeten Personen.

Was Hauke herausarbeitet, ist, dass der Raum der von ihr untersuchten Bibliothek (genauer: zwei durch ein Oberlicht verbundene runde Räume, in der obersten Etage Bibliothek, in der unteren Etage das Reflektorium) nicht zufällig ist, aber auch nicht für die Nutzerinnen und Nutzer gedacht wurde. Vielmehr leitet sich der Aufbau des Raumes, die Anordnung von Säulen, Decken, Fenstern, in die Mauer eingelassenen Buchregalen von den Vorstellungen her, die sich von der Aufgabe des Wissens innerhalb der gesamten göttlichen Ordnung gemacht wurde. Der Raum wurde so gestaltet, wie er gestaltet wurde, weil er den Mönchen bei der Verwaltung dieses Wissens innerhalb dieser Ordnung dienen sollte.

Kataloge der damaligen Zeit, auch wenn sie die Wissensordnung anders begründen, fügen sich in dieses Denken ein: Sie sind sehr oft Abbildungen des Raumes, nicht des Bestandes. Zumeist stellen sie den Raum dar, verzeichnen, wo die einzelnen Bestände stehen und visualisieren auf diesem Weg die Wissensordnung erneut. Sie gehen nicht auf die einzelnen Medien im Bestand ein – wenn, dann zählten sie den Bestand als Inventarliste auf, folgten aber auch dann der Aufstellung des Bestandes im Raum. Der Katalog war vor allem ein Hilfsmittel, um Ordnung zu visualisieren, nicht um Medien zu finden. Auch kommt der Nutzer oder – historisch die Ausnahme – die Nutzerin und deren Interessen in dieser Repräsentation von Wissen nicht vor.

2. Der Katalog als feste Ordnung (bis zum 19. Jahrhundert)

Mit Übergängen kommt es bis zum 19. Jahrhundert zu einer ersten radikalen Änderung von Katalogen. Sie entwickeln sich zu einem Hilfsmittel, um die Bestände einer Bibliothek zu erschliessen. Interessanterweise wird dieses Hilfsmittel für die Bibliothekare erstellt. Bibliothekare – wir befinden uns historisch in einer Zeit, in der das weibliche Pendant aus dem Diskurs ausgeschlossen ist – sollen wissen können, was in ihren Bibliotheken steht, teilweise auch in anderen Bibliotheken, und mit diesem Wissen vor allem Forschenden und Besitzern der Bibliotheken helfen.

Der Katalog löst sich vom Raum, genauso, wie die Bibliotheken sich langsam vom Raum gelöst haben. Sie sollen nicht mehr unbedingt eine Wissensordnung repräsentieren; auch wenn dies implizit immer wieder versucht wird. Teilweise können sie als reine Repräsentationsräume wirken. Scott Mandelbrote (2007) beschreibt eine solche Bibliothek in Cambrigde, die lange Zeit ihrer Existenz vor allem deshalb unterhalten wird, weil sie schon da ist und andere Häuser in Cambrigde auch Bibliotheken haben. Genutzt wird sie kaum, es gibt auch keinen richtigen Katalog, vielmehr einige gescheiterte Anläufe zu einem solchen. Interessant ist, dass sich Ordnung hier weder von einem quasi-göttlichen Wissen noch von einem inneren Zusammenhang der Informationen in den Büchern herleitet. (Beziehungsweise: Teilbestände tun dies, aber zumeist, weil sie ausserhalb der Bibliothek so aufgebaut wurden.) Viel wichtiger wird die historische Überlieferung. Nicht, weil die Medien inhaltlich zusammen gehören, sondern weil sie als Sammlung von einer Person herstammen, werden sie zusammen aufgestellt.

Katalogbeispiel 19. Jahrhundert

Abbildung 1: Wille, Jakob (1903) / Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg (Band 2): Die deutschen Pfälzer Handschriften des XVI. und XVII. Jahrhunderts der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg. Mit einem Anhange: Die Handschriften der Batt´schen BibliothekHeidelberg, 1903, Seite: 5 (http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Wille1903/0013, Universitätsbibliothek Heidelberg, CC-BY-NC-SA)

Viele Kataloge, die im 19. Jahrhundert begonnen werden, scheitern vor ihrer Fertigstellung. Krajewski (2011) schildert beispielsweise das mehrjährige Scheitern eines Bibliothekars einen Katalog zu erstellen. Die Kataloge allerdings, die fertig wurden, sind gedruckte Bücher, welche, oft in einer einfachen Ordnung, die vorhandenen Bücher einer Bibliothek aufzählen. Es werden vor allem einfache bibliographische Daten erfasst. Selbstverständlich: Dieser Katalog steht quasi still. Ergänzungen werden in Ergänzungsbänden nachgeliefert, welche nach der Drucklegung des Katalogs angeschaffte Medien verzeichnen. In gewissen Abständen werden neue Kataloge erstellt.

Diese Form des Katalogs galt als Massstab. Krajewski (2011) beschreibt, wie mehrfach zur Erstellung solcher Kataloge der Zettelkatalog quasi erfunden, aber nur zur Vorbereitung des Gesamtskriptes genutzt wurde. Dies ist allerdings kein Versäumnis. Es ist ein Ergebnis des Denkens über Wissen und Bibliotheken. Was gedruckt und fest gebunden war, galt als überlieferungsfähig, Bibliotheken sammelten Überlieferungsfähiges. Der Katalog war ein Hilfsmittel, um dieses Überlieferungsfähige – das wachsen konnte, aber nicht verloren ging – für die befugten Personen darzustellen. Die Nutzer (und einige Nutzerinnen) waren nicht diese Personen. Befugt waren Menschen, die qua wissenschaftlicher Ausbildung Ahnung vom Wissen hatten (man darf auch nicht vergessen, dass Bibliothekare vor allem Wissenschaftler waren, die auf diesen Posten gesetzt wurden) und Aufgaben in der Bibliothek übernahmen.

Was diese Kataloge visualisieren ist ein Wissen, dessen Grundbestand als lange (theoretisch für immer) erhaltenswert galt. Dieses Wissen muss sich nicht mehr als vorgegebene Wissensordnung organisieren. Es muss nicht mehr mit dem Raum korrespondieren, vielmehr gleichen die Kataloge einem Inventar. Sie stellen dar, was da ist und das in einer passenden Form.

3. Der Zettelkatalog als Navigationsmaschine (20. Jahrhundert)

Im 20. Jahrhundert setzen sich die Zettelkataloge (und anschließend, beim Übergang zum 21. Jahrhundert, elektronische Kataloge die – getreu den Maximen von Marshall McLuhan – zunächst einmal die Zettelkataloge reproduzierten) als Navigationsmaschinen durch die Bestände von Bibliotheken durch. Der Maschinenbegriff ist von Markus Krajewski (2011) geborgt, der damit eine veränderte Aufgabenfunktion und Nutzung von Katalogen beschreibt. Der Zettelkatalog ermöglicht es, dass die Kataloge zu flexiblen Repräsentationen der Bestände werden, die zudem mehrere Wissenszugänge schaffen. Zudem bringen sie Wissensordnungen hervor, die teilweise strikt gleichmässig aufgebaut sind, teilweise freier sind; aber alle darauf abzielen, das Wissen der Welt (oder zumindest eines Teils der Welt) zu ordnen und die dazugehörigen Medien in den Bibliotheken greifbar zu machen.

Auch dieser Wandel ist fundamental. Der Katalog wird zu einem Instrument, das für die Nutzerinnen und Nutzer da ist und erst in zweiter Reihe für die Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Der Bestand wird von den einzelnen Medien her gedacht, deren inhaltliche Nähe Ordnung erzeugt. Der Katalog repräsentiert, was an Informationen in den Beständen enthalten ist. Der Raum wird funktional verstanden und hat mit dem Katalog selber nichts zu tun. Auch die Bibliothek selber wird relativ flexibel. Obgleich es praktisch selten getan wird, lassen sich die Aufstellung und die Bestände theoretisch jederzeit umräumen, ohne eine grundsätzliche Ordnung zu gefährden.

Nun besteht der Katalog aus Katalogisaten, die jeweils etwas repräsentieren: Ein Medium oder einen Zugang über die bibliothekarische Ordnung des Wissens. Sicherlich: Die Wissensordnungen, die sich ergeben – also vor allem Klassifikationen und Thesauri –, haben die Angewohnheit, zweidimensional zu funktionieren. (Ranganathans Katalogisierungsregeln wurden ja eher als Anregung wahrgenommen und nicht wirklich umgesetzt.) Es entwickelt sich die Überzeugung, diese Wissensordnung müsse objektiv sein; gleichzeitig wird diese Objektivität immer wieder angezweifelt (Berman, 2008; Hasenstab, 2008). Der Wandel ist nicht unbeachtlich.

Nutzerinnen und Nutzer werden immer mehr als eigenständige Subjekte ernstgenommen, die das Recht haben, auf die Bestände zuzugreifen. Sicherlich auch das mit einigen Entwicklungsschritten (sichtbar insbesondere beim Übergang von der Theken- zur Freihandbibliothek). Aber es wird immer mehr klar, dass die Bibliothek zuvorderst für die Nutzerinnen und Nutzer da ist. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass diese Nutzerinnen und Nutzer nicht frei durch die Bibliothek streunen, sondern innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Die Bibliotheken erhalten gesellschaftliche Aufträge (in Diktaturen expliziter als in freien Gesellschaften, aber der Anspruch an die Volksbildung durch Bibliotheken wird auch in Demokratien nur sehr langsam leiser), gleichzeitig werden die Rahmen der Bibliotheksnutzung immer genauer exemplifiziert.

Beispiel Zettelkatalog

Abbildung 2: Zettelkatalog (Schlagwort) an der Universitätsbibliothek Graz. Ein Werk Schleimers in dem von ihm begründeten Katalog. Karteikarten mit alphabetisch geordneten Deskriptoren. Karteikarten in einem Schlagwortkatalog. Schlagwortkatalog 1926-93 der Universitätsbibliothek Graz. (Dr. Marcus Gossler, CC-BY-SA 3.0, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Schlagwortkatalog.jpg&filetimestamp=20051229083514)

Innerhalb dieser Entwicklung setzt sich der Katalog in seiner Form als Zettelkatalog in fast allen Bibliotheken durch. Eine Bibliothek hat einen Katalog. (So, wie früher eine Bibliothek Statuen mit Hinweisen auf die göttliche Wissensordnung besass.) Dies ist kein Zufall. Die (begrenzte) Öffnung der Bibliotheken und die Verbreitung des Zettelkatalogs regulieren sich gegenseitig. Die für die Nutzenden offene Bibliothek erfordert ein Hilfsmittel zum Erschliessen der Bestände (so die Theorie, wichtig allerdings: Nutzende haben sich auch immer anders in der Bibliothek bewegt); ein Zettelkatalog (zumal nachdem sich Katalogisierungsregeln etabliert hatten) erfordert eine für Nutzende offene Bibliothek – ansonsten wäre er ja nicht notwendig.

4. Der Katalog als Metadaten, das Wissen als Ontologie (nahe Zukunft)

Wir stehen nun mitten im nächsten Wandel. Er wird aller Voraussicht nach ähnlich radikal sein, wie der Zettelkatalog gegenüber früheren Katalogen. Schauen wir einmal in die nahe (und wahrscheinliche) Zukunft: Katalogisate werden immer mehr als besondere Form von Metadaten verstanden, die ähnlich funktionieren, wie andere Metadaten (Dilger & Thompson, 2008). Diese Metadaten werden von Repräsentationen von Medien immer mehr zu Knoten in Netzen von Verweisen. Nicht mehr die Katalogisierung eines vorhandenen Exemplars und die Einordnung in einen (zweidimensionalen) Wissenskosmos, sondern die gesteuerte Verbindung von Daten in einem Metadatensatz scheint zur kommenden Aufgabe von Katalogisierenden zu werden. Wie dies genau aussehen wird, welche Qualität die Katalogisierenden produzieren werden, das muss sich noch zeigen (Groman, 2011).

Die Medien in den Bibliotheken werden bekanntlich immer weiter zu Teilen eines wachsenden Medienbestandes. Auch das Wissen wird anders erschlossen. Nicht mehr die zweidimensionalen Klassifikationen und Thesauri, sondern die dreidimensional Beziehungen visualisierenden Ontologien werden zur Darstellung von Wissen benutzt. Und wieder erscheint dies vollkommen logisch. Das Wissen scheint vernetzt zu sein, also ist die Ontologie die richtige Form, es zu erfassen oder sich zumindest der Erfassung anzunähern. [Fn 06]

FRBR

Abbildung 3: Jakob Voss (2007) / Basic Group 1 entities and relations of the FRBR model (RDF version) (GNU Free Documentation License 1.2, en.m.wikipedia.org/wiki/File:FRBR-Group-1-entities-and-basic-relations.svg)

Der Raum der Bibliothek, die Bibliothek selber, die Bestände stehen unter dem Impetus des Nutzenden. Der traditionelle Anspruch (Volksbildung) ist dabei, leise zu sterben. Letztlich repräsentiert der Katalog mehr und mehr eine Schnittstelle im Semantic Web, die zu den Medien einer Bibliothek, aber teilweise auch schon andersherum, von den Medien einer Bibliothek zu weiteren Quellen verweist. Gleichzeitig hat sich über mehrere Zwischenschritte des kooperativen Katalogisierens eine Praxis des vernetzten Katalogisierens etabliert, teilweise unter der Hand, wenn Fremddaten ungesehen übernommen werden, teilweise explizit.

Auch dies passiert nicht einfach nebeneinander. Die Stellung der Bibliothek zu den Nutzerinnen und Nutzern ändert sich, während sich der Katalog ändert.

5. FRBR und die Nutzerinnen und Nutzer (Schluss)

„Alles, was man denken kann, kann man auch ändern.“ (Merz & Seeßlen, 2011, S. 772)

Der Katalog wird gemeinhin als Repräsentation von Wissen und als Hilfsmittel zur Erschliessung des Bibliotheksbestandes verstanden. Der vorliegende Text sollte zeigen, dass dies kein natürlicher Zusammenhang ist, sondern eine Vorstellung von der Aufgabe des Katalogs, die in einem bestimmten historischen Moment auftritt. Mit diesem Auftreten verbunden sind andere Veränderungen. Der Einfachheit halber wurde in diesem Text auf die Bibliotheken selber fokussiert, aber leicht kann sich zu den beschriebenen Veränderungen die Transformationen der jeweils zeitgenössischen Gesellschaften hinzugedacht werden.

Wichtig sind hier zwei Dinge: Die Veränderung des Katalogs war immer verbunden mit einer Veränderung in den Bibliotheken selber, im Denken über Nutzerinnen und Nutzer, Bestände, die Ordnung des Wissens, den Raum der Bibliothek. Es ist nicht alleine die technische Entwicklung, [Fn 07] die sich in der Transformation von Katalogen (und der dazugehörigen Katalogpraxis, die in diesem Text auch verschwiegen wurde) niederschlagen. Der Katalog ist kein kontextloses Werkzeug. Es ist vielmehr offenbar Teil und Triebkraft von Entwicklungen. [Fn 08]

  Frühe Neuzeit Gedruckte Kataloge Zettelkataloge Der Katalog als Metadaten
Katalogform   Buch Zettelkatalog Metadaten, angereichert
Aufgabe des Katalogs Wissensordnung darstellen Hilfsmittel für Bibliothekare Hilfsmittel für Nutzerinnen und Nutzer sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare Knoten im Semantic Web
Vorbilder des Katalogs Architektur und Register Buch eigenständig, selber Vorbild für andere Ordnungssysteme Semantiv Web
Wissensordnung Fest, unveränderlich (für alle verständlich) Fest Klassifikationen, Thesauri (zweidimensional) Ontologien (Beziehungen, dreidimensional)
Bezug von einzelnen Medien und Katalog Selten gesondert wahrgenommen, Teil der Ordnung Selten gesondert wahrgenommen, Teil der Ordnung Die Katalogisate repräsentieren genau die vorhandenen Medien Das Einzelmedium ist ein Punkt im Netz der Metadaten
Stellung der Nutzerinnen und Nutzer zur Bibliothek     Gelenkte Freiheit Möglichst grosse Freiheit, Grund der Bibliothek
Bedeutung des Raums im Bezug auf den Katalog Integraler Bestandteil der Bibliothek und Katalogsordnung Eine Grundlage für die Ordnung des Katalogs    
Bedeutung des Katalogs für die Bibliothek Möglich, aber nicht notwendig Möglich, nicht notwendig. Teilweise Prestigeobjekt Quasi Synonym: Eine Bibliothek hat einen Katalog Noch unausgehandelt. Mögliche Entwicklung: Bibliothek ist über einen oder mehrere Metakataloge erreichbar. Eventuell Funktionsdifferenzierung zwischen Bibliothek und Katalog.

Tabelle 1: Übersicht der grundlegenden Entwicklungen, die im Text angesprochen wurden

In weitergehenden Studien wäre dieser Zusammenhang genauer auszuloten, indem die Veränderungen und ihr Zusammenhang genauer untersucht werden. Für den ersten Test aber kann gesagt werden, dass sich die These von der Kontexthaftigkeit von Bibliothekskatalogen zu bestätigen scheint.

Stimmt man dem zu, muss man sich allerdings fragen, was gerade mit den Katalogen passiert. Wagt man einen Blick dazu in die Functional Requirements for Bibliographic Records (IFLA Study Group on the Functional Requirements for Bibliographic Records, 2009), welche die nächste Generation von Katalogisierungsregeln und Katalogen grundlegend bestimmen werden, dann ist die Aussage sehr einfach. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen zum Bezugspunkt der Katalogarbeit werden. Die Katalogisate – oder halt die bibliothekarischen Metadaten – sollen in einem Framework erstellt werden, das sich mehr dem Denken der Nutzerinnen und Nutzer angleicht, als dem Inhalt der Medien. Zudem werden die einzelnen Medien und deren Inhalt direkt voneinander getrennt. Das einzelne Buch gilt zukünftig als Ausführung eines Werkes und steht mit diesem in Beziehung. Warum? Weil die Nutzerinnen und Nutzer so denken, aber auch weil so die kooperative Katalogisierung besser funktionieren soll.

Es geht hier nicht darum, ob dies zu kritisieren wäre (siehe dafür Sanchez, 2011). Es soll hier festgehalten werden, dass auch die FRBR als Punkt in einem Netzwerk wirken. Sie sind verbunden mit einer weiteren Ermächtigung der Nutzerinnen und Nutzern gegenüber den Bibliotheken, die offenbar einhergeht mit einer Neufassung des Katalogbegriffes. [Fn 09] Diese Einschreibung lässt sich auch umkehren: Die Individualisierung der Nutzerinnen und Nutzer lässt sich mit FRBR-konformen Regelwerken realisieren. Ist diese Individualisierung anzustreben? Das ist eine andere Frage. [Fn 10] So oder so aber ist das Regelwerk offenbar keine reine Beschreibung zur Abbildung von Medien und Visualisierung von Wissen. Es ist Teil eines gesellschaftlichen Diskurses. Oder noch einmal anders: Wie und wozu katalogisiert wird und Kataloge verwendet werden, ist immer auch eine politische Frage.


Fußnoten

[01] Zudem muss eingeschränkt werden, dass wir uns hier vor allem auf die Entwicklungen in Europa konzentrieren und andere Weltregionen ausser Acht lassen. [zurück]

[02] Dies beinhaltet immer auch die theoretische Möglichkeit, dass Bibliotheken Kataloge nicht unbedingt benötigen. Das mag irritieren, wenn man das Katalogisieren weiterhin als Hauptarbeit einer Bibliothek versteht; aber selbstverständlich ist diese Möglichkeit nicht nur theoretisch, sondern wird von zwei Seiten bestätigt. Es gibt kleine Bibliotheken, die ohne Katalog auskommen; teilweise weil es keinen gibt (hier sind viele Schulbibliotheken zu nennen) oder weil es jemand gibt, der ohne Katalog besser durch die Bestände navigieren kann (hier gibt es auch zahlreiche historische Beispiele). Gleichzeitig ist die im FRBR dargelegte Struktur für zukünftige Katalog so radikal anders, dass zu Recht gefragt wurde, ob der Beruf der Katalogisiererin oder des Katalogisierers in wenigen Jahren noch der sein wird, der er heute noch ist oder ob er nicht auch umbenannt werden müsste, wobei „Metadata Librarian“ immer wieder als Vorschlag für diese Umbenennung genannt wird. (Gorman, 2011; Sanchez, 2011). [zurück]

[03] Ähnliches liesse sich wohl über die Räume der Bibliotheken sagen. Zwar lösten sich nach der ersten hier beschriebenen Phase die enge Verbindung zwischen der Ordnung des Wissens und dem Raum der Bibliotheken auf, dennoch lässt selbstverständlich die Gestaltung von Bibliotheken Rückschlüsse auf die Vorstellung von ihrer „richtigen“ Nutzung ebenso zu, wie sie auf die tatsächliche Nutzung gewirkt hat. [zurück]

[04] Gleichwohl ist auch bei dieser gesellschaftlichen Entwicklung nicht nur von positiven Ergebnissen auszugehen. Sie bringt Probleme mit sich, nicht umsonst wird sie von Markus Metz und Georg Seeßlen als Postdemokratie – einem System, dass sich aktiv weigert, von sich selber und seinem Funktionieren zu wissen – beschrieben (Metz & Seeßlen, 2011). Selbstverständlich ist auch das kein Endpunkt der Geschichte. [zurück]

[05] Hauke spricht genauer von Bibliotheksikonographie. [zurück]

[06] Genauso, wie es lange logisch erschien, dass Wissen in zweidimensional gedachten Ordnungen repräsentiert wird. Oder zuvor, dass Wissen eine innere Ordnung hat, die nur noch durch das Studium der Natur oder der religiösen Texte erkannt werden muss. [zurück]

[07] Was nicht heisst, dass er nicht als technische Entwicklung dargestellt werden kann. Vgl. Abbas (2010), wo allerdings – obgleich die Autorin für Studierende der Library and Information Science schreibt – auch der Katalog als eine mögliche Wissensrepräsentation beschrieben wird, neben der zahlreiche andere existieren. [zurück]

[08] Noch einmal einen Verweis zu Krajewski (2011) der berechtigt fragt, wieso der Zettelkatalog, obgleich mehrfach zuvor entworfen oder auch umgesetzt, erst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Durchbruch erlebt. Während Krajewski nicht zu Unrecht auf die Entwicklungen der Industrie und Bürokratien verweist, drängt sich die Antwort „Gesellschaft“ selbstverständlich immer mit auf. [zurück]

[09] Es wurde in diesem Text immer wieder auf den Raum Bibliothek verwiesen, weil sich an diesem etwas weiteres verdeutlicht. Einst galt der Raum als integraler Teil der Bibliothek, dann entwickelte er sich immer mehr von diesem Zusammenhang fort. Sicherlich wurde und wird er weiter thematisiert, er hat als „dritter Ort“ sogar neu an Bedeutung gewinnen. Aber diese Thematisierung hat einen gänzlich anderen Fokus. Der Raum ist nicht mehr die Bibliothek, er wird den Aufgaben der Bibliothek und der Inanspruchnahme durch die Nutzerinnen und Nutzer untergeordnet. Nur, weil historisch ein Zusammenhang besteht und sinnvoll erscheint, heisst dies nicht, dass dieser Zusammenhang zu einem späteren historischen Zeitpunkt als ebenso selbsterklärend gelten muss. Diese Aussage erscheint banal, bezogen auf Kataloge heisst sie aber, dass der enge Zusammenhang von Katalog und Bibliothek, wie er zu Zeiten des Zettelkatalogs existierte, nicht unbedingt für alle Zeiten bestehen muss. [zurück]

[10] Zumal es immer um die Qualität und Zielrichtung der Individualisierung geht. Vgl. Metz & Seeßlen, 2011. [zurück]


Literatur

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Karsten Schuldt Dr. phil. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur. Lebt und arbeitet in Chur und Berlin.