> > > LIBREAS. Library Ideas # 20

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Ein Standardwerk für Historiker im digitalen Zeitalter. Rezension zu: Klaus Gantert (2011): Elektronische Informationsressourcen für Historiker (= Bibliotheks- und Informationspraxis ; 43). Berlin ; Boston MA : De Gruyter Saur. IX, 428 S., ISBN 978-3-11-023497-8 (gebunden), 978-3-11-023498-5 (E-Book), 59,95 €


Zitiervorschlag
Stefan Wiederkehr, "Ein Standardwerk für Historiker im digitalen Zeitalter. Rezension zu: Klaus Gantert (2011): Elektronische Informationsressourcen für Historiker (= Bibliotheks- und Informationspraxis ; 43). Berlin ; Boston MA : De Gruyter Saur. IX, 428 S., ISBN 978-3-11-023497-8 (gebunden), 978-3-11-023498-5 (E-Book), 59,95 €". LIBREAS. Library Ideas, 20 ().


Der zu besprechende Band bietet als erstes umfassendes Werk dieser Art einen Überblick über die wichtigsten Gattungen und Typen elektronischer Informationsressourcen für Historiker. Klaus Gantert schließt damit eine gravierende Lücke und stellt sowohl Fachwissenschaftlern als auch Bibliothekaren ein außerordentlich nützliches Hilfsmittel zur Verfügung. Da es das Ziel des Autors ist, nicht nur die geschichtswissenschaftlichen im engeren Sinne, sondern die für Historiker relevanten Ressourcen zusammenzustellen, bezieht er auch allgemeine und fächerübergreifende Angebote wie beispielsweise die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB), das Datenbank-Infosystem (DBIS) oder die Digitale Bibliothek deutscher Drucke des 18. Jahrhunderts (VD 18) in seine Darstellung mit ein.

In 14 Hauptkapiteln beschreibt Gantert zunächst für die Geschichtswissenschaft relevante Datenbanken, lokale Fachportale und elektronische Einführungen. Daran schließt sich die Darstellung von Bibliothekskatalogen, Bibliografien, elektronischen Angeboten im Bereich der Zeitschriftenliteratur, E-Books und Digitalen Bibliotheken an. Weitere Abschnitte sind den Fachportalen und Virtuellen Fachbibliotheken, den Nachschlagewerken, den handschriftlichen Quellenmaterialien, den Informationsressourcen der Historischen Hilfswissenschaften und den Angeboten im Internet, die mit Hilfe von Suchmaschinen und Webkatalogen auffindbar sind, gewidmet. Betrachtungen zum Themenfeld Geschichte in den Massenmedien sowie zu Rezensionsdiensten und neuen Medien der wissenschaftlichen Kommunikation runden den Überblick ab. Der Schwerpunkt liegt auf der objektiven Beschreibung des jeweiligen Ressourcentyps und der neuen Möglichkeiten, die elektronische Angebote im Vergleich mit konventionell-gedruckten bieten. Dazu kommt die exemplarische Darstellung ausgewählter elektronischer Ressourcen des jeweiligen Typs (mit einer gewissen Präferenz für Angebote aus Deutschland und zur deutschen Geschichte). Auf diese Weise erhält der Band Handbuchcharakter und ist auch als Nachschlagewerk benutzbar.

Es kann nicht der Sinn dieser Rezension sein, die bei Gantert bereits dicht gedrängte Information weiter zu kondensieren oder aus seiner Auswahl der wichtigsten Angebote einzelne Beispiele hervorzuheben. Vielmehr sollen einige grundsätzliche Punkte angesprochen werden. Dazu gehört zu allererst, dass Gantert sich nicht auf Open Access- Ressourcen beschränkt, sondern kostenfreie und lizenzpflichtige Angebote bewusst gleichwertig behandelt (S. 6).

Aus Sicht des Historikers ist hervorzuheben, dass Gantert keine Verengung auf die Neuzeit oder gar die Zeitgeschichte vornimmt, sondern den weiter zurückliegenden Epochen und den für ihre Erforschung notwendigen Quellen und Hilfsmitteln breiten Platz einräumt. Die Abschnitte zu digital verfügbaren mittelalterlichen Handschriften, zu den elektronischen Nachweissystemen für Nachlässe und Autografen sowie generell zur sprunghaft verbesserten Nachweissituation für archivalische Quellen aufgrund elektronischer, orts- und zeitunabhängig zugänglicher Findmittel führen besonders eindrücklich die Vorteile elektronischer Informationsressourcen vor Augen. Auch bei den Wörterbüchern finden ältere Sprachstände und „tote” Sprachen starke Berücksichtigung. Die Angebote im Bereich der Historischen Hilfswissenschaften werden breit und derart kompetent vorgestellt, dass es wohl ein bloßer Tippfehler ist, wenn die Phaleristik als „Falleristik” (S. 289) daherkommt.

Eine der Stärken des Bandes liegt in der breiten Beschäftigung mit Angeboten für die Alte Geschichte (im Kontext einer interdisziplinär gefassten Altertumswissenschaft) und für die Mediävistik. Damit der Band sein Potential, zum Klassiker zu werden, voll ausschöpfen kann, sollten in künftigen Auflagen allerdings die Abschnitte zu den spezifisch modernen Quellentypen (Fotografie, Film, Tondokumente, Multimediaanwendungen usw.) ausgebaut und auf das Niveau der traditionellen Hilfswissenschaften gehoben werden.

Ein Desiderat bleibt nach der Lektüre des Bandes denn auch weiterhin ein „Werkzeug des Historikers” [Fn 1] für den Umgang mit genuin digitalen Quellen, das heißt ein hilfswissenschaftliches Rüstzeug für die Arbeit mit spezifischen Textsorten des elektronischen Zeitalters wie E-Mail und SMS oder für die Bewertung der Authentizität digitaler Fotografien, um nur zwei Beispiele zu nennen. [Fn 2] Dies ist in der jetzigen Anlage des Bandes nicht vorgesehen, wäre aber, insbesondere nach den einleitenden Überlegungen Ganterts zu Informationsüberflutung und Informationskompetenz, wozu er die „Fähigkeit, Informationen und Informationsressourcen zu bewerten und auszuwählen sowie die eigene Informationsrecherche kritisch zu überprüfen” (S. 4) zählt, eine durchaus sinnvolle und nützliche Erweiterung des Konzepts.

Die Abschnitte und Exkurse zu den Grundfunktionalitäten von Datenbanken (Suchschlüssel, Boolesche Operatoren, Trunkierung usw.), zur Benutzung von Literaturverwaltungsprogrammen, zur Zitationsanalyse, zu den Grenzen der gängigen Suchmaschinen bei der Indexierung des deep web und die Erklärungen zur Struktur des deutschen Bibliothekswesens dürften dem Bibliothekar wenig Neues vermitteln, sind aber für den interessierten Fachhistoriker sehr instruktiv.

Auch aus bibliothekarischer Sicht stellt der Band ein unverzichtbares Nachschlagewerk dar, das die wichtigsten Ressourcen an einer Stelle bündelt und konzis darstellt, wovon in der Berufspraxis insbesondere die Auskunft und die Fachreferenten profitieren werden. Was bei der zielgerichteten Benutzung des Bandes im Hinblick auf eine konkrete Frage weniger deutlich hervortritt als bei der Gesamtlektüre, ist die Tatsache, dass die behandelten Ressourcen – soweit sinnvoll – gemäß einem einheitlichen, aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft stammenden Kriterienkatalog bewertet werden. Das nicht explizit ausgeführte Bewertungsschema umfasst unter anderem folgende Kriterien:

  • Vielfalt der Recherchezugriffe (inkl. Suchhistorie, Speicherung von Suchen, Alert-Dienste)
  • Ein- oder Mehrsprachigkeit der Suchoberfläche
  • Möglichkeit der Eingabe nicht-lateinischer Schriften und gattungsspezifischer Sonderzeichen, Behandlung von Umlauten und diakritischen Zeichen
  • Zugriff nur auf Metadaten, auf Imagescans oder auf durchsuchbare Volltexte (in der Ressource selbst oder kontextsensitive Verlinkung)
  • Möglichkeit des Exports von (Meta-)Daten

Die Schwächen eines Angebots lassen sich in der Regel nicht durch eine explizite Aussage Ganterts, sondern nur bei aufmerksamer Lektüre an der Auslassung erkennen: Fehlt die Beschreibung einer bestimmten Funktionalität, so ist dies dahingehend zu interpretieren, dass diese Funktionalität im beschriebenen Angebot nicht existiert, während die Beschreibung einer Funktionalität als eingeschränkt gleichzeitig deren Vorhandensein nachweist. Erst die vergleichende Lektüre des gesamten Bandes bringt daher die spezifischen Stärken und Schwächen konkreter Ressourcen im Vergleich zu anderen an den Tag. Da der Band seiner Zielsetzung entsprechend kaum Thesen und explizite Wertungen des Autors enthält, sticht das pointierte, bibliothekspolitisch brisante Urteil über die Virtuellen Fachbibliotheken umso mehr ins Auge: „Trotz der umfangreichen und qualitativ sehr guten Angebote von historicum.net und Clio-Online bleibt für den Nutzer hier weiterhin die etwas unbefriedigende Situation, nicht wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen eine einzige Virtuelle Fachbibliothek vorzufinden, sondern auf zwei – durchaus konkurrierende – Fachportale zugreifen zu müssen” (S. 212).

Auch die Typologie der Ressourcen insgesamt orientiert sich an den Standards der Bibliotheks- und Informationswissenschaften, wobei die Grenzen der einzelnen Typen unscharf und durchlässig sind. So sind elektronische Wörterbücher für Griechisch und Latein (Kap. X: Nachschlagewerke) in die Perseus Digital Library (Kap. VII: Digitale Bibliotheken) integriert. Die Module von Fachportalen und Virtuellen Fachbibliotheken (Kap. IX) bestehen überwiegend aus Ressourcen, die in den übrigen Kapiteln als eigenständige Ressourcentypen beschrieben werden.

Hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Aufkommen des elektronischen Rezensionswesens und der dynamischen Entwicklung der Kommunikationsplattformen greift Gantert das Thema Web 2.0 kurz auf und streift die grundlegenden Veränderungen, die das geschichtswissenschaftliche Arbeiten der nächsten Generation – etwa in Form des kollaborativen Schreibens oder durch die Realisierung von Virtuellen Forschungsumgebungen – prägen werden. [Fn 3] Insgesamt überwiegt in dem Band jedoch die Darstellung von Ressourcen, die an gedruckte Publikationen anknüpfen, nun aber als elektronisches Duplikat um zusätzliche Funktionalitäten ergänzt – ggf. vorbehältlich Lizenzierung – ohne zeitliche und räumliche Einschränkung für die Forscher zugänglich geworden sind. Ziel des Bandes ist es nicht, über den Strukturwandel der historischen Forschung im digitalen Zeitalter zu reflektieren und diesen zu analysieren. Vielmehr wird er die Veränderung des Forschungsalltags beschleunigen, weil auch weniger IT-affine Historiker dank diesem durch mehrere Register erschlossenen praxisnahen Überblick die für sie relevanten elektronischen Ressourcen rasch auffinden und häufiger nutzen werden.

Der Verfasser hat ein Standardwerk vorgelegt, dem regelmäßig aktualisierte Neuauflagen zu wünschen sind, wenn nicht gar eine Online-Publikation in der Form, dass „man dem raschen Veralten der Inhalte effektiv begegnen” (S. 225) kann.


Fußnoten

[1] Ahasver von Brandt (2007): Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, 17. Aufl. (= Urban-Taschenbücher ; 33). Stuttgart u.a. : Kohlhammer. [zurück]

[2] Zur Einführung in die Problematik vgl. Eva Pflanzelter (2010): Von der Quellenkritik zum kritischen Umgang mit digitalen Ressourcen. In: Martin Gasteiner/Peter Haber, Hg. (2010): Digitale Arbeitstechniken für Geistes- und Kulturwissenschaften (= UTB ; 3157). Wien u.a. : Böhlau, S. 39-49; Rainer Hering (2011): Digitale Quellen und historische Forschung. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 62, H. 11-12, S. 705-712. [zurück]

[3] Vgl. hierzu Martin Gasteiner/Peter Haber, Hg. (2010): Digitale Arbeitstechniken für Geistes- und Kulturwissenschaften (= UTB ; 3157). Wien u.a. : Böhlau; Wolfgang Schmale (2010): Digitale Geschichtswissenschaft. Wien u.a. : Böhlau; Peter Haber (2011): Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter. München : Oldenbourg. [zurück]


Stefan Wiederkehr Dr. phil., hat Geschichte, Russische Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Philosophie in Zürich studiert. Seit 2009 ist er Leiter der Akademiebibliothek und Arbeitsstellenleiter des Akademienvorhabens „Jahresberichte für deutsche Geschichte” an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.