> > > LIBREAS. Library Ideas # 21

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LIBREAS Fashion: Muster und Folklore. Ivana Jovics anziehende Statistikdiagramme

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Zitiervorschlag
Ivana Jovic, Ben Kaden, "LIBREAS Fashion: Muster und Folklore. Ivana Jovics anziehende Statistikdiagramme". LIBREAS. Library Ideas, 21 ().


Die Arbeit der Designerin Ivana Jovic zeigt – buchstäblich – mustergültig, wie vieldeutig die Anwendungsmöglichkeiten der Informationsvisualisierung sein können. Sie verknüpft eine faktische Dimension mit einer ästhetischen Traditionslinie, die selbst wiederum als Träger bestimmter Information entstanden war und nun in neuer Form als Fashionstatement interpretiert wird. Statistische Angaben zur Demographie Europas treffen auf osteuropäische Ornamentik. Der kalte Blick der Diagramme wird in die vielfältige Formensprache der Volkskunst eingebettet. Und im Ergebnis – als nächste Stufe – zu einer straßen- und volksparktauglichen Mode weiterentwickelt.

Die von ihr aufgegriffenen Muster mittel- und osteuropäischer Folklore signalisierten in ihren Verwendungsgebieten ziemlich genau, aus welchem Ort der oder die Träger stammten und welchen sozialen Rang innerhalb ihrer Gemeinschaft sie einnahmen.

In der Gegenwart entdeckt man eine Abwandlung dieses eindeutigen Verfahrens nach wie vor im Uniformbereich und bei den ledernen Vereinsjacken diverser Motorradgruppierungen. In der Alltagskleidung spielt eine solche Explizierung dagegen kaum mehr eine Rolle, wogegen eine feingliedrige Verästelung von Stilformen und Moden dazu führt, dass sich die natürlich nach wie vor in der Kleidung verankerten Codes analog zu den vielgestaltigen Rollenoptionen der Gegenwart zu einer nahezu unendlichen Verknüpfbarkeit zusammenfinden und gerade Großstadtwanderungen diesbezüglich zu einem Besuch auf einem semiologischen Abenteuerspielplatz werden lassen. Nur selten jedoch repräsentieren die Träger schmalgeschnittener hellgrüner Jeans, über denen ein verwaschenes Streifenhemd eines englischen Labels flattert, in dessen Knopfleiste eine teure schwarzgerahmte italienische Sonnenbrille schunkelt, damit ihr Heimatdorf. Jedenfalls nicht freiwillig. (Eher noch, wohin überall sie aus ihrer Heimat schon entflohen.) Ihnen geht es mehr um das nonchalante Zurschaustellen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Lebensstilwelt, die global relativ ähnlich gestrickt ist.

Trikotagen, wie die von Ivana Jovic gestalteten, drehen diese Schraube dank der Mehrfachcodierung sogar noch etwas über das übliche Maß hinaus und erlauben zugleich eine symbolische Rückbindung an die Herkunftsnation, die peinliche Flaggenbekenntnisse leichthändig umschifft.

Man kann die T-Shirts natürlich rein funktional tragen, als Referenz an osteuropäische Kulturtraditionen, als Bekenntnis zu Europa oder als nerdistisches Eingeständnis einer Freude am Informationsdesign. Das Präskriptions- und Transkriptionspotential ist also ungemein hoch und auch innerhalb der Kollektion differenziert. So schreibt Ivana Jovic im Begleittext zu den Materialien:

„Jedes Muster ist anhand einer Legende und eines Schlüssels decodierbar und visualisiert zum Beispiel eine Statistik der Bevölkerung Deutschlands. Ein Deutscher kann sich nun mit diesem Muster identifizieren – es zeigt seine Herkunft. Das Besondere an diesem Konzept ist die Skalierbarkeit der Ausgangsparameter. Es werden Statistiken visualisiert, die ganz Europa, nur die EU oder aber nur bestimmte Länder, vor allem Deutschland, betreffen. […] [Die Träger] können sich dann die Muster aussuchen, die sie am meisten bewegen oder mit denen sie sich identifizieren können. Somit kann das Innere nach Außen getragen werden – ähnlich wie damals zu Zeiten der Volkskunst und der Trachten.“

Und selbst die Bezeichnung des Projekts – einer Bachelorarbeit am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Pforzheim – erweist sich als doppelseitige Angelegenheit:

„Mein Vorhaben ist es ein Label mit dem Namen Mustervolk zu kreieren. Der Name ist einerseits die Umkehrung des Wortes Volksmuster und spielt andererseits auf die visualisierten Daten an, die zeigen, welches Volk in welchen Kategorien die Nase vorne hat.“

So verbinden sich Völkerverständigung, Völkerwettstreit, Ab- und Ausgrenzungen mit individuellen Ausdeutungen in einem Textildruck, und auch wenn es derzeit nur T-Shirts und Tragetaschen gibt, sollte ein tatsächlich aktives Label unbedingt über eine Krawattenlinie und einen Flagshipstore in Brüssel nachdenken. Denn es dürfte wohl kaum einen europäischen Parlamentarier geben, der sich dieser äußerst gelungenen Kombinatorik von diversen Ansätzen entziehen könnte.

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk

Mustervolk


Ivana Jovic: Während meines Studiums der Visuellen Kommunikation habe ich meine Leidenschaft entdeckt, Design als Mittel der Informations- und Bildungskommunikation anzuwenden. Die Wirkung von konzeptioneller, zielgruppengerechter Gestaltung von Informationen fasziniert mich immer wieder. Grafikdesign ist für mich immer dann gut, wenn es den Inhalt spannend und verständlich transportiert und dabei einer entschlossenen und nachvollziehbaren Gestaltung folgt. Im besten Fall ist Design der Schlüssel dazu, komplexe Zusammenhänge und abstrakte Daten auf einen Blick visuell erfassbar zu machen. Das Ziel meiner Arbeit als Designerin ist es also, dem Betrachter durch visuelle Aufbereitung einen einfachen Zugang zu Informationen zu ermöglichen und durch schlüssige Konzepte über die rein ästhetische Wirkung von Design hinaus zu gestalten.